Aus dem Leben erzählt - Ursula Schneiderwind - E-Book

Aus dem Leben erzählt E-Book

Ursula Schneiderwind

0,0

Beschreibung

Claudio Der sechsjährige Claudio wird Zeuge häuslicher Gewalt - im Streit verletzt seine betrunkene Mutter den Vater mit einem Messer. Während die Eltern im Krankenhaus liegen, lernt Claudio im Kinderheim neue Freunde kennen. Plötzlich stirbt die Mutter. Doch Vater und Oma kümmern sich fürsorglich um den Jungen und bescheren ihm wunderbare Weihnachtsferien. Doch Claudio wünscht sich nichts sehnlicher als eine richtige Familie. Ferien mit Opa Seit frühester Kindheit verbringt Sebastian die Ferien auf dem Hof seiner Großeltern in den Bergen. Auf dem Weg zu Oma und Opa lernt er im Reisebus Evelin kennen - und er ahnt noch nichts von dem Glück, das vor ihm liegt. Für euch Lothar, aufgewachsen im Zweiten Weltkrieg in einem brandenburgischen Dorf, arbeitet hart auf einem Bauernhof und sorgt für seine Mutter und die jüngeren Geschwister. Doch die Arbeit und das Leben auf dem Lande bieten dem jungen Mann keine Perspektive. Er bewirbt sich bei der Polizeischule und beginnt eine Karriere bei der Kasernierten Volkspolizei. Als er die Leipziger Studentin Ursula kennenlernt, steht seinem privaten Lebensglück nichts mehr im Weg.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Claudio

Ferien mit Opa

Für euch

Claudio

Die Sonne strahlte kraftvoll durch die weiten Lücken der Wolkenberge. Hier am kleinen Dorfteich wurde die Hitze etwas gemildert vom Wasser und den Pappeln, die sich wie Zypressen in den Himmel reckten.

Im schmalen Schatten solch einer Pappel saß mit ausgestreckten Beinen ein sechsjähriger, sehr blonder Junge, der laufend neben sich in Gras und Erdreich griff und das, was er dabei erwischte, auf die Wasserfläche warf. Dabei ließen seine graublauen Augen die kleine Entenfamilie am gegenüberliegenden Schilfrand nicht aus dem Blick.

Vier kleine Entchen schwammen flink um die Alte herum und der Junge hätte sie SO gern näher herangelockt. Bei den anderen Kindern kamen sie doch! Warum bei ihm nicht?

Aber die anderen warfen ja auch Brotkrümel. Sowas Schönes konnte er natürlich nicht aufweisen. Seine Zungenspitze fuhr über die trockenen Lippen. Brot hätte er selbst gern gehabt. Und etwas zum Trinken natürlich auch.

Grad hob die alte Ente ihren Schnabel von der Wasseroberfläche und legte den Kopf in den Nacken. Wenn die das Wasser trinken konnte, dann er doch auch!

Er rutschte auf dem Hosenboden weiter hinab, stemmte die Beine weit auseinander in zwei Grasbüschel und schöpfte mit der Hand Wasser, das er schnell zum Mund führte, bevor es gänzlich fortlaufen konnte.

Schön frisch war es. Aber viel zu wenig! Ob der Papa nicht bald kommen würde? Manchmal hatte der noch was in seiner Flasche. Und manchmal sogar noch eine Hasenstulle! Er leckte sich erneut über die Lippen und sah mit gerunzelter Stirn zur Kirchturmuhr.

Die Großen nannten dann immer irgendeine Zeit. Warum verstand ER nicht, was die Zeiger sagten? Einmal hatte ihm der Papa schon zu erklären versucht, wie man das macht. Aber er hatte es nicht sofort kapiert und war ungeduldig weggelaufen.

Nun waren die Zeiger wieder ein Stück weitergehopst. Außerdem brannte ihm die Sonne jetzt auf den Arm und auf die linke Wange. Rasch bückte er sich noch einmal und holte sich etwas Wasser, um es aufzuschlürfen.

»Iiih«, hörte er plötzlich die Nachbarskinder schreien, »der säuft das Puhlwasser!«

Ein Junge und ein Mädchen kamen näher gerannt und der Zehnjährige rief nun schon von weitem: »Du kannst doch das Wasser nicht trinken. Da scheißen doch die Vögel rein!«

»Und wenn es regnet, fließt der ganze Dreck von der Straße herunter … hier und da drüben rein«, fügte sie an.

»Aber die Enten trinken das auch«, wehrte der blonde Junge die Kritik vehement ab.

»Claudio, das sind doch Tiere!«, belehrte ihn das Mädchen. »Die werden davon wahrscheinlich nicht krank. Und wenn, so merken wir das gar nicht, weil vielleicht der Fuchs dann das Kranke frisst.«

»Oder der Habicht holt es«, ergänzte der große Junge. »Übrigens ist auch an eurem Haus ein Trinkwasserhahn draußen dran. Du brauchst also gar nicht bis in eure Wohnung, wenn du Durst hast. Stimmt’s, Ina?«

»Klar, Paul. Wir haben auch so einen Hahn am Haus. Aber da ist jetzt meistens der Gartenschlauch angeschlossen. Bei euch macht ja keiner was im Garten. Da ist der Hahn immer frei. Kannst also zu jeder Zeit trinken gehen.«

Zeit! Da war das Wort für die Uhr. Er überlegte nicht lange, ob sie ihn auslachen würden, sondern fragte einfach drauflos. »Wie spät ist es jetzt?«

Ina und Paul drehten sofort die Köpfe zur Kirche. »Gleich halb fünf«, antwortete Ina.

»Kennst du die Uhr noch nicht?«, fragte Paul.

Claudio schüttelte traurig den Kopf.

»Na ja, du gehst ja auch noch nicht in die Schule«, meinte Ina versöhnlich. »Aber manche Kinder kennen die Uhr schon im Kindergarten.«

»Aber ganz wenige«, sagte Paul. »Da musst du nämlich zuerst die Zahlen kennen. Kennst du schon Zahlen?« Er ließ den Arm Richtung Kirchturmuhr pendeln.

»Der Strich da is’ne Eins«, sagte Claudio wichtig und stellte den Daumen hoch.

»Prima«, lobte Ina sofort. »Kannst du schon zählen?« Sie hockte sich neben Claudio in den Schatten. Paul setzte sich dazu.

»Klar!«, sagte Claudio und legte gleich los. »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn.« Dabei hob er jedes Mal einen Finger mehr an.

»Weiter geht es nicht?«, fragte Paul. Claudios Mund öffnete sich erstaunt und er drehte hilflos seine Hände hin und her. »Mehr Finger hab ich doch nicht!«

»Und was ist da unten mit den Zehen?« Paul deutete auf die nackten Füße in den Sandalen. »Wenn du hier bei der Zehn bist, kannst du doch da unten weiterzählen.«

»Das hab ich aber noch nie gemacht«, gab Claudio zu und blickte die zwei mit großen Augen an.

»Dann machen wir das jetzt«, sagte Paul resolut. »Fang noch mal bei den Fingern an.« Während Claudio zählte, angelte Paul sich ein Schilfstück, denn mit den Fingern wollte er die schmutzigen Zehen nicht antippen.

»So und jetzt weiter!« Er hielt das Schilfrohr auf den großen Zeh gerichtet. »Das ist die Elf und daneben ist die Zwölf.« Ina zupfte an Pauls Ärmel.

»Das reicht ja erstmal«, meinte sie. »Die Elf und die Zwölf sind wichtig für die Uhr. Alle anderen können wir immer noch lernen.«

»Klar, wir sehen uns ja öfter. Und bald sind auch noch Ferien.«

»Aber da fahren wir auch zu Oma und Opa«, sagte Ina und wandte sich mit ausgestrecktem Arm der Kirche zu. »So, der Strich da oben rechts ist die Eins. Dann kommt da drunter mit dem gebogenen Kopf und Hals – wie bei einem Schwan – die Zwei. Und was meinst du, wie die nächste Zahl heißt?« Sie malte in der Luft die Drei.

Prompt sagte Claudio auch: »Drei.«

»Na siehst du, das ist doch ganz einfach. Du musst bloß immer bei der Eins anfangen zu zählen. Mach mal!«

Und Claudio zählte langsam und besah sich die Zahlen dabei ganz genau.

»Die Fünf hat einen dicken Bauch«, kommentierte Ina abwechselnd mit Paul. »Die Sechs ist ein Eishockeyschläger.« »Und die Sieben ein Hackebeil.« Bei der Acht kamen die zwei ins Stottern. Paul wollte es als Fernglas bezeichnen, aber Ina protestierte. »Ein Fernglas kennt er nicht, aber eine Brille. Eine hochgestellte Brille, siehst du sie?«

Claudio nickte begeistert. So hatte ihm noch niemand die Zahlen erklärt. »Neun«, sagte er und wartete gespannt, was das nun sein würde.

»Ein hochgestellter Eishockeyschläger«, verkündete Paul überzeugt.

Claudio nickte eifrig. »Und dann kommt ’ne Eins mit ’nem Loch«, setzte er selbst die Erklärung fort.

»Prima«, schrien Paul und Ina wie aus einem Munde.

»Das ist die Zehn«, führte Ina aus. »Und die beiden folgenden Striche bauen zusammen die Elf.«

»Und ganz oben steht die Zwölf und woraus besteht die? Kannst du das erraten?« Paul guckte ihn erwartungsvoll an.

»Eins und …« Claudio zögerte, blickte auf seine Finger und seine Lippen bewegten sich lautlos. »Zwei«, kam es dann wie aus der Pistole geschossen.

»Mensch, gut!«, schrie Paul und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Auch Ina drückte ihm den Arm.

»Da hast du heute eine Menge gelernt. Das wollen wir gleich nochmal wiederholen«, sagte sie und verwendete genau die gleichen Worte wie ihr Klassenlehrer. Sie übten noch zweimal mit Claudio die Zahlen.

»Und nun sag mir mal, wie viele Zeiger hat die Uhr?«, fragte Ina anschließend gleich weiter.

Claudio blickte mit zusammengekniffenen Augen zum Kirchturm. »Zwei! Einen kleinen und einen großen!«

»Richtig«, lobte Ina wieder. »Und für heute wollen wir uns nur mal den kleinen Zeiger ansehen. Auf den anderen achten wir gar nicht.«

»Auf welche Zahl zeigt der kleine Zeiger jetzt?«, fragte Paul nun. »Fang bei der Eins an und erinnre dich an die nachfolgenden Zahlen.«

»Eins, zwei, drei, vier, fünf«, zählte Claudio ganz langsam und hielt zur Sicherheit die jeweiligen Finger hoch.

»Halt!«, rief Ina, als er die Fünf nannte. »Wie heißt die Zahl mit dem dicken Bauch?«

»Fünf«, wiederholte Claudio willig. »Dann ist es jetzt fünf?«, fragte er und blickte unsicher von Ina zu Paul.

»Ja, das hast du prima kapiert«, lobte Ina.

»Siehst du, nun kennst du schon fast die ganze Uhr! Und wenn nun der kleine Zeiger weiterwandert, kommt er zur Sechs«, erklärte Paul. »Und um sechse essen wir Abendbrot. Deshalb müssen wir immer um sechs Uhr nach Hause.«

»Wenn es genau sechs ist, steht der kleine Zeiger ganz unten und der große ganz oben«, wollte Ina mit ihrer Erklärung fortfahren, aber Paul legte ihr die Hand auf den Arm.

»Ist gut für heute«, meinte er. »Das war eine ganze Menge für Claudio. Wenn du noch mehr erklärst, wird es zu viel auf einmal. Dann kommt alles durcheinander. Wie in der Schule. Manche Lehrer machen das auch und wundern sich, dass die Schüler es nicht behalten«, setzte er altklug hinzu. »Komm, wir spielen im Sand bei uns. Da ist jetzt schöner Schatten.«

Die Sonne war inzwischen weitergewandert und die drei wurden kräftig angestrahlt. Sie erhoben sich und klopften sich die Hinterteile sauber.

»Ich habe aber SOO großen Durst«, klagte Claudio.

»Dann komm mit«, schlug Ina vor, »wir gehen an euren Wasserhahn und trinken alle etwas.«

Sie setzten sich in Trab und liefen durch das sperrangelweit geöffnete Tor auf den Hof und um die Hausecke herum. Die Südwand mit dem Wasserhahn lag noch in der prallen Sonne.

Claudios Hand schnellte vor und legte sich auf das Öffnungsrad des Hahns, aber er schaffte es nicht, es aufzudrehen.

»Lass mich mal«, bot Paul an. »Ist wohl schon ewig nicht benutzt worden.« Er musste sich enorm anstrengen, bis es sich endlich bewegen ließ. Dann floss eine braune Brühe heraus, die alle drei entsetzt aufschreien ließ.

»Da müssen wir erst etwas ablaufen lassen«, meinte Paul mit Kennermiene. »Gleich kannst du davon nicht trinken.« Er hielt die Hand unter. »Jetzt wird es kühler.« Er formte die Hände zur Schüssel und fing Wasser darin auf. »Es sieht schon ganz gut aus«, meinte er begutachtend und goss es weg. Dann füllte er die Hände erneut. »So, nun können wir trinken«, sagte er und schlürfte das Wasser aus seinen Händen. Die anderen taten es ihm nach und er drehte den Hahn wieder zu. Einträchtig liefen sie zum Sand, der im Schatten einer großen Kastanie lag, und spielten dort mit den Autos.

Nur einmal wollte Claudio unbedingt eine Straße umändern und begann zu streiten. Sie versuchten, es ihm auszureden, zählten all die Gründe auf, die dagegen sprachen, aber er blieb stur.

»Also, Claudio«, sagte Paul schließlich unwirsch, »wenn du das nicht einsiehst, musst du eben nach Hause gehen und ALLEINE spielen. Wir haben dir schon da drüben deine Straße gelassen, aber hier geht das nicht, weil dann alle durcheinander fahren würden. Man muss doch bestimmte Verkehrsregeln einhalten.«

Claudio biss sich auf die Lippen. Am liebsten hätte er das Auto in den Sand geschmissen, so wütend war er. Aber als Paul sagte, er könne ja alleine spielen, drüben bei sich, da verflog seine Wut. Alleine war er ja immer!

»Aber bald kommt mein großer Bruder. Dann bin ich nicht mehr alleine«, sagte er aus seinen Gedanken heraus.

Das war das Stichwort für Paul. »Wo ist der denn? Im Heim?« Es wurde eine Menge geredet, seitdem vor ein paar Monaten Claudios Familie hier einzog. Und noch mehr, als die Nachbarn mitbekamen, dass die Frau im Rausch kreischte und gewalttätig wurde. »Der arme Junge!«, hörten Paul und Ina häufig, nicht nur in der eigenen Familie.

»Nö«, stieß Claudio hervor, »bei einer anderen Familie. Die mehr Geld hat als wir.«

»Bekommt denn deine Mutter kein Geld?«, wunderte sich Ina. »Sie müsste doch Arbeitslosengeld kriegen.«

»Weiß ich nicht«, nuschelte Claudio. »Manchmal haben wir viel und manchmal gar nichts.«

Paul und Ina sahen sich an und dachten dasselbe: »Wenn’s versoffen wird …«

»Ach, lassen wir das Thema!«, meinte Ina. »Wie alt ist denn dein großer Bruder?« Sie hatte ihn ja schon in den vergangenen Ferien gesehen: Genauso blond wie Claudio und lang und dünn!

»Zwölf ist er jetzt geworden«, verkündete Claudio stolz. »Zwölf! Wie die Zahl da oben.« Sein Arm schwenkte lang ausgestreckt herum. Er wollte wohl zur Kirchturmuhr zeigen, nur stand das Wohnhaus davor, in dem Paul und Ina lebten.

Ina sah Claudios erschrockenes Gesicht, als er die Uhr nicht sehen konnte, und tröstete: »Ja, das stimmt. Aber deshalb müssen wir nicht auf die Straße laufen. Komm, fahr mal den Kipper zurück, damit wir neuen Sand aufladen können.« Schon waren sie erneut im Spiel versunken.

Dann schlug es vom Kirchturm sechsmal und Ina blickte erstaunt auf. »Oh, schon Zeit zum Abendbrot. Komm, Claudio, leg alle Autos in den Korb. Wir müssen rasch aufräumen, bevor wir reingehen.«

»Schade«, sagte Claudio bedauernd. »Wir spielen doch grade so schön.«

»Ja, aber nun ist Schluss«, erklärte Paul kategorisch. »Wir müssen morgen doch wieder in die Schule. Da können wir nicht bis Ultimo aufbleiben.«

»Schade«, wiederholte Claudio traurig. »Morgen wieder?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Du, das können wir noch nicht versprechen.« Ina war stets mit Versprechungen vorsichtig. »Manchmal kommt von der Schule was oder von den Eltern oder das Wetter spielt nicht mit. Wenn du morgen am Teich bist, werden wir dich schon finden, wenn wir Zeit haben«, versprach sie.

»Und dann üben wir auch wieder die Zahlen und die Uhrzeit«, versicherte Paul und gab ihm zum Abschied sogar die Hand.

Ina folgte ihm. »Du, jetzt müsste doch dein Vater schon zu Hause sein, meinst du nicht?«, regte sie pfiffig an.

Claudio reagierte wie erwartet, schrie: »Tschüs!«, und rannte davon. »Bis morgen«, hörten sie ihn noch hinter dem Bretterzaun rufen. Dann schlug drüben die Haustür zu.

Claudio lief im Haus so schnell die Treppe hoch, dass er mit der Sandale unter die Stufe hakte und stürzte. Gerade noch rechtzeitig fing er sich mit den Armen ab und verhinderte damit ein Aufschlagen mit dem Gesicht.

»Verdammter Mist!«, schrie er auf und rieb sich das Schienbein. An einer Stelle war die Haut aufgeschrammt. Nun humpelte er langsam hoch zur Wohnungstür, immer noch mit Ausdrücken um sich werfend, die nicht stubenrein waren, aber oft genug von seiner Mutter verwendet wurden.

»Papa?«, schrie er laut, kaum dass er die Tür hinter sich ins Schloss geworfen hatte.

»Ja, ich bin hier«, kam die Antwort aus der Küche.

Claudio preschte hinein, sprang seinen athletischen Vater an wie eine große Katze und begann zu schmusen.

»Junge«, mahnte Maik Werner seinen Jüngsten. »Du wirst nochmal ins offene Messer rennen.« Er hatte die Stullen fürs Abendessen geschmiert und legte nun rasch das Messer beiseite, um den kleinen Irrwisch durchzuknuddeln. »War dein Tag heute schön?«, erkundigte er sich dabei.

Nun legte Claudio aber los. Er erzählte so schnell, dass sich seine Worte ein paarmal überschlugen und er ins Stottern kam.

»Du wirst noch einen Knoten in deine Zunge machen. Sprich doch langsam. Es jagt dich doch niemand.« Er streichelte Claudio und blickte ihn liebevoll aus seinen braunen Augen an.

Claudio wollte nun beweisen, was er heute gelernt hatte, drehte den väterlichen Arm herum und blickte entsetzt auf die Armbanduhr. »Ey, die hat ja gar keine Zahlen«, sagte er perplex. »Woran erkennst du denn da, wie spät es ist?«

Sein Vater lächelte und fuhr sich mit der freien Hand durchs dunkle Haar. »Die Striche sind genau an den gleichen Stellen wie deine Zahlen und wenn du das erst richtig kannst, dann weißt du beim ersten Blick, wie spät es ist. Aber du kannst ja dort zur Küchenuhr schauen. Da sind die Zahlen fast genauso wie am Kirchturm.«

Claudios Kopf fuhr herum. Mit offenem Mund starrte er zur Uhr über dem Küchentisch. »Aber die hat ja bloß einen Zeiger«, stotterte er verblüfft.

»Aber nein. Schau nur mal ganz genau hin. Einer hat sich nur ein bisschen versteckt«, schmunzelte sein Papa und wartete, denn die Zeiger blieben ja nicht lange übereinander.

»Ja, jetzt ist er weitergehopst und nun sehe ich auch den anderen«, schrie Claudio aufgeregt. Dann hielt er inne und überlegte ein Weilchen. »Dann ist es jetzt zwischen sechs und sieben!«, behauptete er überzeugt und sah den Papa strahlend an.

»Toll, Claudio! Da bin ich ja platt! Wie hast du das bloß so schnell kapiert? Bei mir bist du doch ganz verzweifelt weggerannt!« Er überlegte, wie er den Jungen dafür belohnen könnte. Geld hatte er nicht, nicht eine Puseratze. Und es fehlten noch zwei Tage, bis wieder etwas aufs Konto kam. Schulden wollte er nicht wieder machen, denn dafür kassierte die Bank ungeheuer hohe Zinsen: Statt einhundert Euro musste er dann einhundertsiebzehn zurückzahlen! Na, wer kann sich denn sowas leisten!

Deshalb lobte er nun Claudio noch einmal und drückte ihn zärtlich an sein Herz. »Wenn du so weitermachst, wirst du mal schlauer als wir und verdienst viel mehr Geld. Dann kannst du dir auch neue hübsche Sachen kaufen.«

»Und Schnaps für Mutti«, sagte Claudio gönnerhaft.

»Bloß nicht, mein Junge! Schnaps ist ganz ungesund und macht den Menschen kaputt. Trink das Zeug bloß nicht! Du siehst doch, wie verrückt Mutti dann manchmal ist.«

»Aber du hast doch auch schon mitgetrunken!«, protestierte Claudio.

»Ja, leider«, seufzte der Papa. »Aber jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr. Weil sie dich sonst auch in eine andere Familie bringen und ich möchte dich doch so gern behalten.«

»Aber Mutti säuft trotzdem«, sagte Claudio ganz traurig. »Will sie mich nicht behalten?«

»Doch, aber der Schnaps ist stärker«, versuchte er dem Jungen zu erklären. »Erst denkst du, ein Gläschen Schnaps macht nichts. Er schmeckt dir und du wirst lustig oder schläfst danach gut. Wenn du aber ein oder zwei Jahre oder noch länger das Zeug trinkst, immer wieder, dann kannst du nicht mehr aufhören und willst immer mehr davon. Zuletzt ist dir alles egal, Hauptsache, du hast Schnaps.«

»Ach, deshalb isst Mutti fast nichts mehr.« Claudio glaubte nun zu wissen, warum die Mutti so selten Brot oder etwas anderes aß. Und kochen wie andere Frauen tat sie auch nicht. Manchmal zitterten ihre Hände so toll, dass sie nichts festhalten konnte! Dann musste ihr Claudio die Tasse halten, damit sie Wasser trinken konnte. Aber dann fluchte sie furchtbar schlimme Wörter!

Der Papa hatte gesagt, solche Worte solle er, Claudio, nicht in den Mund nehmen. »Wenn die einer bei dir hört, bist du gleich unten durch und hast niemanden mehr, mit dem du spielen kannst.« Und er hatte dem Papa versprochen, sie nicht zu sagen. Aber das war verdammt schwer!

Wenn man wütend war, dann drängten sich solche Wörter ganz von selbst auf die Zunge und hüpften einfach aus dem Munde.

Auf einmal knarrte die Wohnstubentür und Mutter Annika schob sich in die Küche. Sie sah verschlafen aus, ihre Sachen waren zerknautscht und die blonden Haare hingen ihr unordentlich ins verlebte Gesicht.

»Na, wollt ihr schon wieder essen?«, sagte sie träge und gähnte ausgiebig, ohne die Hand vor den Mund zu halten.

Maik biss die Zähne zusammen. Sollte er sie rügen? Vor Claudio? Aber dann würde es bestimmt noch schlimmer. Sie rastete in letzter Zeit immer gleich aus. Was war nur aus dem hübschen blonden Mädchen geworden, das er vor fünfzehn Jahren geheiratet hatte!?

Bis vor drei Jahren hatte er noch mitgetrunken, aber dann flogen sie aus der schönen Wohnung und mussten sein Auto verkaufen, um die Schulden zu bezahlen. Nach zwei weiteren Kündigungen blieb ihnen nichts weiter übrig, als in dieses heruntergekommene Haus auf dem Dorf zu ziehen. Außerdem hatten die Behörden gedroht, Claudio auch noch ins Heim zu stecken.

Reichte es nicht, dass Silvio, Tim und Nadine woanders lebten? Nadine! Seine kleine Tochter! So gefreut hatte er sich, als er erfuhr, dass es ein Mädchen war! Und dann stellte sich nach und nach heraus, dass sie geistig behindert nie ohne fremde Hilfe würde leben können.

Das hatte ihn umgehauen! Beinahe hätte er sich um den Verstand gesoffen. So verschwand auch das Mädchen. Für immer, als sich eine Familie fand, die es ganz für sich allein haben wollte. Die Aussprachen in dieser Zeit ließen ihn innehalten und zur Besinnung kommen. Er machte Schluss mit dem Alkohol und dem Rauchen. Und erreichte schließlich nach langem Kampf, dass Silvio zu Besuch kommen durfte.

Ein paar Jahre sah es so aus, als käme auch Annika vom Suff los. Sie hatte auch Arbeit in dieser Zeit. Und ließ das Rauchen sein!

Dann wurde Claudio geboren und sie waren eine richtige normale Familie. Vielleicht zwei Jahre lang! Dann ging es wieder los und Maik merkte es nicht mal gleich. Aber nach zwei weiteren Jahren wurde sie auffällig und begann außerdem, Claudio zu vernachlässigen.

Claudio lebte jedes Mal richtig auf, wenn er in einen Kindergarten kam. Doch meist behielt Annika die Arbeit nicht lange! Dann musste der Junge wieder zu Hause hocken und nuckelte oft genug die Reste aus den Flaschen.

Während nun Maik gedankenvoll Stullen geschmiert hatte, kaute Claudio gierig.

Er stopfte dermaßen, dass Maik ihn stirnrunzelnd anblickte. Sofort setzte Claudio sich ordentlich hin und aß langsamer. Sein Blick flog auch zur Mutti, die den Ellbogen auf den Tisch gestützt und das Kinn in die Hand gelegt hatte. Sie blickte nicht zu ihm hin, sondern irgendwo ins Weite. Sollte er ihr von der Uhr erzählen? Aber bestimmt interessierte es sie nicht, so wie sie dahing.

Nun stellte ihm Papa auch Tee hin. »Vorsicht! Heiß!«, warnte er dabei, damit Claudio nicht genauso loslegte wie bei der Stulle.

»Hmm«, signalisierte Claudio und prüfte den Tee mit dem Finger.

»Hattest du dir eigentlich die Hände gewaschen?«, fragte daraufhin sein Papa und grinste. »Der Tee ist, glaube ich, jetzt dunkler geworden.«

Erschrocken schaute Claudio seinen Finger an. Wirklich! Die Kuppe sah nun heller aus als das andere. Rasch sprang er auf und lief zum Wasserhahn.

Stolz präsentierte er danach seine hellen Hände. »Bevor du ins Bett gehst, müssen wir uns aber ordentlich waschen«, sagte Papa und zeigte ihm die schwarzen Ränder am Arm oberhalb der Hände. Ein scheuer Blick streifte hinüber zu Annika, die sich aber nicht rührte.

Auch Claudios Augen huschten zur Mutti. Die hatte inzwischen noch den anderen Ellbogen auf den Tisch gesetzt und starrte blicklos vor sich hin.

»Is nichts Vernünftiges zu trinken hier?«, nuschelte sie, ohne sich zu rühren.

»Wenn du Tee möchtest, hole ich dir eine Tasse«, bot Claudio ihr an und hätte sie gern gestreichelt, traute sich jedoch nicht. Er war nicht sicher, ob sie dann wieder explodieren würde. Dabei hätte er so gern geschmust. So legte er seine Hand nur auf Papas Oberschenkel, um seine Wärme zu spüren.

Papa lächelte ihm zu und drückte sein Händchen kurz.

»Den Tee kannst du dir sonst wohin kippen«, nuschelte die Mama böse. »Ich will was Ordentliches!«

»Wir haben kein Geld für ›was Ordentliches‹!«, sagte Maik leise und zog die Luft hörbar ein. »Wenn ich noch etwas besäße, würde ich etwas Ordentliches zu essen kaufen, damit Claudio etwas mehr auf die Rippen bekäme.« Er musste sich beherrschen, um ihr keine Vorwürfe zu machen.

Endlich kam ihr Blick zurück aus der Ferne und strich gleichgültig über ihren Jungen, der sich gerade wieder den Mund vollstopfte. »Is doch in Ordnung, der Bengel! Was willst’n noch?« Ihre Stimme grollte und Maik hörte es. Er zuckte nur mit den Schultern, um sie nicht zu reizen, und schwieg.

Claudio kaute intensiv und schaute neugierig zu seiner Mutter. Würde sie wieder ausrasten? Ihr Blick begann schon zu flattern. Die Hände fuhren sinnlos über den Tisch. Claudio beschloss, sofort beim ersten Anzeichen unter den Tisch zu rutschen und schob sich mitsamt Stuhl ein wenig nach hinten. In der Linken hielt er die angebissene Doppelstulle, mit der Rechten fasste er die Tasse. Nun war er bereit.

Jetzt griff Mutti zur Teekanne und beinahe hätte sie sie umgeworfen. Im letzten Moment erwischte sie den Henkel und goss Tee auf den Tisch.

»Da ist doch keine Tasse«, fuhr Papa hoch und wollte ihr die Kanne abnehmen. »Nimm meine Tasse und trink. Ich hole eine andere«, sagte er dabei. Sie gab aber die Kanne nicht frei und so spritzte der Tee bei dem Gerangel nach allen Seiten.

Claudio beobachtete es gebannt. Er bekam einen Spritzer ab, aber der Tee war nicht mehr besonders heiß. Also blieb er sitzen und kaute selbstvergessen weiter.

Mutti begann zu quietschen wie ’ne alte Tür. »Ich will aber JETZT was trinken!«, schrie sie auf. »Ich werd’ doch noch trinken dürfen, wann ICH will. Gib mir endlich das Ding. Du hast kein Recht, mich verdursten zu lassen, du …!« Wieder hörte Claudio Ausdrücke der schlimmsten Art. Und immer schimpfte sie Papa »Mistköter!«. Papa war doch kein Köter!

Nun hatte Papa mit der Linken Muttis Handgelenk umfasst und sie ließ plötzlich aufjaulend die Kanne los. Wieder prasselten Ausdrücke in Claudios Ohren und er sah sie blitzschnell nach dem Messer greifen.

Jetzt war es so weit! Er rutschte vom Stuhl unter den sicheren Tisch und musste nun nur noch auf die Beine achten, damit sie ihn nicht trafen.

Papas tiefe Stimme klang beruhigend. Aber Mutti kreischte alles Mögliche. Daraus konnte er sich keinen Reim machen. Komisch fand er nur, dass sie jetzt klar und deutlich die Worte herausbrachte, während sie vorhin nur genuschelt hatte, sodass er sie kaum verstehen konnte.

Aber nun schrie sein Papa auf! Hatte sie ihm wehgetan? Mit dem Messer womöglich erstochen? Er vergaß die Gefahr und fuhr hoch. »Papa?«, schrie er entsetzt auf.

»Junge, hol Hilfe«, würgte der Papa raus und Blut flog in der Luft herum. Die Tasse entfiel Claudios Hand und er stürzte zur Tür hinaus. »Hilfe! Hilfe!«, brüllte er voller Entsetzen mit aller Kraft ins Treppenhaus und hoffte, dass nebenan das junge Ehepaar zu Hause sei. Er lief zu deren Wohnungstür und bummerte mit den Fäusten dagegen. Dabei erblickte er den Rest der Stulle. Sein Griff schloss sich nur noch fester darum. Um nichts in der Welt würde er sie loslassen. Wer weiß, wann er wieder etwas zu essen bekäme, wenn Mutti den Papa abstach wie ein Schwein. So schrie sie ja immer.

Nach scheinbar endlosem Gebummer flog die Tür auf und der junge Mann erschien. »Nicht mal in Ruhe essen kann man hier«, knurrte er wütend. »Was ist denn schon wieder los?!« Aber er wartete die Antwort nicht ab, sondern schoss an Claudio vorbei in die offene Nachbarwohnung.

Mit einem Blick erfasste er die Lage, tippte den Notruf in das mitgebrachte Handy und sprach einige Worte. Dann schob er es in die Hosentasche und griff von hinten der tobenden Frau in die Arme.

Er musste wohl ziemlich fest zugegriffen haben, denn die Mutti quäkte schmerzvoll und wand sich wie eine Schlange, kam aber nicht frei. Das fand Claudio gut, denn sonst hätte sie vielleicht auch diesen Mann noch mit dem Messer verletzt.

»Junge, geh unten auf die Straße«, stieß der Mann jetzt trotz der Anstrengung heraus. »Und wenn Rettungsfahrzeuge kommen, dann winke ordentlich und zeige auf dieses Haus. Dein Papa ist verletzt. Mach hin!« Er hielt die Mutti wie in einem Schraubstock und mit einem letzten Blick sah Claudio seinen Papa zusammensinken.

Er brüllte verzweifelt auf und rannte wie gehetzt die Treppe hinab. Sein Papa durfte nicht sterben. Er wusste doch sonst niemanden, der ihn lieb hatte. Warum musste die Mutti auch immer Schnaps saufen!

Wann kamen die Retter denn endlich?! Aufgeregt lief er hin und her. Wenn sie nur nicht vorbeisausten!

Jetzt hörte er sie von fern und begann schon zu winken. Mit beiden Armen fuhrwerkte er über seinem Kopf in der Luft herum. Da! Sie bremsten scharf. Sie hatten ihn gesehen. Er sprang von der Straße, zeigte auf sein Haus und lief los. Da das Tor wie immer offenstand, fuhren sie hinter ihm her auf den Hof.

Einer sprang raus. »Treppe hoch!«, schrie Claudio und wollte schon vornweg laufen, als er noch eine Sirene hörte.

»Wink mal den auch hierher«, rief ihm der Mann zu und hetzte nun erst zum Haus.

Sofort flitzte Claudio wieder zur Straße und winkte wie verrückt. Diesmal war es ein Polizeiauto. Seine Kinnlade fiel nach unten und seine Arme schienen einzuschlafen, wo sie gerade standen.

Aber der Fahrer hatte ihn entdeckt und kurvte heran. Da erwachte Claudio und wies zum Hof. Wer weiß, vielleicht wollten sie Mutti einsperren, weil sie mit dem Messer gefuchtelt hatte und Papa … War er vielleicht schon tot und sie die Mörderin? Aus irgendwelchen Filmen stürmten blutrünstige Bilder auf ihn ein.

Der Schreck ließ ihn aufschreien: »Mein Papa!« Wild stürzte er los zur Haustür. Ein Polizist fing ihn auf.

»Was war mit Papa?«, fragte er dabei.

»Die Mutti wollte ihn abstechen wie ein Schwein«, brüllte Claudio verzweifelt. »Dann hab ich keinen mehr, der mich lieb hat!«, wimmerte er. »Papa blutet ganz doll.«

»Ich komme mit, mein Junge«, sagte der Polizist und fasste Claudios Hand mit warmem Druck. »Wir schaffen das schon«, versuchte er den schluchzenden Jungen zu trösten. »Führ mich mal in eure Wohnung.«

Claudio lief schneller und zog den Mann hinter sich her. Noch immer hielt er den Stullenrest in der anderen Hand, kam aber nicht dazu, ihn aufzuessen.

Als er oben die letzten Treppenstufen erklomm, sah er die Füße seines Vaters und heulte voller Schmerz sirenenartig auf. Sein Papa war tot! Nur deshalb lag er da auf irgendetwas und rührte sich nicht! »Papa, Papa!«, jammerte er los.

»Dein Papa ist nicht tot, nur verletzt«, versicherte der Retter. »Er muss aber ins Krankenhaus.« An den Polizisten gewandt: »Der Frau haben wir eine Spritze gegeben. Jetzt ist sie ruhig.« Sein Blick wies auf den Jungen, der neben seinem Papa kniete und halb auf dessen Brust lag. »Wo könnte ER hin? Sie müsste zum Entzug. Ist doch schon Delirium. Kümmert ihr euch um den Jungen, wir müssen los!«

»Claudio, mein Lieber, mach mir keinen Kummer!«, sagte der Papa leise. »Ich komme ja wieder. Muss nur ein bisschen genäht werden. Sei lieb und höre auf das, was die Männer dir sagen, ja? Ich hab dich lieb und bin bald wieder bei dir!«

»Ich habe so Angst, Papa«, klagte Claudio weinerlich. »Mutti ist doch so verrückt. Wenn ich nun auch ein Mistköter bin …?«

»Erzähl es den Männern. Die helfen dir. Du musst keine Angst haben. Bist doch mein großer Junge!«

Nun hoben die Männer die Trage an und Claudio schrie entsetzt auf, als sie seinen Papa davonschleppten. Der Polizist fing ihn auf und nahm ihn in die Arme. Er sprach beruhigend auf ihn ein und langsam wirkte die sonore Stimme.

Claudio schniefte tief und wischte mit dem Arm unter der Nase lang. Jetzt erblickte er den Stullenrest und biss kräftig hinein. Ein feuchter Lappen fuhr über sein Gesicht. Er zuckte nicht mal zurück. Im Gegenteil. Es war wohltuend. Manchmal hatte Papa ihn so gesäubert, wenn er verdreckt von draußen gekommen war.

Er schniefte erneut und der Lappen hielt unter seiner Nase an. »Schnaub mal!«, sagte die tiefe Stimme gutmütig und Claudio leerte die Nase mit Genuss.

»So, nun erzähl mal, was hier los war«, forderte der Polizist mit der beruhigenden Stimme auf und wies auf den Tisch.

Wüst sah es dort aus. »Die schönen Stullen«, war das Erste, was Claudio herausbrachte. Sie lagen zum Teil im Tee, der aber eine rötliche Färbung aufwies. An anderer Stelle war er blasser. Aber dort, das Rote, war bestimmt Papas Blut.

»Ja, die Stullen werden wir mal retten«, sagte der Mann und nahm sie hoch. »Hast du eine Stullenbüchse? Aber du gehst ja wohl noch nicht zur Schule.«

»Papa hat eine in seiner Arbeitstasche. Soll ich sie holen?«

»Ja, hol mal!«

Claudio war ganz schnell wieder zurück und reichte sie dem Mann. Gebannt sah er zu, wie der die Stullen einsortierte. »Wie Papa«, sagte er andächtig. Erst jetzt entdeckte er die zersprungene Kanne und die Scherben seiner Tasse.

»Ach, meine schöne Tasse«, sagte er bedauernd, schob eine Scherbe herum, dass er den halbierten Schmetterling vor sich hatte, und Wut auf Mutti sprang ihn an. »Die macht alles kaputt mit ihrer Sauferei«, fuhr es ihm böse über die Lippen und Tränen rollten langsam über seine Wangen. Er schluckte hart und schniefte. Der Polizist strich sachte über den ungepflegten Blondschopf.

»Die Mutti trank jeden Tag?«, fragte er und Claudio nickte eifrig. »Dabei hat Papa gesagt, sie soll lieber was zu essen kaufen, damit ich dicker werde«, erzählte er eifrig.

»Und deshalb haben sie sich eben gezankt«, meinte der zweite Polizist, den Claudio nun erst gewahr wurde.

»Nee, eigentlich wollte sie was ORDENTLICHES zu trinken und dann hat sie plötzlich mit der Teekanne umhergefuhrwerkt und weil Papa sie festhielt, hat sie ganz schnell zum Messer gegriffen und drauflosgestochen. Da bin ich aber unter den Tisch gerutscht, weil ich Angst hatte. Erst als Papa aufbrüllte, bin ich hoch. Aber da spritzte das Blut schon und Papa schrie nach Hilfe. Ganz schnell hab ich den Nachbarn geholt. Wo is’n der?« Claudio blickte sich suchend um.

»Der ist jetzt wieder in seiner Wohnung«, gab ihm der Mann Auskunft. »Wir fahren nun mit dem Polizeiauto. Bist du schon mal damit gefahren?«

Ängstlich blickte Claudio die beiden an. »Wo is’n Mutti?«

»Die ist schon in ein anderes Krankenhaus. Hast du irgendein Kuscheltier, das du immer mit ins Bett nimmst?«, fragte der andere Polizist, der schon einen Plastebeutel in der Hand hielt und aussah, als wolle er damit fortgehen.

»Ja, mein Wuschi«, sagte Claudio und flitzte los, um ihn aus dem Bett zu holen. »Was ist denn das für ein Tier?«, erkundigte sich der mit der tiefen Stimme.

»Mein Wuschi-Hund ist ganz lieb. Er passt immer auf mich auf«, erzählte Claudio wichtig und drückte das graue Kuschelding an sich. »Und wir fahren jetzt mit ’nem Polizeiauto?«

»Ja, du kannst doch nicht hier ganz alleine in der Wohnung bleiben. Bis dein Papa wieder fit ist, fahren wir dich zu anderen Kindern.«

»In ein Heim!«, konstatierte der Junge und nickte wissend. »Mein großer Bruder war auch erst im Heim und ist jetzt in einer Familie. Aber ich möchte bei meinem Papa bleiben.«

»Das kannst du bestimmt. Aber der Papa muss doch erst gesund werden. Ein paar Tage wird das sicher dauern.« Inzwischen waren sie beim Auto und der nette Polizist setzte sich mit zu Claudio nach hinten, schnallte ihn an und nahm dann die kleine Hand in seine große, warme. Das tröstete Claudio etwas.

»Aber nun kann ich morgen gar nicht mehr weiter lernen«, sagte er traurig und wies zur Kirchturmuhr, die er beim Vorbeifahren kurz erblickte. »Paul und Ina haben mir die Zahlen erklärt. Und die Zeit. Isses schon achte?«

»Ja. Eigentlich müsstest du schon im Bett liegen. Bist du sehr müde?«

Claudio schüttelte heftig den Kopf. Seine Augen flitzten im Auto hin und her. Er reckte sich, um nach vorn zu schauen. »So viele Uhren!«, staunte er. »Aber alle sehen anders aus.«

»Dein Papa hat kein Auto?«

»Nee, damit mussten wir doch die Schulden bezahlen«, sagte der Junge im Brustton der Überzeugung. »Und nach hier umziehen.« Sein Gesicht verfinsterte sich. »Und nun werden mich Paul und Ina morgen suchen. Und ich kann die Uhr nicht weiterlernen.«

Der Polizist neben ihm drückte die kleine Hand, die nervös zuckte. »Das kommt alles in Ordnung«, tröstete er. »Wirst sehen. Wenn dein Papa gesund ist, bist du wieder bei … Ina?« War das der Name, den der Junge genannt hatte?

Claudio nickte bestätigend. »Und Paul«, ergänzte er dann und wurde abgelenkt, denn der Fahrer sprach. Aber nicht mit dem neben ihm Sitzenden! Claudio drehte seinen Kopf und blickte ihn verwundert an.

Der griente, machte »Pst« und lauschte gespannt. Dann nickte er. »Wir fahren dich gleich nach Potsdam. Dann kannst du bald im weichen Bettchen schlafen. Deine Augen werden nun doch schon ganz klein.«

Gleich riss Claudio sie weit auf. »Bin noch gar nicht müde!«, beteuerte er und sah mal rasch nach draußen, wo Häuser und Bäume vorbeihuschten.

»Jetzt fahren wir über die Havel«, sagte der Polizist neben ihm. »Das ist ein Fluss. Sieh mal, dort schwimmt ein Schiff.«

Schon war es vorbei. Claudio gähnte laut und lehnte sich entspannt zurück. Jetzt fühlte er sich sicher. Seine Mutti konnte ihn hier nicht mehr abstechen. Er drückte seinen Wuschi fest an sich und die müden Augen schlossen sich. Papas blasses Gesicht tauchte vor ihm auf und er hörte ihn sagen: »Ich hab dich lieb.«

Als seine Augen sich öffneten, erblickte er ein helles Fenster mit bunten Gardinen dran. Nur ganz kurz wunderte er sich, weil es ihm so unbekannt war. Dann fiel ihm alles wieder ein. »Papa«, rief er weinerlich.

»Na ja, dein Papa ist nicht hier«, sagte eine helle Jungenstimme. »Ich bin Peter und zeige dir hier alles.«

Claudio setzte sich auf und presste seinen Wuschi an sich. Stimmt, er war ja nun im Heim! Der Peter saß genauso wie er und zeigte zu dem dritten Bett. »Das ist Mirko. Der schläft immer so lange.« Neugierig sah er Claudio an. »Und wie heißt du?«, fragte er schließlich, weil der Neue nichts sagte.

»Ich?«, wunderte sich Claudio. Wusste Peter das nicht? »Ich bin doch Claudio.«

»Du bist so spät gekommen, dass wir dich gar nicht begrüßen konnten. Und warst auch ganz müde, Claudio«, erklärte Peter und ließ sich den neuen Namen auf der Zunge zergehen. Diesen Namen hatte er noch nie gehört. Komische Namen gab es! »Und wie heißt das Wuschelding da?«

»Das hier?«, fragte Claudio sicherheitshalber und hielt es hoch. »Das ist mein Wuschi-Hund. Der passt auf mich auf!«

»Wuschi. Aha!« Peter hob etwas Gelbes hoch. »Ich habe einen Bär. Der heißt Brummi. Der passt auch auf mich auf. Und woher kommt ihr zwei so plötzlich?«

Claudio überlegte, was er dem Peter erzählen sollte. Er hatte da schon schlechte Erfahrungen gemacht. »Mein Papa musste ganz schnell ins Krankenhaus, weil er genäht werden muss. Wenn er gesund ist, holt er mich hier wieder ab.«

»Dann hast du keine Mutter!?«, mischte sich auf einmal Mirko ein.

Einen Moment zögerte Claudio erneut. Aber lügen wollte er auch nicht. »Doch. Aber die ist in einem anderen Krankenhaus.«

»Dann ist wohl euer Haus zusammengekracht«, meinte Mirko. »Und nur du bist nicht verletzt?«

Nun verschloss sich Claudios Gesicht. »Wir haben kein Haus. Nur eine Wohnung. Aber die ist alt, ganz alt.« Damit hoffte er, die Neugierde befriedigt zu haben. »Und warum bist du hier?«, versuchte er von sich abzulenken.

Mirko zuckte mit der Schulter. »Is unwichtig«, murmelte er leise.

»Seine Alten haben ihn beinahe verhungern lassen«, sagte Peter. »Und meine haben gesoffen. Da bin ich ins Heim gekommen, weil die Nachbarn das nicht mehr mit ansehen konnten.«

Claudio seufzte erleichtert. Das waren ja Leidensgefährten! »Meine Mutti säuft auch und hat meinen Papa verletzt.« So, nun war es heraus und er fühlte sich wohler. »Gibt es hier bald was zu futtern?«, erkundigte er sich und blickte sich suchend um. Vielleicht lag Papas Stullenbüchse irgendwo. Er konnte sie aber nicht entdecken.

Peter und Mirko starrten auf die Uhr über der Tür. »Wir können uns jetzt waschen«, sagte Mirko. »Komm, wir zeigen dir alles!« Er sprang aus dem Bett und lief zu einer zweiten Tür. »Ich muss erstmal!«, rief er und schloss ganz schnell die Tür hinter sich.

Peter grinste. »Er will immer der Erste sein. Dabei bin ich vor ihm wach und kann ganz in Ruhe …« Er kicherte. »Hops mal raus aus deiner Falle! So – und nun ziehst du die Bettdecke wieder hoch, damit sie nicht schmutzig wird. Nachher, wenn wir zum Essen sind, kommt Frau Krause und bringt hier alles in Ordnung.«

»So, der Nächste bitte!«, rief Mirko und hüpfte zu seinem Bett. Er versuchte, es ganz glatt zu bekommen. Zum Schluss legte er einen Clown mit dicker, roter Knubbelnase aufs Kopfkissen.

Claudio lief ins Bad und staunte erstmal, wie es dort drin aussah. Aber es drückte ihn und so setzte er sich aufs Örtchen. Währenddessen konnte er sich in aller Ruhe hier umsehen. Drei bunte Becher standen vor einem Spiegel. Jeder mit einer andersfarbigen Zahnbürste drin. Mal sehen, welche seine war. Im Kindergarten hatte er auch Zähne geputzt.

Er erhob sich und suchte den Drücker zum Spülen. »Ey, is hier kein Drücker?«, rief er verwundert und stürzte aus der Tür. »Mirko hat doch aber …«

Mirko und Peter kamen dienstbeflissen. Mirko drückte stolz. »Na ja, is überall anders«, tröstete er gewichtig. »Ich musste auch erst suchen.«

»Hier, Claudio, das ist DEIN Zahnputzbecher«, sagte Peter und wies auf den grünen mit gelber Bürste. »Kannst du Zähne putzen?«

Als er Claudios unentschlossene Miene sah, nahm er den Becher herunter, drehte die Bürste herum und ließ Wasser einlaufen. Dann legte er die Bürste auf den Becher und drückte aus der Tube ein Würmchen Paste auf die Borsten. Dabei verfolgte er genau, ob Claudio auch aufmerksam zuschaute.

»So, damit putzt du nun deine Zähne. Warte einen Moment, dann zeig ich dir, wie man das macht.« Er wiederholte nun mit Becher und Bürste alles und begann danach, seine Zähne gründlich mit der Bürste zu bearbeiten. Mirko stand schon neben ihm und putzte ebenfalls sorgfältig.

Die guten Vorbilder verführten Claudio zum Nachahmen und alle drei putzten eine Weile intensiv, bis Mirko als Erster spuckte und mit Wasser zu spülen begann. Danach gurgelte er in allen Tönen.

Das traute sich Claudio nicht. Aber das Spülen kannte er noch vom Kindergarten und zeigte es ihnen stolz. »Verschluckst du dich nicht beim Gurgeln?«, fragte er verwundert. »Ich kann das nicht.«

»Dann lass es lieber«, meinte Peter. »Ich habe mich schrecklich verschluckt dabei. Wasch lieber noch dein Gesicht, damit du nicht vom Essen wieder zurückgeschickt wirst.«

Mit einem Mal stand da eine Frau in der Tür. »Das ist aber prima von euch, dass ihr Claudio alles gezeigt habt.«

»Klaro, Frau Weber!«, sagte Mirko und warf sich stolz in die Brust.

»Sind wir schon zu spät?«, erkundigte sich Peter.

Klang das ängstlich? Claudio blickte ihn forschend an. Aber schon wurde er abgelenkt.

»Ihr liegt noch gut im Rennen!«, lächelte Frau Weber und Claudio fand sie sympathisch. Sie war dicker als Mutti und dunkelhaarig. Irgendwie gemütlich. Er musste einfach hingehen und sich an ihre Beine drücken.

»Ich mag dich«, sagte er dabei und fühlte ihre Hand zärtlich über seine Haare gleiten.

»Ich dich auch«, sagte sie. »Aber wir wollen doch nicht zu spät zum Essen kommen. Deshalb zieht euch mal fix an und kämmt euch danach die Haare, damit ihr nicht ausseht wie ein strubbliger Stubentiger.«

»Was is’n das?«, wollte Claudio wissen. Wiederholen konnte er das nicht. So ein komisches Wort hatte er noch nie gehört. Aber er flitzte zu seinen Sachen, die neben seinem Bett auf einem Hocker lagen, und wunderte sich, dass er seinen Schlafanzug trug, obwohl er gar nicht wusste, wann er den angezogen hatte.

»Meinst du den strubbligen Stubentiger?«, fragte Peter und Claudio brummte bestätigend.

»Das ist eine ungepflegte Katze«, warf Mirko ein. »Und so wollen wir auf keinen Fall aussehen. Oder?«

»Nee«, sagte Claudio und zog hastig das T-Shirt über den Kopf.

Einträchtig liefen sie danach die Treppe hinab in einen großen Raum, in dem schon viele Kinder saßen. Mirko nahm Claudios Hand und zog ihn weiter zu einem Tisch, an dem noch vier Stühle frei waren.

»Wir nehmen dich in die Mitte«, sagte Peter und zeigte auf einen Platz. »Das ist nun immer deiner.«

»Prima!«, sagte Claudio und freute sich, dass rechts neben ihm eine Tischecke war. Ohne den Kopf drehen zu müssen, konnte er dadurch immer sehen, was Peter gerade tat. »Und was nun?«, fragte er und schaute sich im Raum um. Kein einziges Kind aß, obwohl überall in kleinen Körben Brotscheiben lockten. Claudio glaubte sogar, seinen Magen knurren zu hören.

»Warum isst denn keiner?«, wunderte er sich laut.

»Weil Frau Weber noch nicht hier ist«, antwortete Mirko viel leiser.

»Und wann kommt sie?« Aber es antwortete keiner. Eine gespannte Stille verbreitete sich und alle Köpfe drehten sich in eine Richtung. Auch Claudios ruckte herum.

Ach, da stand ja Frau Weber. Jetzt hob sie die Hände und auch das letzte Schurren verklang. Mit offenem Mund starrte Claudio zu ihr hin.

»Ich wünsche euch allen einen Guten Morgen.«

»Wir wünschen Ihnen einen Guten Morgen«, ertönte es vielstimmig.

»Ich möchte euch heute einen Gast vorstellen. Er wird so lange bei uns bleiben, bis sein Vater wieder gesund ist.« Während dieser Worte war Frau Weber hinter Claudios Stuhl getreten.

»Steh mal auf!«, flüsterte Peter.

Das fand Claudio völlig überflüssig, aber er kam der Aufforderung, ohne zu murren, nach. Frau Weber legte ihre Hände auf seine Oberarme.

»Das ist Claudio. Seid lieb zu ihm und helft ihm! Nun setz dich wieder, Claudio!« Sie ging wieder zurück auf ihren Platz und Claudio setzte sich ganz verwirrt, ohne zu hören, was Frau Weber noch sagte. Plötzlich sagten alle »Amen« und gleich danach »Guten Appetit«.

»Jetzt kannste essen!«, forderte Peter ihn auf und Mirko stupste ihn in die Seite.

»Du kannst auf deine Stulle auch Marmelade schmieren. Gucke, so!« Er nahm mit dem Löffelchen, der in der goldgelben Marmelade steckte, einen Klacks heraus, ließ es auf seine Stulle plumpsen, steckte den Löffel zurück und schmierte mit seinem Messer den Klecks breit. Genüsslich biss er ab und kaute.

Peter wiederholte das Ganze mit einer roten Marmelade.

»Erdbeer. Hmm!«, machte er dabei genießerisch.

Wofür sollte sich Claudio nun entscheiden? Gelb oder rot?

Mirko sah sein Zögern. »Machste hier vorn ein bisschen Gelbe drauf und isst das erst. Danach kannste ja dann Rote probieren. Schmecken beide klasse. Aber ich bin mehr für die Gelbe.«

»Und ich kann für Erdbeere alles andre stehen lassen«, mümmelte Peter und griff, noch kauend, nach der nächsten Stulle.

Claudio entschied sich, zuerst Erdbeere zu probieren. »Hmm, schmeckt astrein!« Wie Mirko vorgeschlagen hatte, schmierte er dann auf den anderen Teil die gelbe Marmelade. »Mmm, die ist ja wirklich noch besser!«, staunte er und Mirko strahlte.

»Ich glaube, das sind Arikosen«, sagte er gewichtig.

»Aprikosen«, verbesserte ihn das neben ihm sitzende Mädchen.

»Is egal! Jedenfalls schmeckense gut.« Er nahm schon die dritte Stulle und Claudio staunte.

»Darf man denn hier so viel essen, wie man will?«

»Klar! Biste satt bist!«, antwortete Peter. »Aber zu langsam darfste nicht sein. Denn zu lange bleiben wir hier nicht sitzen.«

Der Hinweis ließ Claudio schneller schlucken. Auch er nahm sich eine dritte Stulle. Zwischendurch trank er immer mal einen Schluck vom Tee. »Der schmeckt aber auch gut!«, sagte er und leerte die Tasse.

Das Mädchen neben Mirko erhob sich und griff nach der Kanne. Jetzt sah Claudio, dass es größer war.

»Möchtest du noch Tee?«, fragte es Claudio. Der nickte und hielt seine Tasse beflissen hin. »Stell sie lieber hin«, meinte sie freundlich und goss ein. »Wenn die Tasse in der Luft schwebt, werde ich unsicher«, sagte sie entschuldigend. »Wollt ihr auch noch?«, wandte sie sich an die anderen.

Mirko trank schnell aus, während Peter seine Tasse hinrückte und eingeschenkt bekam. Dann wurde auch Mirkos noch gefüllt. Das Mädchen setzte sich wieder und schaute in der Gegend herum, während Claudio sie verstohlen beobachtete. Neben ihr saß noch ein Mädchen. Scheinbar auch so groß wie sie. Und dann saßen noch ein paar kleine Jungs mit am Tisch. Die schienen jünger zu sein und die Mädchen bemutterten sie. Das fand Claudio prima.

Plötzlich wurde es wieder ganz still und dann erklang Frau Webers Stimme: »Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du unser Gast gewesen bist.« Und alle Kinder antworteten mit »Amen«. Diesmal sprach auch Claudio mit.

Nun begann ein Schurren und Geplapper. »Jetzt bringen wir unser Geschirr zum Abwaschen dort hinten hin. Sieh mal, so macht man das.« Peter stellte die Tasse auf den Teller und nahm das Messer fest in seine Hand. »Wenn du das Messer auf den Teller legst, fällt es garantiert runter«, erläuterte er dabei. »Und die Tasse hältst du am besten so … fest, damit sie nicht abhaut.« Er zeigte Claudio ganz genau, wie er es anstellen sollte, und nickte zufrieden, als es genau befolgt wurde.

Gemeinsam schoben sie sich durch die Gänge Richtung Küche. Claudios Augen huschten hin und her. Kurz vor der Ablage stand plötzlich so ein großer Junge neben ihm. Mindestens so groß wie sein Bruder.

Gerade hatte Claudio sein Geschirr abgestellt und das Messer zu den anderen gelegt, als der Große ihn anstupste.

»Clau-di-o«, sagte er ganz langsam und betonte jede Silbe. »So ein komischer Name! KLAU – DIE – OOCH!«, sagte er mit furchtbarer Stimme und Claudios Haare stellten sich auf. Aber was ihm einen Schock versetzte: Die Hand des Großen fuhr zu dem Messerberg und Claudio sah plötzlich Mutters Hand mit dem Messer durch die Luft sausen.

Er schrie auf und rannte blindlings los. Bloß weg von dem Messer! Verblüfft sprangen einige Kinder zur Seite, um nicht umgerannt zu werden. Ein Kleiner schaffte es nicht mehr und Claudio rammelte gegen ihn, sodass er umfiel und sein Geschirr auf den Boden knallte. Natürlich zersprang es und das Messer flog unter einen Tisch.

Ungeheures Geschrei erhob sich wie ein Sturm hinter dem davonjagenden Claudio, der wie ein Hase Haken schlug und versuchte, den Ausgang zu erreichen.

Auf einmal umfingen ihn zwei Arme und er wurde angehoben und um eine Achse gewirbelt.

»So, Schluss mit der Jagerei!«, sagte eine strenge Stimme.

Claudio schnappte nach Luft und versuchte noch freizukommen. Er war puterrot. Die Arme schüttelten ihn und stellten ihn dann auf den Boden, ließen ihn aber nicht los.

Sein kurzer, erregter Blick fiel in Frau Webers empörtes Gesicht.

»Der – wollte mich – abstechen!«, hechelte er und gab den Widerstand auf. Frau Weber würde ihn bestimmt beschützen. Sie nahm seine Hand fest in ihre und richtete sich zu voller Größe auf. Der Lärm verebbte. Trotzdem hob sie noch wie segnend die Hand. Es wurde mucksmäuschenstill.

Ihr Blick suchte einen Moment. »Peter, Mirko, könnt ihr mir sagen, was passiert ist?« Da sie beide gefragt hatte, begannen auch beide sofort zu sprechen.

»Moment!« Wieder hob sie die Hand und die beiden aufgeregten Stimmen schwiegen. »Wer von euch war näher dran?«

Peter hob die Hand. Sie nickte ihm zu und er begann zu sprechen. »Heiko hat sich zwischen uns gedrängelt und hat Claudio geschubst.«

»Gar nicht wahr!«, kam es aus einer völlig anderen Richtung. »Nur ein bisschen angestupst!«

Peter machte eine wegwerfende Handbewegung und sprach weiter. »Dann hat er Claudios Namen so komisch ausgesprochen und mit einem Mal ist Claudio ganz verrückt losgesaust. Ich weiß nicht, warum.«

»Die Messer – das Messer!«, stotterte Claudio atemlos.

»Heiko!«, sagte Frau Weber nun mit energischer Stimme, »jetzt möchte ich von dir etwas hören!«

»Ich – ich habe mich nur über seinen komischen Namen gewundert und mit einem Mal ist der losgebürstet, wie vom wilden Affen gebissen!« Heiko tat ganz unschuldig, hob die Schultern und zeigte seine Handflächen.

Ein Mädchen meldete sich.

»Corinna, was möchtest du uns sagen?«, fragte Frau Weber schon in leiserem Ton.

»Heiko hat ›klau die ooch‹ gesagt und auf die Messer gezeigt und DA ist Claudio erst losgerannt wie ein Irrer.«

»Stimmt das, Claudio?« Sie neigte sich vor und blickte Claudio ins Gesicht.

Der nickte heftig. »Der wollte mich abstechen!«, stieß er noch immer aufgeregt hervor.

Einen Moment schwiegen alle und man konnte das Wirtschaften in der Küche hören.

»Ihr seht, wie ein scheinbar dummer Scherz einen Menschen in große Panik stürzen kann. Ihr kennt Claudio nicht, wisst nicht, was für schlimme Erfahrungen er hinter sich hat. Deshalb, Heiko, entschuldigst du dich bei Claudio und wirst das zerschlagene Geschirr forträumen. Überlege dir deine SCHERZE nächstens besser und vor allem beachte, bei WEM du sie anbringst.«

Sie beugte sich zu Claudio. »Heiko hat es nicht böse gemeint. Weil er dich aber nicht kannte, wusste er nicht, in welche Angst er dich trieb. Bist du mit einer Entschuldigung einverstanden?«

Claudio nickte und seine Angst rutschte zu einem ganz kleinen Häuflein zusammen, flackerte noch einmal auf, als der Große sich vor ihm aufbaute. Aber Frau Webers Hand versprach ihm Sicherheit. So blickte er dem Jungen aufmerksam ins Gesicht.

Der räusperte sich verlegen und streckte dann ganz langsam seine Rechte vor. »Ich wollte dich nicht erschrecken. Bitte entschuldige!«, sagte er stockend und bekam einen roten Kopf.

Claudio gab ihm vorsichtig seine Hand, immer darauf bedacht, ganz nah bei Frau Weber zu bleiben. »Ich dachte, du wolltest mich abstechen«, sagte er leise.

»Nee, wirklich nicht!«, beteuerte Heiko. »Ich habe nur ein bisschen deinen Namen verulkt. Ich mache das auch nicht wieder. Ist nun alles gut?«