Aufsuchende Soziale Arbeit -  - E-Book

Aufsuchende Soziale Arbeit E-Book

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Beschreibung

Dieses Buch widmet sich den Strukturmerkmalen und professionellen Erfordernissen Aufsuchender Sozialer Arbeit. Dafür wird zunächst ein eigenes Reflexionsmodell für Aufsuchende Hilfen vorgestellt, das systematisch das Dreieck aus Setting-, Adressierten- und Fachkräfteperspektive für die Aufsuchende Soziale Arbeit in den Blick nimmt. Anschließend werden die verschiedenen aufsuchenden Arbeitsweisen in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit beschrieben und die Anwendung des Reflexionsmodells anhand konkreter Praxisbeispiele erläutert. Auf diese Weise entsteht ein differenziertes und praxisnahes Bild von der Aufsuchenden Sozialen Arbeit, das die Spezifika der aufsuchenden Arbeitssituation und die speziellen Anforderungen an die Fachkräfte umfasst.

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Titelei

1 Einleitung

Teil I: Grundlagen

2 Begründung und Reflexion aufsuchender Arbeitsweisen

2.1 Anlässe für aufsuchende Arbeit

2.2 Grenz- und Sicherheitsaspekte

2.3 Reflexion im Dreieck: Setting – Besuchte – Besucher:innen

2.4 Entwicklungsnotwendigkeiten für die Praxis

3 Forschungsstand zur aufsuchenden Sozialen Arbeit

3.1 Einleitung

3.2 Aufsuchende Soziale Arbeit mit von Wohn- und Obdachlosigkeit betroffenen Menschen

3.3 Aufsuchende Arbeit mit Straßenkindern und Jugendlichen

3.4 Aufsuchende familienbezogene Arbeit

3.5 Aufsuchende Arbeit mit pflegenden Angehörigen

3.6 Aufsuchende Arbeit mit Sexarbeitenden

3.7 Aufsuchende Arbeit mit Landarbeitenden

3.8 Aufsuchende Arbeit im Rahmen von Katastrophenhilfe

3.9 Aufsuchende Soziale Arbeit in der Ausbildung

3.10 Fazit

Teil II: Praxisfelder und Fallbeispiele

4 Aufsuchende Hilfe im Sinne von Empowerment – Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB

®

)

4.1 Die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung – EUTB

®

4.2 Fallbeispiele

4.3 Kritische Reflexion der Fallverläufe

4.4 Schlussfolgerung

5 »Das Wesentliche läuft nebenbei«. Aufsuchende Familienbildung in familienrelevanten Sozialräumen

5.1 Das Handlungsfeld der Familienbildung

5.1.1 Familienbildung aus verschiedenen Perspektiven

5.1.2 Aufsuchende Familienbildung

5.2 Fallbeispiel: Familienbildung besucht Familien – Das Austausch-Café im Kulturpark

5.3 Kritische Reflexion: Das Austauch-Café im Dialog zwischen den Autorinnen

5.4 Schlussfolgerungen und Empfehlungen für aufsuchende Familienbildungsformate

6 »Am Anfang bist du der Gast auf der Hochzeit, den keiner eingeladen hat« – Das Arbeitsfeld der aufsuchenden Familientherapie

6.1 Vorbemerkung

6.2 Relevanz und Eigenlogiken der aufsuchenden Familientherapie

6.3 Fallbeispiel

6.4 Kritische Reflexion

6.5 Schlussfolgerungen: Handlungserfordernisse für die aufsuchende Familientherapie

6.6 Fazit und Ausblick

7 Aufsuchende Arbeit in der interdisziplinären Frühförderung am Beispiel der videogestützten Interaktionsberatung

7.1 Einleitung

7.2 Fallbeispiel: Familie L.

7.3 Kritische Reflexion der videogestützten Interaktionsberatung

7.4 Schlussfolgerungen und Handlungserfordernisse

8 »Denen redet man nur was ein« vs. »gut, dass Sie kommen« – Aufsuchende Beratung in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften für geflüchtete Menschen

8.1 Vorbemerkung

8.2 Versorgungsstrukturen und Angebotsentwicklung für geflüchtete Menschen

8.3 Das Vorgehen aufsuchender Arbeitsweisen mit geflüchteten Menschen – Fallvignetten

8.4 Kritische Reflexion der Fallvignetten

8.5 Schlussfolgerungen: Handlungserfordernisse für das Arbeitsfeld

9 »Egal, wie rausgeballert ich bin, die sind da«: Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung als aufsuchende Soziale Arbeit

9.1 Einleitung

9.2 Fallbeispiel

9.3 Kritische Reflexion des Fallverlaufs

9.3.1 Anlass und Beginn des Aufsuchens

9.3.2 Ziele des Aufsuchens

9.3.3 Rahmenbedingungen des Aufsuchens

9.3.4 Strategien des Aufsuchens

9.3.5 Gefahren und Grenzen des Aufsuchens

9.4 Schlussfolgerungen: Hilfen zur Erziehung unkonventionell denken und finanzieren

10 Mobile Jugendarbeit

10.1 Zum Arbeitsfeld

10.1.1 Formale Rahmung, Auftrag und Vereinnahmungsrisiko

10.1.2 Formen der Kontaktaufnahme

10.2 Fallbeispiel

10.2.1 Ausgangslage

10.2.2 Kontaktaufnahme

10.2.3 Projektverlauf

10.3 Kritische Reflexion des Fallverlaufs

10.4 Schlussfolgerungen: Handlungserfordernisse für die Mobile Jugendarbeit

11 Beratung in der aufsuchenden Pflege

11.1 Das Handlungsfeld Pflege

11.1.1 Aufsuchen aktiviert Ressourcen

11.1.2 Besuchte und Besuchende

11.2 Fallbeispiel Johannes Walle

11.3 Kritische Reflexionen zum Fall

11.4 Ausblicke: Weitung und Öffnung des bisherigen Pflegesystems

12 Hausbesuche im Kontext von rechtlicher Betreuung

12.1 Das Arbeitsfeld der rechtlichen Betreuung

12.1.1 Die Relevanz aufsuchender Arbeit im Arbeitsfeld der rechtlichen Betreuung

12.1.2 Welche Eigenlogiken weist das Arbeitsfeld auf?

12.2 Praxisbeispiel

12.3 Reflexion des Fallbeispiels

12.3.1 Die Vor- und Nachteile des Settings

12.3.2 Die Bewertung der Hilfe aus Sicht der besuchten Person

12.3.3 Die Bewertung der Hilfe aus Sicht der Helfenden

12.4 Metareflexion über das Gelingen/Misslingen der Hilfe und Schlussfolgerungen

13 »Wenn ich Sie nicht hätte!« Verstrickungen in der sozialpädagogischen Familienhilfe

13.1 Einleitung

13.2 Strukturelle und inhaltliche Anlässe der Sozialpädagogischen Familienhilfe

13.3 Falldarstellung

13.4 Kritische Reflexion des Fallverlaufs

14 Sozialpsychiatrischer Dienst und Hausbesuche – ambulante Beratung und Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen

14.1 Soziale Arbeit in der Sozialpsychiatrie – Bewegung zwischen Hilfe und Kontrolle

14.2 Laura Bernhard – »... und da dachte ich, Sie verfolgen mich jetzt!«

14.3 »Bei Laura Bernhard müssen wir einen Hausbesuch machen« – oder die Not nach umfassender Reflexion

14.4 Hausbesuch im sozialpsychiatrischen Tätigkeitsfeld – was heißt das?

15 Streetwork: Kommen und Gehen im öffentlichen Raum

15.1 Das Arbeitsfeld Streetwork

15.2 Kontrastive Fallbeispiele

15.3 Kritische Reflexion des Fallverlaufs: Modell

15.3.1 Kontextfaktoren des Aufsuchens in der Streetwork

15.3.2 Kontakt herstellen im öffentlichen Raum

15.3.3 Aufsuchen im Verlauf der Zusammenarbeit

15.4 Handlungserfordernisse für die Streetwork

16 Aufsuchende Hilfen in der Sucht- und Drogenhilfe

16.1 Soziale Arbeit in der Sucht- und Drogenhilfe

16.2 »Jeden Mittwoch um halb 11« – Falldarstellung von Vitali Kronig

16.3 »Wenn einmal eine Beziehung aufgebaut ist, wollen die gar nicht mehr gehen ...« – kritische Fallreflexion

16.4 Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die reflektierte Umsetzung aufsuchender Hilfen in der Sucht- und Drogenhilfe

17 Aufsuchende Arbeit in der Wohnungslosenhilfe

17.1 Die Lebenssituation von wohnungslosen Menschen

17.2 Die Wohnungslosenhilfe in Deutschland

17.3 Fallbeispiel

17.4 Kritische Reflexion des Fallverlaufs

17.5 Schlussfolgerungen

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Autor:innenverzeichnis

Die Herausgeber:innen

Matthias Müller, Dr. phil., Diplom-Sozialarbeiter/-Sozialpädagoge, Soziologe (Dr. phil.), Case Manager und Case Management Trainer (DGCC), Dialogischer Qualitätsentwickler (KK), ist Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik und Hilfen zur Erziehung an der Hochschule Neubrandenburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Aufsuchende Hilfen/Sozialpädagogische Familienhilfe, Familienbildung, Migration und Sozialarbeiterisches Case Management.

Barbara Bräutigam, Dr. phil., habil., Diplom-Psychologin, psychologische Psychotherapeutin, systemische Lehrtherapeutin (DGSF), Supervisorin (DGSv), integrative Kinder- und Jugendlichentherapeutin (EAG), ist Professorin für Psychologie, Beratung und Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind niedrigschwellige psychosoziale Beratung und Psychotherapie mit Familien sowie mit geflüchteten Menschen.

Matthias Müller,Barbara Bräutigam (Hrsg.)

Aufsuchende Soziale Arbeit

Grundlagen, Praxisfelder und Fallbeispiele

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

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1. Auflage 2024

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-040468-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-040469-4epub: ISBN 978-3-17-040470-0

1 Einleitung

Als wir 2011 das Buch »Hilfe, sie kommen! Systemische Arbeitsweisen im aufsuchenden Kontext« (M. Müller & Bräutigam 2011) über familienbezogene aufsuchende Hilfen herausbrachten, war es eines der wenigen Bücher im deutschsprachigen Raum, das sich explizit mit dieser in der Praxis der Sozialen Arbeit doch häufig eingesetzten Hilfeform theoretisch und einigermaßen systematisch auseinandersetzte. Zwölf Jahre später ist dieser Befund erstaunlicherweise immer noch ähnlich. Das vorliegende Buch »Aufsuchende Soziale Arbeit. Grundlagen, Praxisfelder und Fallbeispiele«, beschäftigt sich nun anhand konkreter Fallbeispiele mit den diversen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, in denen aufsuchendes Arbeiten praktiziert wird, und widmet sich den Anlässen, den Strukturmerkmalen und den professionellen Erfordernissen dieser Arbeitsweisen.

Im einleitenden Kapitel mit dem Titel »Begründung und Reflexion aufsuchender Arbeitsweisen« erläutern wir (Barbara Bräutigam & Matthias Müller) auf der Basis theoretischer und empirischer Erkenntnisse ein Reflexionsmodell für die Arbeit im aufsuchenden Kontext (▸ Kap. 1). Dieses Reflexionsmodell, das auf der Basis zweier Forschungsprojekte entwickelt wurde, fokussiert zunächst die Anlässe für die aufsuchende Arbeitsweise. Wir markieren damit, dass es aus unserer Sicht einer fundierten professionellen Begründung und Rechtfertigung für eine aufsuchende Arbeitsweise bedarf. Außerdem gilt es die Hilfebeziehung systematisch aus den Perspektiven des Setting-‍, der Klient:innen- und der Fachkräfte in den Blick zu nehmen und zu reflektieren. Diese Perspektiven weisen auf unterschiedliche Handlungserfordernisse in der aufsuchenden Praxis hin, die durchaus miteinander in Widerspruch stehen können und darum unserer Ansicht nach nicht primär agiert, sondern auch fachlich reflektiert werden müssen. Danach folgt ein Einblick in den »Forschungsstand zur aufsuchenden Sozialen Arbeit« von Isabel Creutzburg, Matthias Müller und Barbara Bräutigam (▸ Kap. 2). Der Beitrag pointiert die Heterogenität der Zielgruppen, aber auch die Diversität der Anforderungen in der aufsuchenden Arbeitsweise in den verschiedenen Handlungsfeldern.

Die folgenden Kapitel beschreiben in alphabetischer Reihenfolge die einzelnen Handlungsfelder, in denen die aufsuchende Arbeitsweise eine ausgewiesene Relevanz hat (▸ Teil II). Stilistisch sind die Beiträge durchaus unterschiedlich aufbereitet, inhaltlich folgen sie einer von uns als Herausgeber:innen vorgegebenen Struktur: Zunächst werden erstens die einzelnen Arbeitsfelder in ihrer Eigenlogik dargestellt, zweitens werden ein oder mehrere Fall- bzw. Praxisbeispiele beschrieben, die drittens kritisch reflektiert werden, um dann viertens daraus übergreifende Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die reflektierte Umsetzung aufsuchender Hilfen im jeweiligen Arbeitsfeld zu benennen. Dabei wird mehr oder weniger systematisch auf das von uns im Beitrag »Begründung und Reflexion aufsuchender Arbeitsweisen« dargestellte Reflexionsmodell zurückgegriffen.

Im Beitrag über »Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB®)« erläutern Anke Kampmeier und Annika Schmalenberg eine Beratungsform, bei der das Peer-Counseling im Fokus steht, und diskutieren die Fragestellung, ob es für die EUTB® von Vorteil ist, aufsuchend zu arbeiten oder ob dies in diesem Arbeitsfeld kontraproduktiv ist (▸ Kap. 4). Anja Lentz-Becker und Conny Römisch beleuchten die Besonderheiten aufsuchender Familienbildungsangebote und wie auf diese Weise insbesondere Familien mit jungen Kindern erreicht werden können (▸ Kap. 5). Im Gespräch zwischen Karin Bracht und Barbara Bräutigam wird ein Fall einer aufsuchenden Familientherapie im Zwangskontext beschrieben und dabei der Weg von einem anfänglich recht dysfunktionalen Familiensystems sowie einer sich nur mühsam etablierenden Hilfebeziehung zu einer konstruktiven Zusammenarbeit reflektiert (▸ Kap. 6). Im Beitrag von Sophie Friederich und Franziska Ullrich wird die aufsuchende Arbeit in der interdisziplinär angelegten Frühförderung anhand der videogestützten Interaktionsanalyse dargestellt und insbesondere das triadische Wirken von Setting, Klient:innen und Helfenden reflektiert (▸ Kap. 7). Das Thema der aufsuchenden Beratung mit geflüchteten Menschen in Gemeinschafts- und Erstaufnahmeeinrichtungen wird von Florian Harder, Christine Krüger, Jana Michael, Marie Ortmann und Barbara Bräutigam aufgegriffen; sie thematisieren die Herausforderung, auch unter schwierigen Bedingungen Menschen in Unterkünften anzusprechen und durch entstigmatisierende Ansprache ein Gesprächsangebot zu formulieren (▸ Kap. 8). Auch die Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE) nutzt das aufsuchende Arbeiten, um in einem eigentlich sehr schwer zugänglichen Feld der Hilfen niedrigschwellig zu agieren – mit diesem und anderen Dilemmata setzen sich Matthias Lindner und Vera Taube in ihrem Beitrag auseinander (▸ Kap. 9). Thomas Markert und Philipp Blank widmen sich hingegen dem Spannungsverhältnis zwischen Aufsuchen des bzw. Eindringen in den Sozialraum am Beispiel der Mobilen Jugendarbeit (▸ Kap. 10). Andrea Rose und Renate Zwicker-Pelzer schildern die Arbeitsweise aufsuchender Beratung in komplexen und schwierigen Pflegesituationen, die die verstärkte Zusammenarbeit aller sozialen Berufe erfordert (▸ Kap. 11). Der Beitrag von Katharina Winkler befasst sich mit Hausbesuchen im Kontext rechtlicher Betreuung, greift insbesondere die strukturellen Anlässe von Hausbesuchen auf und beschäftigt sich mit methodischen Alternativen im Falle einer Ablehnung durch Klient:innen (▸ Kap. 12). Die Balancehaltung zwischen professioneller Nähe und Distanz reflektieren Matthias Müller und Sarah Mathwig beim aufsuchenden Arbeiten im Rahmen der Sozialpädagogischen Familienhilfe (▸ Kap. 13). Lisa Große und Elisabeth Augart widmen sich Hausbesuchen im Kontext der Tätigkeit des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SpDi) und setzen sich kritisch mit den unterschiedlichen Anlässen, in diesem Arbeitsfeld aufsuchend zu arbeiten, auseinander (▸ Kap. 14). Stefan Seehaber und Vera Taube thematisieren die Herausforderungen aufsuchender Arbeitsweise im Rahmen von Streetwork, bei der die oft nicht an einen festen Ort gebundene Zielgruppe permanente Bemühungen um Kontakt und Beziehung erfordert (▸ Kap. 15). Ines Arendt und Bianca Weil beschreiben das Feld aufsuchenden Arbeitens in der Sucht- und Drogenhilfe, das die Fachkräfte an die Schnittstelle zwischen klinischen, gesundheitsbezogenen und sozialen Fragen führt und interdisziplinäres Handeln erfordert (▸ Kap. 16). Zu guter Letzt stellen Anna Gamperl und Karsten Giertz den anspruchsvollen Vertrauens- und Kontaktaufbau bei und die weiteren Spezifika der aufsuchenden Arbeit in der Wohnungslosenhilfe dar (▸ Kap. 17).

Wir hoffen, dass wir mit diesem Fallbuch zu den aufsuchenden Arbeitsweisen in den Handlungsfeldern Sozialer Arbeit zu einer Veranschaulichung des in der Regel sehr komplexen und manchmal auch diffusen Bedingungsgefüge aufsuchenden Arbeitens in den diversen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit beitragen. Wir möchten uns an dieser Stelle sehr herzlich bei allen Autor:innen bedanken, die sich allesamt bereitwillig darauf eingelassen haben, einen sehr konkreten Einblick in ihre Praxis zu gewähren und diese kritisch zu reflektieren. Ganz persönlich glauben wir, dass aufsuchende Arbeitsweise eine der, wenn nicht die wichtigste Form niedrigschwelliger und lebensweltorientierter Unterstützungsweisen darstellt, die aber kontinuierlich in ihrer professionellen Ausgestaltung weiterentwickelt und hinsichtlich ihrer Anlässe differenzierter eingesetzt werden muss. Vorliegendes Buch leistet dazu unseres Erachtens einen Beitrag und wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre!

Im Juli 2023Matthias Müller & Barbara Bräutigam

Literatur

Müller, M. & Bräutigam, B. (Hrsg.) (2011): Hilfe, sie kommen! Systemische Arbeitsweisen im aufsuchenden Kontext. Heidelberg: Carl Auer.

Teil I: Grundlagen

2 Begründung und Reflexion aufsuchender Arbeitsweisen

Barbara Bräutigam & Matthias Müller

2.1Anlässe für aufsuchende Arbeit

2.2Grenz- und Sicherheitsaspekte

2.3Reflexion im Dreieck: Setting – Besuchte – Besucher:innen

2.4Entwicklungsnotwendigkeiten für die Praxis

Während es durchaus üblich ist, genauer zu begründen, warum es sinnvoll ist, dass Menschen für Hilfeprozesse in stationäre Settings (z. B. Heimeinrichtung oder Klinik) untergebracht werden, scheint dies bei aufsuchenden Hilfen nicht unbedingt der Fall zu sein. Die aufsuchende Arbeitsweise hat sich in der Sozialen Arbeit und der psychosozialen Praxis mittlerweile fest etabliert und hat sich zugleich mit Blick auf die Indizierung des Einzelfalles zu einer weitgehend begründungsfreien Selbstverständlichkeit entwickelt. Im Folgenden wollen wir ein von uns ehemals im Kontext des familienbezogenen Hausbesuchs empirisch entwickeltes Begründungsmodell (Lüngen et al. 2015) aus der Sicht der Helfer:innen für die aufsuchende Arbeitsweise vorstellen. Auch wenn die empirische Basis des Modells sich auf dieses spezielle aufsuchende Setting bezieht, so halten wir das Modell für geeignet, um damit zu reflektieren, inwiefern eine aufsuchende Arbeitsweise auch in anderen Kontexten sinnvoll bzw. gerechtfertigt ist. Die Wahl des Hilfesettings soll damit aus unserer Sicht nicht dem Zufall der Praxisvollzüge überlassen werden, sondern darüber hinaus in den Blick nehmen, dass den Nutzer:innen erläutert werden kann, warum überhaupt aufsuchend gearbeitet werden soll und dass sie jenseits eines Zwangskontexts mitentscheiden können, ob Fachkräfte regelmäßig in ihrem sozialen Nahbereich auftauchen sollen oder nicht.

Die konzeptuelle Anlage dieses Buches folgt drei Grundannahmen. Erstens gehen wir davon aus, dass die aufsuchende Arbeitsweise – insbesondere in persönlichen Nahbereichen – begründet werden muss und eben keine begründungsfreie Selbstverständlichkeit ist. Zum Zweiten ist die aufsuchende Arbeitsweise ein eigenes Setting mit spezifischen und sich aus dem Setting ergebenden Besonderheiten, die professionell gehändelt werden müssen. Aus den ersten beiden Annahmen leitet sich die dritte Annahme ab, die besagt, dass sich im reflexiven Umgang mit den Anlässen und den Besonderheiten der aufsuchenden Arbeitsweise die professionelle Arbeitsweise der Fachkräfte in der Praxis zeigt. Diesen Annahmen folgend stellen wir in diesem Beitrag zunächst Anlässe und deren Begründung für die aufsuchende Arbeitsweise vor (▸ Kap. 2.1). Dann werden Sicherheits- und Grenzaspekte pointiert, die für das aufsuchende Setting im Allgemeinen relevant sind (▸ Kap. 2.2). Abschließend wird ein Reflexionsmodell für die aufsuchende Praxis vorgestellt. Dieses soll Fachkräfte darin unterstützen, ihre professionelle Expertise in der aufsuchenden Arbeit zu differenzieren und zu entwickeln (▸ Kap. 2.3). Alle diese Aspekte haben wir bereits ausführlich in zuvor erschienen Artikeln ausgearbeitet (Bräutigam et al. 2022, Bräutigam et al. 2020, Lüngen et al. 2016, Lüngen et al. 2015, Lüngen et al. 2014). Der Text endet mit einigen kurz pointierten Entwicklungsnotwendigkeiten für die Praxis (▸ Kap. 2.4).

2.1 Anlässe für aufsuchende Arbeit

Gerade weil sich aufsuchende Arbeit zu einer organischen Selbstverständlichkeit der Praxis Sozialer Arbeit entwickelt hat, ist ihre Indizierung sowie eine differenzierte Begründung unüblich und kaum in der Praxis vorhanden. Um den systematischen Einsatz und auch die Rechtfertigung von aufsuchenden Arbeitsweisen besser in den Blick zu nehmen, nutzen wir das Modell der Triangulation (Simon 1993, Conen 1999, Kähler 2005), das dazu dienen soll, die Anlässe für die aufsuchende Arbeitsweise zu systematisieren, zu präzisieren und ein differenzierteres Verständnis dafür zu entwickeln, in welchen Fällen das aufsuchende Setting indiziert ist oder eben auch nicht.

Dafür fokussieren wir zunächst auf die Helfer:innen-Klient:innen-Dyade. In der Helfer:innen-Klient:innen-Dyade wird die Hilfe in einem interaktiven Hilfeprozess kreiert und es wird bestimmt, was in der Hilfe thematisiert wird bzw. nicht thematisiert werden kann oder darf (Bräutigam & M. Müller 2014). Im Modell der Triangulation wird nun davon ausgegangen, dass es externe Wirkkräfte – ein signifikantes Drittes – gibt, die so auf die Helfer:innen-Klient:innen-Dyade wirken, dass sie den interaktiven Hilfeprozess wesentlich beeinflussen können (Conen 1999). Dies ist typischer Weise in der Arbeit im Zwangskontext der Fall (Conen 1999), in dem z. B. rechtliche Regelungen in Kinderschutzfällen (z. B. § 1666 BGB, § 8a SGB VIII) von so großer Relevanz sind, dass sich die interaktive – dyadische – Hilfegestaltung nicht mehr von diesem signifikanten dritten Wirkfaktor entkoppeln lässt. Der Hilfeprozess richtet sich vielmehr an diesem signifikanten dritten Wirkfaktor aus und beeinflusst somit entscheidend die Hilfeprozess-Interaktion (▸ Abb. 2.1).

Abb. 2.1:Modell der Triangulation nach Conen (bereits veröffentlicht in Lüngen et al. 2015, S. 231)

Im Modell der Triangulation sind die strukturellen und inhaltlichen Anlässe für aufsuchende Arbeitsweisen aus unserer Sicht von signifikanter Bedeutung für die Gestaltung der Helfer:innen-Klient:innen-Dyade; sie bestimmen als »signifikantes Drittes« das Setting, in dem der interaktiv hergestellte Hilfeprozess der Helfer:innen-Klient:innen-Dyade kreiert werden soll (ausführlich Lüngen et al. 2015).

Die inhaltlichen Anlässe implizieren in den betreffenden Fällen einen Mehrgewinn des aufsuchenden Settings im Vergleich zu anderen höherschwelligen Hilfeformen. Sie ermöglichen »einen a) erleichterten Hilfeanschluss, b) einen höheren Informationsgewinn, c) eine Steigerung des Empathievermögens, d) einen verstärkten Praxistransfer und e) mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten für Klient:innen« (Lüngen et al. 2015, S. 237). Durch die inhaltlichen Anlässe erhoffen sich die Helfenden eine adäquatere und ein an den Lebensalltag der Betroffenen stärker angepasstes Hilfsangebot anbieten und realisieren zu können. Der aufsuchende Zugang wird dann generell als Faktor gesehen, die Hilfe passender und lebensweltnäher zu gestalten: Die Klient:innen erleben die Mühe des Besuchs durchaus als Wertschätzung und Interesse an ihrer Lebenswelt und die Helfenden können sich besser in die reale Lebenssituation der Besuchten einfühlen (ebd.). Diese Dynamiken werden insbesondere in den in diesem Buch beschriebenen Arbeitsfeldern der aufsuchenden Familientherapie sowie der aufsuchenden Arbeit mit wohnungslosen und geflüchteten Menschen deutlich. Auch in Bezug auf die ergänzende und unabhängige Teilhabeberatung merken Kampmeier und Schmalenberg in diesem Buch an: »Das aufsuchende Setting ist als Option der EUTB® eine Bereicherung hinsichtlich der Niedrigschwelligkeit und bietet in manchen Aspekten über die Beratungsinhalte hinausgehende Erkenntnisse, z. B. hinsichtlich Wohnumfeldbesichtigungen oder der Anwesenheit als Vertrauensperson bei behördlichen Besuchen« (▸ Kap. 4.4). Ein weiterer inhaltlicher Anlass kann aber auch die Kontrolle wie z. B. bei der Sozialpädagogischen Familienhilfe (▸ Kap. 13) darstellen. Unklar bleibt häufig, wie offen dieser kontrollierende Aspekt der aufsuchenden Hilfe zwischen Fachkraft und Klient:in besprochen werden. Dabei kann deutlich unterschieden werden, ob die Kontrolle als Teil der Hilfe von den Klient:innen als unterstützend verstanden und aktiv eingefordert wird oder ob es sich um eine von einem signifikanten Dritten (z. B. Gericht) auferlegte Kontrolle handelt (Conen 1999). Letztere bedingt eine andere fachliche Herangehensweise, weil dieser von den Klient:innen als nicht helfender Zwang erlebt werden kann. Auch wenn dieser Zwang angeraten sein kann, muss er dann auch als solcher kommuniziert und in den Hilfeprozess integriert werden (▸ Abb. 2.2).

Abb. 2.2:Modell der Triangulation für inhaltliche Hilfeanlässe (bereits veröffentlicht in Lüngen et al. 2015, S. 232)

Setzt man die »strukturellen Anlässe« an die Stelle des »signifikanten Dritten«, hat auch dies Auswirkungen auf die Hilfe-Dyade. Die strukturellen Anlässe für das Erbringen von aufsuchenden Hilfen, erfolgen primär aus kompensatorischen Gründen:

a.

weil sie wie z. B. im Kontext der aufsuchenden Arbeit im Suchtbereich (▸ Kap. 16) die einzig möglich erscheinende Form des Hilfezugangs darstellen,

b.

weil sie eine wirksame Form der Vorbeugung darstellen und

c.

weil sie mangelnde Infrastruktur ausgleichen.

Die Kompensation fehlender geeigneter Rahmenbedingungen und der sich daraus abgeleitete Anlass für eine aufsuchende Arbeitsweise, wirkt so aus unserer Sicht bedeutend auf den Hilfeprozess, der zwischen Helfer:in und Klient:in kreiert wird (▸ Abb. 2.3).

Abb. 2.3:Modell der Triangulation für strukturelle Hilfeanlässe (bereits veröffentlicht in Lüngen et al. 2015, S. 238)

Es gilt also zunächst zu eruieren, ob sich die Hilfeerbringung im sozialen Nahbereich der Klient:innen auf einen (oder mehrere) strukturellen oder inhaltlichen Anlass begründet. Dem Anlass entsprechend sollten die Helfer:innen die aufsuchende Arbeit planen und durchführen. Schwierigkeiten können vermutlich entstehen, wenn der vermeintliche Anlass zur Durchführung der Hilfe im sozialen Nahbereich der Klient:innen inkongruent ist. Bei der Begründung des Settings anhand eines strukturellen oder inhaltlichen Anlasses ist somit eine Klarheit herzustellen und zugleich gründlich zu reflektieren, ob der Anlass überhaupt eine aufsuchende Arbeitsweise rechtfertigt.

Möglich ist natürlich auch eine Mischung aus beiden Bereichen, da es sowohl strukturelle wie auch inhaltliche Anlässe für die aufsuchende Arbeitsweise gibt. Hierbei müsste dann immer wieder reflektiert werden, um was für einen Anlass es sich in der aktuellen Situation gerade handelt und zu wessen Gunsten dieser existiert.

Für die Begründung des aufsuchenden Arbeitens bleibt die Frage offen, wie es zu bewerten ist, wenn weder ein struktureller noch ein inhaltlicher Anlass besteht? Falls das Setting weder mit dem einen noch mit dem anderen Anlass erklärt werden kann und die Hilfe dennoch durchgeführt werden soll, stellt sich die Frage, ob weitere Optionen als die zwei hier thematisierten existieren, um die Hilfe zu begründen (Wild Card). Gleichwohl stellt sich aber auch die Frage, ob in Situationen, in denen die Hilfe im aufsuchenden Setting nicht strukturell oder inhaltlich begründet werden kann, überhaupt durchgeführt werden sollte (▸ Abb. 2.4).

Abb. 2.4:Modell der Triangulation für strukturelle Hilfeanlässe (bereits veröffentlicht in Lüngen et al. 2015, S. 243)

2.2 Grenz- und Sicherheitsaspekte

Die aufsuchende Arbeitsweise erzeugt für die Helfenden und die Adressat:innen im Unterschied zu anderen Arbeitssettings der Sozialen Arbeit spezifische grenzbezogene Themen (ausführlich Lüngen et al. 2016) sowie spezifischen Unsicherheiten und Unklarheiten (ausführlich Lüngen et al. 2014).

Das aufsuchende Arbeit konfrontiert die Helfer:innen mit grenzbezogenen Themen, die sich u. a. auch in lebensweltlichen Dimensionen zeigen und die die Einhaltung bzw. die potenzielle Übertretung von Grenzen sowohl bei den Helfenden als auch bei den Nutzer:innen betreffen. Bildlich ist bereits der Schritt über die Türschwelle eine erste Auseinandersetzung mit dem Umgang eigener Grenzen und denen des Gegenübers, wie dies sehr deutlich anhand der Hausbesuche des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SpDi) im Beitrag von Große und Augart in diesem Buch herausgearbeitet wird (▸ Kap. 14).

Wir unterscheiden hier zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Grenzerfahrungen (ausführlich Lüngen et al. 2016). Biologische Grenzerfahrungen sind unserem Verständnis nach in der aufsuchenden Arbeit dann gegeben, wenn es sich um leibbezogene Themen handelt. Dies ist z. B. der Fall,

wenn die Helfenden Essen und Trinken angeboten bekommen (▸ Kap. 13), die angenommen oder abgelehnt werden können,

wenn die körperliche Unversehrtheit bedroht ist, weil die Fachkräfte real bedroht werden oder sie in einem Bedrohungsgefühl sind (▸ Kap. 15) oder

wenn unterschiedliche Sauberkeits- und Hygienepraktiken und -vorstellungen eine Rolle spielen, denen die Fachkräfte nicht ausweichen können (▸ Kap. 16).

Das persönliche Sauberkeitsempfinden und die eigenen Hygienevorstellungen sind bei den aufsuchenden Hilfen durchaus eine zu händelnde Hürde für die Fachkräfte; so wird das auch von Arendt und Beil im Beitrag zur aufsuchenden Sucht- und Drogenhilfe eindrucksvoll beschrieben. Dazu gehören auch die olfaktorischen Grenzen, an die die Fachkräfte geraten können.

Mit psychologischen Grenzerfahrungen sind insbesondere die gemeint, die die Emotionsregulation tangieren und zu einer innerlichen Abgrenzung führen oder auch zu einer emotionalen Überflutung beitragen können. Es geht somit um die settingbedingten Gefahren der sogenannten Verstrickung mit den Klient:innen, die beispielsweise auch durch die Aktivierung biographischer Muster der Helfer:innen entstehen können (▸ Kap. 13), sowie darum, innere Abgrenzungsbedürfnisse nach außen hin zu verdeutlichen.

Die sozialen Grenzen beziehen sich auf die Interaktion zwischen Fachkräften und Klient:innen. Eine erste zu nehmende Hürde in der aufsuchenden Arbeitsweise stellt die Annahme der Hilfe durch die Klient:innen dar. Verweigern sie den Kontakt im sozialen Nahbereich, in dem sie beispielsweise die Tür nicht öffnen, sind die Helfer:innen mit einer massiven Interaktionsstörung konfrontiert – sie erleben sich als unerwünschte Eindringlinge, deren Erscheinen verhindert werden muss (▸ Kap. 7).

Die Sicherheitsfrage im Rahmen der aufsuchenden Arbeitsweise (ausführlich Lüngen et al. 2014) hat für die Praktiker:innen in Deutschland einen Stellenwert, den der Fachdiskurs bislang kaum abbildet. Die Beschäftigung mit und die Schulung in »Risk Management« für Fachkräften, die aufsuchend arbeiten, ist im angloamerikanischen Raum durchaus üblich (vgl. Buley et al. 2017). In Deutschland hingegen werden Sicherheitsaspekte aufsuchender Arbeitsweisen im psychosozialen Bereich im Fachdiskurs nach wie vor kaum thematisiert; für Praktiker:innen in der aufsuchenden Arbeitsweise hat dieses Thema allerdings einen relevanten Stellenwert. Dabei geht es u. a. um die Sorge vor möglichen Übergriffen durch Klient:innen. Helfer:innen, die in der aufsuchenden Arbeit tätig sind, haben es immer wieder mit neuen Situationen, Räumen und Orten zu tun. Sicherheit, die durch die gewohnte Umgebung des eigenen Büros gegeben werden kann, entfällt für diese Helfer:innen, des Weiteren ist in der Regel nicht systematisch gesichert, dass Kolleg:innen wissen, wo sich die Fachkraft der aufsuchenden Arbeit aktuell befindet. Aufsuchend arbeitende Fachkräfte sind daher in der Regel mehr auf sich allein gestellt als Kolleg:innen, die in einem Büro arbeiten und für die zumeist die Möglichkeit besteht, sich mit einem:einer Kolleg:in in einer Pause kurz auszutauschen oder gar einen geregelten Ablauf in sicherheitsrelevanten Krisensituationen abzusprechen und festzulegen. Die aufsuchende Arbeit beinhaltet somit heterogener Unsicherheiten, mit denen der:die Helfer:in umgehen und die er:sie bewältigen muss. Idealerweise ist die Fachkraft sogar darauf vorbereitet und wird in der Vorbereitung auf Gefahrensituationen durch den Träger, bei dem sie beschäftigt sind, unterstützt.

2.3 Reflexion im Dreieck: Setting – Besuchte – Besucher:innen

Unabhängig vom Anlass sollte die aufsuchende Arbeitsweise unserer Auffassung nach beständig reflektiert werden, da die strukturellen Merkmale und ebenso die inhaltlichen Anlässe sich kontinuierlich auf die Arbeitssituation der Fachkräfte, aber auch die Hilfesituation und die Klient:innen auswirken (ausführlich Bräutigam et al. 2020). Sie sind zudem nicht beständig und können an Bedeutung verlieren oder gewinnen. Die aufsuchende Arbeitsweise ist insgesamt weniger steuerbar und beeinflusst als äußerst lebendiges Setting in erheblichem Maße den Hilfeprozess.

Im Zentrum der Reflexion steht die Hilfe-Beziehung zwischen den Helfenden sowie den Klient:innen. Die Reflexion bezieht die Gegebenheiten des Settings sowie die Perspektive der Klient:innen und die Sicht der Fachkräfte ein. Mögliche zu reflektierende Themen sind der Umgang mit Grenzen, Störungen oder auch die Behandlung von ethischen und sicherheitsrelevanten Aspekten. Für die Umsetzung muss zunächst entschieden werden, welches Thema reflektiert werden soll.

So bestände z. B. eine Möglichkeit darin, das Thema Intimität aus der Perspektive des aufsuchenden Settings zu reflektieren. Hier könnte darüber nachgedacht werden, ob besonders zu respektierende intime Orte identifiziert werden können (z. B. das Schlafzimmer oder das Zelt, ▸ Kap. 9) und wie damit umgegangen werden sollte, wenn diese auf einmal im Hilfezusammenhang relevant werden, z. B. wenn die Klientin nicht mehr das Bett verlassen will oder das Zelt betreten werden müsste. Wenn das Thema Grenzen aus der Perspektive des aufsuchenden Settings in den Blick genommen wird, könnte darüber nachgedacht werden, ob angebotene Getränke angenommen werden sollten oder nicht. Bei dem Thema Störungen kann überlegt werden, wie mit einem laufenden Fernseher umzugehen ist, und bei ethischen Aspekten, ob und unter welchen Umständen ein Geschenk anzunehmen oder abzulehnen ist. Beim Thema Sicherheit können aus der Perspektive des aufsuchenden Settings die settingbedingten Sicherheitsrisiken wie z. B. freilaufende Hunde, unklarer Waffenbesitz, Drogen etc. besprochen werden. Bei der Beschäftigung mit der Perspektive der Klientel könnten mögliche sicherheitsbezogene Themen der Klient:innen herauskristallisiert werden – so z. B. die Furcht vor einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie und der damit einhergehende Sicherheitsverlust bezüglich der Selbstbestimmung – und somit ein Verständnis und eine Annäherung an die Klientel erfolgen. Die Fokussierung aus der Perspektive der Helfenden rückt beispielsweise die eigenen individuellen und biographischen Erfahrungen mit gefährlichen und/oder unkontrollierten Situationen oder angsteinflößende spezifische Persönlichkeitsmerkmalen der Klient:innen in den Blick. Die Perspektive der Klient:innen sowie der Helfenden schließt somit stärker an die subjektiven Sicht- und Verarbeitungsweisen der Hilfebeteiligten an als die Settingperspektive.

Abb. 2.5:Reflexion im Dreieck: Setting – Klient:innen – Helfer:in (bereits veröffentlicht in Bräutigam et al. 2020, S. 582)

Die Begründung der aufsuchenden Arbeitsweise ist also genau so dynamisch wie die Hilfe selbst und unterliegt damit einer grundsätzlichen Veränderbarkeit. Vor diesem Hintergrund sollten die Anlässe kontinuierlich im Hilfeprozess reflektiert werden, um prozessorientiert zu überprüfen, ob die inhaltlichen und/oder strukturellen Anlässe häuslicher familienbezogener Hilfen weiter vorliegen. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass eine Veränderung des Hilfeanlasses dann auch das Hilfearrangement verändert bzw. wenn sich im Laufe der Hilfe herausstellt, dass der Hilfezugang gar nicht mehr indiziert ist, die Hilfe auch beendet werden sollte. Die anfängliche und kontinuierliche Überprüfung der Anlässe für die aufsuchenden Arbeitsweisen scheint vor allem auch deshalb relevant, weil bei allem Potential des Hilfezugangs zu selten der Blick auf das ebenfalls vorhandene Potential an Nebenwirkungen gerichtet wird (wie z. B. Grenzüberschreitungen, vgl. Märtens & Campbell, 2011).

2.4 Entwicklungsnotwendigkeiten für die Praxis

Die hier vorgestellten Sichtweisen auf die aufsuchende Arbeit basiert ausschließlich auf den Einschätzungen von Fachkräften und Expert:innen. In diesem Buch werden die aufsuchenden Arbeitsweisen in den verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit aus Sicht von Fachkräften oder/und Menschen aus der Wissenschaft beschrieben. Die Sicht der Klient:innen ist somit nicht systematisch berücksichtigt. Es ist aus unserer Sicht daher notwendig, zukünftig systematischer die Stimme der ›Besuchten‹ in die Reflexion der Hilfen miteinzubeziehen und kontinuierlich die aufsuchende Arbeit anhand von regelmäßig erhobenem Feedback qualitativ weiterzuentwickeln. Für diesen Bereich fehlen praktikable Evaluationsinstrumente, die weder die Fachkräfte noch die Klient:innen überfordern und die aber für die Verbesserung von adäquaten settinggerechten und wirksamen Hilfsangeboten dringend benötigt werden.

Literatur

Buley, N., Copland, E. & Hodge, S. (2017): Home Treatment Accreditation Scheme (HTAS). Standards for Home Treatment Teams – Third Edition. London: Royal College of Psychiatrists' Center for Quality Improvement. Online verfügbar unter: https://www.rcpsych.ac.uk/docs/default-source/improving-care/ccqi/quality-networks/htas/htas-standards-third-edition-2017.pdf?sfvrsn=9cb46892_2#:~:text=HTAS%20aims%20to%20ensure%20that,with%20fair%20access%20for%20all., Zugriff am 21. 07. 2023.

Bräutigam, B, Lüngen, S. & Müller, M. (2020): Home Visiting Work: A Transdisciplinary Study. Research on Social Work Practice, 30 (5), 576 – 584. DOI: 10.1177/1049731519898759

Bräutigam, B. & Müller, M. (2014): Aufsuchende Hilfen. In: T. Levold & M. Wirsching (Hrsg.): Systemische Therapie und Beratung. Das große Lehrbuch (S. 435 – 438). Heidelberg: Carl Auer.

Bräutigam, B., Müller, M. & Große, L. (2022): Hausbesuche und aufsuchende Hilfen im Kontext der qualifizierten Assistenz. In: K. Giertz, L. Große & D. Röh (Hrsg.): Soziale Teilhabe professionell fördern. Grundlagen und Methoden der qualifizierten Assistenz (S. 214 – 224). Köln: Psychiatrie Verlag.

Conen, M.-L. (1999): »Unfreiwilligkeit« – ein Lösungsverhalten. Zwangskontexte und systemische Therapie und Beratung. Familiendynamik, (24) 3, 282 – 297.

Kähler, H. (2005): Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann. München: Reinhardt.

Lüngen, S., Müller, M. & Bräutigam, B. (2015): Strukturelle und inhaltliche Anlässe für den Einsatz häuslicher Familienbezogener Hilfen. KONTEXT, 46 (3), 227 – 246.

Lüngen, S., Müller, M. & Bräutigam, B. (2016): »Kaffee, Kekse, Katzenallergie«. Umgang mit Grenzen, Grenzerfahrungen und Abgrenzungsbedürfnissen in den Hilfen im häuslichen Setting. Neue Praxis, 46 (1), 67 – 82.

Lüngen, S., Müller, M., Hankel, K. & Bräutigam, B. (2014): »... da sind da die Tassen geflogen und ich mitten drin ...«. Wie sicher empfinden aufsuchende Helfer_innen ihre Arbeit im häuslichen Setting? Zeitschrift für Sozialpädagogik, 12 (4), 403 – 425.

Simon, F. B. (1993): Unterschiede, die Unterschiede machen. Frankfurt: Suhrkamp.

3 Forschungsstand zur aufsuchenden Sozialen Arbeit

Isabel Creutzburg, Matthias Müller & Barbara Bräutigam

3.1Einleitung

3.2Aufsuchende Soziale Arbeit mit von Wohn- und Obdachlosigkeit betroffenen Menschen

3.3Aufsuchende Arbeit mit Straßenkindern und Jugendlichen

3.4Aufsuchende familienbezogene Arbeit

3.5Aufsuchende Arbeit mit pflegenden Angehörigen

3.6Aufsuchende Arbeit mit Sexarbeitenden

3.7Aufsuchende Arbeit mit Landarbeitenden

3.8Aufsuchende Arbeit im Rahmen von Katastrophenhilfe

3.9Aufsuchende Soziale Arbeit in der Ausbildung

3.10Fazit

3.1 Einleitung

Aufsuchende Soziale Arbeit setzt nach Arbogast (2021) dort an, wo Hilfsbedürftige die bestehende Hilfs- und Beratungsangebote in Komm-Strukturen nicht für sich beanspruchen können. Da, wo die Art der Aufnahme von Kontakt und Gestaltung der Beziehung in hochschwelligeren Hilfsangeboten eine Bevölkerungsgruppe nicht erreicht oder anspricht, bekommt die sogenannte Geh-Struktur Bedeutung. Die Schwierigkeit zu eindeutigeren Definitionen zu gelangen, verdeutlicht das folgende Zitat zur aufsuchenden Arbeit: »Meist synonym zum Terminus Streetwork verwendet und möglicherweise vom englischen ›outreach work‹ abgeleitet« (Diebäcker & Wild 2020, S. V). Zunehmend scheint sich der Begriff der aufsuchenden Arbeit als »handlungsfeld-übergreifender Fachbegriff zu etablieren, unter dem sich mobile und herausreichende Angebote, Streetwork- und Outreach-Projekte sowie auch stadtteil- und gebietsbezogene Praxen versammeln« (ebd., S. VI). Zum Teil wird unter aufsuchender Arbeit auch verstanden mit Hard-to-reach-Klientel zu arbeiten: »it is about ›reaching out‹ to ›hard to reach people‹« (Brackertz 2007, zit. nach Andersson & Minas 2020, S. 256). Somit bezieht man sich dann im sozialen Dienstleistungskontext auf versteckte und unterversorgte Bevölkerungsgruppen, die das Sozialsystem nicht erreicht. Ziel ist es, dass marginalisierte oder von sozialem Ausschluss bedrohte Menschen »auf sozialstaatliche Unterstützung und Ressourcen zugreifen können« (Diebäcker & Wild 2020, S. 1).

Um in Erfahrung zu bringen, auf welchen Arbeits- und Handlungsfeldern aufsuchende Soziale Arbeit im nationalen und internationalen Raum erforscht wird und welche empirischen Ergebnisse dazu vorliegen, wurde ein systematisches Review erstellt. Dieses verfolgte das Ziel, Erkenntnisse des aktuellen nationalen und internationalen Forschungsstands von aufsuchenden Beratungs- und Hilfeformen im Zeitraum von 2015 bis 2022 abzubilden (Creutzburg 2022). Dazu wurde die Methode des systematischen Reviews angewandt: Nach einer Datenbankrecherche in den Datenbanken Springer Link, PSYNDEX und Web of Science Core Collection wurden mögliche relevante Dokumente anhand von Selektionskriterien auf ihre Eignung für die Forschungsfrage hin geprüft und auf eine finale Auswahl von 37 Treffern reduziert1, von denen in diesem Rahmen 32 kurz vorgestellt werden. Interessant ist, dass von den 37 Studien nur drei aus Deutschland stammen und sie sich ansonsten über den gesamten Erdball mit Ausnahme von Südamerika verteilen. In der Bearbeitung konnten die so identifizierten Studien und Reviews zu aufsuchenden Beratungs- und Hilfeformen in grob zielgruppenbezogene Cluster eingeteilt werden. Insgesamt zeigte sich, dass aufsuchende Soziale Arbeit diverse Aufgaben wie z. B. Vermittlung und Empowerment, Bildung eines Sicherheitsnetzes, Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit erfüllen muss. Die gefundenen Studien machen außerdem auf vernachlässigte Bevölkerungsgruppen aufmerksam und auf Missstände, die in der Ausbildung von Professionellen bestehen. Im Folgenden wird auf die einzelnen Handlungsfelder eingegangen und der Forschungsstand für diese zusammengefasst.

3.2 Aufsuchende Soziale Arbeit mit von Wohn- und Obdachlosigkeit betroffenen Menschen

In diesem Bereich konnten fünf Studien identifiziert werden. Diese stammen aus Belgien, Australien, Frankreich sowie den USA, außerdem fokussiert eine Studie ganz Europa. In den Studien wird von »homeless people« gesprochen – eine Differenzierung zwischen Wohn- und Obdachlosigkeit kann somit nicht getroffen werden.

In diesen Studien wird betont, dass aufsuchende Arbeit nicht nur individuelle Hilfe leistet, sondern mit strukturellen Grenzen und Herausforderungen konfrontiert ist, wenn die entsprechende Zielgruppe von massiver gesellschaftlicher Ausgrenzung bedroht ist (Grymonprez et al. 2021). Das bedeutet für die Profession, sich immer wieder zu hinterfragen bzw. die eigene Professionalität weiterzuentwickeln, gerade auch in Bezug auf moralische, ethische oder politische Fragen (Cefaï 2015). Sie muss sich mit systembezogenen, organisationalen und individuellen Faktoren, die die Arbeit beeinflussen (Gaboardi et al. 2022), auseinandersetzen. Zu den systembezogenen Faktoren zählt die Verfügung über ausreichende wirtschaftliche Ressourcen, die Möglichkeiten der gesellschaftlichen oder politischen Einflussnahme sowie eine Vernetzung und Zusammenarbeit mit lokalen Verbänden, psychiatrischen oder arbeitsbezogenen Diensten sowie Sozial- oder Gesundheitsdiensten. Diese lassen sich als wesentliche Voraussetzung zur Unterstützung dieser Zielgruppe identifizieren und scheinen gleichzeitig bei der Burnoutprävention der Fachkräfte nützlich. Parsell et al. (2020) beschreiben als organisationale Faktoren, dass aufsuchende Soziale Arbeit besonders wirksam als Teil eines multidisziplinären Teams wohn- und obdachlosen Menschen helfen kann, Lebensbedingungen nachweislich zu verändern. Zu den individuellen Faktoren zählen hier u. a. die Balancierung zwischen professioneller Nähe und Selbstschutz sowie Hilfe und Selbsthilfe (Lee & Plitt Donaldson 2018).

3.3 Aufsuchende Arbeit mit Straßenkindern und Jugendlichen

Das zweite Cluster beinhaltet Studien über die aufsuchende Arbeit mit Straßenkindern und -Jugendlichen und mit jungen Menschen, die in irgendeiner Form gefährdet sind (z. B. durch Jugendarbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch, Straffälligkeit oder Situationen im Kontext der Pflegekinderhilfe). Die hier abgebildeten Studien berücksichtigen Daten (manchmal in Kombination) aus den Ländern Tschechische Republik, Lettland, Indien, Südafrika, Norwegen (2), Schweden, USA (2), Australien, Kanada, Mexiko, Südkorea, Niederlande, Guatemala und China. Eine Studie ist europaweit aufgestellt.

In der aufsuchenden Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die aus unterschiedlichen Gründen auf der Straße leben, weisen die relevanten Studien inhaltlich sehr unterschiedliche Schwerpunkte auf. Lotko et al. (2016) beschreiben deskriptiv und vergleichend die aufsuchenden Programme und Maßnahmen, die Lettland, die Tschechische Republik und Indien mit Straßenkindern durchführen. Morton et al. (2020) untersuchen unterschiedliche Interventionen zu Wirkungen auf die Jugendobdachlosigkeit, eine Intervention davon ist die aufsuchende Arbeit. Sie bemerken, dass die Datenlage zu Wirkungsweisen von aufsuchender Arbeit so gering ist, dass gründlichere Forschung notwendig ist, um wichtige Aussagen als Basis für politische und praktische Entscheidungen generieren zu können. Die Studie von Oldfield et al. (2020) zeigt auf, inwiefern aufsuchende Arbeit durch Empowerment und Schaffung eines Zugehörigkeitsgefühls die betroffenen Jugendlichen stärken kann. Ziel dieser Studie war es, eine Untersuchung der Schutzfaktoren vorzunehmen, die die Resilienz von mit der Straße verbundenen Jugendlichen in Guatemala-Stadt fördern. Van Raemdonck und Seedat-Khan (2018) untersuchen das Potenzial der Methodik des Capability Approach im Hinblick darauf, Straßenkinder in ihrer Entscheidungsfähigkeit zu unterstützen. Diese Fähigkeiten sind bei der Zielgruppe eingeschränkt, da sie in den meisten Fällen ihr Zuhause nicht aus freien Stücken verlassen, sondern aufgrund eines verarmten, instabilen oder feindseligen Umfeldes und mit dem Vorsatz, ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt bietet Bergheim (2021) an, indem sie in ihrer Studie das nonverbale Verhalten von Fachkräften, die mit jungen Menschen auf der Straße arbeiten, mittels einer Beobachtungsstudie untersucht. Die Studie macht deutlich, dass aufsuchend Sozialarbeitende vermutlich kaum formale Schulung dazu erhalten, wie sie ihre Wahrnehmungen (z. B. Körpersprache, Gesichtsausdruck, Stimme, Atmung) nutzen können und dass Grundlagen der Gestalttheorie und therapeutische Erfahrungen zum Verständnis der Praxis aufsuchender Arbeit beitragen können.

Weitere vier Studien beleuchten die aufsuchende Arbeit mit von vielfältigen Gefährdungen betroffenen oder straffälligen Jugendlichen. Wong et al. (2022) kristallisieren in ihrer Studie die Empfehlung heraus, aufsuchende Soziale Arbeit (beinhaltend musikalische und sportliche Aktivitäten in Verbindung mit unterstützender Beratung in Gruppen- oder Einzelsettings) mit kognitiver Verhaltenstherapie, die von Sozialarbeitenden mit entsprechenden Befähigungen durchgeführt werden kann, in der Arbeit mit straffälligen Jugendlichen anzuwenden. Oldeide et al. (2021) thematisieren, wie aufsuchende Soziale Arbeit zur Drogenprävention beitragen kann. Almquist und Lassinantti (2018) betonen die Bedeutung von kollaborations-‍, beziehungs- und ermächtigungsorientierten Praktiken in der aufsuchenden Arbeit, um Bedürfnisse von multiproblembetroffenen Jugendlichen abzudecken. Diese ermöglichen, dass Hilfeleistungen stärker auf die Bedürfnisse der jungen Menschen ausgerichtet werden, und bieten eine wertvolle Ergänzung zu sonst üblichen Diensten. Die Studie von Oldeide et al. (2020) fokussiert die Perspektive der Nutzenden, indem sie danach fragt, wie Jugendliche die Beziehung zu aufsuchenden Sozialarbeitenden erleben.

Eine Studie von Greeson et al. (2015) untersuchte die Wirksamkeit eines konkreten Programmes für Jugendliche aus Intensivpflegefamilien, das auf eine Zusammenarbeit der jungen Menschen mit aufsuchenden Sozialarbeitenden abzielt und individuelle Betreuung durch Mentor:innen in bestimmten Themen und Entwicklungsschritten beinhaltet. Diese Studie führt zur Bewertung der Wirksamkeit des Massachusetts Adolescent Outreach Programs eine Sekundärdatenanalyse durch. Ein Ergebnis der Studie ist, dass kein signifikanter Effekt zwischen der Wirkung des Outreach-Programmes und den »Services as usual« (den üblichen Dienstleistungen) gemessen wurde und sich die soziale Unterstützung nicht erhöhte. Auch wenn die Autor:innen keine auffälligen Unterschiede in ihrer Forschung feststellten, schlagen sie Implikationen für die aufsuchende Soziale Arbeit vor. Sie führen aus, dass die Bedingungen zur Umsetzung evidenzbasierter und kulturell angepasster Interventionen weiter erforscht werden müssen, um Jugendliche während und nach ihrer Zeit in Pflegefamilien in Netzwerke einzubinden. Sie stellen die Frage, wie aufsuchende Sozialarbeitende einen Beitrag leisten können, trotz unbeständigen Beziehungserfahrungen bei den Jugendlichen Selbstvertrauen und Motivation für nachhaltige Beziehungen zu generieren.

3.4 Aufsuchende familienbezogene Arbeit