Auf frischer Tat - Johan Harstad - E-Book

Auf frischer Tat E-Book

Johan Harstad

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Beschreibung

Frode Brandeggen, ambitionierter Schriftsteller, von dessen zweitausendseitigem Debüt leider weniger Exemplare verkauft wurden, als der Mensch Finger hat, wendet sich enttäuscht von der Avantgardeliteratur ab und beschließt, fortan Kriminalromane für Leute zu schreiben, die Krimis lieben, aber das Lesen hassen. Seine Geschichten um den genialen Ermittler Frisch sind daher ausgesprochen kurz, einmal reichen dem Meisterdetektiv vier Wörter, um einen Fall zu lösen. Denn Frisch hat die Gabe, immer rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn ein Verbrechen begangen wird. Im Anschluss an die fünfzehn Minikrimis um den Blitzdetektiv erkundet Bruno Aigner, (fiktiver) Literaturwissenschaftler aus Dresden und Brandeggen in Freundschaft verbunden, voller Enthusiasmus für Frisch und seinen Schöpfer wort- und fußnotenreich dessen Werk.  Johan Harstads neuer Roman ist ein großes parodistisches Spiel, das in der lächerlichen Überspitzung ganz ernsthafte Fragen zu Literatur und Literaturbetrieb stellt. Und dabei ist «Auf frischer Tat» vor allem eins: ein großes Lesevergnügen.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Johan Harstad

Auf frischer Tat

Gesammelte Werke – Kommentierte Ausgabe

Roman

 

 

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

 

Über dieses Buch

Frode Brandeggen, ambitionierter Schriftsteller, von dessen zweitausendseitigem Debüt leider weniger Exemplare verkauft wurden, als der Mensch Finger hat, wendet sich enttäuscht von der Avantgardeliteratur ab und beschließt, fortan Kriminalromane für Leute zu schreiben, die Krimis lieben, aber das Lesen hassen. Seine Geschichten um den genialen Ermittler Frisch sind daher ausgesprochen kurz, einmal reichen dem Meisterdetektiv vier Wörter, um einen Fall zu lösen. Denn Frisch hat die Gabe, immer rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn ein Verbrechen begangen wird. Im Anschluss an die fünfzehn Minikrimis um den Blitzdetektiv erkundet Bruno Aigner, (fiktiver) Literaturwissenschaftler aus Dresden und Brandeggen in Freundschaft verbunden, voller Enthusiasmus für Frisch und seinen Schöpfer wort- und fußnotenreich dessen Werk.

 

Johan Harstads neuer Roman ist ein großes parodistisches Spiel, das in der lächerlichen Überspitzung ganz ernsthafte Fragen zu Literatur und Literaturbetrieb stellt. Und dabei ist «Auf frischer Tat» vor allem eins: ein großes Lesevergnügen.

Vita

Johan Harstad, geboren 1979 in Stavanger, ist eine der profiliertesten Stimmen der skandinavischen Literatur. Sein Roman «Max, Mischa und die Tet-Offensive» sorgte sowohl in Norwegen als auch international für Furore. Harstad wurde für sein Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Bragepris, dem Ibsenpris, dem Hungerpris und dem Aschehougpris. Er lebt in Oslo.

 

Ursel Allenstein, 1978 geboren, übersetzt u.a. Sara Stridsberg, Kjersti Skomsvold und Christina Hesselholdt. Für ihre Übersetzungen aus den skandinavischen Sprachen erhielt sie 2011 und 2020 den Hamburger Förderpreis, 2013 den Förderpreis der Kunststiftung NRW und 2019 den Jane Scatcherd-Preis.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel «Ferskenen» bei Gyldendal Norsk Forlag AS, Oslo.

 

Die Übersetzung wurde von NORLA, Norwegian Literature Abroad, gefördert.

 

Basierend auf einer Idee von Arild Østin Ommundsen.

 

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, September 2022

Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«Ferskenen» Copyright © 2018 by Gyldendal Norsk Forlag, Oslo

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München,

nach dem Original von Gyldendal Norsk Forlag AS, Oslo; Design: Johan Harstad

Coverabbildung Johan Harstad

ISBN 978-3-644-00509-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Anfangsmotto

Biografie

Frisch nimmt eine Fährte auf

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Frisch stolpert in etwas hinein

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Frisch und Fratze

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Frisch und der große Diamantendiebstahl

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Frisch und der musikalische Schurke

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Frisch und der geheime Massagesalon

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Frisch und der glückliche Mörder

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Frisch und der Handelsvertreter, der nicht für Microsoft arbeitete

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Frisch und das unlösbare Mysterium um die Burma-Katze

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Frisch und der schwierige Schabbat

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Frisch macht Urlaub in Dänemark

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Frisch und der freche Mörder

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Frisch und der unbeherrschbare Urin

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Frisch kommt zu spät

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Frisch gerät mit den Behörden aneinander

Kapitel 1

Endmotto

Endnoten

Ω

That there

 

 

 

 

 

That’s not me

Biografie

Frode Brandeggen (1970–2014) wurde in Stavanger geboren und wuchs in Tjensvoll auf. Er war Einzelkind. Schon früh entwickelte Brandeggen eine enge Bindung zur Literatur und schrieb bereits im Alter von elf Jahren seine erste, dreizehnseitige Kurzgeschichte «Knutsen findet etwas Spannendes im Garten». Der Text, in ordentlicher Schreibschrift verfasst und mit eigens gestalteter Titelseite, wurde leider von seinem Vater weggeworfen, als dieser wieder einmal einen Wutanfall hatte, und folglich nie von irgendjemandem gelesen. 1990 veröffentlichte Brandeggen während seiner Studienzeit in Oslo seinen ersten Text, die Erzählung «Eine Anomalie», im Literatur-Fanzine Kakophonie. Zwei Jahre später debütierte er mit seinem avantgardistischen Roman Konglomeratischer Atem im Gyldendal Norsk Forlag. Vermutlich trugen sowohl die Länge als auch die Komplexität des Romans dazu bei, dass er nirgends besprochen wurde und unter anderem dadurch schnell in Vergessenheit geriet. Die Verkaufszahlen waren ebenfalls marginal, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass es heute beinahe unmöglich ist, diesen Text im Buchhandel oder Antiquariat aufzutreiben. Gyldendal verramschte die Restauflage im Herbst 1993.

Im Jahr nach dem enttäuschenden Romandebüt zog Brandeggen wieder nach Stavanger und nahm verschiedene Jobs an, unter anderem als Müllmann, während er im Stillen beharrlich an einer neuen Art des Schreibens arbeitete, die für ihn künstlerisch interessant war und gleichzeitig ein breiteres Publikum ansprechen sollte. Das Ergebnis dieses Prozesses waren ebenjene fünfzehn Bücher über den Privatdetektiv Frisch, sämtlich in der Form eines Mikroromans gehalten, inspiriert von der französischen Mouvement artistique du banalisme, einer literarischen Bewegung, die Auslassungen, Spannungsdekonstruktion und eine Betonung von Selbstverständlichkeiten für besonders wertvoll erachtete. Die Detektivromane wurden weder Gyldendal noch anderen norwegischen Verlagen je zur Veröffentlichung angeboten.

Brandeggen starb im Herbst 2014 in seiner Wohnung in Stavanger an Unterernährung.

Nun werden seine hinterlassenen Romane erstmals herausgegeben, kommentiert von Brandeggens deutschem Freund und professionellem Herausgeber Bruno Aigner (1934–), der den Autor nicht nur in- und auswendig kannte, sondern auch Zugang zu Brandeggens Nachlass hat.

Frisch nimmt eine Fährte auf

Kapitel 1

Regennasse Straßen. Eine der lichtscheuen Gestalten dieser Stadt huschte vorbei wie Laub im Wind.1 Im alten Opel mit Haugesunder Kennzeichen saß Privatdetektiv Frisch. Er trank einen Schluck aus dem Flachmann mit der Gravur Für meinen lieben Mann.2 Für einen Sekundenbruchteil sah er seine Exfrau vor sich, ehe der Schnaps die schmerzliche Erinnerung in die Kloake des Vergessens hinabspülte.3 Er schaltete die Stereoanlage ein. Aus den Lautsprechern strömten die Klänge von Glenn Goulds Einspielung der Goldberg-Variationen.4 Die späte Einspielung. Aus den frühen Achtzigern.

Frisch schloss die Augen und ließ seine Ohren von der herausragenden Klavierkunst umschmeicheln.

Kapitel 2

Plötzlich hörte er ein Geräusch. Er konnte nichts sehen. Er öffnete die Augen. Das half.5 Ein Stück weiter die Straße entlang versuchte jemand, eine Tür aufzubrechen.6

Frisch sprang aus dem Auto. Es kam zu einer kurzen Verfolgungsjagd. Dann war sie vorbei. Ehe der Einbrecher protestieren konnte, hatte Frisch ihn zu Boden gerungen.

«Erwischt», flüsterte Frisch.

Der Dieb wusste, dass die Sache gelaufen war.7

Kapitel 3

Es hatte aufgeklart. Die Stadt war noch einmal sicher.

Frisch steckte sich eine Zigarette an und setzte sich wieder in sein Auto. Seit seiner Scheidung war das die einzige Freude, die ihm noch blieb. Im eigenen Auto zu rauchen, ohne dass die Alte meckerte.8

Er drehte die Autostereoanlage auf volle Lautstärke. Eine Art Rumba-Melodie ertönte.9 So war das manchmal.

Frisch stolpert in etwas hinein

Kapitel 1

Die Wolken glichen geronnenem Blut.10 Für die meisten Leute war dies ein Sommertag, der sich dem Ende zuneigte, für Frisch war es der Beginn einer weiteren Nacht im Dienste des Volkes, unter den miesesten Kriminellen der Stadt.11 Die Untaten lagen bereits unheilschwanger in der Luft.

Kapitel 2

Mit dem Ziel, noch eine Tüte Minzbonbons zu kaufen, ehe der Abend seinen Lauf nahm, stürmte er die Hauptstraße entlang, als er mit einem Mal spürte, wie er das Gleichgewicht verlor;12 seine Füße hoben sich vom Boden, der Oberkörper flog hoch und blieb für ein oder zwei Sekunden in der Luft, ehe er mit einem hörbaren Aufprall unsanft auf dem grauen Gehweg aufkam.

Er war gestolpert.13 Als er sich auf die Seite rollte, erblickte er den Übeltäter. Ein Loch im Bürgersteig, wo irgendetwas oder jemand den Beton ruiniert hatte. «Diese Stadt fällt allmählich auseinander», dachte er bei sich, verbittert.

Sein linkes Knie pochte. Die meisten hätten geprüft, ob etwas gebrochen war, und die Stelle gekühlt. Nicht jedoch Frisch. Für ihn war Schmerz nichts als Schwäche, die den Körper verließ.14

Er wollte gerade aufstehen, als er, nur einen halben Meter von seinem Gesicht entfernt, das angelehnte Kellerfenster bemerkte. Ein Mörder stand über sein Opfer gebeugt und lachte.

Ohne einen Gedanken an seine eigene Sicherheit zu verschwenden, stieß Frisch sich mit Armen und Beinen vom Boden ab und hechtete kopfüber durch das Fenster. Mit der Präzision eines Tigers packte er den Hals des Mörders und riss ihn auf den schmutzigen Kellerboden herab.15 Ein kurzer Kampf folgte. Dramatik entstand.16 Dann konnte Frisch eine rechte Gerade und ein paar Tritte landen, der Mörder war gegen diese unbändigen Kräfte chancenlos.17

«Hab ich dich!», rief der Detektiv und half dem Mörder auf die Beine, um ihm die Handschellen anzulegen.

«Damn it!», flüsterte der Mörder, hauptsächlich zu sich selbst.18

Kapitel 3

Frisch schüttelte den Kopf. Er hatte schon viel erlebt, aber ein erloschenes Leben zu sehen, schmerzte ihn jedes Mal. Er zwang den Mörder, seinen Blick auf sein Opfer zu richten.

«Das ist dein Werk, stimmt’s?»

Der Mörder zögerte so lange, wie er es wagte. «Du bist einfach zu gut, Frisch. Ja, stimmt …»

«Das bedeutet: Hinter Gitter mit dir, Freundchen. Du wirst die Wände hochgehen, ehe sie dich wieder freilassen. Aber immerhin gibst du es selbst zu. Ich werde dafür sorgen, dass das zu Protokoll genommen wird. Es könnte das A und O sein. Das Alpha und Omega.»

Der Mörder wirkte mit einem Mal panisch.

«Omega auch? Bist du sicher?»

«Leider ja», antwortete Frisch ernst. «Auf Alpha folgt Omega.19 So ist das hier. Du weißt schon, Kausalität.»

«Das ist ein schwieriges Wort», seufzte der Mörder.

«Es ist eine schwierige Stadt», konterte Frisch.

«Da muss ich dir leider zustimmen.»

«Ach, komm mal her, du.»

Frisch legte tröstend den Arm um die Schulter des Mörders, während er ihn aus dem Keller und hinauf in den glutroten Abend führte. Sie mochten zwar vielleicht auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes stehen, aber sie waren auch zwei Seiten derselben Medaille.20

Frisch und Fratze

Kapitel 1

Keiner wusste mit Sicherheit, woher er kam. Es hieß, er sei aus Haugesund gekommen, im Auto.21 Er habe eine Vergangenheit. Er stamme ursprünglich nicht aus Haugesund, habe dort aber alle Brücken hinter sich abgebrannt. Lange war das her.22 Wer auch immer er früher gewesen war, hatte keine Bedeutung mehr.23 Jetzt war er derjenige, der ein ums andere Mal Mörder und Verbrecher auf frischer Tat ertappte, Abend für Abend, in endlosen, merkwürdigen Nächten und mystischen Morgenstunden. Derjenige, der unermüdlich war und niemals aufgab. Jetzt war er nur dieser Frisch. Der Mann, der gekommen war, um auf diese Stadt aufzupassen.24

Kapitel 2

Frisch zog seinen Mantel an und nahm die Schlüssel, die im Flur auf der aktuellen Tageszeitung lagen. «Mörder erneut von Frisch auf frischer Tat ertappt!», stand dort. So hatte es in den letzten Monaten fast jeden Tag in der Zeitung gestanden, in unterschiedlichen Varianten. Er ließ die Zeitung liegen, es hatte keinen Sinn, die dramatischen Ereignisse nachzulesen, er war schließlich selbst dabei gewesen, und einige Dinge musste er hinter seinen Augenlidern verbergen und mit Alkohol verdrängen. Er nahm einen Schluck. Einen. Das musste reichen. Ihm würde noch genug Zeit bleiben, um die Prozedur zu wiederholen, wenn der Morgen kam. Zu trinken und dann langsam auf dem Sofa vor dem Fernsehen in den Schlaf und die Bewusstlosigkeit überzugleiten. Ehe alles von vorn begann.25

Er schloss die Wohnungstür ab und trat auf die Straße.26

Am anderen Ende der Stadt tat ein Mann exakt das Gleiche.27 Seine Schlüssel lagen auf einer Zeitung mit der gleichen Überschrift, aber sie handelte nicht von ihm, das wusste er allzu gut. Doch nach dem heutigen Abend würde sich das ändern, sagte er sich selbst. Der Mann schloss die Tür seiner riesigen Wohnung ab und polierte das Türschild mit dem Ärmel seines Designeranzugs. Fratze, stand dort.28 Er hatte es selbst dort aufgehängt, niemand nannte ihn so.

Noch nicht.

Kapitel 3

In einer prachtvollen Villa irgendwo auf halbem Weg zwischen diesen Männern, in einer Wohngegend, die für beide unbezahlbar war und in die sie bislang kaum je einen Fuß gesetzt hatten: Eine attraktive Frau ließ ihr Negligé fallen und schwebte förmlich zu ihrem begehbaren Kleiderschrank, wo sie sorgfältig einen dem Anlass angemessenen Badeanzug wählte und hineinschlüpfte. Nonchalant schnappte sie sich einen Flirtini vom Salontisch und stolzierte hinaus zum Pool und zu den Liegestühlen.29 Sie ließ sich in einen von ihnen fallen, nippte an ihrem Cocktail und betrachtete das Wasser. Dann musste sie eingenickt sein, denn im ersten Moment bemerkte sie den Detektiv mit Mantel nicht, der sich auf den Gartenstuhl neben sie setzte.

Sie schreckte zusammen. «Du liebe Güte, wer sind Sie?», kreischte die Frau.

Frisch stand auf und ließ seinen Blick über das Grundstück schweifen. «Ich glaube, das wissen Sie ganz genau», antwortete er mit dem Rücken zu ihr.

Sie nickte. Er sah es. Er hatte Augen im Hinterkopf.30

Frisch nahm ihr Glas in die Hand und studierte es. «Ein Flirtini, nehme ich an?»31

«Gibt es eigentlich irgendetwas, das Sie nicht wissen?»

«Ich weiß nur eines nicht», antwortete er und sah sie direkt an, «warum liegen Sie gerade hier und sonnen sich?»

Die Frau grinste ihn unverschämt an. Da war sie nicht die Erste.

«Als ich mich das letzte Mal darüber informiert habe, war es nicht verboten, sich in seinem eigenen Garten zu sonnen», sagte sie ironisch.

Frisch nickte.

«Aber die wenigsten machen das um drei Uhr nachts», erwiderte er gelassen und nahm einen Schluck von ihrem Cocktail. Donnerlittchen. Sie war hübsch. Das konnte noch zum Problem werden.

«Ich habe einen Anruf bekommen», fuhr er fort, «von der besorgten Art. Ein Nachbar hat auf Ihrem Grundstück Schreie und Schüsse gehört.»

«Davon weiß ich nichts.»

«Ach nein?»

«Nö.»

Frisch packte sie am Arm, es tat wohl ein bisschen weh. Sie stöhnte auf.32

«Und das da?», fragte er streng, während er auf die Leiche deutete, die mit dem Gesicht nach unten im Bassin schaukelte. Der kühle Wind ließ den Toten in langsamen, roten Kreisen umhertreiben.

«Hä?» Sie tat, als wüsste sie noch immer nicht genau, wovon er redete.

«Sie wissen genau, wovon ich rede. Haben Sie ihn getötet?»

Die Frau stand auf und leerte den restlichen Flirtini in einem Schluck. Sie leckte sich die Lippen.

«Ach, der? Nein, der war schon da, als ich kam.»33 Jetzt war sie an der Reihe, Frischs Arm zu packen. «Was halten Sie davon, kurz mit reinzukommen, ich glaube, ich brauche …»

«Einen Flirtini?»

«Das auch.»

Kapitel 4

Anschließend: Er war nicht stolz darauf. Sie waren im Bett gewesen. Alles lief so, wie es laufen sollte. Auf diesem Gebiet gab es keine Probleme zu vermelden. Er hätte es, wenn nötig, wieder getan. Das Ganze hatte, wie es so schön hieß, Appetit auf mehr gemacht.34

Kapitel 5

Aber er hatte einen Fall zu lösen.35

Er stand auf und zog sich an. Während sie duschte, drehte er eine Runde durch die Villa und sah sich um.

Dann rannte er zurück ins Bad, riss den Duschvorhang beiseite und packte die Frau, die er gerade beglückt hatte. Beglückt, ja, aber nie geliebt. Falls er dazu überhaupt noch in der Lage war.

«Du kommst jetzt mal schön mit aufs Revier, Fräuleinchen.»

«Du liebe Güte, was redest du denn da!?»

«Ich verhafte dich wegen des Mordes an deinem Mann.»

Sie wirkte in erster Linie resigniert, lebensmüde. Sie leistete keinen Widerstand.

«Jesses. Aber warte wenigstens, bis ich mich angezogen habe.»

Frisch zog seinen Mantel aus und legte ihn ihr um.

«Das muss reichen», sagte er forsch und führte sie durch die Zimmer.

Sie senkte den Blick und fragte: «Wie … wie bist du mir denn auf die Schliche gekommen, ich …»

Frisch half ihr auf die Rückbank seines Opels und lächelte lakonisch.

«Ich habe mir kurz deinen Computer ausgeliehen, als du unter der Dusche warst. Dein Suchverlauf zeigt, dass du in der letzten Woche hauptsächlich drei Dinge recherchiert hast: 1) Wie ermorde ich meinen Mann und lasse es so aussehen, als wäre jemand anders der Schuldige oder, besser noch, als würde er einfach nur schwimmen? 2) Wie reinige ich einen Swimmingpool und 3) Wie bereite ich schnell einen guten Flirtini zu?»36

Die Frau schüttelte stumm den Kopf. «Du bist einfach zu gut, Frisch. Viel zu gut.»37

«Meinst du jetzt oder vor einer halben Stunde?», fragte er und schlug schnell die Autotür zu, ehe sie antworten konnte.38

Kapitel 6

Er saß hinter dem Steuer und starrte auf die Straße, während er die Allee entlangfuhr, die zur Hauptstraße führte. Die Frau auf der Rückbank schwieg, sie wusste, dass es nichts gab, was sie sagen konnte, um ihn umzustimmen und sich selbst davor zu bewahren, für viele Jahre hinter Gitter zu wandern. So würde sie am Ende doch nie an das Aktienportfolio ihres Mannes kommen.39

Frisch bog mit einer routinierten Drehung des Lenkrads auf die Hauptstraße.40 Hinter ihm fuhr gerade ein Auto auf dieselbe Allee, aus der er gekommen war, er konnte gerade so die Fratze des Fahrers erkennen, ehe dieser das Gaspedal durchdrückte und zu dem verlassenen Haus rauschte, wo die Leiche noch immer einsam badete. Doch er kam zu spät.

Frisch folgte dem anderen Auto mit dem Blick noch eine Weile im Rückspiegel. Er wusste nicht, wer es war, und dennoch begriff er es unmittelbar.

«Meine Nemesis», dachte er stumm. «Meine Nemesis.»41

Frisch und der große Diamantendiebstahl

Kapitel 1

Er hieß Frisch. Er wurde vom infernalischen Lärm seines Mobiltelefons geweckt. Es klingelte. In seiner ersten Benommenheit dachte er, er müsste endlich lernen, wie man die Lautstärke an diesem Ding einstellte. Dann wurde er richtig wach und erinnerte sich wieder an seine technische Inkompetenz. Keiner kann alles, tröstete er sich. Aber sprechen kann ich.42

«Hallo?», sprach er ins Telefon.

Eine geheimnisvolle, heisere Stimme antwortete: «Psst! Ein Stück weiter die Straße runter wird gerade in ein Diamantengeschäft eingebrochen. Halten Sie die Augen offen.»

«Wer sind Sie?»

«Das tut nichts zur Sache. Betrachten Sie mich einfach als Wohltäter.»

Es könnte Bernt sein.43 Das wäre typisch für ihn.

Die geheimnisvolle Person legte auf, ehe Frisch weitere Fragen stellen konnte.

Kapitel 2

Frisch zog die Gardine zur Seite und spähte auf die Straße. Sie lag verlassen da, es war noch früh. Er schlurfte in die Küche, setzte Kaffeewasser auf und holte den Sandwichmaker aus dem Schrank. Er war ein Mann, der ein gutes Frühstück zu schätzen wusste.44 Während er die Orangenmarmelade auf die Weißbrotscheiben strich, fiel ihm wieder ein, was die geheimnisvolle Stimme gesagt hatte. Halten Sie die Augen offen.45 Frisch platzierte sein Frühstück auf einem Brett, das er zu Weihnachten von sich selbst geschenkt bekommen hatte, und brachte sich neben dem Fenster in Stellung. Während er seinen ersten Schluck Kaffee schlürfte46, sah er eine verdächtige Person die Straße entlangrennen. Frisch stand auf und rief ihm nach: «Hey, du! Stehen bleiben!»

Die Person blieb stehen und blickte nervös zu dem Ermittler im Morgenmantel hinauf, der sich aus dem offenen Fenster lehnte.47

«Bist du der Dieb?», rief Frisch.

«Nee», antwortete die Person. «Sorry.»48

Frisch musste ihn gehen lassen. Es war ein herber Rückschlag, ganz eindeutig. Dieser Fall gestaltete sich schwieriger als zunächst gedacht.49

Kapitel 3

Er aß einen Bissen von seiner marmeladenbedeckten Brotscheibe. Sofort verschluckte er sich daran. Hilfe! Er bekam keine Luft mehr. Dramatik entstand.50 Frisch musste den Toast mit Kaffee aufweichen. Danach ging es besser.51 Diesmal war es kurz davor gewesen.52 Er atmete erleichtert aus, ging in die Küche und starrte nachdenklich auf den Sandwichmaker. Es war wie vermutet. Er hatte das Brot zu lange getoastet.53 Schon wieder. Entweder das, oder seine Tante war hinter ihm her.54 Sie trug immer ein gelbes Kleid, wenn er sie traf.55 Das konnte nur eines bedeuten. Aber heute konnte er nichts mehr ausrichten. Alles zu seiner Zeit.

Kapitel 4

Zurück am Fenster sah Frisch erneut eine Person die Straße entlangrennen.

«Stehen bleiben!» Die Vögel flatterten von den Hausdächern auf, als sie Frischs Stimme gellen hörten.

Die Person blieb abrupt stehen.

«Bist du der Diamantendieb?», fragte Frisch ernst.

Der Dieb ließ den Sack mit seiner Beute fallen und streckte die Arme in die Luft.

«Das kann ich leider nicht abstreiten.»56

«Habe ich’s mir doch gedacht. Dann musst du das Diebesgut wohl zu mir hinauftragen, damit ich dich festnehmen kann.»

«Verflixt und zugenäht.»

Kapitel 5

Verlegen betrat der Dieb Frischs Wohnung.

«Ich hätte dir gerne etwas zum Frühstück angeboten», sagte Frisch, «aber ich habe leider nicht mehr Tellers. Oder heißt es Tellern?»

«Ich weiß es auch nicht», antwortete der Dieb beschämt. Grammatik war nicht seine Stärke. «Ich dachte eigentlich, es würde Tellere heißen?»57

«Am besten, wir halten uns nicht weiter damit auf», erwiderte Frisch verständnisvoll und deutete auf einen freien Stuhl. «Wir sagen einfach Geschirr.58 Und ich habe leider kein sauberes Geschirr mehr.»

«Danke, aber ich brauche auch nichts», antwortete der Dieb. «Ich habe schon vor dem Einbruch gefrühstückt.»59

«Sehr vernünftig. Allerdings war das auch das einzig Vernünftige, was du heute gemacht hast. Sobald ich aufgegessen habe, fahren wir zum Gericht. Du musst dich auf ein paar Jahre im Kittchen einstellen.»60

Der Dieb nickte vielsagend. Dann trafen sich ihre Blicke über dem Tisch.

«Vielleicht könnte ich einfach eine Tasse Kaffee haben, während ich warte», sagte der Dieb.

Frisch verschränkte die Arme vor der Brust und studierte die Gestalt auf der anderen Seite des Tischs.

«Ich habe auch keine sauberen Tassen mehr», antwortete er bedächtig.

Doch der Dieb gab nicht auf.

«Und was ist mit einem Becher? Hast du einen Becher?»61

Mit einer heftigen Handbewegung fegte Frisch alles vom Küchentisch, sodass Kaffee und Toast und Marmelade und Teller und Tasse auf den Boden flogen und Letztere zu Bruch gingen. So wütend war er nicht mehr gewesen, seit ihm seine Tante diesen teuflischen Sandwichmaker geschenkt hatte.62

Kapitel 6

Sie traten gemeinsam hinaus in den brutalen Morgen, Frisch und der Dieb. Dem Detektiv knurrte der Magen. Für keinen von ihnen war der Tag so verlaufen wie geplant.

Frisch und der musikalische Schurke

Kapitel 1

Es regnete. Immer häufiger regnete es jetzt. Frisch saß zurückgelehnt in seinem Opel und lauschte dem Zusammenspiel von Goulds später Goldberg-Variation und den Tropfen, die dumpf auf das Blechdach trommelten, während er das Treiben jenseits seiner Autoscheiben beobachtete. Die Leute eilten aus allen Richtungen an ihm vorbei, unter ihre Regenschirme geduckt oder fieberhaft ihre Zeitungen über den Kopf haltend, als fürchteten sie, sie würden sich bei Nässe auflösen.63 Er dachte an einen Film, den er einmal gesehen hatte.64

Kapitel 2

Ein Individuum erregte unvermittelt Frischs Aufmerksamkeit.65 Der Betreffende spazierte ohne Regenschirm und Gummistiefel in der Menschenmenge auf dem Bürgersteig umher, stattdessen trug er einen Anzug und eine Sonnenbrille. Listig bewegte er sich zwischen den anderen hindurch und schien vollkommen unbeeindruckt vom Regen, obwohl es in Strömen goss. Frisch beschloss, ihn für einige Minuten im Auge zu behalten. Hier war irgendetwas eindeutig nicht so, wie es sein sollte.66

Ehe Frisch weitere Überlegungen anstellen konnte, war die lichtscheue Gestalt bereits um eine Straßenecke und aus seinem Blickfeld verschwunden.67

Frisch seufzte, öffnete widerwillig die Autotür und trat in den Regen. Er würde sich erkälten, keine Frage.

«Verdammter Mist.» Er flitzte zur Straßenecke und ärgerte sich darüber, dass diese Person nicht alles ein bisschen ruhiger angegangen war. In Ermangelung eines Regenschirms zog er den Kragen seines Mantels enger und –68

Plötzlich drehte sich der verdächtige Mann am Ende der Straße um und sah Frisch direkt an. Direkt. Er nahm die Sonnenbrille ab. Kein Wort fiel. Dann drehte er sich wieder um und rannte in Richtung des Rummelplatzes unter der Brücke.

Frisch stürmte ihm nach, im endlosen Regen.69

Kapitel 3

Der Mann im Anzug rannte. Wie ein Irrer rannte er auf das große Riesenrad zu, das in der schwelenden Abenddämmerung blinkte. Die Krawatte hing ihm über die Schulter, das Jackett flatterte hoch und enthüllte einen Revolver im Schulterholster.70 Frisch spürte, wie ihm das Wasser ins Gesicht peitschte, ließ sich jedoch nicht aus dem Konzept bringen.71 Dafür war die Zeit nicht reif.72 Er war dem Schurken dicht auf den Fersen, kämpfte sich zwischen Losbuden und Karussells voran und schob Kinder, die mit Ölzeug und breitem Grinsen ausgestattet waren, aus dem Weg.73 Sie ahnten wohl kaum etwas von der Brutalität des Lebens. Bisher.

Dann sah er es. Der Mann blieb abrupt vor dem Riesenrad stehen und wechselte ein paar Worte mit einem Mann und einer Frau. Im nächsten Moment wurde die Waffe gezogen.

Beim Schuss stoben die Möwen in den grauschwarzen Himmel, der sich noch nie Gedanken über die Welt unter ihm gemacht hatte.74 Die Frau sackte wie ein schweres Bündel zusammen und blieb reglos auf dem nassen Asphalt liegen.

Der Mörder hechtete in eine Riesenradkabine und stieg in die Luft empor.

Kapitel 4