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Dunkle Mächte herrschen über die Erde. Längst haben sie ihre negativen Energien wie einen Bann um die Herzen der Menschen geschlungen und die Saat des Bösen auf dem gesamten Planeten verteilt. Die Priesterschülerin Maria ist zwölf Jahre alt, als sie im Tempel eine lichtvolle Begegnung erfährt. Sie erhält einen Auftrag, der den Beginn einer langjährigen Mission markiert: ein Kind zu gebären, das den Menschen das Licht zurückbringen wird. Voller Liebe und Hingabe gehen Maria, ihr Mann Joseph, ihr Sohn Jeshua und dessen Frau Magdalena als Auserwählte den steinigen Weg, um ihre Mission zu erfüllen. Sie unterweisen die Menschen in ihrer Lehre von Freiheit, Gleichheit und Liebe und versuchen das Licht auf der Erde wieder strahlen zu lassen. Die Autorin Ursula Schneiderwind entführt in eine zweitausend Jahre alte Geschichte und lässt uns den Kampf der Quelle des Lichts gegen die dunklen Mächte erleben.
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Maria saß im Abendschein auf den Stufen des Tempels der Weisheit, ein Gebäude aus weißem Stein mit Bogengängen, Säulen und Kristallwänden, umgeben von den Häusern und Gärten der Priesterinnen.
Diesen Platz hatte sie in den zwölf Jahren ihres Hierseins lieben gelernt. Hier genoss sie auch heute mit ihren Freunden aus dem Pflanzenreich, den Elfen, Feen, Trollen und Zwergen, nach den anstrengenden Einweihungen die Ruhe im abnehmenden Frühlingslicht.
Ihre Gedanken eilten zurück zur ersten Begegnung mit diesem Ort. An der Hand ihrer Mutter kam sie als Sechsjährige voller Abschiedsschmerz, der in Wellen auch von ihrer geliebten Mamutschi zu ihr herüberflutete.
„Warum können die anderen nicht mit?“, fragte sie schluchzend, als der hohe Zaun des Tempelgeländes vor ihr emporwuchs. Sie hatte vier Geschwister.
„Deine beiden Schwestern wollen andere Wege gehen. Das weißt du doch, kleine Göttin. Nur du wähltest den Weg zum Licht.“ Tröstend fügte sie hinzu, was Maria längst wusste. „Ich war auch hier und es war eine wunderschöne, licht- und liebevolle Zeit.“ Ja, Mutter war Priesterin und Vater auch.
Wie schön es gewesen sein musste, spürte Maria bei der Begrüßung mit jeder einzelnen Priesterin, und ihre erste Nacht durfte sie zusammen mit ihrer Mutter verbringen. So kam sie hier an und der Abschied wurde kein Drama.
„Denke dran, Göttin Maria, du kannst mich immer mit deinen Energien erreichen. Telepathisch! Wir haben es ja oft geübt“, sagte Mamutschi, strich ihr übers Haar und ging zügig davon.
Ja, so war das damals. Und an diesem ersten Nachmittag wählte sie sich Sarah als Freundin, mit der sie den gemeinsamen Aufenthaltsraum neben ihren Einzelschlafzimmern teilte. Sarah lernte nicht so leicht wie Maria, bei der scheinbar nur alles erinnert werden musste. Bald half sie auch anderen beim Lesen, Schreiben und Meditieren. Aber heute hatten sie alle ihre Prüfungen, Einweihungen bestanden bis auf die letzte: die Einweihung zur Erwachten Priesterin im Tempel der Weisheit der Göttin des Lichts. Sie war in zwei Tagen. Tiefe Freude breitete sich bei diesem Gedanken in Maria aus. Und eines fernen Tages würde sie auch die Einweihung als Hohe Priesterin dieses Tempels absolvieren.
Ein Kätzchen hatte sich bei diesen Gedanken in ihre streichelnden Hände geschoben und schnurrte leise in ihrem Schoß.
Urplötzlich sah Maria ein Leuchten links in ihrem Gesichtsfeld und wandte abrupt den Kopf. Erschreckt sprang das Kätzchen von ihrem Schoß. Maria konnte kaum glauben, was sie sah. Eine leuchtende Kugel wie eine kleine Sonne! Nun schob sich eine Tür zur Seite und ein Mann, genauso strahlend, trat heraus! Bestand der aus purem Licht? Oder hatte sie zu viel Sonne abbekommen?
Maria sprang auf und wendete sich zur Flucht. Doch eine sanfte Stimme ließ sie innehalten.
„Maria Mahnaz! Fürchte dich nicht! Ich komme in Frieden, um dich an deine Mission zu erinnern!“
Mission? Ihr Verstand wehrte sich, aber tief in ihrem Innern war da so ein Gefühl …
Langsam wandte sie den Kopf, dann den Körper und betrachtete diesen leuchtenden, fast durchsichtig aussehenden Mann mit blondem Haar und leuchtend blauen Augen, nie gesehenen Augen! War das ein goldener Anzug? Sah so ein Engel aus? Ihr Gefühl suggerierte ihr, dass sie ihn kannte, doch für ihren Verstand war es unfassbar.
Seine Augen hielten ihren Blick fest und sie fühlte seine Stimme mehr, als sie sie hörte. „Ich bin Sananda.“
Irritiert schweifte ihr Blick von seinem ätherischen Körper fort zu dem seltsamen Gefährt. Sie hatte schon von Feuerwagen gehört, die mit donnerndem Getöse durch die Luft kamen und Angst und Schrecken verbreiteten. Aber diese Kugel kam ja ganz geräuschlos, war einfach da mit ihrem Leuchten! Und sah so leicht aus!
Mit einem Mal fand sie auch Worte, obwohl noch immer zutiefst verwundert. „Woher kennst du meinen Namen?“ Gab ihr ihre eigene Stimme Sicherheit? „Und überhaupt: Männer dürfen sich nicht bei den Tempeln der Priesterinnen aufhalten!“ Es klang sogar ein wenig Empörung mit. Durfte sie denn SO zu solch einem Wesen sprechen? Im Nachhinein wurde sie unsicher.
Er lächelte. „Maria Mahnaz, ich kenne dich länger als du dich selbst. In den lichten Räumen der höheren Dimension stellte ich dir vor deiner Erdenzeit hier die Frage, ob du Gaia helfen willst, indem du ein lichtvolles Wesen für sie auf die Erde bringst.“
Fasziniert betrachtete sie ihn, während er darüber sprach, dass sie durch ihre Erfahrungen hier im Tempel so durchgeistigt, so lichtvoll sei …
„Darf ich dich berühren?“, fragte sie mitten hinein in seine Rede. Er lächelte und nickte.
Überaus vorsichtig berührte sie seine Wange, um ja nichts zu zerstören. Diese Feinheit! Dagegen war ja Babyhaut wie Leder. Selbst die Naturwesen waren nicht so … zart. „Bist du ein Engel?“, fragte sie mit angehaltenem Atem.
Er lachte leise. „Ich bin wie du, nur nicht von dieser Erde. Ich komme aus den lichten Dimensionen, aus denen du ebenfalls hervorgegangen bist, bevor du dich für diese Dichte entschiedst, um der Erde ein Licht zu sein. Ich habe mir nur eine Hülle geschaffen, um dich aufsuchen zu können. Die Zeit ist reif, um dir die Frage zu stellen, die deine jetzigen Pläne eventuell über den Haufen wirft.“
Was sollte das jetzt? Sie wollte im Tempel leben und irgendwann einmal Hohe Priesterin werden. Hier! Verwirrt, fast entsetzt blickte sie ihn an.
Er seufzte. „Der Schleier des Vergessens! Maria, bevor du diesmal inkarniertest, entschiedst du dich, Mutter eines Kindes zu werden, das dieser Erde das Licht zurückbringt!“
„Ich? Mutter? In diesem Land? NIE!“ Es schüttelte sie vor Entsetzen. Sie hatte in ihrem Heimatort erlebt, wie Frauen und Mädchen behandelt wurden. SO wollte sie nicht leben! Nur als freie Priesterin und Heilerin war das Leben hier zu ertragen, war es schön!
Sananda schaute sie sehr ernst an. „Maria, du lebst seit deiner Geburt in einem geschützten Umfeld. Inzwischen überfallen die Schergen der dunklen Mächte die Tempel der Weißen Schwesternschaft, schleifen sie, vergewaltigen die Priesterinnen und töten sie, weil sie sich ihrer Macht entziehen …“
Maria sah alles, was er beschrieb, und Tränen tiefsten Mitgefühls stürzten aus ihren Augen und tropften auf ihr Gewand.
„… Sie wollen jedes Licht von der Erde verbannen, weil sie alles hassen, was ihre Macht schmälert. Deshalb wollen wir ein neues Licht verankern, eine neue DNA installieren, denn sie haben die DNA verändert, als sie auf die Erde kamen. Dadurch können die heutigen Menschen noch nicht mal ein Viertel ihrer einstigen geistigen Kräfte nutzen. Sie sehen kein Naturwesen mehr, können sich nicht telepathisch verständigen, sich nicht aus ihren Körpern lösen, um andere Seinsebenen zu besuchen. Und wenn eine Seele sich im Schlaf einmal löst – das geschieht oft in der Nacht – und eine kleine Erinnerung bleibt hängen, dann wurden und werden sie als ‚Träume sind Schäume‘ verlacht und abgewertet.“
Bei seinen ernsten Worten dämmerte langsam Marias Erinnerung in ihrem Tagesbewusstsein auf. Doch sofort folgte auch das große Erschrecken. „Wie soll das gehen? Niemals wird ein Mann mich besteigen wie sein Pferd!“ Empörung blitzte aus ihren blauen Augen.
Seine durchscheinende Hand legte sich beruhigend auf ihren Arm. „Maria!“, sagte er eindringlich. „Ich verspreche dir, dass das nie geschieht! Wir haben andere Möglichkeiten als die Dunkelmächte!“ Maria glaubte ihm aufs Wort. Seltsam!
„Maria, überlege es dir noch einmal, ob du einen Sohn der Göttin der Liebe mit unverfälschter DNA tragen willst. Das wird keine leichte Mission und es ist deine freie Entscheidung. Wenn du ablehnst, werde ich dich NIEMALS wieder fragen. Dein freier Wille ist Gesetz bei uns. Morgen um die gleiche Zeit werde ich mir deine Antwort holen. Bis dahin lebe wohl!“
Er wandte sich seinem kleinen Gefährt zu und sie sah ihn mehr schweben als dorthin gehen. Kaum war die Tür geschlossen, verschwand alles wie eine Vision.
Seinen Worten nachspürend, ging Maria wie in Trance zu ihren Räumen. Dort wartete Göttin Sanchia, freie Priesterin und seit Marias erstem Tag hier ihre Führerin. Sanchia erkannte, dass etwas Außerordentliches passiert sein musste, und umarmte sie liebevoll. „Du siehst müde aus“, murmelte sie und führte sie zur Liegestatt. „Der Schlaf wird dich erquicken“, meinte sie fürsorglich und half Maria, das Gewand zu wechseln.
„Kennst du ein Wesen aus der höheren Welt, das sich Sananda nennt?“, fragte Maria mit schwerer Zunge.
„Nein, Liebes. Aber wenn du möchtest, kannst du mir davon erzählen. Jetzt ruh dich erst einmal aus.“
Sanft, aber bestimmt drückte sie Maria auf ihr Bett. Maria fühlte ihr weiches Kissen, ihre Augen schlossen sich und sie sank zur Seite. Sie spürte noch ihre Seele aus dem Körper gleiten und zu den vertrauten Ebenen eilen, doch Sanchias liebevolles Bedecken ihres Körpers erfasste sie nicht mehr.
Kaum schlug Maria am Morgen ihre Augen auf, wusste sie, dass sie den vorgeschlagenen Weg gehen wollte. Das WIE würde sie Sananda überlassen, denn sie wusste, dass sie hier in diesem Land als unverheiratete Frau mit Kind nur die Steinigung zu erwarten hatte. Es schauderte sie, als sie an eine Heirat mit einem dieser Männer dachte. Dann jedoch zog das Bild ihrer Eltern in ihren Sinn. Wie respekt- und liebevoll sie miteinander und mit ihren Kindern umgingen. Mamutschi hatte sie und ihre Geschwister mit den Naturwesen vertraut gemacht und Vater schlichtete den Streit der Brüder häufig nur mit einem liebevollen Blick unter hochgezogenen Brauen. Dass die Kinder mit dem Zusatz Göttin oder Gott – wie im Tempel üblich – angesprochen wurden, war alltäglich und stärkte den Respekt vor dem anderen.
Ihre Gedanken kehrten immer wieder zum Ausgangspunkt zurück und deshalb verlief ihr Tag recht schweigsam. Sanchia war immer liebevoll für sie da, durchbrach jedoch ihre Schweigsamkeit nicht.
Als der Abend nahte, ging Maria mit zögerndem Schritt und klopfendem Herzen zum Tempel. Schon aus einiger Entfernung sah sie Sanandas Leuchten auf den Stufen des Tempels. Er saß wartend und lächelte freudig zu ihr auf, streckte ihr seine Hand zur Begrüßung entgegen und beim Ergreifen floss ein Energiestrom zu ihr, der sie schwindlig machte. Der leichte Zug seiner Hand forderte sie auf, sich neben ihn zu setzen.
Während sie es tat, erblickte sie all ihre kleinen Freunde ringsum und freute sich, dass Sananda auch sie begrüßte.
Bevor Sananda aber auch nur ein Wort sagen konnte, purzelten schon all ihre Bedenken aus ihr heraus. Und als sie zuletzt die Unmöglichkeit betonte, lachte er freudig auf.
„Also hast du die Möglichkeit jedenfalls in Betracht gezogen“, meinte er lächelnd und sprach voller Wärme weiter. „Das freut mich unendlich! Du würdest also in liebevollem Dienst an Gaia und den Menschen einer großen Seele Mutter sein?“
Marias „Ja“ kam kaum hörbar. „WENN ich dann meine Würde und Göttinnenkraft nicht verliere!“, schob sie mit fester Stimme nach.
„Maria“, sagte Sananda würdevoll und Maria spürte einen Anflug von Tadel, „wir kennen die Regeln der dunklen Macht in diesem Land und werden alles Erdenkliche tun, um das Umfeld unseres Sohnes zu schützen.“ Er schwieg einen Moment, wohl um ihr Zeit zu lassen, diese Worte in sich aufzunehmen. „Nun zum nächsten wichtigen Schritt: Ein junger Priester, Eingeweihter und lichtvoll wie du, gab ebenfalls vor seiner Inkarnation sein Ja zu diesem Projekt. Ihr beide habt vereinbart, euch in diesem Alter zu treffen. Also JETZT!“
Vor Verblüffung blieb Marias Mund offen, obwohl sie gerade protestieren wollte. Das sollte sie auch vergessen haben? Das konnte doch nicht sein! Ihr Verstand verhakte sich in diesem Tatbestand und sie hörte Sanandas weitere Worte wie durch Watte.
„Er heißt Joseph und lebt wie du im Tempel des Lichts. Wenn du einverstanden bist, besuchen wir ihn jetzt. Ihr werdet euch sehen und könnt energetischen Kontakt aufnehmen und wenn ihr beide euch vorstellen könnt, diese Mission gemeinsam zu verwirklichen, werde ich alles Weitere vorbereiten.“ Sananda blickte sie aufmerksam von der Seite an.
Maria atmete erleichtert auf. Also war noch nichts entschieden. Wenn sie den Mann nicht riechen konnte, könnte sie in ihrem Leben hier im Tempel bleiben. Dann wäre alles Seltsame, das seit gestern auf sie einstürmte, nur noch ein merkwürdiger Traum. Sie nickte. „Gut, ich komme mit!“ Trotz dieses Einverständnisses war sie völlig verunsichert und wusste nicht, wie ihr geschah, als er sich erhob und sie einlud, dem Mann einen Besuch abzustatten.
„Jetzt gleich? Wie …?“
Sananda lächelte. „Darf ich dich in mein Gefährt einladen? Du musst keine Angst haben. Aber zu Fuß wäre der Weg doch ein wenig zu weit und du kämst heute Nacht nicht mehr zum Schlafen.“
Langsam folgte sie ihm zu dem runden Ding und betrat es sehr vorsichtig. Alles strahlte so hell, dass sie blinzelte. Aber außer zwei behaglich aussehenden Sesseln war nichts in diesem kleinen Raum. Kaum saß Maria, fühlte sie sich hochgehoben. Sie hielt die Luft vor Schreck an und schaute sich mit geweiteten Augen um. Ihr Blick fiel durch ein kleines Fenster nach draußen und sie sah die Häuser und Bäume kleiner und kleiner werden. Aber kaum hatte sie zwei Atemzüge getan und wollte es genießen, da kam das Land auch schon wieder näher und sie setzten auf.
„Was war das?“, wunderte sie sich. „Wie funktioniert das? Ich sehe weder riesige Vögel, die das Ding tragen, noch hast du irgendeinen Zügel in der Hand und doch bewegt es sich!“
Sananda nahm ihre Hand und zog sie aus dem bequemen Sessel hoch. Er kicherte. „War es schön?“
Sie nickte begeistert und hörte seiner Erklärung andächtig zu, seine Worte, sein Bild und sein Gefährt in sich aufnehmend.
„Ich kann dich nur besuchen, wenn ich mit meiner Gedankenkraft mich und das Gefährt dieser Dimension anpasse, also die Schwingung erniedrige. Denk dran: Dampf wird zu flüssigem Wasser, wenn die Schwingungen langsamer werden. Licht hat eine sehr hohe Schwingung und ich lasse sie nur Kraft meiner Gedanken langsamer werden.“
Marias Verstand konnte es kaum fassen. Wenn sie ihre Heiltränke und -balsame mit der Kraft der Quelle versehen wollte, musste sie in tiefe Meditation gehen, und einen Gegenstand ohne Berührung zu bewegen, kostete sie enorm Energie. Doch Sananda trug sein Gefährt und sie mitten darin durch die Lüfte, als sei es für ihn überhaupt nicht anstrengend. Ob das in allen anderen Dimensionen außer auf der Erde möglich war?
Sananda ergriff Marias Hand – er fühlte, dass sie sonst wohl stolpern würde – und führte sie zu einem wesentlich größeren Tempelbereich als ihrem. Auch hier sah sie keine Türme. Die standen nur bei den Dunkelmächten und feuerten die Energien in den Himmel. Sie erkannte beim Gehen, dass auch hier kleine Häuser mit Gärten abwechselten, und spürte die gleiche Harmonie. Als sie eins dieser Häuser hinter sich ließen, lag der Tempel in all seiner Pracht vor ihnen und auf den Stufen, fast am selben Platz wie sie daheim, saß ein junger Priester, tief in seine Meditation versunken, sodass sie ihn voller Neugier einen Moment betrachten konnte. Seine Schönheit ließ eine unbekannte Saite in ihr erklingen, ein Gefühl stieg in ihr auf …
„Joseph, fürchte dich nicht“, redete Sananda ihn leise an und der junge Mann sprang genau wie sie ganz erschrocken auf, flüchtete jedoch nicht, sondern stutzte nur und ließ seinen Blick zwischen den beiden wandern.
„Die Göttin neben mir ist Maria“, fuhr Sananda fort. „Sie ist Priesterin im Tempel der Weisheit der Göttin.“
Josephs interessierter Blick traf in Marias Augen und verharrte sekundenlang darin. Unbekannte Gefühle durchpulsten Maria, ließen sie erröten und verlegen ihren Blick senken. Ihm ging es ähnlich. Er wandte sich verwirrt Sananda zu.
Maria trat einen Schritt zurück und hörte sich die Erklärungen Sanandas an, die fast genauso klangen wie gestern bei ihr. Sie spürte, dass Joseph ebenso verwirrt war wie sie. Doch er reagierte anders.
„Bitte, liebe Freunde, schenkt mir einen Augenblick, damit ich in meinem Tempel beim Meditieren in mir die Antwort finde.“
Während Sananda seine Zustimmung gab, blickte Joseph noch einmal in Marias Augen. Sehr nachdenklich, wie sie fand, und entfernte sich dann leichtfüßig.
Sananda setzte sich auf die Stufen und seine kleine Handbewegung lud auch Maria ein. Beide genossen die friedliche Stille dieses Frühlingsabends.
Widerstreitende Gefühle durchrasten Maria. Eine Seite in ihr wollte, dass Joseph Nein sagte, die andere aber hatte sich längst für diese Mission entschieden und hoffte auf sein Ja. Sowas Verrücktes! Beides geht nun mal nicht, schalt sie sich selbst in ihrer Verwirrung. Nicht wie eine ausgebildete Priesterin, sondern wie eben ein junges Mädchen wurde sie von ihren Gefühlen hin und her gerissen.
Leichte Schritte ließen sie aufschrecken und aufspringen, so schnell, dass sie fast Joseph angerempelt hätte, der damit nicht rechnete.
Joseph trat ein klein wenig zurück und streckte ihr seine Hand entgegen. „Maria, wir kennen uns scheinbar nicht“, sagte er mit fester Stimme, „doch ich fühle eine tiefe Verbundenheit unserer Seelen. Eigentlich wollte ich niemals heiraten, sondern mein Leben hier im Tempel verbringen. Aber in meiner Meditation sah ich Bilder, die Sanandas Worten Kraft geben. So würde ich diese Mission annehmen, wenn auch du dazu bereit bist. Deshalb frage ich dich, Maria, als die Göttin, die du bist, in aller Ehrerbietung und in Liebe zu Gaia, ob du als freie Priesterin, als freie Frau und Mutter mit mir als freiem Priester, freiem Mann und Erdenvater diese Erfahrung erleben willst, um dieser Welt das Licht zurückzubringen?“
Tiefe Röte überzog Marias Gesicht bei seinen Worten. „Ja“, hauchte sie leise und senkte den Blick. Sie spürte Sananda neben sich. Wann hatte er sich erhoben? Was sagte er? Schnell hob sie den Blick zu Joseph. Sie überzeugte sich von seinem Vorhandensein. „Er ist ja auch rot geworden“, stellte sie überrascht fest und ein komisches Gefühl breitete sich im Bauch aus. Ein tiefes Bedauern kam in ihr auf, als Sananda sich von Joseph verabschiedete.
Maria reichte Joseph zum Abschied die Hand und schaute ihm in die Augen. Erneut fühlte sie die Glut in ihr Gesicht steigen. Trotzdem hätte sie am liebsten diese Hand in ihrer behalten. Ein inniges Verstehen war plötzlich da, das sie mit dem Intellekt nicht begreifen konnte.
Noch länger Josephs Hand zu halten, wäre unmöglich. So ließ sie sie zögernd los und lief neben Sananda zum Gefährt, spürte kaum den Sessel und die Luftfahrt.
Sananda warf ihr ab und zu einen forschenden Blick zu, sprach nichts und verabschiedete sich mit wenigen, warmen Worten. Maria sah sein Gefährt mit der beginnenden Morgenröte verschmelzen. Tief sog sie die Luft ein. War das alles ein Traum? Sananda … die Luftfahrt … Joseph … wie er auf den Stufen sitzt … aufspringt … wie er ihre Hand hält … ein schöner Mann … und seine braunen Augen …
Selbst jetzt stieg wieder Röte in ihr Gesicht. Während sie nun langsam ihre Schritte ihrem Häuschen zuwandte, kam sachte Freude in ihr auf und die Gewissheit, richtig gewählt zu haben. Tiefer Frieden breitete sich in ihr aus.
Im Häuschen erwarteten sie Göttin Sanchia und Sarah. Während Sanchia wie immer Güte und großes Verständnis ausstrahlte, konnte Sarah ihren Vorwurf nicht zurückhalten.
„Wo warst du? Gestern schon habe ich dich gesucht! Und jetzt bricht schon der Morgen an! Wo warst du denn bloß?“ Sie schaute kurz zur älteren Priesterin. „Wir haben uns große Sorgen gemacht!“
Sanchia lächelte nur geduldig, wie Maria mit raschem Blick sah. Sicher wollte auch sie etwas erfahren.
„Liebe Göttinnen, ich habe viel erlebt. Doch wenn ihr es erfahren wollt, dann labt mich mit einem schönen Tee und einem kleinen Imbiss. Ich bin ziemlich erschöpft von den schweren Entscheidungen, die ich treffen musste.“ Sie ließ sich auf die Liegestatt sinken und schloss für einen Moment die Augen, weil sich alles drehte. Sie hörte Sanchias liebe Stimme, die Sarah bat, Tee und Imbiss zu holen, und staunte, dass Sarah keine Widerworte fand, sondern gleich davonlief.
Sie spürte, dass Sanchia ihr Energie schickte und als Sarah erschien, fühlte sie sich wesentlich besser.
„Lasst uns auf der Terrasse die Morgensonne genießen, während Göttin Maria berichtet“, schlug Sanchia vor.
Maria trank mit Genuss und fühlte neue Kraft. „Wo soll ich nur beginnen? Es macht mir das Herz schwer, wenn ich daran denke, dass ich bald diese Oase des Lichts verlassen werde …“
„WAAS?“ Sarah fuhr auf und wurde lauter als hier üblich. „Das kannst du nicht machen! Wir wollten gemeinsam hier alt werden!“ Ja, das war typisch Sarah! Aber ein Wunder war es nicht, dass sie so entsetzt reagierte, hatte sie doch erlebt, wie ihr Vater ihre Mutter der Steinigung auslieferte, als er eine Jüngere begehrte.
Sanchia hatte ihre Hand beruhigend auf Sarahs Schulter gelegt und so ihren Redeschwall unterbrochen. „Lass Maria erst einmal erzählen. Danach können wir alles bedenken“, mahnte sie nun.
Leise begann Maria von ihrer ersten Begegnung mit Sananda und schilderte ihre Luftfahrt und das Treffen mit Joseph. Dabei fühlte sie erneut dieses seltsame Vibrieren im Bauch, das sie nicht einordnen konnte.
Sarah wurde immer unruhiger, je mehr sie von Joseph hörte. Schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten. „Entschuldige! Warst du zu lange in der Sonne? Das kann ja wohl nicht wahr sein! So eine Luftfahrt kann es doch nicht geben! Und dann: Du und heiraten! Einen Mann, den du gar nicht kennst!“
Sanchia legte erneut ihre Hand auf Sarahs Schulter. „Bitte, Göttin Sarah, zügle dich!“, mahnte sie liebevoll.
„Kann ich diesen Sananda kennenlernen oder ist es nur …“ Sarah verschluckte das „Hirngespinst“, sank tief in ihren Sessel und begann zu grübeln.
Sanchia erhob sich, zog Maria hoch und schloss sie in ihre Arme. „Du willst einen schweren Weg gehen“, sagte sie leise. „Der Tempel wird dir keinen Schutz mehr geben können. Ich bewundere deinen Mut, für Gaia den Schutz des Tempels aufzugeben und in die Welt zu gehen. Die Göttinnen aller Universen mögen bei dir sein und dich beschützen.“ Sie drückte Maria in den Sessel zurück und setzte sich ebenfalls.
„Ja“, seufzte Maria gedankenvoll. „Den Schutz werde ich wohl benötigen. Sananda meinte auch, dass mein Weg nicht mehr so sicher und leicht sein würde. Aber Gaias Weg ist bestimmt viel schwerer. Wie all ihre Kinder, Menschen wie auch Tiere und Pflanzen, leiden müssen … Sananda zeigte mir Bilder … Wie flossen meine Tränen in tiefem Mitgefühl. Hättet ihr das gesehen, ihr würdet ebenfalls den Weg gehen … Ich weiß noch so vieles nicht … Das Kind … Wie werde ich seine Seele empfangen … Doch das ist alles nicht so wichtig. Schließlich geht es um Gaia und um die Menschheit, die in ihrem Leiden erstickt.“ Einen Moment schwieg Maria in tiefem Mitgefühl. Dann sprang ihr Verstand zur nächsten großen Unbekannten.
„Der Mann, der Priester ist wie ich Priesterin. Wir sollen uns vor unserer Inkarnation in der höheren Dimension für jetzt verabredet haben. Er gibt genau wie ich seinen Erdenplan, immer im Tempel zu bleiben, auf, um diese Mission zu erfüllen. Er ist wie ich, er fühlt wie ich …“
Sarah sprang auf, die Fäuste erhoben. „Wehe ihm, wenn er nur EIN abfälliges Wort zu dir sagt. Ich bringe ihn eigenhändig um! Ja, ich werde mit dir gehen und aufpassen! Das schwöre ich!“
Ihr Ausbruch überraschte Maria und auch Sanchia zog erstaunt die Brauen hoch.
„Ich habe nichts gegen dein Mitkommen. Überdenke das aber noch einmal gut, denn dort draußen bist du nicht geschützt. Du tauscht das sichere Leben im Tempel mit der Unsicherheit im dunklen System dort draußen. Überlege es dir gut.“ Maria hatte sehr eindringlich gesprochen und Sarah kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe.
„Hm, vielleicht …“, meinte sie leise mit Zweifel und Hoffnung zugleich, „erhalte ich auch solch eine Mission …“
Maria hob die Schultern. Was sollte sie dazu sagen? Sie wusste es nicht und versank in Nachdenklichkeit.
Eine ganze Weile herrschte tiefe Stille, die nur aufgehellt wurde vom Gesang der Vögel und dem Gesumm der Bienen und Hummeln, die zu den Frühlingsblüten eilten.
Sanchias sanfte Stimme riss Maria aus ihrer Versenkung.
„Geliebte Göttin Maria, du solltest die Hohe Priesterin aufsuchen und ihr deine Entscheidung mitteilen, damit sie deine abschließenden Einweihungen vorbereiten kann.“
Maria nickte bestätigend und erhob sich. Sie betrachtete liebevoll die weinende Sarah und strich ihr mitfühlend über das Haar. Auf dem Weg zum Haus der Großen Weisen glitt ihr Blick wie Abschied nehmend über die Beete und Büsche ringsum, fühlte ein wehes Ziehen in der Brust. Oh, wie sie das alles vermissen würde! Aber sie hatte sich entschieden. Tief sog sie die Luft ein und straffte sich beim Weitergehen.
„Bleib bloß nicht am Vergangenen hängen“, mahnte sie sich selbst. Als sie aus den Büschen trat, sah sie die Hohe Priesterin auf ihrer Terrasse halb liegend im Sessel sitzen. Scheinbar schlief sie, denn ihre Augen waren geschlossen. Liebevoll betrachtete Maria beim Nähern die Weise Frau. Ihr Fuß stockte, als sie unvermutet angesprochen wurde.
„Groß bist du geworden, Göttin Maria, und erwachsen. Du bist wunderschön in deinem Licht … Ich weiß noch genau, wie du zu uns kamst … Doch nun fühle ich, dass du uns verlassen wirst. Schade. Du warst die Freude meiner Tage und ich freue mich, dass ich deine Einweihung vornehmen darf.“ Sachte hoben sich ihre Lider und ihr Blick traf auf Marias. Ihre Hand streckte sich und wies auf den gegenüberstehenden Sessel. „Setz dich und erzähle mir, was du mir erzählen möchtest.“
Maria ließ sich in den Sessel gleiten und begann zu erzählen. Mit wachem Blick folgte die Hohe Priesterin ihren Worten. Einige Male nickte sie aufmunternd, wenn Marias Rede stockte und sie überwältigt wurde von dem Außergewöhnlichen, das sie, ja, SIE erleben durfte. Erst jetzt wurde es ihr so recht bewusst. Sie endete und bemerkte plötzlich, wie erschöpft sie war. Sie schaute auf ihre Hände in ihrem Schoß. Zitterten sie gar? Verwunderlich wäre das nicht, denn die Sonne stand schon hoch am Himmel.
Kräftige Hände legten sich auf ihre. Maria fühlte neue Energie in sich hineinströmen und richtete sich aus ihrer zusammengesunkenen Haltung auf.
Die Augen der Hohen Priesterin senkten sich in Marias. „Göttin Maria, ich freue mich, dass du diesen Weg gewählt hast. Du hast die Größe dazu und ich möchte dir die Gewissheit vermitteln, dass du mit deinem Sohn immer in diesen Räumen willkommen bist. Durch dich wird eine wunderbare Seele, die die Energie der Göttin in sich trägt, diese Erde beseelen. Und in einer sehr fernen Zukunft wird sich eine freie Erde mit vielen lichtvollen Menschen in die höheren Dimensionen erheben, weil du diese Mission anzutreten bereit warst.
Sollte während der Kindheit deines Sohnes – wenn er zur Lehre bei seinem Vater ist – dein Herz vor Einsamkeit weinen, dann komm zu mir, damit wir in dir die Freude am Leben auf Gaia neu entfachen können.“
Maria konnte vor Rührung kaum sprechen. „Von ganzem Herzen danke ich dir, Große Mutter“, stieß sie überwältigt hervor.
Die Weise Frau lächelte warm. „Noch etwas möchte ich dir für deinen Weg mitgeben, geliebte Tochter. Ich werde dich nicht nur zur Erwachten Priesterin weihen, sondern auch zur Hohen Priesterin, damit du dort draußen niemals deine Fähigkeiten verlierst, egal, was auch geschieht.“
Kerzengerade setzte sich Maria auf. Das war eine Überraschung! Ungläubig blickte sie in die gütigen und wissenden Augen. Hohe Priesterin! Das war hier im Tempel ein langer Weg, denn man musste die vollkommene Kontrolle über alle niederen Gedanken haben und das Bewusstsein, das Licht der Quelle selbst zu sein. Immer! In jeder Situation!
Atemlos hörte sie die nächsten Worte der Großen Mutter.
„Du bist auf dem Weg dorthin schon so weit fortgeschritten, dass ich es vor mir selbst und vor allen Göttinnen in allen Welten verantworten kann, dir diese Einweihung zu schenken, wenn du sie möchtest!“
„Oh, Große Mutter, vollkommene Göttin“, stammelte Maria und sank vor ihr auf die Knie. „Nur du konntest ermessen, wie sehr ich das möchte. Ich wollte den Weg hier im Tempel gehen und es war ein großes Bedauern in mir, als mir vorgestern der andere Weg aufgezeigt wurde. Danke für dein großes Vertrauen, danke. Ich werde alles tun, um es niemals zu beschädigen.“
Die nächsten Tage waren für Maria anstrengend, aber auch voller Freude, Wärme und Licht, denn die Große Mutter unterrichtete sie, das Licht der Quelle in sich selbst zu verankern und trotz aller Widrigkeiten den Kontakt dazu nicht zu verlieren. Sie lernte sogar, das Licht der Quelle in anderen Menschen zu verankern und das Licht zu bündeln und in universelle Liebe zu verwandeln, die in die Welt hinausstrahlte. Auch die letzten Geheimnisse der Heilkunst lernte sie kennen und erfolgreich bei Mensch und Tier und der Natur anwenden.
An jedem Abend sank sie völlig geschafft auf ihr Lager. Aber nach der letzten Einweihung erfasste sie ein ungeheurer Jubel. Alles in ihr war reine Freude. Jede ihrer Zellen schien vor Glück zu bersten.
„Gaia, oh Gaia, geliebte Seele unserer Erde“, jubilierte sie, „ich bringe dir das Licht, das du so dringend benötigst. Ich komme, um dir mit neuen Menschen eine lichtvolle Zukunft zu schenken. Oh Gaia, meine Freude ist überirdisch!“
***
Die Tage verstrichen mit neuen Aufgaben für Maria. Doch ihre Mußezeit genoss sie noch immer gern im Garten mit den Naturwesen. Gerade als sie an einem warmen Maientag mit ihrer Lieblingselfe Viviana erzählte, rief Sarah nach ihr.
„Göttin Maria, du möchtest zur Hohen Priesterin kommen!“
Maria eilte dorthin und hörte verwundert hinter der Tür eine sympathische männliche Stimme. Ein Mann? Hier?
Doch als sie in den Raum trat, erkannte sie Joseph.
Er wandte sich ihr zu und ergriff ihre Hände. „Ich grüße dich, Maria, Göttin des Lebens. Die Große Mutter sandte mir eine Einladung und hier bin ich.“ Sein Blick senkte sich in ihre Augen.
Wärme durchströmte Maria, weitete ihr Herz und ließ es überströmen vor Glück. Eine Vertrautheit war da, als seien sie schon seit Kindertagen miteinander bekannt. „Wir können hier nicht ewig stehen!“, erinnerte sie sich plötzlich und löste ihre Hände aus seinen.
Göttin Vardah, die Hohe Priesterin und Große Mutter, lud sie mit einer kleinen Handbewegung ein, Platz zu nehmen. Ihr Blick wanderte zwischen beiden hin und her. Keiner sprach. Dann schloss sie langsam die Augen.
„Ich schenke euch beiden meinen Segen. Ihr seid wahr und wahrhaftig eine große Seele in zwei Körpern. Eure Liebe wird wachsen und euch stetig fester vereinen, je stärker die Belastungen des Lebens sein werden. Lasst mich bitte die erste Hohe Priesterin sein, die eine Hochzeit in einem Tempel der Göttin des Lichts zelebrieren darf. Ich möchte euch mit dem Segen der Göttin verbinden.“
Beide blickten sprachlos, denn eigentlich war es die Regel, dass der heilige Ehebund eines Priesters mit einer Priesterin im Tempel der Priester geschlossen wurde. Maria konnte vor Freude nicht sprechen.
Joseph fasste sich als Erster. „Große Mutter, dein Geschenk sprengt fast mein Herz vor Freude. Noch nie erlebte ich die Energien in einem Tempel der Göttin. Ich kann es kaum fassen, dass ich das erfahren darf. Ich danke dir. Mein Herz jubelt vor Glück!“
Endlich hatte auch Maria ihre Sprache wiedergefunden.
„Auch ich möchte dir von ganzem Herzen danken, geliebte Schwester.“ Sie tupfte eine Träne von ihrer Wange. Jetzt, ebenfalls Hohe Priesterin, konnte sie Vardah auch „Schwester“ nennen.
Vardah lächelte beiden zu. „Eure Hochzeit wird in sieben Tagen sein, am Ehrentag der Göttin der Morgenröte. Für dich, Joseph, wird ein Haus hergerichtet.“ Sie schaute beide fragend an und weidete sich an beider Staunen.
Maria nickte mit großen Augen.
Joseph ergriff das Wort. „Große Mutter, ich danke dir und bin einverstanden. Ich werde heute noch in meinen Tempel zurückeilen, meine Angelegenheiten ordnen und morgen mit meinen Habseligkeiten hier erscheinen. Ist das recht?“ Er schaute zuerst Vardah, dann Maria an.
Beide waren einverstanden und so verabschiedete sich Joseph eilends.
Eine Weile herrschte Schweigen. Dann brach es aus Maria heraus. „Aber wo sollen wir denn leben? Hier geht es nicht und bei unseren Familien auch nicht …“ Ratlos sah sie Vardah an.
Die lächelte wissend. „Sorge dich nicht, Liebes. Das findet sich alles. Ich weiß es. Es ist immer für alles gesorgt, wenn wir dem Weg unserer Seele folgen. Aber deine Familie kannst du benachrichtigen“, sagte sie spitzbübisch und amüsierte sich über Marias verdutzte Miene. „Du möchtest sie doch bestimmt dabeihaben.“
In den Tagen bis zur Hochzeit lernten sich Maria und Joseph auf langen Spaziergängen besser kennen. Vertieft in interessanten Gesprächen, aber genauso im gemeinsamen Schweigen genossen sie die Gegenwart des anderen.
Maria fühlte die Liebe zu ihm immer stärker werden, doch auch die Gewissheit, dass Joseph zur starken Stütze ihres Lebens werden würde, egal, was auch geschähe.
Kurz war die Zeit, die Maria am Abend vor dem Schlafen noch mit Sarah verbrachte. „Ich werde dich begleiten und dich verteidigen, wenn nötig mit dem eigenen Leben!“, rief sie am Vorabend der Hochzeit mit wehem Herzen.
Maria nahm sie in ihre Arme. „Aber Liebes, du bist doch bei uns immer willkommen. Meine Eltern haben schon alles für unsere Heimkehr vorbereitet. Sie haben ein Haus in unserem Dorf erworben. Das wird auch dich aufnehmen. Sei also nicht mehr traurig. Genieße die Stunden, die dir hier noch bleiben.“ Maria strich ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht und Sarah blickte ihr hingebungsvoll und froh lächelnd in die Augen.
Als die Familien erschienen, sahen sie ein sich tief verstehendes Paar und schlossen es tief bewegt in ihre Arme.
Am nächsten Morgen wuchs neben der Freude auf die Hochzeit auch die Aufregung in Maria. Sicher, als Hohe Priesterin hatte sie ihre Gefühle im Griff, aber sie war auch ein achtzehnjähriges junges Mädchen, das noch nie eine Hochzeit erlebt hatte. Und dies war ihre eigene!
Angetan mit dem feierlichen Gewand der Hohen Priesterin betrat sie den Tempel der Weisheit, bereit mit Joseph die Weihe für den heiligen Bund der Ehe zu empfangen. Vardah erwartete sie mit der ihr eigenen göttlichen Energie, mit der sie die Seelenbande der beiden Eingeweihten miteinander verknüpfte. Maria fühlte sich eins mit Joseph werden. Tiefes, ehrfurchtsvolles Schweigen erfüllte den gesamten Tempel. Von draußen strömte das Jubilieren der Vögel in den Raum. Maria schienen sie noch nie so schön gesungen zu haben.
Nach dem Ritual trat Sananda lächelnd zu den beiden, in den Händen einen kostbaren Kelch mit einer golden schimmernden Flüssigkeit.
„Dies ist verdichtete Energie aus der Quelle selbst. Trinkt es, meine geliebte Schwester, mein geliebter Bruder, auf dass es euren Bund heilige.“
Maria trank zuerst und spürte kaum Stoffliches in ihrem Mund. Es rann auch nicht wie Wasser in sie hinein, sondern wie ein warmer Energiestrom in alle Zellen, die sich mit Licht füllten. Sie fühlte ihre DNA sich ausdehnen und mit einer göttlichen Kraft füllen, wie sie es bisher noch nie erlebte. Sie fühlte sich erstrahlen.
Ein Blick zu Joseph zeigte ihr, dass es ihm genauso ging. Ein Strahlenkranz umgab ihn. Alles war so unwirklich, kaum zu glauben. Besonders wenn sie daran dachte, dass sie vor zwei Wochen noch ganz andere Ziele hatte. Es war ein Singen in ihr, ein Dankgesang an das Universum, an Sananda und an Joseph für diesen so vollkommenen Tag in ihrem bisherigen Leben.
Viele Tränen flossen am nächsten Tag, dem Tag des Abschieds aus dem Tempel. Doch Maria war nicht mehr das kleine Mädchen. Inzwischen beherrschte sie die Telepathie so gut wie essen und trinken und konnte jederzeit mit Vardah, Sanchia oder einer anderen Priesterin Verbindung aufnehmen.
Das Haus, das sie bezogen, hatte die richtige Größe. Doch die Inneneinrichtung konnte warten. Maria und Sarah beeilten sich, die aus dem Klostergarten mitgebrachten Pflanzen in dem wunderschönen Garten ringsum einzusetzen.
Maria begann ihre Tätigkeit als Heilerin und Sarah half ihr, wo sie konnte. Joseph füllte währenddessen viele Schriftrollen mit seinen Erkenntnissen, um sie für kommende Generationen nutzbar zu machen.
Die alltäglichen Aufgaben im Haus wie Kochen und Reinigen erledigten Angestellte, die vor allem von Sarah beaufsichtigt wurden. Einen Mangel gab es nicht, denn Marias und Josephs Familien gehörten der Oberschicht an und sie selbst nahmen ebenfalls für ihre Tätigkeiten Geld oder Tauschwaren ein. Fehlte etwas, mussten sie nur daran denken, schon fand es sich auf irgendeinem Wege ein. So ist es, wenn man sich auf dem Weg seiner Seele befindet.
Kaum fühlten sie sich in ihrem neuen Umfeld heimisch, stand eines Abends Sananda neben Maria, als sie wie stets mit ihren Naturwesen plauderte.
„Ich grüße dich, Maria. Bist du bereit für den nächsten Schritt?“
„Oh, Sananda!“ Maria richtete sich auf und lächelte über sein plötzliches Erscheinen. Joseph erhob sich von seinem Platz auf der Terrasse und trat zu ihnen, um Sananda freudig zu begrüßen.
„Natürlich bin ich bereit für den nächsten Schritt, Sananda“, antwortete Maria endlich.
Sananda wandte sich an Joseph. „Bist du bereit, sie gehen zu lassen?“
„Ja“, antwortete Joseph kurz.
„Dann, Maria, wirst du am morgigen Abend abgeholt. Allerdings nicht von mir. Ich werde die Energie der Lichtinsel, die dir angepasst wird, aufrechterhalten. Aber das Gefährt ist das Gleiche.“ Er lächelte und verabschiedete sich.
Als ihm Marias Blick zu seinem Luftwagen folgte, sah sie wieder mit Erstaunen seinen fast schwebenden Gang. Doch kaum war er fort, überfielen sie Ängste. Wie sollte die Zeugung vor sich gehen? Joseph hatte sie noch nie so … berührt. Beide scheuten diesen Teil der Ehe bisher.
Joseph fühlte ihre Ängste und ergriff ihre Hand. Er zog sie an seine Brust und schaute in ihre Augen. „Maria, mach dir keine Sorgen deswegen. Sananda sagte dir doch, dass es dort andere Möglichkeiten gibt als hier in der Dichte. Vertrau ihm.“ Er küsste ihre Fingerspitzen und sie fühlte ein Kribbeln darin. Seine eindringlichen Worte zerstreuten ihre Ängste.
Kaum saß sie am nächsten Abend im Sessel des Gefährts, kamen ihr erneut Sorgen und störten die Freude über die Luftfahrt. Da nützte es auch nichts, dass der Engel ihre Hand hielt.
„Fürchte dich nicht, Göttin des Lebens“, hörte sie plötzlich Sanandas Stimme in sich. „Dich erwarten Seelen voller Liebe und Wege, die auf der Erde unmöglich und völlig vergessen sind. Genieße die Fahrt.“
Das tat sie nun und ließ alle Bedenken fallen. Die Erde wurde immer kleiner und kleiner und sah aus wie eine blaue Kugel im Reigen der Sterne auf schwarzem Samt. Es sah so wunderschön aus, dass Marias Herz vor Freude überfloss und sie ihr Versprechen, Gaia zu helfen, erneuerte.
Eine weibliche Seele, Sanada, empfing Maria und geleitete sie zu einem Bad, das so gar nichts Erdähnliches besaß.
„Leg deine Kleider ab“, forderte Sanada sie auf. „Die golden schimmernde Flüssigkeit ist verdichtetes Licht aus der Quelle allen Lichts. Nur durch deine Einweihungen im Tempel bist du schon so lichtvoll, dass du dies erhalten kannst. Jetzt wird dein physischer Körper noch stärker angepasst, sodass es dir keine Schwierigkeiten machen wird, wenn du noch lichtvolleren Wesen begegnest“, lächelte sie geheimnisvoll.
Maria tauchte in die Flüssigkeit, die sich nicht wie Wasser der Erde anfühlte, und genoss sie voller Freude. Es war, als ströme Frieden, Vertrauen und Harmonie in sie hinein. Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchpulste sie, füllte jede Zelle in ihr und ein inniger Dankgesang erklang in ihr … für sich selbst und für alle, die ihr dies ermöglichten. Mit jedem Atemzug fühlte sie sich leichter werden, fühlte sie die Anpassung an die hohen Energien dieser Dimension, sah sie die Wände durchscheinender werden.
Als sie dann Sananda, Miranlaya und Metatron gegenüberstand, Wesen mit sehr hohen Energien, die in ihrem Licht erstrahlen, hatte sie keine Schwierigkeiten, sie zu ertragen. Sie war ihnen nun gleich.
Sananda nahm Marias Hand in seine. „Dein Körper ist bereit, Göttin Maria! Bist auch du bereit, den Teil meiner Seele in deinen Körper zu nehmen, der den Männern auf der Erde das Licht in die Herzen zurückbringt?“
„Ja, Sananda, ich bin bereit!“
„Dann lasst uns einen Kreis bilden“, sagte er und ergriff Sanadas Hand. Miranlaya und Metatron schlossen den Kreis und Maria fühlte die Energien der Quelle selbst fließen.
Sananda begann sein Lied der Schöpfung zu singen. Strahlende Wärme durchflutete Maria. Nachdem auch die anderen einstimmten, ließ auch Maria – zuerst nur zaghaft – ihren Gesang erklingen. Die Energie pulste im Kreis. Je lauter und reiner ihr schöpferischer Gesang wurde, desto stärker floss die Energie und erfüllte sie. Raum und Zeit gab es nicht mehr. Sie war eins mit den anderen Seelen im ewigen Tanz der Universen.
Plötzlich fühlte sie ein warmes Licht in ihrem Körper erblühen, fühlte den Eintritt der großen Seele, ihren Sohn! Und seine Stimme ertönte: „Willkommen, Mutter meines Lebens auf Erden. Ich grüße und ehre dich. Ich danke dir, dass du diesen Weg für mich und mit mir gehst.“
Tiefe Freude erfüllte Maria und sie spürte, wie die anderen ganz sanft ihre Energien aus ihr zurückzogen in ihr eigenes Ich. Sie fühlte voller Liebe die Seele ihres Sohnes.
„Willkommen in meinem Leben, Sohn meines Herzens. Ich werde dich hüten und schützen und deine Mission begleiten“, begrüßte sie ihn in ihren Gedanken.
Der Gesang wurde leiser und leiser. Maria spürte die Freude Sanandas und seine Rührung. Liebevoll blickte sie in seine Augen. Als der Gesang endete, konnte Maria sehen, wie sich alle, sie eingeschlossen, wieder verdichteten und Einzelwesen wurden. Die Hände lösten sich zwar, aber die hingebende Liebe blieb greifbar im Raum.
Sananda umarmte Maria liebevoll und dankte ihr noch einmal von ganzem Herzen. Sie spürte das neue Leben in sich und nahm wortlos seine Hand und legte sie auf ihren Bauch. Nun schien es ihr wirklich, als weine Sananda vor Freude.
Joseph erwartete Maria schon und nahm sie freudig in seine Arme. „Wie wunderschön du bist“, war das Erste, was er voller Bewunderung herausbekam. „Ich kann mich gar nicht sattsehen an dir. Du leuchtest geradezu! Erzählst du mir alles?“, fragte er fast schüchtern.
Sie tat es. Sogar von Sanandas Rührung sprach sie.
„Darf ich auch?“, kam es bittend. Sie nickte lächelnd. Ganz vorsichtig legte er seine Hand auf ihren Bauch. Tränen lösten sich aus seinen Augen, als er mit der neuen Seele Kontakt aufnahm.
In diesem Moment wusste Maria, dass Jeshua den besten Vater auf Erden gefunden hatte, und sie dankte Joseph für sein Dasein.
Natürlich wollte auch Sarah alles ganz genau wissen und sie betrachtete Maria schon fast anbetend. So vergingen die Tage und Marias Zustand wurde öffentlich.
Während dieser Zeit verbrachte Maria immer wieder einige Tage auf der Lichtinsel, um die Energie der großen Seele, die in ihr wuchs, anzupassen. Während dieser Zeit übernahm Sarah selbstverständlich die Betreuung des Hauswesens und Joseph eilte zu Marias und seinem Tempel, später auch zu anderen, um sie auf die Aufgaben, die auf die Priesterinnen und Priester zukämen, vorzubereiten.
Beim letzten Besuch auf der Lichtinsel erfuhr Maria auch den Termin der Geburt. Deshalb fuhren sie am achten März zu ihrem Tempel, denn Vardah hatte schon voller Liebe alles vorbereitet. Jeshua sollte doch einen würdigen Empfang in den Armen der Göttin erhalten. Die Göttinnenenergie des Tempels und aller Priesterinnen sollte ihn bei seinem Eintritt in die physische Welt unterstützen.
Am Morgen des neunten März verspürte Maria ein leichtes Ziehen im Unterkörper und begab sich in die dafür vorgesehenen Räume. Die zuständige Priesterin erwartete sie schon.
„Erlaubst du, Göttin Maria, dass ich nachsehe, wie weit die Geburt schon ist?“, fragte sie respektvoll.
„Selbstverständlich, Göttin Rebecca. Walte deines Amtes.“ Ein wenig amüsierte sich Maria über ihre Worte. Doch die Freude auf ihren Sohn ließ sie nicht lange dabei verweilen.
„Du bist ja noch Jungfrau!“, rief Rebecca voller Erstaunen plötzlich laut, sodass Maria richtig erschrak.
„Na und?“, erklang die Stimme der Hohen Priesterin Vardah tadelnd. „Göttin Maria ist eine Ausnahme! Wusstest du das nicht?“
Rebecca biss sich auf die Lippen und tat schweigend ihre Pflicht. Später würde sie im Flüsterton unter dem Siegel der Verschwiegenheit diese Sache ihrer besten Freundin erzählen.
Vardah blieb bei Maria, um sie mit ihrer hohen Energie zu unterstützen. So glitt Jeshua sanft und leicht in dieses Erdenleben, ohne dass seine Mutter Schmerzen erleiden musste. Ein kleiner Schrei ertönte und seine Lungen füllten sich. Nur Augenblicke später hielt ihn Maria in ihren Armen und blickte direkt in seine großen blauen Augen. Augen, aus denen die Weisheit des Universums leuchtete. Himmlische Freude und ein tiefes Glücksgefühl durchströmten Maria.
„Gib ihn mir“, bat Vardah leise, nachdem ihn Rebecca abgenabelt hatte. „Ich will ihn noch besuchsfein herrichten.“
Danach legte sie ihn wieder in Marias Arme und ließ Sananda und Joseph in den Raum, damit sie ihren Sohn willkommen heißen konnten. Josephs Augen schimmerten feucht, als er ihn begrüßte. Sananda legte seine durchscheinenden Hände auf Jeshuas Körper und ließ seine göttliche Energie und Weisheit in ihn hineinströmen.
Nach und nach kamen auch die Priesterinnen, um Jeshua zu begrüßen und Maria Glück zu wünschen. Maria fühlte sogar die Energie Gaias im Raum und auch ihre große Freude über dieses Licht auf ihrem Planetenkörper.
Maria strahlte zart in überirdischem Licht und sang im Innern ihr DANKE in alle Universen. Sie wusste, dass sie Jeshua irgendwann hergeben musste – sie war ja auch mit sechs Jahren in den Tempel gegangen –, aber in den nächsten Jahren würde sie ihn bei sich haben, wäre er IHR Kind.
Am nächsten Tag zogen sie zurück in ihr Dorf, in ihr Zuhause. Hier kamen dann all die anderen, Eltern, Verwandte und Bekannte, die ebenfalls Jeshua sehen und segnen wollten.
