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Als Leiter eines angesehenen Filmstudios hat Andy Westfield fast zwei Jahrzehnte lang jeden erdenklichen beruflichen Luxus genossen und seine Karriere stets immer über seine Ehe gestellt. Doch als das Studio verkauft wird und Andy seinen Job verliert, gerät seine Welt aus den Fugen. Als er wieder klar denken kann, beschließt er, so weit wie möglich von Los Angeles wegzugehen, bis sich der Staub gelegt hat und er einen neuen Weg finden kann. Er zieht sich in ein luxuriöses Haus in einem kleinen, vergessenen Küstenort zurück, zwei Stunden von London entfernt. Um ihm zu helfen, stellt er eine Hilfe aus dem Ort ein, Violet Smith. Als Violet eines Tages nach der Arbeit das Manuskript ihres unvollendeten Romans zurücklässt, wird Andy von seiner Neugierde übermannt und von einer Geschichte gefesselt, die geradezu danach schreit, für die große Leinwand adaptiert zu werden. Könnte dies das Wunder sein, auf das sie beide gewartet haben?
In diesem fesselnden Roman sucht ein Topmanager aus Hollywood nach einem Neuanfang, als seine Karriere eine ungeplante Wendung nimmt
Für Fans von Lucinda Riley, Nora Roberts und Nicholas Sparks
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Zum Buch
Als Leiter eines angesehenen Filmstudios hat Andy Westfield fast zwei Jahrzehnte lang jeden erdenklichen beruflichen Luxus genossen und seine Karriere stets immer über seine Ehe gestellt. Doch als das Studio verkauft wird und Andy seinen Job verliert, gerät seine Welt aus den Fugen. Als er wieder klar denken kann, beschließt er, so weit wie möglich von Los Angeles wegzugehen, bis sich der Staub gelegt hat und er einen neuen Weg finden kann. Er zieht sich in ein luxuriöses Haus in einem kleinen, vergessenen Küstenort zurück, zwei Stunden von London entfernt. Um ihm zu helfen, stellt er eine Hilfe aus dem Ort ein, Violet Smith. Als Violet eines Tages nach der Arbeit das Manuskript ihres unvollendeten Romans zurücklässt, wird Andy von seiner Neugierde übermannt und von einer Geschichte gefesselt, die geradezu danach schreit, für die große Leinwand adaptiert zu werden. Könnte dies das Wunder sein, auf das sie beide gewartet haben?
Zur Autorin
Danielle Steel ist mit einer Milliarde verkaufter Exemplare ihrer Romane eine der beliebtesten Autorinnen der Welt. Zu ihren jüngsten internationalen Bestsellern gehören »The Ball at Versailles«, »Das nächste Kapitel« und »Das Glück finden«. Ebenso schrieb sie »His Bright Light«, die Geschichte über das Leben und den Tod ihres Sohnes Nick Traina, und »A Gift of Hope«, eine Erinnerung an ihre Arbeit mit Obdachlosen. Danielle Steel teilt ihre Zeit zwischen Paris und ihrem Haus in Nordkalifornien auf.
Danielle Steel
Das nächste Kapitel
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Trautmann
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel
Second Act bei Macmillan Publishers, New York.
© 2023 by Danielle Steel
Deutsche Erstausgabe
© 2025 HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von zero-media.net, München
Coverabbildung von FinePic®, München
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783749909070
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin, des Urhebers und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für meine lieben Kinder,Trevor, Todd, Beatrix, Nick, Samantha, Victoria, Vanessa, Maxx und Zara
Möget ihr finden, was euch am meisten bedeutet, was euch am Herzen liegt und was ihr liebt, woran ihr glaubt und wofür ihr zu kämpfen bereit seid.
Möget ihr mutig und stark genug sein, dem Weg der Liebe zu folgen, mit jemandem, den ihr liebt und der euch liebt.
Ich liebe euch von ganzem Herzen,Mom/d.s.
Es wird eine Zeit kommen, da man glaubt, alles erledigt zu haben. Das wird der Anfang sein.
(Louis L’Amour)
Das Gebäude, in dem Global Studios in Century City, Los Angeles, untergebracht war, war beeindruckend. Es jedoch durch den privaten Eingang des CEOs zu betreten, um zu seinem Büro zu gelangen, war, als eröffne sich ein anderes Universum. Oder als ginge man an Bord einer Mondrakete.
Ein Security-Mitarbeiter stand beim diskret von den anderen Aufzügen getrennten Lift, um die VIPs zu begleiten und ihnen mit seinem Ausweis am inneren Security-Panel den Zugang zu Andy Westfields Büro im vierundvierzigsten Stockwerk zu verschaffen. Niemand gelangte ohne explizite Einladung in die heiligen Hallen des CEOs. Besucher wurden schon unten sorgfältig am Empfang überprüft, ihre Identität festgestellt, die Fingerabdrücke wurden genommen sowie Fotos erstellt. Die Namen wurden mit dem Empfang in der obersten Etage abgeglichen. Wenn die Gäste endlich den Fahrstuhl betraten, waren sie gründlich durchleuchtet worden. Bei Global hatte es noch nie eine Attacke auf den CEO gegeben, was anderen Studiobossen durchaus schon widerfahren war. Die Sicherheitsmaßnahmen für Andy waren daher besonders ausgeklügelt.
Der private Fahrstuhl sauste ohne Stopp mit hoher Geschwindigkeit aufwärts. Besucher fanden sich dann vor einem weiteren Empfangstresen wieder, wo sie bereits erwartet und freundlich begrüßt wurden. Der Empfangsbereich war äußerst geschmackvoll ausgestattet mit großzügigen Ledersofas und kostbarer zeitgenössischer Kunst. Nur selten mussten die Besucher länger warten. Die Türen öffneten sich automatisch und führten in einen kleinen Vorraum, in dem Gemälde aus Andys Privatsammlung hingen. Vier Meter hohe, rot lackierte Türen führten schließlich ins Innere des Heiligtums, wo Andy hinter einem enormen Schreibtisch aus Mahagoni thronte, mit einem phänomenalen Blick über Los Angeles. An der langen Wand zu seiner Rechten hingen Filmplakate der erfolgreichsten Filme seiner berühmten Eltern.
Andy war der einzige Sohn zweier überaus beliebter Hollywood-Legenden. Sein Vater, John Westfield, der berühmteste aller Filmcowboys, ursprünglich aus Montana, war mit achtzehn nach Hollywood gekommen, um Schauspieler zu werden. Er war ein waschechter Cowboy. Nach dreißig Jahren als Schauspieler verliebte er sich ins Regiefach und wurde einer der großen Regisseure von Kultwestern. Als Schauspieler hatte er vier Oscars gewonnen und drei weitere als Regisseur. Er war ein Mann strenger Prinzipien und klarer Werte, die er dem Publikum mit seinen Filmen vermittelte. Er war Andy ein starkes Vorbild gewesen, außerdem ein bewundernswerter Ehemann und Vater. Groß, verwegen und attraktiv, war er der Held, den Männer respektierten. Kleine Jungen wollten sein wie er, wenn sie groß waren, und Frauen träumten von ihm. Seine Ehefrau, Eva Lundquist, Andys Mutter, stammte aus Schweden und galt zu ihrer Zeit als einer der glamourösesten Stars in Hollywood. Sie und John waren ein untypisches, spektakuläres und erfolgreiches Paar. Sie hatte zwei Oscars gewonnen und war jung aus dem Filmgeschäft ausgestiegen, um John zu heiraten und Andy zu bekommen. John und sie waren das beliebteste Paar in der Geschichte Hollywoods gewesen und ihrem Sohn ein großes Vorbild.
Von seinem Vater hatte er die Größe und dessen gutes Aussehen geerbt, die markanten Gesichtszüge und das auffällige Kinngrübchen – und dankenswerterweise auch das Gen, vorteilhaft zu altern. John war ein hünenhafter Cowboy-Typ. Sein Haar war dunkler als Andys, der die nordisch helle Haarfarbe und die hellblauen Augen seiner wunderschönen schwedischen Mutter geerbt hatte. Andy war gesegnet. Er war fast so groß wie sein Vater und ebenso gut aussehend. Es war nie sein Wunsch gewesen, Schauspieler zu werden. Er kannte den Preis, den seine Eltern dafür hatten zahlen müssen, obwohl sie alles getan hatten, um ihr Familienleben vor den Paparazzi zu schützen. Aber die waren nun einmal ständig da und lagen auf der Lauer.
Andys Talent als Drehbuchautor war früh erkennbar gewesen. Er hatte die USC, die University of Southern California, besucht und Film studiert. Er besaß unbestreitbar Talent. In den Sommern während des College arbeitete er an den Filmsets seines Vaters, und nach dem Studium schrieb er zwei Drehbücher für ihn. Sechzehn Jahre lang schrieb er hinter den Kulissen Drehbücher, bevor er offiziell in das Machtspiel Hollywoods einstieg. Dank seiner Eltern öffneten sich für ihn Türen, die andernfalls verschlossen geblieben wären, und die Gelegenheiten wurden rasch zu verlockend, um sie nicht zu nutzen. Sein Vater hatte ihn ermutigt, sowohl vorsichtig zu sein und zugleich die Chancen, die sich ihm boten, zu nutzen. Er sollte diejenigen auswählen, die ihm am ehesten nützlich sein konnten. Andy traf kluge Entscheidungen, oft mit dem Rat seines Vaters.
Als AMCO, ein großes Unternehmen, Global Studios gekauft hatte, um das Firmenimage aufzupolieren, machten sie Andy mit achtunddreißig Jahren zum jüngsten Studioboss der Branche. Das war eine berauschende Erfahrung, und er kam gut damit klar. Er ließ das Drehbuchschreiben hinter sich und widmete sich mit ganzer Hingabe dem Unternehmen. Mit siebenundfünfzig war Andy jetzt seit neunzehn Jahren Chef von Global Studios. Er wurde bewundert und respektiert, und er machte seinen Job gut, sogar mehr als gut.
Mit Anfang vierzig war er bereits so mächtig gewesen wie jeder andere Studioboss in der Branche, doch nach und nach hatte er sie alle überflügelt. Die Qualitäten, die er von seinem Vater geerbt hatte, unterschieden ihn von allen anderen. Er galt als aufrichtig und integer, als ein Mann, der hart arbeitete und geradeheraus war. Er verfügte nicht nur über einen brillanten Geschäftssinn, sondern war auch für seine absolute Zuverlässigkeit bekannt. Er war ein Mann, dem man trauen konnte. Er hatte andere fallen sehen in den vergangenen neunzehn Jahren, während seine Position sich immer weiter gefestigt hatte. Das Business hatte ihn ebenso wenig korrumpiert wie die enormen Summen Geld, mit denen er arbeitete. Allerdings verschlang ihn die viele Arbeit allmählich. Er war mit ausgeprägten familiären Werten aufgewachsen, die ihm immer wichtig waren. Nur ließ ihm das Leben als Studioboss wenig Zeit für eine Familie oder die einfachen Dinge des Lebens. Ständig war er irgendwo unterwegs, um einen Drehort zu begutachten oder einen Deal für einen neuen Film auszuhandeln. Er war der ultimative Friedensstifter, aber auch ein geschickter Verhandler, und er hatte von seinen Eltern gelernt, mit Stars und ihren Forderungen umzugehen. Schließlich war er unter den größten Stars der Filmbranche aufgewachsen. Nichts schüchterte ihn ein, ängstigte ihn oder hielt ihn auf.
Als er fünfundvierzig war, eröffnete ihm seine Frau Jean, mit der er seit einundzwanzig Jahren verheiratet war, dass sie sich von ihm scheiden lassen würde. Es gab keinen Skandal. Sie erklärte ihm einfach, dass sie ihn in den vergangenen sieben Jahren, seit er Studiochef geworden war, kaum gesehen habe und dass es nur schlimmer werden würde. Er wusste, dass sie recht hatte. Andy war gut in dem, was er tat, und er liebte es viel zu sehr. Global hatte seine Umsätze in den sieben Jahren mit ihm an der Spitze verdreifacht. Andys und Jeans Tochter Wendy besuchte das College, und ihm war klar, dass er während der entscheidenden Jahre als Ehemann und Vater meistens abwesend gewesen war. Tatsächlich hatte er fast jeden Geburtstag und definitiv jedes schulische Ereignis verpasst. Infolgedessen hatte Jean die Elternrolle komplett allein ausfüllen müssen. Zu den meisten gesellschaftlichen Anlässen ging sie allein, denn Andy hatte nie Zeit. Er liebte seine Frau und seine Tochter, aber er liebte seinen Job mindestens genauso sehr. Er wehrte sich nicht gegen die Scheidung und verhielt sich Jean gegenüber äußerst großzügig, er sprach auch stets in den höchsten Tönen von ihr.
In den zwölf Jahren, die seit der Scheidung vergangen waren, hatte Jean erneut geheiratet, einen Herzchirurgen. Sie lebte in einer Vorortsiedlung von Cleveland und war sehr glücklich. Auch Wendy hatte inzwischen geheiratet. Sie hatte sich stets von Hollywood ferngehalten. Sie hatte erlebt, wie sehr das Privatleben ihres Vaters darunter gelitten und die Ehe ihrer Eltern zerstört hatte. Mit zweiunddreißig war sie glücklich verheiratet, hatte einen Sohn und eine Tochter, Jamie und Lizzie, und lebte in Greenwich, Connecticut. Sie war mit einem Verleger verheiratet und arbeitete als Lektorin. Andy traf sich zum Essen mit ihnen, wenn er geschäftlich in New York zu tun hatte. Allerdings würde er jederzeit einräumen, dass er sie zu selten sah. Wendy hielt es ihm nicht vor. Sie wusste, wie er war. Für seinen Erfolg hatte er sein Privatleben geopfert. Sie hatte ihn nie gefragt, ob es das wert gewesen sei. Sie ging einfach davon aus, dass er es so empfand. Es war das Leben, das er gewählt hatte, und er schien nichts zu bereuen.
Nach der Scheidung hatte Andy nicht mehr geheiratet. Es gab einige längere Beziehungen, lang zumindest für Hollywood-Verhältnisse, etwa zwei oder drei Jahre lang, oft mit einem großen Star. Er hatte immer eine berühmte Schauspielerin an seiner Seite, die an seine Mutter erinnerte. Zu dieser Zeit waren seine Eltern bereits beide gestorben, und seine Tochter und ihre Kinder waren seine einzigen noch verbliebenen Verwandten. Wendy bedeutete ihm alles, auch wenn er sie nur selten sah, und das Gleiche galt für ihre Kinder. Er rief sie regelmäßig an, um über ihr Leben auf dem Laufenden zu bleiben, nur hatte er kaum Zeit, sie zu besuchen. Er wusste, dass sie Verständnis hatte für die Anforderungen seines Berufs und wie viel ihm dieser bedeutete. Sein Job war ein Teil von ihm, fast wie ein lebenswichtiges Organ.
Seine aktuelle Freundin war Alana Beal, eine wirklich talentierte Schauspielerin, die in mehreren Filmen seines Studios mitgespielt hatte, seit sie aus England nach L. A. gekommen war. Sie war eine große kühle Schönheit in den Vierzigern, glamourös und obendrein intelligent. Er genoss die Unterhaltungen mit ihr. Nie hatte er die Vorzüge seines Jobs ausgenutzt oder seine Position, um junge Schauspielerinnen zu verführen. Er war ein charakterfester, kluger Mann, von dem alle Frauen, die mit ihm zusammen gewesen waren, nur gut sprachen. Die Beziehungen endeten stets, weil er kein Interesse an einer erneuten Heirat hatte, mochte er den Frauen gegenüber auch noch so großzügig und liebevoll sein. Er stellte das gleich von Anfang an klar, und früher oder später erkannten die Frauen, dass er es ernst meinte. Wenn die Ehe ihr Ziel war, verließen sie ihn dann, meistens zum richtigen Zeitpunkt. Eine andere Frau nahm ihren Platz ein, die auf irgendeinem Gebiet sehr bekannt war, für gewöhnlich im Filmgeschäft. Diese Methode funktionierte gut für Andy. Wenn die Beziehungen endeten, hatten sie in den allermeisten Fällen ohnehin ihr Verfallsdatum erreicht.
Andy Westfield fühlte sich in seinem Berufsleben extrem wohl, in der Rolle des Studiochefs, für ihn ein wahr gewordener Traum. Er war exakt ein Drittel seines Lebens einer der wichtigsten Männer in der Filmbranche gewesen, neunzehn Jahre von seinen siebenundfünfzig. Er hatte seinen Rhythmus gefunden, und es lief gut. Er hatte sich daran gewöhnt, ein Mann mit immenser Macht zu sein, und er missbrauchte diese nie. Das musste er nicht, außerdem war es nicht sein Stil. Er hatte es auch nicht nötig, damit zu prahlen, sondern war einfach zufrieden mit sich. Er verschwendete keine Zeit damit, zu weit in die Zukunft zu blicken, sondern lebte ganz im Hier und Jetzt. Seine Zukunft war sicher, er musste sich darum keine Sorgen machen. Er hatte sehr viel Geld verdient und es gut angelegt, im Gegensatz zu seinen Eltern, die zum Zeitpunkt ihres Todes alles durchgebracht hatten.
Er ging davon aus, dass er in seiner Position bleiben würde, bis er alt und grau war, um sich dann eines Tages zur Ruhe zu setzen. Er hatte Globals Profit in derartig astronomische Höhen katapultiert, dass AMCO, der Mutterkonzern, absolut nicht klagen konnte. Und es gab keinen Grund, warum sich daran etwas ändern sollte. AMCO hatte in den vergangenen zwei Jahrzehnten verschiedene Firmenübernahmen vollzogen, und sie waren begeistert davon, wie aufregend und glamourös es war, ein großes Filmstudio zu besitzen. Andy hatte das Unternehmen nie enttäuscht. Mittlerweile war er selbst zu einer Hollywood-Legende geworden. Mit Andy als Chef von Global gab es regelmäßig Grund zum Jubeln. Tony Bogart, der CEO von AMCO, betonte gern, dass sie mit Andy jemand Außerordentlichen für ihr Geld bekommen hatten.
Frances, seit fünfzehn Jahren Andys Sekretärin, kam durch eine Seitentür in sein Büro. Ihres lag gleich nebenan, damit sie ihm jederzeit zur Verfügung stand. Sie kümmerte sich um alles für ihn, einschließlich seiner sozialen Engagements. Sie war respektvoll und freundlich und gerade vierzig geworden. Im Alter von fünfundzwanzig hatte sie angefangen, für ihn zu arbeiten. Seine Assistentin zu sein, war für sie eine Berufung, die beinah religiöse Züge trug. Sie betete ihn an und widmete sich mit ganzer Hingabe der Aufgabe, ihm das Leben in jeder Hinsicht leichter zu machen. Sie war absolut diskret und verlässlich, darüber hinaus eine vertrauenswürdige und freundliche Person. Sie wusste alles über sein Leben und ersparte ihm so geschickt Dinge, die er nicht wollte, dass jeder die Entschuldigungen für glaubwürdig hielt. Ihre Freunde warfen ihr vor, in Andy verliebt zu sein, was sie nicht ganz abstritt. Allerdings wusste sie, dass niemals etwas daraus werden würde. Von seiner Seite hatte es jedenfalls nie auch nur eine unangemessene Andeutung gegeben. Er verhielt sich ihr gegenüber anständig und respektvoll, und sie wurde für ihren Job gut bezahlt. Sie liebte ihn, und es gefiel ihr, dafür zu sorgen, dass Andy pünktlich und organisiert war.
»Nur zur Erinnerung, Andy: Du musst in zehn Minuten los. Um halb fünf holst du Miss Beal ab. Der rote Teppich beginnt um fünf Uhr. Und du solltest also um vier dein Haus verlassen. Ich habe in deinem Terminkalender eine Stunde fürs Umziehen eingeplant. Julian wird in zehn Minuten unten warten, um dich nach Hause zu bringen.« Julian war seit einem Jahr bei ihm. Seine Fahrer blieben nie lange. Es waren meistens arbeitslose Schauspieler, die darauf hofften, von ihm entdeckt zu werden, was bisher nie passiert war.
»Alana wird sich ohnehin verspäten. Ich kann bei ihr etwas trinken, während ich warte.« Er grinste Frances an. »Ganz offensichtlich organisierst du ihre Termine nicht. Ihre Assistentin ist noch chaotischer als sie selbst.«
Frances erwiderte sein Lächeln. Mit ihren roten Haaren und den Sommersprossen sah sie aus wie das Mädchen von nebenan, selbst mit vierzig noch. Sie hatte keinerlei filmische Ambitionen. Sie hatte in Princeton studiert, einen Sommerjob bei Andy angenommen und war geblieben, nachdem er gemerkt hatte, wie unglaublich organisiert sie war. Sie stammte von der Ostküste. Ihre Familie hatte nie verstanden, warum sie einen Job als persönliche Assistentin angenommen hatte und dabei geblieben war.
Ihr Kleidungsstil war ebenso konservativ wie seiner; im Büro trug sie Business-Kostüme in dunklen Farben. Andy trug stets Anzug und Krawatte im Büro. Seine Tochter Wendy nannte ihn »old school«, aber für ihn war es ein Ausdruck von Respekt gegenüber seinem Job und den Menschen, mit denen er jeden Tag arbeitete. Für Frances galt das Gleiche. Es gehörte für beide zum Job, sich entsprechend zu kleiden. Die meisten Amtskollegen Andys erschienen heutzutage in Jeans und Turnschuhen und sogar im T-Shirt zur Arbeit, und ihre Sekretärinnen sahen aus, als wären sie auf dem Weg zum Strand. Es bestand keinerlei Zweifel daran, dass Andy ein bedeutender Mann war. Man musste ihn nur ansehen.
Wie immer sorgte Frances dafür, dass er rechtzeitig aufbrach. An diesem Nachmittag hatte er keine Termine. Er nahm den Privatlift nach unten, wo Julian wartete, um ihn zu dem Haus in Bel Air zu fahren, das Andy nach seiner Scheidung gekauft hatte. Das Haus in Beverly Hills, in dem Wendy aufgewachsen war, hatte er Jean überlassen. Sie hatte es verkauft, als sie erneut geheiratet hatte und nach Cleveland gezogen war. Andys Haus in Bel Air war riesig, mit einem gigantischen Pool und einer Terrasse, auf der er locker Partys für Hunderte von Leuten veranstalten konnte, dazu kam noch der prachtvolle, kunstvoll gestaltete Garten. Das Innere des Hauses war ebenfalls exquisit, mit Kunst wie aus einem Museum und weiteren Filmplakaten seiner Eltern. Im Lauf der Jahre hatte sein Beruf ihn zu einem reichen Mann gemacht, und Andy mochte das gute Leben und den Erfolg. Von seinen Eltern war ihm nur sehr wenig geblieben, mit Ausnahme der Oscars und der wundervollen Erinnerungen.
Andy hatte seine Kindheit genossen. Seine Eltern hatten ihn überallhin mitgenommen. Sein Vater drehte viele seiner Filme in Texas und Arizona, und seine Mutter nahm ihn zu den Drehorten mit. John brachte Andy das Reiten bei, als er vier war, und er wurde ein ausgezeichneter Reiter. Er hatte so viele schöne Erinnerungen an seine Eltern, besonders an das Angeln mit seinem Vater, der es liebte. Sie hatten die Heimatstadt seiner Mutter in Schweden besucht, wo sie verehrt wurde. Andy ritt als kleiner Junge in mehreren Paraden mit seinem Vater, auf seinem eigenen Pony. Und sie besuchten Rodeos. Vor ihrem Tod besuchten sie Johns Eltern in Montana mehrmals. Angesichts der Möglichkeiten in Hollywood hatte Andy ein relativ gesundes Leben geführt, mit liebevollen Eltern.
Manchmal bedauerte er, nicht mehr Zeit mit Wendy verbracht zu haben. Sie hatte nicht so viele tolle, innige Erinnerungen wie er, und er war froh und dankbar, dass sie ihm das nie übel zu nehmen schien. Jean hatte weitere Kinder gewollt, aber er, als Einzelkind, nicht, und später wurde ihnen beiden klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Für noch mehr Kinder hätte er nur noch weniger Zeit gehabt. Andys Vater hatte ihm so viele Dinge beigebracht, die er nie an Wendy hatte weitergeben können. Andy und Jean lebten in einer anderen, einer schnelleren Welt. Als Andy klein war, war mehr Zeit da gewesen, trotz Filmstar-Eltern. Die Jahre vergingen wie im Flug, bis Wendy aufs College ging. Bei ihrem Highschool-Abschluss, und noch mehr nach ihrem Studium, begriff er, dass er alles verpasst hatte.
Sie blieb auch nach dem College in New York und kehrte nie nach L. A. zurück. Zwei Jahre später führte er sie zum Altar, als sie Peter Jensen heiratete. Andys Familienleben war wie im Schnelldurchlauf an ihm vorbeigezogen. Seit seiner Scheidung vor inzwischen schon zwölf Jahren hatte er in seinem spektakulären Haus ein Junggesellendasein geführt. Das Haus war viel größer, als er es gebraucht hätte, aber es gehörte zu seinem Image und Status als Studioboss. Außerdem war es der ideale Ort, um Gäste zu empfangen, wofür er allerdings fast nie Zeit fand. Seit Jahren hatte er keine Party mehr gegeben. Und alte Freunde sah er auch so gut wie nie. Seine Arbeitsessen hatten Vorrang.
Frances sorgte dafür, dass in seinem Haus immer genug Personal zugegen war. Viele von den Leuten, die sie eingestellt hatte, arbeiteten für ihn, seit er das Haus gekauft hatte. Er hatte einen Butler, Timothy, der aus England stammte, außerdem mehrere Reinigungskräfte sowie ein Heer von Gärtnern. Einen Koch beschäftigte er nicht, weil sein Terminkalender unvorhersehbar war und er oft auswärts aß. Oder er bestellte Essen aus seinen Lieblingsrestaurants, wenn er zu Hause essen wollte. Die Haushälterin kochte für die Angestellten.
Es war der Abend der Oscar-Verleihung. Timothy hatte seinen Smoking bereits herausgelegt. Er half Andy beim Ankleiden und mit den Manschettenknöpfen und band die Fliege tadellos.
Zwei von Globals neuesten Filmen waren nominiert.
Alana, Andys momentane Freundin, gehörte diesmal nicht zu den Nominierten und hatte auch noch nie einen Oscar gewonnen. Die Oscars seiner Eltern befanden sich in Vitrinen an der Wand in der Bibliothek. Alana war eine außergewöhnlich gute Schauspielerin. Sie und Andy wohnten nicht zusammen, sahen sich jedoch drei- bis viermal pro Woche, einschließlich der Wochenenden, die sie gemeinsam verbrachten, sofern es sich für Andy zeitlich einrichten ließ. Dies würde Alanas dritter Besuch bei der Oscar-Verleihung mit ihm sein.
Wendy war Alana einige Male begegnet, hatte jedoch keine Beziehung zu ihr aufgebaut. Sie wusste, dass die Frauen ihres Vaters nicht lange blieben, daher bemühte sie sich gar nicht erst, Zeit mit ihnen zu verbringen. Wenn er Wendy und ihre Familie in Greenwich besuchte, kam er immer allein. Alana war entsprechend kein Teil von Andys Familienleben; das erwartete sie auch gar nicht. Auch sie war geschieden, und sie hatte keine Kinder. In ihrem Leben drehte sich alles um die Karriere, genau wie bei ihm.
Andy brach pünktlich auf und traf exakt um halb fünf bei Alana ein. Sie wohnte in einem kleinen eleganten Haus in den Hollywood Hills. Normalerweise übernachtete sie bei Andy, wenn sie zusammen waren. Er sah tadellos aus, seine blonden Haare ergrauten schon ein wenig, seine blauen Augen waren lebhaft, seine Miene signalisierte Interesse bei allem, was er tat oder mit wem er sich auch unterhielt. Sein Smoking stammte von seinem Schneider in London. Alles an Andy war vollkommen. Er war attraktiv wie ein Schauspieler, sein Gesicht verriet Intelligenz und Erfahrung, und er besaß die Ausstrahlung eines mächtigen Mannes. Es war nicht schwer zu erraten, dass er genau das in dieser Stadt war. Alana datete ausschließlich wichtige Männer aus der Branche oder berühmte Schauspieler und hatte ihre Karriere darauf aufgebaut.
Sie eilte ins Wohnzimmer, wo er an einem Wodka-Martini nippte. Sie war ein wenig außer Atem, aber sie war wunderschön. Mittlerweile war es fünf vor fünf und Alana fast eine halbe Stunde zu spät. Sie war eine große, sehr schlanke Frau in den Vierzigern, mit vollen Brüsten, die aus ihrem weißen Vintage-Chanel-Kleid quollen, das aussah wie auf ihren Leib geschneidert. Sie hatte es für diesen Abend ausgeliehen, wie alles, was sie bei wichtigen Veranstaltungen trug. Es war aus Paris eingeflogen und für sie angepasst worden. Dazu trug sie lange Diamantohrringe, die Andy ihr zum ersten Jahrestag geschenkt hatte, außerdem eine Diamanthalskette, die sie von Van Cleef geliehen hatte. Alana kannte sich mit Auftritten auf dem roten Teppich aus, besonders mit den Academy Awards. Sie und Andy besuchten auch jedes Jahr die Golden Globe Awards.
»Wow, Miss Beal!«, sagte Andy und sah sie mit einem strahlenden Lächeln an. »Was für ein Anblick! Die sollten dir nur für dieses Kleid einen Oscar verleihen.« Er betrachtete sie anerkennend, und sie lächelte über das Kompliment und vollführte eine Drehung für ihn. Ihr blondes Haar war zu einem eleganten Zopf geflochten, und sämtliche Diamanten funkelten. Ein Team von Visagistinnen, Friseurinnen und Maniküren war gerade abgezogen.
»Sie haben das Kleid für mich aus einer Chanel-Ausstellung genommen. Die Halskette gehörte Elizabeth Taylor. Richard Burton hat sie ihr geschenkt«, erzählte sie stolz. Ihr lag viel an den Zeichen des Ruhms.
»Dir hätte er eine größere geschenkt«, grinste Andy und küsste sie. Er genoss ihre Gesellschaft stets. Er war nicht verrückt vor Liebe, aber sie verstanden sich gut, und mehr wollte er gar nicht. Sie war eine intelligente, interessante Frau und eine gute Schauspielerin. Er gab sich nicht der Illusionen hin, dass sie auch mit ihm zusammen wäre, wenn er nicht diese Position innehätte. Aber das Arrangement funktionierte prima für sie beide. Sie waren ein bekanntes Paar in Hollywood. Sie liebte es, mit Andy in der Presse zu erscheinen, und ihn störte es nicht. Er war es gewohnt, und Alana bedeutete es etwas. Er hatte nie die Art von Beziehung gefunden, die seine Eltern gehabt hatten, nicht einmal während der Ehe mit Jean. Die Beziehung zwischen seinen Eltern war eine Liebesheirat gewesen, allerdings nahm Andy an, dass sein Vater ein aufmerksamerer Ehemann gewesen war, der seiner Frau mehr Zeit gewidmet hatte.
Er erinnerte sich noch deutlich daran, wie seine Mutter gestrahlt hatte, sobald sein Vater den Raum betrat. Und er erinnerte sich an das lässige Lächeln auf dem attraktiven Gesicht seines Vaters, wenn er den Arm um seine wunderschöne Frau legte. Als Kind hatte Andy das verlegen gemacht, doch jetzt erinnerte er sich gern daran. Jean und er waren sachlicher miteinander umgegangen, spielerisch als sie jung waren. Sie hatten schon bald nach dem College geheiratet. Nur besaß Jean überhaupt keine romantische Ader, während Andy in jungen Jahren sehr schüchtern war.
Sie wurden eher Freunde denn Liebende im Lauf der Zeit, besonders als er seinen wichtigen Job begann. Ihre Freundschaft hatte sie durch die Jahre getragen, aber nicht ganz bis zum Ende. Bei der Scheidung gestand sie ihm, dass sie sich während der Ehe mit ihm einsam gefühlt hatte. Andy fand Jeans neuen Mann intelligent, aber etwas langweilig, obwohl er ein talentierter Chirurg in der Cleveland Clinic war und Leute aus der ganzen Welt zu ihm kamen, um sich von ihm operieren zu lassen. Jean erzählte, dass sie alles gemeinsam unternahmen, wenn er nicht arbeitete. So war es bei ihr und Andy nie gewesen; sie hatte kein Interesse gehabt an der glamourösen Seite seines Lebens.
Jean hatte es gehasst, zur Oscar-Verleihung zu gehen, wo die Aufmerksamkeit auf Andy und sie gerichtet war. Es hatte sich für sie immer angefühlt, als würde sie das falsche Kleid tragen, und neben den glamourösen Filmstars kam sie sich stets vor wie eine graue Maus. Eine Normalsterbliche konnte unmöglich mit ihnen konkurrieren.
Andy war stets sehr höflich gewesen, hatte ihr Komplimente gemacht und ihr versichert, wie wundervoll sie aussah, doch da war weder ein Leuchten in seinen Augen noch in ihren, wenn er das sagte. Die Liebe zwischen ihnen war erloschen, während er das Studio leitete und sie Wendy zu Fußballspielen oder zum Ballettunterricht fuhr, und sie hatten es nicht mal bemerkt. Über die Jahre war sie eine Fußballmutter geworden, während er täglich von tollen Filmstars umgeben war. Er hatte seine Frau nie betrogen, aber in den letzten Jahren ihrer Ehe hatten sie kaum noch miteinander geschlafen. Sie hatten sich auseinandergelebt.
Die Frauen, mit denen er nach der Scheidung zusammen gewesen war, waren fast alle Filmstars, darauf erpicht, mit ihm gesehen zu werden. Alana war das beste Beispiel. Solche Frauen schmeichelten seinem Ego, berührten jedoch nie sein Herz. Er rechnete nicht damit, sich erneut zu verlieben, und es geschah auch nicht. Aber es war ihm wichtig, mit einer Frau zusammen zu sein, mit der er reden konnte. Er hatte kein Interesse an naiven Frauen und Starlets. Für ihn sahen die alle wie Puppen aus. Alana war intelligent, wenn auch ehrgeizig und sich ständig bewusst, was ihrer Karriere diente. Aber er langweilte sich nie mit ihr oder schämte sich ihretwegen. Sie war ladylike, und er war gern mit ihr zusammen, egal welche Motive sie hatte. Auch sie war nicht an einer Ehe interessiert. Nur daran, ihre Karriere voranzutreiben.
Als Andy und Alana auf dem roten Teppich erschienen, bedrängte die gesamte Presse sie. Alana sah umwerfend aus in ihrem weißen Kleid und mit den glitzernden Diamanten an ihren Ohren und um ihren Hals. Sie posierte für die Kameras, und Andy und sie blieben mehrmals stehen. Sobald sie das Gebäude betreten hatten, waren die Fernsehkameras unablässig auf sie gerichtet. Andy nahm es gelassen. Er kannte das schon sein ganzes Leben, es war ihm vertraut.
Beide Global-Filme gewannen, einen Oscar für den besten Film, der andere ging an die beste Schauspielerin, und Andy war zufrieden. Er hatte damit gerechnet, aber er freute sich jedes Mal aufs Neue. Er war stolz auf das Studio und darauf, nach all den Jahren der Chef zu sein.
Er und Alana besuchten im Anschluss an die Preisverleihung die zwei wichtigsten Partys, und auf dem Weg hinaus wurden sie wieder von der Presse bedrängt. Alana war bereit für sie, sie hatte sich bei Andy untergehakt, während sie sich durch die Menge bewegten. Auf den Partys führten sie endlos viele Gespräche mit den Gästen. Als sie auf der zweiten Party erschienen, war Andy schon hundemüde, aber er wusste, wie sehr Alana es genoss, daher blieben sie. Er unterhielt sich mit Phil Lieber, einem wichtigen Produzenten, während Alana mit einer Freundin plauderte.
»Was hältst du von den Gerüchten über AMCO?«, fragte Phil, der einen Martini in der Hand hielt. Andy wollte nicht mehr reden und trinken, entsprechend unbeeindruckt reagierte er auf diese Frage. »Ich höre dauernd, dass sie Global verkaufen werden.« Das erzählten die Leute sich, aber es war nur Klatsch. »Es gibt keine Neuigkeiten, Phil. Sobald eine kleine Veränderung an der Börse zu sehen ist, heißt es, sie werden verkaufen. AMCO liebt es aber, im Film-Business zu sein. Seit ich bei Global bin, kursieren diese Gerüchte.« Andy war sichtlich gelangweilt von diesem Gespräch.
Als Alana zu ihnen trat, schnappte sie den Rest der Unterhaltung auf. Auf der Fahrt nach Hause im Wagen sprach sie Andy darauf an. Andy wollte sie bei ihr zu Hause absetzen. Es war spät. Am nächsten Morgen hatte er früh ein Meeting, und nach den Awards blieb sie nie bei ihm. Stattdessen würde sie morgens mit ihren Freundinnen am Telefon tratschen, und er wäre in seinem Büro, lange bevor sie wach war.
»Was war das, was Phil Lieber über AMCO und den Verkauf von Global gesagt hat? Ich habe das letzte Woche bereits von jemandem gehört. Es klang verrückt, aber stimmt es?« Sie sah besorgt aus und runzelte die Stirn, soweit die letzte Botoxbehandlung das zuließ.
»Ich höre das dauernd. Sie verkaufen nicht. Ich bezweifle, dass sie das jemals tun werden. Es macht ihnen zu viel Spaß, in der Filmbranche zu sein. Außerdem verdienen wir Unmengen an Geld«, erklärte er zuversichtlich.
»Gut. Ich bin froh, dass du nicht besorgt bist.«
»Nein, bin ich nicht. Danke für deine Begleitung heute Abend«, sagte er, als sein Bentley vor ihrem Haus hielt.
»Es war toll. Ist es immer, also danke, dass du mich mitgenommen hast«, erwiderte sie und küsste ihn sacht auf die Lippen. »Möchtest du mit hereinkommen?«
»Das würde ich gern, aber ich bin erledigt. Außerdem habe ich ganz früh morgen ein Frühstücks-Meeting.« Sie nahm ihm seine Absage nicht übel, da sie auch gar nicht damit gerechnet hatte, dass er die Nacht bei ihr verbringen oder wenigstens für eine Weile mit ins Haus kommen würde. Sie waren beide müde, dennoch hielt sie es für angebracht, den Vorschlag zu machen. »Wir sehen uns Samstag«, sagte er und küsste sie, bevor sie ausstieg. Dann begleitete er sie angemessen zur Tür und wartete, bis sie im Haus war.
Zwei Minuten später saß er wieder im Wagen und dachte an die beiden Global-Filme, die gewonnen hatten. Er freute sich jedes Mal über die Trophäen. In jedem Jahr gewann mindestens einer ihrer Filme einen Oscar, manchmal gleich mehrere, für den besten Schauspieler oder die beste Schauspielerin oder für den besten Film. Der süße Duft des Erfolgs war ihm sehr vertraut. Er nahm es nicht als selbstverständlich, aber er hatte sich daran gewöhnt und fand es normal.
Der Fahrer brachte ihn nach Hause, und als Andy über die Terrasse ging, fiel ihm auf, wie schön der Pool aussah, so vollständig beleuchtet. Es war eine milde Nacht mit sternenklarem Himmel, und er setzte sich für einen Augenblick, um den Anblick zu genießen. Er wählte eine der Gartenliegen, sah hinauf zum Himmel und lächelte. Er erinnerte sich an die Nächte, in denen er mit seinem Vater in Wyoming und Montana zum Zelten war, und wie nah ihm die Sterne vorgekommen waren und wie viele am Himmel geleuchtet hatten. Diese Erinnerung wärmte noch immer sein Herz. Als er zu seinem Haus schaute, hielt er sich wieder einmal für einen glücklichen Mann. Alles in seiner Welt schien gut zu sein. Er konnte sich kein besseres Leben vorstellen.
Andys Frühstücks-Meeting am nächsten Tag fand mit Tony Bogart statt, dem CEO von AMCO, Globals Mutterkonzern. Tony war noch länger in seinem Job als Andy, und er war derjenige gewesen, der Andy vor neunzehn Jahren eingestellt hatte. Sie kannten einander gut und pflegten ein freundschaftliches Verhältnis, ohne je enge Freunde gewesen zu sein. Tony war jetzt vierundsechzig, näherte sich dem Ruhestand und war seit fünfundzwanzig Jahren bei AMCO. Er hatte sich bis an die Spitze hochgearbeitet, viele gebrochene Männer und gescheiterte Karrieren hinter sich lassend. Jeder, der dumm genug war, Tonys absolute Macht herauszufordern oder ihm in irgendeiner Weise gefährlich zu werden, musste scheitern. Andy hatte nie zu denjenigen gehört. Es lag nicht in seiner Natur, und er hatte das auch gar nicht nötig. Andy führte sein eigenes Reich, und er tat es brillant, mit konkreten Ergebnissen, die AMCO zugutekamen. Vor Tony war er stets auf der Hut gewesen und verstand es, dessen Ego und Rang zu huldigen. Es brauchte nicht viel, um Tony zufriedenzustellen, und bis zu diesem Tag konnte er sich glücklich schätzen, Andy persönlich für den Posten ausgesucht zu haben. Mit ihm hatte Tony eine kluge Wahl getroffen, die sich für alle bezahlt gemacht hatte.
Die beiden Männer hätten kaum unterschiedlicher sein können. Andy war still und diskret, ganz wie sein unverfälscht maskuliner Vater, mit den besten vererbten Eigenschaften, während Tony von Ehrgeiz durchdrungen und stets ein wenig paranoid war. Im Zweifel griff er an, und er hatte im Lauf seiner Karriere genug Leute hart getroffen, um berechtigte Sorge zu haben, jemand könnte sich rächen oder seinen Posten einnehmen wollen. Andy gehörte nicht zu seinen Feinden, daher konnte er sich vor Tony sicher fühlen. Dessen Machthunger war unersättlich, außerdem hatte er eine Schwäche für junge Frauen. In Andys Zeit in dem Job hatte er zweimal geheiratet, und Andy war auf beiden Hochzeiten gewesen. Jetzt war Tony frisch geschieden und mit der nächsten Fünfundzwanzigjährigen zusammen. Sie war ein Messemodel, das er durch einen Escort-Service kennengelernt hatte. Hinter dem eleganten Äußeren und den teuren italienischen Anzügen lauerte eine Verschlagenheit, die Andy an Tony nie gemocht hatte. Aber das ließ er sich nicht anmerken.
Das Treffen fand in der Polo Lounge statt. Tony bestellte sich ein herzhaftes Frühstück und gratulierte Andy zum Gewinn der Oscars am Abend zuvor. Andy hatte das letzte Wort bei jedem Film, den Global produzierte, und er besaß einen untrüglichen Instinkt für den Erfolg.
»Du schaffst es immer wieder, Volltreffer zu landen«, sagte Tony bewundernd. »Du hast die beste Nase für Talent und für erfolgreiche Filme. Die Jungs in den oberen AMCO-Etagen werden heute glücklich sein«, fügte er hinzu und wirkte entspannt. Sie trafen sich einmal im Monat zum Frühstück, um Neuigkeiten in vertraulicher Atmosphäre auszutauschen statt per E-Mail. Tony achtete sorgfältig darauf, in seiner Kommunikation keine Spuren zu hinterlassen. AMCO hatte im Lauf der Jahre mehrere große Rechtsstreitigkeiten überstanden, die mit enormen Vergleichen endeten, und er hatte diese Lektion auf die harte Tour lernen müssen. Bisher hatte Andy nie etwas zu verheimlichen gehabt und für die Filmbranche eine erstaunlich weiße Weste. Er setzte ein eindrucksvolles Beispiel für prinzipientreue Transaktionen und ehrliche Deals, was in der Branche noch seltener war.
»Das habe ich von meinem Dad gelernt«, erwiderte Andy bescheiden. »Mein Vater besaß ein ausgezeichnetes Auge für große Talente.« Er hatte viele junge Schauspieler entdeckt, aus denen später große Stars wurden und die John Westfield immer dafür dankten, dass er ihnen die Chance gegeben hatte.
Andy bestellte nur Müsli und Toast. Als sie ihren Kaffee tranken, lehnte Tony sich entspannt zurück und nannte den wahren Grund für das gemeinsame Frühstück. »Du hast sicher schon von den Gerüchten gehört. Hier in Hollywood spricht sich alles ja noch schneller herum als in Malibu«, sagte er, während Andy darauf wartete, dass er diesen Gerüchten widersprach, wie schon in der Vergangenheit. Gerüchte über AMCO und Global waren für sie beide nichts Neues. AMCO war ein gigantisches Unternehmen mit einem unstillbaren Appetit, und Global war das erfolgreichste Studio der Branche geworden, dank Andy. Natürlich kursierten da immer wieder Gerüchte.
Tony lehnte sich nach vorn und sprach in verschwörerischem Ton, so leise, dass nicht einmal ein Kellner es hören konnte. Die Polo Lounge war voll mit den wichtigsten Playern der Hollywoodszene aus Musik, Film, Schauspielern, Produzenten und Studiobossen. Es ging stets um Big Business und delikate Verhandlungen.
»Ich habe nie etwas darauf gegeben«, erklärte Andy gelassen. »Wenn an ihnen etwas dran ist, werden wir es früh genug erfahren. Meistens handelt es sich nur um Gerüchte, was Global betrifft sowieso. Wir haben keine Geheimnisse.«
»Das stimmt nicht ganz«, widersprach Tony, mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Flüstern war. »Dieses Mal jedenfalls. Ich wollte dich nur vorwarnen. AMCO hat große Entscheidungen getroffen. Global ist in fabelhafter Verfassung, dank dir, aber einige unserer anderen Firmen leiden unter den schlechten Zeiten. Globalisierung und Technologie haben einige unserer Investitionen aufgefressen. Wir wollen frisches Blut und neues Kapital. An Global hatten wir dabei nicht gedacht, nur hat FAQTS uns ein unglaubliches Angebot gemacht. Anscheinend haben sie schon lange ein Auge auf Global geworfen. Es handelt sich um ein persönliches Interesse. FAQTS ist nach wie vor ein privates Unternehmen und inzwischen riesig geworden. Ihnen gehören einige der größten Streamingdienste, und nun wollen sie ins Filmgeschäft expandieren. Wir haben eine Entscheidung getroffen: Wir werden verkaufen. Für mich kommt das auch überraschend, aber finanziell ist es für AMCO sinnvoll. Sie zahlen uns Milliarden. Dein Job ist natürlich sicher. Für FAQTS ist das ein neues Unternehmen, und du bist die naheliegende Wahl für die Leitung. In den unteren Ebenen könnten ein paar Köpfe rollen, aber an der Spitze bist du sicher. Du kannst unbesorgt sein. Trotzdem wollten wir dich informieren. Wir verhandeln seit Monaten hinter verschlossenen Türen mit ihnen, und jetzt, da der Preis für uns stimmt, haben wir grünes Licht gegeben. Jetzt geht es noch um die Details, und sobald der Deal unterschrieben ist, beziehen wir dich in alles Weitere mit ein, damit du jeden kennenlernen kannst. Sie sind sehr gespannt auf dich, Andy. Noch ist natürlich alles ganz vertraulich, du darfst also nicht darüber reden. Aber ich wollte, dass du Bescheid weißt. Diesmal sind es nicht bloß Gerüchte, sondern es ist wahr.«
Tony sah zufrieden aus, als er sich wieder zurücklehnte, während Andy für einen Moment völlig geschockt war. Damit hatte er nicht gerechnet. Absolut nicht. Er hatte seinen Job vor neunzehn Jahren bekommen, als AMCO Global Studios gekauft und den damaligen Boss gefeuert hatte. Üblicherweise tauschte der neue Besitzer eines Unternehmens altes Personal aus. Auf diese Weise war Andy Chef des Filmstudios geworden. Er war gerade mal achtunddreißig gewesen, als Tony ihm den Posten angeboten hatte. Es wäre also nicht überraschend, wenn der neue Besitzer vorhätte, ihn zu ersetzen. Doch war Tony fest davon überzeugt, dass Andy sich keine Sorgen machen musste. Andy mochte ihn zwar nicht, aber er glaubte ihm. Tatsächlich war Andy das Beste, was Global je passiert war. Er hatte das Unternehmen so erfolgreich gemacht, wie es heute dastand.
Außerdem hatte Andy nicht die Absicht, sich mit siebenundfünfzig in den Ruhestand zu verabschieden. Er liebte seinen Job. Er wusste, dass Tony sich im nächsten oder übernächsten Jahr zur Ruhe setzen wollte, weil er laut eigener Aussage genug von seiner Unternehmenstätigkeit hatte. Andy fragte sich, ob das stimmte. Was würde Tony denn tun, wenn er keine Schlüsselstellung mehr in dem Machtspiel innehatte? Die jungen Blondinen, die er sammelte, oder selbst eine neue Ehefrau, würden ihm doch niemals genügen. Er besaß eine Jacht und ein Privatflugzeug und führte ein luxuriöses Leben. Andy konnte sich nicht vorstellen, wie Tony sich damit begnügen sollte, Frauen hinterherzujagen und Golf zu spielen. Vorläufig war er noch in seinem Job, und die Neuigkeiten, die er Andy gerade mitgeteilt hatte, waren von enormer Tragweite.
»Das habe ich nicht erwartet. Ich dachte, du würdest die Gerüchte entschieden dementieren. Ich dachte, sie wären der übliche Bullshit. Erst gestern Abend habe ich Phil Lieber widersprochen, als er davon anfing. Ich dachte, es sei nichts dran.«
»Nun, streite es ruhig vorerst weiter ab. Wir werden es frühestens in einigen Wochen bekannt geben, vielleicht erst in einem Monat. Wir haben die Bedingungen akzeptiert, aber es ist noch nichts unterschrieben. Und du weißt ja, wie es läuft. Irgendein Haken taucht meistens im letzten Moment noch auf, der den ganzen Deal platzen lassen kann und erst noch beseitigt werden muss. Wir wollen nicht, dass das passiert. AMCO will das Geld, und wenn FAQTS unterschrieben hat, wird es alles bisher Dagewesene übertreffen. Du bist ein Teil der Firmengeschichte, Andy«, sagte Tony und klopfte ihm auf den Rücken. Aber Andy Westfield war schon legendär, und das seit fast zwei Jahrzehnten. Teil eines Milliarden-Deals zu sein, würde das nur unterstreichen. »Und vergiss nicht, du stehst gut da. Das garantiere ich dir persönlich.« Tony zahlte die Rechnung mit seiner AMCO-Firmenkarte, und das gemeinsame Frühstück endete mit den erstaunlichen Neuigkeiten, die er mitzuteilen gehabt hatte.
Julian wartete mit dem Firmenwagen draußen auf Andy. Es war ein Mercedes-Maybach, noch teurer als der Bentley, in dem Julian ihn am gestrigen Abend gefahren hatte und der Andy gehörte. Eigentlich bevorzugte er seinen Privatwagen gegenüber dem größeren, protzigeren Fahrzeug, das ihm das Studio zur Verfügung stellte. Angespannt und nachdenklich machte er sich auf dem Rückweg zum Büro.
Neue Besitzverhältnisse würden alles für eine Weile komplizierter machen. Die Umstellung würde dauern, während er und FAQTS
