Aus dem Leben - Uwe Spannhake - E-Book

Aus dem Leben E-Book

Uwe Spannhake

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Beschreibung

Das Buch enthält sieben Erzählungen, darin fiktive, sehr persönlich gehaltene Einzelschicksale, häufig Liebesbeziehungen, die auf überraschende Weise mit kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen oder geschichtlichen Rückblenden verknüpft werden. Edvard Munch in Warnemünde, ein Haus am Trondheimfjord, die Lebensreformbewegung am Monte Verita nach der vorletzten Jahrhundertwende und ein kleiner See in Verden-Eissel, eine Töpferfamilie zu DDR-Zeiten im Künstlerdorf Ahrenshoop, die norddeutsche Tiefebene oder das Hermann-Lietz-Internat auf Spiekeroog bilden beispielsweise den Hintergrund, vor dem sich persönliche Geschichten entfalten. Liebe und Beziehungen werden aus verschiedenen Blickwinkeln eindringlich dargestellt, dabei wird die Vielfalt des Lebens abgebildet, gefeiert oder auch betrauert.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Der Autor lebt in Verden (Aller), einer Kleinstadt in Norddeutschland in der Nähe von Bremen.

Für Claudia – Du weißt warum

und natürlich für meine erwachsenen Kinder.

„Die Sehnsucht selbst ist ein Unterpfand dafür, daß das, was wir ersehnen, existiert!“

Karen Blixen an Thorkild Børnvig

(entnommen aus Ketil Bjørnstad: „Oda“, Insel Verlag 2008)

Inhalt

Tag des Denkmals

Die Woche in Norwegen

Begegnung mit Munch

Die Psychologin

Im Tod vereint

Der alte Mann am See

Die Mutter

„Aber wie du ja weißt, wiederholen lässt sich da nichts, wir müssen den Augenblick festhalten und die Freude daran damals.“ (aus einer Email)

„Wir werfen die Schatten unserer Gefühle

auf die anderen und sie die ihren auf uns.

Manchmal drohen wir daran zu ersticken.

Doch ohne sie gäbe es kein Licht in unserem Leben.“

Altarmenische Grabinschrift

(entnommen: Pascal Mercier: „Lea“, Hanser Verlag 2007)

Tag des Denkmals

12. August 2012, Blender-Varste

Hermann war gespannt. Auf Druck von Freunden beteiligte er sich in diesem Jahr am ´Tag des Denkmals`, öffnete erstmals und – wie er selbst glaubte – auch einmalig Tür und Tor für Besucher, die an Geschichte, Hofgeschichte und niedersächsischer Baukultur Interesse hatten. Doch wo er die Mühe, Haus und Hof herzurichten, auf sich genommen hatte, wünschte er sich natürlich auch viele Besucher.

Er liebte seinen Hof, das alte Bauernhaus mit der großen Diele, den restaurierten zweigeschossigen Speicher aus dem Jahr 1711 mit dem mächtigen Eichenfachwerk, das kleine „Flüchtlingshaus“, den angrenzenden Bauerngarten mit den vielen Stauden, den Buchsbaumhecken und der großen Eibe vor dem Stubenfenster.

Wenn nur seine Hüfte den Tag über mitmachen würde. Aufstehen und langes Stehen verursachten zunehmend Schmerzen, aber auf eine Operation und ein künstliches Gelenk wollte er es noch nicht ankommen lassen. Ansonsten fühlte er sich dem Ansturm der Besucher gewachsen.

Schon gegen 11 Uhr bildeten sich vor dem Speicher und am Hofeingang kleine Gruppen, in der schattenspendenden Diele saßen die ersten Gäste bereits bei Kaffee und Kuchen, Stimmengewirr erfüllte den Innenhof. Offensichtlich war es eine gute Idee, die örtliche Theatergruppe mit ins Boot zu nehmen. Die Theatergruppe bestand in dieser Form seit 1994, hervorgegangen aus einem gemischten Chor, der sich dann auch auf alte Theatertraditionen besonnen hatte. Seit der Renovierung der Diele vor 10 Jahren führten die Laienschauspieler hier ihre Stücke auf, fast immer bei allen acht Aufführungsterminen bis auf den letzten Platz belegt. Die Stellwände fanden Interesse und der Kuchenverkauf war dadurch organisiert. Insofern würden wahrscheinlich auch etliche Theaterfreunde kommen.

An der Wand der Scheune hatte er am Vorabend Fotos aufgehängt, die Auswahl war ihm dabei schwer gefallen. Er hatte lange über den Fotoalben gesessen, später seine Frau um Rat gebeten. Letztlich hatte er sich entschieden: er als junger Hofbesitzer, bei der Ernte, mit den beiden Jungen, seiner Frau und einem Schäferhund am Eingang des Hofes – sie hatten trotz all der harten Arbeit seiner Meinung nach ein glückliches Familienleben – ein weiteres Bild mit ihm auf einer Pferdekutsche im Schneewinter, war es 1961 oder 1962 - vor dem langen Weg nach Verden. Auch Kopien seiner Zeugnisse über die Ausbildung an der Landwirtschaftsschule in Verden und Dokumente aus der NS-Zeit zur Bereitstellung von Behelfswohnraum für ausgebombte Großstadtfrauen mit Kindern hatte er ausgewählt.

Bis zum Mittag hatte er schon fünf Gruppen über den Hof geführt und schon kam eine neue Besuchergruppe am Speicher zusammen. „Sie sehen hier Eichenholzbalken, ohne jede Chemiebehandlung. Wenn man sie richtig verwendet und einsetzt, kann die Feuchtigkeit jederzeit wieder entweichen, dann halten die mindestens hundert Jahre. Heutzutage oder nein, wohl eher bis in die 90er Jahre meinte doch jeder, man müsse die Chemiekeule verwenden, um die Haltbarkeit zu gewährleisten. Da waren die Alten klüger“, schmunzelte er. Voller Begeisterung erzählte er von Funden in den umgebenden Feldern, prähistorische Scherben, Teile von Tongefäßen, Werkzeuge der Altvorderen. Und von der langen wechselhaften Geschichte des Hofes, bereits 1260 urkundlich erwähnt; zwei Großbrände um 1660 und 1890 stellten schwere Schicksalsschläge dar.

Plötzlich konnte Hermann sich kaum auf seine weiteren Worte konzentrieren. Die Frau, die sich eben dazu gestellt hatte, weckte Erinnerungen, sehr alte Erinnerungen, die Haare, das Lächeln, die Mundpartie – Lena. Seine Gedanken waren nach so vielen Jahren auf einmal wieder bei Lena, der Frau, mit der er sich eine gemeinsame Zukunft hatte vorstellen können, nein mehr, damals in Schweden so sehr gewünscht hatte.

4. August 1955, Blender-Varste

An diesem Morgen benötigte Hermann nicht das Klingeln des Weckers, er bemerkte auch kaum die ersten Sonnenstrahlen, die sein Bett erreichten. Er war aufgeregt, die Gedanken beim Einschlafen waren sofort wieder da. Das vom Onkel überlassene alte BMW-Motorrad stand bereit. Er würde den Hof der Eltern verlassen, er würde den Beginn seines neuen Lebens in Schweden wahr machen. Er würde seine Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Die Eltern und die jüngeren Geschwister schliefen noch. Schwungvoll stand er auf und schlich dann leise zur Küche hinunter, ein Becher Kaffee, zwei Scheiben Brot, das genügte zunächst. Er belegte weitere Brote für die Fahrt und suchte nach einer passenden Dose.

Seinen Vater erkannte er am schlurfenden Schritt. Er betrat die Küche, die Standuhr schlug genau in diesem Moment an, 6 Uhr früh. Sein Vater grüßte wie jeden Morgen, doch seine Stimme war belegt. Wenngleich er kaum gehofft haben konnte, dass sein Sohn noch zur Einsicht, zur Aufgabe der Pläne kommen würde, so fiel ihm dennoch der Anblick schwer. Wann würden sie sich wiedersehen? Auch der spätere Abschied von Michael und Dörte, seinen Geschwistern, sowie seiner Mutter fiel schwer.

20. Mai 1956, Borlänge

Hermann lag in dem Bauwagen, der den Waldarbeitern zur Verfügung stand. Mittlerweile hatte er Routine und auch Muskeln genug, um mit den Kumpels aus Russland, Norwegen und Schweden mithalten zu können, wenn im Akkord die Stämme fielen. Doch er hatte keine Lust gehabt, nach der Arbeit noch mit den anderen in den Ort zu gehen und die üblichen Kneipengespräche zu führen. Letztlich war auch sein Schwedisch dazu noch nicht gut genug.

Er dachte über die Stationen der vergangenen Monate nach, wann ihm Glück, Zufall oder Unbekümmertheit weitergeholfen hatten. Irgendwie hatte er immer einen Weg gefunden. Offensichtlich blieb ihm das Glück treu. Durch die Vermittlung von einem der Kumpel, mit denen er hier zusammenarbeitete, lag seine nächste Station in Stockholm. Er hatte für die Dauer der olympischen Reiterspiele eine Tätigkeit in den Ställen der russischen Mannschaft bekommen. Ausmisten, Stallgasse fegen, Putzen der Pferde, Lederpflege - das traute er sich ohne weiteres zu. Zudem kannte er vom heimischen Hof den Umgang mit Pferden von klein auf.

10. Juni 1956, Stockholm

Hermann ließ seinen Blick im alten Stockholmer Backsteinstadion umherschweifen, er konnte sein Glück kaum fassen. 23.000 Zuschauer füllten das Rund und er durfte bei der feierlichen Eröffnungszeremonie der olympischen Reiterspiele zusehen, wenn auch nur mit eingeschränktem Blick am Rand des Übergangs von den Pferdeställen zum Stadion. An dieser Stelle waren die Galakutschen des Hofes mit dem schwedischen und dem englischen Königspaar in die Arena gerollt und nun kamen die Reiter in der Reihenfolge des Alphabets, voran die Amerikaner.

Als die deutschen Reiter an ihm vorbeizogen, war die Sicht etwas versperrt. Er meinte aber Fritz Thiedemann und Hans Günther Winkler erkannt zu haben. Wie zuvor im Januar bei den Winterspielen in Cortina d´Ampezzo, dort stürzte der olympische Fackelträger, passierte auch hier ein Missgeschick. Der Amerikaner Steinkraus wurde nahe der königlichen Loge von seinem Pferd abgeworfen. Aber er konnte unverletzt wieder aufsteigen. Hermanns Augen leuchteten, als am Marathontor Hans Wikne, der letzte Stafettenreiter, die lodernde Fackel hob und das olympische Feuer entzündete. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass der emotionalste Moment der Olympiade für ihn damit noch nicht erreicht war. Jetzt musste er aber zu den russischen Stallungen zurück. Sein Einsatz wurde erwartet. Er musste rasch ausmisten und das Futter aus Weizen und Karotten mit Vitaminpräparaten bereitstellen. Er hatte gehört, dass sowjetische Tierärzte lange geforscht hatten, um dieses Spezialfutter in der richtigen Mischung herzustellen. Er wollte auf keinen Fall unzuverlässig wirken, und Disziplin hatte er schließlich gelernt, sowohl bei der Waldarbeit in den Monaten zuvor als auch bei der Arbeit auf dem abgelegenen Hof in Mittelschweden.

12. August 2012, Blender-Varste

Ausgerechnet die Frau, die ihn so sehr an Lena erinnerte, stellte immerzu Fragen und blieb mit ihrem Begleiter als letzte der Gruppe übrig, alle anderen hatten schon die Diele aufgesucht. Hermann hatte sich zwar längst wieder unter Kontrolle, musste sie aber ständig ansehen. Zum Glück war die Stimme nicht auch noch ähnlich. Als der Mann an ihrer Seite eine Frage zum Hofleben in der Nachkriegszeit stellte, entschloss sich Hermann, den beiden außer der Reihe das Innere des Hauses zu zeigen.

Sie hatten es sich doch so schön hergerichtet, da war er seiner Frau sehr dankbar. Sie hatte ein Händchen dafür. Sie hatte darauf bestanden, die handgefertigten Mosaikkacheln im Eingangsbereich zu restaurieren und den graublauen Farbton darin mit eigens gemischter Ölfarbe bei der Renovierung der Türen wieder aufzunehmen. Das war mutig und stieß damals im Freundeskreis durchaus auf Kritik. Auch der neue Kachelofen war von ihr eingefordert worden, nachdem Hermann Anfang der 60-er Jahre die schönen alten Öfen herausgehauen hatte. Wie sehr hatte er sich später darüber geärgert. Er erinnerte sich daran, dass er aber auch heute noch im Besitz einiger Schätze war. Besonders auf die Bleistiftzeichnung des jungen Goethe war er ungemein stolz, er hatte sie tatsächlich bei einer Haushaltsauflösung im Schloss in Winsen/Aller gefunden.

Die Frau, er schätzte sie auf Mitte 40, hielt diese Zeichnung beinahe andächtig in der Hand, er hatte den Rahmen von der Wand genommen und ihr zum Betrachten gereicht. Das gab Hermann Gelegenheit, noch einmal ihre Gesichtszüge zu studieren. Ja, Lena.

12. Juni 1956, Stockholm

Hermann steuerte auf das Kassenhäuschen zu und sprach in seinem allmählich flüssiger werdenden Schwedisch die junge Frau an. Er hatte seine Papiere, die ihn als Stallburschen auswiesen, vergessen und versuchte das nun zu erklären. So unkompliziert hatte er sich das nicht vorgestellt, die junge Frau lächelte ihn herzerfrischend an und winkte ihn schnell durch. Hermann dachte kurz, dass das auch gerne etwas länger hätte dauern können. Er war von ihrem Lächeln fasziniert. Als er sich noch einmal kurz umblickte, begegnete ihm ihr Blick. Auch sie hatte hinter ihm hergeschaut. In diesem Moment dachte er zufrieden daran, dass er sich am Morgen beim Blick in den Spiegel gefreut hatte, wie kräftig sein Körper durch die harte Arbeit geworden war.

Am frühen Abend mistete Hermann wie an den Tagen zuvor die Boxen und Stellplätze aus. Er fächerte gerne das Stroh breit aus, es erinnerte ihn an die Heimat. Außer den wenigen Briefen an seine Eltern und den bald darauf einkehrenden Antworten, fast immer schrieb die Mutter, hatte er nun schon seit mehr als zehn Monaten keinen Kontakt mehr nach Deutschland. Auch die Nachrichtenlage war spärlich. Aber Heimweh wollte Hermann sich nicht gestatten. In diesen Gedanken gefangen blickte er auf. Das war doch die Frau aus dem Kassenhäuschen von heute Morgen, was machte die denn hier? Sie sprach ihn an und fragte nach einem bestimmten russischen Offizier. Er wies ihr den Weg und hörte, dass sie mit dem Offizier über die Unterbringung der Pferde sprach, ob alles in Ordnung wäre. Nach etwa einer Viertelstunde – er selbst hatte sich mittlerweile gewaschen und umgezogen – kam sie wieder über die Stallgasse zurück, Hermann fand aber einfach keinen Grund, sie erneut anzusprechen. Sie lächelte ihm zu und ging dann zügig weiter.

Hermann holte seine Jacke, löschte das Licht bis auf ein kleines Notlicht und wollte nun Feierabend machen. An der letzten Box hörte er ein Stöhnen, beim Blick hinein erkannte er eine menschliche Gestalt. Da lag jemand im Stroh, vollkommen betrunken. Igor? So ein Mist, schoss es Hermann durch den Kopf. Gerade sein Stallburschenkollege Igor durfte so nicht erwischt werden, der würde sofort rausfliegen, und das wäre für seine Familie eine Katastrophe. Wie aber sollte er ihn ins Bett bekommen, so, dass keiner etwas mitbekam? Hermann sah sich um. Kein Mensch weit und breit. Er lief vor die Stalltür. Da ging ja die junge Frau noch, anscheinend hatte sie mit Oleg geplaudert, der gerade ins Mannschaftszelt entschwand. Hermann nahm sich ein Herz und setzte hinter ihr her, bat ausgerechnet sie um Hilfe. Später dachte er noch häufig an diese spontane Reaktion, er hatte sich mit diesem Vertrauensvorschuss in ihre Hände begeben und wusste doch noch gar nichts über sie. In der Box kniete sie sich sofort über Igor nieder, schüttelte seinen Kopf, streifte mit der bloßen Hand immer wieder über sein Gesicht. Er öffnete die Augen, lallte unverständlich, aber Hermann und ihr gelang es gemeinsam, ihn auf die Beine zu stellen. Mit vereinten Kräften schleiften sie ihn zu einer Behelfspritsche am Ende des Stalls, dort konnten Stallknechte übernachten, wenn ein Pferd krank war. Sie legten eine Decke über ihn. Igor entschwand sofort wieder ins Land der Träume. Sie lächelten sich an und verließen rasch den Ort. Eine ganze Strecke hatten sie den Weg ohnehin gemeinsam, sie unterhielten sich angeregt. Zweimal berührten sich ihre Hände wie zufällig. Hermann begleitete Lena bis zu ihrer Haustür. Es blieb bei einem Lächeln zum Abschied.

Doch von da an sahen sie sich für die Dauer der olympischen Reiterspiele jeden Tag. Am dritten Tag hatte sie ihn erstmals geküsst, vorsichtig, beinahe behutsam, zärtlich beginnend, dann aber überraschend heftiger. Lena.

17. Juni 1956, Stockholm

Hermann stand beinahe an der gleichen Stelle wie bei der Eröffnungszeremonie eine Woche zuvor. Hans Günther Winkler lief mit seiner Stute Halla zum zweiten Umlauf ein. Ihn hatte die Spannung genauso erfasst wie jeden der 23000 Besucher im Stadion. Nur hatte er – anders als viele der Zuschauer – mitbekommen, wie sehr die Verletzung aus dem ersten Umlauf Winkler behinderte. Schwedische Offiziere hatten ihn nach dem ersten Umlauf draußen an der Waage aus dem Sattel heben müssen. Kurz darauf hörte Hermann auch bei seinen Russen, dass es sich wohl um einen Leistenbruch oder Bauchdeckenriss handelte und der zweite Umlauf beinahe unmöglich erschien. Es hieß, die deutschen Ärzte hätten eine Injektion mit Morphium empfohlen, aber Winkler hätte das abgelehnt und nur nach schmerzstillenden Zäpfchen verlangt. Hermann sah das schmerzverzerrte Gesicht Winklers, als der unten in der Gasse an ihm vorbei in das olympische Rund einritt. Und er erkannte die eigenartige Sitzposition, Winkler hatte seine Beine anscheinend mit einem Hosengürtel unter dem Bauch des Pferdes zusammengebunden. Der 775m lange Parcours ging über 14 Hindernisse. Die Hindernisse fünf und zwölf bestanden aus einer zweibzw. dreifachen Kombination, so dass praktisch 17 Hindernisse vor Hans Günther Winkler lagen. Und allein der Wassergraben verlangte vom Pferd einen Sprung von fünf Metern. Im ersten Umlauf war es nicht einem einzigen Reiter gelungen, fehlerlos über den Parcours zu kommen. Es hatte geregnet und das Geläuf war keinesfalls ideal. Im Stadion wehte ein kalter Wind, doch nun riss der Himmel auf und die Sonne brach durch.

Hermann hielt den Atem an. Er sah gebannt, wie Halla den Reiter über die Hindernisse trug. Wenn sie sich zum Sprung streckte, presste sie die Vorderfüße blitzschnell an den Leib, die Hinterbeine flogen hoch, um ja nur keine Stange zu berühren. Halla in Höchstform, Halla schien zu fühlen, dass es ihrem Reiter schlecht ging. Und sie spürte wohl auch, wie Winkler bei beinahe jedem Sprung in ihren Rücken krachte. Er war größtenteils nur in der Lage, ihr am langen Zügel den Weg zu zeigen, von Schmerzensschreien bei jedem Sprung begleitet. Nach nur vier Fehlern im ersten Umlauf kam Halla nun fehlerlos über den gesamten Parcours – das bedeutete olympisches Gold, für ihn als Einzelreiter sowie für die deutsche Mannschaft, zu der noch Fritz Thiedemann auf Meteor und Alfons Lütke-Westhues auf Ala gehörten. Bis weit über den breiten, prachtvollen Valhallavägen hinaus dröhnte der Begeisterungssturm der Zuschauer nach diesem Ritt. Und Hermann wusste: er war gerade Augenzeuge einer Sensation geworden, die Geschichte schreiben würde. Wann würde er Lena davon erzählen können?

Die Gelegenheit dazu bekam er schon am nächsten Abend. Avery Brundage als IOC-Präsident hatte am Vorabend die olympischen Reiterspiele für beendet erklärt. Es gab viel ab- und rückzubauen auf dem Stadiongelände, und Hermann hatte dadurch noch bis Ende des Monats Arbeit, so sah es jedenfalls aus. Lena war etwas besser dran, sie konnte noch für zwei weitere Monate bei den Abrechnungen und organisatorischen Abwicklungen der olympischen Spiele helfen.

Sie hatten sich in einem kleinen Lokal verabredet. Hermann sah Lena eintreten und bemerkte allein durch den Anblick bei sich eine Reaktion, die beinahe seinen ganzen Körper ergriff. Ob das Liebe war, fragte er sich. Nach der Bestellung erzählte er Lena mit leuchtenden Augen von dem so beeindruckenden Ritt Hans Günther Winklers. Er musste sich zügeln, nicht von zu vielen Einzelheiten zu berichten, sich nicht in zu vielen Details zu verlieren. Andererseits glaubte er schon, dass Lena ihm wirklich gerne zuhörte.

An diesem Abend hatte er sich noch für eine Stunde mit auf ihr Zimmer schleichen dürfen. Sie saßen sich gegenüber und wussten nicht, ob und wie sie die weitere Zukunft ansprechen sollten. Beiden war klar, dass sie sich nicht einfach am Ende des Monats „Auf Wiedersehen“ sagen wollten. Dieses Mal war es Hermann, der die Initiative ergriff und das Thema zögernd ansprach. Lena lachte erleichtert auf, bisher war die Initiative doch eher von ihr ausgegangen. Doch es wurde schwierig. Lena erzählte erstmals von ihren Eltern, die auf einem kleinen Hof an der Ostküste unterhalb Stockholms lebten. Sie erzählte, die Eltern seien voller Hass auf die Deutschen. Die NS -Zeit wäre noch sehr präsent in Schweden. In den Jahren seit 1945 sei auch das Bild noch viel klarer geworden, wer in welcher Form mit den Deutschen kooperiert hatte. Das hatte dann noch zu weiterem Hass geführt.

Es war allgemein bekannt, dass sich in der Kriegszeit besonders in Südschweden, in Schonen, die NS-Ideologie ausgebreitet hatte. Lena erzählte, dass es sich dabei hauptsächlich um Bauern, Soldaten, aber auch Leute aus der Oberschicht und um Akademiker handelte. So sei die Universität in Lund bekannt dafür gewesen, dass dort viele deutschfreundliche und antisemitische Akademiker gesessen hätten. Hermann fragte häufig nach, obwohl er sich bis dahin eher als unpolitischen Menschen gesehen hatte. Er war fasziniert, wie Lena darüber berichten konnte. Sie verdeutlichte ihm die Rolle des neutralen Schwedens im zweiten Weltkrieg zwischen Widerstand und Kollaboration. Einerseits war Schweden an der Rettung vieler Juden beteiligt, bot auch beispielsweise deutschen Politikern Exil, andererseits versorgte man genau dieses Land mit wichtigen Rohstoffen.

Dann aber wurde Lena sehr traurig. Ihr Onkel sei einer der skandinavischen Häftlinge im KZ Neuengamme in Norddeutschland gewesen. Er habe sein Leben vermutlich nur der ´Aktion Bernadotte` zu verdanken. Graf Folke Bernadotte, Vize-Präsident des schwedischen Roten Kreuzes in den letzten Kriegsjahren, hatte gemeinsam mit dänischen, norwegischen und schwedischen Diplomaten die Aktion ´Weiße Busse` – später auch ´Aktion Bernadotte` genannt – gestartet. Lenas Onkel wurde am 9. April als einer der ersten mit den Weißen Bussen in Neuengamme evakuiert und nach Schweden zurückgebracht. Lenas Vater hatte oft davon gesprochen, wie erleichtert sie sich in den Arm genommen hatten, als er nach über einem Jahr zwar ausgemergelt, aber ansonsten körperlich einigermaßen unversehrt zurückkam. Lena erzählte weiter, dass bei Familientreffen die schrecklichen Erlebnisse im Lager immer wieder Thema waren. Er hatte so viele sterben sehen.

Sie fürchtete sehr, sich nun ausgerechnet zu einem deutschen Freund bekennen zu müssen. Sie fürchtete die heftige Reaktion der Eltern.

Juli und August 1956, Schweden

Hermann hatte erneut Glück. Lena gelang es durch ihre Beziehungen, ihm im schwedischen Turnierstall Arbeiten zu ermöglichen, nicht weit entfernt vom bisherigen Arbeitsplatz im Stadion. Damit hatten sie die Perspektive auf zwei weitere gemeinsame Monate. Diese beiden Sommermonate waren wie für sie geschaffen. Die Sonne strahlte, die langen beinahe taghellen Nächte sorgten für ein Übriges. Sie waren nun ein Paar. Und dies in unzweifelhafter Weise, nachdem sich Lena in einer dieser hellen Nächte am Abend zu Hermann in den Stall geschlichen und sie sich erst am frühen Morgen voneinander getrennt hatten. Hermann war glücklich.

30. August 1956, Stockholm

Hermann erledigte Routinearbeiten im Stall, seine Gedanken schweiften weit ab. Schließlich stand die Reise zu Lenas Eltern unmittelbar bevor. Lena und er hatten sich verständigt, dass sie nur eine gemeinsame Zukunft haben konnten, wenn sie diesen Schritt wagen würden. Lena konnte mit der Verheimlichung nicht weiter leben. Beide sahen dieser Begegnung sorgenvoll entgegen.

„Ein Telegramm für Hermann Backhaus“, hörte er plötzlich einen Boten rufen. Der hatte sich über das Organisationsbüro durchgefragt und so Hermann tagsüber finden können. Hermann erstarrte. Waren Telegramme nicht immer den schlechten Nachrichten vorbehalten? Das Zittern begann erst, nachdem er die ersten Zeilen gelesen hatte. Sein Vater war plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben, die Mutter bat ihn um sofortige Rückkehr. Hermann war klar, dass er damit auch ab sofort den Hof zu übernehmen hatte. Er schmiss die Forke in die Ecke, wechselte rasch die Schuhe, wusch sich nur eben die Hände und eilte zu Lena ins Büro. Als sie ihn fest umarmte, sackten beinahe seine Beine weg.

Es blieb Hermann nichts anderes übrig, als überhastet mit seinem alten Motorrad in die Heimat aufzubrechen. Wenn er so lange wie möglich am Tag fuhr, würde es auch nur einen Tag länger als mit der Bahn dauern. Und er konnte das Motorrad ja auch nirgends in Schweden abstellen. Später hatte er sich an Stationen oder Orte bei der Rückfahrt kaum erinnern können. Er musste seiner Mutter beistehen. Was würde auf ihn zukommen? Seine Zukunftspläne, alle hinfällig? Was würde aus Lena und ihm werden?

Als seine Mutter am Abend des 1. September das Knattern des Auspuffs hörte, war sie sofort zur Tür gestürzt. Sie lagen sich lange schweigend in den Armen, beide konnten ihre Tränen nicht zurückhalten. Über ein Jahr war vergangen. Niemand hatte bei seinem Aufbruch geahnt, dass der Abschied vom Vater endgültig sein würde. Beim gemeinsamen Abendbrot waren dann auch Michael und Dörte dabei, das Wiedersehen jedoch durch den Tod in der Familie überschattet. Es brauchte von niemandem ausgesprochen zu werden. Hermann als Ältester unter den Geschwistern hatte den Hof zu übernehmen. Er würde nicht mehr nach Schweden zurückkehren können.

Die Beerdigung erfolgte am nächsten Tag, Hermann hatte es also gerade noch rechtzeitig geschafft. Von Lena konnte er natürlich in diesen Tagen nichts erzählen. Es war eine Trauerfeier, die allen nahe ging. Hermanns Vater war nur 51 Jahre alt geworden, er war im Dorf anerkannt und geschätzt. Die Backhaus - Familie lebte schon seit Generationen auf diesem Hof, und entsprechend groß war die Anzahl der Trauergäste.

Für Anfang September war es ungewöhnlich kalt. Die hell verputzte Kirche auf dem kleinen Hügel in der Ortsmitte trotzte dem spätsommerlichen kühlen Wind. Die großen Bäume standen noch in vollem Grün, die Baumkronen erzeugten ein sanftes Rauschen. Hermann, Michael, Dörte und die Mutter gingen zügig an den vielen Trauergästen vorbei und nahmen in der ersten Reihe Platz, den Blick fest auf den Eichensarg gerichtet, der von Kränzen und Blumenschmuck in großer Fülle umgeben war. Als die Orgel einsetzte, schossen Hermann unmittelbar Tränen in die Augen, seine Gefühle übermannten ihn. Die ersten Worte des Pastors verschwanden wie in einem Nebel. Erst im Gebet, zu dem er mechanisch die Hände bereits gefaltet hatte, drangen Worte wieder zu ihm durch: „ Unbegreiflicher Gott, lass mich bitte nicht allein! Schenke mir Menschen, mit denen ich sprechen kann von dem Verstorbenen – die mit mir schweigen, wenn der Schmerz mich sprachlos macht – die mir in meiner Trauer wieder Hoffnung geben, die mich begleiten auf meinem Weg vom Tod zum Leben. Amen.“

Die Lieder hatten sie sehr bewusst gemeinsam mit dem Pastor ausgewählt. Sie begannen mit dem Lied Nr. 528. „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben! Wie ein Nebel bald entstehet und auch bald wieder vergehet…“;

Hermann sah seinen Vater vor sich, in der Küche am Tag seiner Abreise nach Schweden, bei Arbeiten auf dem Feld,

„…Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Freude! Wie sich wechseln Stund und Zeiten, Licht und Dunkel…“;

sein Vater auf dem Traktor oder bei Kaffee und Kuchen an Sonntagnachmittagen;

„…Wie ein Blümlein bald vergehet, wenn ein rauhes Lüftlein wehet, so ist unsre Schöne, sehet…“; plötzlich Lena in ihrem kleinen Mansardenzimmer, Lena lachend in der Altstadt Gamla Stan von Stockholm, Lena eng neben ihm im Stroh…;

„…Alles, alles, was wir sehen, das muss fallen und vergehen. Wer Gott fürcht´, wird ewig stehen.“

Der Pastor beschrieb nun des Vaters Leben präzise und eindrucksvoll und immer wieder hörte man aus den Bankreihen verständige Schluchzer. „…gerne hättest Du, Heinrich Backhaus, weiter das Hofleben gestaltet und geprägt. Gerne hättest Du, gemeinsam mit deiner Frau Else, Enkelkindern in die Augen geblickt und deinen Sohn Hermann auf die Übernahme des Hofes vorbereitet.“ Hermann hatte sich einigermaßen wieder im Griff, als Lied Nr. 533 erklang: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand…“. Das kannten nahezu alle und es erklang in der kleinen Kirche ein mächtiger Chor unterschiedlichster Stimmlagen.

Der Tradition folgend gingen nun die Männer aus der engsten Nachbarschaft nach vorne, stellten sich neben dem Sarg auf, nahmen ihre Zylinder ab, falteten darunter die Hände. Es wurde das ´Vater-Unser` gebetet. Dann hoben sie den schweren Sarg an und der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Am Grab stimmten alle in den Segensspruch ein: „Der HERR segne dich und behüte dich, der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir…“.