Die hohen Töne - Danielle Steel - E-Book

Die hohen Töne E-Book

Danielle Steel

0,0
10,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Seit sie ein kleines Mädchen war, liebt Iris Cooper nichts so sehr wie das Singen. Mit zwölf Jahren beginnt sie, mit ihrem Vater von Stadt zu Stadt, von Bühne zu Bühne zu ziehen. Das Leben mit ihm ist nicht einfach, doch auch nachdem sie sich befreien kann, kommt sie nicht zur Ruhe: Ihr neuer Manager nutzt sie gnadenlos aus. Die Musiker und Sänger, die sie auf Tour begleiten, werden zu Iris’ Ersatzfamilie und geben ihr schließlich den Mut, auszubrechen, und die Kraft, allen Widerständen zu trotzen und ihrem Traum zu folgen – auch, als eine Tragödie ihren Blick auf das Leben und die Liebe für immer verändert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zum Buch:

Seit sie ein kleines Mädchen war, liebt Iris Cooper nichts so sehr wie das Singen. Mit zwölf Jahren beginnt sie, mit ihrem Vater von Stadt zu Stadt, von Bühne zu Bühne zu ziehen. Das Leben mit ihm ist nicht einfach, doch auch nachdem sie sich befreien kann, kommt sie nicht zur Ruhe: Ihr neuer Manager nutzt sie gnadenlos aus. Die Musiker und Sänger, die sie auf Tour begleiten, werden zu Iris’ Ersatzfamilie und geben ihr schließlich den Mut, auszubrechen, und die Kraft, allen Widerständen zu trotzen und ihrem Traum zu folgen – auch, als eine Tragödie ihren Blick auf das Leben und die Liebe für immer verändert.

Zur Autorin:

Danielle Steel ist mit einer Milliarde verkaufter Exemplare ihrer Romane eine der beliebtesten Autorinnen der Welt. Zu ihren jüngsten internationalen Bestsellern gehören »The Ball at Versailles«, »Das nächste Kapitel« und »Das Glück finden«. Ebenso schrieb sie »His Bright Light«, die Geschichte über das Leben und den Tod ihres Sohnes Nick Traina, und »A Gift of Hope«, eine Erinnerung an ihre Arbeit mit Obdachlosen. Danielle Steel teilt ihre Zeit zwischen Paris und ihrem Haus in Nordkalifornien auf.

Danielle Steel

Die hohen Töne

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Juna-Rose Hassel

HarperCollins

Der Originaltitel erschien 2018 unter dem Titel The High Notes bei Macmillan Publishers, New York.

© 2025 by Danielle Steel

Deutsche Erstausgabe

© 2025 HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von zero-media.net, München

unter Verwendung von Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783749909063

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für Beatie, Trevor, Todd, Nick, Samantha, Victoria, Vanessa, Maxx und Zara.

Für meine lieben Kinder.

Mögt ihr gesegnet, erfolgreich und glücklich sein und den richtigen Menschen finden, der euch von ganzem Herzen liebt, und mögt auch ihr ihn von ganzem Herzen lieben.

Alles Liebe,

Mom / d.s.

»Die einzige Lüge, die ich dir je erzählt habe, war, dass ich dich mag, als ich bereits wusste, dass ich dich liebe.«

– Der unter dem Namen Wrdsmth bekannte Straßenkünstler aus Los Angeles –

1. Kapitel

Iris Cooper war klein für ihr Alter. In ihrer abgeschnittenen Jeans mit den ausgefransten Rändern, dem rosa T-Shirt und den abgewetzten rosa Cowboystiefeln, die ihr Vater Chip ihr auf einem Flohmarkt gekauft hatte, sah sie eher aus wie zehn, nicht wie zwölf.

Sie stand da und betrachtete die Pferde, die an einem glühend heißen Tag in Lake City, Texas, unter einem Baum angebunden waren, und trat mit den Spitzen ihrer Cowboystiefel nach Kieselsteinen.

Wie immer summte sie vor sich hin. In ihrem Kopf konnte sie Musik hören. Sie komponierte Songs auf der Gitarre ihres Vaters, die ziemlich gut klangen. Seit vier Monaten ging sie in Lake City zur Schule. Dieses Jahr war sie insgesamt schon auf drei Schulen gewesen. Ihr Vater mochte es, umzuziehen und nach neuen Möglichkeiten zu suchen, Geld zu machen. Er hatte ziemlich schnell die Nase voll von den Städten, in denen sie wohnten. Stets mietete er für jeden von ihnen ein Zimmer, dann blieben sie ein paar Monate und zogen schließlich weiter. Iris gefiel es, wenn sie sich in einem Städtchen mit Kirche niederließen. So konnte sie im Chor singen, und dort war sie immer gern gesehen. Besser als jeder andere traf sie die hohen Töne. Sobald man sie dort singen hörte, durfte sie bleiben. Sie konnte zu geselligen Kirchenveranstaltungen gehen und Schmorbraten und Brathähnchen mit Kartoffelsalat oder Kartoffelpüree essen. Die übrige Zeit ernährten sie sich von Fast Food oder was auch immer sich ihr Vater gerade leisten konnte. Manchmal war das nur eine Dose Bohnen oder ein wenig Chili.

Ihr Name war Programm: Das Blau ihrer Augen glich dem von Iris, und ihr Gesicht wurde von einem Schopf weicher blonder Haare umrahmt. Sie trug es zu einem Zopf, den sie selbst flechten konnte.

Ihre Mutter Violet hatte sie und ihren Vater verlassen, als Iris zwei Jahre alt gewesen war. Ihr Vater hatte es ihr nie erzählt, doch einmal hat sie ihn sagen hören, sie wäre bei einer Auseinandersetzung in einer Kneipe in East Texas gestorben, nachdem sie die beiden schon verlassen hatte. Sie und ihr Freund hätten sich in der Bar aufgehalten, als jemand hereinkam und eine Waffe zog, in die Menge schoss und beide tötete. Sie und Chip hatten eine holprige Ehe geführt. Und als sie dann gegangen war, war es einfacher, Iris bei ihm zu lassen. Iris erinnerte sich nicht an sie, deshalb vermisste sie sie auch nicht. Man kann nicht jemanden vermissen, den man nie gekannt hatte. Aber ihr fehlte eine Mutter, sie hätte gern wie die anderen Kinder eine gehabt. Chip war als Waise aufgewachsen und hatte bei zwei unverheirateten Onkeln gelebt, die ihm nur so viel Aufmerksamkeit wie unbedingt nötig geschenkt hatten. Wenn sie Frauen mit nach Hause brachten, musste er draußen schlafen. Mit sechzehn war Chip weggegangen und hatte sie nie wiedergesehen. Er arbeitete, wo immer er eine Gelegenheit fand, und ritt in Rodeos auf Bullen und nicht eingerittenen Pferden, bis ein Bulle auf ihm herumtrampelte und ihn am Bein verletzte. Deshalb hinkte er inzwischen, und seine Rodeo-Tage waren vorbei. Iris ging gern mit ihm auf Rodeos, manchmal traf er dort alte Bekannte. Nun lebten sie von der Arbeit, die er annahm, wo immer er sie fand – als Barkeeper, Schreiner oder Rancharbeiter. Er fand immer etwas, und wenn es keine Jobs gab, zogen sie weiter und fingen noch mal ganz von vorne an. Iris träumte davon, lange Zeit in ein und derselben Stadt zu bleiben wie andere Leute und jahrelang dieselbe Schule zu besuchen. Ihr Vater versprach, dass sie sich eines Tages niederlassen würden, doch bisher war das noch nicht geschehen. Die letzten zehn Jahre waren sie in Texas durch die Kleinstädte getingelt. Darüber schrieb sie einen Song, den sie auf seiner Gitarre spielte.

Sie beobachtete noch immer die Pferde, als Chip aus dem Haus kam, in dem sie gerade wohnten, und ihr befahl, in den Truck zu steigen. Der Truck war alt und grün, und sie hatten ihn schon, solange sie denken konnte. Er brachte sie von einer Stadt zur anderen, und auf der Ladefläche wurde dann alles, was sie besaßen, in Kartons verstaut. Darüber wurde eine Plastikplane gebreitet und mit Seilen festgezurrt.

Sie sprang auf den Beifahrersitz, und er stieg ein und ließ den Motor an. Kurz darauf fuhren sie über eine Seitenstraße Richtung Stadt. Sie fragte nie, wohin sie unterwegs waren. Das spielte eigentlich keine Rolle. Sie betrachtete die Rinder und Pferde, an denen sie vorbeifuhren. Kurz vor der Stadt hielten sie vor einer Bar an. Ein rotes Neonschild wies sie als »Harry’s Bar« aus. Chip parkte, stellte den Motor ab und sah sie an.

»Bleib hier. Ich komme bald wieder und hole dich«, sagte er. Sie nickte und schaltete das Radio ein, sobald er weg war. Er hatte unter einem Baum geparkt, es war heiß und kein Lüftchen regte sich. Der Truck hatte keine Klimaanlage, und Iris sah ihm nach, als er in die Bar hinkte. Sie fragte sich, ob er reingegangen war, um ein Bier zu trinken, oder ob er Arbeit suchte. Sie hatten wieder Dosenbohnen gegessen, daher wusste sie, dass das Geld knapp war. Wenn er nicht bald Arbeit fände, würden sie wieder umziehen. Sie hoffte, dass sie blieben. Es gefiel ihr hier. Die Frau, von der sie die Zimmer gemietet hatten, war nett zu ihr. Sie hatte eine Enkelin im selben Alter, die größer war als Iris, und manchmal gab die Frau ihr alte Kleider, aus denen die Enkelin herausgewachsen war. Iris hatte nie irgendetwas Neues zum Anziehen. All ihre Kleider erstanden sie auf Hinterhofverkäufen, in Secondhandläden und Kirchenbasaren.

Chip Cooper hinkte zur Bar und sah die stämmige blonde Kellnerin an. Ihre Haare waren am Ansatz dunkel, aber sie hatte ein freundliches Lächeln.

»Ist Harry da?«, fragte er, und sie nickte Richtung Küche.

»Er repariert gerade etwas, aber er kommt gleich. Die Spülmaschine ist kaputt. Kaffee?« Sie servierten hier Mittag- und Abendessen. Für Alkohol war es noch zu früh, auch wenn sich manche nicht davon beirren ließen. Chip wollte eigentlich ein Bier, beließ es aber dann bei einer Tasse Kaffee, während er wartete, und blieb an der Bar stehen, um ihn zu trinken. Hinten im Raum gab es eine kleine Bühne, auf der hin und wieder eine Band spielte. Die Rancharbeiter liebten das, und wenn es Live-Musik gab, war der Laden gut besucht.

Zehn Minuten später kam Harry an die Bar zurück, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und teilte der Kellnerin mit, dass er die Spülmaschine repariert hatte. Dann sah er Chip an. Er hatte ihn hier schon mal gesehen.

»Hey, wie läuft’s?«, fragte Chip. Eine uralte Klimaanlage hielt den Raum nur wenig unter der Außentemperatur. »Du kannst dich auf etwas freuen«, sagte Chip. Harry war klein und stämmig, glatzköpfig und ungefähr Mitte fünfzig. Seine Bar lief gut. An den Wochenenden war sie rappelvoll. Chip war das auch schon aufgefallen, darum war er hier.

»Woher weißt du das?«, fragte Harry mit misstrauischem Blick.

»Ich habe ein Mädchen, dessen Stimme deine Gäste niemals vergessen werden. Sie kann alles singen, was sie hören wollen. Sie ist noch klein, aber sie singt besser als jede Frau im Radio. Eines Tages wird sie ein großer Star werden.« Harry sah von dieser Aussicht nicht gerade begeistert aus.

»Wie alt ist sie?«, wollte Harry wissen, und Chip zögerte.

»Sie ist zwölf, aber das vergisst man, wenn man sie hört. Sie trifft die hohen Töne wie keine andere.«

»Ich kann keine Zwölfjährige in einer Bar singen lassen«, sagte Harry, sichtlich verärgert über diesen Vorschlag. Pearl, die Kellnerin, grinste und verschwand in der Küche, um die Spülmaschine einzuräumen, die Harry gerade repariert hatte. Sie brauchten eine neue, aber er hielt die alte am Leben. Harry gefiel es, Geld zu machen, aber ausgeben wollte er es nicht. Pearl lächelte immer noch bei der Vorstellung, eine Zwölfjährige könnte in seiner Bar singen. Das würde niemals passieren. Da war Chip an den Falschen geraten.

»Ich habe sie dabei, wenn du sie mal hören willst«, beharrte Chip. »Sie braucht hier nicht rumzuhängen, ich kann sie kurz vor ihrem Auftritt reinbringen, und sobald sie fertig ist, nehme ich sie wieder mit.« Harry konnte sich das Ganze schon bildlich vorstellen – irgendein aufgebrezeltes Mädel mit zwei Zentimetern Schminke und in Klamotten wie eine Revuetänzerin aus Vegas. Nichts davon kam bei ihm gut an. Er wollte nicht, dass in seiner Bar sämtliche Pädophile, die es in Texas gab, abhingen. Er war ein anständiger Kerl, der einen unbescholtenen Laden führte. Sonntags kamen Familien zum Mittagessen hierher, nicht immer nur Rancharbeiter, die sich besaufen wollten. »Lass sie dir einfach nur einen Song vorsingen, dann wirst du schon sehen, was ich meine.«

»Ich kann kein Kind in diesem Alter anstellen, um hier zu singen. Das ist nicht richtig«, sagte Harry stur, doch Chip sah aus, als würde er erst lockerlassen, wenn Harry nachgab. Um diese Zeit waren keine Gäste in der Bar, und endlich willigte Harry ein, wenn auch nur, um Chip loszuwerden. »Okay. Wo ist sie?«

»Draußen in meinem Truck.«

»Bei dieser Hitze? Bist du wahnsinnig? Hast du eine Klimaanlage in deinem Truck?« Chip schüttelte den Kopf und war schon halb an der Tür. Mit wenigen langen, wegen seines Hinkens unsicheren Schritten war er beim Truck. Iris saß im Schneidersitz da, ihr Gesicht war rot von der Hitze. Sie sang zur Musik im Radio mit.

»Komm«, sagte er, als er die Tür öffnete. »Du hast ein Vorsingen.«

»Wofür?« Sie wirkte überrascht. Sie hatte in Kirchen und bei Kirchenveranstaltungen gesungen, aber noch nie in einer Bar.

»Sie haben hinten eine Bühne für Live-Musik« Er zog den Ghettoblaster hinter seinem Sitz vor, und Iris sprang aus dem Wagen und folgte ihm in die Bar. Pearl schenkte ihr eine Cola ein und reichte sie ihr, sobald sie an der Bar war, während Harry sie anstarrte.

»Sie soll zwölf sein?«, fragte er. Sie sah eher aus wie neun oder zehn, und sie war weder dick geschminkt, noch trug sie aufreizende Klamotten, wie er befürchtet hatte. Sie sah aus wie ein normales, durchschnittliches Mädchen. »Wie heißt du?«, fragte er freundlich.

»Iris.« Sie lächelte ihn an, nahm einen langen Schluck von ihrer eiskalten Cola und bedankte sich bei Pearl.

»Dein Dad sagt, du hast eine umwerfende Stimme.« Plötzlich wirkte sie schüchtern.

»Ich singe gern.«

Chip stellte den Ghettoblaster auf die Bar. »Da drauf ist die Instrumentalbegleitung, zu der sie singt. Sie kann alles singen, was du willst. Balladen, Country, Western. Sie kann Musikwünsche erfüllen. Sie kennt alles, was im Radio läuft.« Er bedeutete Iris, ein wenig zurückzutreten, und sie gehorchte. Sie stellte ihr Glas auf dem Tisch ab, und Chip schaltete das Gerät ein. Kurz davor erinnerte er sie noch mal daran, die hohen Töne anzuschlagen, und sie nickte. Sie startete direkt mit dem ersten Song, einem alten Cowboylied, das die Rancharbeiter liebten, gefolgt von »Somewhere Over the Rainbow«, was Harry den Umfang ihrer Stimme demonstrierte. Als Nächstes kam ein Gospelsong, und sie tat, was ihr Vater ihr aufgetragen hatte. Sie schlug die hohen Töne an und hielt sie. Harry und Pearl starrten sie an. Nach dem dritten Song schaltete Chip das Gerät aus, und Harry sah ihn skeptisch an. Er war draufgekommen, was der Trick war. Sie bewegte nur die Lippen. Kein Kind konnte so singen, und nur wenige Frauen waren dazu in der Lage. Und die, die es konnten, waren berühmt.

»Okay«, sagte er zynisch. »Toller Auftritt. Aber jetzt lass mal sehen, was sie ohne Musikbegleitung draufhat.« Er war sich sicher, dass die beiden danach einen raschen Abgang hinlegen würden, und Chip sah alles andere als glücklich aus. Mit Musik klang sie besser, aber er nickte Iris zu und sie sang drei weitere Songs a cappella. Ohne Musik war ihre Stimme sogar noch stärker. Sie füllte den ganzen Raum aus, und sie traf die hohen Töne, wie er es noch nie zuvor gehört hatte. Chip hatte recht. Iris sang wie eine erwachsene Frau, aber es war dieses Fähnchen von einem Mädchen, das auch noch jünger aussah, als es war, und eine Stimme hatte, die einem das Herz herausreißen konnte. Harry und Pearl standen wie gebannt da. Iris hatte eindeutig nicht nur die Lippen bewegt. Chip hatte recht. Sie konnte alles singen und traf die hohen Töne wie keine andere.

»Deine Gäste werden ausflippen, wenn sie das hören«, sagte Chip, und Harry sah sie eindringlich an. Ihm gefiel, wie sauber und normal sie aussah. Kein Make-up, kein Firlefanz, sie hatte absolut nichts Erotisches an sich, und sie hatte immer noch den Körper eines Kindes. Kleine Mädchen, die wie Frauen verkleidet waren und versuchten, sexy zu sein, waren Harry ein Grauen, damit wollte er nichts zu tun haben. Aber sie hatte absolut nichts Anzügliches an sich und sah aus wie ein ganz normales kleines Mädchen.

»Hattest du Gesangsunterricht?«, fragte Harry, der immer noch erstaunt war über das, was er gerade gehört hatte. Und Pearl reichte Iris eine weitere Cola.

»Nein, ich singe einfach nur schon mein Leben lang. Manchmal singe ich in Kirchenchören, wenn wir irgendwo lange genug bleiben«, erwiderte Iris. Gesangsstunden hätte ihr Vater niemals bezahlen können, aber das sagte sie nicht, weil sie ihn damit in Verlegenheit gebracht hätte. »Ich höre viel Radio.«

»Sie kennt alle Hits«, mischte sich Chip wieder ein. »Also, was meinst du?«, fragte er Harry.

»Ich glaube, du hast da ein Ausnahmetalent an der Hand.« Der Kontrast zwischen ihrem Aussehen und ihrem Gesang war absolut unvereinbar, und er wusste nicht, wie die Leute reagieren würden, vor allem, weil sie so klein war und so jung aussah.

»Warum probierst du es nicht ein paar Abende mit ihr? Ich garantiere dir, deine Gäste werden dich anflehen, dass du sie wiederkommen lässt.« Das war absolut möglich nach dem, was er gerade gehört hatte. Es war schwierig, an Live-Unterhaltung ranzukommen. Sie waren darauf angewiesen, dass hin und wieder eine Cowboyband auftrat oder eine Gruppe, die auf der Durchreise woandershin war.

Harry wandte sich an Chip und fragte: »Was hast du dir vorgestellt?« Abends waren zwei Kellnerinnen da, Pearl und Sally, und Harry stand hinter dem Tresen. Es war ein kleines, aber profitables Unternehmen. Die Rancharbeiter ließen ziemlich viel Trinkgeld da, wenn sie tranken. Das Essen war zünftig, und sie hatten eine treue Kundschaft. Abends kam der Koch, mittags kochte Harry selbst.

»Sechs Abende pro Woche, fünfundzwanzig pro Abend.«

»An den Wochentagen ist nicht viel los. Vielleicht Donnerstag bis Sonntag«, entgegnete Harry.

»Fünf Abende zu je dreißig Kröten«, sagte Chip, »und sie darf ihr Trinkgeld behalten. Du wirst es nicht bereuen. Und wenn sie singt, wird hier auch an den Wochentagen was los sein.«

Harry fragte sich, ob Chip womöglich recht haben könnte, und er hatte Mitleid mit Iris, weil ihr Vater sie in diesem Alter schon durch die Bars schleifte, damit sie dort sang.

»Du wirst ein Auge auf sie haben, damit niemand sie belästigt?« Er sah Chip streng an, und er nickte. »Wir versuchen es eine Woche lang und sehen, ob es funktioniert. Wenn es den Leuten gefällt, kann sie den Job haben, fünf Abende à fünfundzwanzig Dollar.« Das würde ihnen fünfhundert Dollar pro Monat einbringen, was einen großen Unterschied machen würde. Es war leicht verdientes Geld, und Harry konnte es sich leisten.

»Und ich bringe sie raus und rein. Sie kann dann im Truck auf mich warten.« Das klang wie ein mieses Leben für ein Kind, aber sie sah nicht unglücklich aus. Während die Männer redeten, bot ihr Pearl ein Stück Pfirsichkuchen mit Vanilleeis an, den Iris hungrig anstarrte. Sie setzte sich hin und schlang ihn sofort hinunter. Dann brachte sie den Teller in die Küche. Die Ausstattung dort war alt, aber alles war sauber.

Chip trank ein Bier, ehe sie aufbrachen, und sagte zu Iris, sie solle so lange im Truck auf ihn warten. Nachdem sie sich bei Harry und Pearl bedankt hatte, ging sie leise hinaus. Als schließlich auch Chip weg war, wandte sich Harry an Pearl und schüttelte den Kopf.

»Das arme Mädchen. Er würde sie in einem Kohlebergwerk singen lassen, wenn es ihm Geld einbrächte. Aber ihre Stimme ist eine Gabe Gottes.«

Sie hatten vereinbart, dass sie ab neun ein volles Set singen würde. In zwei Tagen – am Mittwoch – würde sie anfangen.

»Was, wenn ihnen nicht gefällt, was ich singe?« Iris sah ihren Vater nervös an, als sie vor dem Haus vorfuhren, in dem sie zurzeit wohnten.

»Sie werden dich lieben. Und eines Tages wirst du ein großer Star sein. Vergiss das nicht. Was willst du anziehen?«

»Mein blaues Kleid.« Es war das einzige schöne Kleid, das sie besaß, und sie hatte selten Gelegenheit, es zu tragen. Sie hatte ein Paar Sandalen, die dazu passten. Das trug sie, wenn sie in der Kirche sang.

»Du wirst auch Trinkgeld bekommen.« Chip lächelte selbstzufrieden. Sie brauchten das Geld, und es könnte der Beginn ihrer Gesangskarriere werden. Die Möglichkeiten waren endlos. Schon seit Jahren hatte er auf diesen Moment gewartet. Als sie sechs war, hatte sie ihre Stimme gefunden.

»Sie sind nett«, sagte Iris, die gerade an Harry und Pearl und den Pfirsichkuchen und die Colas dachte.

»Ihr Geld ist auch ganz nett.« Chip grinste breit, als sie aus dem Truck stiegen, und Iris ging geradewegs nachsehen, ob ihr blaues Kleid okay war. Sie war nervös, weil sie in der Bar singen sollte, aber ihr gefiel die Idee. Alles würde gut werden, solange sie singen durfte. Singen brachte immer alles in Ordnung und machte sie glücklich.

Am Mittwochabend brachte Chip Iris um halb neun in Harrys Bar. Sie brauchten zehn Minuten, bis sie dort waren, und er forderte Iris auf, im Truck zu warten, genau wie er zu Harry gesagt hatte. Als er drinnen war, trat er an die Bar, trank ein Bier und spülte mit einem Whiskey nach. Als er damit fertig war, war es an der Zeit, dass sie anfing.

Harry sagte, er könne Iris durch die Küche hereinbringen. Die Bühne war mit einem Mikrofon für sie ausgestattet worden, und Chip steckte für die Begleitung den Ghettoblaster ein.

Als Harry sie in ihrem Kleid, das die Farbe ihrer Augen hatte, hereinkommen sah, fragte er sich, was er da eigentlich tat und ob er verrückt war. Niemand bemerkte ihre Ankunft. Er dimmte die Lichter, betrat selbst die Bühne und kündigte seinen Gästen eine Überraschung an. Er sagte, sie hätten heute Abend einen Special Guest – Iris Cooper.

Sie sprang auf die Bühne, als Harry herabstieg, und lächelte die Menschen an, die gerade ihr Abendessen zu Ende aßen oder an der Bar standen. Ihr Vater schaltete die Musik ein. Niemand wusste, was nun kommen würde, und da fing sie an zu singen. Sie sang ein paar Country-Songs, die von berühmten Sängern interpretiert worden waren, ging dann zu Balladen und Titelmelodien über, und alle applaudierten ihr, als sie fertig war. Die Leute waren überrascht von dem, was sie gehört hatten. Sie verbeugte sich, dankte ihnen und sah endlich wieder aus wie ein kleines Mädchen. Es war, als würde sie sich in eine Erwachsene verwandeln, wenn sie sang, und wieder zurück in ein Kind, wenn sie damit fertig war. Sie grinste von der Bühne herab und rief: »Bis zum nächsten Mal!« Dann sprang sie herunter und verschwand in der Küche, wo Pearl ihr einen Teller Hackbraten mit Kartoffelpüree reichte, den sie mit in den Truck nehmen konnte.

»Du warst fantastisch!«, flüsterte Pearl ihr zu. »Sie haben dich geliebt!«

»Es hat Spaß gemacht, und danke für das Abendessen«, sagte sie, ehe sie mit dem Teller zurück zum Truck flitzte. Harry hatte eine Schale auf die Bühne gestellt, falls jemand ein Trinkgeld für sie hinterlassen wollte. Mehrere Leute standen auf und warfen ein oder zwei Dollar hinein. Für den Rest des Abends gab es kein anderes Thema mehr, und Harry grinste Chip an, als der Auftritt vorbei war.

»Sie ist ein Knaller«, sagte er zu Chip.

»Hab ich’s dir nicht gesagt?«, erwiderte der selbstgefällig. »Eines Tages wird sie berühmt werden.« Das schien eindeutig möglich zu sein, nachdem sie ein ganzes Set lang gesungen hatte. »Sie kann auch Musikwünsche auf meiner Gitarre erfüllen, wenn du das willst.«

»Das Publikum war begeistert.« Harry strahlte, noch immer überrascht.

Chip hing noch eine Stunde an der Bar herum, dann ging er hinaus zu seinem Truck, wo Iris Radio hörte. Sie hatte die Mahlzeit, die Pearl ihr mitgegeben hatte, aufgegessen und den Teller zurück in die Küche getragen. Es hatte Spaß gemacht, für die Gäste zu singen.

»Wie war es?«, fragte sie ihren Vater, als sie nach Hause fuhren.

»Ziemlich gut«, sagte er. »Vergiss die hohen Töne nicht. Das lieben sie immer.«

»Hab ich doch.«

»Du kannst noch höher«, rief er ihr ins Gedächtnis, und sie grinste.

»Morgen mache ich es«, versprach sie.

»Du solltest auch die Gitarre mitnehmen, falls jemand einen Musikwunsch hat.« Sie nickte. Das würde Spaß machen. Es machte jetzt schon Spaß.

Gegen Ende der Woche sprachen alle von dem erstaunlichen Mädchen, das in Harrys Bar sang, und die Leute kamen, um sie zu hören. Am Samstag nach ihrem Freitagabendauftritt waren alle Tische voll. Am ersten Abend hatte sie fünf Dollar Trinkgeld bekommen, am Donnerstag waren es schon acht, am Freitag zehn und am Samstag sechzehn. Ihr Vater sagte, er würde das Geld für sie aufbewahren.

Am Sonntagabend kam es Harry immer noch völlig verrückt vor, dass er eine zwölfjährige Sängerin in seinem Bar-Restaurant singen ließ, aber er heuerte sie für fünf Abende die Woche für je fünfundzwanzig Dollar an, wie sie vereinbart hatten. Seine Gäste liebten den Auftritt, und die Leute fragten ihn nach Iris. Er sagte, sie sei einfach nur ein sehr talentiertes Kind. Und da stimmten sie ihm zu.

Für den Rest des Sommers brachte Iris das Geld nach Hause. Im Herbst wurde es ein bisschen weniger, da die Leute mehr zu Hause blieben und das Wetter kühler wurde, dennoch füllte sie jedes Wochenende den Laden, und auch an Wochentagen war mehr los. Harry fragte Chip, ob es ein Problem gab, wenn die Schule wieder losging, und er antwortete, dass Iris ihre Hausaufgaben erledigte, bevor sie zur Arbeit kam, und nach der Vorstellung im Truck schlafen konnte.

Pearl hatte inzwischen ein neues Kleid für Iris genäht, ein schlichtes, marineblaues. Ihr Vater hatte erlaubt, dass sie mit etwas von ihrem Trinkgeld ein Paar flache schwarze Lederschuhe kaufte. Nichts, was sexy oder zu erwachsen wirkte. In ihrem neuen Kleid und den offenen blonden Haaren sah sie schön aus, wenn sie sang. Sie war ein hübsches kleines Mädchen, und Pearl meinte, sie würde zu einer Schönheit heranwachsen. Chip war auch gut aussehend gewesen, bevor er von seinem Lebenswandel so verbraucht aussah. Und auf einem alten Foto hatte Iris gesehen, dass auch ihre Mutter hübsch gewesen war. Chip hatte das Foto irgendwann weggeworfen. Iris besaß keins von ihrer Mutter.

Sie blieben bis Weihnachten in Lake City, aber dann beschloss Chip, dass es an der Zeit war, weiterzuziehen. Er wollte, dass sie ihr Glück in einer größeren Stadt versuchten, wo es, wie er glaubte, mehr Möglichkeiten gab.

Iris war traurig, dass sie wegmusste. Sie liebte es, bei Harry zu singen, und Pearl und Sally, die Kellnerinnen, waren gut zu ihr. Harry war auch nett. Sie würde wieder in eine neue Schule gehen müssen, wenn sie umzögen. Aber Chip versicherte ihr, dass er wusste, was er tat. Woanders würden sie mehr Geld machen.

Pearl nähte ihr ein schwarzes Samtkleid mit einem weißen Satinkragen, ehe sie weggingen. Und Sally schenkte ihr ein dazu passendes Stirnband mit kleinen Perlen, die sie selbst draufgenäht hatte. Iris sah damit aus wie Alice im Wunderland, wenn sie auf der Bühne stand, und sie sang wie Barbra Streisand oder irgendein anderer Hollywood-Star.

An ihrem letzten Abend hatten Pearl, Sally und Harry Tränen in den Augen, und Pearl umarmte sie fest. Iris weinte heftig, als sie aufbrach. Sie wusste, dass sie sie nie vergessen würde.

»Du brauchst ein größeres Publikum. Mehr Trinkgeld«, sagte Chip, während sie aus der Stadt fuhren. »Wir gehen nach Houston. Das hier war nur der Anfang. Eines Tages wirst du ein großer Star sein … sing nur immer diese hohen Töne.«

Sie nickte, brachte aber kein Wort heraus. Sie war zu traurig darüber, dass sie weggingen. Harry, Pearl und Sally waren so etwas wie die einzige Familie gewesen, die sie je gehabt hatte. Aber ihr Vater hatte größere Träume. Sie war eine Goldmine, und das wusste er. Harry machte sich Sorgen, was nun aus ihr werden würde, mit einem Mann wie Chip als Vater, der sie nur ausbeuten wollte. Falls sie tatsächlich eines Tages zu einem Star werden sollte, lag noch ein langer steiniger Weg vor ihr.

2. Kapitel

Einige Jahre blieben sie in der Gegend um Houston, weit genug außerhalb der Stadt, dass Chip immer eine Bar fand, in der sie Iris auftreten ließen. Sie war eine Kuriosität für die Bars, in denen sie vorsprachen, aber sobald man sie dort singen hörte, wurde sie auch angeheuert. Sie blieben einige Monate, bis es Chip wieder in den Fingern juckte weiterzuziehen. Jedes Mal, wenn sie in eine neue Stadt kamen, ging Iris auf eine neue Schule. Sie fand ein paar Freundinnen, aber nicht viele. Sie wusste, dass sie bald wieder weiterziehen würden, wann immer ihr Vater sich langweilte oder von einer – wie er glaubte – besseren Stadt mit einem besseren Laden, in dem sie auftreten konnte, hörte. Er war nicht wählerisch, wo er sie singen ließ, und wenn der Barbesitzer sie erst mal gehört hatte, schmolzen seine Einwände dahin wie Eis in der texanischen Sonne. Sie war zu gut, als dass man sie sich entgehen lassen konnte, und ihr Publikum liebte sie. Sie vermisste immer noch Harry, Sally und Pearl und schrieb ihnen von Zeit zu Zeit eine Postkarte. Harry sah sich die Karten dann immer an und schüttelte den Kopf.

»Sie sind wieder umgezogen. Dieser Typ kann keine sechs Monate an ein und demselben Ort bleiben.«

Als Iris sechzehn war, gingen sie nach Austin, wo es ihr im Gegensatz zu Chip sehr gefiel. Ihm war es zu glatt poliert und vornehm, aber immerhin gab es eine Universität. Er mochte die staubigen Cowboy-Städte lieber, sie waren ihm vertrauter. Aber in Austin konnte man gutes Geld machen, und Iris sah endlich ein wenig erwachsener aus, deshalb war es nicht mehr so schockierend, sie in einer Bar auftreten zu sehen. Man hielt sie für eine College-Studentin. Sie war zwar immer noch klein, aber äußerlich allmählich reifer.

Ihr Auftritt blieb so sittsam wie damals, als sie zwölf war. Es ging um ihre Stimme und die Songs – sie sang immer mehr eigene. Sie schrieb die Lyrics und komponierte die Melodie, und ihre Botschaften waren stark. Sie konnte eine Ballade vortragen wie sonst keine, alte Elvis-Lieder, neuere Hits und Country-Songs singen, wenn das Publikum danach verlangte. Noch hatte der Ruhm sie nicht gefunden, aber ihr Talent überwältigte jeden, der sie singen hörte, und ihr Vater beutete sie nach Gutdünken aus.

Chip gab ihr Taschengeld, behielt den Rest für sich und versoff das meiste davon. Manchmal schnappte sie sich etwas von ihrem Trinkgeld, bevor er es in die Finger bekam, doch sie rebellierte nie. Wenn er getrunken hatte, konnte er ernstlich hässlich zu ihr sein und drohte ihr, ihr in den Hintern zu treten. Sie wuchs in dem Glauben auf, dass Männer eben so sind – mit wenigen Ausnahmen. Sie baute keine Luftschlösser, wollte keine teuren Dinge. Sie wäre einfach nur gern für eine Weile am selben Ort geblieben. Sie hatte bis zum Ende der Highschool insgesamt elf Schulen besucht. Neun Monate blieben sie in Austin, länger als in jeder anderen Stadt. Danach verbrachten sie ein paar Monate in Arizona und zogen dann für ihr Abschlussjahr nach Nevada. Ihr Highschool-Diplom erlangte sie in einer Kleinstadt achtzig Kilometer von Las Vegas entfernt, nachdem sie davor in vier verschiedenen Städten gelebt hatten.

Chips Wahn hatte Methode. Ab Iris’ achtzehntem Geburtstag wollte er sie in Las Vegas in Nachtclubs anbieten und damit aufs Ganze gehen. Ihre Schönheit hatte sich inzwischen zu ihrer vollen Blüte entfaltet. Ihr Vater musste sehr aufpassen, dass keiner der Männer im Publikum sie belästigte, wenn sie ihr Set beendet hatte und die Bühne verließ. Wenn sie sang, war sie schlicht gekleidet, meist in Jeans und Pulli oder aber in einem einfachen Kleid, alles immer in Schwarz, und mit ihrem langen blonden Haar, den feinen Gesichtszügen und den großen blauen Augen sah sie aus wie ein Engel. Wie immer wollte sie die Musik und nicht sich selbst in den Vordergrund stellen. Chip war sich sicher, dass ein guter Veranstalter wüsste, was er mit dem Rohmaterial anstellen musste, um einen Star aus ihr zu machen. Inzwischen sang sie schon seit sechs Jahren in Bars und Raststätten.

Chips Wunsch ging in Erfüllung, als er sie zwei Monate nach ihrem achtzehnten Geburtstag in einer Seitenstraße von Las Vegas in einer Bar anmeldete; ein Manager-Scout hörte Iris eines Abends zufällig singen und gab Chip seine Visitenkarte. Der Barbesitzer hatte den Scout zu Chip geschickt, als er nach dem Auftritt mit Iris sprechen wollte. »Ihr Vater wickelt das alles ab.«

Der Scout arbeitete für Billy Weston. Chip hatte noch nie von Weston gehört, und der Scout erzählte ihm, dass sein Boss immer auf der Suche nach jungen Talenten war. Er nahm Iris an dem Abend mit seinem Handy auf, damit Billy eine Vorstellung davon bekäme, was er gehört hatte. Trotz der schlechten Aufnahmequalität hob sich die Stimme wie immer zu den ganz hohen Tönen. Auf der Highschool hatte Iris ein wenig Gesangsunterricht genommen, wodurch ihre Auftritte noch professioneller geworden waren. Mit zunehmender Reife hatte sich auch ihre Stimme verstärkt. Die hohen Töne fielen ihr leichter denn je, und die Lieder, die sie schrieb, waren kraftvoll und bewegend, die Arrangements, die sie ebenfalls selbst komponierte, wurden anspruchsvoller.

Chip rief Billy Weston am nächsten Tag an, und Billy hatte seinen Anruf bereits erwartet. Er versprach zu kommen und sich Iris selbst anzuhören. Am nächsten Abend schaute er vorbei und war völlig von den Socken, als er sie hörte. Er sprach nur kurz mit Iris, stellte ihr ein paar Fragen zu den Sachen, die sie sang, und wickelte den Deal dann mit ihrem Vater ab. Darüber war Chip nur allzu glücklich. Als ihr selbst ernannter Agent und Manager unterschrieb Chip einen Vertrag mit Weston, der eine fünfjährige Tournee umfasste. Weston sagte, dass seine Gruppen durchs ganze Land tourten. Chip machte sich nicht die Mühe, dies zu überprüfen. Es war gutes Geld. Er erzählte Iris davon, als er in das Haus zurückkam, in dem sie Zimmer gemietet hatten. Er hatte für sie mitunterschrieben, dass sie als Eröffnungs-Act auf einer landesweiten Tour singen würde, mit der Aussicht darauf, in den letzten zwei Jahren als Haupt-Act aufzutreten, wenn Weston das Gefühl hatte, dass das Publikum empfänglich dafür war und ihre Leistung dies hergab. Er hatte keine festen Zusagen gemacht, sie groß rauszubringen, nur dafür, dass er sie als Eröffnungs-Act für größere Bands einsetzen wollte. Sie war der Teaser vor dem Haupt-Event. Er arrangierte Touren für Interpretinnen und Interpreten mittlerer Qualität durch kleinere Städte überall im Land. Er versicherte Chip, dass Iris’ Unterkunft stets komfortabel wäre und sie gut behandelt würde. Er behauptete, die Künstlerinnen und Künstler, die er vertrat, seien wie seine eigenen Kinder, und Iris würde eines davon werden. Viele von ihnen seien unterwegs entdeckt worden und Stars geworden. Namen nannte er keine, aber seine Verheißungen waren genug für Chip.

Chip zwang sie mehr oder weniger dazu, den Vertrag zu unterschreiben, da sie nun achtzehn war und ebenfalls unterzeichnen musste. Für sie klang es nach einem harten Leben. Und fünf Jahre auf Tour klangen wie eine Ewigkeit. Es war das Leben, das sie schon seit Jahren führte, nur mit noch kürzeren Aufenthalten. Am liebsten würde sie eine Zeit lang an einem Ort bleiben und hoffte darauf, sich in einigen der großen Casinos vorstellen zu dürfen, aber dafür brauchte sie einen Agenten. Ihr Vater hatte nicht die entsprechenden Verbindungen, sie dort reinzubringen. Chip sagte, dies sei ihr nächster Schritt zum Ruhm.

Einigermaßen widerwillig unterzeichnete sie den Vertrag mit Billy Weston, ihr Vater überzeugte sie davon, dass als Eröffnungs-Act zu singen eine Phase war, die sie durchlaufen müsste. Das wäre bei jedem so, behauptete er. Außerdem enthielt der Vertrag eine einseitige Rücktrittsklausel, die es Weston ermöglichte, sie jederzeit zu feuern, während sie nicht aus dem Vertrag aussteigen konnte. Sie unterschrieb und brach eine Woche später zu ihrer ersten Tour auf, die in den tiefen Süden führte. Weston hatte ihnen nicht mitgeteilt, dass sie zusammen mit einem anderen unbekannten Act in einem ramponierten Van von Stadt zu Stadt tingeln würde, und zwar egal, ob ihr davon übel wurde oder nicht. Oft fuhr sie fünfzehn oder zwanzig Stunden, zusammengepfercht in dieser uralten Rostlaube und dem Gestank nach Schweiß und ungewaschenen Körpern, meist mit Musikern, die betrunken waren oder unter Drogen standen und sich dort von der Nacht davor erholten. Wenn sie irgendwo übernachteten, blieben sie jeweils im billigsten Motel der Stadt. Oder aber sie stiegen sofort, nachdem das Equipment nach der Vorstellung eingeladen war, in den Van und fuhren die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag durch, um zur nächsten Aufführung zu gelangen – ein, zwei Stunden, ehe sie anfing und ohne Zeit zum Proben zu haben. Es war ein zermürbendes, brutales Leben, und sie spielten in schmutzigen, drittklassigen Etablissements. Iris arbeitete für ein relativ geringes Honorar, das zu Beginn jeden Jahres unwesentlich erhöht wurde. Von jedem Scheck erhielt sie eine kleine Summe für sich, der Rest wurde an ihren Vater geschickt, so wie Chip es arrangiert hatte, damit er es für sie sparen konnte.

Meistens herrschte in ihrem Elend eine kameradschaftliche Atmosphäre zwischen ihnen, aber gelegentlich verlor jemand die Beherrschung, und die Männer prügelten sich. Verletzungen hatten keine Konsequenzen, und sie mussten ohnehin weiterfahren, sonst würden sie nicht bezahlt oder womöglich sogar bestraft werden, wenn sie nicht auftreten konnten. Die Touren dauerten jeweils zwölf Wochen, dazwischen war man zwei Wochen zu Hause – wenn man denn ein Zuhause hatte.

Ihr Vater ließ sich treiben, während sie auf Tour war, und die meiste Zeit wusste sie gar nicht, wo er sich aufhielt. Ab und zu sah er nach ihr, und später fand sie heraus, dass er ihr Geld ausgab, anstatt es für sie zu sparen, wie er ihr eigentlich zugesichert hatte. Am Ende ihres Fünf-Jahres-Vertrags mit Billy Weston hatte sie fast keinen Cent. Sie hatte ein paar kurze Liebschaften mit Band-Mitgliedern gehabt, aus denen aber nichts Ernstes wurde. Früh lernte sie, dass die Männer in dieser Welt unzuverlässig, die Romanzen kurz und enttäuschend waren. Die Frauen hingegen hielten zusammen und waren versiert darin, sich gegenseitig vor den Betrunkenen zu schützen, von denen sie nach den Auftritten angemacht wurden.

Iris hatte das Gefühl, ihre Zeit und ihr Talent fünf Jahre lang vergeudet zu haben. Vier der fünf Jahre war sie Eröffnungs-Act geblieben, bis sie schließlich im letzten Jahr der Tour zu einer Hauptnummer der Show wurde – im eisigen Nordwesten, mitten im Winter. Es waren die schlimmsten fünf Jahre ihres Lebens. Sie hatte kein Geld, um einen Anwalt zu bezahlen, der sie aus dem Vertrag hätte befreien können. Ihrem Vater war das gleichgültig.

Als der Vertrag endete, flog sie nach Las Vegas zurück, um sich mit dem bisschen Geld, das sie unterwegs gespart hatte, ein Zimmer zu mieten, bis sie Arbeit gefunden hatte. Dieses Mal war sie entschlossen, in den Casinos vorzusingen. Auf fünf Jahren Tournee hatte sie einiges an Erfahrung gesammelt, und während sie ihre Runden machte, hörte sie von anderen Talenten, dass Billy Weston für die Ausbeutung junger Künstler bekannt war und sie auf schlimmste Art missbrauchte. In Las Vegas wurde er nicht geachtet. Sie brauchte einen Agenten, wusste aber nicht, wie sie einen finden sollte. Ihr Vater war ein schlechter Witz. Weston hatte ihm die Gehaltsschecks geschickt, und er hatte sie alle in Bars eingelöst, wo man ihn kannte, und den Rest des Geldes verprasst.

Für die Casinos gab es Wartelisten für sehr erfahrene Sängerinnen und Musikerinnen, und Iris setzte ihren Namen darauf. Nachdem sie zurückgekehrt war, dauerte es drei Wochen, bis sie ihren Vater ausfindig gemacht hatte. Endlich tauchte er auf und verschaffte ihr einen Auftritt in einer halbwegs anständigen Bar, deren Besitzer er kannte und in der er eine Menge Zeit verbrachte, wenn er in der Stadt war. Es war eine Notlösung, bis sie etwas Besseres gefunden hatte, und sie hatte ein paar neue Songs geschrieben, die sie gern ausprobieren wollte.

Das Publikum liebte ihre Songs. Sie wurden auch immer besser. Sie war nur glücklich, wenn sie sang. Wenn sie sang, war ihr gleichgültig, wo sie war. Sie hatte gelernt, ihre Umgebung vollkommen auszublenden, sodass es nur noch sie und ihre Musik gab – und ihre Stimme, die sich hoch über der Menge erhob. 

Am zweiten Abend, an dem sie ihr neues Material präsentierte, kam nach der Show ein Manager-Scout auf sie zu. Der Besitzer der Bar hatte ihn angerufen. Iris war inzwischen dreiundzwanzig und hatte eine winzige Garderobe, auch wenn sie nach fünf Jahren auf Tour – eins davon als Haupt-Act – bereits eine erfahrene Künstlerin war. Nachdem Billy Weston sie jahrelang unter Vertrag gehabt hatte, interessierte sie sich nicht für das, was der Scout zu sagen hatte. Weston hatte sie mehrmals angerufen, um sie dazu zu bringen, erneut zu unterschreiben, und sie hatte ihn nicht zurückgerufen. Sie wusste es inzwischen besser und hatte durchschaut, was für ein Lügner er war. Ihr Vater hatte sie wie eine Sklavin an Weston verkauft. Sie würde nicht noch mal in diese Falle tappen. Sie hatte das Business auf die harte Tour kennengelernt.

Sie hatte ein paar Freunde gefunden, aber Weston mischte die Gruppen immer durch, sodass sie immer Vorgruppen und Haupt-Acts enthielten, deshalb war man selten mit denselben Leuten auf Tour. Es war schwer, mit jemandem in Kontakt zu bleiben. Alle waren zu viel unterwegs. Sie hatte einen Sänger und mehrere Musiker gedatet und auch in dieser Hinsicht schließlich ihre Lektion gelernt. Die meisten von ihnen wollten einfach nur jemanden haben, mit dem sie schlafen konnten, während sie auf Tour waren. Viele von ihnen waren auf Drogen, Iris nicht. Am Ende blieb sie einfach in ihrem Hotelzimmer, das sie mit ein, zwei anderen Frauen teilte, schrieb Songs in ihrer Freizeit und konzentrierte sich auf ihre Musik. Sie hatte noch nie eine ernste Langzeitbeziehung gehabt. Ihre kurzen Affären hatten außer ins Bett nirgendwohin geführt und enthielten keinerlei Verheißung oder Substanz für eine Zukunft. Es war unmöglich, bei dem Leben, das sie führten, eine ernste Beziehung aufrechtzuerhalten.

Sie alle waren Herumtreiber, und viele von ihnen waren jünger als sie. Billy Weston war ein Meister darin, junge Leute auszubeuten, von denen einige wirklich Talent besaßen. Doch er behandelte sie wie Vieh. Manche von ihnen wurden vertragsbrüchig und verschwanden einfach, gingen dorthin zurück, wo sie hergekommen waren, und hängten die Musik an den Nagel. Nur die Widerstandsfähigsten und Engagiertesten blieben dabei. Iris weigerte sich, sich von ihm kleinkriegen zu lassen. Unterwegs wurden ihnen Manager zur Seite gestellt, meist schmierige Typen, die versuchten, die Mädels anzumachen. Sie schaffte es, sich auch von ihnen fernzuhalten. Es war eine schäbige Welt, die schlimme Dinge bereithielt. Mithilfe ihrer Musik überwand sie sie. Chip hatte sich in Westons Büro gemeldet, als ihr Vertrag beendet war, daraufhin fand er sie in Vegas und verschaffte ihr den Job in der Bar, wo der Scout sie singen hörte und nach dem zweiten Set auf sie wartete. Mit ihren dreiundzwanzig Jahren sah sie noch immer aus wie ein Teenager. Sie hatte eine Frische und Unschuld an sich, wie es sie in der Welt, in der sie lebte, gar nicht gab. Aber sie war gewillt, alles zu ertragen, wenn sie nur ihre Musik behalten konnte.