Aus dem Hinterhalt - Christine Bendik - E-Book
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Aus dem Hinterhalt E-Book

Christine Bendik

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Beschreibung

Aus einer Gruppe Obdachloser verschwindet ein junger Mann spurlos. Die Privatdetektive Jade Duncan und Paul Stroud stehen vor ihrem ersten gemeinsamen Fall. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, mit jedem Tag sinken die Chancen, Bobby zu finden. Besonders für Jade wird die Suche zum Alptraum: Der Vermisste ist ein alter Bekannter. Der Leichenfund eines Mädchens führt die Ermittler auf eine heiße Fährte – direkt ins Rotlichtmilieu. In einem abgelegenen Bordell, wo das Mädchen lebte, verliert sich auch Bobbys Spur. Ist er der Mörder und auf der Flucht? Jade glaubt an seine Unschuld und will noch nicht aufgeben. Bei ihren Recherchen stoßen Paul und sie auf bittere Wahrheiten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Christine Bendik

Aus dem Hinterhalt

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Impressum neobooks

Inhalt

Copyright © Christine Bendik

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: © Shutterstock

Umschlag Schrift: www.fontspring.com

Umschlaggestaltung: Christine Bendik

Lektorat: Christina Hornung, Aschaffenburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist

urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist

ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt

insbesondere für die elektronische oder sonstige

Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und

öffentliche Zugänglichmachung.

Herausgeber: Christine Bendik

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und

Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit

lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Aus dem Hinterhalt

Die wichtigsten Protagonisten

Hauptfiguren

Jade Duncan Privatdetektivin

Paul Stroud ihr Partner

Aylin Hayes Andys Freundin

Bobby Dean der Vermisste

Nebenfiguren in alphabetischer Reihenfolge

Andy Elliott Aylins Freund

Brent Mitarbeiter/Andy

Emmi-Lee Valdero Bobbys Schwester

Gretchen Hopkins Bobbys Freundin

James Ward Pathologe

Reed Thorne Stiefvater/Aylin

Rosa Kralik Hausmädchen

Roy Barksdale Freund/E.-Lee

Serah Jades Schwester

Randfiguren in alphabetischer Reihenfolge

Cynthia Darson Schulklasse/Aylin

Maria Latorre Aylins Freundin

Mario Jayson Schulklasse/Aylin

Milli Obdachlose

Munky Wells Tätowierer

Pete Sanders Nachbar/E.-Lee

Einige Obdachlose:

Adam Swartling, Lizzy Perez, Rita

Mieterinnen bei Andy Elliott im Haus

Hazel, Sina, Tessa, Tinie

Freier

Carl Archer, Malik

Prolog

New York

Bobby

Abgehängt. Der Gedanke, der in seinem Schädel kreiste, hatte etwas von Endgültigkeit. Eingesperrt hatte man ihn, wie eine Ratte in einem dunklen Verlies. Eingesperrt und vergessen. Er blickte auf fensterlose Steinmauern, von denen das Schwitzwasser rann. Sein Magen knurrte. Man würde ihn hier verrecken lassen, den eiskalten Mädchenmörder, anstatt ihn der Polizei auszuliefern, das wurde von Stunde zu Stunde klarer. Anfangs hatte er regelmäßige Essensrationen erhalten – inzwischen fiel nur noch sehr sporadisch etwas durch die Luke zu ihm herunter.

Wieder versuchte er, sich zu erinnern. Er sah sich noch neben der Leiche des Mädchens knien, irgendwo an einem Stück Ufer im Park. Spürte den kräftigen Schlag auf den Hinterkopf und hörte sein Stöhnen, mit dem er zu Boden ging. Er hatte sich wieder aufgerappelt, den kalten Lauf einer Pistole im Rücken und der Typ mit der Sturmhaube hatte ihn wortlos durch den nächtlichen, fast menschenleeren Park gescheucht. Ihn später in den Kofferraum seines Wagens genötigt, ihm die Augen verbunden, ihm Hände und Füße gefesselt und ihm einen Knebel verpasst. Er hatte nur kurz seine Augen gesehen, Augen die ihn erinnerten an … Er schluckte hart und schüttelte den Kopf … Die ihn erinnerten an niemanden und nichts.

Wie mit einem fetten Edding schien sein Erinnerungsvermögen aus seinem Kopf gestrichen zu sein. Weder wusste er, wer er war, noch was ihn zu dieser schrecklichen Tat getrieben haben mochte.

Die Kraft verließ seinen Körper, das spürte er mit jeder weiteren Minute, die verrann. Nein, er fürchtete sich nicht vor dem Tod. Er fürchtete sich vor dem bisschen Leben, das ihm noch blieb. Seit gestern nichts mehr zu beißen gehabt außer einem trockenen Kanten Brot, dem man ihm wie einem räudigen Hund hingeschmissen hatte, und der Geruch des Rests Wassers in dem dreckigen Kanister dort auf dem Boden begann bereits dem Gestank seiner eigenen Exkremente im Eimer daneben zu ähneln.

Regungslos verfolgte er mit den Blicken den fetten Hirschkäfer in seinem rotbraun glänzenden Chitinmantel, der gleichfalls unfreiwillig hier hereingeraten sein musste, und er leckte sich über die Lippen und überlegte, ob er vielleicht … Aber das winzige Tier würde höchstens einen hohlen Zahn füllen.

Über ihm fielen einzelne Sonnenstrahlen durch die verriegelte Luke, zu wenig, um etwas Wärme zu spenden, und er schloss reflexartig die geschwollenen Lider. Ein Geräusch ließ ihn wieder aufschrecken. Stimmen oder nein, nur ein Husten. Zum gefühlt hundertsten Mal in diesen dunklen Stunden klopfte sein Herz schneller, fasste er einen Funken Mut. Er stieß einen spitzen Schrei aus in dem Versuch, sich bäuchlings unter die etwa drei Meter entfernte Falltüre zu schieben und sich bemerkbar zu machen. Fluchend hielt er inne. Er war kein Arzt, aber das hohle Knacken, das seinen Sturz in dieses Loch hier begleitet hatte, dazu dieser reißende Schmerz, bedeuteten mindestens einen Bruch des rechten Unterschenkelknochens.

»Hallo«, rief er, mit schwacher Stimme. »Ist da wer?« Niemand antwortete, die Geräusche waren verstummt, und er spürte, wie eine eiskalte Träne seine Wange herabrollte. Jaulend zog er sich wieder in seine Ecke zurück. Die Kälte des rohen Bodens kroch ihm bis unter den Hosenstoff und seine Zähne klapperten hart aufeinander.

Im Grunde hatte er es verdient, so zu enden. Warum hatte er dieses Mädchen getötet? Hatte sie noch etwas gesagt? Ihn angesehen mit flehenden Augen: Tu’s nicht? Hatte er ihr vorher Gewalt angetan, hatten vielleicht seine schmutzigen Triebe gesiegt?

Er ließ dem albernen Kichern ungebremst seinen Lauf. Dem Wahnsinn, der sich in seinem verdorrenden Hirn ausbreitete wie ein schleichendes Gift – als plötzlich Bildfetzen vor ihm aufflammten. Bruchstückhafte Erinnerungen, mitten aus dem Inwood Hill Park, bei den alten Indianerhöhlen.

Später Abend. Die Gesänge der Straßenmusikanten waren verstummt, nur ein paar Junkies noch auf einem der verlassenen Spielplätze ganz in der Nähe. Eine Wolke Cannabis wehte zu ihm herüber, krautig und erdig, doch er konzentrierte sich auf den frischen Duft der uralten Kiefern und Eichen. In der grünen Lunge im Herzen New Yorks blühte auch er richtig auf, hatte einer wie er wirklich Ruhe und nichts zu befürchten von anderen Menschen, ganz im Gegensatz zum Aufenthalt in den Straßen Manhattans, unter den Brücken und in den Tunneln und Leitungsschächten der U-Bahnen.

Einer wie er, durchzuckte es ihn. Ein Penner also …

Das nächste Bild führte ihn an das Ufer des Hudson und er kniete an der Seite des Mädchens. Ihr Name war … richtig, Maria. Und sie war mausetot. Wie gut kannte er sie? War sie aus demselben Holz wie er geschnitzt? Eine Aussätzige der Gesellschaft, ohne Obdach?

Sie hielt das Gesicht abgewandt Richtung Fluss, hatte seinen Anblick wohl nicht mehr ertragen. Hatten sie Streit gehabt? Waren sie ein Paar, oder war nur er scharf auf sie gewesen und sie wollte ihn nicht? Was hätte er ihr schon bieten können? Hatte er Maria deshalb ermordet? Hatte sie ihn beschimpft und verlacht?

Aber der Gedanke, getötet zu haben, stieß ihm immer bitterer auf. Er starrte auf seine Hände – waren sie dazu fähig? War er wirklich ein Mörder? Da war nicht der Hauch von Groll in ihm. Maria … Alles, was er spürte, war eine Art freundschaftliche Verbundenheit.

Seine Lippen begannen zu zittern und Tränen schossen in seine Augen. Mit ihrer ablehnenden Haltung, bäuchlings im Wasser, das Gesicht mit den starren Augen in die Tiefen des Flusses gerichtet, gab Maria den Blick auf ihren Hals und ihren Nacken frei, die schwarze Verfärbungen aufwiesen. Und er blickte wieder auf seine zitternden Hände, die das verursacht haben sollten, die sich um diesen weißen schlanken Hals gelegt hatten …

Nein, er wollte das einfach nicht glauben. Noch dazu … Ein anderes Gesicht tauchte vor ihm auf, verwischte aber rasch wieder wie ein Aquarell, das zu viel Wasser statt Farbe abgekriegt hatte. Er wusste sofort, sie gehörten zusammen, auch wenn ihm ihr Name nicht einfallen wollte. Er liebte diese Frau, auch das wurde ihm klar. So klar, wie er plötzlich wusste, dass er für Maria nichts fühlte. Warum? Die Frage stand in großen Buchstaben vor ihm.

Warmer Speichel rann ihm über das Kinn bis zum Hals hinab und er keuchte. Denk nicht mehr dran, vergiss das Mädchen, flüsterte ihm eine innere Stimme zu, fast wie ein anderes Ich, kurz bevor sein Verstand noch versagte. Neue Bilder tauchten auf, eine rasante, stark lückenhafte Abfolge seiner Vergangenheit. Oh, er wusste genau, was es bedeutete, wenn einer sein Leben wie einen Film vor seinem inneren Auge vorüberziehen sah …

Seine Einschulungsfeier im Central Park. Er und seine ältere Schwester Emmi-Lee mit den haselnussbraunen Zöpfen vor dem Grizzly-Gehege.

Sein neunter Geburtstag, Cable-Car-Fahren mit seinem Kumpel Dave Hubbard … die riesigen Slide-Hill-Rutschen auf Governors Island unsicher machen …

Die Studentenjahre … Moment mal … Doch bevor er über sein doch recht behütetes Leben und seine schulische Laufbahn nachdenken konnte, die nichts mit seiner heutigen Realität gemeinsam hatten, umfing ihn eine Art samtige Schwärze und er verlor die Besinnung.

Kapitel 1

Spanish Harlem

Ilka

»Setz dich doch«, sagte Andy. »Ich hol uns was Kühles zu trinken. Cola, Sprite, Ice-Tea, Bud Light?« Er wies lächelnd zum Tisch und fuhr sich dann mit der Hand über das rotblonde Haar. In sein Lächeln mischte sich etwas Verwegenes, er hatte fast was von Owen Wilson in seiner Rolle als Serienkiller in »The Minus Man«. Eine widerspenstige Locke zerschnitt seine Stirn.

Über Ilkas Unterarme fuhr eine angenehm kribbelnde Gänsehaut. Sie schüttelte sich, so ein Unsinn! Andy als schlimmer Finger. Der Gedanke kam nur von ihrem Faible für Horrorstreifen.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.

»Ice-Tea«, entschied sie. Ob das vergilbte Thermometer an der Außenwand des Gebäudes, das selbst um die Uhrzeit noch 45 Grad anzeigte, funktionstüchtig war, konnte sie nicht beurteilen. Aber laut ihrer strohtrockenen Kehle könnte das passen. »Mit Pfirsichgeschmack«, schob sie nach. Sie lächelte zurück, mit einem warmen Gefühl im Bauch. Andy war alles andere als ein boshafter Mensch, schon gar kein hinterhältiger Killer wie Owen, er war liebevoll, zuvorkommend, einfach perfekt. Er hätte sie genauso gut ins Wohnhaus bitten können, wollte sie aber keinesfalls drängen. Er würde den Zeitpunkt ihres »ersten Mals« allein ihr überlassen. Sie musste zugeben, dass genau diese Tatsache ihre Ungeduld steigerte.

»Kommt sofort«, rief Andy, deutete einen Diener an und ging Richtung Laden, wo eine großzügige Getränkeauswahl in einem breiten, hohen, silbernen Ungetüm von Kühlschrank wartete. Sie nahm derweil an dem steif und unpersönlich wirkenden Bistrotisch mit den zwei Hochstühlen links vor der Hauswand Platz, den ein nicht ganz sauber ausgewischter gläserner Ascher zierte. Andy hatte ihr erzählt, dass nur noch selten LKW-Fahrer hier einen Zwischenstopp einlegten, um zu tanken, einen Kaffee zu trinken oder einen Hotdog zu essen. Die ewige Baustelle direkt an der Straße vermasselte ihm das ganze Geschäft.

Sie sah ihm nach, wie er mit federnden Schritten um die Ecke verschwand. Ein Windstoß kam auf, wehte einen Zipfel von Andys über der Hose getragenem Hemd zur Seite … zum Vorschein kam der hölzerne Schaft eines Art Dolches, der in seiner Gesäßtasche steckte. Sie wusste nicht, ob sie das irritieren oder eher erleichtern sollte. Andy hatte ihr einmal gesagt, dass man hier draußen, so weit ab vom Schuss, stets mit allem rechnen musste. Von daher war es sicher okay und letztlich auch zu ihrem Schutz.

Sie ruckelte sich umständlich auf dem Sitz zurecht. Das Warten auf ihn kam ihr wie eine Ewigkeit vor und sie vermisste ihn jetzt schon. Sie beide waren vernarrt ineinander. Schon einmal hatte er sie mit auf sein Zimmer genommen. Sie hatten geknutscht und sich nebenbei »Pearl« angesehen … wenn Mom das wüsste! Beides wüsste. Mom sah in ihr immer noch das brave Mädchen von einst, aber die Zeiten waren vorbei. Hey, sie war fünfzehn und hatte andere Ideen, als brav zu Hause zu sitzen und Topflappen mit hübschen bunten Mustern für Mummy zu häkeln. Nur Grandma wusste Bescheid, mit wie viel Leidenschaft sie Jason bei seinen nächtlichen mörderischen Streifzügen um den Crystal Lake folgte oder Mia Goth auf die einsame Farm.

Nach dem Film hatten Andy und sie noch zusammen gegessen, alles ganz harmlos, eben doch fast klösterlich sittsam und dennoch einfach zum Träumen schön. Er wusste mit Frauen umzugehen, hatte Erfahrung, war doppelt so alt wie sie, dreißig, und nicht so ein pubertierender Sack wie Jacob Johnson von nebenan, der die dreckigen Pfoten nicht bei sich behalten konnte.

Selig vor sich hin lächelnd – ihr älterer Bruder William würde es grenzdebil nennen – blickte sie auf die Gebäudeecke, hinter der die schlanke, jedoch an den richtigen Stellen muskelbepackte Gestalt Andys verschwunden war. So wie Andy sie heute ansah, mit diesem warmen Glanz in den Augen – er wollte mehr. Vielleicht bat er sie später, zu fortgeschrittener Stunde und wenn es kühler wurde, doch noch ins Haus? Auch sie konnte es kaum erwarten, in seinen Armen zu liegen. Sie strich sich das Haar glatt und die kleinen Falten aus dem Rockteil ihres Neckholder-Kleids. Es würde ihr allererstes Mal überhaupt sein und er war der Richtige. Sie wusste, er würde behutsam sein.

Verträumt ließ sie die Blicke schweifen, rechter Hand zu den weit abgelegenen Lichtern der Wohnhäuser einer Siedlung, links zu der sonst so belebten Landstraße, die an das Tankstellengelände grenzte, und mit Schrankenzäunen und Flatterbändern versperrt war, durch die sich vermutlich nicht mal ein Waschbär wagte. Ihr Blick kehrte zurück zu den beiden Tanksäulen innerhalb des Geländes – Diesel und Benzin –, die wie Mahnmale aus der Finsternis ragten. Ein wolkenverhangener Mond schwebte darüber, der die Ödnis gerade in ein trübes Licht tauchte. Die einzige Lichtquelle weit und breit – abgesehen von einer schummrigen Straßenlampe. Selbst die beim letzten Besuch rötlich beleuchteten Fenster der Wohnungen in dem dreistöckigen Shop-Überbau präsentierten sich dunkel und unbelebt.

Sie zuckte zusammen, als sie das Klacken des aufschnappenden Türschlosses am Eingang des Shops vernahm. Zu gleicher Zeit fuhr ein warmer Abendwind durch die alte Trauerweide an der Grundstücksgrenze zu Ilkas Rechten, deren dünnen Äste mit den fein geäderten Blättern bis auf den Boden ragten. Ihr Rascheln klang wie ein warnendes Flüstern. Weiß deine Mom, dass du hier bist? Dein Bruder? Weiß es irgendjemand?

Ein Windhauch strich über Ilkas nackte Schultern wie die dürren Finger einer Geisterhand. Für einen Moment fühlte sie sich wirklich an diese einsame Farm erinnert … und plötzlich fröstelte sie in der brütenden Abendhitze. Sie musste über sich selbst grinsen, seit wann war sie denn solch ein Hasenfuß? Das hatte sie nun von ihrer dunklen Faszination an Thrillern, dachte sie seufzend und augenrollend. Sie wollte tapfer sein, doch tief in ihr drinnen war dieses Bibbern.

Es hielt sie nichts mehr an ihrem Platz und sie sprang auf. Vorbei an den Tanksäulen nahm sie Kurs Richtung offen stehender Haustür und trat in den spärlich beleuchteten Tankstellenshop, über dem in der dritten Etage Andys Wohnung lag. Fast stieß sie mit Andy, der gerade zu ihr ins Freie treten wollte, zusammen, und riskierte ein Überschwappen der Gläser und Dosen auf dem Tablett in seinen Händen. »Ich würde gern … lass uns nach oben gehen«, murmelte sie. Nur dorthin, wo es freundlich und hell war.

»Bist du dir sicher?« Drinnen stellte sie es sich wie im Backofen vor. Aber sie nickte heftig und er gab ihr das Tablett.

»Geh schon mal rein. Ich muss erst noch … Hab meine Kippen im Auto vergessen.«

Die Shoptür fiel hinter ihm zu und Ilka stand ein wenig verloren im Laden. Sie durchquerte ihn und betrat die Treppe hinter der Schiebetür, die intern hinauf zu den Wohnungen führte. Mit dem Tablett in den Händen verzichtete sie darauf, das Licht anzuschalten.

Im dritten Stock angekommen, etwas atemlos, stellte sie das Tablett zu Boden und drehte den Türknauf. Da hörte sie jemanden hinter sich treten.

»Wow, das ging ja schnell«, stieß sie überrascht aus. Sie drehte sich um und zwickte die Augen zusammen in dem Versuch, das Gesicht der mittelgroßen, drahtigen Gestalt in der Düsternis auszumachen. Stattdessen blickte sie auf die leuchtenden, lilafarbenen Blätter einer honigsüß duftenden Rose, die das Antlitz ihres Gegenübers zum Teil bedeckte. Ein Geschenk an sie, wie aufmerksam von Andy …

Sie ließ den Türknauf los, trat auf Andy zu, um die Rose entgegenzunehmen, ihre Arme um ihn zu schlingen und ihn zu küssen. Das Gesicht, das sich ihr einen Herzschlag später offenbarte, als die Rose achtlos zu Boden fiel, wirkte maskenartig eingefroren. Entgeistert blickte Ilka nun auf die kurze Klinge eines seltsam geformten, nadelspitzen Messers in der Hand ihres Gegenübers, das ihr gefährlich nahekam. Starr vor Entsetzen öffnete sie in derselben Sekunde den Mund zu einem markerschütternden Schrei.

Kapitel 2

Harrison

Jade und Paul

In den frühen Siebzigern mochte der neu erschlossene Industriestandort eine wahre Goldgrube gewesen sein – inzwischen wurde die verlassene Gegend hier in Harrison im World Wide Web als ein Geheimtipp gehandelt für Leute mit einem Faible für Lost Places. Fabrikbesitzer hatten längst aufgegeben, waren mit ihrer Firma verzogen oder hatten die Produktion ins günstigere Ausland verlagert. Grundstücke wirkten verwaist, Rollläden waren heruntergelassen, das Gras in den Vorgärten von der Sonne verbrannt und der Putz blätterte schon von den Wänden. Fast erwartete Jade das Heranwehen einer Steppenhexe, einer jener Heuballen, die man aus alten Western kannte.

»Irgendwie ist das …«

»Gruselig?«, vervollständigte Paul Jades angefangenen Satz. Sie grinste ihn an.

»Ja. Aber ich meine nicht all diese verlassenen Häuser.«

»Ich weiß.« Paul deutete mit dem Kopf in Richtung der Villa Valdero, die wie ein Exot und deplatziert wirkte in all der Tristesse. »Dann lass uns mal reingehen ins ultramoderne Gruselschloss.«

Er setzte sich in Bewegung und lief mit seinen elastischen Schritten über den gepflasterten Weg zwischen den üppigen Duftjasminbüschen. Jade verweilte noch und nahm den Anblick des Bauwerkes fasziniert in sich auf. Die Holzverschalung hatte einen frischen Anstrich und sogar Vorhänge prangten hinter den Fensterscheiben. Kleine rote Schindeln bildeten das Dach von mehreren Erkern und Vorsprüngen und zierten die überdachte Veranda. Rechter Hand, im Schutz einer prächtigen Baumkiefer, parkten die Wagen im Carport: ein roter Porsche, ein smaragdgrüner Tesla metallic und ein blitzblank poliertes Ungetüm von einem Wohnmobil, mit den Ausmaßen eines Busses.

Jade folgte nun Paul zur Haustür. Ein messingfarbenes Türschild glänzte in der Vormittagssonne: Drake und Emmi-Lee Valdero, LLC, Computertechnik. Im ersten Stock wohnte eine Frau Rosa Kralik, und es gab einen Hinweispfeil Richtung links um die Häuserecke: Zur Hundezucht. Die musste sich irgendwo im hinteren Grundstücksteil in der Nähe der Produktionsstätten befinden.

Paul drückte die Klingel. Linker Hand schlugen die beiden Hunde in ihren Zwingern an, und erschrocken wich Jade zurück, direkt in Pauls Arme. Kurz ruhte der Blick seiner graublauen Augen auf ihrem Gesicht. »Keine Sorge«, sagte der Blick. »Ich bin ja da.«

Sie schenkte Paul ein dankbares Lächeln. Jeden Tag aufs Neue war ihr bewusst, wie froh sie sich schätzen konnte, ihm begegnet zu sein. Er gab ihr Kraft und Halt und Zuversicht, mit einem Wort Heimat. Und seine Nähe beruhigte sie ungemein in Situationen wie diesen. Sie war kein ängstlicher Typ, aber als Kind hatte sie mal böse Erfahrungen mit Nachbars Rowdie gemacht, einem hinterlistigen, bissigen Eskimo Dog. Eine etwa acht Zentimeter lange Narbe an ihrer Wade zeugte noch heute davon.

Ein misstrauisch dreinblickendes Auge erschien im Türspion, dann wurde die Tür geöffnet.

»Emmi-Lee Valdero?«, fragte Jade.

»Ja bitte, die bin ich?!«

»Detektei Duncan und Stroud«. Jade merkte, wie fremd ihre eigene Geschäftsbezeichnung noch in ihren Ohren klang. »Wir hätten da ein paar Fragen an Sie. Es geht um Ihren Bruder.«

»Bobby? Hat er denn was verbrochen?« Sie hielt die Tür weit auf und ließ die Besucher ein, doch Jade hatte einen kleinen Vorgeschmack darauf erhalten, wie sich ihre Welt künftig gestalten würde. Nach ihrem Journalismus-Studium war sie ein gefragtes Model gewesen, man hatte sich international um ihre Gunst bemüht. Ein freundlicher Empfang würde künftig eher zu den Ausnahmen zählen, da sie es sich nach der Ermordung ihrer besten Freundin im letzten Jahr nun mal auf die Fahne geschrieben hatte, als Detektivin unbequeme Fragen zu stellen.

Im Treppenhaus roch es nach Nelke, Amber und Rosenholz, das Parfum der Hausdame? Die etwa vierzigjährige Hausherrin, von mittelgroßem Wuchs und zartgliedrig, ging voran in den Wohnraum. Sie hatte das haselnussbraune Haar zu einem weichen Knoten im Nacken gesteckt. Zu ihren schwarzen, hautengen Dreivierteljeans trug sie ein rückenfreies Top. Ein Fußkettchen schimmerte golden an ihrem Knöchel. Ihrer elfengleichen Erscheinung gemäß hegte man die Erwartung, dass sie gleich über den Erdboden schweben würde.

Es empfing sie ein lichtdurchfluteter Wohnraum mit bodentiefen Fenstern zum Garten hin. Dank einer funktionstüchtigen Klimaanlage war es hier angenehm kühl. Jade erhaschte einen Blick durch die geöffnete Verandatür. Sie mussten die Frau beim Sonnenbaden gestört haben, was der Liegestuhl mit dem im warmen Wind flatternden Sonnensegel und der orangerot schimmernde Cocktail auf dem Beistelltisch verrieten.

»Bitte, nehmen Sie Platz. Einen kühlen Drink oder lieber Kaffee?« Emmi-Lee wies auf die Sitzlandschaft, setzte sich selbst in den antiken Ohrensessel direkt gegenüber, schlug die langen Beine übereinander und hielt ein Haustelefon griffbereit.

»Das ist sehr freundlich«, bedankte sich Paul, lehnte aber ab.

»Gerne einen Kaffee«, sagte Jade. Sie und Paul nahmen Platz. Emmi-Lee Valdero gab ihren Auftrag einem Bediensteten weiter und legte das Telefon weg. Sie blickte ihre Besucher ratlos an.

»Nun also, was ist es, was kann ich für Sie tun?«

»Wir haben leider keine guten Nachrichten«, eröffnete Paul. »Bobby ist spurlos verschwunden. Gretchen, was Bobbys Freundin ist, hat ihn uns als vermisst gemeldet. Ist bereits einige Tage her und um offen zu sein, wir machen uns Sorgen.«

Jade nickte zustimmend. »Können Sie uns da weiterhelfen? Wann haben Sie ihren Bruder zuletzt gesehen?«

Aber Emmi-Lee sah Jade nur mit großen Augen an.

»Ihm wird doch nichts passiert sein? Er lebt ja nicht ungefährlich. Erst kürzlich haben sie hier ganz in der Nähe einen Obdachlosen mit Benzin übergossen und angezündet. Mitten im Schlaf auf der Parkbank. Ist das nicht schrecklich, die Menschheit wird immer bekloppter. – Wann er zuletzt hier war?«, sagte sie schließlich. »Könnte was mehr als ein Jahr her sein. Mein Mann Drake, Gott hab ihn selig, hat noch gelebt.«

»Was war denn damals der Grund des Besuchs?«, fragte Jade.

»Natürlich ein Mädchen. Wollte die Kleine beeindrucken, doch es fehlte an Barem. Sie muss was Besondres gewesen sein, dass er sich traute, hierherzukommen. Ich glaube, ihr Name war Ilka.«

Ein Mädchen namens Ilka kannte Jade nicht, allein Paul hob für einen Moment die Augenbrauen bei der Nennung des Namens. Es gab wohl einen ungeklärten Vermisstenfall in der City: eine gewisse Ilka Sobotka, was er kurz erwähnte.

»Und«, bohrte Jade weiter, »haben Sie Bobby Geld gegeben?«

»Ich musste versprechen, dass es nur leihweise sein würde. Sein verdammter Stolz, aber Sie kennen ihn ja. Und dann erst sein Eigensinn. Hat sich nach dem Tod unsrer Eltern andauernd von mir als älterer Schwester gegängelt gefühlt. Wollte selbstständig sein, sich nichts irgendwo dreinreden lassen und schon gar nicht jemandem auf der Tasche liegen. Also ist er ausgezogen, eigene Bude direkt in der City. Mit dem Job hat es dann doch nicht geklappt. Nach allem, was ich weiß, jobbte er schließlich für eine Backwarenkette. Mitten in der Nacht aufstehen, Knochenarbeit, dünnes Gehalt.«

»Das stimmt«, sagte Paul, der kurz seine Nebentätigkeit in Jades Organisation »Gemeinsam stark« umriss, wo er sich zusammen mit ihr in seiner Freizeit um Obdachlose kümmerte.

»Daher kennen Sie Bobby also«, bemerkte Emmi-Lee und Paul nickte. »Er hat sich im Job keine Pause gegönnt. War trotzdem ständig blank. Ich habe ja den Verdacht, dass der Großteil seines Gehalts auch damals schon an die Mädchen ging. Nein, nicht, was Sie denken.«

»Aber was denke ich denn?«, unterbrach Emmi-Lee ihn aufgeregt. Er konnte förmlich spüren, wie sehr sie das alles mitnahm, auch wenn sie die heile Fassade zu wahren versuchte. »Ständig hatte er irgendeine am Start. Und für die brauchte er Kohle, und zwar reichlich. Das weiß ich, weil … nun, Telefonate gab es ja noch zwischen uns. Die Namen wechselten alle paar Wochen, Ilka, Hallie, Maria, und wie sie alle hießen. Ziemlicher Verschleiß, meinen Sie nicht? Kann mir vorstellen, dass, wenn das Geld alle war, mit denen sehr schnell Schluss war. Vielleicht haben sie ihn sogar verspottet? Sicher hätte er so mancher von ihnen am liebsten den Hals umgedreht. Aber nein, nach außen hin gab sich mein lieber Bruder ja ach so verständnisvoll.«

»Einige der Namen, die Sie nennen, kommen mir im Zusammenhang mit Bobby und dem 'Gemeinsam stark' durchaus bekannt vor«, meinte Jade. »Maria zum Beispiel, oder Hallie.« Von ihren jähen Emotionen überwältigt, suchte sie Pauls Blick. Der übernahm geistesgegenwärtig den Gesprächsfaden. Hallie Hobbs. Sie war nie zu den gemeinsamen Treffen im »Castle«, wie sie ihren Laden nannten, nie zum regelmäßigen Mittwochscafé dazugestoßen. Hin und wieder hatten Jade und Paul Kontakt zu ihr in der City gesucht – bis sie von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Eine absolut bedrückende Geschichte.

»Maria ist eins unserer jüngsten Gruppenmitglieder«, erklärte Paul, wieder an Emmi-Lee gewandt. »Ich sehe das, was Sie da sagen, im Übrigen komplett anders. Bobby liegt es fern, zu 'beeindrucken'. Er hat einfach ein großes Herz für unsere Jüngsten, und das sind momentan deutlich mehr Mädchen als Jungs. Er ist Anlaufstelle für akute Probleme und unterstützt die Mädchen auch finanziell.« Er registrierte, dass Emmi-Lee wenig überzeugt ihren Kopf wiegte. Kunststück, sie hatte eben keinen Einblick in das raue Leben da draußen. Während Leute in der Upper Eastside sich einen vergoldeten Eisbecher für über 1000 Dollar leisteten, holten Mädchen wie Maria sich schon mal einen Happen aus der Mülltonne.

»Ja, und mit seiner besagten letzten Arbeit hat er sich wohl übernommen«, fuhr Paul unbeeindruckt fort. »So was bleibt nicht an den Klamotten hängen. Er wurde krank, schwer krank – der Muskelapparat. Etwas, was offenbar hauptsächlich junge Männer befällt. Er verlor auch diesen Job und sein bisschen Erspartes hat er bei den Ärzten gelassen. Erst zog er in seinen Wagen, dann auf die Straße unter den freien Himmel.«

Emmi-Lee nickte. »Ich weiß. Er hätte es wirklich einfacher haben können.«

»… Und dennoch. Er hat jemanden gefunden, der oder besser gesagt, die eisern zu ihm hält, wussten Sie das?

»Seine Freundin – Gretchen sagten Sie? Ist sie denn …«

»Ebenfalls obdachlos, ja.«

»Da versteh einer die Kerle. Die schönsten Frauen aus den besten Familien hätte er haben können. Den Job im höheren Management hatte er schon in der Tasche, sein Studium fast fertig … Gretchen also. Hoffe, er ist glücklich mit ihr.«

»Glücklich und wieder so gut wie gesund«, ergänzte Paul.

Überrascht blickte Emmi-Lee auf. »Aber das ist ja … Du meine Güte!«

»Die medizinische Forschung bleibt zum Glück nicht stehen«, meinte Jade lächelnd.

»Aber - wer hat ihm denn das finanziert, Arztbesuche, Tabletten, Spritzen?«

»Unsere Organisation 'Gemeinsam stark'. Wir konnten das Geld vorlegen. Und Bobby arbeitet schließlich für uns, verdient sich ein Zubrot, vor allem im Zeitungsverkauf. Wissen Sie, er ist wirklich erwachsen geworden. Hilfsbereit und fair, einer unserer besten Mitarbeiter. Ich kenne kaum einen verantwortungsvolleren Menschen als ihn. Vor allem schätze ich seine Offenheit. Er würde sich nie … Ich meine, es fällt mir wirklich schwer, zu glauben, dass er einfach so geht, ohne Abschied.«

Emmi-Lee wischte verstohlen eine Träne aus ihrem Augenwinkel. Sie sackte nun leicht in ihrem Sitz zusammen. Ihr kam wohl jetzt erst zu Bewusstsein, wie ernst die Lage wirklich sein könnte.

»Bitte, helfen Sie Bobby«. Sie flüsterte es fast. »Er muss einfach wiederkommen. Er ist doch meine ganze Familie!« Schniefend blickte sie aus dem Fenster in unbekannte Fernen.

Jade und Paul versprachen, ihr Bestes zu geben. Viel war es jedoch nicht gerade, was sie heute von hier mitnehmen würden. Und eigentlich könnten sie gehen. Aber da erschien dieses Mädchen in ihrer lila Paisley-Schürze über einem langärmligen Shirt – trotz Hitze – und brachte den Kaffee. Jade schätzte sie auf höchstens sechzehn.

»Ich habe hier ein Paket für Sie, Chefin«, sagte das Mädchen fast schüchtern in gebrochenem Englisch mit slawischem Einschlag, bevor sie den Kaffee servierte und den quadratischen Karton vor die Hausfrau auf den Tisch legte. Jade fiel ihre ungewöhnliche Blässe auf, noch unterstrichen durch den orangefarbenen Lippenstift. Sie war einen guten Kopf größer als Emmi-Lee und deutlich kräftiger von Gestalt und sie hatte auffallend helle blaue Augen und kupferrotes, zu einem Bob geschnittenes Haar.

»Das ist meine Rosa«, stellte Emmi-Lee vor. »Sie macht die Zimmer und kümmert sich um die Hunde. Ach was, kümmern. Eine wahre Tierflüsterin ist an ihr verloren gegangen.« Sie sandte dem Mädchen ein liebevolles Lächeln. »Danke, Rosie. Kannst in die Pause gehen, ich komme klar.«

Rosa zog sich zurück Richtung Treppenhaus. Ihr Anblick stieß irgendetwas an in Jade und dann wusste sie es. Es war das kleine Tattoo im Nacken, eine Handbreit unter dem Haaransatz, das sie an Serah erinnerte. Ihre jüngere Schwester, die früh mit einem einzigen Motiv gestartet hatte und heute ein Tattoo-Studio führte. Inzwischen hatten viele bunte Kunstwerke ihren kompletten Körper wie die jungfräuliche Leinwand eines Malers Stück für Stück erobert.

Die Hausherrin schien zu überlegen, was sie bestellt hatte, drehte und wendete das Päckchen, während Jade, an ihrem Kaffee nippend, ihre Blicke durch den Raum schweifen ließ. Es gab viel zu entdecken, seltene Pflanzen, Bilder berühmter Maler, Porzellanfigürchen. Sie pausierte mit dem Blick an einem Wandregal. Viel Vergoldetes sah sie und aus dem Regal gaffte sie ein weißer Porzellanlöwe mit üppiger goldener Mähne an. Sie schrak zusammen, als sie den echten, präparierten Löwenkopf mit den spitzen Reißzähnen ein Stück weiter rechts an der Wand wahrnahm.

»Sie müssen wissen, mein Drake war Großwildjäger aus Leidenschaft«, erläuterte Emmi-Lee und stoppte das Öffnen des Päckchens. Sie deutete auf einen gläsernen Waffenschrank in der Zimmerecke.

»Die Gewehre waren für die Safaris gedacht. In den mittleren Regalen sehen Sie eine kostbare Sammlung von Messern und Dolchen aus aller Welt. Schauen Sie sich nur die einmaligen Ziselierungen der Holzschäfte an! Er hat die Stücke gehütet wie einen Schatz. Nicht mal ich durfte an sein Heiligstes. Nur Bobby und er hatten einen Schlüssel.« Sie lächelte wehmütig. »Heute steht das Teil praktisch jedem offen. Vor allem meinem … Gärtner. Natürlich gibt es ein großes Gartenhaus mit allen Schikanen. Aber einige Werkzeuge hat er gern griffbereit, gleich nach dem Frühstück, für meine Bonsais oder die Blumen im Vorgarten.«

Der Gärtner wohnt hier im Haus, überlegte Jade und bemerkte dann laut: »In der mittleren Reihe ist eine Lücke.« Sie deutete auf den Schrank.

Emmi-Lee zuckte ratlos die Schultern.

»Da sagen Sie was. Ich weiß noch, dass es ein Sonntag war. Der Waffenschrank stand länger offen, routinemäßige Durchsicht und Pflege. Dabei ließ sich Drake gern von Bobby helfen. Gefühlt stundenlang haben sie die Teile geölt, liebevoll wie einen Babypopo. Tja, und gegen Abend merkten sie dann, dass die Sammlung nicht mehr komplett war, dass ein Stück fehlte. Ich glaube, ein Rosenmesser. Jeden Winkel haben wir abgesucht, Drake, Bobby, Rosa und ich – aber Fehlanzeige.« Sie sah aus dem Fenster und winkte einem Mann zu, der gerade die Hecken mit einer elektrischen Schere schnitt.

»Ist er das, Ihr Gärtner?«, erkundigte sich Jade.

Emmi-Lee lächelte etwas verlegen. »Sozusagen. Ich nenne ihn manchmal so, nur zum Scherz. Er, seine Frau, mein Mann und ich kannten uns als direkte Nachbarn. Roy hat sein Wochenendgrundstück hier in der Straße und wir haben früher keine Feier in seinem Garten ausgelassen. Eigentlich war er Pfleger von Beruf, aber dann …« Sie pausierte, holte Luft. »Als seine Frau verstarb und ihm Geld hinterließ … war er plötzlich in einer ganz neuen Lage. Wissen Sie, sie hat ihn immer sehr knapp gehalten. Er hätte das nicht tun müssen. Er wurde Drakes persönlicher Pfleger in seiner schlimmsten Krankheitsphase. Hat ihn gefüttert, gewaschen und angezogen und solche Sachen. Das war eine große Entlastung für mich und ich rechne es ihm hoch an. Mein Gärtner? Er sieht meine Geranien und Rosen als Hobby an. Hat einfach den grünen Daumen, im Gegensatz zu mir. Und die Hundchen profitieren auch von seiner Fürsorge.«

Und obendrein tröstet er einsame Witwen, dachte Jade so für sich.

»Sie sagten, Sie waren Nachbarn?«

Emmi-Lee errötete. »Seit Drakes Krankheit bewohnt er ein Zimmer im ersten Stock. Er ist ein Familienmitglied geworden.«

Jade stellte ihre ausgetrunkene Tasse auf den Tisch und empfing einen auffordernden Blick Pauls. Lass uns gehen. Sie hatten genug gehört. Das alles hier ging allmählich in die komplett falsche Richtung, Rosen, Dolche und Safaris. Sie waren schließlich nicht hier, um über Emmi-Lees Liebesleben und bedauernswerte erschossene afrikanische Löwen zu plaudern. Aber Emmi-Lee arbeitete sich weiter vor beim Öffnen des Päckchens und auch Jade wurde von Minute zu Minute neugieriger … Auf dem Aufkleber fehlte der Name des Adressaten, wie Jade bemerkte. In die Namenszeile hatte stattdessen jemand mit Kugelschreiber einen kleinen Raben gezeichnet.

Der »Pfleger« in einem blaukarierten kurzärmeligen Hemd und einem mit frischer Erde beschmierten Blaumann, der Jade und Paul begrüßte und sich als Roy Barksdale vorstellte, war ins Zimmer getreten. Er war um die fünfzig, mit leichtem Bauchansatz und trug, wie Jade vermutete, unter dem breitkrempigen Strohhut stark zurückweichendes Haupthaar. Ein paar drahtige rötliche Haare spitzten in seinem Nacken hervor, deren Farbe zu den buschigen, fast bedrohlich wirkenden Augenbrauen passte. Das Gesicht und die von der Gartenarbeit zerstochenen und zerkratzten Arme waren braun gebrannt. Sein leicht verschlagener Blick kostete ihn bei Jade Sympathiepunkte. Vielleicht tat sie ihm unrecht, vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag, dachte sie. Manchmal täuschte man sich in dem ersten Eindruck.

Hinter dem Ohrensessel angelangt, senkte er seine Hände besitzergreifend auf Emmi-Lees Schultern.

»Was ist dadrin?«, fragte er, auf den Karton deutend. »Komm, gib mir das Ding, ich kann gar nicht zusehen … du ruinierst dir noch deine Fingernägel. Rosa! Rosie – bring mal ein scharfes Messer!«

Er hatte Glück – Rosa war noch nicht in die Pause gegangen. Sie hatte die letzten Minuten genutzt, um sich in ihrem Zimmer hübsch für den Abend herzurichten.

Das Messer fuhr mit Schwung in den Schlitz des Faltkartons. Ein seltsamer Geruch zog in Jades Nase, breitete sich aus im Raum, süßlich, in Richtung widerlich … Neben ihr erhob sich Paul, als hätte auch er einen Verdacht.

»Was, verflucht …«

Ein Schrei erfolgte im selben Moment, der Jade durch Mark und Bein fuhr. Emmi-Lee war aufgesprungen, der gärtnernde Pfleger eilte ihr rasch zur Seite. Das Messer fiel klirrend zu Boden. Und noch etwas fiel – nämlich aus dem Karton. Ein Zettel und etwas Schwarzes, Zerfleddertes. Mit kleinen schwarzen toten Augen.

»Jesus!«, rief Mrs Valdero, mit einem Ausdruck blanken Entsetzens und bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen. »Pfui Teufel, wer macht denn so was? Rosa, würdest du bitte … eine Schaufel und einen Eimer, schnell!«

Man konnte nur hoffen, dass das Tier bereits tot gewesen war, als man ihm diese furchtbaren Wunden zugefügt hatte. Das Köpfchen hing schlaff herunter. Emmi-Lee hingegen hing im Arm ihres Lovers wie eine Seekranke an der Reling eines Schiffes.

»Ist doch arschklar, wer’s war. Der Neidhammel von schräg gegenüber, wer sonst?«, knurrte Barksdale. »Mit dem Wohlstand andrer Leute kommt halt nicht jeder zurecht.«

»Roy …«

»Was?« Er ignorierte Emmi-Lees flehenden Blick und sah zu Paul. »Pete Sanders, der Nachbar«, erläuterte er. »Außer uns noch einer der wenigen Anwohner hier. Seit Jahren geht das schon so, seit Drake und Emmi-Lee auf der Erfolgsspur waren.«

»Was hast du nur immer mit Pete?«, wimmerte Emmi-Lee. »Du tust dem Mann Unrecht …«

Roy entließ sie aus der Umarmung und sah sie finster von der Seite her an. »Ach wirklich? Wer glaubst du wohl, hat den Gartenschlauch aufgedreht, als du und ich im Urlaub waren? Und das Päckchen mit Hundescheiße vor deiner Haustür, letztes Frühjahr, Schatz?« Sie tat ihm wohl leid, wie sie so hilflos vor ihm stand. Er tupfte ihr mit einem Taschentuch eine Träne aus dem Augenwinkel. »Schscht, alles wird gut, Liebes. Das Schwein kriegt sein Fett weg. Und er wird nicht nur für den neuen Teppich bezahlen, dafür sorge ich höchstpersönlich.« Etwas in seinem düsteren Blick beunruhigte Jade fast noch mehr als die deftige Drohung auf diesem Zettel. »Warnung«, hatte jemand daraufgekritzelt. Darunter stand eine klare Forderung: »Besser Füße still- und Klappe halten! Sonst siehst du bald aus wie er.«

Jade, die ihren ersten Schock überwunden hatte, stand auf, um aus mehreren Perspektiven Fotos von dem toten Raben auf dem weißen Flokati zu schießen. Paul trat neben sie. Sie glaubte nicht an die Theorie mit dem Neid. Diese Zeilen waren konkret als Warnung verfasst. Als Warnung, etwas Bestimmtes zu unterlassen, über etwas Bestimmtes besser für immer zu schweigen. In ihrem Rücken hörte sie Rosa schluchzen und drehte sich zu ihr um.

Emmi-Lee schnäuzte sich in ein Taschentuch und sah zuerst Rosa, dann Roy mit rotgeweinten Augen an. »Der Rabe … das ist doch … « Sie brach mitten im Satz ab. Etwas ging vor in ihrem Kopf, das Jade nicht zu deuten vermochte. »Und wie soll denn Pete an den Vogel gekommen sein?«, murmelte sie schließlich vor sich hin. »Ich denke da eher an …«

»Wie meinst du das?« Roy schien ratlos. Gerade hier in der Einöde tummelten sich Rabenvögel.

»'Klappe halten' – ganz der Jargon deines Neffen, nicht wahr?«, antwortete Emmi-Lee nun mit tonloser Stimme.

Roy lachte auf. »Du bist verwirrt, Schatz, kein Wunder. Aber so einen Unsinn hab ich lang nicht gehört …«

»Weil du’s nicht wahrhaben willst, wie er ist. Er ist der Sohn deiner Schwester, und dann, als sie starb … war er fast wie dein eigener. Hast ihn schon immer in Schutz genommen.« Für einen Moment herrschte eisiges Schweigen zwischen den beiden.

Rosa wimmerte. »Tut mir leid, ich kann das nicht«. Eine Träne kullerte über ihre Wange, während sie, mit bleichem Gesicht, Besen und Schippe Barksdale aushändigte.

»Das verlangt auch keiner von dir«, sagte Emmi-Lee mit mitfühlender Stimme. Jade fragte sich immer mehr, was hier vor sich ging. Barksdale fegte den Raben auf, Paul unterdessen platzierte schon mal seine Visitenkarte auf dem Wohnzimmertisch.

»Er ist es, nicht wahr …?«, murmelte Emmi-Lee, die auf Rosa zugetreten war. Atemlose Stille im Raum.

»Ja«, schluchzte Rosa auf. »Es ist mein Rascal …« Ihre Stimme klang rau, monoton, brüchig. Jade folgerte, dass sie den Raben meinte. Emmi-Lee nahm Rosa fest in den Arm. Sie reichte ihr ein Taschentuch und Rosa schnäuzte sich kräftig.

»Ich mach dann Feierabend, Mrs Valdero«, sagte sie. »Mir geht’s nicht so gut. Schließen Sie ruhig die Haustür ab, ich hab einen Schlüssel. Wird wieder spät bei mir und danke für den Wagen.« Sie nickte den Besuchern und Barksdale zu, ohne einen letzten Blick auf das tote Tier zu werfen, und verließ den Raum.

Paul wandte sich an Emmi-Lee, und Jade hatte das Gefühl, dass es ihm genauso schwerfiel wie ihr, weitere Fragen zu stellen.

»Das alles tut mir sehr leid«, sagte er. »Nehmen Sie die Sache nicht auf die leichte Schulter und erstatten Sie auf jeden Fall Anzeige gegen unbekannt.«

Emmi-Lee nickte wortlos. »Und sollten Sie in der Zwischenzeit irgendwas hören, von Bobby« …, rief sie ihnen beiden mit kraftloser Stimme nach, als sie schon in der Tür standen.

»Wir melden uns«, versprach Jade. Sie traten in das Treppenhaus. Ihr Blick fiel auf ein gerahmtes Foto an der Wand über der Treppe. Es zeigte eine herzlich lachende, eine glückliche Rosa. Mit einem zahmen Raben auf ihrer Schulter.

Das Paket, so kombinierte Jade, war aller Wahrscheinlichkeit nach an Rosa adressiert worden.

Kapitel 3

Aylin

Bronx

»Ay-l-iiiin!« Wieder fuhr sie hoch aus dem Schlaf. Sie hörte ihn ihren Namen rufen. Mit ihm hatte sie ihr allererstes richtiges Date im Inwood Hill Park erlebt.

»Wir sind gleich da«, hatte Andy versprochen, nachdem sie seit einer geschlagenen Dreiviertelstunde unterwegs waren. Irgendetwas Spannendes, das er ihr unbedingt zeigen wollte.

Er blieb stehen, zog sie an sich. Dann küsste er sie auf den Mund und wie zufällig schob sich seine Hand unter ihren Rock. Sie ließ ein leises Knurren hören, unschlüssig, ob sie sich dem angenehm kribbelnden Gefühl hingeben oder empört über Andys Zudringlichkeit sein sollte.

»Nun mach dich mal locker! Du willst es doch auch!« Er begann sie zwischen den Beinen zu streicheln.

Sie spürte eine heiße Welle durch ihren Körper jagen, aufregend neu, und die Neugier lockte. Aber wollte sie das denn wirklich? Hier im Park? Da war sie sich nicht so sicher.

Sein Mund fand ihren, den sie leicht öffnete, und seine Zunge einen Weg hinein. Ein wohliges Frösteln lief ihr über die Haut und sie genoss den Moment mit allen Sinnen.

»Komm«, sagte Andy und ließ ein jähes Gefühl der Enttäuschung in ihr zurück, als er sich von ihr löste, »ich zeig dir die alte indianische Höhle. Glaub mir, sie wird dir gefallen.«

Seine Augen blitzten unter dem breitkrempigen Lederhut hervor. Bisher kannte sie ihn nur mit Basecap, heute sah er aus wie ein Cowboy aus einem alten Western, mit coolen Stiefeln und breitem Gürtel, und sie musste zugeben: Es gefiel ihr ausnehmend gut. Seine Hand schloss sich um ihre. Sanft zog er Aylin mit sich fort, in seiner Rechten die Taschenlampe, die gerade noch neben dem Messer in seinem Hosenbund gesteckt hatte.

Aylin taumelte hinter ihm her, noch ganz benebelt und wie betrunken von seinem Kuss. Querliegende Baumstämme versperrten ihnen den Weg. Immer wieder blieb sie stehen und blickte zurück. Das gleichförmige Rauschen des Straßenverkehrs und das Donnern der Züge über die Gleise der Empire Eisenbahnlinie waren verklungen. Ein Dach aus bleigrauen Wolken braute sich über ihren Köpfen zusammen.

Ein Blauhäher rief. Und dann ein zweites Mal noch, wie eine Warnung, die einem durch Mark und Bein fuhr: »Verschwindet von hier, sonst …« Dieses »Sonst« wollte Aylin sich gar nicht erst ausmalen. Sie wusste nur, dass sie schleunigst hier wegsollten. Nach dem eindringlichen Ruf herrschte Stille. Und die fühlte sich fast noch unheimlicher an.