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Das Werk "Aufenthalt bei Mutter" spiegelt den Besuch einer reifen Frau bei ihrer greisenen Mutter, um diese für ein Wochenende zu pflegen. Doch bald führt uns die Erzählung zu drei Protagonistinnen: dem Mädchen Elli, und zwei jungen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können. Beth ist auf dem Weg in ihr eigenes Leben und kämpft sich bald durch den Alltag als Ehefrau, Mutter und Ingenieurin. Lisa sprüht vor Tatendrang und Lebensfreude und genießt des Augenblickes Glück. Als Lisa sich verliebt, gerät sie in eine seelische Zerreißprobe. Als ihr Zustand eskaliert, erscheinen ihr Visionen – oder Erinnerungen? - an das kleine Mädchen Elli, das von seinem Vater sexuell missbraucht wird. Die Erzählung "Aufenthalt bei Mutter" führt uns in die Tiefen seelischer Verarbeitungsstrategien von Gewalterfahrung und zeichnet einen langen und an Wundern reichen Weg des seelischen Heilens auf.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Hellen Scheefer
Aufenthalt bei Mutter
Das Stockholmsyndrom
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Bei Mutter. Eine Idee.
Bei Mutter. Ankommen.
Elli. eins.
Beth. eins.
Beth. zwei.
Beth. drei.
Elli. zwei.
Beth. vier.
Elli. drei.
Elli. vier.
Beth. fünf.
Beth. sechs.
Beth. sieben.
Elli. fünf.
Beth. acht.
Bei Mutter. Der Fernsehabend.
Elli. sechs.
Lisa. eins.
Elli. sieben.
Elli. acht.
Elli. neun.
Lisa. zwei.
Lisa. drei.
Beth. neun.
Beth. zehn.
Lisa. vier.
Lisa. fünf.
Beth. elf.
Bei Mutter . Weiter Fernsehen.
Beth. zwölf.
Elli. zehn.
Elli. elf.
Lisa. sechs.
Bei Mutter. Samstag Morgen.
Lisa. Sieben.
Lisa. acht.
Lisa. neun.
Lisa. zehn.
Lisa. elf.
Lisa. zwölf.
Lisa. dreizehn.
Bei Mutter. Samstag Vormittag.
Lisa. vierzehn.
Bei Mutter. Samstag Mittag.
Lisa. fünfzehn.
Bei Mutter. Mittagspause. eins.
Bei Mutter. Mittagspause. zwei.
Bei Mutter. Samstag Nachmittag.
Bei Mutter. Mutter zur Rede stellen.
Bei Mutter. Samstag Abend.
Bei Mutter. Sonntag Vormittag. Geschehen und Abreise.
Epilog.
Impressum neobooks
Aufenthalt bei Mutter.
Das Stockholmsyndrom.
Hellen Scheefer
Für meine Kinder
und Kindeskinder
Hellen Scheefer
Stille. Absolute Reglosigkeit. Das Surren der Fliege, weit hinten in der Ecke, dringt an mein Ohr und berührt nicht mein Denken. Mein Hirn ist ganz erfüllt von einem Gedanken. Schwer, sehnsüchtig. Endlich kann ich ihn ziehen lassen. Der Atem gleitet mir nun tief in den Bauch.
Ich bin ein Berg. Meine Gedanken, mein Fühlen - sie sind wie Wolken. Wolken am Gipfel, an meinem Kopf.
Endlich: „Kaijo!“
Auf diesen heiseren Ruf folgt eine leise Bewegung. Dann, einen Moment später: ein machtvoller Schlag. Die Kraft des Schlegels explodiert auf dem Fell der Trommel und verwandelt sich in ein Dröhnen, das den ganzen Raum ausfüllt. Das Schwingen dringt in meine Ohren und quillt auf unsichtbaren Bahnen in die Tiefe meines Leibes, bis mein ganzer Körper vibriert wie die Luft um mich herum.
Ich liebe diesen Moment. Wenn nach stundenlangem, reglosem Sitzen das Morgendämmern sich in helles Licht gewandelt hat, der Schlag der Trommel meinen Körper erwachen macht und von nun an das Tun des Tages uns einnehmen darf.
Die Ordinierten legen ihr Kesa auf den Kopf und dann singen wir gemeinsam:
„Dai sai geda puku, mu so fukuden e, hi bu nyorai kyo. Kodo sho shu jo.“ Sitzen, auf einem Kissen. Schweigen. Ruhe des Körpers. Meditieren im Strömen des Atems. Den Geist zur Ruhe bringen. Aufhören zu denken. Denken, rationalisieren, analysieren, entdecken. Die Krone menschlichen Daseins. Wortfetzen, Bilder, Traumgeschichten, Singen, Schmerz, unstillbares Weinen, Ängste. Immer wieder Gespräche, aus der Angst geboren, mit nicht Anwesenden, Angst und Ängste und wieder Angst.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich inzwischen auf dem Safu gesessen hatte. Ich habe schon seit Jahren keine Angst mehr vor Veränderungen. Die Neugier schafft Neues. Neues ist vor allem spannend, aufregend, schön. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich hatte sitzen müssen, bis in mir dieses Wissen aufgestiegen war: diese Angst in mir, die ist, weil ich Angst vor mir selber habe. Angst vor diesen Kräften in mir, die mich tun machen, was mich zerstört. In bester Absicht, „um der Liebe Willen’, wie man so schön sagt. Und doch: zerstört, mich verrückt macht.
Beim Schlagen der Trommel, als ich das Vibrieren meinen Körper durchströmen fühle, begreife ich, dass ich guten Grund habe zu dieser Angst vor mir selbst.
Ausgerechnet als ich vor ein paar Tagen bei meiner Dienstfahrt im Auto das Radio anschaltete, wurde eine Rezension eines Buches gesendet. Eine Frau erzählte anonym vom sexuellen Missbrauch durch ihren leiblichen Vater. Textstellen werden zitiert. Es wird mit kurz zusammenfassenden Worten gezeichnet, wie die Autorin ihre sexuellen Lüste in dieser Beziehung schildert. Schwer von ihrem Vater verletzt und vergewaltigt, beschreibt sie ihre Orgasmen. Mich ekelte vor der Frau beim Zuhören. Stockholmsyndrom. Ich hatte kaum an den Begriff gedacht, als der Rezensent den Begriff einführte, seine Bedeutung erklärte. Das Opfer beginnt in der größten Not und ohnmächtig seinem Peiniger ausgeliefert, diesen zu lieben. Das ist die einzige Strategie, um die Situation zu überstehen, um zu überleben.
Ich weiß, dass auch ich die Fahigkeit des Stockholmsyndroms in mir trage. Die Liebe, die ich meinem Vater entgegenbrachte, war einerseits Dankbarkeit, weil er mich vor dem tagtäglichen Terror meiner Mutter schützte, und ihr Terror war härter als das hysterische Herumgeschrei meines Vaters, und andererseits ging diese Liebe auf das Konto des Syndroms. Es war nicht sicher auszumachen, welche Gefühle sich da wie sortierten. Ich hatte mich nach Jahren der Selbstanalyse mit dieser Unklarheit in mir abgefunden. Nun warf mich die Radiosendung aus der Bahn. Den letzten Arbeitstag der Woche lenkte ich mich noch ab mit intensivem Arbeiten. Aber es half nichts. Kaum hatte ich Ruhe, fiel ich in eine Lähmung. Ich vermochte nicht aufzustehen. Mein ganzes Wesen war im Schmerz gefangen. Stockholmsyndrom. Eine Ahnung befiel mich, wie hart alles gewesen sein musste, als Vater begann, mich sexuell zu missbrauchen. Die ungerechtfertigten Beschuldigungen. Das Sitzen müssen im Keller. Angstvolles Warten, bis er endlich kam und mich nach seiner Triebbefriedigung wieder mit hoch in die Wohnung nahm. Ans Licht, zu meinem Spiel. Seit dem Hören der Radiosendung lag ich nun schon zwei Tage gelähmt im Bett. Mit meinem Leiden an meinem Zustand wuchs die Wut auf meine Mutter. Vater konnte mich nur so für sich gewinnen, weil sie mich so allumfassend verachtet hatte. Irgend einen Halt brauchte ich und so wehrte ich mich nicht mehr gegen Vater. Wurde zu seiner Lieblingstochter. In meiner wachsenden Wut auf meine Mutter wuchs ein Gedanke: „Du lügst“. Mein Schmerz gab mir die Kraft mich zu erinnern, was geschah, als Mutter von dem sexuellen Manipulieren an meiner Nichte als Baby erfuhr. „Das wird nicht gemacht!“, hatte sie in höchster Not geschrien. In Bezug auf meine Person jedoch hatte sie keinerlei Mitgefühl entwickelt. Aber wenigstens bei ihrer Enkelin hatte sie versucht, Vater Einhalt zu gebieten.
„Du lügst, Mutter“. Diese drei Worte, nunmehr aufgestiegen in meinen Kopf, brachen meine Lähmung und ich vermochte aus dem Bett aufstehen. Ich beschloss, sie zu konfrontieren bei meinem nächsten Aufenthalt bei ihr, wenn die Reihe unter meinen Geschwistern wieder an mir war, sie zu pflegen. Und hier wollte ich sie zur Rede stellen: „Du lügst, Mutter“.
In den darauf folgenden Tagen dachte ich viel über das bevorstehende Gespräch nach. Was, wenn mir die Einzelheiten aus ihrem Mund wiederum einen flashback auslösten? Was, wenn sie ein Geständnis ablegt und danach aus dem Fenster springt? Was, wenn sie sich bei den Geschwistern beschwert?
Ich war also dieses Wochenende mit dem festen Vorsatz angereist, Mutter noch einmal zur Rede zu stellen. Kaum bei ihr angekommen, nahm ich ihre große Schwäche wahr. Ich schämte mich, dass ich eine so alte Frau in Bedrängnis bringen wollte. Brauchte ich das Gespräch wirklich? Konnte ich mir und meinen Erinnerungen selbst nicht glauben? Ich rief mir bewusst Situationen im Geschehen um den Missbrauch ins Gedächtnis. Als ich ungefähr 18 Jahre alt war, prüfte Mutter mich mit gezielten Fragen, ob ich auch alles gut vergessen hatte. Ja. Damals hatte ich den sexuellen Missbrauch vergessen. Doch. Ich wollte das Gespräch. Es war wichtig. Diese Familie würde irgendwann beginnen, den Missbrauch aufzuarbeiten. Es war wichtig, ihre Position zu kennen, auch jetzt, da sie so alt und schwach war. Ich beschloss, mit ihr auf behutsame Weise zu reden.
Als sie mich in der Tür stehen sieht, freut Mutter sich. Jetzt ist sie nicht mehr alleine. Es stinkt nach Kot. Ich setze die Reisetasche ab, gut neben den Stuhl, damit Mutter nicht über die Schlaufen stolpert und öffne, noch mit der Jacke bekleidet, das Küchenfenster. Die Luft in der Wohnung ist trocken und überheizt. Dann ziehe ich Schuhe und Jacke aus. Mutter klagt, dass sie ganz durcheinander sei. Sie geht in das Wohnzimmer zum laufenden Fernseher mit den entschuldigenden Worten, sie müsse sich mal hinsetzen. Ihr sei ganz schwindelig. Auf dem kleinen Tisch an der Couch stehen Reste vom Abendbrot. Butter, eine Scheibe angetrocknete Wurst, etwas Käse, eine Kanne mit einem Rest Tee. Ich setze mich zu ihr, starre auf den laufenden Fernseher. Eine Unterhaltungssendung. Die Zuschauer lachen. Ich kann nicht lachen. Meine Mutter erzählt etwas über den Moderator. Klatsch aus dem Fernsehmagazin. Ich höre nicht wirklich zu. Ich starre gebannt auf die bewegten Bilder. Bei mir zu Hause habe ich keinen Fernseher. Manchmal schaue ich die Tagesschau per Internet. Oder ich streame einen Film. Das ist zwar illegal, aber bequem. Jetzt hat ein Satz des Moderators eine Erinnerung meiner Mutter berührt. Sie erzählt mir ausführlich von ihrem Vater. Der war Schneidermeister. Ein Herrenschneider. Selbst einem Buckeligen vermochte er einen Anzug so zu nähen, dass man den Buckel nicht mehr sah. Es sei zu dieser Zeit nicht selbstverständlich gewesen, dass ein Mann seine Familie von seinem Verdienst ernähren konnte. Aber ihr Vater konnte das. Und darauf war er sehr stolz. Er hatte von morgens bis zum Abend viel zu arbeiten. Und die Mutter musste den ganzen Haushalt besorgen und das Schwein und die Hühner und Enten. Meine Mutter zählte nicht die drei Kinder auf, sich selbst und ihre Geschwister, die im Haushalt lebten. Beizeiten am Tag rief der Vater ins Haus, wann Mutters Mutter endlich in die Schneiderstube komme. Sie werde dringend gebraucht. Die Mutter meiner Mutter war Kunststopferin. Die ideale Partnerin eines Schneiders. Wenn beim Bügeln des Anzugs ein Stück Glut aus dem Eisen heraus und auf den Stoff gefallen war, dann war es an ihr, das in den Stoff gebrannte Loch so kunstfertig zu stopfen, dass man es nicht mehr sah. Wie sie das bewerkstelligte ? Sie löste an einer unauffälligen Stelle ein Stück Faser aus dem Gewebe und stopfte es in der genauen Abfolge, wie der Weber einst das Tuch gewebt hatte, um das Loch herum wieder ein. Für diese Arbeit brauchte also der Schneidermeister seine Frau dringend. Außerdem hatte sie das Futter in die Anzugteile einzunähen, mit der Hand selbstverständlich. Das einzige Hobby, was mein Großvater sich leistete, war einmal wöchentlich der Gesangsverein. Dort ging er abends hin. Er soll eine sehr schöne Stimme gehabt haben. Von ihm hatte ich also meine Begabung geerbt. Aber als der Krieg kam, hörte das Singen auf.
Endlich wird die Tür geöffnet. Elli stürzt heraus, rempelt dabei ein Kind an. Elli weiß nicht, wie das Mädchen heißt, sie kennt hier noch niemanden. Es ist ihr aber auch ziemlich gleichgültig, ob sie dem Mädchen wehgetan hat. Elli will raus. Jetzt hat sie schon die schneebedeckte Wiese erreicht. Vor ihr steigt eine Böschung an. Oben, schon fast auf der Höhe, hat sie ihren Bruder entdeckt. Sie möchte zu ihm. Die anderen Kinder aus ihrer Gruppe holen sie ein, aber Elli interessiert sich nicht für sie, Elli möchte nur zu ihrem Bruder. Zu Hause spielt sie auch immer mit ihm. Und die Kinder in ihrer Gruppe sind ihr alle so fremd.
Ellis Bruder ist zwei Jahre älter als sie. Er kennt sich gut aus im Kindergarten. Sie jedenfalls findet alles ziemlich schrecklich hier. Heute ist ihr erster Tag. Die Eltern hatten auch noch gesagt, dass sie es leichter haben wird, weil ja ihr Bruder mit dabei sei. Aber als heute der Tag begann, ging ihr Bruder in einen ganz anderen Raum als sie. Als sie sich darüber beschwerte, erklärte ihr die Erzieherin die Ordnung im Kindergarten. „Dein Bruder muss doch in eine andere Gruppe gehen, er ist immerhin zwei Jahre älter als du. Und jede Gruppe hat ihren eigenen Raum.“ Elli ist enttäuscht.
Nun aber hat sie ihn endlich entdeckt. Sie ruft ihn. Sie kann noch nicht so schnell laufen wie die großen Jungs. Nächstes Jahr kommen die schon in die Schule. Endlich hört sie der Bruder. Er zögert einen Augenblick, schaut unwillig zu Elli, dann läuft er davon. Nein, er hat keine Lust, mit seiner kleinen Schwester zu spielen. Zu Hause müssen sie schon immer zusammen spielen. Er möchte mit seinen Jungs spielen. Aber sein Zögern dauert einen Moment zu lang. Elli hat ihn erreicht, genauer gesagt, sie hat den Zipfel seiner Jacke erwischt, und nun packt sie um so fester zu. Aber ihr Wollen ist größer als ihre Geschicklichkeit. Sie rutscht auf dem Schnee aus. Im Fallen fängt sie sich mit ihren Händen auf, und schon ist der Bruder freigegeben. Der nutzt den Augenblick und läuft seinen Freunden nach.
Nein. In den Kindergarten gehen ist wirklich schrecklich. So hat Elli sich das überhaupt nicht vorgestellt. Die Leute haben wirklich schöne Spielsachen in den Regalen liegen. Sachen, die sich Ellis Eltern nicht leisten können. Da gibt es zum Beispiel eine Puppe, die kann Laute machen, wenn man sie dreht. Sie hat auch richtige Klapperaugen. Das haben die Leute in den Fabriken erst vor kurzem erfunden. Aber wenn man in den Gruppenraum herein kommt, darf man nicht gleich spielen. „Erst gibt es Frühstück.“ hatte die Erzieherin gesagt. Und danach sollten sie alle gemeinsam malen. Die Erzieherin brachte jedem Kind ein Stück schwarzes Papier und einen weißen Buntstift dazu. So etwas hatte Elli noch nie gesehen. Bei ihr zu Hause waren die Farben von Papier und Stift umgekehrt. Merkwürdig. Man konnte aber richtig auf dem Papier malen. Die Kinder sollten Schnee malen. Weil doch draußen Winter ist. Und dann ging die Erzieherin zu den Kindern an die Tische und hielt in der Hand eine Vase, darin waren Schneeglöckchen. Die Kinder sollten versuchen, auch ein Schneeglöckchen zu zeichnen. Schneeglöckchen mag Elli. Und die kennt sie ganz genau. Kürzlich war sie mit ihrem Vater in den Garten gegangen. Tief verschneit lagen die Beete. „Kannst du dir vorstellen, dass unter dieser Schneedecke Blumen wachsen?“ hatte er Elli gefragt. Elli tat entrüstet. Unter diesem kalten Schnee, der ihr immer so schnell die Hände frieren machte, dass die schmerzten? Nein, das konnte sie sich nicht denken. Der Vater hatte einen Spaten genommen und tief in die Schneedecke eingestochen. Vorsichtig hatte er eine Scholle heraus gehoben, mit den Fingern noch leicht über den Boden gefegt, und siehe: da standen sie. Lugten auf zarten Stängeln aus dem kalten Schnee heraus mit ihren zarten weißen Köpfchen, dass man beinahe ihr Schellen zu hören meinte. Schneeglöckchen! Ja, Schneeglöckchen konnte Elli gut malen.
Das Malen war also nicht wirklich blöd. Gemein war nur, dass man nicht spielen durfte. Aber danach, bis zum Mittagessen, war endlich die Spielecke freigegeben. Jetzt wollte Elli sich auch die Puppe näher besehen. Aber eh sie sich versah, war das Spielzeug, was sie so interessant gefunden hatte, verteilt. Die anderen Kinder kannten schon die Regel: ‚Wer zuerst kommt, malt zuerst.’ Sie waren Hals über Kopf auf das Regal zugestürzt und hatten sich kurz entschlossen ein Spielzeug gegriffen. Zwei Kinder stritten noch, aber auch hier galt die Regel: „Wer hatte die Kiste zuerst in der Hand?“ der Erste war halt der Glückliche.
Nach dem Mittag mussten sie Mittagsschlaf halten. Die Tische und Stühle wurden beiseite geräumt und Holzpritschen in den Raum gestellt. Dann sollten alle Kinder sich still hinlegen und die Augen schließen. Das war vielleicht merkwürdig! Elli war noch ganz aufgeregt von den vielen Erlebnissen und nun sollte sie die Augen schließen. Hinten, in der Puppenecke knackte es ganz verdächtig. Huch, kaum hatte Elli die Augen geöffnet, schon hatte es die Erzieherin bemerkt. Das war inzwischen eine andere Frau. Die ‚Spätschicht’, hatten die Großen erklärt. Die ‚Spätschicht’ war viel strenger als die Frau am Morgen. Schrecklich. Elli hatte Angst vor ihr. Aber irgendwann fand Elli das stille Liegen ganz lustig. Man konnte sich Geschichten ausdenken, und wurde durch nichts dabei gestört.
Inzwischen war die Mittagszeit beendet, sie hatten Vesper gegessen und durften nun ins Freie spielen gehen. Bis die Eltern die Kinder wieder nach Hause abholen. Elli rutscht auf dem Schnee den Hang hinunter. Sie weint enttäuscht, der Bruder war davon gelaufen. Sie geht den anderen Kindern aus dem Weg, setzt sich in die Nähe der Erzieherinnen. Sie hat die Nase voll. Kindergarten ist einfach zu blöd.
Das Tor war verschlossen. Sie standen beide davor und ärgerten sich über die Leute vom Studentenclub. Sonst um diese Uhrzeit konnte man ungehindert ein- und ausgehen. Aber heute gab es keine Chance. Der Club war hoffnungslos überfüllt. Die Session hatte begonnen. Beth wand den Blick und sah auf den Jungen neben sich. Der war kein ‚Junge’ mehr, in der Art, wie sie sich noch als Mädchen empfand. Er war ganz offensichtlich älter als sie. Vielleicht schon am Ende des Studiums? Sie hatte erst in diesem Herbst damit begonnen. Er war ein richtiger Mann. Er wusste was von der Welt. So jedenfalls erschien er Beth. Sie hatte sich ihm zugewandt und ihre Blicke trafen sich zugleich. Auch er hatte sich ihr zugedreht. Sie sah ihm tief in die Augen. Das tat sie bei allen Männern so. Warum, wusste sie nicht. Er hielt ihrem Blick stand. Kein Lächeln, aber auch kein Flackern oder Ausweichen. Ein Brennen war da, das zwischen ihnen hin und her sprang. Sehnsucht?
Das Tor blieb verschlossen. Scheinbar gelassen gingen sie Jeder seiner Wege. Sein brennender Blick war ihr bis ins Herz gedrungen. Später, als sie zu einander gefunden hatten, gestand er ihr, wie tief ihn diese Begegnung berührt hatte. Von diesem Moment an hatte er sie gesucht. Er hatte sie leicht gefunden. Sie wohnten ihm gleichen Haus, belegten dieselbe Fachrichtung. Er war nur zwei Jahre weiter als sie. Seit ihrer Begegnung am Tor hatte er ihre Wege beobachtet. Doch er sprach sie niemals an. Er war kein Jäger, aber auch nicht wählerisch. Er nahm schnell ein Mädchen mit in sein Bett. Doch es blieb beim One-Night-Stand. Er achtete diese Mädchen nicht, weil sie sich ihm so leicht hingegeben hatten. Er kannte Beth nicht. Doch zu seinen Freunden sagte er: „Die Kleene da drüben, seht ihr die? Der könnte ich treu sein.“ Sie liefen sich nicht wieder über den Weg. Das Wohnheim war ein Hochhaus und hier wohnten Hunderte von Studenten. So ging das wohl ein halbes Jahr. Die Sommerpause nahte. Beth war ungeduldig geworden. Sie spürte oft seine Blicke, sah ihn am Fenster nach ihr schauen, aber nie ergab sich die Gelegenheit, einander zu sprechen. Dann, endlich, eines Abends zur Disko, entdeckte sie ihn inmitten seiner Kumpels. Wieder trafen sich ihre Blicke, sie beobachteten einander, umkreisten sich wie Katzen. Doch eigentlich war Beth diejenige, die kreiste, ihn umkreiste, die Gruppe junger Männer ansteuerte, währenddessen er sicher im Kreis der Gruppe verharrte, sie aber nie aus den Augen verlor. Nichts. Beth hatte einen weiten Bogen um die Männer geschlagen, aber Er hatte sich nicht herausbewegt, nicht von der Stelle gerührt. Beth zog sich verwirrt zurück. Hatte sie sich geirrt? Hatte sie der ganzen Sache zuviel Bedeutung beigemessen? Wollte er doch nichts von ihr? Beth wandte sich ihren Kommilitonen zu. Versuchte, die Sache zu vergessen. Beth tanzte eine Weile, in ihre Gedanken versunken. Nein. Einen Versuch musste sie noch starten. Sie wollte wissen, woran sie ist. War er ihr zugetan oder war er es nicht? Sie ging zum Diskjockey, bat um einen Musikwunsch, hielt für einen Moment lang den Finger an die Tonbandspule, sodass die Musik jaulte, lachte laut auf, warf den Kopf in den Nacken und steuerte geradewegs auf die Gruppe junger Männer zu. Sie ging ganz dicht an ihm vorbei, sodass er sie hätte greifen können. Sie ging, nichts geschah, sie wand sich ab. Da! Im letzten Moment spürte sie, wie jemand sie packte und an sich heran zog. Er war es! Karl. „Jetzt hab ich dich aber gefangen. Beinahe wärst du mir wieder entwischt!“ Er lachte.
Karl hatte nur noch ein Jahr Studium vor sich. Er war fünf Jahre älter als sie, aber an Lebenserfahrung hatte er ihr wohl eine ganze Generation voraus. Mit Vierzehn ins Internat zum Abitur, Armeezeit. Vater war Vorsitzender der LPG. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Beth, nahtlos von der Schule mit Abiturstufe zum Studium, hatte bisher nichts anderes kennen gelernt, als das was sie in der Schule zu lernen hatte und was ihre Eltern über dieses Land erzählten. Sowohl bei den Eltern als auch in der Schule erfuhr sie Ähnliches über ihr Land, und doch waren es Lügen, wie sie bald begreifen musste. Schon in den ersten Wochen des Studiums ahnte Beth, dass sie in einem ‚Glashaus’ gelebt hatte. Keiner ihrer Kommilitonen teilte ihr Verständnis von der Welt. Alle erzählten und Jeder auf seine Weise, warum die Propaganda in den Nachrichten und in der Schule falsch war und mit den tatsächlichen Verhältnissen im Lande nichts gemein hatte. Selbst in ihrer Ausbildung zum Bauingenieur musste sie erfahren, dass die Planwirtschaft im Land nur selten wie geplant funktionierte und im Grunde den Mangel an Material, Bauteilen und Baukapazitäten verursachte. Beth war Kind einer Spezialschule gewesen. Russisch-Ausbildung im Alter von acht Jahren an. Die besten aller Klassen aus der Stadt waren auserwählt worden für diese Klasse. Die Sprache der Freunde und Befreier vom Faschismus erlernen. Siegen lernen. Die Elternschaft dieser Kinder war entsprechend staatstreu. Wer es nicht war, lernte seinen Kindern von Beginn an, in der Schule den Mund zu halten. Auch den Mitschülern gegenüber. Exil im Alltag.
Beths Eltern arbeiteten beide im Dienst des Staates. Vater unterrichtete das Fach Staatsbürgerkunde, doch für die ideologische Ordnung in der Familie sorgte Mutter. Mutter arbeitete in der Buchhaltung der Schulverwaltung. Zu Hause erlaubte sie kein Wort der Kritik, keine abweichende Meinung. Es gab keine Probleme. Nicht in der Familie, nicht in der Gesellschaft. Und wer Anderes behauptete, der war verhetzt vom Feind, den kapitalistisch verseuchten Individuen. Und dann war da noch Beth. Zu Hause fiel sie immer wieder aus dem Rahmen. Manchmal rastete sie aus. Fiel in einen Wutausbruch, schlug um sich, verurteilte eine Person mit wenigen, messerscharfen Worten. Meist traf es Vater oder Mutter. Manchmal ihre Freundin, von der sie nie wirklich wusste, ob sie sie eigentlich mochte oder hasste. Beth verstand selbst nicht, woher diese Wut aus ihr kam. Die überfiel sie einfach. Beth passte halt nicht in diese Welt.
Karl war der erste Mensch in Beths Leben, der dem Staat und der Gesellschaft, in der sie lebten, feindlich gesinnt war. Mit Karl fand Beth Zugang in eine ganz andere Welt. Sie erkannte, dass es in ihrem Land Menschen gab, die andere Ziele hatten, oder einfach nur Kritik an den herrschenden Zuständen geübt hatten und dafür nun mundtot gemacht worden waren. Karls Vater, in den 60iger Jahren Leiter einer erfolgreich wirtschaftenden LPG, war nun, zu Beginn der 80iger Jahre ganz und gar resigniert und verbittert. Das Streben und der Zwang der Partei, in der Landwirtschaft immer größere Strukturen zu schaffen, hatten unübersichtliche Betriebe geschaffen. Schlendrian war eingezogen, die Tiere wurden vernachlässigt, Maschinen nicht mehr gewartet. Die Ernte kam wegen Trägheit oder wegen fehlender Einzelteile nicht rechtzeitig vom Feld, und der Berufsstand sank im Ansehen. Karls Vater erklärte, die Parteibonzen hätten sein Lebenswerk zerstört. Karls Mutter arbeitete im Stall bei den Kälbern.
Viele Menschen waren sie nach diesem schrecklichen Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, angetreten, eine Welt zu schaffen, in der keine Kriege mehr möglich waren. Doch wohin hatten Beths Eltern geschaut, als 1953 die Panzer durch die Berliner Stalinallee rollten, als ganz Ungarn 1956 blutete und als 1968 eine demokratische Revolution in der Tschechoslowakei mit russischer Waffengewalt zerschlagen worden war? Wie hatten sie all diese Ereignisse mit ihrem Gerechtigkeitssinn vereinbart? Oder hatten sie keinen? Sie hatten diese Dinge vergessen, soweit ein Mensch dazu fähig ist zu vergessen. Totgeschwiegen. Bei Widerspruch niedergeschrien.
Beth versuchte, sich mit den Eltern zu verständigen. Erzählte von ihren Begegnungen im Seminar. Zwischen den Eltern und Beth war es, wie es in ihren Kindertagen gewesen war, soweit Beth sich zu erinnern vermochte: Vater vertrat immer genau die Meinung, die der eigenen widersprach. Mutter blieb ihrer alten Position treu: das Kind hatte unrecht. Doch diesmal lernte Beth schnell. Sie gab auf. Sie ließ sich nicht mehr vorwerfen, sie hätte falsch verstanden, falsch geschlussfolgert, boshaft ausgelegt, übel nachgeredet. Beth begann, sich in Schweigen zu hüllen.
Karl erklärte Beth die Welt. So wie man sie zu sehen hatte. Jedenfalls war er davon überzeugt.
Karl zeigte Beth, wie man beim Pferderennen Geld machen konnte. Er liebte es, Wetten abzuschließen. Natürlich musste man sich auskennen. Welcher Jockey arbeitete erfolgreich? Welches Pferd war gerade in Hochform? Karl war oft auf der Trabrennbahn. Soweit es sein Nebenjob im Studentenclub erlaubte. Aber die meiste Zeit seiner Freizeit verbrachte er dort, an der Theke. Neben dem Verdienst brachten die Wochenende-Abende auch viel Trinkgeld ein. Und den Alkohol umsonst.
Karl war ein richtiger Kerl. Er konnte schuften wie ein Ochse. Der Schweiß rann ihm in Strömen über den Körper, aber Karl strahlte übers ganze Gesicht, voller Stolz auf seine Männlichkeit, und wühlte nach einem kurzen Blick weiter. Auf dem Hof der Eltern gab es immer Arbeit. Karls Eltern wohnten in einem eigenen Haus. Dessen Umbau hatte gerade erst begonnen. Dann war da noch ein Stall für 300 Hühner. Die Tiere mussten versorgt, der Stall ausgemistet werden. Und dann noch der Garten, voller Gemüse. Was die sechsköpfige Familie nicht aufbrauchte, wurde Gewinn bringend im Konsum nebenan verkauft.
Karl konnte auch trinken wie ein richtiger Mann. Eine Flasche Schnaps und eine Reihe Bier gingen auf sein Konto in einer langen Nacht des Clubs. Drei Einsätze pro Woche waren nötig, wenn das Geld verdient werden sollte, was Karl im Monat verbrauchte.
Karl hatte das Nebeneinander von Studium, Jobben und Alkohol gut im Griff. Seine Prüfungen im Studium bestand er. Immer grade eben so, aber ohne Nacharbeit oder Auffälligkeiten. Nur manchmal schlug der Alkohol zu. Völlig unerwartet fiel Karl in einen Vollrausch, so jedenfalls erklärte er es immer hinterher Beth, wenn sie ihn zur Rede stellte. Karl hatte dann alle Kontrolle über seine Körperfunktionen verloren und erwachte gegen Morgen in seinem eigenen Dreck, ohne sich an irgendwelche Einzelheiten der Nacht erinnern zu können.
Wenn Beth ihn in solchen Momenten erlebte, fiel er in ein großes Jammern. Peinlich berührt bereute er die Maßlosigkeit vom Abend, grübelte laut über die Ursachen seines Versagens nach und versprach Besserung. Ja, er bat Beth sogar um Hilfe. Sie solle doch, wenn er wieder einmal die Flasche nicht stehen lassen könne, ihm einen heimlichen Stups geben. Dann würde er schon aufhören zu trinken und alles würde gut.
Den Tag über gingen Beth und Karl jeder seinem Alltag nach. Die Nächte aber verbrachten sie meistens gemeinsam. Mal bei ihr, mal bei ihm, je nachdem, wessen Zimmerpartner gerade nicht am Ort war.
Karl war der erste Mann, mit dem Beth schlief. Sie hatte das Gefühl, mit ihren neunzehn Jahren eine alte Jungfer zu sein. Er liebte sie zweifellos sehr stark. Jeden Augenblick schmuste und betätschelte er sie. Eigentlich hatte sie Angst davor, sich ihm hinzugeben. Aber eines Tages, als sie noch den Tag vor sich hatten, begann sie sich vor ihm auszuziehen. Karl hatte nie einen Hehl um seine vielen Frauenbekanntschaften gemacht. Beth fürchtete ihn zu verlieren, wenn sie sich ihm nicht anbot.
Sein Beiwohnen tat ihr weh. Sie war so stark verkrampft, dass er nicht wirklich in sie einzudringen vermochte. Beide waren ratlos. Seine zahlreichen Erfahrungen halfen hier auch nicht weiter. Er ließ von ihr ab. Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, ja beinahe war ihr als versteckte sie sich an ihm und vor ihm. So verbrachten sie den Rest des Tages und die Nacht nebeneinander, ohne zum Höhepunkt zu gelangen. Karl genoss ihre anschmiegsame Art. Dennoch vergingen Wochen und Monate, ohne dass Beth sich entspannen konnte. Es brauchte ganze zwei Monate, ehe Karl ganz in sie eindringen konnte, und sie nicht vor Schmerz verging. Aber die Lust blieb Beth weiter versagt. Karl wurde nervös. Er grübelte, dachte laut nach und kam zu dem Schluss, dass Beth ihn wohl nicht liebte. Anders konnte es nicht sein.
Beth hatte inzwischen ihre anfängliche Unsicherheit gegenüber Karl verloren. Sooft es ging, besuchte sie ihn abends im Club. Er hatte nur Augen für sie. Jeden freien Moment kuschelten und knutschten sie verliebt. Beth genoss diese Art von Zärtlichkeit, auch wenn sie öffentlich und für jedermann sichtbar stattfand. Oder war es gerade das, was sie genoss? Dieser schöne Mann, ein Bild von Männlichkeit und Kraft, gehörte ihr, hatte keinen Blick für andere Frauen. Jedenfalls nicht, wenn Beth da war.
Das schmeichelte ihr. Sie fühlte sich ganz, liebenswert und endlich vollwertig. Irgendein Makel hatte Beth angehaftet, seit sie dem Kind entwachsen war, und nun hatte seine Liebe zu ihr diesen von ihr genommen.
Und doch war da ein Aber: ihr Unterleib versagte den Dienst. Er blieb kalt. Sie liebte ihn, begehrte ihn. Sie mochte seinen Körper. Aber ihr Körper konnte keine Lust empfinden, wenn sie miteinander schliefen. Sie kannte es nicht, in Ekstase zu verfallen und den Rausch der Lust zu spüren und das schönste, wenn er in Wellen den Körper durchströmte und alles mit sich nahm, wenn er abebbte. Doch. So ganz stimmte das nicht. Sie kannte diese Ekstase, wenn sie sich selbst befriedigte. Je nachdem, wie sehr sich darauf einließ. Aber mit Karl zusammen blieb ihr diese Offenheit versagt.
Beth hatte Angst Karl zu verlieren. Sie überwand ihre Scheu und bat ihn, mit dem Finger nachzuhelfen. Doch seine Hand war hart. Sie wagte nicht, ihn zu korrigieren. er hatte doch so viel mehr Erfahrung als sie. Sie begann Lust zu spielen. Sie bewegte sich wild, stöhnte, als triebe die Ekstase sie, stimulierte sich heimlich selbst. Sie stellte sich vor zu Masturbieren. Sie gewöhnte sich an den Schmerz, den Karl ihr verursachte, wenn er in sie eindrang. Sie verfluchte sich selbst und ihren störrischen Charakter, und irgendwann verwuchsen Schmerz und Lust in eines.
Die Beziehung war gerettet. Karl fasste wieder Vertrauen in ihre Liebe.
„Du kriegst aber nicht die Murmel. Das ist meine!“ Elli ist außer sich. Sie schreit. Dauernd hat der Bruder so blöde Ideen. Irgendwie ärgert er sie immer nur. Nie kann er mal so spielen, wie sie das möchte. „Klatsch!“ Das hat ‚gesessen’. Der Bruder ist halt älter und somit stärker als Elli. Seine Ohrfeige hat Elli erschrocken und nun hat er doch die Murmel an sich gerissen. Die Tür geht auf. Die mittlere Schwester flüchtet vor dem Krach aus dem Zimmer. „Mutti, die streiten schon wieder.“ Mutter bügelt gerade die Wäsche. „Vati, geh du doch mal.“ Wieder geht die Tür auf. „Klatsch!“ und noch einmal „Klatsch!“ Jetzt schreien beide Kinder. Der Vater packt sie bei den Händen. „Hausschuhe anziehen!“ befiehlt er. Sie gehorchen beide. Inzwischen war der Vater auf den Hausflur gegangen und hatte den Fahrstuhl geholt. Sie wohnen nämlich in einem großen Haus. Ein Neubaublock. Acht Stockwerke hoch über dem Erdgeschoss. Und auf jeder Etage wohnen drei Familien. Aber nur wenige Familien haben so viele Kinder wie ihre. Sie sind vier Kinder. Und das ist sehr viel. Zuviel, sagen die Eltern. Vater muss immer Vorträge halten, wenn er sich mal eine neue Hose kaufen möchte. Sagt er.
Nun kommt der Vater zurück und bestimmt den Kindern mitzukommen. Sie fahren in den Keller. Das Haus hat viele Keller. Zwei Etagen voller Kellern. Vater hat viele Schlüssel für die Keller. Die muss er haben, er ist doch der Hausobmann. Und der muss doch immer überall Zugang haben. Sagt Vater. Vater jedenfalls hat überall Zugang und er kennt Keller, die sonst keiner kennt. Heute sperrt er Elli in den Wäscheraum. Aber in den Anderen, für den sonst niemand einen Schlüssel hat. Er öffnet das Vorhängeschloss, schickt Elli in den fensterlosen Raum, löscht das Licht und geht. Die Eisentür schlägt zu, der Schlüssel dreht im Schloss. Der Bruder wird in einen anderen Keller gesperrt.
Die Dunkelheit ist das schlimmste. Inzwischen hat Elli sich schon ein bisschen gewöhnt. Diese Strafmaßnahme macht Vater schon seit längerem. Anfangs hat sie geweint und geschrien, bis der Vater sie wieder aus dem Keller geholt hatte. Inzwischen hat sie gelernt, in die Dunkelheit zu hören. Wenn man ganz genau hinhört, kann man ein bisschen sehen. Das Holzgatter zum Beispiel. Bevor man durch die Eisentür ins Treppenhaus geht, muss man erst das Gatter öffnen. Hat es nicht eben aus dieser Richtung geknackt? Kommt da etwa jemand? Das wäre peinlich. Jemand würde das Licht anmachen und Elli hier sitzen sehen. Er würde sie fragen, was sie hier mache. Und Elli müsste zugeben, dass sie unartig war. Nein, dann schon lieber allein im Dunkeln sitzen.
Elli weint wieder. Sie hat Angst und irgendwie findet sie alles ungerecht.
Da! Wieder knackt es. Ein Schlüssel klappert, dreht im Schloss. Die Eisentür geht auf. Elli bebt. Wenn das ein Fremder ist... Die Schritte kommen näher, das Schloss am Holzgatter wird geöffnet. Das muss Vater sein, nur er hat den Schlüssel. Das Licht bleibt aus. Es ist Vater. Er macht nie Licht, wenn er sie holen kommt. Jedenfalls nicht sofort. Erst nach einer Weile. Er findet sie weinend. Er tröstet Elli auf seine Art. Solange wie ‚Es’ ihm Spaß macht. Elli kann sich nicht mehr erinnern, wie es ihr anfangs ‚Damit’ ging. Inzwischen hört sie manchmal auf, dabei zu weinen. Sie weiß, dass dann der ganze Spuk gleich ein Ende haben wird. Wenn Vater zufrieden ist, wird er das Licht anmachen und sie wieder nach oben führen.
Dann kann sie endlich weiter mit den Murmeln spielen.
Beth studierte sehr ernsthaftig. Das Fach interessierte sie. Die naturwissenschaftlichen Aufgaben stachelten ihren Ehrgeiz an. Sie genoss es, die Zusammenhänge zu verstehen, und die statischen Berechnungen, das Ermitteln von Bauteilgrößen oder Lastannahmen zu beherrschen. Ihr fielen gute Noten zu, ohne dass sie sich sonderlich anstrengte. Wichtiger aber noch als das Studium waren ihr die Hobbys. Sie sang leidenschaftlich gern und gut, manchmal malte sie und ihre Kleider nähte sie meist selbst. Mit ihren Kommilitonen kam sie gut aus. Mitunter war sie ausgelassen lustig. Manchmal träumte sie selbstvergessen vor sich hin. Dann nahm sie niemanden um sich herum wahr. Die meisten Leute ihrer Seminargruppe mochte sie ganz gut leiden, war aber mit Niemandem enger befreundet. Mit Karl änderte sich das. Er war der einzige Mensch, der für Beth wirklich wichtig war. Sie wollte so viel wie möglich Zeit mit ihm verbringen, am liebsten immer um ihn sein. Wenn er mehrere Tage lang nicht in ihrer Nähe war, überfiel sie Eifersucht. Sie war stolz auf ihn. Durch ihn und neben ihm war sie Wer. Er war schön. Manches Mädchen beneidete sie um ihn. Sein dunkles Haar umrahmte sein kantiges Gesicht. Die Augen blinkten wie blauer Stahl. Sein muskulöser Körper schritt kräftig und mit hartem Tritt aus.
Beth wurde schnell schwanger. Schneller als ihr lieb war. Sie kannten sich kaum ein Jahr lang. Angst packte sie. Wie sollte es nun weitergehen? Wenn das Kind geboren würde, hätte sie erst die Hälfte ihres Studiums absolviert. Sie wollte auf keinen Fall ihr Studium aufgeben. Sie wollte später arbeiten, in einem Beruf, der sie forderte und ihr Spaß machte. Sie wollte wirtschaftlich unabhängig sein. Passte das alles zusammen?
Sollte sie das Kind abtreiben? Was war, wenn ihr Körper daran Schaden nehmen würde? Sie war kein Sonderfall, und die meisten Ärzte taten diesen Job ungern. Sie würden es ihr einfach absaugen, und mitunter nahm die Gebärmutter bei diesem Eingriff dauerhaften Schaden. Sie mochte Kinder. Sie wollte später einmal unbedingt Kinder haben. Mindestens zwei. Oder mehr. Nur vier, so viele wie sie damals zu Hause gewesen waren, waren zu viel. Beinahe täglich hatte ihr Vater gestöhnt, dass vier Kinder eines zu viel seien. Beth war das vierte, das Jüngste gewesen.
Also zwei, oder vielleicht drei Kinder. Unbedingt. Ohne Kinder ist das Leben sinnlos!
Beth weinte. Sie hatte Angst und sie konnte sich nicht entscheiden. Aber nach vier Wochen Grübeln siegte ihre Liebe zu Kindern. Sie entschied sich, das Kind auszutragen. Irgendwie würde es schon gehen. Sie würde einen Krippenplatz bekommen. Als alleinstehende Studentin hatte sie vorrangigen Anspruch darauf. Sie konnte die meisten Prüfungen vorziehen, andere nachholen. Wenn das Kind krank würde, konnte ihre Mutter ihr helfen und es betreuen.
Mit diesem Entschluss wurde Beth jeden Tag glücklicher. Dieses Kind in ihrem Bauch gab ihrem Leben eine Wendung, ihrem Dasein einen tiefen Sinn.
Beth begann zu organisieren. Prüfungstermine verlegen, ein Zimmer mit Platz für das Baby, eine Tagesmutter, wenn sie nach der Entbindung wieder an den Vorlesungen teilnehmen würde.
Karl hatte inzwischen sein Studium beendet und war in seine Heimat zurückgekehrt. Dort war ihm als Absolvent ein Arbeitsplatz zuordnet worden. Beinahe einen ganzen Tag lang musste man mit dem Zug fahren und beim Umsteigen auf Bahnhöfen gelangweilt warten, um die Entfernung zwischen ihnen zurückzulegen. Karl konnte Beth bei allem nicht helfen.
Beth und Karl planten zu heiraten. Sie brauchten auch eine Wohnung für einander. Bei seinen Eltern konnten sie nicht leben. Da war zwar Platz, aber kein Raum für so ein eigenes junges Leben. Es war keine Frage, dass Beth ihm in den Norden folgen würde. Obwohl, hier am Ort der Universität hatte sie Aussichten auf einen erfolgreichen Berufsweg. Es war auch keine Frage, dass sie heiraten würden. Beth wollte es. Sie wollte mit dem Vater ihres Kindes leben und sie wollte das allen Leuten zeigen.
Erst Jahre später fragte sich Beth, ob denn Karl eigentlich auch hatte Vater werden und heiraten wollen. Oder hatte er aus Angst vor seinem Vater in alles eingewilligt, weil der Vater es nicht ertrug, wenn seine Söhne uneheliche Kinder in die Welt setzten?
Es war schwierig, für sie zu Dritt eine Wohnung zu finden. Durch das Kind waren sie zwar bevorteilt, aber die Warteliste war lang und die Wohnungen für junge Leute in schlechtem Zustand. Als sie endlich an der Reihe waren, gab es keine Auswahl. Die Wohnung war klein, kalt, eine der Außenwände war voller Schimmel. Aber es war ihr eigenes Reich und allemal besser, als bei seinen Eltern, vor allem mit Karls Vater, unter einem Dach leben zu müssen. So jedenfalls meinte Karl.
Als Karl die Wohnung endlich bezog, hatten Nachbarn den transportablen Ofen geklaut. Die waren Mangelware. Der Winter war hart, brachte langen und starken Frost und in der Küche gefror das Wasser am Boden.
Dennoch waren sie glücklich miteinander. Vor der Entbindung reiste Beth zu Karl. Die Wohnung war frisch tapeziert und gestrichen, ein neuer Ofen in Aussicht, das Waschbecken heil. Sie hatten Platz für das Baby und sie konnten jeden Tag zusammen sein.
Das Baby kündigte sich am Abend an Beths Geburtstag an. Ein bisschen vor der Zeit. Blasensprung. Die Geburt musste künstlich eingeleitet werden und: die Wehen waren hart. Beth erschrak an der Gewalt der Schmerzen. Aber alles verlief schnell und gut und noch in der Nacht hielt sie ein gesundes Mädchen im Arm.
Zehn lange Wochen waren Beth und Karl in ihrem neuen Heim einander nah, und mitten drin: ihr Baby. Es war von freundlichem, ausgeglichenen Wesen, schlief fiel und gedieh gut. Ein Sonntagskind halt. Es sollten die glücklichsten Wochen ihres gemeinsamen Lebens werden.
Als das Kleine zwei Monate alt war, kehrte Beth in ihr Studium zurück. Wenn sie Hilfe brauchte, konnte sie auf ihre Mutter zählen. Karl kam jedes zweite Wochenende zu Besuch. Häufiger konnte er nicht, der Weg war zu lang. Karl sah keine Probleme. Sollte Beth einmal ernsthaft krank werden, dann konnte doch ihre Mutter helfen. Die wohnte doch ganz in der Nähe.
Beth fand den Anschluss an die Vorlesungen. Tags war sie in der Universität, nachmittags holte sie die Kleine von der Tagesmutter ab, erledigte den Haushalt und war für das Kleine da. Nachts lernte sie.
Beth blieb keine Zeit für Geselligkeiten, gemeinsame Abende mit Freunden, tanzen gehen. Sie hatte dafür auch nicht die Kraft. Sie unterwarf sich streng ihrem selbstgewählten Tagesablauf. Und sie erreichte gute Abschlüsse. Ihr kleines Mädchen gedieh prächtig. Es habe das passende Gemüt für ein Studentenkind, meinte Beths Mutter. Bei aller Härte und Konzentration im Alltag war Beth glücklich. Sie bestimmte ihren Tagesablauf selbst. Wählte aus, welche Fächer sie in der Universität direkt hörte und welche sie im Selbststudium am Abend nachholte. Beth plante und entschied für zwei Leben. Unbemerkt für sich selbst veränderte sie sich.
Heute ist Sonntag. Das ist ein schöner Tag. Mutter und Vater haben gute Laune, weil sie ausschlafen dürfen. Die Kinder dürfen morgens, wenn sie aufgewacht sind, zu den Eltern ins Bett kommen.
Als Elli heute Morgen wach wird, fehlen schon einige Geschwister in ihren Betten. Sie schaut zu den Eltern ins Schlafzimmer. Da tummeln sich schon die beiden älteren Schwestern. Elli wird mit einem fröhlich „Hallo“ begrüßt. Vaters Bett ist schon belegt, die Ältere ihrer Schwestern kuschelt an ihm. So kriecht Elli zu der Mutter ins Bett. Mutter und Ellis mittlere Schwester gackern gerade und kichern. Die Schwester erzählt gerade eine Geschichte. Das kann sie gut. Dauernd fallen ihr so lustige Sachen ein. Allerdings nehmen die Beiden kaum Notiz von Elli oder, anders ausgedrückt, Elli stört ihre Zweisamkeit. So liegt sie in der Mitte des großen Doppelbettes, neben ihr tummelt es sich, und sie fühlt sich allein.
So vergeht ein morgendliches Stündchen, bis der Frühstück-Hunger ruft. Das Schlafzimmer leert sich. Endlich ist der Platz an Vaters Seite frei. Elli schmiegt sich ganz dicht an ihn. Mit ihm mag sie gerne kuscheln, Mutters Körper dagegen spürt sie nicht gerne. Als Vater und Elli allein im Zimmer zurückbleiben, zieht Vater Elli ganz dicht an seinen Bauch und schiebt sie unter das Bettdeck. Dort ist es dunkel. Er hält sie ganz fest, schiebt ihr seinen Daumen zwischen die Beine und beginnt zu reiben. Einmal, als Elli im Keller Strafe sitzen musste und er das gleiche an ihr tat, hatte Elli ihn gefragt, was er da mache. Da hatte er geantwortet, er reibe sie mit seinem Daumen zwischen den Beinen, damit sie aufhöre zu weinen. Sie mag es eigentlich nicht, wenn Vater dieses Reiben mit ihr machte. Sie spürt aber, dass Vater seinen Spaß daran hat und inzwischen hatte auch sie ihren Teil daran entdeckt. Außerdem tut sie für ihn. Sie hat ihn halt lieb, und so tut sie ihm den Gefallen. Endlich ist der Vater zufrieden und Elli taucht unter der Bettdecke wieder auf. Der Vater küsst und streichelt sie. Flüstert ihr ins Ohr: „Du bist halt meine Beste.“ Ja, Elli weiß, dass Vater sie von seinen drei Töchtern am liebsten hat. Das macht sie stolz.
