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Nachdem sie drei Kinder erfolgreich allein großgezogen hat, lebt Madison Allen als Fotografin in New York. Ein Unfall, bei dem sie einen gebrochenen Knöchel davonträgt, veranlasst sie zu einem Neustart. Angetrieben von Erinnerungen und alten Fotos, der erzwungenen Arbeitspause und einem schlimmen Streit mit ihrer Tochter macht sich Madison auf eine Reise in die Vergangenheit. Ein Roadtrip quer durchs Land führt sie zu drei Männern, die sie einmal geliebt hat und beinahe geheiratet hätte. Bevor sie in die Zukunft blicken kann, stellt sie sich den offenen Fragen ihrer Vergangenheit: Was wäre gewesen, wenn?
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Seitenzahl: 385
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zum Buch:
Nachdem sie drei Kinder erfolgreich allein großgezogen hat, lebt Madison Allen als Fotografin in New York. Ein Unfall, bei dem sie einen gebrochenen Knöchel davonträgt, veranlasst sie zu einem Neustart. Angetrieben von Erinnerungen und alten Fotos, der erzwungenen Arbeitspause und einem schlimmen Streit mit ihrer Tochter macht sich Madison auf eine Reise in die Vergangenheit. Ein Roadtrip quer durchs Land führt sie zu drei Männern, die sie einmal geliebt hat und beinahe geheiratet hätte. Bevor sie in die Zukunft blicken kann, stellt sie sich den offenen Fragen ihrer Vergangenheit: Was wäre gewesen, wenn?
Zur Autorin:
Danielle Steel ist mit einer Milliarde verkaufter Exemplare ihrer Romane eine der beliebtesten Autorinnen der Welt. Zu ihren jüngsten internationalen Bestsellern gehören »The Ball at Versailles«, »Das nächste Kapitel« und »Das Glück finden«. Ebenso schrieb sie »His Bright Light«, die Geschichte über das Leben und den Tod ihres Sohnes Nick Traina, und »A Gift of Hope«, eine Erinnerung an ihre Arbeit mit Obdachlosen. Danielle Steel teilt ihre Zeit zwischen Paris und ihrem Haus in Nordkalifornien auf.
Danielle Steel
Aufbruch in eine neue Zukunft
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Corinna Wieja
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Lost and Found bei Macmillan Publishers, New York.
© 2025 by Danielle Steel
Deutsche Erstausgabe
© 2025 HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von zero-media.net, München
Coverabbildung von Frederick Thelen / Getty Images
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN9783749909056
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für Tom,meinen geliebten Cowboy,so innig geliebt,so überlebensgroß,so allumfassend, weiter als der Himmel,für immer ein Teil von mir,mit all meiner Liebe,bis wir uns wiedersehen.
Und für meine so sehr geliebten KinderBeatrix, Trevor, Todd, Nick,Samantha, Victoria,Vanessa, Maxx und Zara.Aus tiefstem Herzen und vollster Seeleliebe ich euch für immer.Mommy/DS
»Man ist erst dann alt, wenn aus Träumen Reue wird.«
Anonym
Madison Allen lebte in einer alten Feuerwache im West Village in Downtown New York, ein paar Blocks östlich vom Hudson River entfernt. Das Backsteingebäude war hundert Jahre alt. Für Maddie ein Umbruch; sie hatte die meiste Zeit ihres Lebens in der Upper East Side verbracht. Ihre drei Kinder hatte sie in einem gemütlichen, nicht besonders luxuriösen Apartment großgezogen, das in einem Gebäude aus der Vorkriegszeit untergebracht war. Der Kauf der Feuerwache war ein Akt der Unabhängigkeit für sie gewesen und inzwischen zu einer Herzensangelegenheit geworden. Sie hatte sie vor fünfzehn Jahren erworben, nachdem ihre Jüngste, Milagra, ausgezogen war, um zu studieren. Deanna und Ben, ihre beiden älteren Kinder, waren zu diesem Zeitpunkt zwanzig und einundzwanzig gewesen und verbrachten nur noch die Semesterferien zu Hause. Zwei Jahre später zogen sie in ihre eigenen Wohnungen und kamen nie wieder für längere Zeit vorbei.
Deanna lebte damals in einem Apartment in Chelsea. Sie hatte einen Job als Assistant Designer bei einer erfolgreichen, angesagten, modernen Modemarke ergattert, die bei jungen Frauen beliebt war. Sie hatte die renommierte Parsons School of Design besucht und war unglaublich talentiert. Ihre Liebe für Mode und zu Design trieb sie an; sie war zielstrebig auf ihren eigenen Erfolg fokussiert und befand sich immerzu in ehrgeizigem Wettstreit mit anderen Designern. Sie war weniger intellektuell interessiert als ihre Geschwister. Ben, ihr jüngerer Bruder, besaß einen guten Geschäftssinn, der ihn erfolgreich machte. Milagra, die Jüngste, schrieb schon seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr Geschichten und veröffentlichte mit neunzehn ihren ersten Roman. Maddies Kinder waren sehr unterschiedlich, nicht nur, was ihre Interessen für Design, Wirtschaft und Literatur betraf. Im Gegensatz zu ihren jüngeren Geschwistern besaß Deanna allerdings einen Killerinstinkt.
Nach seinem Abschluss in Berkeley blieb Ben in San Francisco, dem Tummelplatz für Start-ups. Er schwor, dass er nie wieder in New York leben würde, und dieses Versprechen hatte er eingehalten. Er liebte die Natur, den kalifornischen Lebensstil und die Hightech-Welt. Er war ein freundlicher, liebevoller Mensch, ein guter Ehemann und Vater, und auch ein fürsorglicher Sohn, obwohl Maddie ihn kaum noch sah und nur noch gelegentlich Kontakt mit all ihren Kindern hatte. Sie wollte ihnen nicht auf die Nerven fallen, jetzt, wo sie erwachsen waren, und wartete deshalb meistens, bis sie sich bei ihr meldeten. Manchmal dauerte ihr das Warten jedoch zu lange, dann rief sie an. Aber sie hielt so lange durch wie möglich.
Milagra hatte an der University of California, Los Angeles, studiert, einen Aufbaukurs für literarisches Schreiben in Stanford absolviert und war nach Mendocino in Nord-Kalifornien gezogen. Sie brauchte die Abgeschiedenheit und Stille, um ihre Bücher zu schreiben. Von ihr hörte Maddie daher am wenigsten.
Wäre Maddie allein in ihrer alten Wohnung zurückgeblieben, wäre sie ziellos umhergeirrt wie eine Murmel in einem Schuhkarton. Ihre Kinder waren über den Umzug nach Downtown allerdings entsetzt gewesen und hatten massive Einwände erhoben. Sie fühlten sich in dem neuen, ungewöhnlichen Zuhause ihrer Mutter unwohl. Maddie beharrte jedoch auf ihrem Entschluss, denn sie wusste, es war zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung für sie. Ihre Kinder würden sich schon noch daran gewöhnen. Und so kam es auch.
In der Feuerwache gab es immer noch die Messingstange, an der die Feuerwehrleute hinuntergerutscht waren. Alle paar Monate beauftragte sie jemanden, der sie polierte. Sie war die Stange schon mal selbst heruntergerutscht, ein beängstigendes, aber auch aufregendes und spaßiges Erlebnis, obwohl sie etwas schneller unten ankam als erwartet. Der Kauf der Feuerwache war ein Glücksfall für sie gewesen, und der Beginn eines neuen Abenteuers. Sie hatte das Haus damals geliebt und liebte es immer noch.
Das Statement, das sie mit dem Umzug setzte, war nicht so harsch, wie ihre Kinder behauptet und befürchtet hatten. Die Feuerwache besaß neben dem Erdgeschoss drei Etagen, in der obersten befanden sich zwei größere Zimmer und ein kleinerer Raum, die sich ein Bad teilten, und für Ben, Deanna und Milagra als Schlafzimmer reserviert waren, falls sie nach Hause kommen wollten. Sie hatten ihre Zimmer jedoch damals schon kaum genutzt, und inzwischen übernachteten sie gar nicht mehr hier.
Als Jung-Unternehmer mit einem erfolgreichen Start-up hatte Ben kaum Zeit für einen Besuch zu Hause. Nach dem Verkauf des Unternehmens gründete er ein neues und war noch beschäftigter. Er besaß das Talent, Bedürfnisse aufzuspüren, an die niemand sonst dachte, und Profit daraus zu schlagen. Inzwischen war er fünfunddreißig, verheiratet und hatte selbst drei Kinder – Willie, Charlie und Olive, sechs, fünf und drei Jahre alt. Er kam selten nach New York, und wenn er Maddie mal besuchte, wohnte er in einem Hotel. Seine Frau Laura stammte aus Grosse Pointe, einem Vorort von Detroit, und hatte Freunde und Verwandte in Chicago, aber weiter östlich reiste sie nicht. Sie führten ein geschäftiges und ausgefülltes Leben in San Francisco und besaßen ein hübsches Haus mit spektakulärer Aussicht in Belvedere, einer kleinen Insel mit hochpreisigen Immobilien in Marin County, zwanzig Minuten von San Francisco entfernt. Durch Bens Arbeit, Lauras gesellschaftliche Verpflichtungen und all die Freizeitaktivitäten der Kinder war ihr Terminkalender immer so voll, dass es nie einen günstigen Zeitpunkt für einen Besuch von Maddie zu geben schien, egal, wie kurz dieser ausfallen sollte. Die wenigen Male, die Maddie dort verbracht hatte, war sie sich wie ein Eindringling vorgekommen. Ihre Enkel kannten sie kaum. Sie sah sie ein oder zwei Mal im Jahr für ein paar Tage und hatte Mühe, sich all die Hobbies zu merken, denen sie nachgingen – Computerkurse, Karate, Fußball, Schwimmkurse und Ballettstunden für Olive, außerdem natürlich Spielverabredungen mit anderen und die weiteren Aktivitäten, die ihre Mutter für sie organisierte. Laura hielt alle auf Trab und Maddie erfolgreich fern. Maddie beschwerte sich nie darüber. Ihr Sohn war glücklich, das reichte ihr. Sie hätte ihn gern öfter gesehen und wünschte sich, er würde in derselben Stadt wie sie leben, aber es war anders gekommen. Maddie sah großzügig darüber hinweg. Sie versuchte immer, die Unterschiede, die sie trennten, zu tolerieren, und hatte ihre Kinder immer ermutigt, ihren Träumen zu folgen und unabhängig zu leben.
Am Tag der Hochzeit hatte sie bereits gespürt, dass sie Ben an die Familie seiner Frau verloren hatte. Ben und Laura verbrachten Weihnachten in Grosse Pointe mit Lauras Eltern, ihren Geschwistern und deren Kindern. Ihre Eltern besaßen ein Haus auf Big Island in Hawaii, wo alle Urlaub machen konnten. Ben und seine Familie verbrachten meistens die Schulferien dort, oder in Mexiko oder Aspen. Maddie konnte da nicht mithalten. Sie hatte kein Ferienhaus und führte selbst ein geschäftiges Arbeitsleben. Natürlich hätten sie bei ihr in der Feuerwache in New York wohnen können, aber sie wusste, als Bens Familie so schnell größer wurde, dass es viel zu eng geworden wäre und für die Kleinen auch zu gefährlich mit der schmalen Wendeltreppe und der Rutschstange. Sie hoffte, dass die Kinder sie in New York besuchen würden, wenn sie älter waren, aber das würde noch eine ganze Weile dauern. Zwischenzeitlich hatte Laura sich zum Ziel gesetzt, in der Gesellschaft von San Francisco prominent zu werden und mit dem Erfolg ihres Mannes anzugeben. Für Maddie gab es in diesen Plänen weder Zeit noch Raum.
Ganz anders als Ben lebte Milagra im windigen, nebligen, rauen Mendocino in ihrem komplett eigenen Universum. Nach dem Abschluss des zweiten Verlagsvertrags hatte sie sich ein kleines baufälliges viktorianisches Haus gekauft und renovierte es selbst. Die drei oder vier Stunden nach San Francisco fuhr sie nie. Sie schrieb unheimliche Schauerromane, die zwar keine Bestseller wurden, aber dennoch so erfolgreich waren, dass sie ihr ein regelmäßiges Einkommen einspielten, von dem sie gut leben konnte. Sie hatte sich eine solide und treue Leserschaft erarbeitet, die ihre Bücher liebte. Ihre Werke waren düster und eigen, und das abgeschiedene Leben in Mendocino gefiel ihr. Seit sie mit fünfzehn Jahren zum Schreiben gefunden hatte, lebte sie quasi wie eine Einsiedlerin. Milagra brauchte keine anderen Menschen um sich herum, um glücklich zu sein. Tatsächlich bevorzugte sie die Einsamkeit, damit sie schreiben konnte. Selbst ein freundlicher Anruf kam ihr aufdringlich vor, daher gab sie ihre Telefonnummer nicht heraus und rief nie jemanden an. Meistens schrieb sie ihrer Mutter E-Mails, vorausgesetzt, ihr Internet funktionierte. Sie hatte zu Hause Internetzugang, meistens zumindest, aber nur schlechten Handyempfang, was ihr allerdings recht war. Sie arbeitete ständig an einem Buch und lebte mit dreiunddreißig Jahren immer noch allein, zusammen mit drei großen Hunden und zwei Streunerkatzen. Ihren Bruder sah sie selten, aber sie schrieb ihm gelegentlich eine Mail. Mit Deanna hatte sie keinen Kontakt. Die beiden waren einfach zu verschieden. Seit sie vor sechs Jahren ihr Haus gekauft hatte, war sie nicht mehr in New York gewesen. Maddie besuchte sie, wenn Milagra gerade zwischen zwei Büchern steckte und es ihr erlaubte.
Ihren Namen hatte Milagra erhalten, weil Maddie sie vor ihrer Geburt mehrmals fast verloren hätte. Im Spanischen bedeutete ihr Name »Wunder«. Sie war eine Einzelgängerin, die ihr Leben ihrer Arbeit widmete. Mit Ben und seiner Frau Laura hatte sie nichts gemeinsam, Milagra hatte ihrer Mutter sogar erzählt, dass sie bei einem Treffen nie wüssten, worüber sie reden sollten. Noch weniger verband sie mit ihrer älteren Schwester Deanna, die hart arbeitete, ehrgeizig war und fest in der schnelllebigen Modewelt von New York verankert. Milagra empfand ihre Schwester immer schon als aggressiv und behauptete, sie würde ihr Angst einjagen. In der festen Überzeugung, dass sie es besser wusste, hatte Deanna sie als Kind herumkommandiert und ihre Schwester »die Seltsame« genannt.
Deanna war mit David Harper verheiratet, dem Cheflektor eines angesehenen Verlags. Als Designerin verdiente sie mehr als er und brachte Glamour in sein Leben. Sie war schon immer ein Mensch mit scharfen Ecken und Kanten gewesen, selbst als Kind, und hatte eine ebenso spitze Zunge. Sie und David passten jedoch gut zusammen. Deanna führte ihr Familienleben und ihre Karriere mit eiserner Hand. Selbst für ihre beiden Töchter – Lily, sieben, und Kendra, neun – hatte sie so ehrgeizige Pläne wie für sich selbst. Sie besuchten eine der besten Privatschulen in New York und waren mit ihren Freizeitaktivitäten genauso viel beschäftigt wie Bens Kinder. Kendra nahm ihre Ballettleidenschaft sehr ernst, Lily besuchte Hip-Hop-Kurse. Außerdem bekamen sie Geigen- und Klavierunterricht. Deanna hatte ihr Leben bereits sorgfältig vorgezeichnet.
David und Deanna lebten zwischen der Madison und der Park Avenue an der Upper East Side. Ihre Wohnung war vom Magazin Architectural Digest porträtiert worden; Deanna hatte sie selbst eingerichtet. Die Familie verbrachte die Wochenenden meist in ihrem Haus in den Berkshires, wo David Manuskripte las und Deanna an ihren Designs arbeiten konnte, während die Mädchen Reitstunden nahmen. Um die Kinder kümmerte sich eine Nanny, die David und Deanna unter der Woche in ihrem stressigen, aktiven Leben entlastete.
Deanna lud ihre Mutter nie dazu ein, die Wochenenden mit ihnen zu verbringen, und auch auf den Partys, die sie in New York gaben, gehörte sie nicht zu den Gästen. Deanna stand ihrer Mutter immer schon kritisch gegenüber, sie hielt sie für einen zu großen Freigeist und ein wenig exzentrisch. Der Kauf der Feuerwache war ihrer Meinung nach der beste Beweis dafür, obwohl das Haus sich nach dem Auszug der Kinder für Maddies Zwecke perfekt eignete und sie sich dort viel wohler fühlte als in einer leeren, verlassenen Wohnung im Nobelviertel der Stadt. Maddies Nachbarschaft im West Village war herzlich und freundlich, es gab kleine Restaurants, hübsche Läden und Menschen, die bei gutem Wetter an den Wochenenden durch die Straßen spazierten. Maddie unternahm selbst lange Spaziergänge am Fluss, die sie erfrischend und erholsam fand. Die Beziehung zu ihrer Ältesten war oft angespannt. Mit sechsunddreißig sprach Deanna offen alles aus, was ihr nicht gefiel, und sie empfand es als unkonventionell, unvernünftig und sogar peinlich, dass ihre Mutter in einer antiquierten Feuerwache lebte. Warum konnte sie nicht in einem Apartment in einem nobleren Viertel der Stadt wohnen wie andere Leute in ihrem Alter?
Maddie hingegen fand ihre Entscheidung völlig vernünftig. Bei der Renovierung achtete sie darauf, dass es für sie komfortabel war, weshalb sich die Gästezimmer für ihre abwesenden Kinder ganz oben befanden. In der Etage darunter lagen ihr Schlafzimmer und ein kleines Wohnzimmer, in dem sie ihre Abende mit Lesen oder Recherchen für ihre Arbeit verbrachte. Im ersten Stock gab es ein größeres Wohnzimmer und eine modernisierte Küche, die groß genug war, um auch darin zu essen. Maddie gab zwar keine Partys, aber sie hätte genügend Platz dafür an dem Tisch für zehn Personen gehabt. Im Erdgeschoss befanden sich zwei Arbeitszimmer, eines für sie, das andere für ihre Assistentin Penny. Die große Garage mit der sechs Meter hohen Decke, in der einst die Löschfahrzeuge gestanden hatten, hatte sie zu ihrem Fotostudio umfunktioniert. Seit ihrem Einzug konnte sie zum ersten Mal am selben Ort leben und arbeiten, und ihre Kunden kamen gerne her. Das Atelier war sparsam, aber stilvoll eingerichtet, denn Maddie besaß einen erlesenen Geschmack. An einer Wand hing eine Sammlung antiker Feuerwehrhelme aus aller Welt, die ihre Gäste faszinierten. Das Haus war genauso interessant, ungewöhnlich, herzlich und bezaubernd wie Maddie selbst.
Maddie war durch Zufall zu ihrem Beruf gelangt. Blond, groß, attraktiv und anmutig, hatte sie nach dem Studium an der New York University als Model gearbeitet. Ihre Eltern waren beide Highschool-Lehrer gewesen. Sie hatte sich keine Gedanken über ihre Karriere gemacht, aber sie wusste, dass sie auf keinen Fall Lehrerin werden wollte. Das Einkommen ihrer Eltern war nicht gerade üppig, und sie waren ständig überarbeitet und vom öffentlichen Schulsystem desillusioniert.
Zuerst hatte Maddie nur Model gestanden, quasi als Notlösung, um Geld zu verdienen. Ihr Abschluss in Kunstgeschichte zahlte ihr die Miete nicht, ihre Eltern konnten sie finanziell nicht unterstützen. Der Modeljob wurde zwar gut bezahlt, doch er machte ihr keinen Spaß. Nur die damit einhergehenden Freiheiten gefielen ihr. Sie konnte sich eine eigene Wohnung an der East Side in einer anständigen Nachbarschaft leisten. Die Massen-Castings, der ständige Druck, die unverschämten Magazin-Redakteure und gehässigen, ehrgeizigen Konkurrentinnen waren ihr verhasst, aber immerhin sicherte sie sich damit ihren Lebensunterhalt, weshalb sie beschloss, ihre Modelkarriere ein oder zwei Jahre lang zu verfolgen.
Nach wenigen Monaten fiel sie einem bekannten französischen Modefotografen auf, Stéphane Barbier, der in New York lebte und arbeitete. Er machte ihr galant den Hof, beruflich und privat. Sie verliebte sich in ihn, und er gab ihr das Gefühl, sie ebenfalls heiß und innig zu lieben.
Sechs Monate nach Beginn ihrer leidenschaftlichen Beziehung stellte sie fest, dass sie mit Deanna schwanger war. Nach langen Nächten, in denen Stéphane zu viel trank und wie ein Schlot rauchte, beschlossen sie, standesamtlich zu heiraten. Ihre Eltern hätten die überstürzte Entscheidung missbilligt, aber Maddies Vater war damals an Krebs erkrankt und lag im Sterben, und ihre Mutter war zu verzweifelt, um sich darum zu kümmern, was ihre einzige Tochter tat. Selig vor Glück begann Maddie ihr gemeinsames Leben mit Stéphane. Ihre Pläne hatten eigentlich anders ausgesehen und ganz gewiss keine übereilte Hochzeit beinhaltet, aber alles schien gut zu laufen. Als die Schwangerschaft unübersehbar wurde und sie nicht mehr vor der Kamera arbeiten konnte, setzte Stéphane sie als Assistentin in seinem Team ein. Eifrig sog sie alles auf, was er tat. Sie liebte es, ihm während der Shootings zuzusehen, und arbeitete auch nach der Geburt des Babys weiter, wodurch sie schließlich seine teamführende Assistentin wurde. Deanna war gerade erst vier Monate alt, als Maddie mit Ben schwanger wurde. Stéphane war außer sich vor Freude bei der Geburt ihres Sohnes und verhielt sich so, als hätte Maddie diesmal alles richtig gemacht. Deanna war ein anspruchsvolles, schwieriges Baby gewesen, Ben hingegen ein kleiner Sonnenschein, der fast von Geburt an immer lächelte und strahlte. Die Ehe hielt drei Jahre, bis zu Milagras Geburt nach einer schwierigen Schwangerschaft. Maddie war im achten Monat, als sie von Stéphanes heißer Affäre mit einem angesagten polnischen Model erfuhr, neunzehn Jahre alt, der Stern der Stunde, und all seinen Seitensprüngen vor ihr. Ihr Leben geriet aus den Fugen, und bei Milagras Geburt lag Maddies Welt in Scherben. Stéphane trank zu viel, und seine Karriere ging den Bach runter. Als Milagra einen Monat alt war, teilte Stéphane Maddie mit, dass er sie verlassen und mit seiner neuen Liebe zurück nach Paris ziehen würde. Maddies Mutter war im Jahr davor gestorben, an Krebs wie ihr Vater, und sie hatte niemanden, der ihr beistand. Mit fünfundzwanzig war Maddie auf sich allein gestellt, als verlassene Ehefrau mit drei kleinen Kindern und ohne Einkommen. Ihre Eltern hatten ihr nichts hinterlassen können.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich auf ihren Einfallsreichtum zu verlassen und hart zu arbeiten, und obendrein musste sie auch noch für die Kinderbetreuung aufkommen. Stéphane hatte ihr rundheraus gesagt, dass er ihr keinen Unterhalt für die Kinder zahlen könne, bevor er ging. Sie wollte keine Modeljobs mehr annehmen, obwohl ihr diese Möglichkeit offenstand, und sie wohl auch darauf zurückgegriffen hätte, wenn ihr keine andere Wahl geblieben wäre. So aber nahm sie eine Stelle als Assistentin bei einem Fotografen an, obwohl sie mit dem Gehalt nur mit Ach und Krach ihre Kinder versorgen, für die Betreuung zahlen und sich die Miete leisten konnte. Der Fotograf war jung und ernsthaft und stand noch ganz am Anfang seiner Karriere. Getreu seiner Ankündigung schickte Stéphane ihr keinen einzigen Cent aus Paris, und schließlich erfuhr sie, dass er mit dem polnischen Model ein Kind bekam. Maddie reichte die Scheidung ein, und sie stellte schnell fest, dass sie mehr über Fotografie wusste als ihr neuer Arbeitgeber. Wagemutig beschloss sie, sich als Modefotografin selbstständig zu machen. Ihre Einkünfte stiegen rasch über das Existenzminimum, und innerhalb von zwei Jahren wurde sie erfolgreicher, als Stéphane es je gewesen war. Sie war bereit, hart und lang zu arbeiten, und pflegte gute Geschäftsbeziehungen mit den wichtigsten Modemagazinen. Sie liebten ihre Arbeit.
Weder bei ihr noch bei den Kindern hatte sich Stéphane nach seiner Abreise je gemeldet, und kaum zwei Jahre nach seinem Umzug nach Paris verunglückte er tödlich bei einem Motorradunfall. Sein Tod änderte nichts für sie oder die Kinder, außer der Möglichkeit, dass ihr Vater sie vielleicht eines Tages doch noch kontaktieren könnte. Als er starb, war er schon nicht mehr mit dem polnischen Model zusammen. Sie hatte ihn für einen anderen verlassen und das Baby mitgenommen, als seine Karriere in Frankreich ins Stocken geriet. Nachdem das Geld aufgebraucht war und seine Aussichten auf Erfolg sich gänzlich verflüchtigt hatten, tat sie dasselbe. Er ließ vier Kinder in der Welt zurück, für die er keinen Finger gerührt hatte.
Maddie stand allein mit drei Kindern da. Sie arbeitete noch härter und wurde eine der gefragtesten Modefotografen von New York. Die mageren Jahre waren für sie damals vorbei. Sie führte ein eigenständiges Leben und hatte eine erfolgreiche Karriere in einem Beruf vorzuweisen, den sie liebte und der ihr genügend Zeit für ihre Kinder ließ, wenn sie nicht wegen eines Shootings verreisen musste. Für diesen Fall hatte sie eine Nanny eingestellt, die sich um die Kinder kümmerte. Sie verbrachte jedoch so viel Zeit wie möglich mit ihnen. Maddie gelang es, ein gutes Gleichgewicht in ihrem Leben zu finden, und sie ergänzte ihr Tätigkeitsfeld schließlich durch Porträts von bedeutenden Personen und Prominenten. Sobald ihre Kinder die Universität besuchten, erweiterte sie ihr Portfolio nochmals um einen Bereich, der ihr persönlich am Herzen lag, und fotografierte wichtige, aktuelle Ereignisse. Sie fotografierte bewegende menschliche Porträts an Kriegsschauplätzen oder nach Naturkatastrophen, zeigte alte Männer und Frauen, verstörte Kinder, Liebende, die sich umarmten, Frauen mit toten Kindern im Arm und andere bei der Geburt. Sie ging zu Wahlen, Aufständen, Demonstrationen, in Erdbebengebiete. Sie nahm Hochrisiko-Aufträge an, die sie niemals akzeptiert hätte, als ihre Kinder noch klein waren, aus Verantwortungsgefühl ihnen gegenüber. Sie war verliebt in die Darstellung von Menschen in allen Lebenslagen, zeigte sie manchmal von ihrer schlimmsten Seite, fing mit der Kameralinse ein, was immer ihr ins Auge stach, ihr Herz berührte oder sie faszinierte, und die Menschen, die ihre Bilder sahen und sie kauften, waren ebenso fasziniert und berührt.
In den vergangenen Jahren hatte sie weniger in der Modebranche gearbeitet, obwohl sie immer noch sehr gefragt war. Nach dreißig Jahren im Beruf konnte sie sich inzwischen aussuchen, für wen sie arbeitete und was sie fotografierte.
Die Feuerwache war der perfekte Rahmen für sie. Ihre Kunden kamen gern hierher, erkundeten das Haus und lauschten ihren Geschichten darüber. Maddie hatte eine herzliche, bescheidene und zurückhaltende Art, mit ihren Fotomodellen umzugehen, die dafür sorgte, dass sie sich wohlfühlten und die Fotos außergewöhnlich ausdrucksstark wurden, als würde man den Menschen darauf direkt in die Seele blicken.
Ben war sehr stolz auf seine Mutter, wenn auch nur aus der Ferne. Milagra schenkte der Karriere ihrer Mutter kaum Beachtung, sie kümmerte sich nur um ihre eigene, und Deanna lag immer eine bissige Bemerkung oder Kritik über Maddies Arbeit auf den Lippen. Maddie war daran gewöhnt und versuchte, sich davon nicht kränken zu lassen, aber manchmal nagte es doch an ihr. Deanna kannte ihre wunden Punkte einfach zu gut und wusste, womit sie Maddie treffen konnte. Manchmal fragte sich Maddie, ob Deanna neidisch auf sie war, was aber aufgrund ihres eigenen Erfolgs recht unwahrscheinlich schien. Deanna sah jedoch in jedem einen Rivalen. Für sie war das Leben ein Wettlauf, den sie gewinnen wollte, ganz egal, über welche Leichen sie dafür gehen musste. Schon ihr ganzes Leben lang besaß sie eine spitze Zunge, doch nur ihrem Mann schien das nichts auszumachen. Ihm gefiel ihr Ehrgeiz, und er bewunderte ihre Erfolge. Sie trieb auch ihn hart an, ebenso wie ihre Töchter.
Gelegentlich schaute Deanna in der Feuerwache vorbei, gewöhnlich unangemeldet und wann es ihr passte, ohne Rücksicht auf die Termine ihrer Mutter. Sie verhielt sich, als sei Maddie eine Hausfrau und die Fotografie nur ein Hobby von ihr, ohne anzuerkennen, dass sie zu den wichtigsten Größen in der Branche gehörte. Maddies Arbeiten waren sogar zwei Mal im Museum ausgestellt worden, was Deanna allerdings nur flüchtig beeindruckte. Ihr Mann David zeigte sich seiner Schwiegermutter gegenüber großmütiger und erkannte an, wie talentiert und angesehen sie war. Allerdings konnte selbst er Deanna nicht in ihre Schranken weisen und versuchte das auch kaum. Maddie war es ja selbst nie gelungen, und sie hatte Mitgefühl mit David. Ihre älteste Tochter war eine ernst zu nehmende Naturgewalt, und so streng sie mit sich war, war sie auch mit ihren Kindern, obwohl Maddie wusste, dass sie ihre Töchter liebte. Deanna hatte einen ziemlich starken Willen, und mit sechsunddreißig würde sie sich auch nicht mehr ändern. Maddie war weise genug, um das gar nicht erst zu versuchen.
Obwohl der Gedanke Maddie Schuldgefühle verursachte, empfand sie es in gewisser Weise sogar als erleichternd, dass Deanna sie nicht öfter besuchte. Deanna war zu beschäftigt und hielt sich selbst für zu wichtig, um Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen. Sie hatte das dunkle Haar ihres Vaters geerbt und sein attraktives Aussehen, aber nicht seinen unwiderstehlichen französischen Charme und auch nicht die sanfte Herzlichkeit ihrer Mutter, die ihre Fotomodelle so an ihr mochten.
Maddie war eine herzliche, leidenschaftliche Frau, und das zeigte sie auch. Sie war stark und hatte hart für ihren Erfolg gearbeitet, aber sie zwang niemandem ihren Willen auf. Sie hatte sich alles, was sie besaß, anständig und ehrlich verdient und war dazu noch eine aufmerksame, liebevolle Mutter, die nie Zeit von ihren Kindern einforderte. Sie waren alle erwachsen, und sie respektierte, dass sie ein eigenes, viel beschäftigtes Leben führten. In der Realität bedeutete dies, dass Maddie im Grunde genommen allein war, wenn man von ihrer Arbeit und den wenigen alten Freunden absah, die sie nur selten traf, doch das machte ihr nichts aus. Die Fotografie erfüllte und befriedigte sie. Sie nutzte ihre Zeit gut, und die Arbeit beschäftigte sie in jeder wachen Stunde, seit die Kinder aus dem Haus waren. Ihr Alltag war so prall gefüllt, dass sie im Lauf der Zeit die meisten ihrer Freunde aus den Augen verloren hatte. Die Pflege enger Freundschaften war schwierig, wenn man so hart arbeitete wie sie.
Mit achtundfünfzig war sie inzwischen seit dreiunddreißig Jahren geschieden, und natürlich hatte es andere Männer in ihrem Leben gegeben. Einige waren ihr eine Weile wichtig gewesen, aber sie hatte nie wieder geheiratet. Eine Ehe mit den Männern, in die sie sich verliebt hatte, kam für sie aus Rücksicht auf ihre Kinder nie infrage. Und obwohl sie nun erwachsen waren und nicht mehr bei ihr lebten, hatte es seit Jahren keine ernsthafte Beziehung mehr in Maddies Leben gegeben. Manchmal vermisste sie die vertraute Zweisamkeit, aber sie war viel zu unabhängig und wohl auch nicht mehr bereit, die nötigen Kompromisse einzugehen, um ihren Alltag mit jemandem zu teilen. Sie hatte sich in ihrem Leben gemütlich eingerichtet, tat, was sie wollte, reiste, wenn sie es wollte, und traf alle Entscheidungen selbst. Sie hatte kein Verlangen, diese Freiheiten aufzugeben oder sich jemandem anzupassen. Früher war sie eher dazu bereit gewesen. Nun schien ihr der Preis zu hoch für die Liebe, die womöglich ohnehin nur flüchtig war. Ihre eigene Freiheit erschien ihr reizvoller.
Deanna hatte die Liebhaber ihrer Mutter nie gemocht und das zu Maddies Bestürzung auch unverblümt kundgetan. Die Beziehung zwischen ihr und Maddies Männern hatte sich immer schwierig gestaltet. Deanna schämte sich für ihren lasterhaften, untreuen Vater, und sie war erleichtert, dass er sie verlassen hatte, obwohl ihre Mutter ihn ganz offensichtlich geliebt hatte. Infolge dieser Erfahrung zeigte sich Deanna allen Männern gegenüber misstrauisch. Milagra behauptete, dass ihr Vater nach einem Romantiker klang, was selbst Maddie anders sah. Er war egoistisch und narzisstisch gewesen und hatte sie alle im Stich gelassen.
Ben bedauerte, dass er seinen Vater, trotz all seiner Fehler, nie kennengelernt hatte. In seiner Kindheit litt er darunter, dass sein Vater nie da war, obwohl Maddie sich stets verantwortungsbewusst und fürsorglich zeigte. Aber mit zwei Schwestern und einer alleinerziehenden Mutter sehnte er sich nach einem männlichen Wesen und war immer traurig, wenn Maddies Liebschaften endeten. Gewöhnlich gab er seiner unverblümten, eigensinnigen Schwester die Schuld daran, was zum Teil wohl stimmte. Deanna behauptete beharrlich, dass ihre Mutter die Männer ganz sicher geheiratet hätte, wenn wahre Liebe im Spiel gewesen wäre.
Es gab nur einen Mann, bei dem Maddie die Trennung bereute, aber sie wusste, dass ihre Beziehung niemals funktioniert hätte. Ihre Leben waren einfach zu unterschiedlich, und eine Ehe mit ihm hätte das Leben ihrer Kinder zu sehr auf den Kopf gestellt. Manchmal dachte sie noch an ihn und fragte sich, wie es ihm ergangen war. Schon seit Jahren hatten sie keinen Kontakt mehr, und er war nur noch eine liebevolle Erinnerung. Sie war zu beschäftigt und von ihrer Arbeit erfüllt, um die Vergangenheit zu betrauern. Maddie lebte immer in der Gegenwart, mit Blick auf ihr nächstes Projekt oder einen neuen Auftrag, sie sah niemals zurück. Sie bereute nur wenig und war zufrieden mit dem Lauf ihres Lebens. Auch ihre Kinder wirkten als Erwachsene relativ glücklich, was ihr genügte. Da sie sich nicht mehr um sie kümmern musste, konnte sie ihrer Arbeit selbstbestimmt nachgehen. Sie war noch beschäftigter als früher und reiste für interessante Foto-Projekte um die ganze Welt. Sie hatte seit Jahren die freie Wahl und freute sich immer, wenn ihr ein Auftrag in Kalifornien angeboten wurde, weil ihr das die perfekte Ausrede lieferte, um ihren Sohn und ihre Tochter dort zu besuchen, falls sie wollten, ohne darauf zu warten, bis sie einen ihnen genehmen Zeitpunkt vorschlugen, da es den für ihre Kinder an der Westküste sowieso nie gab.
Es erschien ihr oft als Pech und Ironie des Schicksals, dass die beiden Kinder, die ihre Mutter am meisten mochten, so weit weg lebten, und das einzige Kind, das sie missbilligte und ihre Gesellschaft verabscheute, in New York lebte. Maddie machte das Beste daraus, denn sie lebte gern in New York. In San Francisco hätte es ihr nicht gefallen, und noch weniger in der rauen, kargen Abgeschiedenheit von Mendocino. Sie liebte die Menschen und den Trubel in New York, die breite Auswahl an Kultur und dass ihr Studio mitten in der Stadt lag.
Sie wäre sich wie ein Zeitdieb vorgekommen, der in Bens oder Milagras Leben einbrach, und sie wusste, dass ihre Schwiegertochter auch nicht begeistert darüber gewesen wäre. Lauras Mutter war die perfekte Vorstadt-Country-Club-Ehefrau, und Laura hatte sich in der Gesellschaft ihrer berühmten Schwiegermutter nie wohlgefühlt. Ben sah seine Mutter nicht auf diese Weise. Sie war schlicht seine Mutter. Er wusste jedoch, dass Laura sich des Promistatus seiner Mutter sehr wohl bewusst war, und dass sie sich, verglichen mit Maddie und ihrem Ruhm, minderwertig vorkam. Lauras größte Leistung war die Ehe mit Ben, der selbst beträchtlichen Erfolg für sich verbuchen konnte, und es genügte ihr, sich in seinem Ruhm zu sonnen, statt sich ihr eigenes Scheinwerferlicht zu schaffen.
Maddie hatte ihren Erfolg nie geplant. Sie hatte ihr Talent entdeckt und es weiterentwickelt, weil die Not und die Umstände es erforderten, um ihre Kinder zu ernähren. Für sie war das gut gelaufen und hatte ihr ein Leben voller Freiheiten und Kreativität ermöglicht, das sie sehr genoss. Sie hatte sich jeden Funken ihres Erfolgs verdient. Genau diese Freiheit und Individualität reizte ihre älteste Tochter so sehr. Selbst Deannas Missbilligung und Kritik perlten an ihr ab. Maddie war immer ungeniert ganz sie selbst.
Maddie war achtundfünfzig Jahre alt und auf bemerkenswerte Weise natürlich schön. Sie besaß einen ungekünstelten Sex-Appeal, von dem sie selbst nichts ahnte, wenn sie das Haar auf dem Kopf hochsteckte, damit es ihr nicht ins Gesicht fiel, oder einen Stift aus dem improvisierten Dutt zog, um schnell etwas zu notieren, während ihr die langen blonden Haare über den Rücken fielen. Die Männer, die sie geliebt hatten, wurden von ihrer Bescheidenheit und Unkompliziertheit angezogen. Deannas strenge, zugeknöpfte, pingelige und distanzierte Art war mondän, aber viel weniger anziehend als die herzliche, ungezwungene Art ihrer Mutter. Einer von Maddies Männern hatte mal über Deanna als Teenagerin gesagt, dass er immer das Gefühl hätte, sie würde ihm gleich den Hintern versohlen, was Maddie zum Lachen brachte. Selbst ihr gab ihre Tochter manchmal dieses Gefühl. Deanna legte die Messlatte für sich und andere recht hoch. Maddie war eher ein Kumpel, mit dem man Pferde stehlen konnte, und immer um andere besorgt. Das hatte die Männer lange Zeit angezogen wie Motten das Licht, obwohl sie dies nie zu ihrem Vorteil ausnutzte. Sie besaß eine angeborene Weiblichkeit, ganz egal, was sie tat oder trug. Sie war in jedem Alter schön gewesen, mit einer strahlenden Weichheit, und sie war auch jetzt noch atemberaubend attraktiv, auch wenn sie immer behauptete, dass sie das alles längst hinter sich hatte. Achtundfünfzig war noch weit entfernt vom Altsein, obwohl Deanna sicherlich anderer Meinung gewesen wäre.
Deanna meldete sich nur, wenn sie etwas von ihrer Mutter wollte oder irgendeine Mission verfolgte, niemals, um einfach nur zu plaudern. Ben rief auch nicht oft an, aber er genoss ihre Gespräche, wenn sie mal miteinander telefonierten. Er versprach immer, sich öfter zu melden, aber irgendetwas lenkte ihn immer ab oder kam dazwischen. Niemand brachte ihn so zum Lachen wie seine Mutter, und sie zeigte echtes Interesse an seinem Leben und war stolz auf das, was er erreicht hatte. Sie tröstete ihn bei Niederlagen und feierte seine Erfolge. Deanna war der Ansicht, dass Maddie keine gute Mutter gewesen sei, aber Ben war anderer Meinung. Obwohl Deanna sich als Designerin ausgezeichnet machte, verübelte sie ihrer Mutter deren Karriere, während Ben sie bewunderte. Deanna war ihren eigenen Kindern gegenüber weitaus weniger aufmerksam und fürsorglich, als Maddie es ihren gegenüber gewesen war. Dennoch konnte Maddie in Deannas Augen nichts richtig machen und in Bens nichts falsch, während Milagra sich von ihnen allen entfernt hatte, um in der Fantasiewelt zu leben, die sie in ihren Büchern erschuf.
In Maddies Leben gab es keinen Mann mehr. Sie konzentrierte sich lieber auf ihre Arbeit und schien einen Partner auch nicht zu vermissen. Ihrer Assistentin Penny gegenüber behauptete sie hartnäckig, dass es zu spät für sie sei, einer neuen Liebe zu begegnen, aber das mache ihr nichts aus. Penny hingegen war sicher, sie würde jemanden kennenlernen, wenn sie sich dieser Möglichkeit nur öffnen würde, aber das tat sie eindeutig nicht. Maddie meinte, sie sei zu alt, um noch einen Mann zu finden.
Es regte Penny um Maddies willen auf, dass ihre Kinder sie so sehr vernachlässigten. Penny war der Ansicht, dass sie öfter anrufen sollten, um sich nach ihrer Mutter zu erkundigen. Dieser Gedanke schien ihnen jedoch nur selten in den Sinn zu kommen, nach den wenigen Anrufen zu urteilen. Im Moment war sie wohlauf, aber was, wenn sich das eines Tages änderte? Was würden sie dann tun? Maddie wollte gar nicht darüber nachdenken. Dafür war später noch Zeit genug.
Sie brauchte nur Penny, die sie beruflich unterstützte. Penny regelte Maddies Termine, brachte Ordnung in ihr Leben und organisierte ihre Reisen. Maddie engagierte freiberufliche Fotoassistenten, die ihr bei den Shootings zur Hand gingen. Sie alle betrachteten es als Ehre, für sie zu arbeiten; sie lernten so unendlich viel durch ihre klaren, präzisen Anweisungen und Erklärungen.
Maddie hatte an der New York University zwei Semester lang ein Fotografieseminar gegeben und es geliebt, aber letztlich ließ sich das Unterrichten nicht besonders gut mit ihrer Arbeit vereinbaren. Sie verbrachte gern Zeit mit den jungen Leuten und gab ihr Wissen weiter, war großzügig mit Ratschlägen und Ermutigungen, half ihnen, zu wachsen, ohne sie mit einem aufgeblasenen Ego zu erdrücken, wie es so viele Professoren der Künste an den Tag legten. Sie musste niemandem etwas beweisen. Das hatte sie längst – sich selbst. Und es gab eine Reihe von Auszeichnungen, die das bestätigten.
Maddie hatte Penny sechs Monate nach dem Kauf der Feuerwache eingestellt. Penny half ihr, den Überblick bei der Renovierung zu behalten. Sie liebte Maddie und ihren Job, es sei denn, sie musste mit Deanna telefonieren. Deanna wollte immer irgendetwas von ihrer Mutter und war unhöflich und herablassend zu allen, die ihr begegneten. Penny verabscheute die feindselige, abschätzige Art, mit der Deanna ihre Mutter behandelte. Dass Maddie sich so wenig über sie beschwerte, beeindruckte sie. Nur, wenn ihre Tochter mal einen besonders giftigen Kommentar abließ, machte sich Maddie Luft. Meistens schwieg sie jedoch zu den häufig spitzen Bemerkungen und erklärte Penny, dass es einfach Deannas Art sei, was es jedoch nicht verzeihlicher machte. Insgeheim war sie der Ansicht, dass Deanna eine strenge Hand in ihrer Kindheit sicher gutgetan hätte, doch so hatte Maddie ihre Kinder nicht erzogen.
Penny war zweiundvierzig, nie verheiratet gewesen, vernarrt in ihre weiße Perserkatze und wollte nach ein paar schlimmen Beziehungen erst mal nichts mehr mit Männern zu tun haben. Sie arbeitete hart für Maddie und liebte ihre Arbeit. Sie ging freitags nicht gerne für ein weiteres fades Wochenende nach Hause, an dem sie aufräumte und die Wäsche machte und darauf wartete, dass es Montag wurde. Maddie war das aufregende, inspirierende Element in ihrem Leben. Pennys laute, irische Familie lebte in Boston, und sie stand in engem Kontakt mit ihren Geschwistern, Nichten und Neffen. Dennoch blieb sie an den Wochenenden meist zu Hause, falls Maddie sie brauchen sollte, obwohl Maddie Pennys Freizeit respektierte und so gut wie nie an ihren freien Tagen anrief. Sie lebte gern in Maddies Schatten und genoss es, ihr das Leben ein bisschen besser zu machen.
Maddie ermutigte Penny immer wieder, sich auf eine neue Beziehung einzulassen und sich einen Mann zu suchen, auch übers Internet, wenn es sein musste, aber Penny hatte große Angst vor Internetverabredungen, und die wenigen Male, bei denen sie sich darauf eingelassen hatte, immer Pech gehabt. Sie war einer der ungeschliffenen Diamanten, deren wahren Wert nur wenige Menschen erkannten, Menschen wie Maddie, die wusste, welches Juwel ihre Assistentin war. Deshalb war sie auch unerschütterlich loyal Maddie gegenüber.
»Kann ich noch was für dich tun, bevor ich gehe?«, fragte Penny an einem verregneten Freitagabend, bevor sie sich mit der U-Bahn auf den Weg zu einem nicht so schicken Viertel von Brooklyn machen wollte. Sie lebte seit ihrem Umzug nach New York dort.
Penny hatte rote Haare, grüne Augen und ein bildhübsches Gesicht. Sie beschwerte sich gelegentlich über die zehn Kilo, die sie angeblich zu viel auf den Rippen hatte, aber sie war genau richtig, wie sie war. Dieses Wochenende würde Penny vor dem Fernseher mit ihren Lieblings-Reality-Shows und einem Becher Eiscreme verbringen. Sie arbeitete wirklich hart für Maddie, und das war ihre Art, sich zu entspannen.
»Nein, ich habe alles, was ich brauche«, versicherte Maddie mit einem Lächeln. Sie hatte sich den ganzen Tag lang die Kontaktabzüge von ihrem letzten Shooting angesehen und ausgewählt, was sie zur Retusche schicken wollte. Sie hatte ein gutes Auge und machte immer gerade so viel wie nötig, nie zu viel. Sie wollte weder dass ihre Modelle wie nach einem Facelifting aussahen, noch sie von einer unschmeichelhaften Seite zeigen. Sie wollte, dass sie authentisch wirkten und schön, wofür sie die perfekte Balance fand. Ihre Modelle waren immer erfreut über das Ergebnis.
Sie forderte von Penny nie etwas außerhalb der Arbeitszeit. Sie rief sie nur dann an, wenn es einen echten Notfall gab. Sonst wartete sie immer, bis Penny im Büro erschien, wenn sie ein Anliegen hatte. Sie schickte Penny nie zur Reinigung oder einkaufen und trug ihr auch keine anderen derartigen Aufgaben auf. Ihre persönlichen Sachen erledigte sie selbst und kam sich nie zu wichtig dafür vor.
»Was machst du am Wochenende?«, fragte Penny und reichte Maddie eine Tasse Tee, die sie zwar nicht verlangt hatte, aber dennoch genoss.
Maddie bedankte sich mit einem Lächeln. »Ich werde meine Schränke aufräumen. Das habe ich mir selbst versprochen. Allmählich geht mir der Platz aus, und ich habe so viel reingestopft, dass nichts mehr reinpasst. Es wird Zeit für ein bisschen Ausmisten und Frühjahrsputz, und da das Wetter so lausig ist, werde ich heute auch nicht ausgehen. Es soll ja auch morgen und am Sonntag regnen.« Maddie liebte es, im Haus zu werkeln. Es war Anfang Mai, aber der Frühling in New York war so feucht wie nie zuvor.
»Heb aber nichts Schweres«, warnte Penny. »Ich kann dir am Montag helfen.« Obwohl sie in der Woche gewöhnlich so viel zu tun hatten, dass es keine Zeit fürs Schrankausmisten gab. Maddie führte am Wochenende immer irgendwelche Projekte durch. Sie war ständig mit irgendetwas beschäftigt.
»Da sind nur kleinere Sachen drin, lauter Krimskrams. Ich weiß nicht mal, was ich darin aufbewahrt habe, deshalb will ich alles mal unter die Lupe nehmen. Ich verwandle mich allmählich in eine Packratte«, sagte sie verlegen grinsend, und Penny lachte.
»Wem sagst du das?«, meinte sie lächelnd. Maddie bewahrte jeden Brief, selbst Notizzettel auf, ganz egal, wie alt sie waren, und fast jedes Foto, das sie gemacht hatte. Ihr Archiv war ziemlich umfangreich.
»Dieses Mal werde ich ganz bestimmt ein paar Sachen aussortieren«, behauptete Maddie fest. »Das verspreche ich.«
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, erwiderte Penny und schlüpfte in ihren Mantel. Kurz darauf winkte sie und ging. Sie verließ das Atelier durch den Seitenausgang. Nachdenklich fragte sie sich, ob Maddie sich an den Wochenenden einsam fühlte. Klar, sie konnte sich mit ihrer Arbeit beschäftigen, aber Penny fand, dass sie stattdessen eigentlich ihre Enkel besuchen sollte, was sie jedoch nur ganz selten tat. Pennys Mutter sah ihre Enkel ständig. Sie gingen bei ihr ein und aus, und sie kochte ständig für sie.
Maddies Leben war komplett anders, und Penny verspürte deshalb Mitleid mit ihr, auch wenn Maddie darüber vermutlich entsetzt wäre. Sie hatte längst gelernt, allein klarzukommen, und genoss das auch in vielerlei Hinsicht. Sie erwartete gar nicht, ihre Kinder und Enkel öfter zu sehen.
Maddie machte sich Rührei mit Salat zum Abendessen. Mittags hatte sie ein halbes Putensandwich gegessen. Sie aß nie besonders viel und hasste es, für sich allein zu kochen. Manchmal aß sie nur einen Apfel oder eine Banane zu Mittag und wurde von Penny dafür geschimpft. Maddie fand Essen jedoch langweilig und Kochen noch langweiliger. Das Schöne am Alleinleben war, dass sie für niemanden kochen musste, nicht einmal für sich selbst, wenn sie keine Lust darauf hatte. Lieber ließ sie eine Mahlzeit aus und verbrachte die Zeit mit etwas anderem.
Nach dem Essen holte sie sich eine Leiter aus dem Atelier und schleppte sie die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Sie werkelte gern für sich, und ein befriedigendes Triumphgefühl erfüllte sie, als sie die Leiter mit festem Griff in den dritten Stock getragen hatte. Sie stellte sie auf und stieg hinauf, bis sie das unterste Regal erreichte. Dann zog sie die dort gestapelten Kisten heraus und legte sie auf den Boden. Anschließend setzte sie sich daneben und ging sie durch. Wie vermutet, gehörte vieles davon in den Müll, und sie war sehr zufrieden mit sich, als sie einen großen Papier- und Kleiderberg aufgehäuft hatte, den sie wegwerfen wollte. Sie würde Penny am Montag damit beauftragen, die Kleider an eine Wohltätigkeitsorganisation zu spenden. Mehrere Stunden später kletterte sie erneut auf die Leiter und holte die Kisten von der zweiten Regalreihe. Bisher hatte sie noch keine Schätze entdeckt, nur eine Kiste mit Briefen von ihren Kindern von früher, die ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberten, als sie sie durchlas. Einige stammten aus Sommercamps.
Sie legte sie ordentlich zurück ins Regal, schaute auf ihre Uhr und kämpfte mit einer Entscheidung. Es war schon ein Uhr morgens. Sollte sie die letzte Regalreihe noch in Angriff nehmen oder lieber ins Bett gehen und morgen weitermachen? Sie war eigentlich noch nicht richtig müde; sie blieb oft lange auf, um zu lesen oder zu arbeiten, was ebenfalls ein Vorzug davon war, allein zu leben. Sie musste sich niemandem gegenüber rechtfertigen, und sie störte niemanden mit Geräuschen oder brennenden Lichtern, wenn sie bis zwei oder drei Uhr morgens wach blieb. Und sie wollte endlich mit diesem Schrank fertig werden. Sie musste Platz schaffen, damit sie wieder neue Dinge wegräumen konnte. Außerdem war sie neugierig, was sich auf dem obersten Regal befand. Was auch immer es war, lag da schon lange Zeit, und sie hatte es völlig vergessen.
Sie beschloss, aufzubleiben und die Aufgabe zu beenden. Sie hatte Zeit, war dafür in der Stimmung und konnte am Samstag ausschlafen, falls sie länger brauchte. Vermutlich lag da nur noch mehr überflüssiger Krimskrams, den sie schnell durchgesehen hätte. Auf dem Boden stapelte sich schon ein ganzer Berg davon, den sie spenden oder wegwerfen wollte. Sie zog mehrere Kisten heraus und warf sie auf den Boden. Dann kletterte sie die Leiter hinunter und öffnete die erste Box. Das Paketband war trocken und brüchig. Sie hatte keine Ahnung, was sich darin befand, was bedeutete, dass die Kiste schon mehrere Jahre im Schrank gelegen haben musste. Sie nahm den Deckel ab und entdeckte jede Menge Bilder von ihren Kindern in jungen Jahren. Sie erkannte mehrere Fotos, die sie bereits gerahmt im Haus stehen hatte. Das hier waren also vermutlich Duplikate.
Nach dem Öffnen der zweiten Kiste stockte ihr einen Moment der Atem. Sie war gefüllt mit Briefen in verschiedener Handschrift, und die Fotos, die sich dazwischen befanden, brachten sie zum Lächeln und weckten Erinnerungen. Sie stöberte durch die alten Liebesbriefe und Fotos von den drei Männern in ihrem Leben, den drei wichtigsten seit ihrer Ehe. Andere Briefe und Fotos hatte sie schon vor langer Zeit weggeworfen. Von diesen dreien jedoch hatte sie alles aufgehoben. Seit Jahren hatte sie nicht mehr an sie gedacht oder von ihnen gehört. Sie betrachtete die vertrauten Gesichter. Jacques Masson war ein ehrgeiziger junger französischer Koch gewesen, der in einem Restaurant in New York gearbeitet und von seinem eigenen Restaurant geträumt hatte. Bob Holland arbeitete in der Hightech-Investment-Branche und hatte gerade seinen ersten großen Job an Land gezogen und große berufliche Hoffnungen gehabt, als sie sich kennenlernten. Und Andy Wyatt war ein Cowboy aus Wyoming. Sie hatten sich getroffen, als sie mit den Kindern auf einer Ranch im Sommer Urlaub machte. Sie war völlig verschossen in Andy gewesen, und sie hatten ihre Affäre diskret ein Jahr lang weitergeführt, bis sie die Beziehung beendete. Sie wusste, dass es zu nichts führen würde, das wussten sie beide. Es war zu intensiv geworden, für sie beide. Sie wussten, sie mussten die Sache beenden, aber konnten es nicht. Mit ihm Schluss zu machen, war eine der schmerzvollsten Entscheidungen, die sie je getroffen hatte, aber es passte einfach nicht für sie, für ihre Kinder, und auch nicht für ihn.
