Aufgeräumt wird später - Manfred Suttinger - E-Book

Aufgeräumt wird später E-Book

Manfred Suttinger

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Beschreibung

Es gibt sie tatsächlich: Menschen, die Ordnung halten können. Man erkennt sie an alphabetisch sortierten Gewürzregalen und penibel gefalteten Geschirrtüchern. Der Rest der Menschheit kämpft tapfer dagegen an – mit wechselndem Erfolg. Denn das Leben hat Wichtigeres zu bieten als Schubladensysteme. In seinem neuen Buch feiert Manfred Suttinger, Meister der kleinen Textform, das gepflegte Durcheinander als Lebenskunst. Warum sich mit Aufräumratgebern und Minimalismusmissionaren herumärgern, wenn ein sympathisches Chaos doch so viel authentischer ist? In bissig-humorvollen Kurzgeschichten zeigt er, dass Unordnung kein Makel, sondern eine Haltung sein kann – eine charmante Form des Widerstands gegen Perfektionswahn und To-do-Listen. Denn wer das Leben genießen will, sollte lernen, gelassen über den Staub zu lächeln. Aufräumen? Klar. Morgen vielleicht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2025

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AUFGERÄUMT WIRD SPÄTER

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-95894-361-2 (Print)

© Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2025

Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]

www.omnino-verlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Manfred Suttinger

AUFGERÄUMT WIRD SPÄTER

Inhalt

Einleitung

Wo ist der Hammer?

Fotos finden

Passwörter

Die erste Wohnung

Aufräumen im Lebensmittelregal

Es muss an den Genen liegen

Einkaufen

Schallplatten

Chaos und Antichaos

Zwei neue Sonnenliegen

Nachlass

Kinder und Ordnung

Steuererklärungen

Aufräumen mit Querelen

Zu viel WhatsApp

Kleidung ausmisten

Aufräumen im Garten

Wenn Mann nicht mehr zur Arbeit geht

Inventur

Kofferpacken

Aufräumen im Kopf

Umzug

Über den Autor

Über das Buch

Einleitung

Der Büchermarkt ist voller Ratgeber. Keine Situation und keine Lebenslage, für die es nicht mindestens ein Buch gibt, aus dem wir lernen können, wie sich unsere Probleme lösen lassen.

Mit der kompetenten Anleitung kann es uns gelingen, durch bewusstes Atmen das Abitur nachzuholen oder mit Kräutertee zur Erleuchtung zu kommen. Wir können erfahren, wie wir zu glücklichen Eltern werden, ohne jemals Kinder gehabt zu haben. Und man erklärt uns, wie wir als Paar zusammenbleiben – trotz Trennkost. Sogar für Menschen, bei denen das Leben völlig rundläuft, gibt es noch einen Ratgeber: „Kleine Probleme selbst gemacht“.

Das wenigste davon ist wissenschaftlich erwiesen, doch das meiste wird den Buchhändlern aus den Händen gerissen.

Natürlich gibt es auch Anleitungen zum Thema ‚Aufräumen‘. Viele davon sind geschrieben von Psychologen oder neuerdings auch von Menschen, die sich ‚Coach‘ nennen. Der Unterschied zwischen einem Coach und einem Psychologen ist wahrscheinlich der, dass ein Psychologe auf der Grundlage einer Ausbildung arbeitet und ein Coach auf der Grundlage einer Einbildung.

Dieses Buch übers Aufräumen, über Ordnung und Chaos wendet sich an Menschen, denen das ständige Aufräumen gegen den Strich geht. Der Grundgedanke: Man kann auch gut mit Unordnung leben, mehr noch: ihr sogar den einen oder anderen Vorteil abgewinnen. So mache ich es schon mein Leben lang, und ich habe mich damit arrangiert. Vielleicht ist der Alltag durch das häufige Suchen von Dingen ein wenig unbequemer. Aber dafür schreibt Unordnung ganz wunderbare Geschichten. Hier sind sie:

Wo ist der Hammer?

In unserem Haus habe ich eine kleine Werkstatt. Die Werkstatt war früher ein Wäschekeller und hat keine Heizung. Im Winter kann ich sie kaum nutzen. Nicht nur wegen der Kälte, sondern auch wegen der raumgreifenden Kübelpflanzen, die im Sommer auf der Terrasse stehen. Weil sie keinen Frost vertragen, und meine Werkstatt der einzige Ort im Haus ist, der ihrem winterlichen Bedürfnis nach niedrigen Temperaturen gerecht wird, verbringen sie die Zeit von November bis Mai dort und lassen keine andere Verwendung des Raumes zu. Erst im späten Frühjahr gehört die Werkstatt wieder mir.

Das wichtigste Stück in der Werkstatt ist meine Werkbank. Nicht so eine Werkbank, wie sie heute in Baumärkten angeboten wird, etwas schwach auf den Beinen und viel zu leicht. Meine Werkbank ist aus kräftiger Buche, die Platte mehr als 15 Zentimeter dick und jedes Bein so schwer und stabil wie ein Elefantenfuß.

Außerdem gibt es noch ein Wandregal mit Werkzeugen sowie ein kleines Apothekerregal mit kleinen und großen Schubkästen. Leisten, Latten und Platten stehen an der einzigen freien Wand. Der Raum ist nicht besonders groß und es müsste einfach sein, dort Ordnung zu halten. Aber das gelingt mir nicht immer.

Neulich habe ich einen Hammer gebraucht. Meist lege ich die verschiedenen Hämmer auf dem untersten Regalbrett ab. Beim letzten Gebrauch war es offenbar nicht so. Dort liegen jetzt nur der große Holzhammer, den ich für Arbeiten mit dem Stechbeitel brauche, der winzige Goldschmiedehammer und ein mehrere Kilo schwerer Vorschlaghammer für anspruchsvollere Arbeiten im Garten. Der normale Haushaltshammer, den ich gerade suche, ist anscheinend verschwunden.

Meine Blicke wandern systematisch über die Regalfächer. Hammer, Hammer, Hammer. Ohne Erfolg. Da entdecke ich das kleine Messgerät zur Feuchtigkeitsprüfung in Mauerwerk und Holz. Das nutze ich alle zwei Jahre für Stichproben, wenn neues Brennholz für unseren Kaminofen kommt. Bei der Anlieferung vor vier Wochen fand ich es nicht, doch nun kann ich die Stichprobe nachholen. Hinterm Gartenhaus ziehe ich einen Eichenscheit vom Stapel. Pech gehabt. Offensichtlich ist die Batterie leer. Zurück in der Werkstatt schaue ich in das kleine Batterie-Schubfach im Apothekerregal. Leider ist nicht die richtige dabei. Nur AA-Batterien. Ich brauche 3-fach A. Eigentlich müssten noch welche da sein. Aber wo? Im Schubfach nebenan sind die Holzbohrer aufbewahrt. Schön ordentlich, der Dicke nachsortiert, stecken sie in einer Plastikdose. Nur der große Zehner fehlt. Das ist nicht gut, denn den Zehner brauche ich am häufigsten. Kümmere ich mich später drum.

In einem anderen Fach liegen die Stechbeitel. Die wollte ich eigentlich längst mal schärfen, was ich seit Jahren vor mir hergeschoben habe. Jetzt nehme ich das Kistchen mit den Werkzeugen heraus und lege es mit dem Schleifstein auf die Werkbank. Eine Aufgabe für einen der kommenden Tage.

Im Fach daneben habe ich meine Stirnlampe, die mir schon manches Mal gute Dienste beim Arbeiten an dunklen Einsatzbereichen geleistet hat. Zum Beispiel beim Verschrauben von Anschlüssen unterm Spülbecken oder beim Suchen von Dingen unter Autositzen. Wenn mich nicht alles täuscht, arbeitet die Stirnlampe mit Dreifach-A-Batterien. Dort werde ich mir eine ausleihen. Batteriefach der Lampe aufgeschraubt, Batterie herausgenommen und in den Feuchtigkeitsmesser eingesetzt. Dann geht’s wieder in den Garten. Jetzt funktioniert das Gerät und ich sehe: Auch bei der letzten Holzlieferung wurde gute Qualität geliefert. Das freut mich, denn immer wieder lese ich von Umweltbelastungen durch zu feuchte oder zu trockene Holzstücke im Kaminofen.

Zurück im Keller. Gerade setzte ich die Leihbatterie in die Stirnlampe zurück, da höre ich meine Frau rufen.

„Wo bleibt der Hammer?“.

„Gleich!“, rufe ich zurück.

Ich versuche mich daran zu erinnern, wann und wo ich ihn das letzte Mal gebraucht habe. Aber mir fällt nichts ein. Den Hammer brauche ich selten, denn er ist eigentlich nur sinnvoll beim Einschlagen von Nägeln. Vor Jahrzehnten habe ich mal eine Lehre als Tischler begonnen und dort die Vorzüge von Schrauben kennengelernt. Wann immer es geht, benutze ich Schrauben. Schrauben sind die besseren Nägel. Nur beim Bilderaufhängen verwende ich noch Nägel. Zähneknirschend. Da wir vor Kurzem unser Schlafzimmer neu gestrichen und etwas umgeräumt haben, müssen auch die Bilder umgehängt werden. Bilder und Nägel sind schon vor Ort, nur der Hammer fehlt. Ich mache mich noch einmal auf den Weg in den Garten. Könnte sein, dass er im Geräteschuppen liegt. Der Holzschuppen ist tatsächlich voller Geräte, aber ohne Hammer. Da macht mich das Brummen von Insekten auf ein Wespennest in der Ecke aufmerksam. Es ist bislang nicht sehr groß, aber die ersten geschlüpften Arbeiterinnen fliegen schon emsig durch eine kleine Ritze in der Wand aus und ein und werden ihr Eigenheim in den nächsten Wochen dramatisch vergrößern. Ich werde mich in den nächsten Tagen darum kümmern. Nun ist erst mal der Hammer dran.

Als ich ins Haus zurückkehre, ruft meine Frau. Dieses Mal schwingt etwas Ungeduld mit.

„Wo bleibst du denn nun mit dem Hammer?“

„Hab ihn gleich!“, rufe ich und setze mich damit selbst unter Druck. Noch einmal überfliege ich all die Dinge, die im Regal abgelegt sind. Kann doch eigentlich nicht sein, dass der Hammer verschwunden ist, Menschenskind!

Das Telefon klingelt.

„Gehst du ran?“, ruft meine Frau durch zwei Etagen. Sie kann laut rufen.

Wieder hoch. Ein Werbeanruf. Jemand will mit mir sprechen und fragt, ob ich ich sei. Als ich das bestätige, fällt die Dame gleich mit der Tür ins Haus. Ob ich schon einmal über einen Immobilienverkauf nachgedacht habe.

„Wenn dabei ein Hammer für mich herausspringt“, sage ich. Die Bemerkung versteht sie natürlich nicht.

„Ein Hammer? Was? Ein Hammergrundstück?“

„Ich suche derzeit meinen Hammer. Ich brauche ihn im Schlafzimmer“, erkläre ich. Die Dame legt auf.

„Wer war das?“, ruft meine Frau.

„Frau Hammer“, rufe ich zurück.

„Hast du den Hammer?“, fragt sie.

„Nein. Noch nicht. Aber gleich!“

Für die Schubladen des Apothekerschrankes ist er eigentlich zu lang. Trotzdem ziehe ich jetzt jede einzelne auf. Schmirgelpapier, Bohrer, Gewindeschrauben, Elektrozubehör, Schraubenschlüssel – mit schräg hineingelegtem Hammer. Also doch. Sofort weiß ich auch wieder, wie das passiert war. Ich hatte eine Mutter am Fahrrad meiner Frau trotz des richtigen Schraubenschlüssels nicht lockern können. Ein paar vorsichtige Schläge mit dem Hammer, schon gings.

„Hab den Hammer!“, rufe ich auf der Treppe.

„Nein, wirklich!“, ruft meine Frau.

Im Obergeschoss schlage ich den ersten Nagel ein. Ziegelsteinwände. Hart wie Beton. Ich schlage mit voller Kraft.

„Viel zu hoch“, sagt meine Frau, als der Nagel endlich drin ist.

„Findest du?“ Ich halte das Bild, das für diesen Platz vorgesehen ist, in die vom Nagel vorgegebene Position. Sie hat recht. Der Nagel ist zu hoch. Beim Weg in den Keller frage ich mich, wie ich auf den Werbeanruf eines Treppenlift-Verkäufers reagiert hätte. Seit der Idee mit den umgehängten Bildern bin ich heute schon mindestens zehnmal hoch- und runtergerannt.

Die Zangen liegen alle beieinander. Wieder rauf, Nagel gepackt, rausgehebelt. Zusammen mit einem Brocken Putz.

„Hoppla“, sage ich.

„Das kann aber nicht so bleiben“, meint meine Frau. „Wenn das Bild tiefer hängt, ist das Loch zu sehen.“

„Mache ich später“, sage ich ganz spontan.

„Mach’s lieber gleich“, sagt meine Frau, „später vergisst du es vielleicht.“

„Dann hol mir doch bitte mal die Spachtelmasse, einen Spachtel und ein Gefäß mit etwas Wasser“, bitte ich meine Frau. Sie macht sich auf den Weg.

„Wo ist die Spachtelmasse?“, ruft sie von unten.

„Gelber Karton!“, rufe ich und hoffe, dass diese Information reicht.

Reicht nicht. Statt des Spachtelpulvers bringt sie mir einen gelben Karton mit Quellbeton.

„Wenn ich da Quellbeton reinfülle …“, will ich erklären.

„Jaja“, sagt sie, „du sagtest ,Gelb‘.“

„Jaja“, sage ich nun.

Spachtelmasse muss also neu eingekauft werden. Zusammen mit Dreifach-A-Batterien.

Etwas später hängt das Bild an der Wand. Richtige Höhe, waagerecht und mit einem Loch drüber.

Als ich Nagelkistchen, Hammer, Spachtel und Gefäß zum Anrühren einsammle, meint meine Frau:

„Du könntest die Werkstatt vielleicht gleich mal wieder ein bisschen …“ Das hässliche Wort verkneift sie sich.

„Überleg doch mal, was ich in der letzten halben Stunde alles geschafft habe“, entgegne ich.

„Ich habe die Restfeuchte der Holzlieferung überprüft, ich habe festgestellt, dass wir neue Batterien brauchen, ich habe die Stechbeitel zum Schärfen zurechtgelegt, ein gefährliches Wespennest im Gartenhaus aufgespürt, einen Werbeanruf im Keim erstickt, das Fehlen von Spachtelmasse detektiert und…“.

Meine Frau nutzt die Pause: „… und ein riesiges Loch in die Wand gebrochen!“.

„Das ist ungerecht“, sage ich. „Hätte ich einfach nur den richtig abgelegten Hammer gegriffen, wären all die anderen Dinge liegengeblieben. Ich finde, das könnte zumindest mal lobend erwähnt werden!“

Fotos finden

Georg, unser Ältester, wurde dreißig. Ich hatte eine kleine Ansprache geschrieben und wollte ein Foto auf die Titelseite kleben, an das ich mich erinnerte. Als unsere Kinder Kinder waren, haben wir noch viel fotografiert. So, wie es schon meine Eltern jahrzehntelang getan hatten. Die ältesten Kinderbilder von mir sind genauso alt wie ich.

Nach jedem Urlaub hatten wir damals die belichteten Filme zur kleinen Drogerie im Wohnviertel gebracht und Abzüge bestellt. Nach einer Woche konnte man die entwickelten Fotos abholen. Voller Spannung versammelte sich die Familie am Wohnzimmertisch, um die Bilder anzuschauen. Kleine Abzüge, mal mit und mal ohne weißen Rand, in den ersten Jahren noch in Schwarzweiß, später in Farbe, mal „glänzend“ und mal in „Seidenmatt“, weil es gerade in Mode gekommen war. Mutter hatte eine Agfa-Kamera und war die Fotografin in unserer Familie. Meist reichte für unseren vierwöchigen Familienurlaub ein einziger Film mit sechsunddreißig Bildern. Zwischen den Urlauben „knipste“ Mutter auch Motive im Garten, von uns Kindern beim Rodeln, Ostereiersuchen, Drachensteigenlassen und Schneemannbauen. Unser Leben war für damalige Verhältnisse recht gut dokumentiert worden. Später arrangierte Mutter die belichteten Erinnerungen mit Fotoecken in Alben und untertitelte sie mit wenigen Worten. So waren über die Jahre einige dicke Bücher entstanden, die wir immer wieder aus dem Schrank zogen und durchblätterten.

Meine Frau und ich haben es nach unserer Familiengründung ähnlich gemacht. Doch, anders als noch die Generation zuvor, haben wir es nie geschafft, die Motive in irgendeiner Weise zu ordnen, geschweige denn, in ein Album zu kleben. Ebenfalls neu war die Gewohnheit, nahezu ungehemmt auf den Auslöser zu drücken, und manchmal produzierten wir in drei Urlaubswochen mehr Bilder als die Mutter in einem ganzen Jahr.

Seit ich mit meiner Frau zusammen bin, bin ich der Fotograf und als solcher auch für die Aufbewahrung der Abzüge zuständig. Vielleicht war genau das der Grund für die inzwischen beängstigende Menge unsortierter Bilder, abgelegt in vielen farbigen Kistchen.

Nun war ich auf der Suche nach diesem besonderen Bild, das meine Frau einmal vor einer Straßenkurve in den Alpen aufgenommen hatte. Unser Sohn, der nun bald dreißig wurde, damals aber noch drei- oder vierjährig war, saß auf meinen Schultern. Im Hintergrund sah man Berge, und in Höhe seines Kopfes war ein Verkehrszeichen mit Zahl zu sehen, das die Fahrzeuge ermahnte, wegen der folgenden engen Kurve nicht schneller als dreißig zu fahren. Dieses Motiv also hatte ich seit Tagen im Kopf – hatte es doch eine nahezu prophetische Aussagekraft. Die Frage war jetzt nur, wo es war.

Anfangs hatte ich die entwickelten Farbbilder noch in ihren Hüllen gelassen, in denen man sie vom Entwicklungsdienst zurückbekam. In der kleinen Vortasche steckten die Streifen mit den Negativen, im größeren Fach die Abzüge. Zunächst hatte ich immer die gesamten Hüllen aufbewahrt und abgelegt. Hätte ich das konsequent weitergeführt, wären auch heute noch einzelne Fotoserien mit wenigen Handgriffen zu finden. Doch irgendwann hatte ich damit begonnen, die Fotos ohne ihre Hüllen, anscheinend aber auch ohne jede alternative Ordnungsidee, abzulegen. Meine Suche nach unserem Sohn und dem Verkehrszeichen in den Alpen begann also in einer beängstigend großen Menge tausender Einzelaufnahmen, die in acht oder neun farbigen Kartons abgelegt waren und in denen sich alle Zusammenhänge zwischen Orten, Zeiten und Motiven aufgelöst hatten. In der Summe glich das einer biografischen Ausgrabungsstätte, für deren Erschließung mir jetzt erfahrene Archäologen fehlten.

Da ich alle Fotos mehr oder weniger einzeln in die Hand nehmen musste, konnte ich bei dieser Gelegenheit eigentlich gleich eine nachhaltige Ordnung schaffen und all die Bilder so sinnvoll wie möglich sortieren. Also gut. Meine Frau war übers Wochenende mit ihrem Chor nach Hamburg gefahren, und so ließ sich der gesamte Wohnzimmerfußboden als großräumige Arbeitsfläche nutzen.

Ich holte ein paar leere Schuhkartons aus dem Keller und beschriftete sie mit den Schlagwörtern. „Kinder“, „Familie“, „Privatreisen“, „Dienstreisen“, „Blumen und Tiere“, „Landschaften“ und „Menschen“. Einer dumpfen Vorahnung folgend bekam eine weitere Kiste noch die Aufschrift „Sonstiges“.

Nach den ersten Ordnungsversuchen stellte ich fest, dass meine Etikettierung verbesserungsbedürftig war. „Kinder“ und „Familie“ waren nicht immer sinnvoll zu trennen, und viele Bilder von Freunden, Verwandten und meiner Frau, also von „Menschen“, hätten ebenso gut in „Privatreisen“ abgelegt werden können. Entweder ich musste die Sortierung weiter verfeinern und noch viel mehr Kartons aufstellen oder aber die Kategorien auf zwei oder drei Schlagwörter herunterbrechen. Da es auch Fotos gab, die mir nichts sagten, und Motive, die ich mehrfach hintereinander aufgenommen hatte, kam noch ein Papierkorb dazu. Großzügiges Wegwerfen war vielleicht die beste Form einer sinnvollen Vorsortierung.

Danach konnte ich die Bilder immer noch thematisch ordnen.

Ich schüttete die Schuhkartons wieder aus und begann von vorn. Nachdem ich die ersten Motive in den Papierkorb geworfen hatte, kamen mir Bedenken: Was, wenn jemand aus der Familie in Zukunft mal ein Bild suchte, so wie ich es jetzt tat? Was, wenn es dann einfach nicht mehr da war? Was, wenn ich in einem Zustand fortgeschrittener Demenz nur noch Freude an Zurückliegendem empfand und plötzlich wesentliche Anknüpfungspunkte an mein früheres Leben fehlten?

Unsinn, hätte meine Frau gesagt. Also setzte ich die Aussortierungen fort. Zurück behielt ich jetzt nur noch Bilder, die entweder mit unserer Familie zu tun hatten, mich an besondere Momente erinnerten oder mir einfach besonders gut gefielen.

Der Vorgang dauerte fast zwei Tage lang. Als der Stapel der noch unsortierten Bilder immer kleiner wurde, schwand meine Hoffnung, das alpine Bild mit meinem kleinen Sohn auf den Schultern noch zu finden. Es wäre ein Zufall, wenn es jetzt ausgerechnet unter den letzten ungeprüften Aufnahmen steckte. Tatsächlich blieb es verschwunden. Es war Abend. Feierabend. Ich goss mir einen Wein ein und brachte den Papierkorb nach draußen zu den Mülltonnen. Adieu, ihr vielen Landschaften und Blüten, ihr Berge, Steine, Bäume, Markthallen, Kathedralen und Menschen. Beim Ausschütten des Papierkorbes geschah etwas Merkwürdiges. Eines der vielen Fotos landete nicht im Rachen des Containers, sondern mit der Bildseite nach unten neben meinen Füßen. Ich hob es auf und drehte es um. Es war ein Nacktfoto, das ich von Carmen gemacht hatte, meiner ersten Freundin. In den letzten zwei Stunden hatte ich ein paar Dutzend Portraits und Nacktbilder von ihr aussortiert. Schon einmal, kurz vor meiner Hochzeit, hatte ich darüber nachgedacht, diese Momentaufnahmen verschwinden zu lassen. Ich fürchtete, meine zukünftige Frau könnte sie irgendwann einmal entdecken und mich dann fragen, was der Grund der Aufbewahrung sei. Dann war ich aber doch das Risiko eingegangen, denn die Fotos von Carmen waren ganz objektiv sehr gelungen, und ich war auch ein wenig stolz darauf, eine so hübsche erste Freundin gehabt zu haben. Auf diesem einen Bild, das nicht in die Tonne gefallen war, lag Carmen auf einem roten Handtuch und schlief. Weil sie dabei unglaublich süß aussah, hatte das Foto auch heute noch eine belebende Wirkung auf mich. Wir waren in Spanien und hatten einen kleinen Strand entdeckt, an dem wir allein waren. Damals hatte ich das Foto heimlich aufgenommen, jetzt wollte ich es heimlich entsorgen. Der Kreis schloss sich. In der Zeit dazwischen hatte ich immer wieder mal von gemeinsamen Freunden erfahren, was Carmen machte und mit wem sie wo zusammenlebte. Das letzte Mal sah ich sie vor vielen Jahren zufällig eine Treppe in einem Museum herunterkommen und machte mich schnell aus dem Staub. Mein Interesse an ihr war vollständig versiegt und ein Wiedersehen schien mir in jeder Hinsicht unbequem. Carmen hatte nie heiraten und Kinder bekommen wollen, sie fand feste Arbeitsbeziehungen langweilig und bevorzugte häufige Job- und auch Partnerwechsel. Unsere zwei Leben hatten sich in völlig verschiedene Richtungen entwickelt, und ich war nicht in der Stimmung, ihr meine Entwicklung erklären zu wollen.

„Wer ist diese junge Schönheit?“, fragte meine Frau, die ich nicht hatte kommen hören. Sie war gerade von ihrer Chorreise zurückgekommen, hatte mich versonnen an den Mülltonnen stehen sehen und war hinter mich getreten.

„Das ist Carmen“, sagte ich so sachlich wie möglich.

„Och. Und jetzt wolltest du dich von ihr trennen?“.

Meine Frau ist Sternzeichen Skorpion. Sie hat einen Giftstachel, der besonders kampfbereit ist, wenn andere Frauen in meiner Nähe auftauchen.

„Ich habe Fotos sortiert“, sagte ich bemüht beiläufig. „Mehrere Tausend liegen hier bestimmt schon drin“.

„Mehrere Tausend – und Eins!“, sagte meine Frau, wobei sie mir die nackte Carmen aus der Hand nahm und mit einem zuckersüßen Lächeln zu den anderen Bildern in die Tonne warf.

„Gut, dass du dich mal an die vielen, vielen Fotos gemacht hast“, meinte sie etwas später. Vielleicht wollte sie mir damit sagen, dass sie die Sache mit Carmens Nacktbild nicht wirklich irritiert hatte. Aus Erzählungen wusste sie zwar von ihr, die vielen Bilder kannte sie jedoch nicht.

Wir saßen bei etwas Wein zusammen, als sie doch noch wissen wollte, ob es einen Anlass für meine ungewöhnliche Aufräumaktion gab.

„Ich möchte ein bestimmtes Foto vorn auf meine Geburtstagsansprache für Georg kleben. „Das Foto aus den Alpen“, sagte ich. „Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnern kannst. Georg saß auf meinen Schultern neben diesem Verkehrszeichen mit der Dreißig“

„Natürlich“, sagte meine Frau. „Hättest du mich nur gefragt. Ich habe es damals an mich genommen, weil ich nicht riskieren wollte, dass es in deinem Horror-Archiv verschwindet.“

Ich atmete einmal tief ein und aus. Mit dieser Information hätte ich mir viele Arbeitsstunden erspart. Mein Trost: Ich habe viele Geschichten aus meinem Unterbewusstsein für kurze Zeit zurückgeholt. Schöne und ungewöhnliche Augenblicke, faszinierende Eindrücke und skurrile Situationen. Erinnerungen an mehrere Lebensjahrzehnte, an Reiseziele und auch an Menschen, die es nicht mehr gab oder die ich aus den Augen verloren hatte. Viele Motive waren auf meinen beruflichen Filmreisen entstanden. Bei Dreharbeiten auf Vulkanen, in Wüsten, Gebirgen, Regenwäldern und auf Ozeanen. Ein Kaleidoskop längst vergangener Lebensmomente. Nun aber gab es nur noch die Hälfte all dieser Augenblicke. Es sind immer noch viele. Das muss für den Rest meines Lebens reichen.

Passwörter

Ohne Passwörter ist eine gesellschaftliche Teilhabe heute kaum noch möglich. Die Entwicklung ist nicht schön, aber auch nicht zurückzudrehen. Passwörter sind meine Antagonisten. Ich befinde mich mit ihnen im Zustand einer labilen Feuerpause und muss auf der Hut bleiben. Erschwerend kommt in meinem Fall hinzu, dass ich in den letzten Jahren auch noch vergesslicher geworden bin.

„Typ zerstreuter Professor“, sagt meine Frau.

„Ob es vielleicht schon eine Art Demenz sein kann?“, frage ich.

„Mit Sicherheit nicht“, sagt meine Frau. Sie ist Ärztin und hat schon viele demente Patienten gesehen.

„Du bist schon so gewesen, als ich dich kennenlernte. Da warst du dreißig“, meint sie.

Das Problem mit den Passwörtern ist, dass ich eigentlich schon seit Jahren keine gute Idee habe, wie ich sie mir dauerhaft merken kann. Selbst wenn es mir gelänge, vielleicht dreißig verschiedene Passwörter bei jeder Abfrage richtig zu rekonstruieren, ist das Problem damit nicht gelöst. Immer mehr Portale haben sich angewöhnt, uns Benutzer in immer kürzer werdenden Abständen aufzufordern, die alten Passwörter durch neue zu ersetzen, an die sie mancherlei Bedingungen knüpfen. Sie dürfen nicht schon einmal verwendet worden sein, und wenn doch, müssen sie sich durch mindestens fünf Elemente von den schon einmal benutzten unterscheiden, sie müssen mindestens zehn oder dürfen höchstens zwanzig Stellen haben und müssen neben Zahlen, Groß- und Kleinbuchstaben auch Sonderzeichen enthalten.

Einige Anbieter möchten mir dabei unter die Arme greifen und schlagen generierte Passwörter vor. Das sind keine Wörter oder Begriffe, die sich ein normaler Mensch merken kann. Es sind wahllos aneinandergereihte Zahlen, Buchstaben und Zeichen, die, so sieht es jedenfalls aus, ein Analphabet in der Sicherheitszentrale im Zustand unbehandelter Aufputschmittelabhängigkeit in die Tastatur gehackt hat.

Unsere Kinder haben schon mehrfach versucht, uns zu erklären, dass man sämtliche Passwörter irgendwo ablegen und von einer Software verwalten lassen kann.

„Man muss sich dann gar nichts mehr merken!“, sagen sie begeistert und geben mir zu verstehen, dass das gerade in meinem Fall besonders vorteilhaft sei.

Bei solchen Angeboten werde ich prinzipiell misstrauisch. Ich lege auch keine Fotos in der „Cloud“ ab. Das ist mir zu abstrakt und ich bezweifle, dass ich die Bilder dort wirklich so wiederbekomme, wie ich sie abgegeben habe. Und was, wenn der ganze Krempel durch digitale Unholde bei einem Cyberangriff gelöscht wird? Alles futsch.

„So etwas kann nicht passieren!“, rufen die Kinder.

Wahrscheinlich glauben sie das tatsächlich. Nein, ich behalte die Kontrolle über meine Daten lieber allein.

Eine Art Logbuch für Passwörter könnte helfen. Dort könnte ich eintragen, bei welchem Anbieter ich zu welchem Zeitpunkt welches Passwort hinterlegt und wann ich es erneuert habe. Weil ich aber meine Passwörter oft auch brauche, wenn ich mit dem Handy unterwegs bin, müsste ich dieses Logbuch dauerhaft bei mir tragen. Dabei bestünde die Gefahr, dass mir alles zusammen von analogen Halunken im U-Bahn-Gedränge abgenommen würde. Das wäre fatal, und darum habe ich so ein Logbuch als Merkhilfe nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

In der Zeit, in der es nur wenige Passwörter gab – eines fürs Handy, eines für den Geldautomaten und vielleicht noch eines fürs digitale Postfach –, war alles kein Problem. An drei Passwörter konnte ich mich mühelos erinnern. Heute sitze ich manchmal minutenlang am Bildschirm, allein, um mir ein neues Passwort einfallen zu lassen, das den immer strengeren Sicherheitsanforderungen des Anbieters entspricht. Es heißt ja, dass man weder die eigenen biografischen Daten noch die Namen seiner Familienmitglieder noch überhaupt etwas Naheliegendes verwenden soll. Aber wie könnte ich mir unter diesen Umständen merken, dass ich beim Kontozugang etwa das Passwort „Fleischwurst97?“ hinterlegt habe? Es enthält weder mein Geburtsdatum noch die Namen von Frau und Kindern und hat auch nicht das Mindeste mit Geldverkehr zu tun. Unter Sicherheitsaspekten wäre es vielleicht gerade darum genial. Mir aber gefällt es nicht. Und Gott bewahre, dass ich in meiner Bankfiliale aus irgendwelchen Gründen einmal danach gefragt werden würde.

Ich gebe zu: Ich schreibe meine Passwörter auf. Zur Sicherheit. Denn gerade, wenn ich die Zugänge nicht regelmäßig nutze, vergesse ich sie schnell. Anders geht es nicht. Für jeden Zugang verwende ich ein neues Karteikärtchen. Dafür hatte ich extra mal eine Hunderterpackung roter DIN-A7-Karten angeschafft. Leider ist es schon vorgekommen, dass ich sie aufgrund fehlender Ordnung im heimischen Ablagesystem nicht mehr finden konnte. Der Empfehlung entsprechend liegen sie natürlich nicht irgendwo offen herum – und erst recht nicht in der Nähe der Bank- und Versicherungsunterlagen. Die einzelnen Karteikarten mit meinen Merkhilfen habe ich an Orten abgelegt, wo man sie nicht vermutet. In Büchern, unter dem Teppich, und in vielen weiteren Verstecken. Schlecht für jeden Dieb, aber auch schlecht für mich. Besonders dann, wenn es schnell gehen muss, passiert es immer wieder, dass ich das entsprechende Kärtchen partout nicht finde, gerade WEIL der Ablageort so gut gewählt war. Das ist ziemlich deprimierend. Erst kann ich das Wort nicht in meinem Kopf finden, dann finde ich es auch nicht auf dem Kärtchen, das eigentlich genau für diesen Fall vorgesehen war.

„Aber Papa“, sagen die Kinder, die es natürlich ganz anders machen, „dann geh doch einfach auf „Passwort vergessen“ und schon bekommst du die Aufforderung, dir ein neues auszudenken“.