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Sollte es nur ein kurzes bewegtes Abenteuer werden? Anfangs wohl ja. War es nur die Schilderung von grünen Feldern, dichten dunklen Wäldern, tiefen, geheimnisvollen Seen und einem ewig blauen Himmel, die den approbierten hanseatischen Kaufmann aus Lauenburg an die Küste Südamerikas trieb, er aber dann in der unerbittlichen Wüste von Tarapacá seine Bestimmung fand. Heiße Tage und nächtliche Kälte bestimmen den Weg zum Erfolg des Lauenburgers Don Jorge zum Herrn über ausgedehnte Salpeterpfannen in der trockensten Wüste der südlichen Halbkugel. Wagemutig stürzt er sich in ein Abenteuer in einer ihm fremden, fernen Welt, kehrt als angesehener Mann, jedoch vom Leiden gekennzeichnet nach Europa zurück. Ein Schicksal aus der Hochzeit des weißen Goldes von Tarapacá im 19. Jahrhundert.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 2
Lauenburg 3
Valle del Paraíso 30
Tarapacá 84
Barcelona 217
Danksagung 234
Impressum
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© 2022Vindobona Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-949263-30-9
ISBN e-book: 978-3-949263-31-6
Lektorat: Mag. Eva Reisinger
Umschlagfoto: Chuttapon Thapunyaphat, Zerbor, Jarcosa | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag
www.vindobonaverlag.com
Lauenburg
Marsch der Königlichen Deutschen Legion
Nass und kalt stellte sich Paris den einrückenden Truppen der Allierten. Preußen, Russen, Österreicher, Engländer froren im Biwak vor den Toren der Stadt, lagerten auf feuchtklammen Decken und Säcken. Vorüber sind die Weihnachtstage, vorüber die Siegesparaden vor Zar Alexander, Kaiser Franz und König Friedrich Wilhelm. Über vom Regen aufgeweichte Straßen und notdürftig geflickte Brücken quält sich der Tross der in die Heimat entlassenenKöniglichen Deutschen Legion, die unter britischer Flagge gegen Napoleon in Waterloo kämpfte. Einst zu Napoleons Grand Armee gehörendeFourgonstragen die Verwundeten, notdürftig auf dürrem Stroh gebettet, ungenügend in steifen Pferdedecken der nasskalten Witterung ausgesetzt, doch gemeinsam im Ziel mit denen, die den Marsch zu Fuß antreten mussten: Schnellstens nach Haus in das heimatliche Hannover. Genug hat man vom Krieg. In Hannover, so wurdeannoncieret, soll die Legion aufgelöst werden, ihre Aufgabe habe sie mit Bravour erfüllt.
Allenthalben sind die Spuren der Verwüstung zu erkennen, auch in den Provinzen, an denen der Krieg den amtlichenCommuniquésnach zu urteilen unberührt vorüber gegangen sein soll, aber den Plünderungen, den Beschlagnahmungen der Pferde, derRequisitiondes letzten Korns Saatgut nicht entgehen konnten. Ein Jahr des Hungers steht bevor, denn was und womit sollen die Bauern aussäen? Dazu das Wetter, das die ohnehin schon strapazierten Straßen und Wege in grundlose Moraste verwandelt.
Unter dem ewig grauen, von regennassen Wolken verhangenem Himmel fällt es schwer auszumachen, in welchem Wagen man ihn untergebracht hat, im dritten, vierten oder gar fünften versucht der Füsilier Johann Christian Hilliger aus dem Herzogtum Sachsen-Lauenburg der Schmerzen Herr zu werden, die seinen Rücken quälen. Folgen eines Schrapnells, das in seiner unmittelbaren Nähe bei La Haye Sainte detonierte und ihm eigentlich das Leben rettete, denn kriechend fand er das Schlupfloch an der Mauer, das ihm nach Aufgabe der Stellung ein Versteck bot und ihm half, später unbemerkt davonschleichen zu können. Zwei Tage rumpelt er nun schon über grundlose Wege, seine Gedanken kreisen um das Lauenburg seiner Jugend, um seine Braut Maria Margarethe aus der Familie der Westermanns. Seit einem Jahr hat er nichts von ihr gehört, keiner Nachricht aus Lauenburg gelang es, durch die Kriegswirren hindurch den Weg zur Legion zu finden.
„Kamerad, halte durch, es fehlt nicht mehr viel. Das Schlimmste haben wir überstanden.“
Es ist der Sergeant aus Mölln, der sich um die Verletzten kümmert. Von Zeit zu Zeit gelingt es ihm, dem Verletzten einen Kanten Brot und einen Schluck Rotwein aus einer im Vorbeimarsch ergatterten Flasche zu reichen. Er hat Glück gehabt, außer ein paar Schrammen hat er den Feldzug leidlich gesund überstanden, hat ihn das Schicksal schonend behandelt. Der Lauenburger Hilliger kann ihm nur beistimmen:
„Ja, es war schon schlimm. Ich wurde Ostern vor zwei Jahren zurDeutschen Legioneingezogen und ohne richtige Ausbildung ging es gleich bis vor die Tore von Hamburg. Schießen konnte ich ja, das hatte ich bei den Jägern gelernt.“
Schmerzen lassen ihn auch des Nachts nicht zur Ruhe kommen, die Erinnerung jedoch können sie ihm nicht nehmen. Direkt aus der Backstube von Basedau hat man ihnrekrutieret.
„Hamburg war nicht zu retten. Drei Wochen später haben es uns die Franzosen unter Marschall Davout abgenommen, die Lumpen von Dänen haben denen dabei geholfen.“
Das war ein Schlag, den die Hannoveraner nicht überwinden konnten, die Dänen als Bundesgenossen der Franzosen. Aber bald lief alles wieder anders. Der Möllner ward der Verteidigungslinie Lübeck–Ratzeburg–Lauenburg an der Elbe zugeteilt.
„Wenigstens das Wetter war besser als das hier. Du warst doch auch dabei, wir alle unterstanden dem Kommando von Marschall Walmoden. In der Schlacht von der Göhrde haben wir dann die FranzosenMoresgelehrt, da sind sie ganz schön gelaufen.“
Das Rumpeln des alten Karrens weicht einem sanften Gleiten, man fühlt es, der Zustand des Weges hat sich ein wenig verbessert. Das ruhige Rollen hilft der Erinnerung des Füsiliers Hilliger:
„Bei der großen Schlacht in Leipzig waren wir ja nicht dabei, Gottseidank, denn das muss ein rechtes Massenmorden gewesen sein. Nach Göhrde und dem Schlamassel von Sehestedt ging es flott nach Belgien, wo wir auf die Armee von Wellington treffen sollten. Nur loofen, marschieren, marschieren und wieder loofen. Da hatten wir wenigstens besseres Wetter und zu Essen gab es auch genug. Den Rest kennst du ja.“
Der Regen hat etwas nachgelassen, um nach ein paar Minuten in voller Stärke wieder einzusetzen. Das erweckt Erinnerungen an den Marsch von Waterloo zum Feldlager vor Paris nach der Schlacht:
„Ein Dreck, nur Regen, Schlamm und Matsch, nichts zu essen. Nach drei Tagen kamen wir übermüdet, durchnässt und verhungert vor Paris an, da gab es noch einen halbtägigen Aufenthalt mit ein wenig Schießerei auf den Anhöhen von Montmartre. Das ganze Land war ausgeplündert von den Franzosen, den eigenen Leuten. Da war für uns nichts mehr drin.“
„Doch, eine völlig überflüssige und sinnlose Parade vor den hohen Herren. Die haben in Paris im Trocknen gesessen. Den Napoleon haben sie auf eine einsame Insel irgendwo im weiten Meer geschickt. Aber ein Geschenk bekamen wir doch noch zu Weihnachten: Der Krieg ist vorüber, es geht nach Hause. Und jetzt, zu guter Letzt stapfen und rollen wir hier wieder einmal durch den Dreck.“
Ende und Auflösung der Legion
Es wird Februar, bis die endgültige Auflösung derKöniglichen Deutschen Legion, der „The King’s German Legion“in Hannover vollzogen ist. Wer will, kann in der Hannöverschen Armee bleiben, wer dagegen nicht will, wird mit klingendem Spiel, vielen Reden, Segenswünschen der Hohen Herren und dem Saldo einer schlechten Besoldung nach Haus entlassen. Johann Christian Hilliger macht sich auf den Weg nach Lauenburg.
Es ist nun zweieinhalb Jahre her, dass der gelernte Bäcker aus der Lauenburger Großkaufmannsfamilie Hilliger seine Heimat verlassen musste. Eingezogen zurKöniglichen Deutschen Legion, der auferlegt wurde, zwar unter einem deutschen Kommando, jedoch der britischen Armee unterstellt, den trotz der in Russland erlittenen Niederlage erneut gesammelten französischen Truppen entgegenzutreten. Von 1803 bis 1813 gehörte Lauenburg dem von Kaiser Napoleon gegründeten Königreich Westphalen an, war aber Mitte des Jahres von einer alliierten Truppe unter General Tettenborn befreit worden. Zurückgeblieben waren Zerstörungen durch die abziehenden französischen Truppen, Plünderungen und Beschädigungen der im Hafen liegenden Elbschiffe.
Nun galt es, eine Verteidigungslinie von Lübeck nach Lauenburg aufzubauen und dazu brauchte man Soldaten, die unter den wehrfähigen jungen Männern der Lauenburger Familien rekrutiert werden mussten; Johann Christian Hilliger, der jüngste Sohn der Familie im wehrpflichtigen Alter, hatte also unter mehr oder weniger Druck den roten Rock derDeutschen Legionanziehen und eine kurze militärische Ausbildung über sich ergehen lassen müssen.
Wochenlang wurde um das Elbufer gekämpft, bis endlich die alliierten Truppen der Preußen, Österreicher, Russen, Engländer und noch vieler anderer den Norden Deutschlands gänzlich den Soldaten Napoleons abnehmen konnten, geschlagen zogen die nach Südwesten ab.
Nun steht Füsilier Hilliger wieder vor dem Tor seiner Heimatstadt, schwer verwundet, mit starken Rückenschmerzen, ungewiss der Zukunft, die ihn erwartet. Natürlich nimmt ihn die Familie herzlich auf, hat er doch ein hartes Schicksal im Dienste seiner Stadt, seines Vaterlandes erlitten. Sein Vater Johann Gottfried war schon vor seiner Abberufung zur Armee gestorben, ebenso die Mutter, nun führt Bruder Wilhelm Heinrich die Firma weiter, so gut es gerade geht, denn da er in der „Franzosenzeit“ mit den „Welschen“ Geschäfte getätigt hat, ist er unter seinen Partnern in Verruf geraten, wird allseits geschnitten. Man muss dem entgegenhalten, dass die Franzosen, im Jahre 1813 zum Abzug gezwungen, manches Geschäft geplündert und sogar Schiffe im Hafen beschädigt hatten, ein gewisser Ärger auf den, der an den Besatzern auch noch verdiente, ist demnach verständlich.
Maria Margarethe Westermann hat ihr Wort gehalten, ist dem einst angehenden Bäckermeister treu geblieben. Ostern 1816 bestellt der Kriegsinvalide Johann Christian Hilliger das Aufgebot zu Lauenburg. Indes man ist entsetzt, noch verfügt die Familie Hilliger über Reserven, man wittert, die Jungfrau – so wird sie im Aufgebot beschrieben – beabsichtigt auf diesem Weg in den Besitz des ihrem Verlobten zustehenden Geschäftsanteils zu kommen, setzt sofort alle Hebel in Bewegung, um eine Ehe zu verhindern, denn, das ist doch klar, in seinem derzeitigen gesundheitlichen Zustand ist der Invalide nicht imstande eine Ehe einzugehen.
„Was, heiraten will der? Der kommt doch vorn und hinten nicht mehr hoch! Diese Person will nur an das Geld der Hilliger! Außerdem sind die Westermanns gar nicht so richtig von hier, sind die nicht aus dem preußischen Uelzen?“
Zwar liegt Uelzen nicht im Preußischen, sondern im Brandenburgischen, aber seine Nähe zu dem mit Dänen und Hanseaten historisch im Konflikt liegenden Preußen ist den Lauenburgern suspekt.
Die Eingaben haben Erfolg, der Kriegsinvalide Johann Christian Hilliger wird gerichtlichin Hinsichtseines Vermögens unter Curatelgestellt, das Aufgebot abschlägig beschieden, er selbst in ein städtisches Invalidenheim eingewiesen. Unterdessen ist Lauenburg nämlich dänisch geworden, der König im fernen Kopenhagen besteht auf alter feudal-hierarchischer Ordnung, die wenigen liberalen Reformen des vertriebenen Königs von Westphalen werden sang- und klanglos abgeschafft. Man hält auf die überlieferte Ordnung der „Oberen“, sie sagen, wo es langgeht. So beschlossen auf dem Wiener Kongress.
Solche Honoratioren der Stadt haben jedoch nicht mit dem Willen und der Beharrlichkeit der Braut gerechnet. Drei Jahre hat sie auf ihren Johann Christian gewartet, dem bleibt sie treu.
Acht Jahre nach dem in ihren Augen unrechtmäßigen Beschluss eines Lauenburger Gerichtes, am 4. Oktober 1825, gebärt Maria Margarethe Westermann in Ratzeburg einen Sohn, laut Eintragung im Register alsunehelichvermerkt, was allerdings im nunmehr zum Königreich Dänemark gehörenden Herzogtum Lauenburg nicht unüblich ist, wird doch ein Viertel aller Kinder im Herzogtum außerhalb einer gesetzlich vollzogenen Ehe geboren, ist also absolut kein Schandfleck für die Mutter. Man denkt da in Lauenburg ein wenig toleranter, konzilianter als im nahen steifen Hamburg, vielleicht ein Überbleibsel aus der Franzosenzeit. Anders als von den Oberen beschieden, die sogar bei Eheschließungen das letzte Wort behalten wollen. Nun muss es unter Umständen auch einmal ohne amtliches Papier gehen. Aber so ganz unehelich ist dieser Sohn dann doch wieder nicht, Johann Christian Hilliger bekennt sich offen zu diesem Jungen, wird als „angeblicher“ Vater eingetragen und lässt ihn auf den Namen Johanngeorg Christian Hilliger taufen. Natürlich ist die Familie Hilliger ein wenig verdutzt. „Aber das ist doch gar nicht möglich“, jedoch siehe da, möglich war es dennoch.
Einen Hilliger lässt man in Lauenburg nicht im Stich
Nun, da es ein Hilliger ist, genießt der Neuankömmling die Unterstützung der Familie. Man kann doch einen Hilliger nicht verkommen lassen, also gebührt auch diesem Jungen eine gute Ausbildung. Ein wenig Vermögen aus dem Johann Christian zustehenden Geschäftsanteil ist ja vorhanden.
Wie es sich gehört, kommt Klein Johanngeorg erst einmal in die Lauenburger Bürgerschule, dort lehrt man das ABC und das kleine Einmaleins. Wider jede schulische Erfahrung mit ABC-Schützen ist es gerade das Einmaleins, was ihn fasziniert und das er in kürzester Zeit beherrscht, es wird ihn ein ganzes Leben auf dem Weg zum Erfolg begleiten. Wie gesagt gehört das Herzogtum Lauenburg in diesen von Hunger und Arbeitslosigkeit geplagten Nachkriegsjahren der Dänischen Krone an, aber davon ist im täglichen Leben wenig zu spüren, Umgangs- und Amtssprache bleiben weiterhin Deutsch, nur die wiedereingeführten strengen Regeln einer im Grund veralteten Feudalherrschaft lassen Missstimmung aufkommen. Man hatte sich ja trotz der ungebetenen französischen Fremdherrschaft doch recht gut an ein paar Errungenschaften der Französischen Revolution gewöhnt. Die nunmehr allgegenwärtige Krone Dänemarks wurde im Herzogtum Lauenburg alles andere als zu einer Lösung von schon beinahe vergessener Feudalherrschaft, im Gegenteil, sie bedeutete eine Restauration alter Herrschaftsansprüche im Widerspruch zur erwachenden deutsch-nationalen Bewegung.
Gerade in jenen Jahren der Grundausbildung eines jungen Mannes, die, wie die Erfahrung lehrt, in der Regel auch den Charakter, ja das gesamte Wesen eines Heranwachsenden formen, muss Johanngeorg Christian den Zusammenbruch der Hilliger’schen Unternehmen in Lauenburg miterleben, der Tod des Onkels Johann Heinrich Gottfried leitet den Konkurs ein. Noch kann man ein paar Jahre wirtschaften, auch Mutter Maria Margarethe hat ja nicht ganz arm in die Familie Hilliger eingeheiratet, trotz anfänglicher böswilliger, gegenteiliger Behauptungen. Sie beschließt nach Abschluss der Bürgerschule, den jungen Mann zur Lehre in einen Salzhandel der südlich von Lübeck gelegenen Kleinstadt Mölln zu geben, immerhin bleibt er dort im Herzogtum Lauenburg ansässig und der Lauenburger Obrigkeit untertan.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Johanngeorg Christian schlägt sich durch. Nach Mölln kommt er nach Uelzen im Herzogtum Braunschweig, da ist schon mehr los. In Uelzen erlebt er den Bau der ersten Eisenbahn, der rege Handel bringt Bewegung in die Stadt. Größere Handelsunternehmen als in Mölln bieten einen weltoffenen Blick „nach draußen“. Ein Amtsschreiber kann demKaufmanns-GehülfenUnterricht im Steuerwesen erteilen. Alles Themen, die den lernbegierigen jungen Mann aus Lauenburg wahnsinnig interessieren und in Anspruch nehmen. Anstelle des Abends mit Freunden einschlägige Kneipen zu besuchen, sitzt er in Uelzen lieber über Büchern, so dem Fachbuch des Herrn Bergmann. Hier leben auch Angehörige der Familie Westermann, der Familie seiner Mutter, und wenn auch ihre Beziehung zum Rest der Familie Hilliger nicht gerade innig ist, so vermittelt sie doch ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl, das dem angehenden Geschäftsmann zugutekommt.
Nach Uelzen folgt Lüneburg. Nun ist Johanngeorg Christian ein gestandener Mann, kann sich alsapprobierter hanseatischer Kaufmannvorstellen. Die Stadt der Norddeutschen Backsteinarchitektur am Ufer der Ilmenau lebte wie so manche andere Siedlung vom Salzhandel, zählt seit jeher mit jahrhundertealten Bildungsstätten, die der junge Geschäftsmann auch gern und oft in Anspruch nimmt, um so der geistigen Förmlichkeit norddeutscher Contore entfliehen zu können. Hier ist er aus dem dänischen Einfluss heraus, denn Lüneburg gehört zum Königreich Hannover. Wir können davon ausgehen, dass nach dem Verweilen in dieser Stadt Johanngeorg Christian die notwendigen Kenntnisse besitzt, um Verantwortung in einem größeren Unternehmen anzutreten,Soll und Habensind ihm in Fleisch und Blut übergegangen.
Im preußischen Salzwedel glaubt er die richtigen Ansatzpunkte für seinen weiteren beruflichen Werdegang zu finden. Wir schreiben das Jahr 1850, der Unternehmer Friedrich August Busse in der Hansestadt an der Jeetze kann gerade einen tatkräftigen und zuverlässigen jungen Mann in seinem Geschäft gebrauchen.
Wie so manche andere Stadt im Norden Deutschlands hatte auch Salzwedel sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Umschlagplatz des Salzhandels entwickelt, der Name sagt es heute noch. Jetzt aber beleben Flussschifffahrt auf der Jeetze, der Handel mit Gewürzen und Fischen, die Tuchmacherei und Bildungsstätten das Stadtbild, nicht zu vergessen den Salzwedeler Baumkuchen, den schon der große Kurfürst fürsuperbschmackhaft befunden haben soll. Waren es daher seinerzeit hanseatische Kaufleute, die die von Fachwerkhäusern umrahmten Straßen bevölkerten, so sind es ab Mitte des 19. Jahrhunderts Offiziere der Vorausabteilung einer preußischen Ulanen-Einheit, die in den folgenden Jahren in Salzwedel in Garnison gelegt werden soll. Nicht immer erfreuen sich die adeligen Herren in Uniform des Wohlwollens der Salzwedeler Bürger, treten sie doch ein wenig herablassend, ja recht großspurig auf, was dem bescheidenen, gutbürgerlichen Lebensstil der ansässigen Einwohner widerspricht.
Johanngeorg Christian Hilliger betritt nun dieses kleinbürgerliche Idyll mit dem Wunsch, hier sein Wissen an den Mann bringen und so sein kommendes Leben aufbauen zu können. Gelegenheit dafür wird ihm im Geschäft des Fabrikanten Friedrich August Busse geboten. Es sind die Jahre des politischen Aufbruchs in Mitteleuropa, die Jahre der Revolutionen, des Frankfurter Kongresses und des Versuches einer nationalen Einigung, jedoch wenig spürt man davon im flachen Land am Ufer der Jeetze.
Nun ist Herr Fabrikant Busse nicht nur ein in Stadt und Land bekannter, vielfältiger Unternehmer, er hält auch in der Salzwedeler Loge „Johannes zum Wohle der Menschheit“ eine ihm gebührende Stellung im Vorstand inne und es dauert nicht lange und die Loge kann auf ein neues Mitglied, nämlich Johanngeorg Christian Hilliger, in ihren Reihen zählen. Es sind Zeichen einer politischen Wandlung zu den Fragen der sich stärker bemerkbar machenden Forderung einer Änderung der herrschenden Gesellschaftsordnung, die der Lauenburger in wenigen Jahren auf der Sprossenleiter der Salzwedeler Bürgerschaft erklommen hat. Heute gehört er zum Zirkel der ehrbaren Kaufleute hanseatischer Schule, das erfordert Einsatz für alle. Besonders am Herzen liegt ihm dabei im Rahmen seiner Tätigkeit in der Loge die Betreuung der Alten und Siechen, deren Unterhalt die Stadt zu verantworten hat, unter diesen die Invaliden der Napoleonischen Kriege. Letztes ohne Zweifel im Gedenken an seinen inzwischen verstorbenen Vater.
Erste Kunde vom geheimnisvollen Land am Pazifik
In Salzwedel erreicht den jungen Kaufmann die Nachricht der Heirat seines Lauenburger Vetters Johann Wilhelm Gottfried, der am 23. Juli 1851 die Hamburgerin Emilie Elisabeth Mestern geehelicht hat. Indes ist Wilhelm ganze dreizehn Jahre älter, besitzt auch, wie man so sagt, Auslandserfahrung, bereiste er doch im Gefolge des Hamburger Kaufmanns Eduard Wilhelm Berckemeyer die Küsten Südamerikas, hatte sich sogar länger in der Hafenstadt Valparaíso und im Inneren des Landes Chile aufgehalten. Darüber erzählt man sich so mancherlei hinter vorgehaltener Hand. Gerade die Stadt am Pazifik zieht seit der Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten, ihrem Ringen um eine republikanische Zukunft, das besondere Interesse Hamburger und Bremer Kaufleute an, viele haben dort bereits Niederlassungen und Vertretungen eingerichtet. Solches erweckt selbstverständlich den Tatendrang eines jeden emporstrebenden jungen Kaufmanns hanseatischer Prägung, zu welchen sich eben auch Johanngeorg Christian Hilliger gern zählt. Jahre hindurch hat er in muffigenContorsabgesessen, die große weite Welt nur auf dem Papier kennengelernt, nun zieht es auch ihn hinaus. Einen derartig weitgereisten Vetter kann man doch nur beneiden. Er beschließt eine erste Gelegenheit zu nutzen, den Weltbürger und Vetter Johann Wilhelm Gottfried Hilliger zu treffen und auszufragen.
Das Treffen ergibt sich bald in der Heimatstadt Lauenburg. Der Jungverheiratete, der, allen aus einem gutbürgerlichen Hause auferlegten Traditionen folgend, seine gerade einundzwanzigjährige Frau der Familie vorzuführen für angebracht hält und da sie ebenfalls einer ehrwürdigen hamburgischen Kaufmannsfamilie entstammt, darf diese sich auch sofort einer ihr zukommenden Anerkennung und Aufnahme erfreuen. Allerdings, seitens der Lauenburger Hilliger liegt eigentlich gar kein Grund vor besonders stolz zu sein, hat man doch gerade vor zwanzig Jahren Konkurs anmelden müssen. Da bedarf es schon eines gewissen Selbstbewusstseins und obendrein ausreichend Zeit, eine solch peinliche Situation zu überwinden oder gar überwinden zu lassen.
In dieses Familienidyll tritt der „uneheliche“ Vetter Johanngeorg Christian aus dem Unternehmen des Friedrich August Busse in Salzwedel. Gespannt hört er, was Johann Wilhelm aus Chile zu berichten weiß.
„Ja, da findest du einen ewig blauen Himmel, einen so kalten Winter wie hier gibt es nicht“, so schwelgt der bislang unbekannte Vetter, „weite grüne Felder, dunkle Wälder, tiefe geheimnisvolle Seen, freundliche, hilfsbereite Menschen und geschäftigeContors, in denen es vor Arbeit nur so wimmelt, wo sogar ein nur halbwegs fleißiger junger Mann die Möglichkeit findet, gutes Geld zu verdienen.“
In die Schilderung derart paradiesischer Umstände mischt sich Skepsis des Salzwedelers:
„Aber fürchterliche Erdbeben soll es dort auch geben, so habe ich gehört. Gerade vor einem Jahr soll eine ganze Kleinstadt in der Nähe des Hafens Valparaíso völlig zerstört worden sein.“
Der jungverheiratete Johann Wilhelm will natürlich seiner kürzlich angetrauten Frau nicht jetzt schon Angst einjagen, trägt er sich doch mit dem Gedanken, recht bald wieder die Reise nach Südamerika anzutreten. Er wehrt ab:
„Ja ja, die gibt es schon, kommen nicht häufig vor und treffen selten eine Stadt, die es schon einmal getroffen hat. Da wackelt es ein bisschen, man gewöhnt sich dran. Ich habe noch kein Erdbeben erlebt, bei dem ich Angst bekommen hätte. Meistens fällt ein, was sowieso schon baufällig ist. Heute kann man schon recht erdbebenfest bauen. Geht alles schnell vorüber.“
Mit dieser reichlich vagen Antwort gibt sich Johanngeorg Christian erst einmal zufrieden. Was da noch so alles am Ende der Welt geschieht, muss er wohl selbst in Erfahrung bringen.
Natürlich erhebt sich außer allem die Frage, welche Arbeits- und Lebensbedingungen kann man in einem solchen Paradies erwarten, Chile liegt doch arg weit weg und ist im Königreich Hannover recht unbekannt, abgesehen von ein paar Bremer und Hamburger Kaufleuten.
„Gearbeitet wird in der Regel von acht bis vier Uhr, dann trifft man sich im Hotel oder im Deutschen Verein, wo echtes deutsches Bier von einem deutschen Braumeister angeliefert wird. Täglich sieht man im Deutschen Verein eine frohe Runde aus Hanseaten, Hannoveranern, Preußen, Bayern, sogar Holländer und Dänen kann man da begrüßen. Nur an Tagen des Posteingangs muss eben bis Mitternacht gearbeitet werden, da die Post bei dem langen Laufweg stets schnellstens, also wirklich postwendend im wahrsten Sinne des Wortes, abzufertigen ist.“
Alles in allem ein Bild in rosigen Farben, das den Kaufmann aus Salzwedel bewegt, die Rückreise in Richtung Salzwedel über Hamburg anzutreten. Ein kleiner Umweg, doch im HamburgerContorder Herren Godeffroy wird bereitwillig Auskunft erteilt:
„Also nach Chile wollen Sie auswandern? Ja, da hätten wir mehrere Möglichkeiten. Da wäre die BriggHermann, sie soll Anfang September ablegen.“
Das wäre doch etwas zu schnell. Johanngeorg Christian Hilliger muss ja noch mit seinem derzeitigen Brotherrn sprechen, sein Arbeitsverhältnis hat ja gerade erst begonnen. Ob der bereit ist, auf seinen justcontractiertenCorrespondentenzu verzichten?
Aber fragen kostet ja nichts:
„Was muss denn noch alles beachtet werden?“
„Die Reisedauer nach Valparaíso beträgt circa zweieinhalb bis drei Monate. Wollen Sie dagegen mehr wissen, in Bremen treffen Sie einen chilenischen Einwanderungsagenten, der kann Ihnen mehr über Chile erzählen. Letztens haben auch manche Zeitungen über die Auswanderung nach Chile ausführlich berichtet.
Die Verpflegung an Bord ist natürlich einfach, sie besteht hauptsächlich aus Bohnen, Erbsen, Linsen, Konserven und Pökelfleisch. Einen Pass brauchen Sie selbstverständlich auch. Der Reisepreis beläuft sich ungefähr auf drei- bis vierhundert Mark Courant.“
Und dann mit einem Blick auf den Anzug des Besuchers, der auf einen gutbürgerlichen Wohlstand schließen lässt, „gegen einen kleinen Aufpreis können wir Sie natürlich auch etwas besser als einen gewöhnlichen Auswanderer unterbringen.“
Schon in der neuen Eisenbahn, die ihn bis Uelzen entführt, überkommt Johanngeorg Christian Hilliger ein geheimnisvoll prickelndes Fernweh. Noch gleiten vor seinem Auge die vom Morgennebel nur leicht verhüllten Felder und Auen des einstweilig dänisch regierten Herzogtums vorüber, jedoch im Inneren erblickt er den blauen Himmel, die grünen Felder, das weite Meer, spürt den Schlag der Wellen am Strande des Pazifiks. Der weitgereiste Vetter aus Hamburg hat es wohl verstanden, den Geist des ansonsten doch recht nüchternen Kaufmanns zu fordern. Er schließt die Augen, lachende Sterne breiten sich über einen weiten Horizont, das Kreuz des Südens, noch nie gesehen, aber aus den Worten des Vetters bekannt, steigt weit hinter weißen Bergen empor, ewiger Schnee soll es sein, der die hohen Berge gen Argentinien bedeckt. Noch nie hat der junge Mann aus Salzwedel eine ferne, in weißem Schnee glänzende Bergspitze gesehen, aber viele, sogar sehr viele soll es im Lande seines Traumes geben. Unglaublich, komme der Winter, gäbe es Schnee hoch droben, aber unten in der Stadt vielleicht ein wenig Regen, ansonsten nur ein Wetter wie im Oktober an der Waterkant.
Wird die Trennung vom Alten, Gewohnten ein Verlust oder eine Befreiung vom Alltag in seit Jahrhunderten eingetrockneten, festgefahrenenContorshanseatischer Prägung sein? Es soll ja Trennungen geben, die sich wie Befreiungen lesen, auch Befreiungen vom Ich, eines dessen Leben sich bislang ausschließlich auf dem breiten Pfad eines vortrefflich geführten Hauptbuches zwischen Soll und Haben bewegte, fern jeder abenteuerlichen Abwechslung. Nichts hält ihn eigentlich hier zurück, natürlich, da wären die Töchter des Herrn Busse, vielleicht hat der sich schon Hoffnung auf einen gestandenen Schwiegersohn gemacht, die Geschäfte müssen doch weiterlaufen, aber bisher hat dieser Lauenburger noch kein Zeichen einer Annäherung erkennen lassen. Könnte doch noch kommen, so hofft man in Salzwedel, aber bloß keinen von diesen eingebildeten preußischen adeligen Offizieren.
Das Kreischen der Bremen weckt den Reisenden. Von Uelzen steht ihm noch eine unbequeme Reise im Stellwagen bevor, denn eine Eisenbahn zur Stadt Salzwedel an der Jeetze gibt es noch nicht, die Flussschiffer haben dort ihr Veto geltend gemacht.
Es gilt nun, den Salzwedeler Fabrikanten Busse von einer Auflösung seines Contracteszu überzeugen, auch von der Loge „Johannes zum Wohle der Menschheit“ Abschied zu nehmen, allerdings mit der wirklich ernstgemeinten Versicherung, ihr auch weiterhin trotz der Ferne die Treue zu halten. Einer solch weltumfassenden Einrichtung anzugehören kann ja niemals schaden. Das wenige Gepäck ist schnell zusammengestellt, hat ja auch die letzten Umzüge schadlos überstanden. Schmerzlos geht der Abschied in Salzwedel als auch in Lauenburg über die Bühne. Hilliger verspricht, nie den Kontakt abreißen zu lassen.
Anker auf, es geht los
FregatteHindostanunter Kapitän Jacob Bendixen soll am 5. Oktober 1853 in Schulau bei Hamburg Anker lichten. Gerade dieHindostangilt als ein seefestes Schiff und der Kapitän als erfahrener Seemann, dem schon des Öfteren die äußerst gefahrvolle Umrundung des gefürchteten Kap Hoorn gelungen sein soll. Natürlich ist die Unterbringung an Bord einer Fregatte eng, erinnert an die halbdunklen Dachkammern, die der Lauenburger Kaufmann Johanngeorg Christian Hilliger in seiner Lehrzeit alsCommisbewohnt hat, hält jedoch jedem Vergleich mit anderen Seefahrzeugen aufs Beste stand. Wie die Erfahrung lehrt, wird sich das Essen während der langen, auf drei Monate veranschlagten Reise auf getrocknete und wieder eingewässerte Bohnen, Linsen und Erbsen mit Gepöckeltem beschränken müssen, aber was kann man anderes auf hoher See erwarten? Ergibt sich die Gelegenheit, könnte man das eingesalzene Fleisch ja durch frischen Fisch ersetzen. All dem wäre entgegenzusetzen, dass Verfrachter und Schiffsmakler gewöhnlich das Blaue vom Himmel herunterlügen, um die Höhe des Passagegeldes zu rechtfertigen, auch gern mit Klassenunterschieden hausieren, obwohl dann, bei späterer Belehrung auf See, praktisch alle Passagiere über den gleichen Kamm geschoren werden. Denn, endlich an Bord gibt es keine erste, zweite oder dritte Klasse mehr, von einigen unwesentlichen Unterschieden einmal abgesehen.
Allerdings wäre noch eine Besonderheit zu berücksichtigen: In Chile wird Spanisch gesprochen. Zwar führt jeder hamburgische Kaufmann ein englisches, gelegentlich auch ein französisches Wörterbuch im Gepäck, aber um die spanische Sprache hat man sich bislang wenig gekümmert, obwohl gerade die Städte Hamburg und Bremen bereits einen lebhaften Kommerz mit südamerikanischen Häfen pflegen. Ein spanisches Lehrbuch „Tausend Worte Spanisch“ soll dem Mangel abhelfen, auf der langen Überfahrt müssten doch genug Stunden Müßiggang zu Verfügung stehen, um tiefer in diese ungewohnte Sprache eindringen zu können. Später wird sich dann allerdings herausstellen, dass sich die Stunden des ungeliebten Lateinunterrichts in der Schule als wertvolle Hilfe beim Erlernen der spanischen Sprache erweisen. Halten an Land Fürsten, Grafen und Könige die Macht in ihren Händen, so ist auf See der Kapitän der unumschränkte Herrscher über das Leben und Wohlbefinden der ihm anvertrauten Gäste. An Bord der FregatteHindostan, die unter dänischer Flagge vor Schulau liegt und auf einen Dampfschlepper wartet, der den stolzen Dreimast-Segler „an den Haken“ nehmen und nach Cuxhaven schleppen soll, führt Kapitän Jacob Bendixen das Regiment, überwacht die nervöse Unrast, das Einschiffen der Auswanderer. Unmengen an Gepäck werden noch emporgehievt, denn Fracht wurde bereits an den Vortagen übernommen, auch die vorgeschriebene Seenotausrüstung hat man fachgerecht verstaut. Alle Lebensmittel für die lange Reise müssen mitgeführt werden, Eier, Bohnen, Linsen, Erbsen, gepökelter Schinken, Würste, auch Backobst wird geladen, dazu lebende Hühner, Enten und sogar ein paar Schweine quieken aus Angst vor dem Ungewissen in einem engen Verschlag. Natürlich darf Trinkwasser nicht fehlen, es wird in hölzernen Pipen unter Deck gebracht. Man kann erkennen, nicht nur auf Auswanderer für Chile beschränkt sich die Passagierliste, nein, auch hoffnungsvolle Abenteurer mit dem Ziel San Francisco in Kalifornien glauben, auf derHindostanden ersten Schritt in eine vergoldete Zukunft wagen zu können.
Widrige Winde verhindern anfangs eine schnelle Ausfahrt in die Nordsee, aber am zweiten Tag kommt der prächtige Segler im vollen Schmuck seiner Takelung einer Dreimast-Bark voll voran. Der Leuchtturm Neuwark gerät in Sicht, doch leider hat den Großteil der Landratten schon die Seekrankheit gepackt, stöhnend liegen sie in ihren Kojen und verfluchen den Tag, an dem sie den Entschluss fassten, ihre Seele der christlichen Seefahrt anzuvertrauen. Der Vorschrift, nach Auslaufen ein „Alle-Mann-Manöver“ für Matrosen und Passagiere über sich ergehen zu lassen, können sie nur widerwillig, mit schwachen Bewegungen und gelben Gesichtern nachkommen.
Nach einer knappen Woche durchquert dieHindostanden Kanal zwischen England und Frankreich. Die Stimmung an Bord hat sich gebessert, Wind und Wellen haben Ruhe eingelegt, die Seekrankheit der ersten Tage scheint überstanden und da sich ein paar junge Damen unter den Passagieren befinden, auch das auf solchen Reisen nie fehlende Schifferklavier mit dem dazu nun einmal notwendigen Künstler aus den Tiefen der Luken auftaucht, es zudem gerade Sonntag ist, kommt rasch ein Tanzfest zustande, an dem natürlich Johanngeorg Christian Hilliger gern teilnimmt. Nicht umsonst zählte er einst zu den gelehrigsten Schülern der Tanzstunde des gehobenen Bürgertums in Lüneburg.
Neptun im Atlantik meint es gut mit den Auswanderern, obgleich der Wind nicht so richtig mitspielen will, zum Kreuzen zwingt, was natürlich Zeit kostet. An Bord herrscht frohe Stimmung, Johanngeorg Christian hat erreicht – gegen einen kleinen Aufpreis –, eine Koje buchen zu können, die er nur mit einem Mitreisenden zu teilen braucht. Dieser wiederum ist ein friedlicher Zeitgenosse, sodass Johanngeorg Christian Zeit findet, diese dem Erlernen der spanischen Sprache zu widmen, obwohl es zu seinem Leidwesen an Bord keinen Mitreisenden gibt, der imstande wäre, seine Aussprache korrigieren zu können.
Am zehnten Tag heißt es endgültig von Europa Abschied zu nehmen, Kap Finis Terrae zieht in einiger Entfernung vorüber, eine Woche später kommt Madeira in Sicht und wieder ein paar Tage danach Las Palmas de Islas Canarias. Man nähert sich wärmeren Gefilden, widmet sich am Oberdeck der Beobachtung der Gestaltung der kunstvollsten Wolkenbildungen, dem Wechsel von Licht und Schatten, der im Verein mit einem launenhaften Farbenspiel ein Ineinandergleiten der Töne vermittelt so wie man es eigentlich nur aus der Musik zu kennen glaubt. Einem wilden Trommelwirbel gleich verdüstert alsdann eine schwarze Gewitterwolke das leichte, dahinschwebende Schäfchen am Himmel, das eilt bestürzt im Winde in Gegenrichtung davon, einen weißen durchsichtigen Schleier hinterlassend.
Es ist die Abwechslung am Himmel, die die an Deck im Sonnenlicht rastenden Passagiere stets aufs Neue fasziniert, nicht dagegen der Speiseplan, der während der Reise durch eine absolut fehlende Variation zu wünschen übriglässt. Linsensuppe mit gepökeltem Schinken, Bohnensuppe mit gepökeltem Rindfleisch, Gerstensuppe mit Backpflaumen, gelegentlich auch Fisch – auf hoher See gefangen – und sonntags frisches Fleisch vom Schwein oder Hühnerfrikassee, denn nach und nach muss das mitgebrachte Vieh seiner ihm zugedachten Bestimmung zugeführt werden. Es ergibt jedes Mal großes Geschrei und Jubel, wenn die Kinder den über Deck davonflatternden Hühnern und Enten nachjagen, die hoffen, ihrem Schicksal im Kochtopf entrinnen zu können. Je länger die Reise währt, beginnen die mitreisenden Frauen häusliche Beschäftigungen aufzunehmen, putzen, waschen und pflegen Wäsche oder versuchen, durch Rat und Tat dem Smutje beizustehen, den Speiseplan mit Hilfe der mitgebrachten Vorräte etwas zu verbessern, ihn etwas weniger eintönig als nach altgewohntem Schema abzuwickeln.
Es trifft sich gut, am Sonntag, den 26. November, genau zweiundfünfzig Tage nach der Abreise, empfängt die südliche Halbkugel die Reisenden mit freundlichem Wetter, mildem Wind und einer Tagestemperatur um die zwanzig Grad Reaumur. Gott Neptun hat sich angemeldet, erkundet zunächst beim Kapitän, ob sich an Bord gar Ungetaufte befänden, was dieser zugeben muss, haben doch alle Passagiere und sogar ein paar Matrosen den Äquator noch nie überquert. Unter Gelächter und vielerlei Possen und Scherzen werden die Ungetauften nun mit Seifenschaum und einer undefinierbaren schwarzen Paste eingerieben, von Neptun eingesegnet, dann mit einem gewaltigen hölzernen Messer abgeschabt. Ein „Notar“ in Amtsrobe und mit ernster Miene schreitet gewissenhaft zu Protokoll, überreicht auch nach Abschluss der Zeremonie den Reisenden ein Taufzeugnis, das sie bei einer nächsten Reise von einer neuen Taufe befreien soll. Doch wird es jemals zu einer neuen Reise kommen?
Zum Abschluss der Feier lädt die Gesellschaft zu einem kleinen Tanzfest, zu dem die Damen an Bord Kuchen gebacken haben. Die Zutaten – Mehl, Eier – liefert der Kapitän beziehungsweise der Smutje auf allerhöchste Anordnung.
Drei Wochen später beginnt Kälte durch Spalten und Ritzen in die Kajüten zu ziehen, die Temperatur sinkt und sinkt, bleibt schließlich bei fünf Grad stehen. An Heizung ist nicht zu denken, man wärmt Hände und Rücken in der Kombüse oder verkriecht sich unter Decken. Johanngeorg Christian hat seine neue Liebe zur Astronomie entdeckt, der Navigationsoffizier führt ihn ein in die Kunst der nautischen Ortsbestimmung, erklärt ihm den Sternenhimmel und die Bestimmung der eigenen Position, auch wenn jetzt südlich des Äquators der Polarstern hinter dem Horizont verschwunden ist und dafür das Kreuz des Südens aus dem Atlantik steigt, täglich ein paar Grad empor.
Der Navigationsoffizier weiß zu erklären:
„In der Nautik nennen wir das den Frühaufgang, die Heliakischen, wenn ein Sternbild des Morgens am Horizont aus der Tiefe auftaucht. Sie erleben das jetzt am Kreuz des Südens. Für uns bedeutet es eine vollständige Umstellung der Schiffsführung.“
