Auf gute Nachbarschaft! -  - E-Book

Auf gute Nachbarschaft! E-Book

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Beschreibung

Wer kennt sie nicht, die Freuden und Leiden der Nachbarschaft? Wo viele unterschiedliche Menschen zusammenleben, gibt es viel Potenzial: unerwartete, inspirierende Begegnungen, regen Austausch von Neuigkeiten, gegenseitige Hilfe, aber auch Konflikte. Dass Nachbarschaft mehr bedeutet als Tür an Tür zu wohnen, zeigt sich in diesem Band: Gemeinsam wird gegärtnert, gesungen, gelernt, es werden Erinnerungen, Bücher und Lebenserfahrungen ausgetauscht. Dabei muss nicht immer alles eitel Wonne sein. Viel wichtiger ist es zu lernen, die Meinungen anderer gelten zu lassen und einander auf Augenhöhe zu begegnen. Die Wege, die zu einer guten Nachbarschaft führen, sind so unterschiedlich wie die Bewohner*innen selbst. Auf gute Nachbarschaft!

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2023

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INHALT

GARTLTOUR

ÜBER DAS GEMEINSAME GÄRNTNERN IM GEMEINDEBAU

ZEITZEUG*INNEN

WOHNEN IM WIEN DER 1950ER- UND 1960ER-JAHRE

WOHNTRÄUME

ÜBER DAS WOHN- UND STADTKLIMA IN WIEN

DIE BÜCHERKABINE

WENN BÜCHER BRÜCKEN BAUEN

RÜCKSICHT NEHMEN

WIE SPIELBÄLLE DIE WELT VERÄNDERN KÖNNEN

DAS FRAUENCAFÉ

DURCHS REDEN KOMMEN DIE LEUTE ZUSAMMEN

DIE COMICS-BOX

EIN NACHMITTAG MIT SPIDER-MAN

LERNBEGLEITUNG

FÜRS LEBEN LERNEN

DER 1. WIENER GEMEINDEBAUCHOR

GESCHICHTEN, DIE DAS LEBEN SCHREIBT

WOHNPARTNER

GEMEINSAM FÜR EINE GUTE NACHBARSCHAFT

TEAM

IMPRESSUM

NACHBARSCHAFTEN

sind wertvolle und wichtige soziale Gefüge, die in allen Kulturen und Ländern eine wesentliche Rolle spielen, aber oft sehr unterschiedlich gestaltet werden, und deren Bedeutung für jeden Menschen ganz anders sein kann. Gerade in einer Millionenstadt wie Wien bedeuten Nachbarschaften oftmals rasche Hilfe, sie können über Leben und Tod entscheiden, Quelle von Freundschaft, aber auch von Ärger und Kummer sein.

Damit Nachbarschaften im Wiener Gemeindebau ein Netzwerk der Unterstützung sein und auch bleiben können, wurde 2010 von der Stadt Wien das Nachbarschaftsservice wohnpartner ins Leben gerufen. Die rund 500.000 Menschen, die in Wiener Gemeindebauten ihr Zuhause haben, begleitet und unterstützt wohnpartner mit zahlreichen gemeinschaftsbildenden Ideen und Initiativen für eine gute Nachbarschaft. Für das Gelingen ist entscheidend, dass sich engagierte und interessierte Mieter*innen aktiv einbringen. Erst dann entsteht ein Dialog, erst dann wächst die Nachbarschaft.

Nachbarschaften bringen Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster Herkunft zusammen. Seien es das gemeinsame Singen im ersten Wiener Gemeindebauchor, das gemeinsame Garteln im Gemeinschaftsgarten oder das Lernen mit der Lernbegleitung: Hier entstehen neue Kontakte und Freundschaften, es findet kultureller Austausch statt und die – gerade in Großstädten zunehmende – Einsamkeit wird durchbrochen. Gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse verbinden, ermöglichen einen reifen Umgang mit Konfliktsituationen und stärken das Gemeinschaftsgefühl und die Nachbarschaft.

Das vorliegende Buch will Mut und Lust auf Nachbarschaft machen, es soll die Freude und den Spaß an Nachbarschaft zeigen, dazu beitragen, dass neue Nachbarschaften entstehen und alte gepflegt und gehegt werden. Die vorgestellten Ideen und Projekte sollen dazu anregen. Die Mitarbeiter*innen von wohnpartner beraten und begleiten gerne bei der Umsetzung.

In diesem Sinne: Auf gute Nachbarschaft!

Josef Cser

Claudia Huemer

„Für uns ist die Bassena der Garten“

ÜBER DAS GEMEINSAME GÄRTNERN IM GEMEINDEBAU

„Gut gesagt, aber wir müssen unseren Garten bestellen.“ So endet das satirische Märchen Candide oder der Optimismus des französischen Philosophen Voltaire. Er macht sich über die hochtrabenden Vorstellungen von der besten aller möglichen Welten lustig, die aus der Perspektive der meisten Menschen, die weniger betucht sind als Adel und Klerus, gar nicht so rosig aussieht. Das Glück liegt, stellt Candide am Ende fest, in den konkreten Handlungen. Man wächst nicht kraft leerer Wendungen und uferloser Versprechungen über sich hinaus. Erkenntnis und Gemeinschaftssinn reifen ebenso heran wie die Pflanzen, die gesetzt und ausgesät wurden, um Früchte zu tragen und Schatten zu spenden.

Voltaires Märchen ist 1759 erschienen, in einer Zeit, in der Kriege und Naturkatastrophen den philosophischen Optimismus nicht nur Lügen strafen, sondern als Zynismus enttarnen. Während Teile der Welt in Flammen stehen, sinnieren „große Geister“ darüber, dass es sich in dieser Welt doch prächtig leben ließe. Von nicht mehr umkehrbaren Klimaveränderungen, die von unseren Lebensund Produktionsweisen verursacht werden, war damals noch keine Rede, durchaus aber von sozialen Verwerfungen, die viele Menschen, die über keine Privilegien verfügen, in Mitleidenschaft ziehen. Candides Garten ist ein gemeinschaftlicher, er spricht von „unserem Garten“, den es zu bestellen – zu „kultivieren“, wie es im französischen Original heißt – gilt.

„DIE ANTITHESE ZUM ABSTANDSGRÜN“

Kultiviert werden in Gemeinschaftsgärten nicht nur Beete und Pflanzen, sondern auch soziale Umgangsformen und kollektive Handlungsweisen. „Der Gemeinschaftsgarten ist die Antithese zum Abstandsgrün“, sagt wohnpartner-Mitarbeiter Martin Schallenmüller und schildert, was ihm über die vielen Jahre, in denen er Gartenprojekte begleitet hat, aufgefallen ist. Da sind die Aushandlungsprozesse, die von den Beteiligten ebenso entwickelt werden wie gemeinsame Regelwerke und Lösungsansätze, wenn es zu Problemen kommt. Bei einem „relativ harmlosen, nichtexistenziellen Thema“ sei es einfacher zu lernen, einen Schritt zurückzutreten und auch die Meinung anderer gelten zu lassen. Eine weitere wesentliche Erfahrung bestehe darin, dass Regeln nicht „von Haus aus“ festgelegt sein müssen. Für die Gärten gebe es „keine Hausordnung, auf die gepocht werden kann“. Abgesehen von den Vereinsstatuten liege es an jeder Gartengruppe selbst, zu entscheiden, wofür es Regeln braucht und wofür nicht.

Gut gesagt, aber wir müssen unseren Garten bestellen.

Der Weg zu einem Gemeinschaftsgarten im Gemeindebau ist zunächst ein bürokratischer: Der Garten wird bei der Hausverwaltung Wiener Wohnen beantragt. Der weitere Genehmigungsprozess führt über eine schriftliche Befragung innerhalb der jeweiligen Wohnhausanlage: Eine einfache Mehrheit der Hauptmieter*innen entscheidet darüber, ob der Gemeinschaftsgarten in der geplanten Form angelegt und betrieben werden kann. Mindestens 50 Prozent plus eine Stimme müssen mit dem Konzept, das die zukünftigen Gärtner*innen erarbeitet haben, einverstanden sein. In manchen Fällen ist es auch der Mieterbeirat, der, sollte es in der Anlage einen geben, eine Hausversammlung einberufen kann, um einen Beschluss über die Gründung eines Gemeinschaftsgartens zu fassen. Sobald die Genehmigung vorliegt, gründet die Gruppe, die sich um den Garten kümmert, einen Verein, der als juristische Person die Verantwortung trägt. Statuten werden festgelegt, ein Vorstand wird gewählt und bei der Vereinspolizei zur Anzeige gebracht. Außerdem schließt der Verein eine Nutzungsvereinbarung mit Wiener Wohnen ab. Mitarbeiter*innen von wohnpartner unterstützen die Gartengruppen sowohl bei der bürokratischen Abwicklung als auch bei der praktischen Umsetzung des Projekts.

Mittlerweile gibt es an die hundert Gemeinschaftsgärten und an die 450 mobile Beete über ganz Wien verteilt. Elf Gemeinschaftsgärten mit Vereinsstatuten befinden sich auf Gemeindebauflächen oder im unmittelbaren Nahbereich davon, das ergibt eine Erhebung, die Jan Mayrhofer im Jahr 2018 durchgeführt hat. Mayrhofer ist ebenfalls Mitarbeiter von wohnpartner, er betreut wienweit verschiedene Projekte, die mit Garten in Zusammenhang stehen, und organisiert Bustouren, auf denen Interessierte Eindrücke von den Gemeinschaftsgärten sammeln und Erfahrungen austauschen können. Insgesamt begleitet die Einrichtung wohnpartner acht der elf Gärten, die sich in oder in der Nähe von einem Gemeindebau befinden. Darüber hinaus unterstützt sie dutzende Gruppen, die mit mobilen Beeten gärtnern.

In den einzelnen Gärten zeigt sich die soziale und kulturelle Vielfalt der Bewohner*innen. Die Beete werden auf unterschiedliche Weisen angelegt: Manche haben aus ihren Herkunftsländern und -regionen gärtnerische Gepflogenheiten mitgebracht, die sie mit anderen teilen; es werden Kräuter und Gemüsesorten nach verschiedenen Ernährungsgewohnheiten angepflanzt; die Einfassungen der Beete werden bunt gestrichen oder als verwittertes Naturholz belassen; Keramikfrösche sitzen zwischen den Paradeisern; selbstgebastelte Windräder rotieren hypnotische Muster in die Augen der Besucher*innen; Girlanden mit Leuchtdioden schaukeln im Wind. Je nach architektonischen Voraussetzungen liegen die Gärten am Rand der Wohnhausanlagen oder in nahe gelegenen Parks, auf dem Dach oder mitten im Hof.

Gegenseitige Hilfe spielt eine große Rolle. Es findet sich immer eine Gärtnerin, die, wenn jemand auf Urlaub fährt, das Gießen übernimmt.

In den einzelnen Gärten zeigt sich die soziale und kulturelle Vielfalt der Bewohner*innen. Die Beete werden auf unterschiedliche Weisen angelegt: Manche haben aus ihren Herkunftsländern und -regionen gärtnerische Gepflogenheiten mitgebracht, die sie mit anderen teilen.

Auf den schattigen Bänken und Tischen im Garten lässt es sich ganz wunderbar beisammensitzen.

GEMEINSCHAFTSGARTEN SONNENBLUME

Der Gemeinschaftsgarten Sonnenblume liegt mitten im Robert-Uhlir-Hof in der Engerthstraße im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Hohe Hecken umgrenzen die grüne Oase zwischen den fünf- bis elfstöckigen Wohnbauten. Die Ursprungsbepflanzung sei hier zum Naturzaun geworden, erzählt Helga Benda, die Obfrau des Vereins. Die Sträucher wurden nach außen versetzt, die MA 48, die Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark, habe, nachdem der Gemeinschaftsgarten genehmigt worden war, etliche Fuhren Komposterde spendiert, die die Gärtner*innen mit Schubkarren verteilt hätten. Mitgärtnerin Waltraud Wallner schmunzelt: „Ich mach hier die Kontrolle, ich seh von meiner Wohnung aus in den Garten.“

Der Robert-Uhlir-Hof wurde zwischen 1975 und 1978 errichtet. Lange Zeit über war es nicht möglich, in dieser Gegend zu bauen. Sie war Überschwemmungsgebiet, das erst mit der Donauregulierung in den 1870er-Jahren erschlossen werden konnte. An der Stelle des heutigen Gemeindebaus befanden sich die Siemens-Schuckert-Werke, die für die Errichtung der Wohnhausanlage umgesiedelt wurden. Eine Gedenktafel erinnert an eine Widerstandskämpferin und zwei Widerstandskämpfer, die während der NS-Zeit in der Fabrik beschäftigt waren und in den 1940er-Jahren hingerichtet wurden. Eine weitere Gedenktafel ist dem Namensgeber gewidmet: Robert Uhlir war ein Funktionär der revolutionären Sozialisten und setzte sich im Besonderen für die Opfer politischer Verfolgung ein. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er zu mehrjährigen Haft- und Lagerstrafen verurteilt. Charakteristisch für die Wohnhausanlage ist eine flexible Fertigteiltechnik mit großen fünf- bis elfstöckigen Wohnhöfen sowie Erdgeschoßflächen, die als urbane Begegnungszone mit unterschiedlichen Funktionen geplant wurden.

Seit 2014 ist auch der Gemeinschaftsgarten Sonnenblume ein Ort der Begegnung und des regen Austauschs. Zu Beginn zeigten sich einige Bewohner*innen eher skeptisch – vor allem wegen des erhöhten Wasserverbrauchs. Dieser wurde schließlich aus den allgemeinen Betriebskosten herausgerechnet, wodurch sich die Bedenken zum größten Teil legten. Die Gärtner*innen konnten beginnen, ihre Beete zu bepflanzen und ihren Garten zu gestalten. Sobald ein Vereinsmitglied im Garten ist, steht die Tür auch allen anderen offen. Anders sei das aus versicherungstechnischen Gründen sowie angesichts der Nutzungsvereinbarung mit der Hausverwaltung Wiener Wohnen nicht möglich.

„Wir sind ein super Team“, sagt Helga Benda und verweist auf die enorme Vielfalt an Pflanzen, die im Garten wachsen und gedeihen: „Möglicherweise sind wir der erste Gemeinschaftsgarten in Österreich, in dem Erdnüsse geerntet wurden.“

„GEMEINSCHAFT LIEGT MIR SEHR AM HERZEN“

„Wir sind ein super Team“, sagt Helga Benda und verweist einerseits auf die enorme Vielfalt an Pflanzen, die im Garten wachsen und gedeihen: „Möglicherweise sind wir der erste Gemeinschaftsgarten in Österreich, in dem Erdnüsse geerntet wurden.“ Andererseits seien auch die Altersgruppen sehr gemischt, „zwischen so Anfang, Mitte vierzig und 78“. Besonders in der Corona-Zeit habe sie den Garten genossen: „Gemeinschaft liegt mir sehr am Herzen.“

Auch Elisabeth Heiss erzählt, dass sie noch nie so viele Leute kennengelernt habe wie mit dem Garten. Seit ihrer Pensionierung 2015 ist sie mit dabei, zuvor hat sie als Krankenpflegerin gearbeitet. „Ich bin eher eine faule Gärtnerin“, räumt sie ein, „ich muss nichts ernten, ich mach es mehr für die Insekten.“ Gemeinsam würden sie nicht nur garteln, sondern auch kochen, backen und spielen. Jede Art von Gesellschaftsspielen sei hier willkommen. Ob bei einem Brett-, Würfel- oder Kartenspiel, auf den schattigen Bänken und Tischen im Garten lässt es sich ganz wunderbar beisammensitzen.

Gegenseitige Hilfe spielt ebenfalls eine große Rolle. Es finde sich immer eine Gärtnerin, die, wenn jemand auf Urlaub fahre, das Gießen übernehme. Manchmal kümmert sich auch eine vorübergehend um alle Beete. „Wir sind halt die Frühaufsteher“, lachen Helga und Waltraud, „wenn du um sieben in der Früh kommst, sind wir schon fertig.“ „Ich genieße den Morgen“, schwärmt Waltraud. „Dass alle aufeinander schauen“, das sei für eine gute Nachbarschaft besonders wichtig, meint sie.

Mit der Zukunft des Gartens sehe es allerdings nicht so gut aus. Eine umfassende Sanierung stehe ins Haus. Der Garten müsse voraussichtlich den Umbau- und Renovierungsarbeiten weichen, die an den Tiefgaragen sowie an den Fassaden vorgenommen werden. „Dabei ist die Anlage erst vor zwanzig Jahren saniert worden“, betont Helga. Elisabeth, Waltraud und sie berichten aufgebracht, dass nicht nur der Garten, sondern auch die großen Blumentröge vor den Fenstern entfernt werden sollen, was besonders absurd sei, da nun überall von einer Begrünung der Stadt die Rede sei. „Überall wollen sie Blumen und Grün und uns wollen sie das wegnehmen?! Das verstehe ich nicht“, sagt Elisabeth und schüttelt den Kopf. Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen, meint Helga und gibt sich vorsichtig zuversichtlich, dass das üppige Grün im Hof und in den Blumentrögen doch nicht ganz verschwinden wird.

Der Gemeinschaftsgarten Sonnenblume hat über die Höfe der Wohnanlage hinaus von sich reden gemacht: 2016 wurde der Gartengruppe im Rathaus eine Urkunde verliehen. Und vor ein paar Jahren spannte sich im Rahmen einer Kunstaktion im Gemeindebau eine grellorange Schnur vom Garten aus zu den Wohnungen derer, die mit dem Garten verbunden sind. Die Schnur lief quer durch die Wohn- und Schlafräume, um sich dann über die Gänge und Fassaden weiter zu verzweigen. Die Verbundenheit, die durch den Gemeinschaftsgarten entsteht, ist nicht nur eine symbolische, sondern vor allem eine praktische: Zusammen wachsen hier nicht nur die Sträucher, die Kräuter, die Bäume und Gemüsepflanzen, sondern auch die Menschen, die sich um die Gartengemeinschaft kümmern und sie gedeihen lassen.

GARTEN UNSER-DÖBLING

Der Garten Unser-Döbling liegt am Rand des Rudolf-Sarközi-Hofs, auf einer leicht abschüssigen Fläche zwischen den Häuserzeilen. Kiefern und Föhren spenden ihren Schatten sowohl der Gartenanlage als auch den Bänken, die neben dem Spazierweg stehen. Umgeben ist die weitläufige Gartenfläche von einem niedrigen Zaun, der den Blick auf die Hochbeete, die Gartenhütte und die Obstsäulen freigibt. Insgesamt sind es zehn Hochbeete, die von jedem Mitglied einzeln betreut werden. „Die Restfläche wird gemeinsam genutzt“, erzählt Michael Roser, Obmann des Vereins. Die Hochbeete wurden teilweise aus Paletten gebaut, die von einer Gartenfachmarkt-Kette gespendet wurden. Andere fertigte ein Tischler an, „aus richtig gutem Holz“. Bislang habe nur eine Einfassung erneuert werden müssen.

In den Gemeinschaftsgärten wachsen nicht nur die Sträucher, die Kräuter, die Bäume und Gemüsepflanzen, sondern auch die Menschen, die sich um die Gartengemeinschaft kümmern und sie gedeihen lassen.

Durch das gemeinschaftliche Gartenprojekt ist ein richtiges Zugehörigkeitsgefühl entstanden.

Die rechteckige Anordnung der Hochbeete spiegelt im Kleinen die Struktur der Wohnhausanlage wider: Der Rudolf-Sarközi-Hof wurde Anfang der 1950er-Jahre als Siedlungsbau errichtet. Auf einem beinahe exakt rechteckigen Grundriss reihen sich fünfzehn Häuserblöcke, teilweise in Zeilenbauweise, mit jeweils zwei Stockwerken und einem ausgebauten Dachgeschoß, aneinander. Der Zugang zu den einzelnen Stiegen erfolgt über schattige Grünflächen, die sich über die gesamte Anlage erstrecken. Der Hof wurde wie etliche andere in diesem Zeitraum angesichts der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet und zählt zu den größeren Siedlungen dieser Art, die in Döbling gebaut wurden. Seinen Namen erhielt er von Rudolf Sarközi, dem Sohn einer burgenländischen Romni und eines Wiener Sinto, der 1944 in einem NS-Anhaltelager für „Zigeuner“ geboren wurde. 1996 gründete er im 19. Wiener Gemeindebezirk das Roma Dokumentations- und Informationszentrum. 2017 wurde die Wohnhauslange, in der er selbst 52 Jahre lang gelebt hatte, nach ihm benannt.

Nach zweijähriger Vorlaufzeit wurde 2015 mit der Anlage des Gemeinschaftsgartens begonnen. An seiner Stelle befanden sich zuvor ein brachliegender Kinderspielplatz sowie eine ausgedehnte Asphaltfläche – ein ehemaliger Basketballplatz. „Der Garten ist der Natur gewidmet“, meint Michael und schildert gemeinsam mit Desislava Gudjunova, wie es zu ihrem Garten kam. Bei der Abstimmung, die per Unterschriftenliste in der Wohnhausanlage erfolgte, habe es kaum Gegenstimmen gegeben, 80 Prozent hätten zugestimmt. Die Bedenken, die sich vor allem darum drehten, ob ein Garten zusätzlichen Lärm verursache und die Kosten für das Wasser steigere, konnten ausgeräumt werden. Dennoch sei vor allem der Anfang nicht ganz so einfach gewesen, erzählt Desislava: „Wenn etwas Neues entsteht, ist es immer ein Risiko. Da gab es schon verschiedene Meinungen und sogar Auseinandersetzungen, aber das ist normal.“ Interessanterweise hätten sich dann aber vorwiegend die besonders skeptischen Bewohner*innen im Garten engagiert. Vor allem in der Anfangsphase gab es auch innerhalb der Gartengruppe immer wieder von wohnpartner moderierte Treffen. „Dort, wo viele verschiedene Menschen zusammenkommen, gibt es viele unterschiedliche Meinungen“, stellt Michael fest. Lösungen wurden dabei mit „Hilfe von außen“, mit der Unterstützung von wohnpartner, gefunden – auch bei einer Mediation, die hauptsächlich aus persönlichen Gründen notwendig geworden war. „Jetzt funktioniert’s“, sagt Desislava lächelnd und freut sich mit Michael gemeinsam darüber, dass es sich bei ihnen um eine „sehr durchmischte Gruppe“ handelt.

„EIN GARTEN DES LERNENS“

In den Rudolf-Sarközi-Hof ist Michael Roser gezogen, kurz bevor die Idee mit dem Gemeinschaftsgarten entstand. Der gelernte Einzelhandelskaufmann arbeitet als Betreuer in einer Unterkunft für obdachlose Menschen. „Wir sind alle keine ausgebildeten Gärtnerinnen und Gärtner“, sagt er. Es gehe auch gar nicht darum, sich ausschließlich durch die Erträge selbst zu versorgen. „Wenn, dann wären wir höchstens Knoblauchselbstversorger“, fügt er lachend hinzu.

Es gibt viel zu lernen und zu entdecken im Garten Unser-Döbling: Der würzige Duft, der sich in der Sommerluft breitmacht, wird von einer circa fünfzig Zentimeter hohen Pflanze mit herzförmigen Blättern und schön geschwungenen, zartrosa Blütenkelchen verströmt. Der Muskatellersalbei, der in einem der Hochbeete wächst, ist eine Gewürz- und Heilpflanze, die in der griechischen und römischen Antike gegen Kopfschmerzen zum Einsatz kam. Außerdem wurde sie zur Aromatisierung von Wein verwendet. Auch Bienen fliegen auf die einladenden Blütenkelche, die ihnen satte Honigerträge bescheren. Das Obst wächst in diesem Garten nicht auf Bäumen, sondern auf Säulen. Wenige Zentimeter sind die Stämme dick, an denen sich bis knapp über den Boden die Äste verzweigen, auf denen Zwetschken und Äpfel reifen. „Richtige“ Obstbäume können in der Anlage nicht gepflanzt werden.

Besonders für Kinder ist der Garten ein unschätzbares Reservoir an Erfahrungen im Umgang mit der Natur. Desislava Gudjunova erzählt, dass ihr mittlerweile sechsjähriger Sohn buchstäblich mit dem Garten aufgewachsen sei. Die Beete, die von Kindern bepflanzt und betreut werden, erkennt man an den niedrigeren Einfassungen. Im Prinzip würden sie aber ohnehin überall mitmachen. Wenn der Eifer einmal allzu groß ist und etwas schiefgeht, gibt es kleine Versöhnungsgeschenke: „Eine Tomate für dich, einen Zitronenbaum oder so etwas. Aber es ist voll nett, auch für Kinder. Wenn man Besuch hat, ist es wirklich wunderschön.“

Mittlerweile gibt es an die hundert Gemeinschaftsgärten und an die 450 mobile Beete über ganz Wien verteilt. Diese liegen entweder am Rand der Wohnhausanlagen oder in nahe gelegenen Parks, auf dem Dach oder mitten im Hof.

Durch das gemeinschaftliche Gartenprojekt sei ein richtiges Zugehörigkeitsgefühl entstanden, erzählt Michael. Es sei auch darum gegangen, mehrere Leute miteinzubeziehen und so etwas wie einen Gemeinschaftsraum zu gestalten, fügt Desislava hinzu. Besonders zu den Gartenfesten seien viele aus der Wohnhausanlage gekommen, die sich sonst nicht getraut hätten: „Wir versuchen es halt auch, dass wir die Leute einladen, auf die eine oder andere Art und Weise – nicht unbedingt direkt, da trauen sich viele nicht, man kann sie eben auf diese indirekte Weise einladen.“ Das erste Sommerfest war „so richtig groß, mit Live-Band und Clowns, das hat auch Menschen von außerhalb angezogen“. Für eine gute Nachbarschaft sei es prinzipiell von Bedeutung, dass es viel Raum gebe, meint Michael: „Es hat schon geholfen, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, unseren Lebensraum mitzugestalten. Wir wohnen ja nicht nur hier, sondern leben hier auch. Dass wir diesen Lebensraum nach unseren Bedürfnissen gestalten können, erleichtert auch das Leben miteinander.“ Durch den Garten lerne man, Kompromisse zu machen und gemeinsam Lösungen zu finden, betont Desislava: „Es ist wirklich ein Schatz, wenn man so einen Garten hat.“

Mittlerweile schätzen auch die anderen Bewohner*innen den Garten. Direkte Rückmeldungen gebe es zwar kaum, aber hin und wieder stelle jemand Blumen von zu Hause an den Zaun. Desislava und Michael betrachten dies als Gesten der Akzeptanz. Wie in den meisten anderen Gemeinschaftsgärten gilt, dass alle herzlich willkommen sind, sobald eines der Mitglieder zugegen ist. Vor allem für Besucher*innen mit Kindern sei der Garten ideal. Die Geräte, die in der Gartenhütte lagern, können von allen Mitgliedern verwendet werden. Finanziert wurde das im Frühling 2018 errichtete Holzhaus durch die Mitgliedsbeiträge. Die Kerngruppe besteht aus zehn Personen, insgesamt sind in etwa 25 aus dem näheren Umfeld aktiv. Die Möglichkeiten, mit der Gartengruppe in Kontakt zu treten, sind zahlreich und niederschwellig: Ein Plausch über den Zaun hinweg ist ebenso eine Option wie die Website zu besuchen und eine E-Mail zu schreiben. Als einige der Hochbeete noch auf engagierte Gärtner*innen warteten, brachte die Gruppe Aushänge in den Stiegenhäusern an. Es gebe keine bestimmten Voraussetzungen, „nur persönliches Interesse muss vorhanden sein“, sagt Michael Roser. Am einfachsten sei wohl ein direkter Austausch im Garten, ergänzt Desislava Gudjunova, und: „Wir wollen keinen Zwang ausüben, es ist ganz offen – wer will, wird kommen.“

Es ist wirklich ein Schatz, wenn man so einen Garten hat.

Einer der nächsten Pläne für den Garten Unser-Döbling besteht darin, nach der Corona-Pause wieder ein großes Sommerfest zu organisieren. Darüber hinaus bietet dieser „Garten des Lernens“, wie Michael Roser ihn nennt, immer Gelegenheiten, sich auszutauschen und neue Erfahrungen zu sammeln, beim Gärtnern ebenso wie bei der Gestaltung gemeinsamer Lebensräume.

GEMEINSCHAFTSGARTEN ROSENBERG

Der Gemeinschaftsgarten Rosenberg liegt im Josef-Kaderka-Park, im 17. Wiener Gemeindebezirk. Von der großzügigen Rasenfläche aus sieht man in die Weinberge. Unter den Bäumen stehen Bänke und Tische, ein Hängesessel lädt dazu ein, die Seele baumeln zu lassen. An einer Schnur, die zwischen zwei Stämmen gespannt ist, sind Informationstafeln zum Garten und seiner Geschichte befestigt, daneben fotografische Impressionen vom gärtnerischen Leben und Arbeiten. Ein Teil der Beete wird von Institutionen aus der Nachbarschaft beziehungsweise dem Bezirk betreut, von einer Integrationsschule, einem Kindergarten, einer lokalen Volkshochschule sowie vom Nachbarschaftszentrum 17. Um die restlichen 34 Beete kümmern sich insgesamt 33 Gärtner*innen. Ein Drittel von ihnen lebt in einem der nahe gelegenen Gemeindebauten, etwa im Bruno-Kreisky-Hof.

Der Bruno-Kreisky-Hof wurde Ende der 1980er-Jahre fertiggestellt. 277 Wohnungen befinden sich in der vier- bis fünfstöckigen Anlage mit ausgebautem Dachgeschoß. Nach dem ehemaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky wurde der Hof 1995 benannt. In seiner Regierungszeit setzte er viele soziale Reformen um, unter anderem die zivilrechtliche Gleichstellung von Frauen, die sogenannte „Fristenlösung“, die den Abbruch einer Schwangerschaft bis zur zwölften Woche straffrei stellt, einen kostenlosen Hochschulzugang sowie die Abschaffung eines Gesetzesparagrafen, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte.

Auch der Garten trägt den Namen einer Person: Er wurde nach einer engagierten Mitarbeiterin benannt, die zunächst bei der Gebietsbetreuung und später bei wohnpartner tätig war. 2011 wurde der Gemeinschaftsgarten Rosenberg eröffnet. Das Besondere an seiner Entstehungsgeschichte ist, dass die Beete gemeinsam angelegt wurden – noch bevor entschieden war, wer die Beete bekommen sollte. Auf das Risiko hin, dass ihnen das Los keinen eigenen Platz zum Anpflanzen zuteilen würde, arbeiteten viele Menschen zusammen, um den Garten im Josef-Kaderka-Park zu „kultivieren“. Wem keines der frisch angelegten Beete zugelost wurde, fand oft andere Lösungen, erzählt Martin Schallenmüller, der als wohnpartner-Mitarbeiter den Garten von seinen Anfängen an begleitet hat: Entweder entstanden Gemeinschaftsbeete, oder kleinere Gruppen entwickelten interne Rotationssysteme. Die Konzepte für diese gemeinschaftlichen Lösungen, etwa die Gruppenbildungen und das Fluktuationsmodell, stammen von Christoph Krepl, ebenfalls Mitarbeiter bei wohnpartner und Gartenexperte. Dagmar Jenewein, die Obfrau des Vereins, nennt einen einfachen Grund, warum die Beete mittlerweile nicht mehr verlost, sondern in der Reihenfolge einer Warteliste vergeben werden: „Es war ungerecht.“ Nun können sich alle, die ihren Wohnsitz im 17. Bezirk haben, eintragen. Drei Jahre sind es mindestens und sechs Jahre höchstens, in denen man eines der Beete bepflanzen und sich in der Gartengemeinschaft engagieren kann. Die beteiligten Institutionen und der Vereinsvorstand sind von der Fluktuation ausgenommen: „Die Vorstandsjahre zählen nicht.“ Anmelden kann man sich entweder direkt vor Ort, wenn jemand von der Gartengruppe anwesend ist, oder über die Website. Anfragen gebe es sehr viele, weiß Dagmar Jenewein. Der Andrang auf eine Funktion im Vereinsvorstand sei hingegen überschaubarer: „Mit dem Nachwuchs ist es eher schwierig.“

EINE PIONIERIN DES GARTENS UND DER BÜCHER

Dagmar Jenewein ist von Anfang an mit dabei. Sie hat bereits dabei geholfen, den Garten anzulegen, und sie hatte Glück: Sie wurde einem der Beete zugelost. Im ersten Jahr gab es viel Unterstützung durch den Verein Gartenpolylog und durch wohnpartner. Gartenpolylog ist eine interdisziplinäre Initiative, die Gemeinschaftsgärten in landwirtschaftlichen, umwelttechnischen und landschaftsarchitektonischen Fragen berät, ihre Vernetzung unterstützt und sich an Forschungsprojekten beteiligt.

Wir wohnen ja nicht nur hier, sondern leben hier auch. Dass wir diesen Lebensraum nach unseren Bedürfnissen gestalten können, erleichtert auch das Leben miteinander.

Nach dem ersten Jahr des Gemeinschaftsgartens Rosenberg wurde der Verein gegründet. Die Statuten wurden von bereits existierenden Gärten übernommen und adaptiert. Gemeinsam erarbeitete die Gruppe die Gartenregeln. Zu ihnen gehört, dass alle, die sich um eines der Beete kümmern, sich mindestens an zwei weiteren Aktivitäten beteiligen: Es gilt die Gartentreffen vorzubereiten, bei der Organisation eines Festes mitzuhelfen oder einen der größeren herbstlichen und frühjährlichen Arbeitseinsätze zu koordinieren. Zu Beginn jedes Jahres gebe es einen Ideenworkshop, wo Vorschläge für Feste, Workshops und andere Projekte gesammelt und besprochen werden. Die Gartengemeinschaft ist ausgesprochen aktiv. Neben den Sommerfesten findet auch jedes Jahr ein „Kreativmarkt“ inklusive Flohmarkt im Garten statt, bei dem an die vierzig Aussteller*innen Handgemachtes, Eingemachtes, Genähtes, Gestricktes, Gebackenes und Gebrautes feilbieten. Sowohl bei den Sommerfesten als auch bei den „Kreativmärkten“ sei immer sehr viel los, erzählt Dagmar Jenewein. Viele Nachbar*innen kämen dann vorbei. Konflikte habe es bislang weder innerhalb der Gruppe noch mit den Anrainer*innen gegeben. Ab und zu komme es vor, dass von der Feuerschale zu viel Rauch aufsteige, aber das sei schnell behoben.