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Hunde und Katzen sind seit Urzeiten enge Begleiter des Menschen. Längst sind sie vom einstigen Nutztier zur Gefahren- oder Schädlingsabwehr zu Geschöpfen geworden, die mit uns in sehr enger Gemeinschaft leben. Die Geschichten in diesem Buch erzählen von Menschen und ihren besonderen vierbeinigen Weggefährten. Die tierischen Begleiter sind freilich kein Ersatz für menschliche Nähe und Zuneigung, doch sie erweisen sich als genauso wertvoll bei der Suche nach einem erfüllenden Lebenssinn und können wertvolle Begleiter auf dem Weg zu neuen Ufern sein. G. K. Ruediger, unter diesem Pseudonym publiziert Rüdiger K. Herrscher bei Lindemanns. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaften und Psychologie war er als Gymnasiallehrer, in der Lehrerfortbildung und der schulpsychologischen Beratung tätig, ehe er Schulleiter in Bretten und Calw wurde. Neben seiner Tätigkeit als Coach für Kinder und Jugendliche sowie Mediator und Mediatoren-Ausbilder arbeitete er als Fachjournalist und freier Schriftsteller. Neben Sachbüchern und Fachaufsätzen veröffentlichte er Kurzgeschichten und Gedichte.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2023
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in Memoriam Günther
G. K. Ruediger, unter diesem Pseudonym publiziert der 1949 in Karlsruhe geborene Rüdiger K. Herrscher seit 2021 bei Lindemanns. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte, Politikwissenschaften und Psychologie war er als Gymnasiallehrer, in der Lehrerfortbildung sowie einige Jahre an einer Schulpsychologischen Beratungsstelle tätig, ehe er zunächst die Schulleiterstelle am Melanchthon- Gymnasium Bretten und danach am Hermann-Hesse-Gymnasium Calw übernahm. Neben seiner Tätigkeit als Coach für Kinder und Jugendliche sowie Mediator und Mediatoren-Ausbilder arbeitete er viele Jahre als Fachjournalist und freier Schriftsteller für verschiedene Verlage. Neben zahlreichen Sachbüchern und Fachaufsätzen veröffentlichte er Kurzgeschichten und Gedichte in Sammlungen und Anthologien. Der Autor ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. 2021 veröffentlichte er bei Lindemanns „Morsezeichen aus der Einsamkeit. Geschichten vom Alleinleben“, 2022 „Kranichschwingen. Wege aus der Einsamkeit“.
G. K. Ruediger
Auf sanften Sohlen
Geschichten von außergewöhnlichen Freundschaften
Lindemanns
Alle Personen, Ereignisse und Orte dieser Erzählungen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen, Orten oder Geschehnissen wären zufällig.
Vorweg
Manchmal braucht es einen Menschen. Das Lächeln, das ermunternde, freundliche Wort, ein winziges Hilfesignal, damit ein Mitmensch sich dazu aufraffen kann, einen eingeschlagenen Lebensweg, einen ausgetretenen Pfad zu verlassen und etwas völlig Neues zu versuchen, sein Leben neu zu denken und zu gestalten. Ein individuell erdachtes Glück zu suchen, den Fluss zu durchqueren, um an neuen Herausforderungen zu wachsen.
Mitunter jedoch genügt dem oder der Zivilisationsgeschädigten, dem respektive der unter dem, was viele unter „modern life“ verstehen, zunehmend Leidenden, wenn er oder sie auf tierischen Beistand trifft, der ihn oder sie aus seinem, ihrem Alltagstrott reißt und ihm oder ihr neuen Antrieb zum Verlassen des Gewohnten verleiht.
Seit Urzeiten sind Tiere durch gezielte Domestikation zu Menschenbegleitern mutiert, und häufig wird noch immer deren Einfühlungsvermögen, deren Verstehens- und Kommunikationsfähigkeit unterschätzt. Tierische Begleiter sind kein Ersatz für menschliche, doch sie können sich, je nach Situation, als genauso wertvoll bei der Suche nach einem neuen, erfüllenden Sinn erweisen. Dass vierpfötige, vierbeinige Begleiter Zuwendung aufbringen, ist dem Interessierten nichts Neues. Sie können wertvolle Begleiter auf dem Weg zu neuen Ufern sein, beim Überqueren des Flusses vom einen ans andere Ufer helfen. Auf sanften Sohlen den richtigen Weg weisen.
Findeltatzen
Von der tiefer gelegenen Straße aus wirkte das Haus in der Morgensonne dieses kaum bewölkten Maitages wesentlich kleiner, unscheinbarer und noch abweisender als in der doch ziemlich verblassten, weit hinter den primären Gedächtnisregistern abgelegten Erinnerung. Fast schäbig konnte man dieses einst sicher stattlich wirkende Gebäude nennen, wenn man die vor altem, eingefressenem braunen Schmutz und dem sich wie ein Leichentuch darüberlegenden aktuellen gelben Blütenstaub starrenden Fenster betrachtete, von deren einstmals glänzenden Holzrahmen die allerletzten Reste blauer Farbe bröckelten. Der vor dem Häuschen und seitlich davon angelegte, früher vor Blüten wohl nur so strotzende Garten war zu einem regelrechten Urwald entartet, überwuchert von bei Biotop-Freaks beliebten Brennnesseln, Haselbüschen und fast mannshohem Hartriegel. Lediglich das offensichtlich vor ein paar Jahren neu eingedeckte Dach erweckte bei näherem Hinsehen einen einigermaßen soliden, vertrauenerweckenden Eindruck, dass man nicht fürchten musste, vom in sich zusammenstürzenden Gebälk beim Betreten erschlagen zu werden.
Jolanthe atmete noch einmal tief durch, ehe sie die Tür ihres in der Zufahrt abgestellten Leihwagens verriegelte und sich durch den grünen Dschungel ihren Weg zum einstmals belebten Bauernhäuschen bahnte. Der Schlüssel, den der Notar ihr ausgehändigt hatte, passte ins von Flugrost befallene Schloss. Tante Ursulas Bauernhaus öffnete sich seiner neuen Besitzerin zum geräumigen, mit allerlei Kisten und Kartons ziemlich zugepfropften Flur hin. Noch immer hingen die zahllosen Geweihe an der Wand, Überbleibsel des Nimrod-Großvaters Ferdinand, der es nach jedem erfolgreichen Jagdzug liebte, seine Beute stolz zur Schau zu stellen. Noch immer kann die Eingetretene den früher wesentlich intensiveren Duft nach Ziegenstall wahrnehmen, der über viele Jahre, bis zur endgültigen Aufgabe der Ziegenzucht, mit Tantes Gummistiefeln im gefliesten Flur wie mit dem Sprühflakon eines Parfümzerstäubers ausgebracht und ständig erneuert worden war.
Die massive Eichentür zur großen Wohnküche öffnet sich knarrend, als sie etwas kräftiger gegen die anfängliche Blockade drückt. Sie fühlt sich in ein Museum versetzt. Alles steht noch wie früher an seinem Platz, alles riecht wie früher. Der alte, Holz beheizte Malag-Herd, der große Eichentisch, der noch immer die massive Eckbank nahezu erdrückt, die von Hand gedrechselten Buchenstühle, der Schaukelstuhl in der Ecke unter dem Tellerbord, das Kreuz in der Ecke über der Jugendstil-Anrichte, daneben das schon etwas durchgelegene geblümte Sofa. Der fast durchsichtig abgeschabte alte Wollteppich, einst in Eigenarbeit an langen Winterabenden geknüpft, verhüllt sich wie alles andere unter einer fast Zentimeter dicken Staubschicht. Lediglich der Gekreuzigte aus Elfenbein wirkt auf den ersten Blick vollkommen staubfrei. Ein Omen?
Hier müsste sie zuerst mit ihrem Vorhaben starten, zunächst die Wohnküche gründlich säubern, damit sie in diesem unverfänglichen Raum für die erste Nacht ihre Klappliege aus dem Kofferraum aufschlagen kann. An Duschen wird angesichts des steinzeitlich wirkenden kleinen Bades, das unmittelbar an die Wohnküche angrenzt, wohl nicht zu denken sein: Holzbadeofen aus den Dreißigern, Blechwanne, Waschbecken, Kloschüssel. Unter diesen Umständen muss eine kalte Katzenwäsche im steinernen Spülbecken vorerst genügen. Die Räumlichkeiten im Obergeschoss konnten warten. Bis der Makler zum verabredeten Ortstermin käme, blieben ihr noch einige Tage.
Vor der Haustür, auf dem Weg zum Auto, fühlt sie mit dem ersten Atemzug an der frischen Schwarzwaldluft zum ersten Mal nach langer Zeit wieder das Bedrängende, Einengende, das sie drinnen wie eine fette räuberische Spinne befallen und sich ihr auf den Brustkorb gelegt hat. Hier könnte sie auf keinen Fall länger als die paar eingeplanten Tage bleiben, auch wenn der Blick ins postkarten-idyllische Tal durchaus zum Verweilen reizte. Ihre beiden Hartschalenkoffer, Liege und Schlafsack deponiert sie vor dem Eingang unter dem für die Region typischen ausladenden Dachvorbau, füllt den vorgefundenen Putzeimer mit einem kräftigen Reinigungsmittel und kaltem Wasser, schrubbt Wände und Böden, bis ihr der Schweiß in Strömen über Rücken und Bauch läuft. Die nach hinten gesteckten schwarzen Haare lösen sich strähnchenweise, hängen ihr ins verschwitzte Gesicht. Immer wieder versucht sie vergeblich, diese durch kräftiges Pusten zurück an den ihnen zugewiesenen Platz hinter der Ohrmuschel zu kommandieren, weil sie ihre in gelben Haushaltshandschuhen steckenden Hände dazu nicht nutzen kann.
Drei Stunden später blitzen Flur, Wohnküche und das dazu gehörende Mini-Bad mit seinen antiken Delfter Fliesen blitzblank, so dass sie erst einmal eine Pause einlegen darf. Sie feuert den Küchenherd an, setzt Wasser in Ursulas altem Kupferkessel auf, um sich mittels der im Supermarkt im Tal eingekauften Earl Grey-Teebeutel einen Pausentee zuzubereiten. Sie wechselt die nass geschwitzte Bluse, in welcher auch noch die unausweichlichen Ausdünstungen eines Acht-Stunden-Fluges hängen, gegen ein frisches T-Shirt aus dem grauen Koffer, genießt danach den durch das weiche Wasser wundervoll aromatisierten Tee, sitzt zum ersten Mal entspannt auf der blitzblanken Eckbank und fühlt die seit ihrem Abflug in Boston in den Knochen steckende bleierne Müdigkeit. Kurz entschlossen wirft sie ihren ausgebreiteten Schlafsack über die im Garten ausgeklopften Sitzkissen des altersschwachen Sofas und ist trotz der sperrangelweit geöffneten Türen in Sekundenschnelle tief und traumlos eingeschlafen.
Ein Schlag wie von einer der in den regionalen Sagen vorkommenden Urgewalten weckt sie abrupt. Draußen zieht eines der für die Jahreszeit nicht untypischen heftigen Gewitter auf. Grelle, neongelbe Blitze und gewaltige Donnerschläge wetteifern um die beeindruckendste Performance am Himmel, ganz so, als ob sie alle Trash-Fernsehsender zum abendlichen Seriendreh erwarteten. Jolanthe benötigt einen Moment, bis sie sich wieder orientieren kann, wieder erinnert, wo sie sich befindet. Die alten Fensterläden klappern unter dem böiger blasenden Wind, die offenen Fenster schlagen bedrohlich für die altersschwachen Scheiben gegen die ausgetrockneten Rahmen, die offen stehende Haustür ächzt unter dem Druck der Luftmassen. Blitzartig wird der schlagartig Hellwachen bewusst, dass am Fahrzeug alle Fenster geöffnet sind. Sie muss trotz des jetzt kräftig einsetzenden Regens schnellstens nach draußen, nachdem wenigstens das Schiebedach per Klick auf die Fernbedienung geschlossen ist, wenn sie wegen der offenen Fenster am Pkw völlig durchweichte Sitze im Mietwagen vermeiden will.
Sie schlüpft in ihre Sneakers, rennt zur Scheune, öffnet das in seinen Angeln wie gequält quietschende, aber erstaunlich stabile alte Scheunentor, legt in Rekordtempo die kurze Strecke bis zum Golf zurück und kurvt diesen über den jetzt bereits nassen Schotterweg der Hofzufahrt ins Trockene ihrer Behelfsgarage, wo sie den Motor abstellt und das Fahrzeug auf mögliche Wasserschäden im Innern untersucht. Bis auf ein paar schnell trocknende Regenspritzer hat das Fahrzeuginnere nichts abbekommen, doch der Weg zum Haus führt jetzt durch Regengüsse wie aus Kübeln. Sie wartet einen Moment ab, sieht sich nach einem möglicherweise als Behelfsumhang dienenden Stück Sackleinen oder einer alten Folie gegen den vom jetzt fast nachtschwarz verdunkelten Himmel herabrauschenden Regen um, als sie ein klägliches Fiepen vernimmt. Sie kann in der von der steinzeitlichen Sicherheitslampe mit der 40 Watt-Glühbirne nur spärlich beleuchteten Scheune kaum die Hand vor Augen sehen, vernimmt jedoch das klägliche Miauen einer Katze, keine zwei Meter von sich entfernt.
Im Lichtschein ihres Smartphones, das nur noch wenig Akkuladung hat, entdeckt sie hinter den völlig eingestaubten, mit Spinnweben überzogenen alten Heuballen die um Hilfe jammernde weiße Katze mit den strahlend blauen Augen. Noch ehe ihr Blick auf deren blutige linke Vorderpfote fällt, hört sie erneut diese fast zarten, ängstlichen Rufe von oben. Dort muss demnach mindestens eine weitere Katze sein, vielleicht ebenso verletzt, und kurz entschlossen klettert sie trotz der erdrückenden Dunkelheit dort oben die alte, an der Wand verankerte, senkrecht nach oben führende Holzleiter empor, die unter ihren kaum sechzig Kilo bedrohlich ächzt.
Oben herrscht ein wüstes Durcheinander aus übereinander gestürzten und völlig verstaubten, teilweise mit gigantischen Spinnweben bedeckten Stroh- und Heuballen. Im letzten Licht ihres Smartphones erkennt sie die Ursache dieser anrührenden Fiep-Geräusche. Drei, nein vier winzige Katzenwelpen, höchstens zwei, drei Wochen alt, wie sie an den noch nicht lange geöffneten Äuglein unschwer zu erkennen glaubt, suchen offensichtlich nach ihrer Mutter. Ganz offensichtlich ist die verletzte Weiße unten am Scheunenboden die lange vermisste Nahrungsquelle. Kurz entschlossen packt sie alle vier nacheinander unter ihr hastig in die Hose gestopftes T-Shirt: Ein weißer, zwei schwarze und ein in diesem diffusen Licht undefinierbarer weiterer dunkler Welpe treten mit ihr den Abstieg zur rettenden Milchquelle an, auf die sich die vier, kaum ausgepackt, gierig stürzen.
Während die zarten Kleinen den Bauch der trotz ihrer Verletzung willigen Mutterkatze bearbeiten, untersucht Jolanthe die blutige Tatze. Dieses vor ihr liegende Tier muss in eine Falle geraten sein, die Pfote mit den blutigen Krallen hängt lediglich noch an ein paar Hautfetzen. Es ist ein Wunder, dass die jetzt trotz der offensichtlichen Schmerzen entspannt schnurrende, fürsorglich besorgte Katzenmutter nicht an dieser heftigen Wunde verblutet ist. Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigt der Ersthelferin, dass sie es vielleicht noch schaffen kann, am Spätnachmittag einen Tierarzt im nahen Freudenstadt aufzutreiben, um die Wunde dieser prächtigen Katze versorgen zu lassen. Sie entstaubt einen der herumliegenden Kartons, holt trotz des prasselnden Regens eiligst einige saubere weiße Betttücher aus Tante Ursulas massivem Eichenschrank im Obergeschoss des Hauses und legt diese als Unterlage in den Karton, packt dann Mutter und Kinder hinein und schafft sie trotz des noch immer heftigen Wolkenbruches zunächst einmal in den Hausflur. Sie bietet der Mutter in einem kleinen Glasschälchen aus Tante Ursulas Anrichte klares Wasser, welches die offensichtlich ziemlich Dehydrierte gierig leckt.
Während Jolanthe ihr Smartphone lädt, rubbelt sie sich mit einem der Küchenhandtücher halbwegs trocken, findet anschließend im Internet einen Tierarzt und meldet sich mit ihrer Notfallpatientin an. Die vier Welpen sollen die Mutterkatze ebenfalls für eine prophylaktische Untersuchung begleiten. Jolanthe kann nicht wissen, wie lange die Kleinen schon ohne Nahrung auskommen mussten, ob eventuell lebenssichernde Maßnahmen ergriffen werden müssten. Als ob das heftige Gewitter, das ebenso schnell wieder abzieht, wie es ins Tal gedrängt hat, alle sonstigen Gedanken, die ihr während der letzten vier Tage seit dem Notartermin durch den Kopf dröhnten und alle im Lauf der zurückliegenden zwei Jahrzehnte mühselig aufgebauten Gefühlsdämme niederzuwalzen drohten, einfach weggespült hätte, plant sie zielsicher ihre nächsten Schritte. Mit der nun selbst gestellten Aufgabe als Ersthelferin, womöglich gar als Lebensretterin, rückt alles Vergangene, schmerzhaft zu Erinnernde weit hinab ins Dunkel des Unterbewussten oder Halbbewussten.
An die Reinigung des Obergeschosses verschwendet sie keinen Gedanken mehr, auch wenn ihr bewusst ist, dass in fünf Tagen der Makler vom renommierten Maklerbüro aus Offenburg auftauchen wird, der vorgeblich bereits einen holländischen Käufer für das idyllisch gelegene Anwesen weiß. All das muss jetzt zurückstehen, die in Not geratenen Samtpfoten rücken ganz oben auf ihre Prioritätenliste. Fast vergisst sie in ihrer Sorge, sich in trockene Kleidung zu hüllen, greift auf die Schnelle ein frisches T-Shirt aus dem Koffer sowie eine trockene Jeans.
Der freundliche, kompetente Tierarzt, hier wie in der Provinz üblich schon jenseits der Ruhestandsgrenze, sieht sich gezwungen, dem weißen Muttertier die beschädigte Pfote vollständig zu amputieren. In diesem besonderen Fall legt er am Abend vor dem Himmelfahrtstag gerne eine Sonderschicht ein. Er erklärt seiner neuen Klientin, dass man nach Abschluss der Wundbehandlung eine Prothese anbringen könne, doch dies werde nicht ganz billig. Die vier Jungkatzen, er schätzt sie auf zweieinhalb Lebenswochen, zeigen auf der Waage eindeutig Untergewicht, was Dr. Steg auf die vermutlich für geschätzte zwei Tage unterbrochene Milchlieferung zurückführt. Alle vier erhalten eine Aufbauspritze mit Vitaminen und einem Entzündungshemmer, Jolanthe darf eine spezielle Katzenmilch inklusive in der Packung enthaltener Nuckel-Flasche mitnehmen, so dass sie problemlos über den anstehenden Feiertag ihre Babys ausreichend mit Nahrung versorgen kann. Für die Katzenmutter gibt ihr der fürsorgliche Arzt etliche Proben mit hochwertigem Energiefutter mit auf den Weg, dazu eine Flohkur für alle.
Auf dem Rückweg nach Hause – sie wundert sich über sich selbst, dass sie plötzlich in rhetorischen Kategorien wie „ihren Babys“ und „ihrem Zuhause“ denkt – fährt sie auf den Parkplatz des großen Einkaufszentrums, in welchem sie über die Internetrecherche eine Fachhandlung für Tierbedarf weiß. Sie deckt sich mit allem Erforderlichen ein: zwei Katzentoiletten, hinreichend Katzenstreu mit Klumpfähigkeit, Katzen-Vollnahrung für säugende Kätzinnen, Futternäpfen, einer weiteren Großpackung Babymilch und einer Vitaminpaste. Im Supermarkt auf derselben Etage besorgt sie sich angesichts der Entwicklung und dem daraus erwachsenden verlängerten Aufenthalt frisches Obst und Gemüse, Milch und Butter, Schafskäse und Sojawürstchen, Putzlappen und Reinigungsmittel. Ihre Rückbank und der Kofferraum sind jetzt völlig überladen, und beim Gedanken an ihr auf der Terrasse abgestelltes Gepäck überfallen sie die ersten Zweifel. Die Haustür hat sie ebenfalls nicht abgeschlossen, sie kann nur hoffen, dass die abgelegene Region nichts von ihrer einstigen Sicherheit eingebüßt hat.
Daheim setzt sie zuerst Mutter und Kinder im Karton im hinteren Teil des langen Flures ab, schneidet der dauerhaft gehbehinderten Mutter einen Eingang in die starke Pappe, damit diese nach dem Erwachen aus der Narkose trotz ihrer Beeinträchtigung das warme Nest verlassen kann. Jolanthe stellt die gefüllte Katzentoilette unmittelbar links neben der für Mutter und Kinder kuscheligen Behausung auf. Auf der rechten Seite findet sich dadurch ein Plätzchen für einen Satz der dreifach eingekauften Futter- und Wasserschüsseln aus Edelstahl, die unmittelbar gefüllt werden. Zum ersten Mal, seit der gewaltige Donner sie aus ihrem nachmittäglichen Dämmerzustand riss, gönnt sie sich eine Verschnaufpause, auch wenn die Kleinen bald eine Flasche benötigen werden. An ihrer Mutter dürfen sie heute nicht mehr trinken, damit das im Körper noch nicht gänzlich ausgespülte Narkosemittel die Jungen nicht ins Land der ewigen Träume befördert. Sie holt sich eine Tasse ihres längst erkalteten Tees und setzt sich auf die alte handgeschnitzte Bank auf der vom Dachvorsprung überdachten Veranda, trinkt in kleinen Schlucken, lässt die Gedanken kommen.
Tief aus ihrem Innersten kommen sie, seit sie die Schleusen geöffnet und zum ersten Mal seit Langem wieder an ihr früheres Zuhause gedacht hat. Wie Türen in endlos aneinander gereihten Räumen eines gespenstisch ruhigen Herrenhauses öffnen sich ihr Zugänge zu längst Vergessenem, längst vernarbt Geglaubtem. Strahlend helle Bilder tauchen ungefragt auf, Bilder von Frühlingssonnenstrahlen über dem bunt blühenden Bauerngarten Ursulas, Bilder von emsig scharrenden Bielefelder Kennhühnern, von kräftig und dominant krähenden Hähnen, mit stolz geschwellter Brust über ihren Harem mit wild durcheinander wuselnden Küken wachend. Sonnenfrohe Bilder vom spähend kreisenden Milan, von zeternden Elstern und selig singenden Amselmännchen, vom Lockruf der Blaumeise, in welchen immer wieder vom nahen Hausteich das gedankenlose Geschnatter der Rouen-Enten einfällt wie ein Störfeuer feindlicher Artillerie. Über allem Tante Ursulas friedliches, freundliches, wohlwollend lächelndes Gesicht mit den haselnussbraunen Augen unter dunklen, buschigen und ungezupften Brauen, die ihr zugewandt spricht. Doch sie kann ihre Stimme nicht vernehmen. Lediglich ihr Lächeln bleibt.
Und urplötzlich öffnet sich eine weitere Tür, tief hinab in lange Verdrängtes, ins Dunkle. Die Gedanken kreisen, rotieren, führen stetig tiefer hinab ins Schwarze, als ob sie soeben eine Treppe ins Unbekannte ganz unten betreten hätte: Großvater Ferdinand drängt herauf, den Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Bart wie stets ungestutzt, mit kaltem Habichtsblick ein Lächeln hervorquälend. Sie spürt ihren Atem schneller werden, spürt den heftig anschwellenden Druck in ihrer Brust, fühlt die aufkommende Atemnot, beginnt zu keuchen, zu hyperventilieren, will die Bilder mit der hastig geworfenen Hand wegwischen, ins Dunkel zurückschleudern. Sie drängen hartnäckig weiter hervor, dominieren die eben noch friedvolle Szenerie. Abrupt stellt sie ihre Tasse auf den kleinen Buchentisch mit den Vogelahorn-Intarsien, flüchtet sich gehetzt in die Küche, setzt wie in Trance Wasser auf, heizt den Herd erneut an, nachdem sie die verbliebene Glut freigelegt hat, packt die erste Packung Katzenmilch aus, studiert die Gebrauchsanweisung, atmet endlich ruhiger beim Lesen, erkennt den Wert dieser Ablenkung, so wie in den zurückliegenden Jahren jede Ablenkung durch Job oder Sport sie ruhiger werden, aus dem Dunkel der Erinnerung flüchten ließ. Hier, im alten, von Erinnerungen überfüllten Haus haben die frühen Nachtmahre sie erstmals wieder eingeholt. Sie wird sie nicht erneut die Oberhand gewinnen lassen, wird sich ihnen stellen, sie zur Ordnung rufen, dahin verbannen, wo sie hingehören.
Sie erinnert, während sie im gleichmäßigen Takt das Milchpulver ins heiße Wasser einrührt, die Worte ihrer Therapeutin Claire aus New York City, die ihr über viele Jahre dabei helfen konnte, diese hartnäckigen Gespenster zu besiegen: Stelle dich, klage sie an, verurteile sie. Dann werden sie im Dunkel ihrer eigenen Hölle verschwinden. Und dorthin wünscht sie diese Plagegeister. Sie sollen keine Macht mehr über ihre zutiefst verletzte Seele bekommen. Claire ist sie bis heute dankbar, weiß die Jahre währende Hilfe der vor drei Jahren Verstorbenen bis heute zu schätzen. Ohne diese Freundin und Therapeutin gäbe es nach dem erfolgreichen Master-Studienabschluss der renommierten Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, nach der erfolgreichen Promotion in London, über ihren ersten Bank-Job in Zürich, die folgende gut dotierte Anstellung bei der EZB in Frankfurt und ihre zwei Jahre bei der großen Londoner Bank bis hin zum ersten Job an der Wall Street, nicht den sich anschließenden rasanten Aufstieg zu einer der erfolgreichsten Brokerinnen an der Börse.
Auf der Flucht vor ihren Monstern aller Kindheitsschrecken war sie einst in die Staaten und zu Claire gelangt. Zur Behandlung ihrer Schlafstörungen hatte sie zu Claire gefunden, die wie durch eine himmlische Macht gesteuert ihre Praxis später nach Boston verlegte, nachdem sie einen Ruf an die renommierte Universität erhalten hatte. Ihre dauerhaft einfühlsame Therapie befeuerte Jolanthes Karriere erst so richtig.
Sie lässt ihre vier winzigen Schützlinge aus der inzwischen richtig temperierten Milchflasche trinken, achtet darauf, dass die ausgehungerten kleinen Stubentiger nicht zu hastig trinken, dass nichts vom klebrigen Weiß in die Atemwege gelangt. Zufrieden schlummern alle vier schon bald mit prallen Bäuchlein an der Seite ihrer Mutter, die, jetzt zwar wach, doch noch immer ziemlich benommen, die restliche Welpenmilch von einer kleinen Untertasse aufleckt und zufrieden schnurrend trotz ihrer nicht unerheblichen Verletzung mit dem obligatorischen Putzen der Kleinen beginnt. Zufrieden blinzelnd scheint sie Jolanthe zuzulächeln, und zum ersten Mal kann auch die Helferin zufrieden zurücklächeln. Hier wartet eine neue Aufgabe auf sie, die ihr die Bewältigung aller anderen Herausforderungen erleichtern wird. Diese kleine Katzenfamilie konnte sie vor einem grausigen Schicksal bewahren.
Alle fünf werden künftig zu ihrem Leben gehören, dessen ist sie sich absolut sicher, auch wenn sie noch nicht weiß, wie sie das Zusammenbleiben bewerkstelligen will. Sie schließt die Haustüre ab, legt den schweren Messingriegel vor, ehe sie an sich selbst denkt und sich ein leichtes Abendessen auf dem noch immer heißen Herd zubereitet. Lachsnudeln brauchen wenig Zeit, und während die Nudeln im Salzwasser vor sich hin köcheln, der Lachs in der schnell gezauberten Sahnesoße durchgart, bereitet sie die Vinaigrette für den Rucola zu. Trotz der draußen in der Folge des Gewitters deutlich abgekühlten Schwarzwaldluft ist es in der Küche und im Flur mollig warm. Die Tür zum Flur wird sie über Nacht offenlassen, damit sie wahrnehmen kann, ob bei ihren Schützlingen alles in Ordnung ist.
Satt und mit dem Ergebnis ihres ersten Tages zufrieden, spült sie Töpfe und Teller ab, ehe sie sich selbst mit dem letzten Restchen heißen Wassers aus dem Schiff ihres Herdes über der alten Steinspüle einer Katzenwäsche unterzieht. Womöglich kann sie morgen bereits eine Dusche oder ein Bad nehmen, falls sie die gründliche Säuberung des Obergeschosses schafft. Nach einem letzten Kontrollblick auf ihre Schützlinge, die friedlich in ihrem Behelfsheim schlafen, kriecht sie auf der ausgebreiteten Liege in ihren Schlafsack und ist in Kürze im Tiefschlaf. Sie schläft tief und traumlos, zehn Milligramm Diazepam haben alle trüben Gedanken, vor deren Aufkommen sie sich ebenso fürchtete wie vor den Gespenstern der Vergangenheit, ins Reich des Vergessens katapultiert. Um fünf Uhr in der Frühe dieses kühlen Himmelfahrtstages weckt sie ihr Handyalarm. Sie weiß im ersten Moment nicht, wo sie sich befindet, fühlt dann ihren Schlafsack, das Stahlgestell der durchaus bequemen Liege, erinnert sich des Hungers ihrer kleinen Pfleglinge, springt auf, gähnt noch im Halbschlaf dieser ungewohnt frühen Stunde, ehe sie den Herd anfeuert, auf dessen Feuerrost noch immer einige Glutbröckchen leuchten
Nachdem die Asche vom Vorabend vorsichtig entfernt ist, kann sie mit Hilfe einiger Reisigstücke und feinem Fichtenholz die Flammen erneut durch vorsichtiges Blasen zum Lodern bringen und setzt Wasser auf. Bis das Wasser kocht, putzt sie am steinernen Spülstein Zähne, wäscht Gesicht und Oberkörper mit kaltem Wasser und wirft nach dem Abtrocknen schnell ein Sweatshirt gegen die harsche morgendliche Kühle im Haus über. Sie rührt die Babymilch an und bringt der jetzt hellwachen Mutter, während die Welpenmilch abkühlt, eine Portionsdose der Spezialnahrung für säugende Kätzinnen. Snow White, wie sie inzwischen getauft wurde, macht sich gierig über die Nahrung her, Jolanthe stellt dabei fest, dass ihre Zitzen nicht angeschwollen sind. Wie der Tierarzt vorhergesagt hat, ist der Milchfluss durch die Narkose sowie die Behandlung der Pfote unterbrochen, falls überhaupt, wird es zwei oder drei Tage dauern, bis sich wieder Milch bilden wird. Sie setzt die nach der Amputation stark gehbehinderte Mutterkatze in die Katzentoilette, damit diese sich dort entleeren kann, legt ihr neben der Welpen-Behausung die im Tier-Shop erstandene Kuschelhöhle zum Ausruhen zurecht. Sie füttert die Kleinen nacheinander ab, die zubereitete Milch reicht gerade für alle vier hungrigen Mäuler.
Die zärtliche Amme überlegt sich beim Füttern passende Namen für ihre Findelbabys, doch jeden Einfall verwirft sie sofort wieder, bis ihr für das zarte, fast etwas schwache weiße Mädchen Snow Flake passend erscheint. Den großen, im Vergleich zu seinen Geschwistern kräftigen schwarzen Kater nennt sie zunächst Samson, dann Herkules, verwirft allerdings beide Namen schnell wieder, weil sie ihrer Einschätzung nach nicht so richtig zu einem Findelkind passen. Kaspar nennt sie ihn am Ende nach seinem berühmten badischen Findlingsvorgänger, erhofft für ihn allerdings ein besseres Ende, als es diesem armen Tropf beschieden war. Sie selbst, und das wird ihr zunehmend bewusst, wird alles tun, damit diesen fünf Samtpfoten eine gesicherte Zukunft winkt. Für Kaspars kleineren Bruder findet sie den Namen Paul passend, in Anlehnung an einen der US-Freiheitshelden, Paul Revere, dessen Denkmal sie während ihrer Zeit in Boston und ihren Wanderungen über den Freedom Trail mit Claire immer wieder bestaunen konnte. Übrig bleibt das Kleinste der drei Katerchen, dessen Fell dunkel, allerdings nicht wirklich schwarz wirkt. Je nach Lichteinfall scheint unter den dunklen Haarspitzen helles, fast silberweißes Fell durch, und sie wird sich im Netz informieren, um welche Farbe es sich dabei handeln könnte.
Sie weiß seit Dr. Stegs Analyse mit Sicherheit, dass Snow White eine Rassekatze ist, zur Familie der Britisch Kurzhaar genannten, eher rundköpfigen Stubentiger mit doppelt dichtem Fell gehört. Ihre Tante Ursula, das weiß Jolanthe aus deren Briefen, die in schöner Regelmäßigkeit zu Ostern, zu ihrem Geburtstag und zu Weihnachten in Manhattan und später in Boston eintrafen, züchtete seit Jahren diese Katzenrasse, nachdem sie die Ziegenzucht aufgegeben hatte, und Snow White muss eine der letzten Überlebenden sein.
Tante Ursula ist jetzt seit fast einem Jahr tot, und offensichtlich muss sich Snow White allein durchgeschlagen haben, nachdem keiner mehr im Haus lebte, der sich kümmerte. Behutsam träufelt sie der entspannt ruhenden Mutter vier Tropfen des Ungeziefer-Öls aus der Tierarztpraxis in den Nacken, um konsequent die lästigen Flöhe abzutöten, unter denen Snow White und die Welpen bereits zu leiden haben, was Jolanthe problemlos an vereinzelten verschorften Krusten im Fell erkennt – eine Folge heftigen Kratzens gegen die Plagegeister. Den Hausflur hat sie bereits abends mit einem eigens dafür erworbenen Spray intensiv behandelt. Sie will sicherstellen, dass ihr Familienzuwachs keinen Plagen mehr ausgesetzt ist. Familienzuwachs! Wie sie bloß auf die Idee zu dieser Bezeichnung kommt. Ausgerechnet sie, die sich nie für eine feste Partnerschaft, geschweige denn für eine eigene Familie mit Kindern entscheiden konnte. Tante Ursulas diesbezügliche Fragen in ihren diversen Botschaften aus Deutschland ignorierte sie beharrlich, bis sie ihr irgendwann gar nicht mehr antwortete. Die Tante schrieb munter weiter, insistierte ignorant auf ihren diesbezüglichen Wünschen. Ausgerechnet Ursula, die selbst unverheiratet und kinderlos blieb, wollte Großnichten und Großneffen. Und das nach allem, was sich hier im abgelegenen Schwarzwaldhof ereignet hatte. Jetzt käme jede weitere Intervention Tantchens ohnehin zu spät, mit 43 Jahren war Jolanthes biologische Uhr abgelaufen.
Vier Tage sind wie im Fluge vergangen, ausgefüllt mit Hilfsmutterpflichten und intensiver Grundreinigung des restlichen Hauses. Jolanthe freut sich über die samstags und sonntags gelungene Generalreinigung des Obergeschosses, verfügt dort oben endlich über ein richtiges Bad mit Wanne und Dusche, auch wenn der nur mit Holz zu beheizende Badeofen aus den späten Fünfzigern Museumswert besitzt. Er funktioniert noch immer tadellos, und am Abend dieses ersten Sonntags im Haus ihrer Kindheit gönnt sie sich, nachdem ihre Schützlinge bestens versorgt sind, ein entspannendes Wannenbad.
Das ehemalige Schlafzimmer ihres Großvaters hat sie komplett entrümpelt, mit den kleingesägten und kleingehackten Resten des eichenen Bettes, der Nachtkonsole und des massiven Eichenschrankes aus der Gründerzeit heizt sie angesichts der Abkühlung draußen – für Anfang Juni scheint es ihr selbst hier im Schwarzwald recht frisch, auch wenn sie möglicherweise die gefühlten Temperaturen intensiver wahrnimmt als es das alte Thermometer vor der Haustüre anzeigt – ihren Badeofen sowie den Küchenherd. Mit jedem Scheit des durch Destruktivität gewonnenen Holzes scheint sich ihre Distanz zum üblen Alten zu vergrößern, mit jeder neuen Flammenzunge meint sie, freier atmen zu können.
Den Gekreuzigten des alles andere als an christlicher Nächstenliebe orientierten Familienpatriarchen entsorgt sie in die Scheune, auf dem geräumigen Dachboden will sie ihn keinesfalls wissen. Im Haus hat er nichts mehr verloren, zu oft war sie früher gezwungen, ihm in sein bleiches, versteinerten Antlitz zu blicken, während sie Höllenqualen durchlitt. Tante Ursulas deutlich kleineres Schlafzimmer lüftet sie nach der feuchten Tiefenreinigung mit einem gängigen Allzweckreiniger gründlichst, klopft noch am Sonntagabend die durchaus brauchbaren Federkernmatratzen draußen mit dem alten Teppichklopfer aus, bezieht alles mit frischer Bettwäsche und schläft zum ersten Mal in der Nacht zum Montag wieder in einem richtigen Bett. Tief und traumlos, wofür mit Sicherheit ihre Pillen gesorgt haben. Kein Gewitter stört die wohlverdiente Nachtruhe, keines der Gespenster wagt es in dieser sternenklaren Nacht, den Styx zu überschreiten.
Jolanthe schläft tief und fest wie lange nicht, erinnert morgens keinen einzigen Traum. Sie weiß um Träume, die in den Halbschlafphasen keinen Zugang ins Bewusstsein finden, dennoch aber niemals verloren gehen. Irgendwann werden sie sich wieder rühren, und sie hofft, dann stark genug zu sein, um sich ihnen zu stellen. Während sie im Wasserkessel auf dem wieder angefeuerten Herd Teewasser zum Kochen bringt, rührt sie mit der inzwischen etwas abgekühlten ersten Wasserkesselfüllung die Welpenmilch an, versorgt Snow Whites Wunde, bringt ihr eine Portion Katzenfutter aus der Dose. Routiniert versorgt sie alle vier Welpen, die jetzt runde, volle Bäuchlein aufweisen, überlässt sie anschließend der Pflege ihrer Katzenmama. Diese leckt mit ihrer rauen Zunge alle vier gründlichst von Kopf bis Fuß sauber. Jolanthe hat ihr Erstaunen über den unglaublichen Willen dieser beinamputierten Katzenmutter abgelegt, der sie dreibeinig alle Wege bewältigen lässt, die hier im lang gestreckten Flur nötig sind. Zur Katzentoilette und zurück, zum Futternapf und zur Wasserschüssel, in den Karton ihrer Welpen. Sogar in die Küche wagt sie sich hin und wieder, scheint sich hier im Haus durchaus heimisch zu fühlen, was ihrer Ersthelferin bestätigt, dass Snow White eine von Tante Ursulas Katzen sein muss. Lächelnd dreht sie sich endlich von ihrer Samtpfoten-Idylle weg, übergießt ihren Grüntee mit dem inzwischen auf etwa 70 Grad Celsius abgekühlten Wasser. Als routinierte Teetrinkerin kann sie die passende Temperatur mit dem Zeigefinger fühlen, weiß so den jetzt bekömmlichen Tee wohl temperiert. Dazu frühstückt sie zwei Scheiben Toast mit Frischkäse, danach ihren schon obligatorischen halben Apfel, ehe sie in die zur Arbeitskleidung erkorene alte Markenjeans und ihr altes graues Sweatshirt schlüpft.
An diesem ersten Juni-Montag soll mit Wochenbeginn quasi die neue Zeitrechnung beginnen, ihre neue Zeitrechnung, sollen die ständig böse Erinnerungen auslösenden restlichen Hinterlassenschaften ihres Großvaters ein Raub der Flammen werden.
