Aufrecht im Gegenwind -  - E-Book

Aufrecht im Gegenwind E-Book

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Beschreibung

Es gibt sehr unterschiedliche Darstellungen über die Ereignisse vom Herbst 1989. Einen von heutigen Interpretationen recht unabhängigen Zugang zu dieser turbulenten Zeit bietet die Befragung von Menschen, die damals Schulkinder oder Jugendliche waren. Für die 1989 politisch aktiven Eltern war schon der Druck der DDR-Obrigkeit auf die Kinder ein wesentliches Motiv, auf die Straße zu gehen. Gleichzeitig führten die Aktivitäten der Eltern zu einem beträchtlichen Risiko für ihre Kinder. Das vorliegende Buch eröffnet die Möglichkeit, den Kindern der 89er-Bewegung zuzuhören. Wie sind sie mit dem politischen Druck in der Schule umgegangen, haben sie verstanden, weshalb ihre Eltern sich dem politischen Anpassungsdruck entzogen und im Herbst 89 in die Öffentlichkeit gingen? Wie erlebten sie als Kinder den Umbruch, die Treffen der Bürgerrechtler in ihren Wohnungen, die Vorbereitungen von Demonstrationen? Was haben sie von den Aktivitäten der Stasi mitbekommen? Die 25 sehr individuellen Portraits eröffnen eine überraschend neue Perspektive auf die Wendezeit von 1989 und ihre Vorgeschichte.

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Seitenzahl: 483

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Herausgegeben von Sebastian Pflugbeil

Aufrecht im Gegenwind

Kinder von 89ern erinnern sich

Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Band 9

Der Sächsische Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Herausgegeben von Sebastian Pflugbeil

Aufrecht im Gegenwind

Kinder von 89ern erinnern sich

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

3. Auflage 2013

© 2010 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar.

Gesamtgestaltung: behnelux gestaltung, Halle (Saale)

Umschlagbild: Franziska vor der Gethsemanekirche, November 89 (Archiv Pflugbeil)

ISBN 978-3-37406-574-5

www.eva-leipzig.de

Inhalt

Vorwort (Michael Beleites)

Liebe Kinder (Sebastian Pflugbeil)

Alexander

Anke

Anne K.

Anne P.

Arne

Caroline

Catherine

Elisabeth

Felix

Folke

Franziska

Frauke

Hagen

Halina

Juliane

Katharina K.

Katharina P.

Marc

Maria

Rusanna

Stephan

Steven

Therese

Urte

Vera

»Was haben sie mit uns gemacht - oder - Was haben wir mit euch gemacht?« Einladung zur Erinnerung

Wer sind die Eltern?

Blackstein, Irmhild und Hans

Ermisch, Christine

Franck, Birgit und Gunter

Führer, Monika und Christian

Gaber, Klaus

Hubert, Dieter

Hubert, Maria-Luise

Klähn, Martin

Kratochwil, Ernst-Frieder

Krone, Tina

Kupke, Christine und Wolfgang

Lietz, Erika

Lietz, Heiko

Pflugbeil, Christine und Sebastian

Radam, Hans-Jürgen

Schulz, Susanne und Hans Ulrich

Sello, Hella

Sello, Tom

Thiel, Susanne und Günter

Vorwort

»Meine Eltern […] haben uns immer ganz klar gesagt, dass es sein kann, dass sie eines Tages nicht nach Hause kommen, weil sie verhaftet worden wären.« Mit diesen Worten führt uns Katharina Pflugbeil vor Augen, dass es noch eine andere, bisher kaum beachtete Erlebnisperspektive auf die Wendezeit gibt. Viel ist über die Wegbereiter der 1989er-Revolution geschrieben worden – doch wie haben deren Kinder ihre Situation erlebt? Die Angst vor einer gewaltsamen Niederschlagung der Demokratiebewegung durch das alte System schwand damals nur ganz allmählich. Viele haben erst die Besetzung der Ost-Berliner Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990 als den Punkt angesehen, an dem es für den SED-Staat kein Zurück mehr gab. Als die Stasi entmachtet war, verflog auch die – für viele schon seit Jahren bestehende – Furcht davor, irgendwann »abgeholt« zu werden.

Zu jenem 15. Januar ist mir eine Begebenheit besonders in Erinnerung geblieben. Sebastian Pflugbeil hatte mich als Berater des Neuen Forums zu den Verhandlungen über die Stasi-Auflösung am Runden Tisch hinzugezogen. Nachmittags unterstützte ich die Versuche der regionalen Bürgerkomitees, eine öffentliche Kontrolle und Aktensicherung im Stasi-Gelände zu vereinbaren. Schließlich wurde die Stasi-Zentrale von Demonstranten gestürmt. Es sind aber nicht die Verhandlungen am Runden Tisch oder die Diskussionen in der Stasi-Zentrale, die ich heute noch genau beschreiben könnte. Woran ich mich aber sehr lebendig erinnern kann, das war damals nur eine Kleinigkeit am Rande. Als ich am frühen Abend bei meinen Berliner Gastgebern eintraf, wurde ich Zeuge einer fast skurrilen Situation: Zunächst waren nur die Kinder da und die fragten mich, wann ihr Vater, Sebastian Pflugbeil, nach Hause käme. Das wusste ich nicht. Darauf hin schalteten sie den Fernseher ein, um nachzusehen, ob er noch am Runden Tisch saß. Im Zweiten Programm des DDR-Fernsehens wurden damals die Beratungen des Zentralen Runden Tisches live übertragen. Die Kinder schauten im Fernsehen nach, ob ihr Vater noch beschäftigt war – und konnten sich dann ausrechnen, wann er nach Hause kommt. Ein nahezu unwirkliches Geschehen. Doch in der damaligen Situation wirkte das ganz normal.

Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, wie die Kinder der »Revolutionäre« diese Zeit wohl in Erinnerung behalten haben. Und nun ist es gerade Sebastian Pflugbeil, der die damaligen Kinder befragt. Und zwar nicht nur seine vier Töchter, sondern eine ganze Reihe anderer, deren Eltern damals ebenso wie er zum Neuen Forum oder anderweitig zu den Akteuren der Friedlichen Revolution zählten. Er hat sie nun nicht nur nach der ›Wendezeit‹ selbst gefragt, sondern auch nach den Jahren vorher und der Zeit danach. Wie haben sie die Spannung empfunden zwischen dem politischen Anpassungsdruck in der Schule und den entgegengesetzten Erwartungshaltungen ihrer Eltern? Wie lebte es sich mit Eltern, die lange als Staatsfeinde stigmatisiert und ausgegrenzt waren – und dann über Nacht zu öffentlich bekannten »Helden« wurden? Wie nahmen sie den rasanten Wandel des Alltagslebens wahr, und die jähe Normalisierung des Familienlebens, die eintrat, als die Eltern von der politischen Bühne wieder verschwanden?

Es stimmt, die 89er-Revolution hatte und brauchte keine Führer. Aber sie hatte Wegbereiter. Der gewaltfreie Aufstand der Massen, der schließlich für ganz Ostdeutschland die Freiheit errungen hat, konnte sich zunächst nur auf den Wegen des Widerstandes formieren, die kleine oppositionelle Kreise und »Basisgruppen« schon Jahre vorher gebahnt hatten. Und diejenigen, die sich dem Anpassungsdruck des SED-Staates verweigerten, hatten dafür einen Preis zu zahlen. Die meisten wurden in ihrer beruflichen Entwicklung ausgebremst, aus ihrem Bildungs- und Arbeitsleben ausgegrenzt und oft noch mit Stasi-inszenierten Gerüchten in ihrer Umgebung diffamiert. Manche wurden gar auf der Grundlage der politischen Paragrafen des DDR-Strafgesetzbuches verurteilt und dann für Monate oder Jahre inhaftiert.

Das Perfide am DDR-Sozialismus war, dass die alltägliche und allgegenwärtige Nötigung zu Anpassung und Verstrickung immer die nahen Angehörigen zu Geiseln machte. Jedem, der nicht zur »Wahl«, nicht zur Maidemonstration oder nicht in die »Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft« ging, war klar, dass dies auch Nachteile für seinen Ehepartner, seine Eltern oder Kinder nach sich ziehen kann. Wer noch einen Schritt weiter ging und sich oppositionellen Gruppen anschloss oder gar ihr Initiator wurde, der hatte das damit verbundene biographische Risiko nicht nur für sich selbst abzuwägen. Man musste da zuerst an seine Kinder denken. Es war nie mit Sicherheit berechenbar, ob sie dann Abitur machen durften oder nicht, ob sie studieren durften oder nicht und welche Art Ausgrenzung sie in der Schule erwarten würde. Aber eines war sicher: Sie würden es in der DDR schwer haben; deutlich schwerer als die Kinder äußerlich angepasster Eltern.

Haben nun die damals unangepassten Menschen, die Oppositionellen und späteren »Bürgerrechtler« ihre politischen Interessen für wichtiger gehalten als die Zukunft ihrer Kinder? Nein, genau das haben sie nicht! Auch wenn viele der Logik der »Mitmach-Diktatur« gefolgt sind und dies genau so gesehen haben – ja, zum Teil heute noch so sehen. Den Widerständlern in der DDR war aber damals schon klar, was der Philosoph Klaus Michael Meyer-Abich 1997 (in seinem Buch »Praktische Naturphilosophie«) betont: Die Allgemeininteressen sind etwas völlig anderes als die Summe der Einzelinteressen. Bezogen auf die DDR-Situation heißt das: Diejenigen, die sich gegen die Anpassung entschieden haben, taten das, weil sie sich für Allgemeininteressen engagiert haben. Sie wussten, dass ihre Kinder nicht wirklich eine gute Zukunft haben, wenn sie zwar Karriere machen können, aber ihr Leben innerhalb eines Systems verbringen würden, das Freiheit und Verantwortung unterdrückt. Sich es mit der Masse auf Dauer in einer Diktatur bequem zu machen, das konnte man als die Mehrheit der Einzelinteressen deuten. Dieser Tendenz zu folgen hätte bedeutet, den Kindern den Weg der Lüge und der Anpassung zu weisen. Auch die Entscheidung, das Land zu verlassen und in den Westen zu gehen, folgte Einzelinteressen. Das damalige Allgemeininteresse bestand darin, das Leben hier in Ostdeutschland lebenswert zu machen, also letztlich die Diktatur zu überwinden, die nicht nur ihre Bürger gängelte, sondern auch die Städte, die Wirtschaft und die Umwelt in den Ruin führte. Erfolgsgarantien gab es keine. »Realistisch« war ein solches Denken nicht, es war eher utopisch. Aber den Versuch war es wert, wenn man den Kindern – und zwar allen Kindern – eine Zukunft wünschte, in der Freiheit und Verantwortung etwas zählen. Letztlich ging es auch um ein glaubwürdiges Leben inmitten eines verlogenen Systems. Vaclav Havel nannte dies, den »Versuch, in der Wahrheit zu leben«.

Wenn die 1989 / 90 errungene Freiheit der Ostdeutschen auf den Schultern einer unangepassten Minderheit steht, die zur DDR-Zeit all die mit der Anpassungsverweigerung verbundenen Nachteile und Schädigungen auf sich genommen hat, dann ist auch das nur ein Teil der Wahrheit. Denn die Kinder der Unangepassten hatten einen beachtlichen Teil dieses Preises mit zu zahlen. Daher sollten sie auch nicht zu kurz kommen, wenn die Menschen gewürdigt werden, die Wegbereiter des Herbstes 89 waren. Auch wenn ihr »Anteil« an dieser Geschichte ein anderer war als der ihrer Eltern, dass es ihn gab, ist nicht von der Hand zu weisen. Welchen Anteil die Kinder der Wegbereiter konkret an dem Aufbruch von 1989 hatten, das wird nun in diesem Buch in wunderbarer Weise sichtbar. Dafür sei Sebastian Pflugbeil und all den »Kindern«, die sich an diesem Projekt so beeindruckend mit ihren authentischen und facettenreichen Schilderungen beteiligt haben, ganz herzlich gedankt!

Beim Lesen der in diesem Buch vorgelegten Erinnerungen aus der Perspektive der damaligen Kinder wird durchaus sichtbar, in welch unangenehme Situationen viele geraten sind. Aber es wird ebenso erkennbar, dass die meisten der Betroffenen es nicht bereuen, diesen für sie beschwerlicheren Weg gegangen zu sein. Viele haben in ihrer damaligen Rolle als »Dissidentenkinder« nicht nur einen weiteren Horizont erblickt, sondern auch Erfahrungen mitgenommen, die ihnen auch für heute und die Zukunft bedeutsam erscheinen. Folke Jäger, geborene Lietz, glaubt, dass »der Preis, uns Kinder so manches Mal dafür in die zweite Reihe geschoben zu haben, recht hoch war« und sie schreibt dennoch über ihre Eltern: »Sie schenkten mir jedoch innere Größe und die Kraft, mich für Gerechtigkeit stark zu machen.« Weiter schreibt sie: »Es war an der Zeit, dass es eine Wendung gab, wenngleich ein Leben in unserer heutigen Gesellschaft nicht leicht ist. Aber noch leben wir ja nicht im Paradies und Gott wird sich was dabei gedacht haben, uns Lebenshausaufgaben mit auf den Weg gegeben zu haben. Somit glaube ich fest daran, dass jeder von uns verantwortlich für eine Gestaltung eines fairen Miteinanders ist, ob er nun dafür in einer Partei ist oder nicht. Eines aber gilt für alle: Wegsehen ist nicht erlaubt!«

Ja, im Blick auf die aktuellen und kommenden Herausforderungen dürfen wir wohl ganz zuversichtlich sein: Die Kinder der Revolutionäre von 1989, die die Wendezeit bewusst miterlebt haben, die werden die Allgemeininteressen nicht aus den Augen verlieren, auch wenn die aktuellen Machtverhältnisse von der Summe der Einzelinteressen bestimmt werden. Und sie werden sich nicht so schnell entmutigen lassen. Katharina Köhler, geborene Führer, schreibt: »Sich regen bringt Segen, das gilt heute genau so, nur auf andere Weise. […] Wir im Osten haben ein System untergehen sehen. Wir wissen: So, wie es ist, muss es nicht bleiben.«

Ich wünsche diesem bemerkenswerten Buch viele aufgeschlossene Leser. Es eröffnet einen erhellenden Blick zurück – und zugleich einen hoffnungsvollen Ausblick nach vorn. Hier schreiben Menschen, denen es nicht nur darum geht, dass wir die Freiheit errungen haben. Ihnen geht es auch darum, was wir daraus machen.

Michael Beleites

Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen

Liebe Kinder,

20 Jahre nach der Friedlichen Revolution gibt es eine gewisse Inflation historischer Traktate über die Zeit um 1989. Das könnten wir ertragen, wäre damit nicht oftmals ein mehr oder weniger offensichtlicher Kampf um die Deutungshoheit über die damaligen Ereignisse verbunden. So berechtigt die Kritik an dem Leben über die Verhältnisse, an der Kleinkinderbetreuung in Krippen, an den Privilegien der Nomenklatura, der Staatsverschuldung, an den Mängeln des Gesundheitswesens, an den politischen Kapiteln des Bildungswesens, an der Stimmvieh-Volkskammer, an der Militarisierung der Gesellschaft, an der Justiz, an der Macht des Geheimdienstes, an fachlich inkompetenten Parteipolitikern in der DDR war, so durchsichtig scheint der Versuch, mit dieser rückwärtsfixierten Kritik zu suggerieren, dass mit dem Untergang der DDR all solche Probleme überhaupt gelöst seien. In dieser interessengeleiteten Materialschlacht gehen die Wogen so hoch, dass es Mühe macht, den Horizont im Blick zu behalten.

Eure Erinnerungen an die Situation vor und nach dem heißen Herbst und besonders während dieser Zeit bewegen sich auf einer ganz anderen, sehr viel eindrücklicheren Ebene. Wir haben euch bisher zu selten genau zugehört. Jetzt erzählt ihr uns, wo euer Leben »normal« war, was euch in DDR-Zeiten Schwierigkeiten bereitet hat, wie ihr damit fertig geworden seid und wie ihr uns, eure Eltern, wahrgenommen habt. Ihr seid unterschiedliche Wege gegangen – es ist unmöglich zu sagen, welcher »der richtige« war. Unsere Weigerungen, vor den Gessler-Hüten (ihr erinnert euch an Wilhelm Tell?) der DDR einzuknicken und unsere Versuche, die Verhältnisse in der DDR zu verändern, haben Schwierigkeiten verursacht, die manchmal größer, manchmal auch kleiner waren, als wir das erwartet hatten. In vielen Fällen habt ihr als Kinder die Quittung für unser widerborstiges Verhalten bekommen. Dabei wart ihr, die Sorge um eure Zukunft, ein entscheidender Grund, der uns schließlich zusammen bis auf die Straße gebracht hat.

Mit dem Ende der DDR ergaben sich für euch völlig neue Lebensperspektiven. Ihr habt Berufe ergreifen können, die für die meisten von euch unter den Bedingungen der DDR unerreichbar waren. Ihr seid in die weite Welt ausgeflogen und habt damit die unerfüllt gebliebenen Jugendträume eurer Eltern Wirklichkeit werden lassen. Ihr lebt in den neuen oder in den alten Bundesländern, in Österreich, Frankreich oder wo auch immer; ihr habt zum Teil schon eigene Familien, eigene Kinder und habt jetzt einen Moment innegehalten und euch an die turbulenten Zeiten eurer Kindheit und Jugend erinnert.

Für uns Eltern haben eure Erinnerungen großes Gewicht. In dem langwierigen Ringen der Monate des Entstehens dieses Büchleins wurde deutlich, dass es auch für euch selbst wichtig war, euch möglichst genau zu erinnern, gerade auch an die schmerzlichen, unangenehmen Episoden. Ihr habt mit euren Geschwistern und Eltern geredet, genauer als zuvor. Ich selbst habe mich wiederholt dabei ertappt, dass mich eure Erinnerungen ganz selbstverständlich dazu gebracht haben, mit euch wie mit meinen eigenen Kindern zu reden, auch wenn wir uns persönlich nur flüchtig, oft aber noch gar nicht kennen – ich hoffe, ihr seht es mir nach. Mir gefällt dieser überraschende Familienzuwachs.

Mit herzlichen Grüßen

Sebastian Pflugbeil

Berlin, Sommer 2010

Alexander

Alexander Schulz, Jahrgang 1970

Eltern: Hans-Ulrich Schulz, Pfarrer und Susanne Schulz, Sachbearbeiterin

Geschwister: jüngerer Bruder Michael, Gymnasiallehrer für Biologie und Physik

Aufgewachsen in der Prignitz und in Potsdam

Heute Pressesprecher und Öffentlichkeitsbeauftragter des Evangelischen Diakonissenhauses Berlin Teltow-Lehnin

Verheiratet mit Dr. Dorett Hoffmann, Ärztin

Zwei Kinder, Aeneas (* 2007) und Selma (* 2009)

Ich bin in einem Pfarrhaus groß geworden. Es befindet sich in Premslin in der Prignitz auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg. Meine Eltern haben mir nie das Gefühl vermittelt, etwas Besonderes zu sein. Trotzdem wusste ich schon als kleines Kind, dass ich in einer anderen Welt lebte als meine Freunde. Das Pfarrhaus war in besonderer Weise ein offenes Haus. Vieles, was heute selbstverständlich ist, war in den 70er-Jahren in der DDR exotisch – zum Beispiel die Begegnung mit Menschen anderer Hautfarbe und Kultur –; im Premsliner Pfarrhaus war es möglich. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Inder, der für ein paar Tage Gast war, auch ein Schwarzafrikaner war einmal zu Besuch. Und auch »Westbesuch« sagte sich gelegentlich an, obwohl unsere Familie keine Verwandten in der Bundesrepublik hatte.

Etwas Besonderes wollte ich aber nicht sein, eine besondere Rolle nicht spielen – im Gegenteil: Ich wollte normal sein, so wie alle. Einige Wochen nach der Einschulung wurden alle Kinder meiner Klasse Junge Pioniere. Meine Eltern sagten, ich müsse da nicht mitmachen. Ich wollte aber! Und ich habe meinen Kopf durchgesetzt und bin Pionier geworden. Diese Entscheidung habe ich bald bereut. Jeden Mittwoch musste ich jetzt zum Pioniernachmittag. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was wir gemacht haben. Aber ich erinnere mich sehr genau an unendlich viel vergeudete Zeit meiner Kindheit. Die Schule war im Nachbarort, etwa drei Kilometer und eine kurze Busfahrt entfernt. Nur am Mittwoch nach den Pioniernachmittagen fuhr der Bus nicht direkt zurück, sondern ging auf große Prignitzrundfahrt, um erst alle anderen Kinder in ihren Dörfern abzuliefern. Am liebsten wäre ich wieder ausgetreten, das hätte aber sicher mehr Schwierigkeiten bedeutet, als gar nicht erst einzutreten und so blieb ich dabei. Die Möglichkeit, dies zu korrigieren, ergab sich erst zu Beginn der achten Klasse, als der Wechsel von den Pionieren zur Freien Deutschen Jugend anstand. Die FDJ musste ohne mich auskommen. Und ich bin gut ohne die FDJ ausgekommen.

Alexander Schulz 1989

Alexander Schulz und Familie 2010

Inzwischen wohnten wir in Potsdam. Was merkwürdig war: Meine Entscheidung, der FDJ nicht beizutreten, musste ich in der Schule gar nicht begründen. Ich hatte den Eindruck, dass von mir ohnehin nichts anderes erwartet worden war. Vielen, die ich kannte, ging es in ähnlicher Situation ganz anders. Sie wurden unter Druck gesetzt; Abitur und Studium wären unter diesen Voraussetzungen nicht möglich, wurde ihnen erklärt, schließlich fehle ihnen die richtige Einstellung zum sozialistischen Staat. Auf viele Pfarrerskinder wurde nicht im gleichen Maße Druck ausgeübt – wahrscheinlich galten sie bereits als unwiederbringlich verloren, die Konsequenzen waren letztlich dieselben.

Auch meinen Verzicht auf die Jugendweihe musste ich nicht begründen. Von den Lehrern wurde die Entscheidung einfach hingenommen, bei manchem Mitschüler löste sie Unverständnis aus – war doch die Jugendweihe für die allermeisten kein Bekenntnis zum sozialistischen Staat, sondern lediglich ein Anlass, reichlich Geschenke entgegenzunehmen. Andererseits habe ich auch Respekt für meine Entscheidung gegen die Jugendweihe und für die Konfirmation verspürt.

Wir waren 14 und 15 und dachten natürlich schon an die Zeit nach der Schule, und alle ahnten, dass ich mir den Weg in Richtung Abitur und Studium freiwillig erschwert hatte.

Meine Eltern sagten deshalb zu mir und meinem Bruder immer wieder: »Ihr müsst die Besten sein – an dieser Stelle dürfen sie euch nicht kriegen. Die Besten nicht zu Abitur und Studium zuzulassen, ist nicht so einfach!«

Die Themen, die mich in dieser Zeit beschäftigten, kamen in der Schule nicht vor. Umweltverschmutzung und Umweltschutz, Friedens- und Abrüstungsfragen habe ich in der Jungen Gemeinde meiner Kirchengemeinde diskutiert – nicht im Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule. Die Gesetze der zweigeteilten Welt, in der ich lebte, hatte ich selbstverständlich verinnerlicht. Die Welt der Schule war – jedenfalls wenn es um Meinung, Haltung und Gewissen ging – eine Scheinwelt. Jeder wusste das – und doch taten Lehrer und Schüler alles, um den Schein nicht zu zerstören.

Manchmal habe ich mich gefragt, warum wir nicht in den Westen ausreisen. Irgendwie schien mir das die selbstverständliche Lösung der merkwürdigen Situation zu sein. Meine Eltern sahen das anders. Ganz protestantisch pflichtbewusst wollten sie dort leben, arbeiten und wirken, »wo ihr Gott sie hingestellt hatte«.

In unserer Schule in Potsdam gab es ziemlich viele »Ausreiser«. Wir anderen wussten das irgendwie, denn offen gesprochen wurde darüber nicht, eher auf dem Schulhof getuschelt. Ich erinnere mich, dass wir diese Mitschüler besonders behandelten – mit Respekt, etwas Bewunderung und Distanz. Bis sie von einem Tag auf den anderen und ohne Vorankündigung aus der Schule verschwanden. Immer dann wurde das Thema Ausreise auch zu Hause aktuell und besprochen. Ansonsten spielte es aber – zumindest in Gegenwart von uns Kindern – keine große Rolle.

Die Kirche in der DDR war mit der Kirche in der Bundesrepublik eng verbunden und wurde zum Teil kräftig unterstützt. Dazu zählte auch eine bescheidene finanzielle Unterstützung der Pfarrer zur Aufbesserung des schlechten Gehalts. Das reichte hier mal für ein Pfund Kaffee, da mal für eine Tafel Schokolade oder ein paar Kaugummis. Wie viel Geld da war, war gar nicht wichtig. Wichtig war, dass das Westgeld (nur so hieß die D-Mark in meiner Erinnerung) Einkäufe im Intershop ermöglichte. Diese Einkäufe waren immer kleine Fluchten aus dem Alltag. Später empfand ich die Intershops als verlogen und falsch. Die D-Mark war de facto anerkannte Zweitwährung in der DDR, die Intershops gut riechende Schaufenster des Westens, der dort als sehr erstrebenswert präsentiert wurde. Andererseits lernten wir in der Schule vom »faulenden Kapitalismus« und von der Überlegenheit des Sozialismus – ein weiterer Aspekt der zweigeteilten DDRWirklichkeit. Heute verstehe ich nicht mehr, wie es möglich war, diese Widersprüche auszuhalten und zum Teil gar nicht zu erkennen.

Das Abitur durfte ich auf direktem Wege auf der Erweiterten Oberschule (EOS) »Hermann von Helmholtz« in Potsdam erwerben, obwohl ich nicht in der FDJ und ohne Jugendweihe war und mich auch nicht freiwillig für den dreijährigen verlängerten Wehrdienst gemeldet hatte. Im Gegenteil: Ich habe den Wehrdienst mit der Waffe verweigert und hätte – wären nicht ›Wende‹ und Mauerfall dazwischengekommen – als Bausoldat meine Wehrpflicht absolviert.

Im Abstand von jeweils mehreren Wochen mussten wir Schüler unsere Studienwünsche in eine Liste eintragen. Das tatsächliche Ziel dieser Maßnahme kann ich nur erahnen. Ich vermute, dass Schüler über die Zeit so beeinflusst werden sollten, bis ihre Wünsche mit den zentralen Planungen übereinstimmten. Da ich keine Idee hatte, welches Studium für mich in Frage kommen könnte und die Liste leer ließ, rief mich der stellvertretende Direktor, der für Studienangelegenheiten zuständig war, zu sich. Er brauchte eine vollständig ausgefüllte Liste und schlug mir vor, Verfahrenstechnik zu studieren. Wahrscheinlich wurden Verfahrenstechniker gerade gebraucht. Meinen skeptischen Blick beantwortete er mit dem Satz: »Ach mehr so mit Menschen, oder wie? Dann Medizin!« In den nächsten Wochen trug ich also Medizin brav als Studienwunsch ein – solange bis mir sehr deutlich gesagt wurde, dass für mich nur Theologie als Studienfach in Frage käme. Es war also doch noch jemandem aufgefallen, dass mir ohne FDJ, Jugendweihe und dreijährigen Wehrdienst wesentliche Voraussetzungen für ein Studium fehlten. Der Gedanke an Theologie lag mir wegen meiner Herkunft aus einem Pfarrhaus nicht fern. Dies aber nicht selbst entschieden zu haben, passte mir nicht.

Ende September 1988 wurden drei Schüler der »Carl-von-Ossietzky-Schule« in Berlin-Pankow von ihrer Schule relegiert. Das heißt, sie mussten die Schule verlassen und durften kein Abitur machen, weil sie sich auf einer Wandzeitung gegen Militärparaden ausgesprochen hatten. Wir diskutierten die Vorgänge in unserer Klasse, soweit das möglich war. Offizielle Informationen gab es nicht, RIAS und ARD berichteten aber über die Geschichte. Wir suchten nach einer Möglichkeit, uns mit den betroffenen Schülern solidarisch zeigen zu können und waren uns einig, dass wir mehr und direkte Informationen bräuchten. Ich sagte, ich würde einfach mal direkt in der »Carl-von-Ossietzky-Schule« anrufen, um zu erfragen, was da los sei. Am nächsten Tag kam meine Klassenlehrerin Heidi Wilhelm aufgeregt zu mir: »Hast du da schon angerufen? Bitte mach das nicht – wahrscheinlich fliegst du sonst auch von der Schule!«

Das Frühjahr 1989 war politisch aufregend. Wir bereiteten uns auf die Prüfungen vor. Am 7. Mai wurden die Kommunalparlamente neu gewählt. Ein halbes Jahr vorher war ich 18 Jahre alt geworden, die Kommunalwahlen sollten also meine ersten Wahlen sein. Das Thema Wahlfälschung war schon vor dem 7. Mai ein großes Thema, auch in unserer Klasse. Wir diskutierten die unglaubwürdigen 99,8 %-Ergebnisse vorangegangener Wahlen und die Repressionen, denen Nichtwähler ausgesetzt waren. Rückblickend frage ich mich manchmal, woher wir den Mut für so viel Offenheit hatten. Offenbar gab es innerhalb der Klasse und auch gegenüber der Klassenlehrerin ein großes Vertrauensverhältnis. Vielleicht hatten wir auch ein unbekümmert-jugendliches Radar, mit dem wir spürten, dass Veränderungen einfach kommen mussten und es nicht ewig so weitergehen konnte. Es wurde zum Beispiel im Jahr 1989 viel über eine »biologische Lösung« gesprochen, immerhin bestand die erste Führungsriege in Partei und Staat aus Greisen.

Nach den Diskussionen in der Klasse und mit Freunden stand für mich fest, dass ich nicht wählen würde – eine Entscheidung, die ich nicht für mich behielt. Wenige Tage vor der Wahl kam Heidi Wilhelm auf mich zu, mit der Bitte, doch wählen zu gehen: »Du wirst wahrscheinlich keinen Ärger bekommen, aber ich dafür umso mehr.« Diesen Ärger habe ich ihr erspart.

Nicht mehr so mutig waren wir vier Wochen später. In China wurde der Ruf der Studenten nach Demokratie brutal, blutig und mit zahlreichen Todesopfern niedergeschlagen. Das Vorgehen der chinesischen Genossen wurde von der DDRFührung nicht nur nicht verurteilt, sondern im Gegenteil mehr oder weniger deutlich ausgesprochen sogar begrüßt.

Damit stand eine neue Idee im Raum, wie man mit der Unruhe und Unzufriedenheit im eigenen Land im schlimmsten Fall umgehen würde. Viele, auch ich, fürchteten jetzt eine »chinesische Lösung« der Probleme in der DDR. Spätestens jetzt fing ich an darüber nachzudenken, die DDR zu verlassen. Sehr konkret waren diese Überlegungen nicht. Nur so viel stand fest – über die Mauer wollte ich nicht springen.

An unserer Schule gab es die Tradition eines Theaterwettbewerbs. Wir entschieden uns für ein Stück eines sowjetischen Autors, das in der DDR zunächst nicht gespielt werden durfte. Soviel ich weiß, gab es kein Theater im Land, das »Diktatur des Gewissens« von Michail Schatrow vor uns gespielt hätte. DDR-Erstaufführung eines eben noch verbotenen Stückes durch eine Schulklasse – das hatte was. Im Mittelpunkt von »Diktatur des Gewissens« steht ein Prozess. Angeklagt ist die Sache des Sozialismus, Zeugen berichten von Massakern im Spanienkrieg und einer Kultur des Mitläufertums, die jeden Individualismus kriminalisiert, in der Sowjetunion. Unser Bühnenbild zierte ein großes rotes Transparent mit dem Spruch: »Sage nichts, woran du nicht glaubst, sage nichts, was du nicht denkst!« Mit jugendlicher Unbekümmertheit machten wir uns an die Proben und organisierten Aufführungen in der Schule, im Potsdamer Pionierhaus und auf der Probebühne des Potsdamer Theaters. Unser Direktor versuchte, den Auftritt in der Schule mit dem Hinweis auf Bauarbeiten in der Aula zu verhindern. Woher wir den Mut nahmen, weiß ich nicht mehr – wir nahmen sein Verbot nicht hin, sondern erklärten ihm, dass wir spielen und zur Not auch die Türen zur Aula aufbrechen würden. Die Aufführungen fanden statt. Ein Urteil über den Sozialismus wird in »Diktatur des Gewissens« nicht gesprochen. Allein die Tatsache, dass der Sozialismus auf der Anklagebank saß, hätte für einen Skandal reichen müssen. Die Abiturprüfungen selbst waren – jedenfalls in meiner Erinnerung – nicht besonders aufregend. Spannender war die Zeit danach – die letzten großen Ferien. Die Sommermonate 1989 waren einerseits unbeschwert. Die Schule war vorbei, das Wetter großartig und wir hatten viel Zeit.

Eine Anekdote, die für mich symptomatisch für die späte DDR ist: Zu Beginn der Ferien jobbte ich für ein paar Tage in einer GPG, einer Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft. Meine Aufgabe war es, Weiß- und Rotkohlköpfe in einer großen Lagerhalle in Kisten zu je 20 kg zu verpacken. Ich stapelte fleißig Kisten, der Berg aus Kohlköpfen wurde kleiner. Als alle verpackt waren, nahm ich mir jede einzelne Kiste wieder vor, nahm jeden Kohl zur Hand und prüfte, ob er schon angefault war. Ich begann einen neuen Berg aus angefaulten Kohlköpfen anzuhäufen. Was noch genießbar war, wurde wieder 20 kg-weise verpackt. So ging es, bis alle Kohlköpfe verfault auf einem großen Haufen lagen und alle Kisten wieder leer waren.

Das ganze System funktionierte nicht mehr. Auf der einen Seite vergammelte Obst und Gemüse. Auf der anderen Seite gab es Versorgungsengpässe. Jede Verkaufsstelle war verpflichtet, im privaten Garten gezogene Äpfel, Tomaten oder Gurken aufzukaufen. Die landeten im besten Fall im Verkauf – und kosteten dort weniger, als der private Verkäufer dafür bekommen hatte. Im schlimmsten Fall, wie bei einer zentralen Gurken-Annahmestelle beobachtet, landeten die Sachen einfach auf dem Müll, weil es keine Möglichkeit für Transport und Weiterverarbeitung gab. Diesen ökonomischen und organisatorischen Wahnsinn hätte jeder erkennen können, auch ohne wirtschaftlichen Sachverstand und ganz unabhängig von bevorzugter Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. In der DDR hielten es aber alle irgendwie für normal.

Mehrmals in diesem Sommer bin ich mit Freunden spontan an die Ostsee gefahren – ohne Plan, einfach so los. Andererseits begann in diesem Sommer die Massenflucht aus der DDR. Im Café Heider, wo ich mich häufig aufhielt, riefen fast täglich näher oder entfernter Bekannte an, die es über Ungarn oder auf anderen Wegen nach Westberlin geschafft hatten. Die Kellner hatten die Aufgabe, die Grüße an die Gäste des Cafés weiterzugeben. Je mehr Zeit verging, desto näher rückte die bevorstehende Einberufung zur Armee, desto mehr Bekannte hatten sich aus dem Westen gemeldet, desto größer wurde die Resignation und desto klarer wurde mein Entschluss, auch zu gehen.

Andererseits wurde es jetzt richtig spannend in der DDR. Dass sich etwas verändern würde, war deutlich zu spüren. Honecker war für Wochen aus der Öffentlichkeit verschwunden, gerade als die Fluchtwelle über Ungarn sich ihrem Höhepunkt näherte. Ärzte und Krankenschwestern verließen so zahlreich die DDR, dass die Versorgung in den Krankenhäusern gefährdet war. Alles wartete auf irgendwie geartete offizielle Reaktionen.

Neben Hoffnungen gab es die Angst vor einer gewaltsamen Lösung der immer deutlicheren Konflikte. Die Älteren erinnerten sich an den 17. Juni 1953 und die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Das Massaker in China lag erst ein paar Wochen zurück. Gorbatschow immerhin war ein Hoffnungsträger. Ein gewaltsames Eingreifen der Sowjetunion wurde jedenfalls in meiner Erinnerung nicht konkret befürchtet, aber auch nicht ausgeschlossen.

Die Chronologie der Ereignisse gerät in meiner Erinnerung durcheinander. Der Wunsch zu bleiben und der Drang zu gehen, bevor es unangenehm und gefährlich wird, wechselten sich ab.

Ich kannte einige Leute aus der Potsdamer Antifa. Gelegentlich ging ich auch zu den Treffen der Gruppe, wo darüber gesprochen wurde, was man gegen die neuen Nazis, die es zunehmend auch in der DDR gab, unternehmen könne. Vor allem erschreckte uns, dass dieses Problem offiziell einfach ignoriert wurde. Im antifaschistischen Staat DDR konnte es keine Nazis geben; wer etwas anderes behauptete, machte Propaganda gegen die DDR – das war die offizielle Haltung zum Thema.

Am 10. September 1989 fanden – wie in jedem Jahr am zweiten Sonntag im September – in vielen Städten Kundgebungen anlässlich des »Tages der Opfer des Faschismus« statt. Die Potsdamer Antifa wollte diese Kundgebung nutzen, um auf das Problem der Neonazis in der DDR öffentlich aufmerksam zu machen.

Auf dem Potsdamer Platz der Einheit hatten sich einige Tausend Menschen zur Kundgebung versammelt. Die Antifa-Gruppe bestand aus etwa 20 Leuten. Wir versuchten, möglichst dicht an die Rednertribüne zu gelangen. Unsere Transparente hatten Aufschriften wie »Warnung! Neonazis auch in der DDR« oder zeigten das zerschlagene Hakenkreuz. Wir waren so naiv zu glauben, dass man uns gewähren lassen würde, hätte man unser Anliegen erst einmal erkannt.

So weit kam es aber nicht. Der Versuch, die Transparente zu entrollen, wurde gewaltsam beendet. Stasimänner hatten uns umzingelt und gingen brutal gegen uns vor. Im Handgemenge versuchte ich, einen Freund aus der Gewalt von zwei Männern zu befreien. Erfolglos. Wegen dieser Sache war ich einer der ersten Festgenommenen aus der Gruppe. Man »führte mich zu«, das heißt, man brachte mich zur Polizei. Die anderen folgten nicht viel später. Sie kamen allerdings unter anderen Voraussetzungen: Sie hatten sich bei der Polizei über den brutalen Stasieinsatz beschwert, ihnen wurde »angeboten«, eine Anzeige zu machen. Bei der Polizei fanden sie sich dann auch als Gefangene wieder. Es folgten Einschüchterungen und Verhöre. Mir wurde zunächst »Rädelsführerschaft bei einer Zusammenrottung« vorgeworfen, auf fünf Jahre im Gefängnis müsse ich mich einstellen. Nach zwölf Stunden wurde ich entlassen, Haft stand nicht mehr im Raum, aber eine erhebliche Geldstrafe. Angeschrien habe ich einen der Polizisten, als er mir sagte, dass mein Vater da sei, um mich abzuholen. Ich wollte die Sache allein bestehen und brüllte, was ihm einfiele, meine Eltern zu informieren – schließlich sei ich volljährig. Später habe ich erfahren, dass meine Freundin meine Eltern angerufen hatte, nicht die Polizei. Ob mir die Anwesenheit meines Vaters geholfen hat oder nicht, kann ich nicht einschätzen.

Jedenfalls kamen nicht alle aus unserer Gruppe so glimpflich davon wie ich. Einzelne saßen bis Ende Oktober oder Anfang November 1989 in Untersuchungshaft.

Ich selbst wurde noch einmal zu einem Verhör geholt. Wir fühlten uns verfolgt und fanden zahlreiche Hinweise darauf, dass dies nicht nur ein Gefühl war. Ich hatte jetzt konkrete Angst, die Gefängnisdrohung hatte mich getroffen. Auf der anderen Seite gab es aber auch ein großes Trotzgefühl. Eigentlich hätten die Vorfälle der letzte Anlass sein können, die DDR zu verlassen. Aber ich wollte auch sehen, wie es weitergeht.

Die Antifa-Demo war in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt geblieben. Um die Diskussionen zu lenken, wurden die Ereignisse in den Potsdamer Schulen propagandistisch aufgearbeitet. Eine ehemalige Lehrerin erzählte mir später, sie sei aufgefordert worden zu behaupten, wir seien vom Westen bezahlte Provokateure. Hinter uns würden die gleichen Kräfte stehen, die auch die Skinheads in der DDR finanzieren würden – mit dem Ziel, das Land zu destabilisieren. Außerdem hätte jeder von uns einen Ausreiseantrag gestellt. Mit der »Störung« der Kundgebung zum Tag der Opfer des Faschismus hätten wir unsere Ausreise beschleunigen wollen. Meine Lehrerin wusste, dass ich auf dem Platz der Einheit dabei gewesen war und war mutig genug, die Behauptungen zurückzuweisen.

Einige meiner Mitschüler, mit denen ich erst ein paar Wochen vorher das Abitur gemacht hatte, waren inzwischen Soldaten. Sie waren im Herbst 1989 in erhöhter Alarmbereitschaft, mussten etwa in ihrer Uniform schlafen. Eine Strategie der DDR-Armeeführung war es, Wehrpflichtige möglichst weit weg vom Wohnort zu stationieren. So sollte vermieden werden, dass sich im Konfliktfall Bekannte gegenübergestanden hätten. Von einem meiner ehemaligen Mitschüler weiß ich aber, dass er doch entgegen der üblichen Gepflogenheiten in Potsdam stationiert war – und dass er viel darüber nachdachte, wie er sich verhalten sollte, wenn er im Einsatz mir gegenüberstehen würde. Die aktuelle Lage wurde auch unter den Soldaten diskutiert. Und ich möchte auch zwanzig Jahre später glauben, dass es unter ihnen Mutige gegeben hätte, die sich geweigert hätten, gegen die Menschen auf der Straße vorzugehen.

Dass es sehr konkrete und brutale Pläne für den Umgang mit Oppositionellen gab, zeigte sich nach der Herbstrevolution. Dass die politischen Führer, die während der Nazizeit zum Teil selbst in Lagern und Gefängnissen gesessen hatten und daraus einen großen Teil ihrer moralischen Legitimation bezogen, selbst wieder Lager für Andersdenkende, Individualisten und sogenannte Asoziale geplant hatten, gehört für mich zu den schockierendsten Enthüllungen der Nachwendezeit.

Am 14. November 1989 sollte ich meinen Wehrdienst als Bausoldat antreten. Mein Einberufungsbefehl hatte mich nach Prora auf der Insel Rügen bestellt. Die Ereignisse im Herbst 1989 – die Montagsdemonstrationen in Leipzig, die Gründung des Neuen Forums, viele Diskussionen und die euphorische Aufbruchstimmung, die die vorhandene Angst überwog, ermutigten mich, im Oktober schriftlich nach einer Alternative zu fragen. Ich wandte mich an das zuständige Wehrkreiskommando mit dem Vorschlag, statt in die Kaserne einzurücken, in einem Krankenhaus oder einer Behinderteneinrichtung zu arbeiten. Als Reaktion erhielt ich eine Einladung zu einem klärenden Gespräch am 10. November. Über Nacht hatte sich die Welt geändert, die Mauer war gefallen. Niemand konnte mich mehr zwingen, Soldat zu werden. Der Offizier, der mir am nächsten Morgen gegenübersaß, hatte all seine Macht verloren und nichts mehr, womit er drohen konnte. »Rechnen Sie nicht mit meinem Erscheinen«, erklärte ich und gab meinen Einberufungsbefehl zurück. Ich hatte mir bereits eine Stelle in einer Wohneinrichtung für Behinderte gesucht. Dort würde ich anfangen zu arbeiten und dies zu meinem Zivildienst erklären, auch wenn es entsprechende gesetzliche Regelungen nicht gab, teilte ich meinem Gegenüber mit. »Dann machen Sie mal«, mehr hatte der NVA-Mann mir gegenüber nicht mehr zu sagen.

Was folgte, war anders als gedacht und erhofft. So großartig das Erlebnis des Mauerfalls war, so wenig wollte ich einfach vom Westen übernommen werden. Der Tonartwechsel des Rufes auf der Straße von »Wir sind das Volk!« zu »Wir sind ein Volk!« machte mir damals Angst. Die Hoffnung auf etwas ganz Neues, das die Stimmung, die Erfahrungen und das Selbstbewusstsein des Herbstes 1989 mitnimmt, hatte sich nicht erfüllt und war rückblickend vielleicht auch etwas naiv.

Zwar war ich schnell dabei, allen, die für D-Mark, Marlboro und Mallorca ihr Engagement aufgaben, Vorwürfe zu machen. Rückblickend war die Revolution aber auch für mich mit dem Mauerfall vorbei. So engagiert wie vor dem 9. November 1989 jedenfalls war ich nie wieder.

Zu reisen war immer ein Traum von mir, schon als Kind liebte ich Landkarten und stellte mir vor, wie es woanders aussehen würde, wie es wäre, dort zu leben. Die erkämpfte Reisefreiheit war und ist das, was mein Leben ganz unmittelbar verändert hat. New York – die Stadt ganz oben auf der Liste meiner Wunschziele – lag jetzt in erreichbarer Nähe. Nach Besuchen in Westberlin, im Westen Deutschlands und einem Kurztrip nach Italien führte mich meine erste große Reise im Sommer 1990 in die USA. Das war noch vor der Vereinigung am 3. Oktober 1990, ich war also noch Bürger der DDR und mein blauer Ost-Reisepass sorgte in Amerika für einiges Aufsehen und ein herzliches Willkommen. Der Mauerfall hatte auch die Menschen dort sehr bewegt.

Trotz aller enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen bin ich nicht politikverdrossen. Im Gegenteil: Jeder Wahltag ist für mich ein Feiertag, auch wenn meistens die Partei gewinnt, die ich nicht gewählt habe.

Theologie habe ich nicht studiert, auch bei der Berufswahl habe ich die neuen Freiheiten genutzt. Dazu gehörte es auch, Umwege zu gehen. Auch viele Freunde meines Alters sind nicht auf direktem Weg dort angekommen, wo sie heute stehen. Dies ist weniger banal als es klingt, waren doch unsere Schritte bis zur Rente vor der Revolution in der DDR sehr genau geplant.

Die neuen Möglichkeiten haben auch verunsichert, die Neuorientierung fiel manchem schwer.

Ich selbst habe Germanistik und Geschichte studiert, eher aus Verlegenheit als mit einem konkreten Berufsziel. Schließlich bin ich Journalist geworden, ein Beruf, den ich für einen der schönsten und wichtigsten in einer freien Gesellschaft halte. Diesen Beruf hätte ich in der DDR mit Sicherheit nicht ausgeübt.

Anke

Anke Lieske, geb. Ermisch, geboren 1968

Eltern: Christine (Betriebskrankenschwester, nach 89 Sozialdezernentin) und Hans-Martin Ermisch

(Dipl. Ing., nach 89 Wirtschaftsdezernent)

Ein Bruder

Aufgewachsen in Rathenow

Heute Krankenschwester in Arnstadt, verheiratet, zwei Kinder

Grundsätzlich hatten wir ein sehr offenes Zuhause. Bei uns wurden alle Probleme offen besprochen. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass unsere Eltern bestimmte Gespräche über Partei und Staat auch unter sich führten oder diese Themen mit gleichgesinnten Freunden besprachen. Mit uns wurde darüber altersentsprechend oder aus einer bestimmten Situation heraus diskutiert.

Ich wusste genau, was ich in der Schule erzählen konnte und worüber man besser schwieg. Zu Hause fiel auch mal der Satz: »Worüber wir geredet haben, bleibt in unseren 4 Wänden.« Ich denke, dass wir das schon einschätzen konnten, was das bedeutete.

Wir waren bei den Pionieren, in der FDJ und haben auch an der Jugendweihe teilgenommen. Ich denke, dass unsere Eltern der Meinung waren, dass man nicht unnötig auffallen sollte. Sie wollten uns die Zukunft nicht verbauen. Es war für uns normal, zu den Pionieren zu gehören. Ich hätte es mit 6 Jahren auch nicht verstanden, warum ich nicht dazu gehöre. Man hätte auch den Lehrern keine Antwort geben können auf die Frage: »Warum bist du nicht dabei?« Unsere Eltern wollten uns davor schützen. Vor dem Eintritt in die FDJ gab es bei uns zu Hause schon Diskussionen, ob ich eintrete oder nicht. Wenn meine Eltern gesagt hätten, ich soll nicht eintreten, dann hätte ich es auch nicht gemacht. Sie machten mir aber klar, dass ich dadurch mit Nachteilen bei der Berufswahl rechnen müsste. Ich wollte Krankenschwester werden und hatte eigentlich vor, eine kirchliche Ausbildung in Potsdam im Oberlinhaus zu beginnen. Nun wussten wir aber noch nicht, ob ich den Ausbildungsplatz bekomme, also ging ich auf Nummer sicher und machte mit. Meine Eltern wollten nicht, dass wir irgendwelchen Repressalien durch Lehrer ausgesetzt werden. Die FDJ-Stunden waren eine lästige Pflicht, wo man schon mal versucht hat, sich zu drücken. Ich hatte Freundinnen in der Jungen Gemeinde oder im Konfirmandenunterricht, die nicht in der FDJ waren. Sie sprachen des Öfteren von Auseinandersetzungen mit Lehrern. Bei der Jugendweihe habe ich nur an der Festveranstaltung aus oben genannten Gründen teilgenommen. Anschließend sind wir nach Kleinmachnow gefahren, wo ein Freund meiner Eltern ein Orgelkonzert gab. Ein paar Wochen danach wurde von Klassenkameraden und Lehrern bemerkt, dass ich auf keinem Foto zu sehen war. Mich störte dies nur wenig. Ein Jahr später wurde meine Konfirmation mit einem großen Familientreffen gefeiert.

Erinnerung: Wir hatten in der 9. Klasse Zivilverteidigung. In einer Stunde hat uns ein Lehrer in Armeeuniform auf dem Plattenspieler »Uns hilft kein Gott, uns’re Welt zu erhalten« vorgespielt – nur diese Zeile und das mehrmals. Ich kannte dieses Lied von der Gruppe »Karat« damals gar nicht. Meine Eltern hörten keine moderne Musik und ich hörte eigentlich nur RIAS Berlin oder SFB im Radio. In den westlichen Charts kannte ich mich besser aus. Danach machte der Lehrer uns klar, welche wichtigen Aufgaben unsere NVA hatte, nämlich unsere Welt zu retten bzw. unsere DDR vor dem feindlichen Aggressor zu schützen. Das könne kein Gott.

Anke Lieske 1989

Viel später hörte ich das Lied im Radio vollständig und stellte fest, dass es einen völlig anderen Inhalt hatte.

Die Lehrer haben uns genauso behandelt wie die anderen auch. Ich hatte nie das Gefühl, eine Außenseiterrolle zu spielen. Manche Lehrer haben wir auch nach der Wende im Gottesdienst oder bei Kirchenkonzerten getroffen. Es gab nur wenige Ereignisse, wo man das Gefühl hatte, »Außenseiter« zu sein. Ich wusste immer, dass unsere Eltern hinter uns standen.

Erinnerung: 1983 war ein großes Pfingsttreffen der FDJ in Berlin. Unser Mathelehrer fragte in der Klasse, wer mitfahren wollte. Es stand aber von vornherein fest, dass nur eine begrenzte Anzahl von Schülern mitfahren konnte. Es meldeten sich alle aus der Klasse, nur ich nicht. Natürlich wollte der Lehrer wissen, warum ich nicht mitfahren wollte. Ich erklärte ihm, dass ich Konfirmation hätte. Daraufhin musste ich mir anhören, dass das Pfingsttreffen ein viel größeres und wichtigeres Ereignis sei als nur meine Konfirmation. Letztendlich durfte von 28 Schülern meiner Klasse nur eine Schülerin fahren – und die war FDJ-Sekretärin.

Anke Lieske und Familie 2009

In den FDJ-Stunden hat man schon versucht, uns zu »klassenbewussten sozialistischen Staatsbürgern« zu erziehen.

Erinnerung: Es muss in der 9. oder 10. Klasse gewesen sein. Ich hatte zur Konfirmation eine Kreuzkette bekommen, die ich auch täglich trug. Mit zunehmendem Alter wurde man ja auch mutiger oder wollte vielleicht auch ein klein wenig provozieren. Ich trug also diese Kette über meinem Pullover, sodass es jeder sah. Im Unterricht sprach mich dann der Direktor auf die Kette an. Ich sollte sie abmachen. Dem habe ich mich verweigert, bis er mich mehrmals vor der Klasse anschrie. Er meinte, er würde auch nicht mit dem SEDAbzeichen in die Kirche gehen und ich hätte kein Recht, ein Kreuz in seiner Schule zu tragen. Ich habe ihm daraufhin erklärt, dass kein Mensch etwas dagegen haben würde, wenn er mit dem Parteiabzeichen in die Kirche käme. Ich glaube, in dieser Situation bin ich über mich hinausgewachsen. Es endete damit, dass er mich anbrüllte und mir ein Gespräch unter vier Augen androhte. Meine Eltern rieten mir, mich auf kein weiteres Gespräch einzulassen. Ich sollte dem Direktor sagen, dass er sich an meinen Vater wenden möge. Mein Vater hat sich daraufhin intensiv auf ein Gespräch vorbereitet. Zu dieser Zeit trafen sich gerade Erich Honecker und Olof Palme im Stralsunder Dom. Zu einem Gespräch kam es aber nicht mehr.

Etwas später wurde ich noch einmal von einem Lehrer angesprochen, weil ich einen Anstecker (Kreuz auf der Kugel) an meiner Jacke hatte. Er wollte wissen, was dieser Anstecker bedeutete. Ich erklärte ihm meine Ansicht und er gab sich damit zufrieden. Als die Aufnäher und Sticker von »Schwerter zu Pflugscharen« aufkamen, rieten meine Eltern uns davon ab, sie öffentlich zu tragen. Ich hatte solch einen Aufkleber auf meinem Konfirmandenhefter. Eine Freundin aus der Jungen Gemeinde hatte einen Aufnäher von »Schwerter zu Pflugscharen« auf ihren Parka genäht. Ihr wurde das Zeichen aus der Jacke geschnitten. Ihre Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt, saßen im Gefängnis und wurden später von der Bundesrepublik freigekauft. Sie lebte mit ihrem Bruder während dieser Zeit in der Familie unseres Pfarrers, der selbst drei Kinder hatte.

Sie zeigte uns manchmal Briefe von ihren Eltern, in denen viel Text geschwärzt wurde. Das war mir schon manchmal unheimlich.

Erinnerung: Es gab eine Zeit, in der farbige Tücher mit Silberstreifen in Mode kamen. Diese Tücher gab es nur im Westen. Viele aus der Schule hatten solch ein Tuch. Ich habe mir auch ein solches Tuch aus dem Westen gewünscht und es auch bekommen. Unser Direktor verbot das Tragen dieser Tücher mit der Begründung, es sei eine Verschwörung im Gange. Manchen Schülerinnen wurden diese Tücher sogar von der Schulleitung weggenommen.

Erinnerung: Von 1984 bis 1988 habe ich eine kirchliche Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Um eine staatliche Anerkennung zu bekommen, mussten wir am ML-Unterricht [Marxismus-Leninismus, Anm. der Red.] teilnehmen und auch eine Abschlussprüfung machen. Das war im 3. Studienjahr kurz vor Beendigung der Ausbildung. Zu dieser Zeit wurden die Reisebestimmungen in den Westen gelockert, sodass auch wir jungen Leute zu bestimmten Anlässen fahren durften. So durfte ich kurz vor meiner ML-Prüfung nach Hamburg zum 50. Geburtstag meiner Patentante fahren. In der ML-Prüfung bekam ich dann das Thema »Friedliche Koexistenz zwischen sozialistischen und kapitalistischen Ländern«. Ich habe dann sämtliche Definitionen heruntergeleiert und den Prüfern das erzählt, was ich dachte, das sie hören wollen. In der Auswertung meinten sie, ich hätte mich doch vom Gegenteil überzeugen können, dass es eben nicht so ist, wie ich es geschildert hatte. Die Prüfung hatte ich bestanden und das war für mich das Wichtigste.

Zu Beginn des ML-Unterrichtes gab uns der Lehrer zu verstehen, dass er in seinem Unterricht keine Diskussionen wünschte. Er merkte wohl, dass er mit seinen Definitionen keine Chance bei uns hatte.

Wir hatten einige Verwandte im Westen. Da waren ein Cousin und eine Cousine meines Vaters, eine Großcousine meiner Mutter und ein Onkel meines Vaters. Wenn wir Besuch aus dem Westen bekamen, so war das immer etwas Besonderes – als kämen sie aus einer anderen Welt. Wir hatten ja so gar keine Vorstellung, was sich hinter der Mauer verbarg. Ich glaube, dass meine Eltern öfter über eine Ausreise in den Westen nachdachten. Mein Vater wurde im Betrieb nicht befördert, weil er es ablehnte, in die Partei einzutreten. Er hatte auch wegen eines anderen Kollegen Ärger mit der Stasi. Letztendlich haben meine Eltern nicht die Ausreise beantragt, weil sie Angst hatten, ihre Eltern nicht wiedersehen und im Alter vielleicht nicht für sie sorgen zu können. Meine Tante hat mit ihrer Familie ca. 1985 einen Ausreiseantrag gestellt. Sie hatten zwei Kinder im Kindergartenalter. Ich erinnere mich, dass sie immer Angst hatten, verhaftet zu werden. Für diesen Fall hatten sich meine Eltern bereiterklärt, die Kinder aufzunehmen. Es kam dann zum Glück nicht dazu.

Die Stasi verlangte von meiner Tante eine Erklärung, dass sie darauf verzichtet, zurückzukommen, falls ihre Eltern erkranken sollten oder gepflegt werden müssten. Ihre in der DDR lebenden Geschwister mussten sich verpflichten, die eventuelle Pflege der Eltern ohne die Tante zu übernehmen. Außerdem verlangte die Stasi von der Tante, dass sie selbst, ihre Eltern und Geschwister jeweils auf einem leeren Blatt eine Blankounterschrift leisten. Begreiflicherweise führte das zu heftigen Diskussionen. Die Verzichtserklärung unterschrieben alle Geschwister und die Eltern, die Blankounterschrift lehnten alle ab. Es gab dadurch einen großen Familienstreit, der fast eskalierte. Meine Tante durfte mit ihrer Familie trotzdem ausreisen. Nach der ›Wende‹ fiel eine Annäherung unter den Geschwistern schwer. Heute ist dies zum Glück vorbei und man sieht sich regelmäßig.

1989 war ich 21 Jahre alt und habe im Sommer meinen Mann geheiratet. Wir sind im August nach Thüringen gezogen. Wir hatten im Schwesternwohnheim ein kleines Zimmer (3 × 4 m) mit Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbad. Eine Wohnung war sehr schwer zu bekommen. Als im Sommer die Grenze von Ungarn nach Österreich geöffnet wurde, haben wir schon ernsthaft darüber nachgedacht, auch nach Ungarn zu fahren. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich anrief und uns zuredete, in den Westen zu gehen. Wir haben es letztendlich nicht getan, weil wir nicht wussten, wie sich die Geschehnisse entwickeln würden. Der Gedanke, dass wir unsere Familien vielleicht nie wieder sehen, war unerträglich. Außerdem haben wir uns gesagt, dass ja auch noch Leute im Land bleiben müssen, um hier etwas zu verändern. Wir sind dann mit auf die Straße gegangen und sind heute froh, dass wir geblieben sind.

Vor dem Herbst 1989 hatte ich den Traum, andere Länder zu sehen. Unsere Eltern sind mit uns immer in den Urlaub gefahren. Wir waren in Polen, in Ungarn oder in der ČSSR und natürlich in fast allen Gegenden der DDR. Trotzdem träumten wir von der weiten Welt hinter der Mauer.

Meinen Berufswunsch, Krankenschwester zu werden, habe ich mir selbst erfüllt. In diesem Beruf arbeite ich heute noch. 1990 haben wir unsere erste Wohnung bezogen. Wir haben uns den Traum, andere Länder zu sehen, verwirklicht. Ich sehne mich in keiner Weise nach der Zeit vor 1989 zurück. Wir haben immer Arbeit gehabt. Uns geht es gut. Wenn ich sehe, wie frei unsere Kinder aufwachsen, mit einem gesunden Selbstbewusstsein, dann bin ich nur glücklich. Wir sind in der Schule zu sehr eingeengt gewesen. Heute lernen die Kinder schon in der Schule, ihre Meinung zu sagen und auch zu vertreten. Zu unserer Zeit wäre das undenkbar gewesen.

Wenn wir früher mal Besuch mit gleichaltrigen Kindern aus dem Westen hatten, kam ich mir immer klein und dumm vor. Sie hatten einen ganz anderen Horizont. Ich bin froh, dass unsere Kinder heute andere Chancen haben, etwas aus ihrem Leben zu machen. Jedes Kind hat die Möglichkeit, Abitur zu machen. Aus meiner Klasse ist kein einziger auf die EOS gekommen. Es ist sicher nicht alles gut, aber ich bin froh, dass unsere Eltern für ein freies Land gekämpft haben.

Anne K.

Anne Kupke, geboren 1982

Eltern: Christine (Religionspädagogin und Katechetin) und Wolfgang Kupke (Ingenieur für Wärmetechnik)

Eine Schwester

Aufgewachsen in Halle

Heute Historikerin in Halle / Saale, in Partnerschaft lebend

Im Herbst 1989 war ich gerade erst in die zweite Klasse gekommen. Meine Eltern waren politisch interessiert, führten ein offenes Haus, sprachen mit uns darüber, was in der Welt vorgeht und beantworteten unsere Fragen. Meine Mutter Christine war als Katechetin tätig, mein Vater Wolfgang arbeitete als Ingenieur für Fernwärme im halleschen Energiekombinat. Er war u. a. aktiv in der »Ökologischen Arbeitsgruppe beim Evangelischen Kirchenkreis Halle« (ÖAG), deren Sprecher er im Revolutionsherbst war. Sie traf sich in den Räumen der halleschen Georgengemeinde – dort wurde diskutiert und das »Blattwerk«, ein halblegales gesellschaftskritisches Informationsblatt der ÖAG, mit dem Vermerk »Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch« hergestellt. Es wurden auch vielfältige andere Aktionen vorbereitet, z. B. auch das öffentliche Angeln am Weltumwelttag in der völlig verdreckten Saale, das durch einen Polizeieinsatz beendet wurde.

Mitglied der Jungen Pioniere bin ich nicht geworden, meine Eltern lehnten das ab. Zugute kam ihnen, dass eine mit mir befreundete Pfarrerstochter trotz vergossener Tränen auch nicht dorthin gehen durfte. Dass ich also nicht die Einzige ohne Halstuch sein sollte, hat mich wohl beruhigt, jedenfalls habe ich mich gefügt. Was Pioniersein bedeutete, war mir zu dem Zeitpunkt, als die Entscheidung gefällt werden sollte, auch noch gar nicht klar. Ende der 80er-Jahre war man da wohl nicht mehr so streng, sodass ich im Unterricht deswegen nicht übermäßig gegängelt wurde. Außer mir war noch ein Junge nicht der Jugendorganisation beigetreten; er blieb nicht lange in der Klasse, es hieß dann, er sei jetzt im Westen.

Anne Kupke, Schulanfang 1988

Er und ich durften bei den beiden Appellen, an die ich mich erinnern kann, im Klassenzimmer bleiben; wir gingen dann aber doch neugierig hinaus auf den Schulhof und stellten uns in die letzte Reihe, um zuzugucken. Ich begriff wahrscheinlich nicht, was dort passierte. Dass ich nicht wie alle anderen die Uniform trug, störte mich ebenfalls nicht. Von den Aktivitäten der Pioniere bekam ich ohnehin nicht viel mit, nur selten war es Thema in der Schule, z. B. als die anderen Kinder am Nachmittag zuvor eine Armeeeinheit mit Panzern besucht hatten. Davon wurde begeistert geschwärmt, und obwohl mein Vater zu Hause Eingaben gegen den Verkauf von Kriegsspielzeug in der DDR verfasste und wir auch nur selten mit den ererbten Zinnsoldaten spielen durften, war ich doch dieses eine Mal ein bisschen neidisch, denn auf einem Panzer herumzuklettern, das hätte mir auch gefallen.

Anne Kupke 2009

Meine Nachmittage waren allerdings auch ohne Pioniere ausgefüllt mit Christenlehre, Blockflötenunterricht und dem ausgelassenen Spielen mit den vielen Nachbarskindern. Wir stromerten durch die Gegend, bauten Buden, machten heimlich Feuer und fühlten uns völlig frei.

Zwei weitere Male bin ich dann aber doch ernsthafter damit konfrontiert worden, nicht bei den Pionieren zu sein: Wir hatten eine Patenbrigade, die uns im Unterricht besucht hatte, und nun sollte ein Gegenbesuch erfolgen. Jedes Kind sollte ein Foto von sich mitbringen, alle Bilder wurden dann auf ein Plakat, auf das ein großer Baum gemalt war, geklebt. Als ich mein Bild abgeben wollte, wurde mir gesagt »Du brauchst Dein Bild nicht abzugeben.« Warum, habe ich damals nicht verstanden. Heute weiß ich, dass die Brigade nur Pate der Pioniergruppe war, nicht der Schulklasse. Solche Unterschiede haben mich aber damals eher ärgerlich als traurig gemacht.

Das andere Mal wurde eine Kontrolle geschrieben, dazu hatten wir u. a. ein Arbeitsblatt auszufüllen. Auf dem Blatt waren verschiedene Gegenstände abgebildet und wir sollten jene kenntlich machen, die nicht in ein Klassenzimmer gehören. Das schien mir eine einfache Aufgabe zu sein.

Rot korrigiert und mit einem mündlichen Tadel bekam ich das Blatt später zurück – ich hatte auch das Pionierkäppi eingekreist! Dabei hatte ich das gemalte Käppi auf dem schlecht bedruckten Papier reinen Gewissens für einen Hundenapf gehalten! Heute lache ich darüber, damals fühlte ich mich wieder ungerecht behandelt, war aufgebracht und bedurfte des Trostes meiner Mutter. Anfang 1990 kam ich dann doch noch unverhofft zu einem Pionierausweis. Als massenweise Abzeichen, Embleme, Fahnen usw. einfach draußen in der Landschaft entsorgt wurden, habe ich beim Herumstromern auch einen solchen Ausweis gefunden und behalten.

Meine Mutter konnte es dienstlich so einrichten, mittags zu Hause zu sein, damit meine jüngere Schwester Johanna und ich nicht zur ungeliebten Schulspeisung und in den Hort gehen mussten. Meine Mutter arbeitete später auch im »Elternaktiv« der Klasse mit, was ihr wegen ihrer kirchlichen Tätigkeit erst verwehrt worden war. Nur durch hartnäckigen Protest beim Direktor durfte sie als Gast an den Sitzungen teilnehmen.

Dass meine Familie einen anderen Weg als den üblichen einschlug, andere als in der Schule vermittelte Meinungen vertrat, wurde mir nach und nach bewusst. So kann ich mich noch daran erinnern, wie mein Vater mir gegenüber einmal offen das von mir geliebte Lesebuch, die »Fibel«, kritisierte. Dort waren tanzende Kinder aus verschiedenen Ländern des Ostblocks abgebildet, die in ihren folkloristischen Trachten Hand in Hand tanzten. Überschrift des Lesetextes war »Wir halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller befreundeter Länder«. Als ich den Text zu Hause vortrug, antwortete er aufgebracht: »Das ist Quatsch – wir halten mit den Kindern der ganzen Welt Freundschaft.« Ich war verblüfft, weil mir Kritik am Lehrstoff in der Schule bisher nicht begegnet war. Nichtsdestotrotz las ich gern auch zu Hause schon die schwereren Texte weiter hinten im Lesebuch, die später nach dem Zusammenbruch der DDR nicht mehr Stoff im Unterricht wurden. Bis 1991 benutzten wir schließlich DDRLehrbücher, und so kam ich noch in den privaten Genuss von Geschichten über »Teddy« Thälmanns Hilfsbereitschaft gegenüber den Hamburger Arbeiterkindern, Begegnungen mit Lenin, Brieffreundschaften mit sowjetischen Komsomolzen und einer Geschichte mit dem Titel »Mein großer Bruder ist Soldat«. Ich habe das damals gerne gelesen.

Ich habe mich und meine Familie in dieser Zeit als »anders« empfunden, hatte aber nicht das Gefühl, ausgeschlossen zu sein – schließlich war unser Leben ausgefüllt mit vielen Freunden und Aktivitäten. Eher habe ich mich als »besonders« gefühlt und war stolz, dass meine Eltern sich engagierten und bei uns immer viel los war. Da ich das damals aber nicht einordnen konnte und nur merkte, dass wir doch auf irgendeine Art am Rand der Gesellschaft stehen, habe ich meine Eltern damals einmal gefragt, ob wir denn eigentlich auch »Bürger« seien?

Das wurde natürlich bejaht.

Der Abend des 8. Oktober 1989 ist mir in besonders eindrücklicher Erinnerung geblieben.

Weil meine Mutter mit meiner Schwester bei einem Freundestreffen auf der Insel Hiddensee weilte und ich nicht allein zu Hause bleiben sollte, nahm mich mein Vater mit in die Georgengemeinde, wo ein Treffen der ÖAG stattfand. Vor dem Gemeindehaus trafen wir noch den erwachsenen Sohn einer befreundeten Familie, der noch einmal in die Gemeinde gekommen war, um sich von allen zu verabschieden. Er hatte gerade erfahren, dass er am kommenden Tag ausreisen kann. Das war ein emotionaler Moment, auch wenn ich als Kind, das ich war, diese häufiger werdenden Abschiede, die nun dauerhaft sein sollten, nicht begreifen konnte.

Im Gemeindehaus beschäftigte ich mich selbst und wurde später auf zwei zusammengeschobenen Stühlen zum Schlafen platziert. Schlafen konnte ich natürlich nicht, denn was besprochen wurde, versetzte mich in innerlichen Aufruhr. Mein Vater sprach mit den anderen das Vorgehen für den folgenden Tag ab, an dem nach dem Friedensgebet in der Marktkirche ein »Schweigen für Leipzig« auf dem Markt geplant war. Ich hörte, dass es zu Gewalt kommen könne und wie jeder dazu beitragen kann, dass alles friedlich abläuft. Dazu wurde auch ein Handzettel verbreitet, den mein Vater auf unserer Schreibmaschine getippt hatte und auf dem die wichtigsten Verhaltensregeln standen.

Am nächsten Tag, dem 9. Oktober – meine Mutter war noch nicht von ihrer Reise zurück –, ging ich nach der Schule in den nahe gelegenen kirchlichen Kindergarten, von wo aus ich später von meinem Vater abgeholt werden sollte. Ich war nicht das erste Mal die Letzte im Kindergarten gewesen, aber an diesem Tag kam er wirklich nicht. Schließlich wurde beschlossen, mich einer anderen Mutter mitzugeben, wo ich die Nacht verbringen sollte. Davon war ich wenig begeistert, wusste ich doch nicht, warum und wieso das so sein sollte. Außerdem war die Wohnung der hilfsbereiten Frau fast völlig leer, erst später erfuhr ich, dass auch sie mit ihrem kleinen Sohn kurz vor der Ausreise stand. Spät am Abend kam zu meiner großen Erleichterung doch noch jemand, um mich von dort abzuholen. Ein enger Freund der Familie hatte auf dem Weg aus der Marktkirche ins Freie, der durch ein Polizeispalier führte, erfahren, dass mein Vater schon am Vormittag verhaftet worden war.

Man hielt ihn für einen der Rädelsführer, und hatte ihn im Energiekombinat abgeholt. Nur mit energischem Auftreten konnte er durchsetzen, noch schnell den Pfarrer der Petruskirche telefonisch über seine »Zuführung« informieren zu können, der wiederum seinerseits diese Information weiterleitete.

Jedenfalls wurde ich erleichtert abgeholt und nach Hause gebracht, inzwischen war auch meine Mutter von der Ostsee eingetroffen. Sie war vom Bahnhof mit der Straßenbahn über den Markt gefahren und hatte die Prügelszenen und Verhaftungen, die sich dort abgespielt hatten, mitbekommen. Auch ich erfuhr nun von der Verhaftung, wurde beruhigt, sollte schlafen und am nächsten Morgen ganz normal in die Schule gehen.

Mein Vater wurde nach Mitternacht wieder auf freien Fuß gesetzt. Für die Freilassung der anderen Inhaftierten vom 9. Oktober in Halle wurde in der darauf folgenden Zeit eine ständige Mahnwache in der Georgengemeinde eingerichtet, an der wir regelmäßig teilnahmen. Die Mahnwache-Zeit habe ich in sehr guter Erinnerung, war doch trotz des Anlasses der Mahnwache die Stimmung insgesamt fröhlicher und gelöster. Dutzende Kinder, darunter ich, verwandelten Tor und Mauer der Gemeinde, die am »Knoten 46«, einer stark befahrenen Kreuzung, liegt, in ein Meer aus Kerzen und Wachs. Für uns Jüngere war das ein Amüsement vom Feinsten, wir durften immer neue Kerzen anzünden und aufstellen. Wir bejubelten die Autofahrer, die beim Vorbeifahren – trotz schnell von der Staatsmacht aufgestellten Hupverbotsschilds – hupten, und das waren nicht wenige.