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Das Buch beschreibt keinen Fluchtweg, sondern Jahresringe um einen Standort.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bisherige Veröffentlichungen:
Wert und Bewertung von Firmenanteilen (1981)
Unter der Hand der Lichts. Gedichte (2008)
Die Logik des Herwegs. Philalethische Bemerkungen (2008)
Ehe der Mond war. Gedichte (2009)
Sinn und Zeit (2009)
Mit-Sein (2010)
Oder nichts. Fußnoten zur Logik (2010)
Die Entdeckung des Seins (2011)
Sprache. Ursprung und Gestalten (2011)
Menge und Un-Menge (2012)
Wahn (2012)
Die Zukunft der Wahrheit (2013)
Das Heilige (2014)
Der freigelassne Trost. Gedichte (2015)
Fugenkitt (2016)
Gertraud Linke zu eigen.
Der Enkelabschied
Geruch der Koinonia
Companion for Death?
Gerber und Schreiber
Brülls Buch
Der Nihilist und der Traum
Der Brief
Todesspirale
Die Royal
Arbeit und Sinn
Das Surrogat
Das Problem des Selbsthasses
Bock und der Judenstern
„Endlösung“
Komm!
Der Engländer
Intermezzo
Transit
Endlich
Salz der Erde
Daß Hiersein herrlich sei – dieses Dichterwort wollte mir schon als Kind nicht einleuchten. Das hatte nichts mit dem Krieg zu tun. Den nahm ich zwar wahr, empfand ihn aber als Abwechslung und wunderte mich, wenn sie zitterten, als wir im Luftschutzkeller saßen. Ich begriff nichts, und doch verstand diese Tumbheit, daß ein Begreifen nicht nottat, wenn man sich langweilte. Die nächtlichen Bomber befreiten mich von der Stickluft des Tagesablaufs. Großvater und Mutter trugen mich im Waschkorb hinunter. Großvater fluchte auf die „Alliierten“. Großmutter wies ihn zurecht. „Der Hitler“ sei längst am Ende, und Wahnsinn wäre es, jetzt noch Parteigenosse zu werden; man solle sich vorsehen.
Wovor, war dem Kind ein Rätsel, aber die Mahnung hatte Gewicht. Man mußte auf der Hut sein. Jederzeit konnte Unheil kommen. Aber was war das: Unheil? Die Frage blieb selbstverständlich unausgesprochen, aber die Antwort fiel täglich vom Himmel.
Dennoch: Als man mir eines Morgens zurief, der Krieg sei aus – tatsächlich gab es keinen nächtlichen Alarm mehr – quittierte ich dies mit Bedauern und handelte mir strenge Blicke ein. Ich schien querzuliegen. Das warnte mich, laut zu sagen, was mich bewegte: kein Krieg mehr – das war das Unheil. Etwas Zähes machte sich breit und flößte mir Unlust ein: Normalität. Der Begriff war mir nicht geläufig, aber ich litt darunter. Gleichzeitig rügte ich mich deswegen. Unklarerweise wurde mir nämlich klar, ich stünde auf verlorenem Posten, wenn man entdeckte, daß ich mißbilligte, was alle in Ordnung fanden. Ich vermißte eine Anwesenheit, und es schien mir, daß das umgekehrt auch so sei. Vorsichtshalber beschloß ich, noch Kind zu bleiben.
Großmutter besaß etwas Anwesenheit. Sie war gütig. Vielleicht bedauerte sie mich, weil Großvater auch den Vater geben mußte und es so handfest tat, daß ich die Scheidung der Eltern kaum bemerkte. Großmutter sang Kirchen- und Wiegenlieder.
Großvater sang nie. Er war Finanzbeamter. Es traf sich nun, daß die Oberbehörde Finanzamtsleitungen zu besetzen hatte und Kandidaten suchte, die weder gefallen waren noch das Kainsmal der Parteimitgliedschaft trugen. So avancierte „der Paul“, wie ihn, der eigentlich Max hieß, seine Zechgenossen nannten, zum Oberen einer Provinzfiliale. Dort führte er ein eisernes Regiment, was niemand so recht begriff, da die Lebensmittelmarken nur das Nichtsterben garantierten und ein Dank in Gestalt einer halben Sau fast jeden in Versuchung zu bringen wußte.
Daß „der Paul“ zu den UpperTen des Städtchens zählte, schlug sich jedoch nicht nur materiell nicht nieder, sondern bescherte dem Enkel einen Nachteil subtilerer Art. Der ehrgeizige Volksschüler stach nämlich mühelos aus der Schar der Probanden heraus, was ihm für sich schon keine Freundschaft eintrug. Das spitzte sich freilich zu, als der Religionslehrer die auswendig zu lernenden Katechismuspassagen zwar allen anderen, nicht aber dem Enkel abverlangte: „Setz dich; du kannst das.“ Das Vertrackte war, daß ich es wirklich konnte und die Anerkennung mich hoch befriedigte. Nie hätte ich die Möglichkeit in Betracht gezogen, der Pfarrer könnte Großvaters Stellung wegen so weit- oder nachsichtig gewesen sein. Sein wirkliches Motiv habe ich nie erfahren; die Mitschüler fragten nicht lange und warfen Steine nach mir. Großvater, dem ich es angstvoll-empört berichtete, wollte nur wissen, wo die Wunden seien, und winkte, da ich keine vorweisen konnte, gelangweilt ab.
Am Abend fand ich keinen Schlaf. Die Furcht vor weiteren Neid-Exzessen trieb mich um. Ich war früh eingeschult worden, deshalb jünger und schmächtiger als die meisten; hatte also Gründe, Händeln aus dem Weg zu gehen. Den Unterricht zu schwänzen, lag jenseits meiner Phantasie. Überdies – das lag diesseits – wäre Großvaters Reaktion mindestens so fürchterlich gewesen wie ein abermaliger Steinhagel. In den „Heldensagen – für die Jugend erzählt“ hatte ich von Skylla und Charybdis gelesen. Jetzt begriff ich die Stelle. Es half mir nur nicht weiter.
Unbemerkt kam Großmutter ans Bett. Sie hatte wohl ein Signal meiner Bedrängnis empfangen und begann, mir das Brahmssche Lied „Guten Abend, gut Nacht“ vorzusingen. Das Stück war mir nicht unbekannt, traf mich aber in dem mir unbekannten Zustand völliger Hilflosigkeit. Die Wirkung fiel zugleich fürchterlich und erlösend aus.
Fürchterlich, weil ich in diesem Augenblick zum Doktor der Melancholie promoviert wurde und diesen Titel seitdem unfreiwillig Ehre mache; erlösend, weil sie mir einen Standort außerhalb der Banalität anbot. Das lag an den letzten Zeilen:
„Morgen früh,
wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.“
Wenn Gott will? Ich widerstand der Versuchung, mich der Sängerin an die Brust zu werfen, und murmelte entschlossen: „Wenn er doch nicht wollte!“
Großmutter weinte. Sie brach gewissermaßen in meine Tränen aus. Ich würgte mein Mitleid hinunter; ich hatte mit mir zu tun. Eine Häutung begann. Die unerschütterliche Gewißheit eines Abschieds brach durch. Der Geheimagent, der zu sein ich mir kunstvoll eingebildet hatte, wußte mit einem Mal, was sein Auftrag war: nicht die Welt auseinanderzunehmen, ihr den fetten, faden Hintern zu sengen, sondern aufzubrechen, irgendwohin. Hölderlin galt damals noch nicht als „Klassiker“, fehlte also in Großvaters bürgerlicher Pflichtbibliothek. Goethe und Schiller langweilten mich. Wußte der Olympier nicht, daß Heidenröslein Wespen anziehen, das gräßliche braune Zeug, das ohne Grund und Warnung zusticht? Einzig an Werther fand ich ein Gutes; der brachte sich um. Das Warum war freilich nicht mein Geschmack. Ich hielt mich, ohne zu wissen, daß es ihn gab, an den Seher von der Garonne und meinte, viel später, es müsse mich gezeugt haben.
Fortan mied ich die Steinewerfer, und auch zu Erich, einem zwanzigjährigen Sonderling, der meine Nähe suchte, hielt ich Distanz. Es kam mir nicht geheuer vor, daß jemand sich meiner annahm. Nur die sechs Kinder des Amtsoberoffizianten blieben mir nicht erspart, doch da mußte ich wenigstens keine Angriffsgelüste fürchten; sie benahmen sich irgendwie leibeigen. Das fiel mir nicht weiter auf, doch genoß ich es ab und zu, mich vor sie hinzustellen und mir eine Handvoll Süßigkeiten ins Maul zu schieben, um sie an meinem Genuß – nicht an den Bonbons – teilhaben zu lassen. Ich schäme mich noch heute, Marx ein paar Jünger zugeführt zu haben.
Meine hauptsächliche Beschäftigung bestand in der Hoffnung auf eine Änderung. Diese trat dann auch ein, als Großvater an Krebs erkrankte und nach längerem Siechtum starb. Damals tat man das noch zuhause, was es mit sich brachte, daß das Finanzamt monatelang zugleich Sterbeanstalt war und ich die Vorhöfe des Todes aus der Nähe betrachten konnte. Das ließ die Garonne-Fraktion in mir bedenklich ins Wanken geraten, und ich fiel vor dem Tod in Panik. Genauer gesagt: vor „diesem“ Tod, der so spießig daherkam wie die sonntäglichen Mittagessen in der Bahnhofs-Restauration, denen ich nur selten entfliehen konnte.
Als sie dem ganz gelb gewordenen Mann die Augen zudrückten, wozu ich, bei Offiziantens wartend, nach oben befohlen wurde, rannte ich, dem Herzschlag nahe, hinauf, alle Furien in meinem Nacken wähnend.
Wochenlang weigerte ich mich, ohne Licht zu schlafen; jede Nacht erschien mir der Aufgebahrte, grausig entstellte Großvater, fror ich wieder wie beim Begräbnis und stürzte vorzeitig heim, wo die Erinnyen mich schon erwarteten. Als das Entsetzen, sehr langsam, wich, trat ein Aufruhr an seine Stelle: Das Leben kann so nicht sein, und dreimal nicht kann sein Ende so sein. Ich hatte zwar vom ewigen Leben gehört, aber die Art, wie es uns im Religionsunterricht dargeboten wurde, ließ keinen Funken überspringen. Ein allgemein üblicher latenter Antiklerikalismus tat das Seine. Wahrscheinlich ist das Ganze eine Volksausgabe der „Heuristischen Fiktion“ des Herrn aus Ostpreußen. Feige und heuchlerisch mutete das „Als ob“ mich schon damals an – ich bevorzugte das Entweder Oder.
Der Umzug zurück in die Landeshauptstadt veränderte in der Tat fast alles, und leider nicht zum Guten. Die Dienstwohnung war für eine Witwe reichlich bemessen; für drei Menschen aus drei Generationen erwies sie sich als Vorhölle. Mutter hatte zunächst kein Einkommen; Großmutters Witwenpension schmolz nach jedem Zahltag rasant dahin. Der Enkel wurde in das Zimmer der Großmutter plaziert. Weil ihm das mißfiel, erkor er das gemeinsame Bad zu seinem Refugium, was einen Dreißigjährigen Krieg mit der Mutter hervorrief, den der Knabe einigermaßen schadlos nur dadurch überstand, daß er sich in einen Bücherfresser verwandelte. Zudem geriet er in einen Kreis von Mitgymnasiasten, dessen Mentor, ein Oberstudienrat, eine Art Wandervogelgemeinde ins Leben rief und auch am Leben erhielt.
Das stürzte mich ins Dilemma. Eine Warnglocke läutete gegen Vereinnahmung, doch ein Gegenton befahl mir dann wieder, die Revolte noch einmal zu vertagen. Was mich abstieß, zog mich noch stärker an: der Geruch der Koinonia. Ich konnte mich an nichts Vergleichbares erinnern, und dennoch war es eine Erinnerung, der meine Skepsis nichts entgegenzusetzen vermochte. Belang hatte das „nostrische“ Element. Der Satz, daß der Staat das der Natur nach Frühere sei, konnte mich später kaum mehr erstaunen; ich hatte ihn erfahren.
Die Episode kam an ein jähes Ende, als Mutter eine Sprechstunde zum Anlaß nahm, sich bei unserem Mentor über den „Dreißigjährigen Krieg“ auszuweinen. Daraufhin gebot mir der Häuptling unwirsch, mich zu „bessern“, was ich barsch zurückwies. Der Wortwechsel erfrischte mich ungemein; meinem Hinauswurf aus der Kommune kam ich durch Austritt zuvor. Obwohl mich nie das Gefühl beschlich, meine Leistungen im Fach Deutsch hätten nachgelassen, mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß die Zensuren nach diesem Vorfall sich spürbar verschlechterten. Ich ahnte Mentors Geschoß, doch mein Triumph war mir heilig. Um so mehr, als es Hinweise darauf gab, daß zwischen Mentor und Mutter eine Beziehung aufgekeimt war. Die Frage, ob ich da nicht einer doppelten Eifersucht frönte, stellte ich mir nicht; ich hätte sie sonst beantworten müssen.
Was dann kam, war Epiphanie. Ich wußte nicht, wessen, aber das war mir einerlei. Vielleicht erschien die Garonne als Person. Oder Diotima. Ich werde nichts unternehmen, genau zu sein: es hätte keinen Zweck. Verliebt war ich nicht – das wäre zu wenig gewesen. Mose war nicht verliebt, als er Mose wurde…
Das Vorkommnis hieß E., war Ankunft und Entkommnis in einem. Referendarin am Gymnasium: Deutsch, Geschichte, Erdkunde. Tochter gutbürgerlicher Eltern. Bruder beruflich gescheitert: mein Zukunftsbild.
E. war 12 Jahre älter; Siebenundzwanzig, um genau zu sein. Ich begehrte sie nicht: das wäre lächerlich gewesen. Weniger gesellschaftlich, als von ihr selbst her. Sie gehörte ja dem, kraft dessen sie tumbem Enkel Damaskus wurde. Ich, der ich nichts begriff, verstand alles. Nahm wahr, daß das Wahrheit war, aber nicht wie in Büchern, sondern hilflos wie meine Wahrnehmung. E. tat mir Gewalt an, indem sie gar nichts tat. Johanna, die Täuferin, würde ich heute sagen. Sie animierte zu nichts: sie re-animierte. Stärkung ging von ihr aus, die unendlich schwach war; Einflößerin eines Traums auf alles, weil alles sie war und allein ihretwegen ein Recht hatte, ihretwegen aber ein Recht auf alles.
Sie brachte zu sich, was tot war; geschah dem Heimatlosen als Heimat; geheimatete ihn in alles Mögliche, was alles aus ihr kam. Genauer: was gegen die Welt sprach, also für sich – für E. und mich, was ein und dasselbe war. E. und ich geschahen befreitermaßen. Duft „Schwabings“ nannten wir es und waren doch sicher, daß das so wahr war, wie es nicht zutraf. Schwabing war eine Lüge: E. war Wahrheit: Räusche beneideten unser Hiersein.
Mit E. zu sterben, wäre das Leben gewesen, meinte ein Dummkopf, der meinen Namen trug, und gefiel sich in hohen Sprüchen, die er Gedichte nannte; schrieb und soff ziemlich viel. Er war entelechisch begeistert, wußte aber nicht so genau, wovon.
Sie schwieg, wenn ich dummes Zeug verzapfte, und redete, wenn ich nichts mehr sagen konnte. Ich wußte, ich war nicht wert, daß sie da war: und ebenso wußte ich, daß, wenn sie fort wäre, nichts mehr wäre und ich verkommen müßte.
E. hat den Rausch nicht gescholten. Sie war nämlich selbst der Rausch, nur der viel bessere, und verargte es keinem, nicht ihr Gewicht zu haben, wußte sie doch, sie sei nicht einholbar. So übte sie Erbarmen, wo andere vorschnell urteilen und sich Gericht einhandeln.
Nicht zu trinken ist noch kein Paß in das Reich der Himmel, denn die Himmel sind selbst eine Trunkenheit. E. verdammte die Trunkenheit nicht; sie bedauerte aber den Rausch, der nicht nach Treue zu X schmeckt.
E. beherbergte Sinn. Um diesen herum entstand ein anderer Kreis von Mitgymnasiasten. Der Unterschied zur Wandervogel-Gemeinde war gewaltig. Es gab kein nostristisches Element. Die E.-Koinonia verstand sich nicht als Leib ohne Weiteres, in dem man aufzugehen hatte. Sie verstand sich überhaupt nicht: sie war verstanden. Auch fungierte sie nicht, wie der Oberstudienrat, als Leib-Zentrum – und damit als knappes Gut, um das man sich, Regeln beachtend, heimlich balgte –, sondern als Kopf-Verleiherin, als Sinn ohne Obrigkeitsgebärde, als unknappes Gut, das frei macht. Klingt albern, traf aber zu. Nie zuvor und kaum je danach, Guardini im Hörsaal ausgenommen, erschloß sich mir Aktualitätsdimension und Koexistenzfähigkeit von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit so un- wie selbstverständlich wie in der E.-Koinonia. Das kroch nicht aus Krämpfen, quoll und schwoll nicht, sondern kam, Aristoteles sei gepriesen, „zur Tür herein“. Obwohl wir nie philosophierten, habe ich nirgends mehr Philosophie gelernt als bei diesen Zusammenkünften.
Es störte auch keinen, daß E. verlobt war. Sie hätte alles mögliche sein können; es wäre kein Problem aufgetaucht, denn sie war alles Mögliche. Das eine freilich besonders: sie wirkte ständebildend im Sinne des Stehens-zu. Einmal – wir hatten uns zu einem Treff zu Zweien verabredet – erschien sie nicht zur vereinbarten Zeit. Stunden vergingen; ich wartete ohne Verdruß und Unruhe. Strenggenommen wartete ich gar nicht, sondern stand als Erwartung da, und es genügte. Ich ertappte mich bei dem Einfall, selbst wenn sie nie mehr käme, würde ich immer warten, und nichts wäre weniger. Als sie dann kam, bat sie nicht um Entschuldigung, sondern sagte fast trocken: du bist treu. So jemand kann alles: warten, hungern, sogar sterben. Zum ersten Mal bedauerte ich, daß E. verlobt war.
Eine Woche später zeigte sie mir einen Brief von Klaus. Er schrieb, sein Vater mißbillige die Liaison „nach wie vor“. Um kein Zerwürfnis heraufzubeschwören, habe er, Klaus, sich deshalb „schweren Herzens“ entschieden, das Verlöbnis aufzulösen.
Ich schaute so teilnahmslos, wie ich konnte, um zu verbergen, daß ich dem Augenblick nicht gewachsen war. Das war nicht falsch, denn E. teilte mir einigermaßen spröde mit, sie werde ins Rheinland fahren, um „noch einen Versuch zu machen“: Mißlinge der, sei sie „frei“.
Meine nächsten Tage verliefen wie in einer Taucherglocke. Nichts mehr war wirklich, und nichts war wirklicher. Ich wußte nicht, welchen Ausgang ich mir wünschen sollte. Daß sie „frei“ zurückkäme? Was sollte, was durfte – dann werden? Aus dem innersten Ring meiner Menschenzwiebel kroch ein gefährlich-herrlicher Satz nach oben: Be my companion for Death. Ich tadelte mich und beschimpfte meinen Tadel sofort als spießig. Brahms kroch hinterher: Morgen früh, wenn Gott will… Was tun?
Gab es eine Hochzeit mit dem Tod, den Tod als Hochzeit? Und Großvaters Tod? Und E.? Stand sie nicht für eine „Botschaft“ die zwar verwandeln wollte, aber nach einem Gesetz, dem auch E. unterstand – um wieviel mehr dann ich? Konnten wir, konnte ich das Gesetz werden? E. hatte mich – ohne Worte – gelehrt, daß Gesetz und Freude keine Widersprüche sein müssen. Das Fascinosum der ineinanderfallenden Gegensätze hatte sich in mir eingenistet, aber noch auf Probe. Ich fürchtete, der Proband war ich, und verurteilte mich zum Nächstliegenden: zu warten, was aus dem rheinischen Versuch werde. Warten war ja mein Talent, und ich würde schon sehen, wo meine Treue besser aufgehoben sei.
Der Versuch gelang. Es gab eine Hochzeit; Klaus und E. bezogen eine Wohnung im Westen der Stadt. Die E.-Koinonia löste sich zwar nie auf, doch das Ende der gymnasialen Epoche zerstreute ihre Mitglieder in den Versuch, sich zu etablieren.
Ich nannte mich mittlerweile Dichter und begriff sehr ungern, daß man auf Versbasis weder studieren noch leben konnte. Mutter hatte einen dürftig dotierten Posten in der Verwaltung angenommen und war aus der Dreierwohnung ausgezogen, so daß ich mich dort kommoder fühlen durfte – allerdings nur, solange Großmutter nichts zustieß. Ich wußte weder so recht, welche Fakultät ich belegen noch welchen Beruf ich ergreifen sollte. Berufen fühlte ich mich zu keinem. Ich kannte mich zwar als Pflichtwicht, aber ein Leben lang täglich Profanmaloche war doch ein düsterer Horizont. Noch war mir das Kreuz ein Buch mit sieben Siegeln, also auch die Erkenntnis, daß tägliches Tun nur selten Berufung ist, viel häufiger Golgotha.
Da von Mutter finanziell nichts zu erwarten war und mein Ehrgefühl es mir auferlegte, Großmutter nicht auf der Tasche zu liegen, griff ich zur mittleren Qual von Aushilfsjobs: Nachtwächter, Spüler, Hilfskonditor, Registrator und „Photostatic Equipment Operator“ vervielfachten meine Liebe zur Arbeitswelt jedoch leider nicht, und zwei Sprachdiplome ohne handfeste Zusatzkenntnisse ließen den Markt auch nicht jubeln. Ich fühlte mich freilich kaum deklassiert als vielmehr darin bestätigt, ich und die Welt seien nicht kompatibel. Was lag also näher, als meine Lebenspläne auf das vertraute Nachtmahl mit dem Tod zu fokussieren.
Inzwischen traf es sich, daß im Schloß Herrenchiemsee ein polyglotter Aushilfsschloßführer gesucht wurde. Der Grundlohn war jämmerlich, doch die Miete in Castellans riesiger Wohnung fiel moderat aus, und im Personal fanden sich, neben Chiemgauer Holzgeschnitzten, bemerkenswerte Exemplare, die den Stumpfsinn angenehm würzten. Dr. Rad etwa, Kunsthistoriker auf der Flucht vor Nazijägern, hatte in Norwegen wohl ein besonderes Wesen getrieben. Er schleuste seine Gruppen nicht durch, sondern hielt akademische Vorlesungen, was viele Bäuerlein, die mehr dem Leierkastenstil zuneigten, zu noch größerer Zurückhaltung beim Trinkgeld hinriß.
Hark, der Säufer, hatte es besser. Sein hohlwangiges Gesicht war Garant des Mitleids, so daß er allabendlich stolze Summen in Branntwein und Champagner verwandelte und nach einem Sonderboot ans Festland verlangte.
Greif, der Nachtwächter, konnte von solchem Geld nur träumen. Dafür trank er keinen Tropfen Alkohol, seit er, wie ich jede Woche einmal hören durfte, in Rio volltrunken ins Meer gestürzt war.
Mit Hark konnte auch ich mich nicht finanziell messen, doch blieb in guten Monaten immer noch das Vielfache des Grundlohns „hängen“, so daß nach Saisonende mehr als ein Überleben gesichert war. Gratis lernte ich zudem, meine Schüchternheit zu bezähmen und Vorträge vor hundert und mehr Hörern nicht nur zu überstehen, sondern sogar vergnüglich zu finden. Fast hätte ich mir vorstellen können, Demagoge zu werden, doch Dr. Rad entschied, für Parteikarrieren sei ich zu kultiviert; auch sähe ich nicht aus wie ein Demokrat – das wollte er als Kompliment verstanden wissen…
Klaus war anders, als ich befürchtet hatte. Gebildet, unarrogant; mit der Welt befreundet, doch nicht verheiratet; Ironiker von Gnaden. Am verblüffendsten: Er schien mich als Homme de lettres zu akzeptieren. Ich besuchte die Beiden oft; so trug ich es ihm auch nicht nach, daß er den Dichter auf dem Balkon versteckte, wenn seine Eltern, inzwischen aus dem Rheinland nachgezogen, zu unangemeldeten Besuchen kamen. Er hatte wohl Angst, ich könnte mich im Ton vergreifen; möglicherweise wollte er weder mich seinen Eltern noch jene mir zumuten.
Das wies – ich sinnierte darüber nicht lange – auf innere Spannungen hin. Es schien mir, als siedele er in einem Niemandsland zwischen bürgerlichem Kodex und existenziellem Randzustand. Vielleicht hing es aber auch damit zusammen, daß er, wie E. mir ohne kommentierendes Gefühl beiläufig andeutete, die Ehe nie „vollzog“. Sein nobles, im guten Sinn preußisches Naturell ließ Vertiefungen des Themas nicht zu. E. respektierte das; ich sowieso.
Eines Tages war Klaus verschwunden. E. verwies, zu Recht, darauf, dies sei Klaus‘ Art nicht, und drang auf Suchtrupps. Die wurden ihr zugestanden, als ein E. bekannter höherer Verwaltungsbeamter sich dafür verwendete. Es fand ihn aber ein Waldarbeiter; Klaus hatte Gift getrunken. Sein Abschiedsbrief war bürgerlich: „..meine innigstgeliebte Frau..“ Von anderem kein Wort. Wir trugen ihn zu Grabe. Ein protestantischer Geistlicher sagte einiges, was nach Sartre klang: Geworfen-Sein. Manche seiner Schüler weinten.
Damals zerbrach die E.-Koinonia oder der Rest davon zwischen E. und mir. Genauer gesagt, sie zerbrach nicht; sie war nicht mehr möglich; E. mußte eine Entscheidung treffen und traf sie zugunsten Klaus‘. Das leuchtete – endlich, sagte ein Kobold in mir – auch mir ein, und so gingen wir zwar nicht auseinander, aber seltener miteinander.
Klaus, der Selbstmörder. Der Bürger war dem Dichter zuvorgekommen! Der Dichter hatte kein Recht mehr, sich umzubringen. Ich war fast empört, doch vor allem ratlos.
Zuweilen ging ich in eine Kirche. Nicht weil ich gläubig gewesen oder geworden wäre, aber es gab keinen passenderen Ort. „Morgen früh“ und „frei“ – was hätte ich tun sollen? E. fragen? Das war vorbei.
Im übrigen hatten mir die ermittelnden Kriminalkommissare augenzwinkernd bedeutet, sie könnten dem Selbstmord keinen Geschmack abgewinnen und hielten ein raffiniertes Schurkenstück für nicht abwegig. Greifbares hatten sie freilich nicht. Ich nahm aber, halb belustigt, zur Kenntnis, daß sie E. und mir Abgründiges zutrauten. Das war, was mich betraf, so schlecht nicht gedacht, nur in die falsche Richtung.
Ich saß in der Falle. Ein Ende hätte sich angeboten, doch Klaus‘ Ende hatte mir „meinen“ Selbstmord aus der Hand geschlagen. Rimbaud wollte ich nicht werden, und vor einer Laufbahn als Alkoholiker riet mir ein freier Mitarbeiter meines Schutzengels ab; Fallada hieß der Herr. Ich kam mir vor wie ein Rehrücken in der Beize.
Ich fuhr wieder nach Herrenchiemsee. Doch nach drei Tagen sprach ich bei der Verwaltung vor und kündigte fristlos. Das gehe nicht, murrte der Oberlandwirtschaftsrat. Er brauche mich; ich sei das beste Pferd im Stall, und die Saison beginne doch eben. Wann ich es mir anders überlegte, wolle er sich für meine Verbeamtung einsetzen – im gehobenen Dienst. Ich erhob mich und nahm das nächste Schiff.
Mehrere Auslandsreisen füllten das Vakuum nicht, leerten aber die Kasse. In deadly Lissabon hätte man zwar gut sterben können, doch ich bildete mir ein, „Lissabon“ gäbe nur die Bühne ab; es fehlte der Mitdarsteller. Wirklich? Wäre „Lissabon“ nicht geringfügig gegen „Damaskus E.“? Daß Sterben Gewinn sei, las ich bei Paulus, überlas aber, daß es heißt: „mein“ Gewinn und vergaß obendrein, welches Lebens wegen um wessentwillen das Sterben so attraktiv ist. Ich hatte zu viel Philosophie geschluckt und sperrte die Mutmaßung aus, Wahrheit könne Person sein: begabt zu sprechen und „herzukommen“. Etwas verweigerte meinem Denken den Anstand, das Eingeständnis, der Intellekt sei ein Messer in dieser oder auch jener Hand, zu diesem oder auch jenem Zweck. Das Hiersein war mir weiß Gott suspekt, doch der Verdacht griff nicht weit genug dahinter. Ich dachte, wenn ich nur dächte, wäre die Ernte nicht zu verhindern; der „Grund“ sei begehbares Territorium, der Hinweg dazu diskursiver Natur. Daß der Salto mortale des Apostels ein Sprung aus dem Denken hinaus war, „Damaskus E.“ nur ein Schuß vor den Bug, entging mir. Mein Eifer trug noch den Namen Saulus. Ich wollte nicht nachfolgen, doch auch das war Nachfolge: stolz, also dumm. Ich suchte die Wahrheit wie der Bräutigam eine – nein: seine – Braut. Daß die Wahrheit der Bräutigam sein könnte, wäre mir töricht erschienen. Ich mußte wohl erst ein „Gerber“ werden.
Dazu bot sich Gelegenheit bei einem Maschinenbauunternehmen. Ich hatte mich, existenzieller Sorgen wegen, dort beworben und erhielt die Stelle; den Ausschlag gaben die Fremdsprachen. Ich wurde der Exportabteilung zugeteilt und sollte als Rechte Hand eines ältlichen Fräuleins agieren, das dem Patron aus dem Dunstkreis eines Nazi-Granden zugeflogen war und nun sein Leben damit verbrachte, dankbar zu sein, also für Drei zu arbeiten und die Truppe in Zucht und Ordnung zu halten. Ich befaßte mich mit Korrespondenz, übersetzte Betriebsanleitungen und dolmetschte bei Besuchen ausländischer Geschäftspartner. Da ich keine technischen Kenntnisse besaß, schien es mir ratsam, Interesse zu heucheln, was auch gelang und begrüßt wurde. Der Schachzug war um so segensreicher, als der Patron, Ingenieur und passionierter Sklaventreiber, auf alles Kaufmännische mit atemberaubender Verachtung herabsah. Da er mich offenbar für nicht ganz nutzlos hielt, wurde mir die Ehre zuteil, ihn bei Auslandsreisen zu eskortieren. Ich erfuhr, daß Verkauf nicht gleich Versand war, sondern auf Akquisition beruhte; man mußte seine Ware anpreisen. Da ich mir das zwar nicht zu Herzen, aber doch ziemlich glaubhaft zu Kopfe nahm, begann ich in der Wertschätzung des Alten langsam zu steigen. Er meinte, es wäre schade, so ein „Potential“ mit Bleistiftspitzen zu „versauen“. Ich solle also zusehen, an dem Fräulein vorbeizuziehen. Wie, das überlasse er meinem „Konfliktgeschick“; er wolle nur keinen Ärger.
Schöne Bescherung. Ich wollte eigentlich arbeiten und nicht metzeln, schon gar nicht als Hund des Herrn. Außerdem gab ich mich keinem Zweifel hin. Das Fräulein war zwar ein Muli, aber mit Sonderstatus. Dem ersten Versuch, die Rechte Hand ab- und Hand an sie zu legen, würde sie den Mitleidseffekt entgegensetzen und den Patron vor die Wahl stellen: sie oder ich. Das Resultat wäre zu erraten gewesen.
Es kam anders. Der Alte erlitt einen Herzinfarkt, der ihn geraume Zeit außer Gefecht setzte. Auch nach der Genesung verboten ihm die Ärzte Flugreisen. Das Fräulein-Problem war zur Hauptsache geworden. Der Patron erklärte der Dame, an ihrer Rücksicht und Loyalität hänge das Wohl des Unternehmens. Sie verstand sofort, gehorchte genauso rasch, und ich war Exportleiter – mit der Dame als Rechter Hand. Zu ihrem Ruhm muß ich sagen, daß sie zu keiner Zeit schmollte oder gar sabotierte; versprochen war versprochen.
Der Dichter kam nun weit herum, und eine Gnade – vulgo Glück – fügte es, daß der Erfolg nicht ausblieb. Der Exportumsatz stieg von zehn auf fünfundvierzig Prozent, was der Patron, zum Teil sogar zu Recht, der hohen Produktqualität zuschrieb. Immerhin war ich dem Bleistiftspitzen entronnen und in der Lage, eine Familie zu ernähren.
Inzwischen hatte ich nämlich meine Sekretärin geheiratet, und Wolfgang, unser Sohn, war geboren worden. Ich hatte gehofft, das Mädchen zu „Lissabon“ überreden zu können, aber ich drang nicht durch oder tat es nicht eindringlich genug; es ist mir nicht mehr präsent. Gut möglich, daß der „Gerber“ die Sache hintertrieb; solche Leute fahren zu anderen Zwecken nach Lissabon.
Ich befand mich in einem Zustand präklinischer Schizoidie. Der Schreiber haßte den Gerber; dieser rächte sich mit Geringschätzung, und beide hatten ihre Not mit der Koinonia Familie. Andererseits wußten beide nicht – was ihre Nachfolger heute wissen –, daß sie der neuen Koinonia ihr Überleben verdankten. Der Schreiber wäre an sich selbst, der Gerber an der Trivialität erstickt oder, schlimmer, hätte sich in sie geflüchtet – um eines Tages Amok zu laufen. Die „Person Familie“ war die einzige sichtbare Autorität, die den Zusammenprall der Spaltungsprodukte verhütete, indem sie dem Gerber bedeutete, er zerfiele ohne den Schreiber um Nu zu nichts, dem Schreiber aber, er säße ohne den Gerber schon längst auf der Straße oder im Irrenhaus, und beiden, sie täten gut daran, ihr, der Person Familie, Tag und Nacht zu danken. Es war wohl tatsächlich so: der Gerber wurde kein Aktivist des Mammon und der Schreiber nicht endgültig zum Vasallen des Dämons Schwermut. Das Ganze verdiente zwar immer noch nicht das Prädikat harmonisch, aber ein schrumpfungsfähiger Unfug war es fürs erste schon.
Die Demut Gültigerem gegenüber schließt ja nicht aus, der Demütige zeige sich hochmütig, billige keine Traditionen von unten her, sei also „Nihilist“. Es gibt eine Pflicht zum Nihilismus, denn wer Gefäß werden will, muß sich ausleeren, Kenosis einüben, damit Raum werde für den Ein-Fluß. Daß das zu Spaltungen der Person führt, ist leicht erklärlich, sozusagen sogar in Ordnung und notwendig – wie soll denn die Not sich ausdrücken als im Nein zum Falschen? Der Schizoide ist, ohne Gott zu sein, Tempelreiniger, Austreiber des Verzichtbaren. Damit indessen verstößt er gegen die Prägungen durch das Verzichtbare; es bauen sich Fronten auf, die er nicht wünschte, aber auch nicht vermeiden darf. Ein Starkmut entsteht, den viele tollkühn nennen. Wogegen ein solcher kämpft, das bekämpft hinwiederum ihn. Der Augenschein spricht für Krankheit, doch in der Regel trügt er.
Wie echt das durchbricht, ist eine andere Sache. Der den Tempel reinigt, fängt, oder Utopie geschieht, jedenfalls bei
