Verlag: Jaron Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Auge um Auge - Horst Bosetzky

Dr. Karl-Heinz Waschinsky, Historiker an der Freien Universität, die in West-Berlin als Gegenstück zur kommunistischen Humboldt-Universität gegründet wurde, entgeht im Frühjahr 1954 nur knapp einem Mordanschlag. Während Oberkommissar Hermann Kappe ausgerechnet in seinem letzten Fall vor der Pensionierung im Dunkeln tappt, hat Otto Kappe, sein Neffe und Kollege, einen Giftmord aufzuklären. Opfer ist der Sohn von Dr. Mialla, einem beliebten Arzt aus Lichterfelde. Erst nach einem weiteren Mordversuch erkennen Hermann und Otto Kappe einen Zusammenhang zwischen ihren beiden Fällen. Dabei kommt die Verstrickung des Dr. Mialla in die Verbrechen der NS-Zeit ans Tageslicht. Es geschah in Berlin, bekannt als 'Kappe-Reihe', spiegelt in fiktiven Kriminalfällen das Berlin des 20. Jahrhunderts wieder. Krimi-Altmeister Horst Bosetzky lässt Hermann Kappe, den bisherigen Protagonisten der Serie, seinen letzten Fall lösen. Auf beklemmende Weise macht er sinnfällig, wie sehr die 50er Jahre noch durch die nationalsozialistische Vergangenheit bestimmt waren.

Meinungen über das E-Book Auge um Auge - Horst Bosetzky

E-Book-Leseprobe Auge um Auge - Horst Bosetzky

Horst Bosetzky

Auge um Auge

Der 23. Kappe-Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Horst Bosetzky alias–ky lebt in Berlin und gilt als «Denkmal der deutschen Kriminalliteratur». Mit einer mehrteiligen Familiensaga (schließend mit «Kartoffelsuppe oder Das Karussell des Lebens», 2012), zeitgeschichtlichen Spannungsromanen und biographischen Romanen (wie «Skandal um Zille», 2013) avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Daneben verfasste er mehrere Bände für die Krimiserien «Es geschah in Preußen» (zuletzt «Aufruhr am Alexanderplatz», 2013) und «Es geschah in Berlin» (zuletzt «Unterm Fallbeil», 2012). Zusammen mit dem bekannten Rechtsmediziner Prof. Dr. Günther Geserick veröffentlichte er Krimigeschichten unter dem Titel «Berliner Leichenschau» (2013).

Originalausgabe

1. Auflage 2014

© 2014 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN 9783955520229

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

NACHWORT

Es geschah in Berlin…

Es geschah in Preußen…

EINS

HERMANN KAPPE schreitet durch das Haus III der Strafanstalt Tegel. Allein. Weit und breit ist kein Beamter zu sehen. Links und rechts von ihm werden die Zellentüren aufgerissen. Gefangene stürzen auf ihn zu und kesseln ihn ein. Sie sind nicht nur mit Knüppeln, sondern auch mit Folterinstrumenten bewaffnet: Würgeisen, Mundbirnen, Knieschrauben, Judaswiegen, Peitschen und spanischen Stiefeln. Einige halten Transparente in den Händen, und Kappe liest:

DU HAST UNS AUF DEM GEWISSEN! WIR SIND KEINE TÄTER, WIR SIND ALLE DEINE OPFER. DIE RACHE IST UNSER!

Einer der Insassen wirft ihn zu Boden, andere knien sich auf seine Arme und Beine und halten ihn fest. Kappe liegt auf dem Rücken, zappelt und wimmert. Er sieht einen Mann mit einem Käfig auf sich zukommen, in dem eine riesige Ratte kauert. Man setzt ihm das Tier auf den Bauch und stülpt den Käfig darüber. Neben ihm wird ein Feuer angezündet, und in ihrer Todesangst will sich die Ratte einen Weg durch seinen Bauch kratzen und nagen.

Sein Wimmern wird zu einem Schrei, der so laut ist, dass Klara hochfährt und ihn wachrüttelt. «Hermann, es ist alles gut, du liegst zu Hause im Bett! Das war nur wieder dein Alptraum.»

Als Kappe am nächsten Morgen im Büro saß und seinen geliebten Telegraf studierte, wusste er auch, was seinen Angsttraum ausgelöst hatte: das Interview am letzten Dienstag. Heute hatte man es abgedruckt:

Warten auf die letzte Leiche

Kriminalkommissar Hermann Kappe vor der Pensionierung – 44 Jahre auf Verbrecherjagd

Seinen ersten Fall hat er noch zu Kaisers Zeiten gelöst: 1910 ging es um eine verkohlte Leiche in Moabit. Da war er gerade aus Storkow nach Berlin gekommen. Das Licht der Welt hat Hermann Kappe am 11. Februar 1888 in Wendisch Rietz erblickt. Sein Vater wie sein Großvater waren Fischer, und auch er hat heute gelegentlich mit Fischen zu tun, mit «nassen Fischen», wie man im Jargon der Kripo die ungelösten Fälle nennt.

Als Junge spielte er am liebsten Räuber und Gendarm, und so zog es Hermann Kappe nach Ende seiner Schulzeit auch zur Polizei. Bald durfte er in Storkow für Ruhe und Ordnung sorgen. Eines Nachts hob er dort ein Blechschild auf, das Diebe in einem Eisenbahnwaggon abgeschraubt hatten, und steckte es in die Brusttasche seiner Uniform. Dieses Schild sollte ihm wenig später das Leben retten. In einer Villa am Storkower See hatte ein Einbrecher den Major Ferdinand von Vielitz in seine Gewalt gebracht. Als Kappe den Einbrecher überwältigen wollte, schoss der ihm in die Brust – und die Kugel blieb in dem Blechschild stecken. So konnte Kappe den Bösewicht doch noch hinter Schloss und Riegel bringen. Zum Dank ließ der Major seine Beziehungen spielen und verschaffte ihm eine Stelle bei der Berliner Kriminalpolizei. Dort ging Kappe beim großen Ernst Gennat in die Schule – und ist inzwischen fast schon selbst eine Legende.

Ende Juli wird Hermann Kappe in den Ruhestand eintreten, und das lässt ihn schon heute ein wenig unruhig werden. «Ich gespannt auf meinen letzten Fall und hoffe, bei der Ergreifung des Täters nicht den Heldentod zu sterben», sagt der altgediente Kommissar und legt dabei ein verschmitztes Lächeln an den Tag. «Aber was ich schon alles überlebt habe! Den Kaiser, Adolf Hitler und die Naziherrschaft, die Bomben der Alliierten, das Kriegsende, die Blockade…ganz abgesehen einmal von den vielen Kugeln, die Täter auf mich abgefeuert haben. Da kommt schon einiges zusammen.» Über die Frage, wie viele Mörder er in seinen langen Dienstjahren festgenommen habe, muss Kappe einige Sekunden nachdenken. «Nehmen wir bloß einmal fünf bis sechs im Jahr, dann sind das fast 250 – unglaublich!» Ob er nicht Angst habe, dass sich mancher Verbrecher an ihm rächen wolle, wenn er wieder auf freiem Fuße ist? Erneut lächelt Kappe. «Nein. Die meisten bekommen ja lebenslänglich.» Auf die Frage, ob er schon einmal einem Täter aus Mitleid die Flucht ermöglicht habe, weiß Kappe schnell eine Antwort. «Keinem Täter, aber einem Tatverdächtigen. Das war ein Jude, der sich in einer Wilmersdorfer Laubenkolonie versteckt hatte. Und einem Täter wäre ich vor Freude sogar um den Hals gefallen, wenn es ihn denn gegeben hätte: dem Mörder Adolf Hitlers.»

Kappe war schon immer ein verkappter Sozialdemokrat, und dass er jetzt sogar ordentliches SPD-Mitglied ist, kommentiert er mit einer gehörigen Portion Selbstironie. «Da gehöre ich hin. Und was soll Lenin über uns gesagt haben? ‹Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich eine Bahnsteigkarte!›» Neben der Mörderjagd waren für Hermann Kappe immer seine Frau und seine drei Kinder sehr wichtig. Als wir auf seine Familie zu sprechen kommen, kann er ein leises Stöhnen jedoch nicht ganz unterdrücken. «Mein Ältester ist zwar in meine Fußstapfen getreten, aber zur Kripo in Ost-Berlin gegangen – und Mitglied der SED ist er auch noch!»

Was er sich am meisten wünsche, frage ich Hermann Kappe zum Abschluss unseres Gesprächs. «Das, was im RIAS immer gesungen wird: ‹Der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder ’n schönes Festland wird›…Die deutsche Wiedervereinigung.» Bis dahin wird es noch viele Morde geben, aber die aufzuklären wird Aufgabe der jüngeren Kollegen sein, unter denen auch sein Neffe Otto zu finden ist. «Noch aber bin ich im Dienst», betont Hermann Kappe, «und mir gehört der nächste Fall!»

ZWEI

DIE FREIE UNIVERSITÄT BERLIN, kurz FU, war ein Kind des Kalten Krieges. Die alte Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität lag im Ostsektor und sollte nach dem Willen der sowjetischen Machthaber zur kommunistischen Kaderschmiede werden. Wer sich dem aktiv widersetzte, als Lehrender wie als Lernender, wurde verhaftet, in die Sowjetunion verschleppt oder sogar hingerichtet. Dennoch gab es heftige Proteste, und Ende April 1948 regte der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay die Gründung einer freien Universität in den Westsektoren an. So wurde schließlich am 4. Dezember 1948 – zur Zeit der Berlin-Blockade – die FU Berlin gegründet. Im vornehmen Ortsteil Dahlem, im amerikanischen Sektor also, hielt man in den Gebäuden der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft die ersten Lehrveranstaltungen ab. In deren unmittelbarer Umgebung wurde dann zur Unterbringung der einzelnen Institute eine Villa nach der anderen angemietet, so dass bald ein geradezu idyllisches Universitätsviertel entstand. Als Leitmotiv hatte sich die FU die Werte Veritas – Iustitia – Libertas, also Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit, auf die Fahnen geschrieben. Gründungsrektor der Universität war der Historiker Friedrich Meinecke.

In dem nach ihm benannten Institut in der Altensteinstraße 40 arbeitete der Oberasssistent Dr. Karl-Heinz Waschinsky. Am liebsten tat er das an Sonn- und Feiertagen, weil ihn dann niemand störte. Unter der Woche verging kaum eine Viertelstunde, in der nicht ein Student, ein Kollege oder eine Sekretärin mit einem Anliegen an die Tür klopfte. Wenn Waschinsky an seiner Habilitationsschrift über die «Euthanasie» im Nationalsozialismus saß, wollte er seine Ruhe haben. Es machte ihn regelrecht krank, wenn er ständig aus seiner Arbeit gerissen wurde, und er hatte einmal gesagt, es ginge ihm wie einem Taucher: Wenn man den aus hundert Metern Tiefe ruckartig nach oben zöge, dann krepiere der auch.

Auf dem Abreißkalender an der Wand leuchte eine rote 4, darüber stand in schwarzer Schrift Sonntag und darunter April. Die Zeit musste er von seiner klobigen Armbanduhr ablesen. «Nach acht schon», murmelte er. «Nach acht schon.» Seine Ärzte hatten ihm erklärt, dass er unter einem komplexen vokalen Tic litt, unter der sogenannten Palilalie, was bedeutete, dass er automatisch die letzten von ihm gesprochenen Worte oder Sätze wiederholte. Man kannte das aus dem Film Feuerzangenbowle, in der ein Oberschulrat unter dieser Auffälligkeit litt. Bei Waschinsky hatte keiner das Leiden abstellen können. Es gab Schlimmeres.

Durch das Werk von Ernst Haeckel hatte er sich schon hindurchgearbeitet und sich am Schluss notiert:

Verweist auf die Tötung behinderter Kinder im antiken Sparta und bei den Indianern Nordamerikas. Nach Quellen suchen!

Nun war er dabei, sich mit Alexander Tille auseinanderzusetzen. Der hatte von 1866 bis 1912 gelebt und sich als Germanist, Philosoph und Funktionär mehrerer Wirtschaftsverbände hervorgetan. 1895 hatte er Von Darwin bis Nietzsche veröffentlicht, eine Abhandlung zur Entwicklungsethik. Waschinsky las mit höchster Konzentration und machte sich immer wieder Notizen wie die:

Plädiert für eine Fortpflanzungsbegrenzung bei «Schwachen». Man solle sie zudem auf die unterste soziale Stufe sinken lassen, da dort die Lebenserwartung gering sei. Nennt das Sozial-Euthanasie.

Waschinsky fuhr zusammen, denn an der Eingangstür wurde geschlossen. Einbrecher!, schoss es ihm durch den Kopf. Sein Fenster ging nach hinten raus, und deshalb konnte man von der Straße aus nicht sehen, dass bei ihm noch Licht brannte. In den Villen, die von der FU angemietet worden waren, gab es nicht viel zu holen, aber auch Schreibmaschinen, mochten sie noch so alt sein, hatten in diesen Zeiten ihren Wert. Waschinsky überlegte, ob er zum Telefon greifen oder sich hinter seinem Schrank verstecken sollte. Nein, klüger war es sich einzuschließen. Er zitterte, als er den Schlüssel herumgedreht hatte. Einmal, zweimal. Da schrie jemand etwas zu ihm in die erste Etage hinauf: «Ist da oben jemand?»

Das war sein Chef, der Institutsleiter Prof. Dr. Paul Schlipalius. Waschinsky schloss wieder auf und rief nach unten, dass er es sei.

Schlipalius antwortete: «Hallo und guten Abend! Waschinsky, Sie schaffen es noch, als erster Mensch 25 Stunden am Tag zu arbeiten.»

«…als erster Mensch 25 Stunden am Tag zu arbeiten», wiederholte Waschinsky. Immer öfter trat in der letzten Zeit neben seine Palilalie auch noch die Echolalie, das zwanghafte Wiederholen von Worten eines Gesprächspartners. «Ich habe eben stets Theodor Fontane im Kopf: Nur in der Arbeit wohnt der Frieden, Und in der Mühe wohnt die Ruhe.» Auch das wiederholte er.

Inzwischen war Schlipalius oben angekommen. Er atmete schwer. «Sie wissen, mein Lungendurchschuss bei der Kesselschlacht von Demjansk 1942. Die Soziologen nennen das teilnehmende Beobachtung.»

«Setzen Sie sich doch!» Waschinsky rückte ihm seinen eigenen Drehstuhl zurecht und begnügte sich selbst mit dem harten Besucherstuhl. «Setzen Sie sich doch!»

«Ich danke Ihnen.» Schlipalius nahm Platz und atmete erst einmal tief durch. Er wirkte wie ein englischer Konservativer, und es war sogar schon vorgekommen, dass man ihn mit dem britischen Außenminister Anthony Eden verwechselt hatte. Kein Schauspieler hätte diese Figur großartiger spielen können, und niemand zweifelte daran, dass der Historiker auf den Berliner Bühnen eine gute Figur gemacht hätte. Schlipalius hatte an verschiedenen Universitäten studiert und schließlich 1931 bei Wilhelm Mommsen in Marburg mit einer Arbeit über Max Weber und der Nationalsoziale Verein promoviert.

«Darf ich fragen, was Sie zu so später Stunde in das Institut treibt, Herr Professor?»

Schlipalius wartete, bis der begabteste Assistent, der jemals in der Altensteinstraße aufgetaucht war, seine Frage wiederholt hatte. Er wusste in etwa, was Waschinsky in der NS-Zeit Schreckliches durchgemacht hatte. Seine vokalen Tics waren wohl eine Folge davon. Schlipalis bedauerte, dass sie zu Hohn und Spott reizten. Einmal hatte er jedoch konstatiert, dass diese Tics für eine Tätigkeit an der Universität außerordentlich nützlich seien, weil man den Studenten sowieso alles zweimal erzählen müsse. Mindestens.

«Warum ich hier bin?» Schipalius lachte. «Wegen meiner Berufskrankheit: Zerstreutheit. Ich fliege morgen in aller Herrgottsfrühe zu diesem Kongress nach München und habe gestern vergessen, meine Unterlagen mitzunehmen.» Da er es nicht sonderlich eilig hatte, zu seiner Gattin heimzukehren und mit ihr gemeinsam den RIAS zu hören, plauderte er noch ein wenig mit Waschinsky. «Sie waren doch auch dabei, am 9. Februar, als unsere Studenten vor dem Kant-Kino gegen Sterne über Colombo protestiert haben? Mit Niespulver, Stinkbomben und 250 weißen Mäusen, die sie im Kinosaal ausgesetzt haben.»

«Ja, gegen diesen Film von Veit Harlan musste man ja vorgehen.» Waschinsky verzog das Gesicht. Er konnte sich noch an Harlans Film Jud Süß aus dem Jahre 1940 erinnern. Das war wohl der schlimmste antisemitische Hetzfilm gewesen, den Goebbels hatte drehen lassen.

«Harlan hat mit Jud Süß die Propaganda der Nationalsozialisten maßgeblich unterstützt», spann Schlipalius den Faden weiter. «Aber was machen die Leute heute? Sie reden nicht über diesen schrecklichen Film, sondern lieber über Veit Harlans Frau, Kristina Söderbaum, auch ‹Reichswasserleiche› genannt. Und darum, lieber Waschinsky, ist Ihre Monographie über die ‹Euthanasie› auch so eminent wichtig. Sie wird die Leute aufrütteln. Schluss mit diesem Neo-Biedermeier! Wir müssen offen darüber reden, was zwischen 1933 und 1945 Entsetzliches geschehen ist, so qualvoll das auch sein mag.» Damit erhob sich Schlipalius. «Ich muss nach Hause, sonst alarmiert meine Frau noch die Polizei. Sagen Sie, ich fahre doch in Ihre Richtung, soll ich Sie nicht mitnehmen?»

«Sehr aufmerksam, Herr Professor, aber ich gehe lieber zu Fuß. Lieber zu Fuß.»

«Lieber zu Fuß, ja.» Schlipalius erschrak. «Entschuldigen Sie, das war nicht böse gemeint.» Schlipalius, der so unglaublich herzlich sein konnte, tat sein Fauxpas so leid, dass er Waschinsky kurz umarmte. «So, jetzt machen Sie aber auch Feierabend! Das ist eine dienstliche Anweisung.»

Waschinsky begleitete Schlipalius bis zu seinem Mercedes-Benz und wartete, bis der Professor eingestiegen war, um formvollendet die Tür hinter ihm zuzuschlagen. Er winkte noch einmal, dann lief er los. Anhand seines Stadtplans hatte er ausgerechnet, dass der Weg zwischen Wohnhaus und Arbeitsplatz genau 2,3 Kilometer betrug. Das schaffte er mühelos in einer knappen halben Stunde. Waschinsky hatte eine kleine Wohnung in der Muthesiusstraße Nr. 14 gemietet.

Da zu dieser späten Abendstunde die Haustür mit Sicherheit abgeschlossen war, kramte Waschinsky in seiner Aktentasche nach dem Schlüssel, als er von der Rothenburg-in die Muthesiusstraße einbog. Während er noch suchte, rollte von der Schloßstraße her ein Pkw auf ihn zu. Das Auto stoppte vor ihm, als er die Straße überqueren wollte. Der Fahrer kurbelte die Scheibe herunter. Waschinsky sah auf, weil er dachte, der Mann wollte ihn etwas fragen. Doch er war maskiert und hielt einen Revolver in der Hand.

Mehrere Schüsse fielen. Waschinsky brach zusammen, und der Wagen raste davon.

DREI

HERMANN KAPPE war ein Familienmensch, und sein alter Weggefährte Gustav Galgenberg hatte einmal gespottet, dass das auch nicht verwunderlich sei: «Wer et jeden Tag mit Mördern zu tun hat, muss doch automatisch alle lieben, die ihm nüscht weita tun und ihn nur mit kleinen Sticheleien traktieren.» Da war etwas Wahres dran. Kappe hing an seiner Familie, auch wenn es zwischen ihnen schon oft gekracht hatte. Aber nichstdestowenigertrotz, wie das auf Berlinisch hieß, hielten sie noch immer zusammen und trafen sich zumindest dann alle, wenn einer von ihnen Geburtstag hatte. Und bei einer Großfamilie wie der seinen geschah das eigentlich andauernd. Diesmal, am 4. April, wurde sein Neffe Otto 43. Otto war der Sohn seines älteren Bruders Oskar und außerdem ein Kripo-Kollege.

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