Das Heilige - Manfred Linke - E-Book

Das Heilige E-Book

Manfred Linke

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Beschreibung

Das Heilige ist kein Produkt des Mythos. Divination kann auch irren, denn was wir ahnen, ist möglicherweise das Gegenteil dessen, worauf es ankommt: nicht Norm, sondern Standard transkategorischer Herkunft.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Bisherige Veröffentlichungen:

Wert und Bewertung von Firmenanteilen (1981)

Unter der Hand der Lichts. Gedichte (2008)

Die Logik des Herwegs. Philalethische Bemerkungen (2008)

Ehe der Mond war. Gedichte (2009)

Sinn und Zeit (2009)

Mit-Sein (2010)

Oder nichts. Fußnoten zur Logik (2010)

Die Entdeckung des Seins (2011)

Sprache. Ursprung und Gestalten (2011)

Menge und Un-Menge (2012)

Wahn (2012)

Die Zukunft der Wahrheit (2013)

Dank an Gertraud, die den sperrigen Text technisch bewältigte.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Mythos und Ethos

Schicksal

Tod

Die Eigenart des Himmels

Krankheit und Revolution

Verzweiflung als solche

Self-fulfilling prophecy

Über-Organe

Das „dritte“ Reich

Sehnsucht

Das Gebet der Hoffnung

Divination?

Angst

„Organasmus“

Status quo semper

Panformation

Das Heilige, der Mythos und der Irrsinn

Adoption

Der uranometrische Mensch

Entmengung

Theophagie

Fiktion?

Ausweg?

„Aviterie“

Kranz und Raum

Ökonomie und Hagionomie

Reue

Das nostrische Geschöpf

Uranalgie und Hermeneutik

Die Geburt des Seins

Sein und Nano-Sein

„Korea“

Hirt des Seins?

Gebet

Seins-Geburt und Kosmos

Der tiefe Staat

Macht

Andere Instrumente

Die Dummheit

Das Heilige und das Mögliche

I Entrinnbarkeit

Freundschaft und Unterstandard

Die andere Ebene

Schuld

II Fußnoten

1. LOGIK UND FIKTION

2. VORSEHUNG UND VORHERSEHUNG

3. ALTER

4. PHOSPHOR: ERSTE LIEBE

5. GEBET

6. AUSCHWITZ

7. UPRIGHT

8. AUTEGORIE

9. STAAT

10. WORT-SEIN

11. TRANSIT EUROPA

12. ARZT

13. PHILALETHIE

14. KIRCHE

15. ELUMINATION

16. PSOMA

17. „NICHTS“

18. KOMMENZ

19. STAURANOS

20. GLÜCK

21. „SYSTASIS“ (ISRAEL)

Epilog

Glossar

Stichwortverzeichnis

Begriff

Am Ende seines Buches „Das Heilige“ schreibt Rudolf Otto: „Über dieser Stufe des Profeten aber läßt sich dann eine noch höhere, dritte denken und erwarten, unableitbar wieder aus der zweiten wie es die zweite aus der ersten war: die desjenigen, der einerseits den Geist in der Fülle hat und der anderseits zugleich selber in Person und Leistung zum Objekte der Divination des erscheinenden Heiligen wird. Ein solcher ist mehr denn Profet. – Er ist der Sohn.“

Damit verkürzt er – jedenfalls umkehrschlüssig – das Heilige als Begriff auf Wahrnehmung. Divinatio heißt nämlich „Ahnung“, bezeichnet also – vielleicht – den Eintritt des Un-Gewohnten in das Gewöhnliche, „Rationale“, umgekehrt aber – vielleicht – nur den Tastversuch „irrationaler“ Sehnsucht nach dem Erahnten. Die Frage bleibt offen: Ist das Tremendum oder Fascinans ein Numen, ein „Wink“ des Erahnten oder Fiktion des Erahnenden?

Also: Ist das Erahnte „heilig“ oder Produkt des Mythos, der ja nicht zwingend Gültiges aussagt, sondern vielleicht ein Norm gewordenes Dämonarchisches? Niemand schützt Divination vor Irrtum, gibt es nicht, jenseits genormter Ergriffenheit, das Ergreifende „selbst“: jenen, der „..zum Objekte der Divination des erscheinenden Heiligen wird“, also Standard, nicht Norm ist.

Ist denn das Un-Gewohnte tatsächlich un-gewohnt, oder verhält es sich eher so, daß die „irrationale“ Hoffnung sich seiner sehr wohl erinnert, aber, qua Normderivat, nicht standardäquivalent? Das würde bedeuten, daß das Begriffsinventar des Nähertretens zum Heiligen unscharf wurde und es nicht ausreicht, von ihm zu sagen, es „sei“, sondern die Eigenschaft einschließt, es sei ein „kommendes“ und, ihm beizutreten, Bedürfnis. Kategorien sind da nicht hilfreich, denn sie tradieren Normen. Dem Standard muß eine Selbstauskunft zugetraut werden. Kein Lobgesang kann „autegorisches“ Diktum ersetzen: „Ich bin es.“ Winken kann auch der Teufel – aber wie heißt der?

Entscheidend ist nicht mein Urteil über den Standard, sondern ob dieser erkennen kann, daß mein Beitritt nicht halbherzig ausfällt, sozusagen als Prophylaxe gegen tremende Rache. Ob mir einleuchtet, Himmel sei vorgesehenes Mit-Sein und Da-Sein nicht Alternativtalent, weil der Embryo notwendig aufhört, wird er geboren. Erst dann fällt Autegorie nicht auf steinigen Boden: daß das Sein, will es Faktor sein, machtlos gegen die – vorgesehene – Freiheit sein muß, diese aber, verneint sie sein Selbst-Sein, verendet. Divination ohne Weiteres kommt da nicht weiter, denn ihre Frömmigkeit kann auch Wahn sein.

Standard schließt Unterstandard transkategorisch aus. Gilt das nicht auch im Christ-Sein, ist Christ-Sein mythischer Humbug und unverbindlich. Das Sein geht daran nicht zugrunde, aber der Lüge, es sei fiktiv, geht die Luft aus. Gott ist nämlich ein eifersüchtiger Gott. Nicht wie Meier, sondern der Herrlichkeit wegen, die allein Er diffundiert und die sonst niemandem in den Sinn kommt. Jeden, der daran Anstoß nimmt, speit er aus, denn der Anstoß behindert das Seligwerden der Hoffnung, die kleinere Münze verabscheut.

Deshalb gehört es zum Seins-Inventar, zu sterben, damit das Da-Sein nicht meine, es lebe, bloß weil es vorkommt. Kein Gott, der nicht sterben kann, kann beleben, und niemand, der ihm nicht nachstirbt, kann leben. Es ist das Markenzeichen der Wahrheit, eher verrückt zu sein, als zu lügen. Deshalb stirbt sie nicht nur – sie wird umgebracht, weil sie treu bleibt; und wer ihr beitritt, hat es nicht leichter als Schulz und Müller, aber kann sterben lernen.

Wie „selbst“ ist denn Meier ohne das Sein als „Selbst“-Sein? Hofft er nicht, weil auch Müller hofft, der vielleicht Platon tradiert, den ein Mythos dazu begabt hat? Kann es nicht sein, daß der Mythos irrt? Wenn nein – warum gibt es dann nicht nur Einen Mythos? Was sagt denn der mythische Plural? Ahnt er vielleicht nicht das Erste, sondern das Spätere, Kontradiktorische, Sinnentleerte? Hofft also Meier ins Blaue, weiß er dann, was sich zuträgt, stirbt er? Kann er das denn nicht nur, stirbt das Sein zuvor, und woher weiß er, ob er das Kann – oder will –, teilt es ihm das nicht mit? Faszinierend mag es ja sein – aber „ist“ es? Ist es aber nur Mythos, kann es dann nicht genauso gut auch der Tod sein und, daß es Liebe sei, bloß Gerücht? Folgt daraus nicht, daß Religionen zwar ehrwürdig, aber falsch sind und Divinationen vielleicht bloß genasführte Sehnsucht? Daß, was sie hochhalten, sie nur niederhält, und ihre Wege Holzwege camouflieren? Wer sagt uns, daß Mythoi nicht einfach „Mythanatoi“ sind und verhehlen, daß sie nicht Schuld begleichen, sondern Schuld „sind“? Daß also Menschenopfer nichts taugen, sondern nur Mythenopfer den Menschen erlösen, diese aber nur möglich sind, tritt er dem Sein bei. Aber wie kann er das, weiß er doch nicht, was er tun soll, sagt es ihm nicht das Selbst-Sein – nicht Platon? Wer diviniert denn den Für-Tod Christi, hindert ihn eine Sage, Christus sei Mythos? Mythen sind namenlose; der springende Punkt ist der Name des Selbst-Seins, den Späteres unter Verschluß hält. Das Begriffssystem aller Mythen nötigt uns ja zur sagenfixierten Daseinsdeutung, die mit der Wahrheit mutmaßlich nichts zu tun hat.

Ist nämlich Wahrheit Person und der Himmel ihr Ur-Projekt – paßt das Tremendum zu diesem heiligen Einfall, chiffriert er doch Mit-Sein-Können? Und das Fascinans: Bezaubert uns möglicherweise nicht auch das un-gewöhnliche Schicksal? Oder das Numen: Beschränkt sich das Selbst-Sein auf „Winke“ – wo es doch sprechen kann und wir hören können –: Kann es uns da nicht auch Fallen stellen, und wäre das Adel? Hat Numen Botschaftsformat? Oder die Rituale. Drücken sie Liturgie aus oder nicht eher Dressur? Heißt das nicht, rituelle Handlungen stehen für Unterlassungen des Entscheidenden: auszuwandern ins Reich der Himmel und Zeit adhokzisch zu definieren? Zwingen uns Religionen nicht in Änigmata, die uns das Selbst-Sein – Liebe-Sein unterstellt – ersparen möchte?

Gibt es denn die verheißungsfreie Divination, ahnt sie nur Ahnungen? Buddha hat kein Erahntes, und selbst die Juden ahnen doch nur verheißungshalber, was zutrifft. Ohne Tora wäre Israel sich ein Rätsel. Könnte es dann der Heiland der Welt sein? Nimmt es da wunder, behaupten die Religionen, sie seien Theódoroi, wissen aber, was der Theós ist, nur darlehenshalber: von Israel? Aber selbst Israel „glaubt“ nicht, sondern zieht seinen Vorteil daraus, daß es Braut ist, also kein Mythos wurde wie Griechenland oder Indien.

Wer hat denn, gibt es ihm nicht das Erahnte – „ist“ es denn – ein, eine Ahnung, was „sein“ kann, außer er wähnt, er sei der Verheißer? Aber dann täte ihm keine Hoffnung not, und er verstünde, zu sterben. Aber wer tut das, ist er nicht Gott und der Tod sein Mittel zum Zweck des Himmels? Verheißung ist Maßstab und Kompaß, Ahnung die Wette auf beides. Wetten wir aber nicht auf Verheißenes? Ja, doch die Hoffnung setzt auf Erinnerung, und ihr Wagemut reflektiert ein Ererbtes. Selbst-Sein vererbt sich ja doppelt: als „Daß“ und als „So“; „daß“ es und „wer“ es ist. Mythen tradieren ein Divinabile, das uns nötigt; Selbst-Sein entbirgt sich als Wiederentdeckung früherer Ehe. Ahnung hat keine Ahnung, wem sie über den Weg traut. Der Divinator geht heldisch vor, und sein Scheitern erstaunt ihn so wenig wie Siegfried. Der Wiederentdecker scheitert vielleicht genauso, aber dann scheitert er wie das Selbst-Sein, das er vergessen hatte. Der Divinator stirbt möglicherweise aus; der Entdecker steht „hoffentlich“ auf.

Mythos und Ethos

Im Mythos gerinnt Vor-Geschichte zwischen dem Sein und Meier zu Typika: Ratlosigkeit, Trotz und Opferbereitschaft. Ratlos ist Meier, weil Proto-Meier Verlobung stornierte; trotzig, weil er die Schuld zurückweist; opfersüchtig, weil sie ihn einholt. Der Mythos drückt also Vielfalt aus; eines ist er gewiß nicht: heilig. Er weiß nämlich weder, daß er ein Mythos ist, noch was er sonst sei, noch was das Sein sei. Sein Publikum zwingt er zur Falsifixierung: Das Sein seien Ahnen, Katzen, Trolle, Riesen und Zwerge, Götter und Helden, und deren jeder wolle gefürchtet oder geehrt sein. Von „Gott“ spricht kein Mythos, vom „Bösen“ genauso wenig, was zur Vermutung berechtigt, Mythos-Mandant sei – weil Gott, qua Selbst-Sein, nicht in Betracht kommt – ein Dämonarch; Jemand, der weder „ist“ noch „nichts“ ist: der Mythos mython. Der Dämon incognito steht für das Schicksal des Mythos, nicht enden zu können, aber verenden zu sollen.

Mythisch lebt man, am Sein gemessen, auf Pump, denn das Heilige, dessen wir uns erinnern, ist mystischer Art und befreit uns vom Da-Sein als Mythos, da sei kein Selbst-Sein jenseits des Da-Seins. Mythos ist „Man“ statt meiner, und „ich“ bin Häftling. „Man“ ist die Kollektivform des Un-Heils, sozusagen das Numen des Bösen, später bekannt als „Masse“: derer, die zwar berufen waren, aber, da untreu, verloren gingen. Der „modern myth“ übersetzt das in Gegenwart, hat aber, gilt das Sein, keine Zukunft. Zukunft hat nur das heilige Mit-Sein, denn heilig ist nur das unaufhörliche Selbst-Sein.

Das Heilige hat einen Namen, der mittels Treue bekannt ist. Vergessen, vergißt es, die es vergaßen, denn seine Ehre war Erbgut. Ja, daß das Da-Sein von Normen regiert wird, ist schändlich; aber wie lobenswert war, daß Adam nicht heilig wurde und Friedhöfe wurden? Divination ist kein Freibrief zum Irrtum, sondern im günstigsten Fall Befreiung vom Irrtum Mythos. Mythos ersetzt nicht Ethos, das Grundverhältnis zu Pater und frater noster. Mit-Sein steht für Familie-Sein – mythisch zu Totem mißraten. Heiliges impliziert einen Kodex des Paar-Seins von Wahrheit und Liebe. Dieser mutiert im Mythos zum Handbuch des Sollens und Meidens, zu Pflicht und Tabu.

Aber das ist der Freiheit geschuldet, diese aber der Liebe als Diffusivum. Diese aber ist alternativlos, oder das Sein wäre „keines“. Es gibt kein Gesetz als das onto-logische, unzeitgemäße. Krankheit versehrt, begabt aber auch zum Uneigennutz faktorischen Wirkens. Wäre das Sein ein „gesunder“ Herr-Gott, wäre ihm Adam nicht eingefallen. Heilige sind eo ipso Kranke, weil sie das Mit-Sein mit Gottes Wahnsinn vermitteln, uns zuzulassen. Seit Otto hält sich der kantische Kaufmannsirrtum, Heiliges tue hygienischermaßen not; doch das Heilige ist kein Ehrfurchtsprodukt, sondern Un-Ding, das, unter anderem, Ehrfurcht hervorruft. Diese jedoch, weil mythoskontaminiert, weiß selten, worauf sie aus ist, und stiftet im Zweifel Schaden (etwa wenn sie auf Stalin aus ist).

Heiliges trägt sich jenseits von „Religion“ zu, ist aber ebenso wenig ein „regulatives Prinzip“ zwecks Chaosverhütung. Heiliges ist überhaupt nicht „wegen“ – es „ist“, und seinetwegen ist alles „da“ oder jemandes – wessen? – Fehler. Biblisch heißt das: „Ich bin, der ich bin“.

Ja, das ist Anmaßung; aber was sonst ist Wahrheit, gälte genauso gut „keine“? Wahrheit ist, ihrem Nichtbauplan nach, arrogant, denn die Liebe, mit der sie verwandt ist, maßt sich ja an, mich einzunehmen. Sollte sie es auch vermeiden wollen? Wäre sie dann noch liebens-würdig geschweige denn wahr (gewesen)? Gälte dann nicht der Zwist? Krieg ist nämlich die Chuzpe der Divination, das Divine sei notwendig un-eins; doch wer entscheidet dann, wem der Sieg gebührt? Ein übermächtiges Schicksal? Ist dann das Paar-Sein nicht widersinnig, weil Streitkultur, Arché also Polemarché und Friede höherer Zufall? Schöbe, zudem, die Heimarmene das Seins-Problem nicht in die Besenkammer: „Es“ teilt mir – anmaßend – dies oder jenes zu. Es, nicht die Wahrheit. Wäre das nicht ein olympisches Faustrecht?

Schicksal

Wer steht nun über dem Schicksal-Diktator? Das Überschicksal, das niemand, auch nicht das Schicksal, kennt? Wäre das logischer als ein Fatum – und wäre es auch gerecht? Denn wenn die Liebe – unter dem Schicksal – niemanden bindet, desavouiert sie dann nicht die Hoffnung, die Jeden bindet? Kann denn das Schicksal (oder das Überschicksal) Erhofftes sein, kann es doch fürchterlich sein? Wäre die Wahrheit – unter dem Schicksal – nicht „keine“, jedenfalls keine seriöse? Nicht einmal „Christus“, der närrische Gott, könnte dann heilig sein, denn das Heilige kann nicht lügen, und seine Ohnmacht – sein Faktorausweis – wiese kein Schicksal in die Schranken. Christus, der niemanden bindet, ist divinatorischer Unsinn, und seine Heiligen sind, wie er selbst, Paranoiker.

Bindet er aber, bindet er auch das Schicksal, denn ohne Freiheit ist Hoffnung zwecklos und Himmel ein Scherz des Schicksals. Bindet das Selbst-Sein, bindet es an den Himmel als Mit-Sein; bindet es nicht, ist mein Ich-Sein „fatal“.

Zwar gibt es dann noch das Problem: Die Freiheit nennt Bindung absurd; die Sehnsucht, daß sie nicht hoffen solle, Erhofftes binde. Freiheit ist zeitgebundene, Hoffnung zeitungebundene Ordnung. An diesem Paradoxon hängen Himmel und Erde, und Christus, der Über-Fatale, bürgt für die Lösbarkeit des Dilemmas.

Hoc est mysterium: Amalgam aus Tremendum und Diligendum. Der Mythos spaltet das Amalgam; herauskommen „Religionen“: fides tremens und caritas importuna.

Gewiß: Da bleibt, als Kreuzderivat, der Stachel alias Tod und sein Vorfahr, der paradoxale Schmerz. Krankheiten leuchten der Freiheit nicht ein, doch der Hoffnung leuchtet die Freiheit vom Selbst-Sein nicht ein, und beide nennen einander verkehrt. Wer da recht hat, weiß möglicherweise Christus, doch Christus kann nicht beurteilt werden, weil er das Sein ist, oder das Selbst-Sein wäre Absurd-Sein. Dann gäbe es aber auch keine Liebe, Freiheit aber erst recht nicht. Würden wir nicht entstehen können, könnten wir auch nicht auferstehen, und Heiliges wäre heillos, sprich heils-bedürftig, was aber Meier nicht weiterhülfe – wenn es ihn dann noch geben könnte. Das Sein impliziert Kompliziert-Sein. Simpel ist nur das Kontra; doch davon leben wir nicht, sondern sterben.

Mysterium ist die Erststimme, deren Begleiterscheinung, die Freiheit, ihr nahekommt, aber, als Faktum, auch auf Distanz bleibt. Daß das dem Faktor Schmerzen zufügt, ihn aber auch verherrlicht, versteht sich – ebenso aber, daß auch die Freiheit nicht schmerzfrei sein kann, will sie nicht „nichts“ sein, Christlich verstanden, hat sie das Kreuz zu tragen, an das sie den Faktor heftet; hegelisch ist das Doppelkreuz Beider mystische Eintracht. Christus hat auch in Hegel recht. Sein Selbst-Sein ist, weil es „selbst“ ist, So-Sein und bindet, was „da“ ist. Hegel bindet das So-Sein (Christi) nicht, denn er ist Divinator, nicht Divinat: frei, doch nicht heilig. Christus ist frei zur Selbstdiffusion, Hegel zu deren Mißverständnis.

Kann Hegel um keinen Darmkrebs bitten? Wenn ja, ist sein Weltgeist Unsinn; wenn nein, gilt Christus. Kann Hegel aber daran auch sterben? Wenn ja, stirbt der Weltgeist; wenn nein, stirbt Hegel. Empört er sich nun dagegen, empört er sich gegen Hegel, und Christus behielte recht, denn der Darmkrebs wäre die Auferstehung vom Darmkrebs Da-Sein. Ist das nicht das K.O.-Kriterium heiliger Wahrheit?

Tod

„Kann“ man denn sterben? Die Hoffnung sagt Nein und Ja. Nein, denn sie hofft ja über den Tod hinaus; Ja, denn sie hofft auf den Tod des Todes. Dem Nein ist der Tod ein – unbeherrschbares – Ärgernis, doch dem Ja verbürgt es, er könne mich nicht beherrschen. Das Nein empört sich gegen den Tod als Meister der Hoffnung; das Ja bekennt sich zum Selbst-Sein als Herrn des Todes. Es stimmt ja: Der Tod zieht Meier das Hemd aus und stellt ihn bloß. Aber was ist denn das für ein Hemd? Die Hoffnung sagt: Bloßgestellt wird der Verlust der Treue.

„Kann“ ich daher nicht sterben, weigert sich der Verlust, zu sterben. Hoffe ich auf den Tod des Todes, ist, daß ich sterbe, Gewinn und der Tod der Beginn des Lebens. Entwurzelt mich also der Tod, entwurzelt er, daß ich tot bin, befähigt aber die Lebens-Mitte zum Mit-Sein. Todesangst hat der Verrat, die Bigamie mit dem Da-Sein. Untreue „war“; deshalb stirbt sie: um heilig werden zu können. Der Tod entpuppt sich als unangenehmes Geheimnis, fungiert er doch als Ent-Schuldung im Namen der Huld.

Roßkur? Vielleicht, aber Kur. Ist das Heilige nicht Fiktion, kann es sterben (wollen), doch nicht vernichten (lassen). Ungebilligt besitzt der Tod keine Macht. Er dient: als Therapieassistent.

Dem Selbst-Sein entspricht der Himmel als heiliger Standard. Dem Faktum, als Erben, entspricht also kein Caeliculum minderer Qualität. Das ist der Maßstab: Der Tod garantiert, daß der Himmel weder das Sein noch Meier verspottet. Weißwäscher ist er keiner, doch Feststeller, wer zum Himmel oder zu „nichts“ paßt.

Paßt nun ein Mensch zum Himmel, mag er mit Goethe sagen, er sei „des Treibens müde“ und sogar Dome lächerlich finden, verkündet ihm doch die Hoffnung, am Mit-Sein gemessen seien sie „nichts“. Was hindert ihn dann am Sterben, wenn nicht der Auftrag, das zu bezeugen, Phosphor zu sein? Dann „kann“ er auch sterben – möglicherweise sogar am „Kreuz“. Der Rest widerfährt ihm als Auferstehung, die niemand „glaubt“, aber jeder voraussetzt.

Krankheit macht deshalb keinen gesund, doch die Auferstehung vom Tod macht sie – mit Ach und Krach – tragbar, denn wenn der Tod nicht mehr gilt, gilt der Krebs zwar noch immer, aber nicht ewig, und seine Qualen relativieren sich, weil Gott Gott ist.

Auferstehung kann, wie das Sein, nicht bewiesen werden; aber daß Dome entstehen, rührt nicht vom Affen her, sondern vom Menschen, der mit dem Sein verwandt ist und seine Hoffnung in Steinen ausdrückt, welche statt ihrer sprechen. Heiliges macht nichts Gewöhnliches, sondern baut Wohnungen für die Sehnsucht des Beispiel-Menschen, der, daß er heilig sein solle, vergessen wollte. Chartres nimmt das vorweg; wer es sieht, può morire perché non muore. Divinieren läßt sich da nichts, denn die Treue hat keine „Ahnung“, sondern erinnert sich ihres Tangiert-Seins, und ihre Auferstehung ist Memorabile.

Eigentlich langweilt der Nichttod, zieht er doch Zeit in die Länge und zwingt zum Verzicht auf Hoch-Zeit. Der Treuemangel begrüßt das, doch seine Kurzweil enttäuscht ihn mit schlechten Kopien, und seine Todesangst hat das Problem, nicht mehr durchzudringen. Dem Botschaftsempfänger ist „alles plus X“ bekannt. Alles“ heißt „jede Menge“, „plus X“ die verheißene Freude, der noch die Sprache fehlt, weil die Un-Menge keinen Vorschuß auszahlt und auf die Zuständigkeit des Todes hinweist.

Nichttod ist Nichtauferstehung. Das Heilige dringt aber auf die Auferstehung, und derentwegen akkreditiert es den Tod als Transportunternehmer und dessen Subcontractor Verzweiflung. Der Krebs, ob dessen ich aus dem Häuschen gerate, ist Baumeister meines Abbaus gen Hochbau. Wenn nicht die Freiheit, beglaubigt das meine Langeweile. Sie billigt nämlich das Leid noch immer nicht, billigt ihm aber, schrittweise, zu, es tröste, obwohl es martert. Wer da nun was, und zu wessen Gunsten, wahrnimmt, bleibt unklar, aber daß die Verzweiflung, langsam, verschwindet, macht sich bemerkbar. Ob das als Friedensbedürfnis vorkommt, weiß niemand, aber daß Jemand Jemandem beitritt, liegt nahe. Möglicherweise ist es auch beides: „Christus“. Christus vernichtet die Langeweile, weil er die Zeit, die zu „nichts“ führt, auflöst. Übrig bleibt dann noch Er und jeder, der sich nicht schämt, ihn vorzuziehen.

Das Heilige ist kein Niemandsland, sondern Heil-Land. Außerhalb seiner war Ausland, solange Zeit war. „Danach“ ist, zeitlich gesehen, „zuvor“ und das Heilige exklusiv: „es“ und jene, die seiner gedachten, weil ihre Hoffnung sich seiner erinnerte und nicht ausschloß, daran zu sterben, solange dazu noch Zeit war. Diesseits des Himmels ist Ekstasis oder „keiner“. Wenn „keiner“, lohnt sich die Hoffnung nicht; wenn Ekstasis, lohnt sich sonst nichts. Entweder sind wir heilig in spe oder Desperados. Wenn Desperados, dann mangels Himmels. Verzweiflung kommt nicht von ungefähr, sondern tritt logisch ein, wenn das Heilige relativiert wird und Un-Heil ausbricht. Ekstatisch können auch Todgeweihte leben, weil sie zum Himmel halten, also nicht sterben können. Verzweifeln mögen sie können, aber das Sein erlöst sie zum Mit-Sein, und ihre Qualen antizipieren den „jour de gloire“.

Die Krise rührt vom Als ob her. Der Relativismus relativiert nicht nur Gott; er zermalmt auch die Tapferkeit, ja sogar die Begabung zur Freiheit, Gott zu verfluchen. Das wäre doch – immerhin – Zwiesprache: Glaubst du denn, Gott, daß der Schmerz nicht Empörung auslöst, glaubt, daß er kreuzbedingt auftritt, vielleicht noch Einer aus zehn Millionen? Ist es dann nicht an der Zeit, die Hirten zu wechseln, die ihn von innen her, also kreuzfrei, entsorgen wollen? Wer Gott für Fiktion hält, pfeift auf das Kreuz, doch die Qual entsorgt er damit gewiß nicht. Unrelativ zu Gott ist sie absoluter Skandal, und die Kranken sind notwendig Lucifers Fünfte Kolonne. Erbarmen ist nicht, das Sterben für obsolet zu erklären – das sollten wir Horkheimer überlassen –, sondern zu sagen, gestorben werde dem sterbenden Gott zuliebe. Ohne diese Verknüpfung tritt uns der Tod frei nach Schiller an: rasch – aber sinnlos.

Ein solches Gebet wird Gott dulden müssen; wir aber müssen dulden, daß diese Klage auf uns zurückfällt, wollen wir frei sein. Wollen wir aber nicht frei sein, können wir auch nicht wollen, wir seien Gottes, aber erst recht nicht, wir seien Meier und Müller. Könnten wir dann noch – doch wen? – um Nachsicht bitten? Wer bittet denn, wen er für möglich hält, doch ihm nicht zutraut, er könne „er“ sein? Wer wollte für einen solchen kämpfen – zumal wenn der sagt, sein Reich sei kein Welt-Reich? Muß man da nicht des Todes sein? Ja: Doch wer sagt das: der Himmel (auf Erden)? Oder vielleicht die Hoffnung? Doch was ist Hoffnung, ist sie nicht Gott in „mir“?

Wessen Verhältnis zum Sein gestört ist, dessen Verhältnis zum Seienden muß verkehrt sein. Psychiatrisch läßt sich da nichts beheben, außer die Psychiatrie tritt dem Sein bei. Sie trat ja auch der Gesellschaft bei, und es hat sie nicht weitergebracht; und ihr Verhältnis-Sein zur Chemie ist erst recht gescheitert. Unter und neben dem Menschen ereignet sich Pars pro toto; Das Totum alias Mensch heilt das nicht, Im Totum wohnt nämlich Un-Menge Hoch-Zeit. Kein Liebeskranker gesundet, beraubt er sich des Geliebten, indem er, wie Kant, ein Als ob davorschiebt, aber, wie Gott, daran leidet. Stirbt nämlich dieser, weil er so wahnsinnig war, auf Meier zu bauen, kann Meier nicht leben, hat er ihn umgebracht; doch sein Darmkrebs ist weniger fürchterlich als die Fiktion, Gott sei Niemand. Wem hilft denn ein krebsfreies Leben, kann er nicht heilig sein, und wer kann selig werden, hofft er nicht auf das Heilige?

Freilich: Das Heilige ist zwar „Jemand“, aber die Wahrheit kann auch die Hüterin der Verzweiflung sein, ist die Verzweiflung „Jemand“, nicht bloß Epitheton. Bildet sich dann nicht das heilige Implikat ab, zu scheitern? Darf das verurteilt werden, tritt es zum Urbild über? Christlich gesprochen, verlobt sich der Desperado mit Christus, und seine Auferstehung ist eine, von der nur der Geist weiß, dem aber Meiers Freiheit – sonst wäre sie „keine“ – nichts zutraut. Ist nun das Heilige seines Liebe-Seins wegen verzweiflungsfähig, ist es im Umkehrschluß Christus und, wer ihm beitritt, sein Mitgenosse.

Die Eigenart des Himmels

Der Muslim ist nicht verzweiflungsfähig, weil er das Heilige triumphal begreift und vergißt, daß es machtlos sein kann. Der Auftrag, das Sein ins Da-Sein zu zwingen, ist unerfüllbar. Menge und Un-Menge kongruieren nicht, weil die Un-Menge sonst nicht Faktor der Menge gewesen wäre. Erfolg hat die Menge adhokzisch: gen Mit-Sein. Mutatis mutandis gilt das vom Sein genauso. Beide müssen verzweifeln können, entfällt der Himmel als Selbstwert Beider und wird zum Schlachtfeld. Scheitert also das Welt-Reich, mißlingt auch der Muslim: nicht, weil der Himmel ausbleibt, sondern weil der Islam ignoriert, was das sei: daß Verzweiflung ein Kunstwerk ist, nicht ein Zornesausbruch, schon gar nicht ein Zweifel an „mir“. Wer verzweifeln nicht „kann“, der „muß“ es, denn seine Liebe ist Parusieanmaßung, sprich Haß: Robespierre und Pol Pot, nicht Gott.

Kunstwerklich läßt es sich nur am Kreuz verzweifeln, denn nur gekreuzigt erfahre ich, daß es heilig ist, zu mißlingen, und es ist Christus, der dafür einsteht. Aber das kann er nur, wenn ich – unfrommermaßen – „Christ“ bin: aufhöre, um beginnen zu können; alles verliere, um „Gott“ zu gewinnen. Daß ich darauf mein Leben verwette, schützt mich – vielleicht – vor dem Tod, doch ein Simpleres hat das – verzweiflungsfähige – Sein nicht im Köcher. Heilig ist ziemlich schwierig; das Leichte kommt jedoch leicht abhanden. Selig kann logisch nur werden, wer es nicht im „Programm“ hat, sondern sich überraschen läßt (was zwar ein Joch ist, aber ein heiliges).

Heilig, als Zeit-Wort, ist möglicherweise Jedermanns Kehricht, denn Jedermann diviniert es als alles mögliche, nur nicht als Selbst-Sein, doch ohne dieses haben wir keine Ahnung und wähnen, es sei Konstrukt oder Schicksal. Erscheint es als Desperado, wittern wir Unsinn, weil unser Wahnsinn endet. Das Heilige bläst zur Enttarnung der Zeit, die es zuließ, aber als Instrument gen Himmel. Wer es ihm aus der Hand schlägt, zerwirft den Kosmos; sein Reich ist diabo-logische Armut. Wer mit dem Sein nicht verzweifeln will, dekuvriert sich als Söldner des Unterstandards.

Deshalb wurde das Sein „geboren“, und seine Botschaft dolmetscht die unwahrscheinliche, transtemporale, transadamitische Wahrheit: das Ineffabile jeder Mystik. Der Rest ist divinatorische Fasnacht, namentlich das Gerücht vom „chronischen“ Frieden, den nur verkünden kann, wer die Wahrheit für ein Sozialprodukt ausgibt. „Advent“ ist Intervention des Selbst-Seins. Daß sie mißlingen kann, spricht für den – unrelativen – Ernstfall. Kein Spießer hält ihn für möglich, weil er den Überschritt in das Mit-Sein mit Fortschritt verwechselt und sich das Mit-Tun des Selbst-Seins verbittet: Christus sei zwar „Idee“ gewesen, aber „gewesen“, Ewigkeit Vorform sozialtherapeutischer, zeitfokussierter Codices.

Christus verlautbart das Gegenteil: daß das Selbst-Sein über der Norm steht, und daß abnormes Verhalten zwar böse sein kann, aber, vielleicht, auch – incognito – Hoffnung auf Standard ausdrückt. Im Normverletzer verbirgt sich Gottes Verzweiflung über den Unterstandard alias Da-Sein.

Krankheit und Revolution

Diese Verzweiflung tradiert der Kranke (als Solidarischer) willentlich oder (als Unsolidarischer) unwillkürlich. So oder so: Ein Gesund-Sein kommt in der Norm nicht in Frage, denn es versehrt die Willkür heiliger „Monarchie“. Gesund ist entweder der Vergessende, daß Gott Gott sei, oder der Rüpel, der sich für Gott hält. Der Treue erfährt sein Siechtum als Simulation faktorischen Scheiterns. Das macht den Krebs nicht kommoder, aber der Irrtum, er sei Gewaltakt, schwindet mit der verschwindenden Zeit. Wenn sie aufhört, kommt Standard zur Geltung, den keine Sprache adäquat ausdrückt. Das stiftet aber keinen bemerkbaren Schaden, denn Herrlichkeit spricht nicht deutsch oder englisch, sondern für sich, und Seligkeit ist es, das wahrzunehmen.

Revolutionen rufen den Standard aus, aber sie wissen nicht, was das ist, und ihr Verzweifelt-Sein sucht ein Zweit-Ventil: Mord. Sie ahnen, daß das Gesund-Sein verspielt hat, und simulieren die Apokalypse. Ordnung entsteht daraus nicht, denn Ordnung beruht auf Mönch-Sein gen Hoch-Zeit.

Den zeitlichen Urmenschzustand stellt keine Revolution her. Das wäre auch unangemessen, denn dieser Zustand war ja ein Aufstand gegen das Selbst-Sein, und seine Neuauflage wäre ein Rückschritt hinter die Gnade vertagter Sintflut. Daß diese Gnade vielleicht umsonst war, berechtigt nicht zur Zerstörung der Aussaat. Geduld in der Zeit ist Klugheit, Geduld „mit“ der Zeit Privileg des monarchischen Seins.

Verzweiflung als solche