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Candy, 21, startet gerade als internationales Supermodel durch. Tammy, 29, feiert Erfolge als TV-Produzentin. In New York macht sich die älteste Schwester Sabrina, 34, einen Namen als Anwältin, während Annie, 26, in Florenz für die Kunst lebt. Am 4. Juli treffen sie wie immer bei ihren Eltern in Connecticut zusammen. In diesem Jahr trifft die Familie jedoch ein schwerer Schicksalsschlag, der alles für immer verändert. Die Schwestern lassen ihre getrennten Leben hinter sich und ziehen zusammen, um gemeinsam zu heilen und füreinander da zu sein. Eine Geschichte voller Humor und Herzschmerz über die Zerbrechlichkeit des Lebens.
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Seitenzahl: 554
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zum Buch:
Candy, 21, startet gerade als internationales Supermodel durch. Tammy, 29, feiert Erfolge als TV-Produzentin. In New York macht sich die älteste Schwester Sabrina, 34, einen Namen als Anwältin, während Annie, 26, in Florenz für die Kunst lebt. Am 4. Juli treffen sie wie immer bei ihren Eltern in Connecticut zusammen. In diesem Jahr trifft die Familie jedoch ein schwerer Schicksalsschlag, der alles für immer verändert. Die Schwestern lassen ihre getrennten Leben hinter sich und ziehen zusammen, um gemeinsam zu heilen und füreinander da zu sein. Eine Geschichte voller Humor und Herzschmerz über die Zerbrechlichkeit des Lebens.
Zur Autorin:
Danielle Steel ist mit einer Milliarde verkaufter Exemplare ihrer Romane eine der beliebtesten Autorinnen der Welt. Zu ihren jüngsten internationalen Bestsellern gehören »The Ball at Versailles«, »Das nächste Kapitel« und »Das Glück finden«. Ebenso schrieb sie »His Bright Light«, die Geschichte über das Leben und den Tod ihres Sohnes Nick Traina, und »A Gift of Hope«, eine Erinnerung an ihre Arbeit mit Obdachlosen. Danielle Steel teilt ihre Zeit zwischen Paris und ihrem Haus in Nordkalifornien auf.
Danielle Steel
Geliebte Schwestern
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Juna-Rose Hassel
HarperCollins
Der Originaltitel erschien 2007 unter dem Titel Sisters bei Macmillan Publishers, New York.
© 2025 by Danielle Steel
Deutsche Erstausgabe
© 2025 HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von zero-media.net, München
Coverabbildung von FinePic®, München
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN9783749909087
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für meine Mutter Norma
und meine unglaublich wunderbaren, fantastischen, fabelhaftesten liebenden Töchter: Beatrix, Sam, Victoria, Vanessa und Zara.
Mögt ihr immer, immer mit Zärtlichkeit, Mitgefühl, Geduld, Loyalität und Treue füreinander da sein. Jede von euch ist das beste Geschenk, das ich den jeweils anderen gemacht habe.
Und für Simon, Mia, Chiquita, Talulah, Gidget und Gracie, die absolut besten, liebenswertesten, schönsten Hunde der Welt.
Mit all meiner Liebe, Mom/d.s.
Das Fotoshooting auf der Place de la Concorde in Paris dauerte nun schon seit heute Morgen um acht. Der ganze Bereich um den Brunnen war abgesperrt, und ein gelangweilt aussehender Pariser Gendarm beobachtete das Ganze. Das Model stand bereits stundenlang im Brunnen, hüpfte, planschte, lachte, den Kopf in einstudierter Fröhlichkeit nach hinten geworfen – und jedes Mal, wenn sie das tat, nahm man es ihr ab. Sie trug ein Abendkleid, das sie bis zu den Knien hochgezogen hatte, dazu eine Nerzstola. Ein batteriebetriebener Ventilator blies ihr die lange blonde Mähne nach hinten.
Passanten blieben stehen und glotzten, fasziniert von der Szene, während eine Make-up-Künstlerin in Tanktop und Shorts in den Brunnen hinein- und wieder herausstieg, um das Make-up perfekt zu halten. Mittags sah das Model immer noch aus, als hätte es sagenhaft viel Spaß, zwischen den Aufnahmen scherzte es mit dem Fotografen und seinen beiden Assistenten, und wenn die Kamera auf das Model gerichtet war, lachte es ebenfalls. Autos verlangsamten ihr Tempo, als sie vorbeifuhren, und zwei amerikanische Teenager blieben stehen und starrten überrascht, als sie das Model erkannten.
»Oh mein Gott, Mom! Das ist Candy!«, sagte das ältere Mädchen ehrfürchtig. Sie kamen aus Chicago und machten Urlaub in Paris, aber auch hier war Candy bekannt. Sie war das erfolgreichste amerikanische und internationale Supermodel – und zwar schon seit sie siebzehn war. Nun war Candy einundzwanzig und hatte bereits in New York, Paris, London, Mailand, Tokio und einem Dutzend weiterer Städte ein Vermögen gemacht. Die Agentur kam kaum zurecht mit dem Umfang ihrer Buchungen. Mindestens zweimal im Jahr zierte sie das Cover der Vogue und wurde ständig angefordert. Candy war zweifellos das heißeste Model der Branche, und auch wer nur wenig über die Modewelt wusste, kannte sie.
Ihr voller Name lautete Candy Adams, aber ihren Nachnamen gab sie nie an – einfach nur Candy. Mehr brauchte sie nicht. Alle kannten sie – ihr Gesicht, ihren Namen, ihre Reputation als eines der führenden Models der Welt. Ihr gelang es, dass alles nach Spaß aussah, ob sie nun in der Schweiz bei eiskalten Temperaturen im Bikini barfuß durch den Schnee rannte, im Winter auf Long Island in einem Abendkleid durch die Brandung spazierte oder in den Hügeln der Toskana in einem knöchellangen Zobelpelzmantel in der sengenden Sonne stand. Was immer sie tat, stets wirkte sie dabei, als würde sie sich blendend amüsieren. Im Juli während einer der üblichen Pariser Hitzewellen im Brunnen auf der Place de la Concorde zu stehen, fiel ihr entsprechend leicht. Das Shooting war für ein weiteres Vogue-Cover, für die Oktoberausgabe, und der Fotograf, Matt Harding, war einer der wichtigsten in dieser Branche. Sie hatten in den vergangenen vier Jahren schon Hunderte Male zusammengearbeitet, und er liebte Fotoshootings mit ihr.
Anders als bei anderen Models ihres Kalibers war es mit Candy immer locker – sie war freundlich, lustig, frech, lieb und trotz des Erfolgs, den sie von Beginn ihrer Karriere an gehabt hatte, überraschend naiv. Sie war einfach ein netter Mensch und eine unglaubliche Schönheit, ganz ohne Allüren. Ihr Gesicht war geradezu perfekt für die Kamera, ohne Makel, ohne Mängel. Sie war zart wie eine Kamee mit fein ziselierten Zügen, besaß ellenlange naturblonde Haare, die sie die meiste Zeit offen trug, und Augen, die blau wie der Himmel und groß wie Untertassen waren. Matt wusste, dass sie es gern krachen ließ und bis spät in die Nacht ausging, aber erstaunlicherweise merkte man das ihrem Gesicht am nächsten Tag nicht an. Sie gehörte zu den wenigen Glücklichen, die feiern konnten, ohne dass man es ihr hinterher ansah. Das würde nicht ewig so bleiben, aber jetzt ging es noch. Je älter sie wurde, umso hübscher wurde sie, wenn das überhaupt möglich war, auch wenn man kaum erwarten konnte, dass sich mit einundzwanzig schon die Verheerungen des Alters zeigten, aber bei manchen Models merkte man das bereits in jungen Jahren. Bei Candy nicht. Und ihre natürliche Schönheit schien immer noch hindurch wie am ersten Tag, an dem er sie gesehen hatte; da war sie siebzehn gewesen, und er hatte das erste Fotoshooting mit ihr für die Vogue gemacht. Er liebte sie. Alle liebten sie. Es gab keinen Mann und keine Frau in dieser Branche, die Candy nicht liebten.
Barfuß war sie einen Meter fünfundachtzig groß und wog, wenn es hoch kam, zweiundfünfzig Kilo. Er wusste, dass sie nie aß, aber was immer der Grund für ihr geringes Gewicht war – ihr stand es hervorragend. Auch wenn sie so dünn war, sah sie auf den Fotos, die er von ihr schoss, fantastisch aus. Sie war sein Lieblingsmodel, und bei der Vogue vergötterte man sie ebenfalls, deshalb hatte man ihn mit diesem Fotoshooting beauftragt.
Um halb eins war alles im Kasten, und Candy kletterte aus dem Brunnen, als hätte sie lediglich die letzten zehn Minuten darin verbracht und nicht viereinhalb Stunden. Heute Nachmittag wollten sie eine weitere Session am Triumphbogen machen und am Abend eine am Eiffelturm, wenn er anfing zu glitzern. Candy beschwerte sich nie über schwierige Bedingungen oder Überstunden, was ein weiterer Grund dafür war, dass Fotografen gern mit ihr arbeiteten. Das und die Tatsache, dass man einfach kein schlechtes Foto von ihr machen konnte. Ihr Gesicht war das geschmeidigste der Welt – und das begehrenswerteste.
»Wo willst du zu Mittag essen?«, fragte Matt, während seine Assistenten die Kameras und Stative einpackten und den Film wegschlossen und Candy die weiße Nerzstola ablegte und sich die Beine mit einem Handtuch abtrocknete. Sie lächelte und sah aus, als hätte sie das alles gründlich genossen.
»Ich weiß nicht. Vielleicht im L’Avenue?«, schlug sie vor und lächelte auf ihre unkomplizierte Art. Sie hatten jede Menge Zeit. Seine Assistenten würden ungefähr zwei Stunden brauchen, um am Triumphbogen alles aufzubauen. Am Tag zuvor war er alle Details und Einstellungen mit ihnen durchgegangen, und sie brauchte erst dort zu sein, wenn alles fertig war. Daher hatten Candy und er ein paar Stunden Mittagspause. Viele Models und Mode-Gurus besuchten L’Avenue, wahlweise auch das Costes, die Buddha Bar, das Man Ray und einige andere Pariser Lokale. Ihm gefiel das L’Avenue ebenfalls, und es lag nicht weit von dort entfernt, wo sie heute Mittag fotografieren würden. Er wusste, dass es keine Rolle spielte, wohin sie gingen, da sie ohnehin nicht viel essen, sondern nur literweise Wasser in sich hineinschütten würde, so wie alle Models. Sie spülten permanent ihr System durch, damit sie auch ja kein Gramm ansetzten. Und bei den zwei Salatblättern, die Candy normalerweise aß, war es eher unwahrscheinlich, dass sie zunahm. Vielmehr wurde sie Jahr für Jahr dünner. Aber sie sah gesund aus, trotz ihrer enormen Größe und ihres Fliegengewichts. Man konnte sämtliche Schulterknochen und Rippen erkennen. Sie war nicht nur berühmter als die meisten ihrer Kolleginnen, sondern auch dünner. Das beunruhigte Matt manchmal, aber sie lachte nur, als er ihr einmal vorwarf, eine Essstörung zu haben. Candy ging nie auf Kommentare über ihr Gewicht ein. Die meisten bedeutenden Models litten an Anorexie oder neigten dazu – oder Schlimmeres. Das brachte die Branche so mit sich. Menschen hatten diese Größen normalerweise nicht, zumindest nicht, wenn sie älter als neun waren. Erwachsene Frauen, die auch nur halbwegs anständig aßen, waren nicht so dünn.
Ein Wagen mit Fahrer brachte sie zu dem Restaurant in der Avenue Montaigne, und wie immer um diese Zeit und in dieser Saison war es rappelvoll. In der kommenden Woche würden die Couture-Kollektionen präsentiert werden, und Modedesignerinnen, Fotografen und Models trafen allmählich ein. Außerdem hatte der Tourismus in Paris Hochsaison. Amerikaner liebten dieses Restaurant, aber modebewusste Pariserinnen und Pariser ebenso. Es war immer etwas los. Eine der Besitzerinnen entdeckte Candy sofort und führte sie zu einem Tisch auf der verglasten Terrasse. Hier saß Candy gern. Sie liebte es, dass man in Paris in allen Restaurants rauchen durfte. Sie rauchte nicht viel, sündigte aber ab und zu; außerdem genoss sie die Freiheit, es tun zu können, ohne dass es ihr finstere Blicke und gehässige Bemerkungen einbrachte. Matts Kommentar dazu war, dass sie zu den wenigen Frauen gehörte, bei denen Rauchen anziehend wirkte. In allem, was sie tat, lag Anmut, selbst Schuhe binden wirkte bei ihr sexy. Sie hatte einfach dieses gewisse Etwas.
Matt bestellte ein Glas Weißwein vor dem Mittagessen, Candy eine große Flasche Wasser. Sie hatte die riesige Wasserflasche, die sie sonst mit sich herumschleppte, im Auto gelassen. Zum Essen bestellte sie einen Salat ohne Dressing, Matt ein Tatarbeefsteak. Dann lehnten sie sich zurück und entspannten sich, während die Leute an den umliegenden Tischen Candy anstarrten. Alle im Restaurant hatten sie erkannt. Sie trug Jeans und ein Tanktop, dazu flache silberne Sandalen, die sie letztes Jahr in Portofino gekauft hatte. Sie hatte oft Sandalen von dort oder aus Saint-Tropez an, wo sie sich im Sommer für gewöhnlich aufhielt.
»Kommst du dieses Wochenende runter nach Saint-Tropez?«, fragte Matt, der davon ausging. »Auf der Valentino-Jacht gibt es eine Party.« Er war sich sicher, dass Candy eine der Ersten gewesen war, die man gefragt hatte, und sie lehnte selten eine Einladung ab – diese ganz bestimmt nicht. Normalerweise übernachtete sie dann mit Freunden im Byblos Hotel oder auf irgendjemandes Jacht. Candy hatte immer eine Million Optionen und war als Promi, als Frau und als Gast enorm gefragt. Alle wollten sagen können, dass sie da sein würde, damit andere auch kämen. Man benutzte sie als Lockvogel und als Beweis für das eigene Ansehen in der Gesellschaft. Das war eine schwere Bürde, und oft wurde die Grenze zur Ausbeutung überschritten, aber das schien ihr nichts auszumachen, sie war daran gewöhnt. Sie ging, wohin sie wollte und wo sie glaubte, den meisten Spaß zu haben. Doch dieses Mal überraschte sie ihn. Trotz ihres unglaublichen Aussehens war sie eine Frau mit vielen Facetten und nicht eine von diesen hirnlosen, oberflächlichen Schönheiten, wie es manche von ihr erwarteten. Candy war nicht nur umwerfend, sondern auch anständig und sehr klug, auch wenn sie trotz ihres Erfolgs noch jung und naiv war. Das mochte Matt an ihr. Sie hatte nichts Abgebrühtes an sich, und sie genoss alles, was immer sie gerade tat.
»Ich kann nicht nach Saint-Tropez«, sagte sie, während sie in ihrem Salat herumstocherte. Bisher hatte sie nur zwei Bissen genommen.
»Andere Pläne?«
»Ja«, erwiderte sie lächelnd. »Ich muss nach Hause. Meine Eltern geben jedes Jahr eine Party zum Unabhängigkeitstag, und meine Mutter würde mich umbringen, wenn ich nicht erscheine. Für meine Schwestern und mich ist das eine Pflichtveranstaltung.« Matt wusste, dass sie ihnen nahestand. Keine ihrer Schwestern war Model, und wenn er sich noch recht erinnerte, war Candy die Jüngste von ihnen. Sie redete viel über ihre Familie.
»Bist du nächste Woche nicht auf den Modeschauen?« Oft machte sie die Braut für Chanel, und bevor sie geschlossen hatten, auch für Saint Laurent. Sie gab eine spektakuläre Braut ab.
»Dieses Jahr nicht. Ich nehme mir zwei Wochen frei. Das habe ich versprochen. Normalerweise fliege ich zur Party nach Hause und komme gerade noch rechtzeitig für die Modeschauen zurück. Aber dieses Jahr bleibe ich ein paar Wochen. Ich habe meine Schwestern seit Weihnachten nicht mehr gemeinsam gesehen. Es ist total schwierig, wenn alle immer weg sind, vor allem ich. Seit März bin ich kaum in New York gewesen, und meine Mom beschwert sich schon, deshalb bleibe ich zwei Wochen dort, danach muss ich nach Tokio, um Aufnahmen für die japanische Vogue zu machen.« Dort machten viele Models das große Geld, und Candy machte mehr als die meisten anderen. Die japanischen Modemagazine waren verrückt nach ihr. Sie liebten ihre blonden Haare und ihre Größe.
»Mom wird echt sauer, wenn ich nicht nach Hause komme«, fügte sie hinzu, und er lachte. »Was ist daran so witzig?«
»Du. Du bist das heißeste Model der Branche und machst dir Sorgen, dass deine Mom sauer wird, wenn du nicht zum Barbecue am 4. Juli nach Hause kommst oder zum Picknick oder was immer ihr da macht. Genau das mag ich an dir. Du bist immer noch ein Kind.« Sie zuckte mit den Schultern und lächelte verschmitzt.
»Ich liebe meine Mom«, sagte sie, und es klang aufrichtig. »Und meine Schwestern auch. Meine Mom regt sich echt auf, wenn ich nicht nach Hause komme. Unabhängigkeitstag, Thanksgiving, Weihnachten. Einmal habe ich Thanksgiving verpasst und musste mir das ein ganzes Jahr lang von ihr anhören. Ihrer Meinung nach steht die Familie an erster Stelle. Und ich denke, sie hat recht. Wenn ich mal Kinder habe, will ich das auch. Das hier macht Spaß, aber es währt nicht für immer. Familie schon.«
Candy hatte immer noch die Werte verinnerlicht, nach denen sie erzogen worden war, und glaubte zutiefst an sie, egal, wie sehr sie es liebte, ein Supermodel zu sein. Ihre Familie war wichtiger für sie. Wichtiger als die Männer in ihrem Leben, mit denen sie sich bisher nur kurz und flüchtig eingelassen hatte. Und nach allem, was Matt davon mitbekommen hatte, handelte es sich dabei für gewöhnlich um Volltrottel – entweder ganz junge, die damit angeben wollten, ein Supermodel zu daten, oder ältere, die oft Hintergedanken hatten. Wie viele andere schöne junge Frauen war sie ein Magnet für Männer, die sie benutzen wollten, normalerweise, um mit ihr gesehen zu werden, und die die Vorteile ihres Erfolgs auskosten wollten. Der Letzte war ein berühmter italienischer Playboy gewesen, der berüchtigt für die schönen Frauen war, mit denen er zusammen war – ungefähr zwei Minuten lang. Davor hatte sie einen jungen englischen Lord, der äußerlich normal wirkte, aber auf Peitschen und Fesselspiele stand. Später hatte Candy herausgefunden, dass er bisexuell und stark drogenabhängig war. Candy war erschüttert und hatte sich so schnell wie möglich aus dem Staub gemacht, auch wenn sie so ein Angebot nicht zum ersten Mal bekommen hatte. In den vergangenen vier Jahren hatte sie alles gesehen. Die meisten ihrer Beziehungen waren von kurzer Dauer gewesen. Sie hatte nicht die Zeit oder das Verlangen, sich zu binden, und die Männer, die sie kennenlernte, gehörten nicht zu der Sorte, bei der sie bleiben wollte. Sie sagte immer, dass sie noch nie verliebt gewesen war, auch wenn sie viele Männer gedatet hatte. Seit dem Jungen, mit dem sie an der Highschool zusammen war, war es keiner von ihnen wert gewesen. Er war nun auf dem College, und sie hatten den Kontakt zueinander verloren.
Candy war nie aufs College gegangen. Als sie ihren großen Durchbruch als Model hatte, war sie im Abschlussjahr der Highschool gewesen, und sie hatte ihren Eltern versprochen, dass sie später studieren würde. Sie wollte die Gelegenheiten nutzen, solange sie sich ihr boten. Sie legte jede Menge Geld auf die hohe Kante, auch wenn sie viel davon für eine Penthousewohnung in New York, spektakuläre Klamotten und schicke Freizeitaktivitäten ausgab. College wurde immer unwahrscheinlicher. Sie sah keinen Sinn darin. Außerdem war sie nicht annähernd so klug wie ihre Schwestern, zumindest behauptete sie das immer ihren Eltern gegenüber. Ihre Familie widersprach ihr und fand immer noch, dass sie aufs College gehen sollte, wenn ihr Leben ein wenig ruhiger wurde – wenn das je der Fall wäre. Aber vorerst gab sie immer noch Vollgas und liebte jede einzelne Minute davon. Sie fuhr auf der Überholspur und genoss die Früchte ihres enormen Erfolgs in vollen Zügen.
»Ich kann nicht fassen, dass du zum 4.-Juli-Picknick, oder was immer es ist, nach Hause fliegst. Kann ich dir das noch ausreden?«, fragte Matt hoffnungsvoll. Er hatte eine Freundin, aber sie war nicht in Frankreich, und er und Candy waren schon immer gute Freunde gewesen. Er genoss ihre Gesellschaft, und es würde viel mehr Spaß machen, wenn sie am Wochenende auch in Saint-Tropez wäre.
»Nee«, erwiderte sie; offenbar ließ sie sich nicht umstimmen. »Das würde meiner Mom das Herz brechen. Das kann ich ihr nicht antun. Und meine Schwestern wären echt sauer. Sie kommen auch alle nach Hause.«
»Ja, aber das ist etwas anderes. Ich bin mir sicher, sie haben keine Optionen wie eine Party auf der Valentino-Jacht.«
»Nein, aber sie haben auch zu tun. Wir sind zum 4. Juli alle zu Hause, komme, was wolle.«
»Wie patriotisch«, sagte er ironisch, um sie zu necken. Dauernd gingen Leute an ihrem Tisch vorbei und starrten. Man konnte Candys Brüste durch das papierdünne weiße Tanktop erkennen, das eigentlich ein Männerunterhemd war – ein »Wifebeater«, wie man es in der Branche nannte. Das trug sie oft, und einen BH brauchte sie nicht. Vor drei Jahren hatte sie sich die Brüste vergrößern lassen, und nun bildeten sie einen scharfen Kontrast zu ihrem spindeldürren Körper. Die neuen Brüste waren nicht riesig, sahen aber spektakulär aus und waren gut gemacht. Sie fassten sich immer noch weich an, anders als die meisten Brustimplantate, vor allem die billigeren. Sie hatte sie beim besten plastischen Chirurgen in New York anfertigen lassen, sehr zum Entsetzen ihrer Mutter und ihrer Schwestern. Aber sie erklärte ihnen, dass das für ihre Arbeit notwendig war. Weder ihre Schwestern noch ihre Mutter hätten so etwas je in Betracht gezogen, zwei ihrer Schwestern hatten das auch gar nicht nötig. Und ihre Mutter hatte trotz ihrer siebenundfünfzig Jahre eine großartige Figur und sah blendend aus.
Alle Frauen in der Familie waren umwerfend, auch wenn sie sich optisch stark unterschieden. Candy sah ganz anders aus als die anderen Frauen der Familie. Sie war bei Weitem die Größte und kam, was das und ihr Gesicht anging, eher nach ihrem Vater. Er war sehr gut aussehend, hatte in Yale Football gespielt, war eins fünfundneunzig groß, und als er jung war, hatte er die gleichen blonden Haare wie sie gehabt. Jim Adams wurde im Dezember sechzig. Weder ihm noch seiner Frau sah man ihr Alter an. Sie waren immer noch ein bemerkenswertes Paar. Wie Candys Schwester Tammy hatte ihre Mutter rotes Haar. Das ihrer Schwester Annie war kastanienbraun mit kupferfarbenen Strähnen, während ihre Schwester Sabrina beinahe schwarzhaarig war. Sie hatten eine von jeder Farbe, pflegte ihr Vater zu scherzen. Und als sie jünger waren, wirkten sie wie alte Breck-Werbungen – von der Ostküste, patrizierhaft, vornehm und gut aussehend. Die vier Mädchen waren wunderschön als Kinder, was oft kommentiert wurde; das war auch heute noch so, wenn sie zusammen ausgingen, auch mit ihrer Mutter. Wegen ihrer Größe, ihres Gewichts, ihres Ruhms und ihres Berufs erregte Candy immer am meisten Aufmerksamkeit, aber die anderen konnten sich auch sehen lassen.
Sie beendeten ihr Mittagessen im L’Avenue. Matt aß noch ein rosafarbenes macaron mit Brombeerfüllung, während Candy das Gesicht verzog und sagte, dass es zu süß sei; sie trank stattdessen eine Tasse schwarzen café filtre und genehmigte sich dazu eine winzige Ecke Schokolade, was selten vorkam. Danach brachte sie der Fahrer zum Triumphbogen. In der Avenue Foch hinter dem Triumphbogen stand ein Trailer für sie, den sie kurze Zeit später in einem umwerfend schönen roten Abendkleid verließ, darüber einen Umhang aus Zobel. Sie sah absolut atemberaubend aus, als zwei Polizisten ihr durch den Verkehr über die Straße halfen, wo Matt und seine Crew bereits unter der riesigen französischen Flagge, die am Triumphbogen wehte, auf sie warteten. Matt strahlte ihr entgegen. Candy war wirklich die schönste Frau, die er je gesehen hatte, womöglich die schönste der Welt.
»Heiliger Bimbam, Mädchen, du siehst unglaublich aus in diesem Kleid.«
»Danke, Matt«, erwiderte sie bescheiden und lächelte die beiden Gendarmen an, die ebenfalls geblendet wirkten. Sie hätte fast mehrere Unfälle verursacht, weil rasende Pariser mit quietschenden Reifen angehalten hatten, um sie anzustarren, als die beiden Polizisten sie durch den Verkehr geleitet hatten.
Kurz nach sechs beendeten sie das Fotoshooting unter dem Triumphbogen, und Candy fuhr zu einer vierstündigen Pause ins Ritz. Sie duschte, rief ihre Agentur in New York an und war für die letzten Aufnahmen gegen neun am Eiffelturm, der zu dieser Stunde in weiches Licht getaucht war. Um 1 Uhr nachts waren sie fertig mit dem Shooting, und sie machte sich auf den Weg zu der Party, zu der sie versprochen hatte zu kommen. Um vier kehrte sie ins Ritz zurück, taufrisch und voller Energie. Matt war zwei Stunden vorher ausgestiegen. Es gab nichts Besseres, als einundzwanzig zu sein, merkte er an. Mit siebenunddreißig konnte weder er mit ihr mithalten noch die meisten anderen Männer, die hinter ihr her waren.
Candy packte ihre Taschen, nahm eine Dusche und legte sich eine Stunde hin. Sie hatte sich heute Nacht amüsiert, aber die Party, auf der sie gewesen war, war ziemlich durchschnittlich gewesen, nichts Neues oder Besonderes für sie. Um sieben musste sie das Hotel verlassen, damit sie um acht am Charles de Gaulle war, um den Flieger um zehn zu nehmen, mit dem sie gegen Mittag, Ortszeit, auf dem Kennedy-Flughafen ankommen würde. Dann hätte sie eine Stunde Zeit, um ihr Gepäck zu holen und die Kontrollen zu passieren, ehe sie eine zweistündige Fahrt nach Connecticut bringen würde. Gegen drei wäre sie dann zu Hause bei ihren Eltern, also noch jede Menge Zeit bis zu ihrer Party am nächsten Tag. Sie freute sich schon darauf, einen ruhigen Abend mit ihren Eltern und ihren Schwestern zu verbringen, ohne den Trubel der anstehenden Party.
Candy lächelte die vertrauten Rezeptionistinnen und Sicherheitsleute an, als sie in Jeans und T-Shirt das Ritz verließ, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, den sie sich kaum die Mühe gemacht hatte zu kämmen. Sie trug eine riesige alte whiskeyfarbene Krokodilledertasche von Hermès über dem Arm, die sie in einem Vintage-Laden beim Palais Royal gefunden hatte. Draußen wartete eine Limousine auf sie, und schon war sie unterwegs. Sie wusste, dass sie schon bald wieder in Paris wäre, da sich ein so großer Teil ihrer Arbeit hier abspielte. Für September waren bereits zwei Fotoshootings in Paris angesetzt, nach ihrer Reise nach Japan Ende Juli. Was im August los wäre, wusste sie noch nicht, aber sie hoffte, dass sie sich ein paar Tage freinehmen konnte, entweder um sie in den Hamptons oder in Südfrankreich zu verbringen. Sie hatte unendlich viele Möglichkeiten, sich zu amüsieren und zu arbeiten. Für sie war es ein herrliches Leben, und sie freute sich darauf, ein paar Wochen zu Hause zu verbringen. Das machte ihr immer Spaß, auch wenn ihre Schwestern sie mit dem Leben, das sie führte, aufzogen. Das kleine Mädchen, das Candace Adams gewesen war, das größte und linkischste in jeder Klassenstufe, hatte sich in einen Schwan verwandelt, der auf der ganzen Welt einfach nur Candy genannt wurde. Doch auch wenn sie ihre Arbeit liebte und überall, wo sie sich aufhielt, viel Spaß hatte, gab es keinen besseren Ort als zu Hause und niemanden, den sie mehr liebte als ihre Schwestern und ihre Mom. Ihren Dad liebte sie auch, aber zwischen ihnen bestand eine andere Art der Verbundenheit.
Während sie im frühmorgendlichen Verkehr durch Paris fuhren, lehnte sie sich zurück. Und so glamourös sie auch aussah, war sie in ihrem Herzen in so vielerlei Hinsicht immer noch Moms kleines Mädchen.
Die Sonne brannte auf die Piazza della Signoria in Florenz herab, als eine hübsche junge Frau bei einem Straßenverkäufer ein gelato kaufte. In fließendem Italienisch bestellte sie je eine Kugel Zitrone und Schokolade und genoss die Kombination aus beidem, während ihr das Eis von der Waffel auf die Hand tropfte. Sie leckte das überschüssige gelato ab, während sie auf dem Weg nach Hause an den Uffizien vorbeikam, die Sonne glitzerte auf ihrem dunklen kupferfarbenen Haar. Sie lebte nun schon seit zwei Jahren in Florenz, nachdem sie ihren Bachelor der Bildenden Künste an der Rhode Island School of Design abgeschlossen hatte, einem angesehenen Institut für Menschen mit künstlerischer Begabung, vor allem Designer und Designerinnen, aber auch einer Reihe von bildenden Künstlerinnen und Künstlern. Nach Rhode Island machte sie ihren Master an der École des Beaux-Arts in Paris, wo es ihr auch sehr gefallen hatte. Ihr ganzes Leben lang hatte sie jedoch davon geträumt, in Italien Kunst zu studieren, deshalb war sie nach Paris hierhergekommen, und nun wusste sie, dass das ihre Bestimmung gewesen war.
Jeden Tag nahm sie Zeichenunterricht und eignete sich die Maltechniken der alten Meister an. Sie hatte das Gefühl, im letzten Jahr sehr wertvolle Arbeit geleistet zu haben, fand aber, dass sie immer noch eine Menge lernen müsse. Sie trug einen Baumwollrock und Sandalen, die sie für fünfzehn Euro bei einem Straßenhändler erstanden hatte, dazu eine rustikale Bluse, die sie von einem Ausflug nach Siena mitgebracht hatte. Noch nie in ihrem Leben war sie so glücklich gewesen wie hier. In Florenz zu leben war wie ein Traum, der Wirklichkeit geworden war.
Heute Abend um sechs wollte sie an einem informellen Zeichenkurs mit Model teilnehmen, das im Atelier eines Künstlers stattfand, und morgen flöge sie dann in die Staaten. Sie ging nur ungern von hier weg, aber sie hatte ihrer Mutter versprochen, dass sie wie jedes Jahr nach Hause käme. Es war herzzerreißend für sie, Florenz auch nur für ein paar Tage zu verlassen. In einer Woche würde sie zurückkehren und dann mit Freunden einen Trip nach Umbrien unternehmen. Sie hatte schon viel von Italien gesehen, seit sie hier war, sie war am Comer See gewesen, hatte einige Zeit in Portofino verbracht und ungefähr jede Kirche und jedes Museum in Italien besucht. Für Venedig und die Kirchen und die Architektur dort hatte sie ein ganz besonderes Faible. Sie wusste mit absoluter Gewissheit, dass Italien der Ort war, an dem sie sein sollte; seit sie hier war, fühlte sie sich erst richtig lebendig. Hier hatte sie sich selbst gefunden.
In einem heruntergekommenen Gebäude hatte sie sich eine winzige Mansardenwohnung gemietet, die perfekt zu ihr passte. Ihre Werke spiegelten die Früchte der harten Arbeit wider, die sie in den letzten paar Jahren geleistet hatte. Zu Weihnachten hatte sie ihren Eltern eines ihrer Gemälde geschenkt, und sie waren erstaunt gewesen über die Tiefe und Schönheit ihres Werks. Es zeigte eine Madonna mit Kind, ganz im Stil der alten Meister, und sie hatte all ihre neu gelernten Techniken eingesetzt. Sogar die Farbe hatte sie nach einer antiken Methode selbst gemischt. Ihre Mutter sagte, es sei wirklich ein Meisterwerk, und hatte es im Wohnzimmer aufgehängt. Annie hatte es, eingeschlagen in Zeitungspapier, eigenhändig nach Hause getragen und am Heiligabend enthüllt.
Nun würde sie zur Party anlässlich des Unabhängigkeitstags, die sie jedes Jahr gaben, nach Hause fahren. Sie und ihre Schwestern setzten stets Himmel und Hölle in Bewegung, um dabei sein zu können. Dieses Jahr stellte dies für Annie ein Opfer dar. Es gab so vieles, was sie tun wollte, und es gefiel ihr ganz und gar nicht, auch nur eine Woche lang ihre Arbeit ruhen zu lassen. Aber genau wie ihre Schwestern wollte sie ihre Mutter nicht enttäuschen, die dafür lebte, sie zu sehen, und es nicht erwarten konnte, alle vier ihrer Töchter gleichzeitig zu Hause zu haben. Das ganze Jahr sprach sie davon. In Annies karger Wohnung gab es kein Telefon, aber ihre Mutter rief sie oft auf dem Handy an, um zu fragen, wie es ihr ging, und sie liebte es, wenn sie die Aufregung in der Stimme ihrer Tochter hörte. Nichts begeisterte Annie so sehr wie ihre Arbeit und die tiefe Befriedigung, die ihr das Studium der Künste verschaffte, hier in Florenz, der wichtigsten aller Quellen. In den Uffizien vergaß sie manchmal stundenlang die Zeit, studierte die Gemälde, und oft fuhr sie in benachbarte Städte, um weitere wichtige Werke zu besichtigen. Florenz war ein Mekka für sie.
Vor Kurzem hatte sie etwas mit einem jungen Künstler aus New York angefangen. Er war erst vor sechs Monaten nach Florenz gekommen, und sie hatten sich nur Tage nach seiner Ankunft kennengelernt; sie war damals gerade aus Connecticut zurückgekehrt, wo sie Weihnachten mit ihrer Familie verbracht hatte. Sie waren sich an Silvester im Atelier eines Künstlerkollegen begegnet, einem jungen Italiener, und seitdem führten sie eine leidenschaftliche, hoch romantische Beziehung. Sie liebten die Arbeit des jeweils anderen und hatten ihre tiefe Hingabe zur Kunst gemein. Seine Werke waren zeitgenössischer, ihre eher traditionell, aber sie teilten viele Ansichten und Theorien. Er hatte sich eine Auszeit von seiner Arbeit als Designer genommen, die er gehasst hatte und die er als Prostitution bezeichnete. Nun hatte er endlich genug Geld gespart, um nach Italien zu kommen und ein Jahr lang zu malen und zu studieren.
Annie hatte da mehr Glück. Obwohl sie schon sechsundzwanzig war, war ihre Familie immer noch bereit, sie zu unterstützen. Sie konnte sich mühelos vorstellen, den Rest ihres Lebens in Italien zu verbringen, nichts würde ihr mehr gefallen. Und auch wenn sie ihre Eltern und ihre Schwestern liebte, hasste sie es, nach Hause zu fliegen. Jede Minute, die sie nicht in Florenz und bei ihrer Arbeit verbrachte, schmerzte sie. Schon als kleines Mädchen hatte sie Künstlerin werden wollen, und im Laufe der Zeit waren ihre Entschlossenheit und ihre Inspiration noch stärker geworden. Das hob sie von ihren Schwestern ab, deren Bestrebungen weltlicher und die eher mit Geldverdienen beschäftigt waren. Ihre älteste Schwester war Anwältin, die zweite Produzentin einer Fernsehshow in L.A., und ihre jüngste Schwester war Supermodel, deren Gesicht man überall auf der Welt kannte. Annie war die einzige Künstlerin unter ihnen, und es scherte sie absolut nicht, ob sie damit je kommerziell erfolgreich sein würde. Am glücklichsten war sie, wenn sie sich voll und ganz in ihre Arbeit vertiefen konnte. Ihr war bewusst, wie viel Glück sie mit ihren Eltern hatte, die diese Leidenschaft unterstützten, auch wenn sie entschlossen war, eines Tages für sich selbst zu sorgen. Aber vorerst saugte sie wie ein Schwamm antike Techniken und die außergewöhnliche Florentiner Atmosphäre in sich auf.
Ihre Schwester Candy hielt sich oft in Paris auf, aber Annie konnte sich nie von ihrer Arbeit losreißen, um sie zu besuchen, und auch wenn sie ihre jüngste Schwester über alle Maßen liebte, hatten sie und Candy nur wenig gemeinsam. Wenn Annie arbeitete, scherte sie sich nicht darum, ob sie sich überhaupt die Haare gekämmt hatte, und all ihre Habseligkeiten waren mit Farbe bespritzt. Candys Welt bestand aus schönen Menschen und Haute Couture, sie war Lichtjahre entfernt von der Welt der brotlosen Künstler oder davon zu wissen, wie man Farbe am besten mischte. Wann immer sich die beiden begegneten, wollte Supermodel Candy Annie davon überzeugen, sich die Haare mal anständig schneiden zu lassen und Make-up aufzulegen, aber Annie lachte dann nur. Das alles lag ihr völlig fern. Seit zwei Jahren war sie nicht mehr shoppen gewesen oder hatte sich etwas Neues zum Anziehen gekauft. Mode hatte sie überhaupt nicht auf dem Schirm. Annie aß, schlaf, trank und lebte für die Kunst. Das kannte sie, und das liebte sie, und das war auch die Leidenschaft ihres derzeitigen Freundes Charlie. Die vergangenen sechs Monate waren sie nahezu unzertrennlich gewesen und in ganz Italien herumgereist, um wichtige und unbekannte Kunstwerke zu studieren. Die Beziehung lief wirklich gut. Wie sie ihrer Mutter am Telefon gesagt hatte, war er der erste nicht verrückte Künstler, den sie je kennengelernt hatte, und sie hatten so viel gemeinsam. Annies einzige Sorge bestand darin, dass er am Ende des Jahres nach New York zurückkehren wollte, es sei denn, sie konnte ihn davon überzeugen zu bleiben. Sie bearbeitete ihn jeden Tag, damit er seinen Aufenthalt in Florenz verlängerte. Doch als Amerikaner konnte er nicht legal in Italien arbeiten, und irgendwann würde ihm das Geld ausgehen. Mit dem Rückhalt ihrer Eltern konnte Annie so lange in Florenz bleiben, wie sie wollte. Dieses Privilegs war sie sich durchaus bewusst und war dankbar dafür.
Sie hatte sich vorgenommen, finanziell unabhängig zu sein, wenn sie dreißig wäre, bis dahin hoffte sie, ihre Gemälde an eine Galerie verkaufen zu können. Sie hatte schon zwei Ausstellungen in einer kleinen Galerie in Rom gehabt und mehrere Gemälde verkauft. Aber ohne die Hilfe ihrer Eltern wäre sie nicht zurechtgekommen. Manchmal schämte sie sich dafür, aber sie konnte von dem Verkauf ihrer Gemälde einfach noch nicht leben, und das würde womöglich noch einige Jahre so bleiben. Charlie zog sie manchmal deswegen auf, aber er versäumte nie, sie darauf hinzuweisen, wie viel Glück sie doch hatte, sie lebte zwar in einer heruntergekommenen Mansardenwohnung, aber das war irgendwie heuchlerisch. Ihre Eltern hätten es sich leisten können, eine vernünftige Wohnung für sie zu mieten, wenn sie das gewollt hätte. Bei den meisten Künstlern, die sie kannten, war dies ganz und gar nicht der Fall. Aber sosehr er sie auch neckte, weil ihre Eltern ihr unter die Arme griffen, hatte er tiefen Respekt vor ihrem Talent und der Qualität der Werke, die sie produzierte. Für ihn und für jeden anderen stand es außer Frage, dass sie das Zeug zu einer wahrhaft außergewöhnlichen Künstlerin hatte, schon mit sechsundzwanzig war sie auf einem guten Weg dorthin. Ihr Werk zeigte Tiefe, Substanz und eine bemerkenswerte Beherrschung von Techniken. Sie besaß ein feines Gespür für Farben. Ihre Gemälde waren ein klarer Hinweis darauf, dass sie wirklich talentiert war. Und wenn sie ein besonders schwieriges Objekt gemeistert hatte, sagte Charlie zu ihr, wie stolz er auf sie war.
Er wollte an diesem Wochenende eigentlich mit ihr nach Pompeji fahren, um Fresken zu studieren, aber sie hatte ihm verkündet, dass sie für eine Woche nach Hause flöge, zu der Party, die ihre Eltern alljährlich zum Unabhängigkeitstag gaben.
»Warum ist das so ein großes Ding?« Er stand seiner Familie nicht nahe und hatte nicht vor, sie während seines Sabbatjahrs zu besuchen. Er hatte mehr als einmal erwähnt, wie kindisch er es fand, dass sie so an ihren Schwestern und ihren Eltern hing. Immerhin war sie schon sechsundzwanzig.
»Es ist ein großes Ding, weil man sich in meiner Familie sehr nahesteht«, erklärte sie. »Es geht nicht um den Unabhängigkeitstag als Feiertag, sondern darum, eine Woche mit meinen Schwestern, meiner Mom und meinem Dad zu verbringen. Zu Thanksgiving und Weihnachten fliege ich auch nach Hause«, warnte sie ihn vor, damit es später keine Enttäuschungen oder Missverständnisse gäbe. Die Feiertage waren ihnen allen heilig.
Charlie war ein wenig verstimmt gewesen, und anstatt eine weitere Woche zu warten, um mit ihr Pompeji zu besuchen, verkündete er, dass er die Reise mit einem anderen Künstlerfreund unternehmen würde. Annie war enttäuscht, weil sie nicht zusammen hinfahren würden, beschloss aber, kein Problem daraus zu machen. Wenigstens hätte er dann etwas zu tun, während sie weg war. Er war seit Kurzem in einer künstlerischen Krise und rang mit einigen neuen Techniken und Ideen. Es lief gerade nicht gut bei ihm, aber sie war sich sicher, dass er da bald wieder rauskommen würde. Er war sehr begabt, auch wenn ein älterer Künstler, der ihn in Florenz beraten hatte, gesagt hatte, dass die Reinheit seiner Werke durch seine Arbeit als Designer verdorben worden sei. Der Mentor fand, dass seine Arbeit eine kommerzielle Qualität hätte, die er ausmerzen müsse. Seine Kommentare hatten Charlie zutiefst beleidigt, und er hatte wochenlang nicht mehr mit seinem selbst ernannten Kritiker geredet. Wie viele Künstler war er extrem empfindlich, was seine Kunst anging. Annie war Kritik gegenüber aufgeschlossener und begrüßte sie, um ihre Arbeit zu verbessern. Genau wie ihre Schwester Candy war sie überraschend bescheiden, was sie selbst betraf. Unaufrichtigkeit oder Bosheit waren ihr fremd, und in Bezug auf ihre Arbeit war sie erstaunlich demütig.
Seit Monaten hatte sie versucht, Candy dazu zu bringen, sie zu besuchen, und zwischen ihren Reisen nach Paris und Mailand wäre dafür genug Gelegenheit gewesen, aber Florenz lag abseits von Candys ausgetretenen Pfaden, und Annies Umfeld aus brotlosen Künstlern lag ihr auch nicht. Candy reiste zwischen ihren Aufträgen gern an Orte wie London oder Saint-Tropez. Annies Künstlerszene in Florenz war Lichtjahre entfernt von Candys Leben, und umgekehrt galt dies genauso. Annie hatte nicht das Bedürfnis, nach Paris zu fliegen, um ihre Schwester zu besuchen oder in schicken Hotels wie dem Ritz zu übernachten. Sie war viel glücklicher, wenn sie durch Florenz ging, gelato aß oder in ihren Sandalen und ihrem rustikalen Rock zum tausendsten Mal die Uffizien besuchte. Das war ihr lieber, als sich aufzubrezeln, sich zu schminken oder hohe Schuhe zu tragen wie alle in Candys Umfeld. Sie mochte die oberflächlichen Menschen nicht, mit denen Candy abhing. Candy sagte immer, dass Annies Freunde alle aussahen, als würden sie mal ein Bad brauchen. Die beiden Schwestern lebten in völlig unterschiedlichen Welten.
»Wann fährst du noch mal los?«, wollte Charlie wissen, nachdem er ihre Wohnung betreten hatte. Sie hatte versprochen, am Abend, bevor sie wegfuhr, nach dem Unterricht für ihn zu kochen. Sie hatte frische Pasta, Tomaten und Gemüse gekauft und wollte eine Soße zubereiten, von der sie neulich gehört hatte. Charlie hatte eine Flasche Chianti mitgebracht und schenkte ihr ein Glas davon ein, während sie kochte, wobei er ihr von der anderen Seite des Zimmers bewundernd zusah. Sie war eine schöne Frau, total natürlich und anspruchslos. Allen, die sie kennenlernten, kam sie eher schlicht vor, dabei war sie auf ihrem Gebiet extrem gebildet, gut geschult und stammte aus einer Familie, die seiner Einschätzung nach ziemlich wohlhabend war, auch wenn Annie die Vorteile, die sie in ihrer Jugend genossen hatte und bis heute genoss, nie erwähnte. Sie führte ein ruhiges Künstlerleben, das von harter Arbeit geprägt war. Das einzige Zeichen für ihre wohlhabende Herkunft war der kleine goldene Siegelring mit dem Wappen ihrer Mutter, den sie an der linken Hand trug. Und auch daraus machte Annie kein großes Ding. Das Einzige, woran sie sich selbst und andere maß, war, wie hart sie an ihrer Kunst arbeiteten, wie engagiert sie waren.
»Ich reise morgen ab«, rief sie ihm ins Gedächtnis, während sie eine große Schüssel Pasta auf den Küchentisch stellte. Es roch köstlich, der Parmesan war selbst gerieben. Das Brot heiß und frisch. »Deshalb koche ich doch heute Abend für dich. Wann fahrt ihr nach Pompeji?«
»Übermorgen«, sagte er leise und lächelte sie über den Tisch hinweg an, während sie auf den beiden nicht zusammenpassenden, leicht wackligen Stühlen Platz nahmen, die sie auf der Straße gefunden hatte, wo jemand sie entsorgt hatte. Auf diese Weise war sie zu den meisten ihrer Möbel gekommen. Sie gab so wenig wie möglich vom Geld ihrer Eltern aus, nur was sie für Miete und Essen brauchte. Es gab keinen offensichtlichen Luxus in ihrem Leben. Und das kleine Auto, das sie fuhr, war ein fünfzehn Jahre alter Fiat. Ihre Mutter war entsetzt, weil es ihr nicht sicher genug war, doch Annie weigerte sich, sich ein neues zu kaufen.
»Ich werde dich vermissen«, sagte er traurig. Seit sie sich kennengelernt hatten, wären sie nun zum ersten Mal voneinander getrennt. Schon einen Monat nach ihrem ersten Date hatte er ihr gestanden, dass er verliebt in sie war. Seit Jahren hatte sie niemanden mehr so gemocht und erwiderte seine Gefühle. Das Einzige, was sie an ihrer Beziehung beunruhigte, war, dass er in sechs Monaten in die Staaten zurückwollte. Schon jetzt drängte er sie dazu, zurück nach New York zu ziehen, doch sie war noch nicht bereit, Florenz zu verlassen, nicht einmal seinetwegen. Es würde eine schwere Entscheidung für sie werden, wenn er wegging. Trotz ihrer Liebe zu ihm würde sie nur ungern für irgendeinen Mann die Möglichkeit aufgeben, ihre Studien in Florenz weiterzubetreiben. Bisher hatte ihre Kunst immer oberste Priorität gehabt. Nun stellte sie dies zum ersten Mal infrage, was ihr Angst einjagte. Sie wusste, dass es ein riesiges Opfer für sie wäre, seinetwegen Florenz zu verlassen.
»Lass uns irgendwohin fahren, wenn wir aus Umbrien zurückkehren«, schlug er vor und sah sie hoffnungsvoll an. Sie lächelte. Im Juli wollten sie gemeinsam mit Freunden nach Umbrien, aber er liebte es, Zeit allein mit ihr zu verbringen.
»Wohin auch immer du willst«, sagte sie und meinte es auch so. Er beugte sich über den Tisch und küsste sie. Sie servierte die Pasta, und beide waren sich einig, wie lecker sie war. Das Rezept war gut gewesen, und sie war eine hervorragende Köchin. Oft erklärte er, sie sei das Beste, was ihm seit seiner Ankunft in Europa passiert sei. Es rührte sie, ihn das sagen zu hören.
Sie schoss ein paar Fotos von ihm, um sie ihren Schwestern und ihrer Mom zu zeigen, aber diese ahnten bereits, dass dies eine ernste Beziehung für sie war. Ihre Mutter hatte schon zu ihren Schwestern gesagt, dass sie hoffe, Charlie würde Annie davon überzeugen, in die Staaten zurückzukehren. Sie respektierte, was Annie in Italien tat, aber es war so weit weg, und Annie wollte nie nach Hause kommen, weil sie in Florenz so glücklich war. Es war eine große Erleichterung für ihre Mom gewesen, als sie sich einverstanden erklärt hatte, am 4. Juli wie immer nach Hause zu kommen. Mit jedem Jahr, das verstrich, hatte ihre Mutter mehr Angst, dass eine von ihnen mit der Tradition bräche und nicht erscheinen würde. Und wenn das geschähe, wäre nichts mehr so, wie es war. Bisher war keines der Mädchen verheiratet oder hatte Kinder, aber ihrer Mutter war sehr wohl bewusst, dass sich alles ändern würde, wenn das passierte. Bis dahin genoss sie ihre Zeit mit ihnen und wusste ihre Besuche jedes Jahr zu schätzen. Sie wusste, es grenzte an ein Wunder, dass alle vier Töchter noch immer dreimal im Jahr nach Hause kamen und es sogar schafften, sie auch dazwischen zu besuchen, wann immer dies möglich war.
Annie kam seltener nach Hause als die anderen, aber die drei wichtigen Feiertage, die sie gemeinsam begingen, waren ihr heilig. Ganz im Gegensatz zu Charlie, der seit fast vier Jahren nicht mehr zu Hause in New Mexico gewesen war. Sie konnte sich nicht vorstellen, ihre Eltern oder Schwestern so lange nicht zu sehen. Das Einzige, was ihr an Florenz nicht gefiel, war, dass ihre Familie zu weit weg war.
Charlie brachte sie am nächsten Tag zum Flughafen. Es würde eine lange Reise für sie werden. Zuerst flöge sie nach Paris, wo sie drei Stunden Aufenthalt hätte. Nachmittags um vier ginge es dann weiter nach New York. Dort käme sie um 6 Uhr Ortszeit an und rechnete damit, gegen neun, kurz nach dem Abendessen, zu Hause zu sein. Vergangene Woche hatte sie ihre Schwester Tammy angerufen, sie würden im Abstand von einer halben Stunde zu Hause ankommen. Candy kam früher an, und Sabrina müsste nur aus New York herfahren, wenn sie sich aus dem Büro loseisen konnte, und natürlich würde sie auch ihren schrecklichen Hund mitbringen. Annie war das einzige Familienmitglied, das Hunde hasste. Die anderen waren unzertrennlich, wenn es um ihre Hunde ging, außer Candy, wenn sie beruflich unterwegs war. Die übrige Zeit war ihr lächerlich verwöhnter Mini-Yorkshireterrier bei ihr, meist mit Schleife und in einen rosa Kaschmirpulli gekleidet. An Annie war dieses Hundeliebe-Gen wohl vorbeigegangen, aber ihre Mutter war glücklich, wenn sie alle – mit oder ohne Hunde – zu Hause waren.
»Pass auf dich auf«, sagte Charlie feierlich, und dann küsste er sie lange und leidenschaftlich. »Ich werde dich vermissen.« Er sah traurig und verlassen aus, als sie ging.
»Ich dich auch«, sagte Annie leise. In der Nacht zuvor hatten sie sich stundenlang geliebt. »Ich rufe dich an«, versprach sie. Sie blieben sonst über Handy in Kontakt, selbst wenn sie nur ein paar Stunden getrennt waren. Charlie wollte der Frau, die er liebte, stets nahe sein. Einmal hatte er zu ihr gesagt, dass sie ihm wichtiger war als seine Familie. Das konnte sie von sich selbst nicht sagen und würde es auch nie tun, aber es stand außer Frage, dass sie total in ihn verliebt war. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, eine verwandte Seele gefunden zu haben und vielleicht sogar einen möglichen Partner, auch wenn sie nicht den Wunsch verspürte, in den nächsten paar Jahren zu heiraten, und Charlie sagte dasselbe. Aber sie dachten darüber nach, für die letzten Monate seines Aufenthalts zusammenzuziehen, und hatten in der Nacht zuvor noch einmal darüber gesprochen. Sie dachte darüber nach, es ihm vorzuschlagen, wenn sie zurückkehrte. Sie wusste, dass er das wollte, und sie war nun bereit, dies in Erwägung zu ziehen. In den letzten sechs Monaten waren sie unzertrennlich gewesen. Ihre Leben waren komplett ineinander verstrickt. Oft sagte er ihr, dass er sie unter allen Umständen lieben würde, selbst wenn sie fett und alt würde, ihre Zähne verlöre, ihr Talent oder ihren Verstand. Sie hatte darüber gelacht und ihm versichert, dass sie ihr Bestes tun würde, nicht die Zähne oder den Verstand zu verlieren.
Da wurde ihr Flug aufgerufen, und sie küssten sich ein letztes Mal, ehe sie aufbrach. Sie winkte, bevor sie durch das Gate verschwand, und der letzte Blick, den sie ihm zuwarf, zeigte einen hochgewachsenen, gut aussehenden jungen Mann, der ihr mit Sehnsucht in den Augen nachwinkte. Dieses Mal hatte sie ihn nicht eingeladen mitzukommen, aber sie dachte darüber nach, ihn an Weihnachten mitzunehmen, vor allem, wenn es um die Zeit wäre, in der er zurückkehren wollte. Sie wünschte sich, dass er ihre Familie kennenlernte, auch wenn sie wusste, dass ihre Schwestern ab und zu ein wenig überwältigend sein konnten. Sie alle vertraten starke Meinungen, vor allem Sabrina und Tammy, und waren so anders als Annie und das Leben, das sie führte. In vielerlei Hinsicht hatte sie mit Charlie mehr gemeinsam als mit ihnen, auch wenn sie sie mehr liebte als ihr eigenes Leben. Das schwesterliche Band war ihnen allen heilig.
Annie machte es sich für den kurzen Flug nach Paris in ihrem Sitz bequem. Sie saß neben einer alten Frau, die erzählte, dass sie dort ihre Tochter besuchte. Nachdem sie gelandet waren, spazierte Annie durch den Pariser Flughafen. In dem Moment, in dem sie ihr Handy wieder einschaltete, rief Charlie sie an.
»Ich vermisse dich jetzt schon«, sagte er traurig. »Komm zurück. Was soll ich denn eine ganze Woche lang ohne dich machen?« Sie hatten so viel Zeit zusammen verbracht, dass diese Reise schwer für sie beide war. Ihr wurde bewusst, wie sehr sie inzwischen aneinander hingen.
»Du hast bestimmt Spaß in Pompeji«, versicherte sie ihm, »und in ein paar Tagen bin ich schon wieder da. Ich bringe dir Erdnussbutter mit«, versprach sie. Schon seit er angekommen war, klagte er darüber, wie sehr er das vermisste. Annie vermisste, abgesehen von ihrer Familie, nichts aus den Staaten. Sie liebte das Leben in Italien und hatte in den letzten paar Jahren die Kultur, die Sprache, die Gebräuche und das Essen zu schätzen gelernt. Tatsächlich war es inzwischen so etwas wie ein Kulturschock, wenn sie nach Amerika zurückkehrte – einer der Gründe, weshalb sie in Italien bleiben wollte. Sie fühlte sich dort so vollkommen zu Hause, als wäre dieser Ort für sie bestimmt. Das würde sie nur ungern aufgeben, falls Charlie wollte, dass sie in sechs Monaten mit ihm in die Staaten zurückkehrte. Sie fühlte sich hin- und hergerissen zwischen einem Mann, den sie liebte, und einem Ort, an dem sie sich so wohl in ihrer Haut fühlte, als hätte sie schon ihr ganzes Leben dort verbracht. Auch Italienisch sprach sie fließend.
Die Air-France-Maschine startete pünktlich vom Flughafen Charles de Gaulle. Annie wusste, dass Candy sechs Stunden zuvor vom selben Flughafen abgeflogen war, aber nicht auf Annies Flug hatte warten wollen, hauptsächlich deshalb, weil Candy erster Klasse flog und Annie nicht. Aber Candy finanzierte sich im Gegensatz zu Annie selbst. Sie würde es gar nicht erst in Erwägung ziehen, auf Kosten ihrer Eltern erster Klasse zu fliegen, und Candy sagte, sie würde eher sterben, als Economyclass zu fliegen, eingezwängt in einen Sitz zwischen zwei Sitznachbarn, ohne Beinfreiheit, ohne die Möglichkeit, sich hinzulegen. Die Sitze der ersten Klasse ließen sich in richtige Betten umwandeln, und darauf wollte sie auf keinen Fall verzichten. Sie hatte zu Annie gesagt, sie würden sich dann zu Hause treffen. Kurz hatte sie darüber nachgedacht, die Preisdifferenz zu übernehmen, aber sie wusste, dass Annie keine Almosen von ihrer Schwester annehmen würde.
Annie war vollkommen zufrieden mit ihrem Economy-Platz, als das Flugzeug abhob. Und auch wenn sie Charlie vermisste, war sie ganz erpicht darauf, nach Hause zu kommen und ihre Familie zu sehen. Lächelnd lehnte sie sich zurück und schloss die Augen, als sie an sie dachte.
Tammys Tag in Los Angeles war der absolute Irrsinn. Heute Morgen um acht saß sie am Schreibtisch und versuchte, alles zu erledigen, bevor es losginge. Die Serie, die sie seit drei Jahren produzierte, würde über den Sommer pausieren, aber sie war bereits damit beschäftigt, die nächste Staffel zu konzipieren. Ihre Hauptdarstellerin hatte letzte Woche verkündet, dass sie mit Zwillingen schwanger sei. Ihr männlicher Hauptdarsteller war wegen Drogenbesitzes verhaftet worden, was vertuscht worden war. Am Ende der letzten Staffel hatten sie zwei ihrer Schauspieler gefeuert und noch immer keinen Ersatz für sie. Die Tontechnik drohte mit Streik, was den Start der nächsten Staffel verzögern könnte, und einer ihrer Sponsoren drohte, bei einer anderen Serie einzusteigen. Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich Briefe von Anwälten wegen Verträgen und Nachrichten von Agenten, die sie zurückgerufen hatten. Sie hatte ungefähr sechshundert Bälle in der Luft, alle Teil der komplizierten Logistik der Produktion einer erfolgreichen Primetime-Fernsehserie.
Tammy hatte an der UCLA Fernsehen und Kommunikation im Hauptfach studiert und war danach als Produktionsleiterassistentin bei einer erfolgreichen Langzeitserie in Los Angeles geblieben. Danach hatte sie an zwei weiteren Serien mitgewirkt, einen kurzen Abstecher ins Realityfernsehen gemacht, was sie gehasst hatte, und für eine Datingshow gearbeitet. Die letzten drei Jahre hatte sie Doctors produziert, eine Serie rund um die Praxis von vier Ärztinnen. In den letzten beiden Saisons war sie die Nummer-eins-Serie gewesen. Tammy tat nie etwas anderes als arbeiten. Ihre letzte Beziehung war vor fast zwei Jahren in die Brüche gegangen. Seitdem hatte sie zwei Dates mit Männern gehabt, die sie gehasst hatte. Sie hatte das Gefühl, nie Zeit zu haben, jemanden kennenzulernen, oder genug Energie, irgendwohin zu gehen, wenn sie abends endlich aus dem Büro kam. Ihre beste Freundin war Juanita, ihr anderthalb Kilo schwerer Zwerg-Chihuahua, der nun unter ihrem Schreibtisch lag und schlief, während Tammy arbeitete.
Im September würde Tammy dreißig werden, und ihre Schwestern zogen sie damit auf, dass sie als alte Jungfer enden würde. Wahrscheinlich hatten sie recht. Mit neunundzwanzig hatte sie keine Zeit zu daten, Männer kennenzulernen, zum Friseur zu gehen, Zeitschriften zu lesen oder am Wochenende irgendwohin zu fahren. Es war der Preis, den sie bereit war zu zahlen, um eine erfolgreiche Fernsehserie zu erschaffen und zu produzieren. Für die letzten beiden Staffeln hatten sie zwei Emmys gewonnen. Ihre Bewertungen waren durch die Decke gegangen. Der Sender und die Sponsoren liebten diese Serie, aber sie wusste besser als jeder andere, dass dies nur so lange der Fall war, wie ihre Bewertungen gut blieben. Jeglicher Abwärtstrend würde sie in die Vergessenheit katapultieren. Erfolgreiche Serien waren schon schneller den Bach runtergegangen, als man blinzeln konnte. Vor allem nun, da der Star schwanger war und Bettruhe brauchte. Das würde eine große Herausforderung werden, und Tammy wusste nicht, wie sie das schaffen sollte. Noch nicht. Denn ihr war klar, dass sie die Probleme wie immer lösen würde, sie war ein Genie darin, Hasen aus dem Hut zu zaubern und die Lage zu retten.
Gegen halb elf hatte Tammy alle Rückrufe erledigt, mit vier Agenten gesprochen, jede ihrer E-Mails beantwortet und ihrer Assistentin einen Stapel Briefe in die Hand gedrückt, die sie tippen sollte. Sie musste sie unterschreiben, ehe sie abreiste, und um eins zum Flughafen aufbrechen, damit sie den 3-Uhr-Flieger nach New York erreichte. Es war unmöglich, ihrer Familie zu schildern, wie ihr Alltag aussah und unter was für einem Druck sie stand, die Serie ganz oben in den Quoten zu halten. Nachdem sie sich ihre dritte Tasse Kaffee geholt hatte, kehrte sie in ihr Büro zurück und betrachtete den winzigen Hund, der tief und fest unter ihrem Schreibtisch schlummerte. Juanita hob den Kopf, blinzelte, wälzte sich auf die Seite und schlief weiter. Tammy hatte die Hündin schon seit dem College und nahm sie überallhin mit. Sie war zimtfarben und zitterte, wenn sie keinen Kaschmirpulli trug. Wenn Tammy das Büro verließ, um etwas zu erledigen oder zu Mittag zu essen, steckte sie Juanita in die Handtasche. Sie hatte eine Birkin Bag von Hermès, die perfekte Tragetasche für ihre winzige Freundin.
»Hi, Juanie. Wie geht es dir, meine Süße?« Der kleine Hund stöhnte leise und döste weiter. Leute, die regelmäßig zu Tammy ins Büro kamen, wussten, dass sie aufpassen mussten, wo sie hintraten. Es würde Tammy umbringen, wenn Juanita irgendetwas zustieße. Sie hing auf unnatürliche Weise an ihrem Hund, wie ihre Mutter mehr als einmal angemerkt hatte. Er war ein Ersatz für alles, was Tammy in ihrem Leben nicht hatte – einen Mann, Kinder, Freundinnen zum Abhängen, den täglichen Umgang mit ihren Schwestern, seit sie alle von zu Hause weggegangen waren. Juanita schien die einzige Empfängerin von Tammys gesamter Liebe zu sein. Einmal war Juanita im Gebäude verloren gegangen, und alle hatten sich auf die Suche gemacht, während Tammy hemmungslos geweint hatte und sogar auf die Straße gerannt war, um nach ihr zu suchen. Am Ende hatten sie sie tief und fest schlafend neben einem Heizgerät am Set gefunden. Inzwischen war sie im ganzen Gebäude berühmt, genau wie Tammy für den enormen Erfolg ihrer Serie und ihrer Besessenheit bezüglich ihrer Hündin.
Tammy sah blendend aus mit ihrer langen lockigen roten Mähne, die so üppig und voll war, dass die Leute manchmal glaubten, sie würde eine Perücke tragen. Ihr Haar hatte die gleiche Farbe wie das ihrer Mutter, ein leuchtendes, feuriges Rot. Und sie hatte grüne Augen und Sommersprossen auf der Nase und den Wangenknochen, wodurch sie schelmisch und jung aussah. Sie war die kleinste der Schwestern und besaß den Körper eines jungen Mädchens. Ihr Charme war unwiderstehlich, wenn sie nicht gerade in vierzehn Richtungen gleichzeitig rannte und einen nervösen Zusammenbruch wegen ihrer Serie hatte. Sich aus dem Büro zu entfernen und ein Flugzeug zu besteigen, war beinahe so, als würde man eine Nabelschnur zerschneiden, aber zum Unabhängigkeitstag flog sie immer nach Hause, um ihn mit ihren Schwestern und ihren Eltern zu verbringen. Von der Zeit her passte es auch gut, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler in die Sommerpause gingen.
Thanksgiving und Weihnachten waren da schon schwieriger für sie, da sie sich mitten in der Staffel befanden und der Kampf um die Quoten tobte. Aber auch da flog sie nach Hause, egal wie. Sie nahm zwei Handys und ihren Laptop mit. E-Mails empfing sie auf ihrem BlackBerry, und sie stand ununterbrochen in Kontakt mit ihrem Personal, wohin sie auch ging. Tammy war der vollendete Profi, die archetypische Fernsehproduzentin. Ihre Eltern waren stolz auf sie, hatten aber Angst um ihre Gesundheit. Es war kaum möglich, so gestresst zu sein wie sie, so viel Verantwortung wie sie zu haben, ohne eines Tages gesundheitliche Probleme zu bekommen. Ihre Mutter flehte sie an, langsamer zu machen, während ihr Vater sie unverhohlen für ihren riesigen Erfolg bewunderte. Ihre Schwestern meinten fröhlich, sie sei völlig durchgeknallt, was sie in gewissem Maße auch war. Tammy sagte selbst, man müsse verrückt sein, um beim Fernsehen zu arbeiten, deshalb passe es so gut zu ihr. Und sie war davon überzeugt, dass sie das nur überlebte, weil sie in einem normalen häuslichen Umfeld aufgewachsen war. Es war so gewesen, wie es sich die meisten Leute erträumten, aber nie gehabt hatten: liebevolle Eltern, die einander vergötterten und felsenfest an der Seite ihrer vier Mädchen standen, auch heute noch. Manchmal vermisste sie das Leben in ihrem glücklichen Zuhause. Seit sie weggegangen war, erschien ihr ihr Leben nie ganz vollkommen. Und jetzt lebten sie alle so weit voneinander entfernt. Annie in Florenz, Candy überall auf der Welt, wenn sie Aufnahmen für Magazine machte oder an Modeschauen in Paris teilnahm, und Sabrina in New York. Manchmal vermisste sie sie so sehr, und wenn sie dann endlich mal die Gelegenheit hatte, sie spät am Abend anzurufen, haute für gewöhnlich der Zeitunterschied überhaupt nicht hin, und sie schrieb ihnen stattdessen nur eine E-Mail. Wenn die anderen sie auf dem Handy anriefen, während Tammy von einem Meeting zum anderen rannte oder am Set war, konnten sie nur ein paar Worte wechseln. Sie freute sich wirklich darauf, das Wochenende mit ihnen zu verbringen.
»Unten wartet dein Wagen, Tammy«, verkündete ihre Assistentin Hailey um zwanzig vor eins, als sie den Kopf durch die Tür streckte.
»Hast du die Briefe zum Unterschreiben für mich?«, fragte Tammy besorgt.
»Klar doch«, erwiderte Hailey, die einen Ordner an die Brust gepresst hielt. Sie legte ihn auf Tammys Schreibtisch und reichte ihr einen Stift. Tammy warf auf jeden davon einen kurzen Blick und kritzelte dann ihre Unterschrift darunter. Nun konnte sie zumindest mit einem reinen Gewissen wegfahren. Die wichtigsten Dinge waren erledigt. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn sie ins Wochenende ging und der Schreibtisch nicht leer war, weshalb sie normalerweise samstags noch mal herkam und oft auch sonntags und fast nie übers Wochenende wegfuhr.
Sie hatte ein Haus in Beverly Hills, das sie liebte. Es gehörte ihr nun schon seit drei Jahren und war immer noch nicht fertig. Sie wollte keinen Innenarchitekten anheuern und war wild entschlossen, es selbst zu machen, hatte aber nie Zeit dazu. Es standen immer noch Kartons mit Porzellan und dekorativem Schnickschnack herum, die sie seit dem Verkauf ihres letzten Hauses noch gar nicht ausgepackt hatte. Eines Tages, so sagte sie sich und versprach es auch ihren Eltern, würde sie langsamer machen, aber jetzt noch nicht. Das war der Höhepunkt ihrer Karriere, ihre Serie war mehr als angesagt, und wenn sie den Schwung nicht nutzte, würde vielleicht alles den Bach runtergehen. Und ehrlich gesagt liebte sie ihr Leben so, wie es war – hektisch, verrückt und außer Kontrolle. Sie liebte ihr Haus, ihre Arbeit und ihre Freundinnen, wenn sie denn mal Zeit hatte, sie zu sehen – also fast nie, weil sie immer viel zu sehr mit der Serie beschäftigt war. Sie liebte Los Angeles so sehr wie Annie Florenz und Sabrina New York. Die Einzige, der es egal war, wo sie lebte, war Candy – sie war überall glücklich, solange sie in einem Fünf-Sterne-Hotel wohnte. Sie war in Paris, Mailand oder Tokio genauso zufrieden wie in ihrem Penthouse in New York. Tammy sagte immer, dass Candy im Herzen Nomadin war. Die anderen hingen sehr viel mehr an den Städten, in denen sie lebten, und an dem Platz, den sie sich in ihren eigenen Welten eingerichtet hatten.
