Der Klang des Grammophons - Uwe Spannhake - E-Book

Der Klang des Grammophons E-Book

Uwe Spannhake

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Beschreibung

Das deutsche Flüchtlingslager Oksböl (Dänemark) in den Jahren 1945/46, 35000 Bewohner mit städtischem Leben hinter Stacheldraht: Eines Abends folgt die junge Dänin Liv, die als Krankenschwester im Hospital des Lagers arbeitet, den Klängen eines Grammophons aus der Baracke des deutschen Flüchtlings Hans. Nach Monaten heimlichen Liebesglücks verschwindet Liv plötzlich. Hans kehrt nach Deutschland zurück, erlebt den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau in Bremen, kann aber Liv nicht vergessen und reist 1953 erneut nach Dänemark. Parallel wird die Geschichte des 75-jährigen Karsten erzählt, der schon sehr lange allein und zurückgezogen an einem kleinen See in Verden-Eissel lebt. Eine Begegnung im Jahr 2015 mit der jungen Studentin Anne, die jeden Morgen zum Schwimmen im See kommt, erinnert ihn an seine große Liebe Marie-Luise in den 1980-er Jahren in Ostberlin, an die glücklichste Zeit in seinem Leben. Marie-Luise entschied sich zu einem gemeinsamen Leben mit Karsten, wurde jedoch 1987 beim Fluchtversuch aus der DDR erschossen, gerade einmal 40 Jahre alt geworden. Anne und Karsten beginnen Recherchen zur Kindheit von Marie-Luise. Es ergeben sich überraschende schicksalhafte Zusammenhänge.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2022

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©Arne von Brill

Der Autor lebt in Verden (Aller),

einer Kleinstadt in Norddeutschland in der Nähe von Bremen.

Nach seinem 2017 veröffentlichten Buch „Aus dem Leben“, das sieben Erzählungen enthält, ist dies nun sein erster Roman.

Für Claudia

und natürlich für meine erwachsenen Kinder.

Inhalt

Prolog „Gefror´ne Tränen“

Teil I

Teil II

Epilog

Verwendete Materialien

„Der alte Mann am See“

Prolog

Gefror´ne Tränen

Gefror´ne Tropfen fallen

von meinen Wangen ab:

Ob es mir denn entgangen,

daß ich geweinet hab´?

Ei Tränen, meine Tränen,

und seid ihr gar so lau,

daß ihr erstarrt zu Eise

wie kühler Morgentau?

Und dringt doch aus der Quelle

der Brust so glühend heiß,

als wolltet ihr zerschmelzen

des ganzen Winters Eis!

Aus:

„Die Winterreise“ von Wilhelm Müller (1794 – 1827)

1828 vertont von Franz Schubert (1797 – 1828) im Liederzyklus „Winterreise“

Teil I

„Junge Frau mit Kinderwagen im Lager Oksböl“

(„Flygtningepige med barnevogn i Oksbøllejren“)

Blåvandshuk lokalhistoriske Arkiv

Eine Krähe war mit mir

aus der Stadt gezogen,

ist bis heute für und für

um mein Haupt geflogen.

Krähe, wunderliches Tier,

willst mich nicht verlassen?

Meinst wohl, bald als Beute hier

meinen Leib zu fassen?

(´Die Krähe` aus „Die Winterreise“, ohne dritte Strophe)

Juni 1945 Flüchtlingslager Oksböl (Dänemark, nordwestlich von Esbjerg, nahe Blåvand)

Als Hans sich erschöpft auf den schmalen Stuhl in der Baracke fallen ließ, erinnerte er plötzlich das Holz-schild am Eingangstor des Lagers - „Flygtningelejren“ hatte er mit leiser Stimme gelesen. In der großen Menge der ankommenden und aufgeregten Menschen hörte das niemand. Was würde ihn hier erwarten?

Die Flucht aus Ostpreußen, eingeengt an Bord der „Jupiter“ sieben Tage auf der Ostsee - im Zickzackkurs wegen der Fliegerangriffe, ein Schiff in ihrer unmittelbaren Nähe wurde schwer getroffen und sankdie Ausschiffung in Kopenhagen, Aufenthalte in einer Turnhalle, unruhiger Schlaf auf dem Boden eines leer geräumten Restaurants, nun endlich am Ziel, vorerst. Eines Tages würde er gerne nach Deutschland zurückkehren.

Doch ob oder wann dieser Wunsch in Erfüllung gehen konnte, war völlig unklar. Die alliierten Besatzungsmächte in Deutschland hatten eine Übersiedlung strikt untersagt, da man mit der Versorgung von Kriegsgefangenen und der Organisation eines Alltags für die deutsche Zivilbevölkerung genug zu tun hatte.

Dieses Lager, diese Baracken aus Holzlatten mit den kleinen Fenstern, bildeten nun seine Heimat wie für Tausende andere Flüchtlinge auch. Heimat in einem mit Stacheldraht eingezäunten und bewachten Dorf, errichtet auf Dünensand, begrenzt durch das offene Meer im Westen und ein großes Heidegebiet mit Kiefernwald im Osten.

Heimat in einem Lager mit einer Schule für die zahlreichen Kinder, einer Kirche, einer Krankenstation, einer Apotheke, Werkstätten, einem großen Saal für Theater und Orchester, einer Bücherei mit Buchbinderei, Schafhaltung, Schlachterei und Tabakanbau. Sogar eine eigene Gerichtsbarkeit und ein eigenes Parlament wurden den deutschen Flüchtlingen zugestanden.

Bei seiner Ankunft hatte Hans auch die Eisenbahngleise gesehen, Tausende Brote und Hunderte Schweinehälften für die Versorgung durch die Gemeinschaftsküchen wurden gerade angeliefert. Er brauchte nicht länger zu hungern und hatte ein sicheres Dach über dem Kopf.

„Hans, komm raus, du kannst bei uns mitessen“, hörte er die Frau aus der Nachbarsfamilie, Martha, rufen. Hans näherte sich zögerlich der kleinen Feuerstelle, die sich die Familie direkt vor der Baracke eingerichtet hatte. „Doch wirklich, komm nur, wir haben eine gute Fleischration bekommen, setz dich zu uns auf die Bank!“

Es war einer der ersten warmen Sommerabende, schön, draußen sitzen zu können. Die drei Kinder - Hans schätzte ihr Alter auf drei, fünf und vielleicht sieben Jahre, die beiden Jungen mit strohblonden Haaren, die Älteste mit rötlichem Haar - beäugten ihn aufmerksam, sprachen kein Wort. Ihr Vater schaltete sich ein: „Das ist unser neuer Nachbar, Hans Seidel, steht auf, gebt ihm die Hand zur Begrüßung.“ Hans glaubte eine gewisse Neugier in ihren Blicken zu entdecken, als sie ihm schüchtern die Hand reichten - Fritz, Heinrich und Elfi, die Eltern Walter und Martha. Beim Essen wurde nicht viel geredet. Hans erfuhr, dass sich die beiden Jungen im Kindergarten des Lagers wohl fühlten, das Mädchen tatsächlich schon zur Schule ging und die Familie zwei Monate vor ihm angekommen war. „Hans, wir haben die offizielle Übernahme des Lagers durch die Dänen am 1. Juni miterlebt“, erzählte Walter. „Dieses Gelände mit allen Einrichtungen war ja ab 1941 ein national-sozialistisches Militärlager als Teil des Atlantikwalls, Adolf Hitler selbst hat im Februar noch angeordnet, dass deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten hier untergebracht werden sollen. Und das wurde nach der Kapitulation fortgesetzt.“

Hans verabschiedete sich nachdenklich bald nach dem Essen, jedoch nicht ohne sich herzlich für die Einladung und das Essen zu bedanken. Im Weggehen sah er beim nächsten Barackenblock Männer Pfeife rauchend beim Kartenspiel, Wäsche flatterte an den zwischen den Baracken gespannten Leinen und weiter hinten ließen Kinder einen Drachen steigen. Der Krieg war vorbei.

Hans schaute von der Tür aus auf sein schmales Bett, daneben ein Stuhl, ein kleiner Holztisch, ein Kleiderschrank, am Tisch ein zweiter Stuhl. In der anderen Ecke ein niedriges Regal, darin nur zwei Bücher und einzelne Schellackplatten, schräg neben dem Fenster auf dem Boden ein Grammophon. Eine dünne Staubschicht hatte sich darübergelegt. Ein Grammophon gehörte sicherlich nicht zum üblichen Inventar. Hans vermutete, dass der Vorbewohner die Gegenstände zurückgelassen hatte, zurücklassen musste. Dafür sprach auch, dass auf dem Kleiderschrank eine Mappe mit zahlreichen Blättern lag, auf den ersten Blick schienen es Briefe zu sein, Hans beachtete sie nicht weiter.

Gespannt nahm er die Bücher in die Hand, Stefan Zweig „Zeit und Welt. Gesammelte Aufsätze und Vorträge 1904 – 1940“ und von Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“. Darin las er die Inschrift: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“

Ja, auch er hatte Glück gehabt, war den Granaten des zweiten Weltkriegs entkommen.

Die Schellackplatten, so entnahm es Hans den Hüllen, gehörten zu einem Liederzyklus mit dem Titel „Die Winterreise“, gesungen von Gerhard Hüsch, am Flügel begleitet von Hanns Udo Müller.

Er zog eine Platte aus der Hülle und legte sie auf das Grammophon. Vorsichtig ließ er die Nadel auf die Platte sinken. Die Baritonstimme von Hüsch erfüllte den kleinen Raum, doch Hans faszinierte der Text noch mehr.

„Fremd bin ich eingezogen,

fremd zieh ich wieder aus.

Der Mai war mir gewogen

mit manchem Blumenstrauß.

Das Mädchen sprach von Liebe,

die Mutter gar von Eh´ -

nun ist die Welt so trübe,

der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen

nicht wählen mit der Zeit,

muß selbst den Weg mir weisen

in dieser Dunkelheit.

Es zieht ein Mondenschatten

als mein Gefährte mit,

und auf den weißen Matten

such´ ich des Wildes Tritt.“

Liv war müde vom langen Arbeitstag im Hospital, das sich in einem der wenigen Bauten aus Klinkersteinen befand. Es gab darin sogar einen Operationssaal und eine große Apotheke, auch Zahnarztbehandlungen konnten stattfinden. Sie freute sich auf ihr Zuhause in Blåvand, auf ihre Eltern, ging rasch hinaus aus dem Lager. Morgen früh würde sie wieder problemlos das bewachte Eingangstor passieren, die dänischen Soldaten verlangten schon lange nicht mehr ihren Ausweis. Mit ihr kamen nur sehr wenige junge Däninnen morgens ins Lager, sie durften ausschließlich in der Krankenstation arbeiten und auch nur, weil zurzeit ein Mangel an deutschen Krankenschwestern im Lager vorherrschte. Es wurde ihnen beim Antritt der Stelle ein Fraternisierungsverbot eingeschärft, keine näheren Kontakte zu den Deutschen. Das hatte Liv ohne große Regung hingenommen, warum sollte sie Kontakte anstreben? Sie war doch glücklich, jeden Abend dieses Gelände mit den Baracken wieder verlassen zu dürfen. Und im nächsten Jahr, mit 21, wollte sie eine eigene Wohnung haben, auf eigenen Füßen stehen. Allerdings hörte sie die deutsche Sprache gerne, ihre Mutter stammte aus dem deutschdänischen Grenzgebiet. Das war bei ihrer Arbeit hier von Vorteil.

Oktober 2015 Verden (Aller), Niedersachsen

„Hier Karsten Wagner…“, Karsten stockte kurz, dann sprach er weiter ins Telefon, „Anne, ich hoffe, Sie haben meine Dankeskarte erhalten.“ Mit diesem Anruf hatte Anne nicht gerechnet, aber sie freute sich sehr. „Ja, vielen Dank, ich bin nur in den letzten Tagen gar nicht dazu gekommen, mich dafür zu bedanken.“ „Ach, das ist nicht wichtig. Ich rufe an, weil mich Ihr Besuch letzte Woche sehr beschäftigt hat, verständlicher-weise. Sie und Lou, Sie haben meine Geschichte vor dreißig Jahren in mir hervorgeholt und mich dazu gebracht, neben dem Schmerzhaften auch die schönen Erinnerungen wieder zuzulassen. Dafür danke ich Ihnen und Lou, dafür habe ich die Karte geschrieben. Aber ich habe noch eine Frage: Könnten Sie sich vorstellen, mir bei einer Suche zu helfen?“

Anne pochte das Herz. Wollte sich der alte Herr, Karsten Wagner, weiter mit seiner persönlichen Geschichte befassen, die er ihnen bei dem Besuch erzählt hatte? Die Geschichte seiner großen Liebe zu Marie-Luise in den achtziger Jahren - Marie-Luise aus Ostberlin - und dem tragischen Ende bei ihrem Fluchtversuch? „Ja, Herr Wagner, ich könnte Sie gerne unterstützen. Mit meiner Bachelorarbeit bin ich nahezu fertig, ich hätte also Zeit, worum geht es denn?“

Nachdem Anne von Karsten Wagners Plänen gehört hatte, sich auf die Suche nach Marie-Luises Familie zu machen, zu der er seit der Trauerfeier 1987 keinerlei Kontakt mehr hatte, sagte sie ihre Hilfe zu. Beide verabredeten sich für die kommende Woche auf ein Kaffeetrinken in Wagners Haus am Eisseler See, um Näheres zu besprechen.

Karsten Wagner stand nach dem Telefonat noch lange am Fenster und blickte auf den See. Die Bilder der vergangenen Wochen zogen an ihm vorbei - Anne, die junge Frau, die jeden Morgen mit dem Rad hier auftauchte und im See schwamm, die ihn dabei so sehr an Marie-Luise erinnerte, Marie-Luise schwimmend im Kleinen Müggelsee oder im Balaton bei den kurzen gemeinsamen Urlauben, die ihnen möglich waren.

So viele Bilder, auch weiter zurückliegende, das zufällige Zusammentreffen mit Marie-Luise in Ostberlin, als er für einen Tag im ehemaligen Ostsektor herumbummelte, das zwangsumgetauschte restliche Geld im Restaurant ausgeben wollte und von ihr bedient wurde. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Und für sie wohl auch. Er kam am nächsten Tag schon wieder „rüber“, von West- nach Ostberlin, sie trafen sich nach ihrem Dienstende am Alex, es fügte sich alles. Ein Vierteljahr später ihr erster Urlaub im Zelt am Balaton-See in Ungarn. Dahin konnte sie reisen. Als sie ihm ins Ohr flüsterte „so ein zärtlicher Liebhaber“, gestand er, dass sie die erste Frau in seinem Leben war. Sie lachte auf, drückte sich fest an ihn. Er war gerade zweiundvierzig geworden. Und nach Marie-Luise hatte es auch nie wieder eine Frau in seinem Leben gegeben.

Wie sehr hatten sie sich schon nach zwei Urlauben ihre gemeinsame Zukunft ausgemalt? Sollte sie einen Ausreiseantrag aus der DDR stellen? Ihr Vater war ein örtlicher Funktionär in der SED, würde es dann Probleme für ihn geben? Würde sie alle möglichen Sanktionen im Alltag zu spüren bekommen? Man kannte das hinlänglich. Die Zeit bis zur Bewilligung eines solchen Ausreiseantrages, wenn es denn überhaupt dazu kam, war beileibe kein Wunschkonzert. Doch andererseits die Träume, sich jeden Tag sehen zu können, den Alltag gemeinsam zu erleben und vielleicht noch eine Familie zu gründen. Schließlich war sie erst fünfunddreißig. Sie war nicht versessen auf den westlichen Lebensstil, sie war es gewohnt, mit kleinen Dingen im Alltag zufrieden zu sein. Aber sie war „versessen“ auf Karsten. Wie lang war beiden immer die Zeit vorgekommen, bis sie sich endlich wieder in den Armen liegen konnten. Träume von der gemeinsamen Zukunft. Und dann war die Idee der Flucht entstanden. Warum hatte es Marie-Luise nicht geschafft? Warum endete ihre Flucht damals tödlich am Grenzzaun? I

Die Bilder der Trauerfeier 1987 kamen immer deutlicher hervor. Die Einreise in die DDR war damals schwierig gewesen, doch Karsten hatte die Formalitäten dafür erledigen können. Die Eltern von Marie-Luise hatten ihn mit Verachtung gestraft, ihre beinahe 10 Jahre jüngere Schwester ihm sogar vor die Füße gespuckt. Niemand hatte mit ihm gesprochen. Sie hatten ihn schuldig gesprochen. Schließlich hätte es ohne ihn keinen Fluchtversuch gegeben.

Doch nun kamen bei Karsten auch endlich wieder die schönen Erinnerungen, auch die hatte er so lange verdrängt. Marie-Luise auf der Wiese mit Grashalm im Mund, ihn anlächelnd, ihre Augen, deren Blick ihn ihr auslieferten. Marie-Luise beim Tanzen, sich eng an ihn schmiegend. Marie-Luise, albern kichernd, wenn die Kugel Eis an der Waffel entlang tropfte und sie mit der Zunge wieder mal nicht schnell genug war. Marie-Luise auf dem Hotelbett, den Blick gebannt auf den Fernseher gerichtet und plötzlich zu ihm herüberblickend. Marie-Luise, wie sie aus der Dusche kam, mit einem Frotteetuch ummantelt und es plötzlich fallen ließ.

Karsten setzte sich auf sein Sofa, erschöpft von der Übermacht der Bilder in seinem Kopf. Plötzlich hatte er nun wieder die Stimme von Anne eben am Telefon im Ohr. Anne, die er zunächst nur beim Schwimmen im See beobachtet und dann kennengelernt hatte, als er ihr vor wenigen Wochen nach ihrem Schwimmen bei einem Fahrradplatten geholfen hatte und die bald darauf mit einem selbstgebackenen Erdbeerkuchen als Dankeschön vor seiner Tür stand.

Einige Tage später dann Anne erneut vor seiner Tür, diesmal mit einer weiteren jungen Frau, Lou. Lou war recht spontan aus Berlin-Friedrichshain angereist, nachdem sie über eine aufgefundene alte Postkarte vollkommen überraschend von der Beziehung ihrer Tante Marie-Luise zu einem Mann in Verden-Eissel erfahren hatte.

Lou hatte einen unbeschrifteten Karton zuhause im Keller gefunden, als sie ihre alten Kindersachen aussortieren wollte. Darin lagen Unterlagen und Fotos ihrer Tante Marie-Luise. Eines hatte sie mit einem Mann am Kleinen Müggelsee in Ostberlin gezeigt. Beide hatten sehr glücklich gewirkt und in die Kamera gelächelt. Hatte das ihre Mutter aufgenommen oder ein Freund der beiden? Auf der Rückseite des Fotos hatte Lou den handschriftlichen Vermerk entdeckt. „Karsten Wagener oder Wagner“, las sie sich leise vor, darunter eine Adresse „Seekante 12, 2810 Werden-Eissel oder Verden-Eissel“ und die vier Worte „In Liebe, Dein Karsten“.

Ihre Tante hatte sie nicht fragen können, Marie-Luise war schon zwei Jahre vor Lous Geburt gestorben, bei einem Verkehrsunfall -so hieß es- über den Lou´s Mutter nie ausführlicher erzählen wollte.

Die Google-Suche ging schnell, Verden bei Bremen, das waren an die 350 km, eine gute Eisenbahnverbindung von Berlin über Hannover nach Verden. Sie hatte ihre letzten Semesterferien, bevor sie die Assistenzarztstelle an der Charité in Berlin antreten würde. Ihre Mutter würde wahrscheinich wieder nichts sagen, wahrscheinlich sogar heftig reagieren, wenn sie sie nach diesem Foto fragte. Sie musste von diesem Ausflug nach Verden ja erstmal nichts erzählen.

Lou war dann am See in Eissel zufällig auf Anne gestoßen, die sich gerade abtrocknete, erfuhr von Anne, dass sie den alten Mann kannte, beide zusammen hatten dann bei ihm an der Tür geklingelt. Und beim Blick in die offenen Gesichter der beiden jungen Frauen war Karsten klar geworden, dass er nun seine Geschichte nicht mehr weiter im Verborgenen halten wollte, nicht mehr weiter verbergen konnte.

Sie hatten dann lange zusammengesessen und Lou hatte erfahren müssen, dass ihre Tante nicht bei einem Unfall gestorben war, sondern beim Fluchtversuch zu Karsten nach Westdeutschland von DDR-Grenzsoldaten erschossen wurde.

Juni 1945 Flüchtlingslager Oksböl

Hans begab sich auf den Weg zu den Werkstätten. Beim Schuster würde er hoffentlich passende Halb-schuhe bekommen, in der Schneiderei ein neues Hemd und eine neue Hose. Er ging zügig am Versammlungsgebäude vorbei, passierte Bibliothek und Theatersaal und entdeckte zu seiner Rechten das Hospital und den Sportplatz. Die Werkstätten lagen dem Hospital genau gegenüber. Gerade als er eintreten wollte, hörte er, dass die auf dem Gelände verteilten großen Lautsprecher ansetzten, die neuen Nachrichten zu verkünden, täglich vom Nordwest-deutschen Rundfunk, Sender Hamburg, übertragen. So blieb er noch in der offenen Tür stehen. Der laue Sommerwind fuhr ihm durchs Haar.

Liv öffnete das Fenster im Hospital, damit die bettlägerigen Patienten die Nachrichten hören konnten. Sie selbst schaute auf den Platz hinunter, sah einen jungen groß gewachsenen Mann in der Tür zur Schneiderei verweilen. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie so lange auf ihn blickte.

Nachdem Hans neu eingekleidet war, steuerte er die nächste Werkstatt an. Hier wurde insbesondere Metall gewonnen, auch alte Flugzeuge wurden dafür ausgeschlachtet. Er hoffte, hier am ehesten mitarbeiten zu können. In der Heimat in Ostpreußen hatte er in einem metallverarbeitenden Rüstungsbetrieb gear-beitet, war deshalb auch unabkömmlich gestellt und konnte somit der Front entgehen.

Tatsächlich sollte er gleich am nächsten Morgen zur Arbeit erscheinen. Wieder zurück in seiner Baracke, zog es ihn sogleich zum Grammophon. Er wollte diesen besonderen Liederzyklus weiterhören. Auf dem Bett liegend, fiel es ihm schwer, die Augen offen zu halten.

Doch ihm kam die Melodie bekannt vor, und die erste Strophe erinnerte er sogar noch aus einem Gesangbuch in der Schule. Leise summte er mit geschlossenen Augen mit:

„Am Brunnen vor dem Tore

Da steht mein Liebchens Haus.

Sie hat mir Treu geschworen,

ging mit ihr ein und aus.“

Doch das war nicht korrekt, er wurde wieder etwas wacher. In diesem Liederzyklus begann es anders, die sanfte Baritonstimme sang:

Am Brunnen vor dem Tore,

da steht ein Lindenbaum:

Ich träumt´ in seinem Schatten

so manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde

so manches liebe Wort;

es zog in Freud´ und Leide

zu ihm mich immer fort.“

Ich mußt´ auch heute wandern…

Er fiel in den Schlaf.

Am nächsten Morgen verließ Hans die Baracke früh, er freute sich auf die Arbeit in der Werkstatt. Kurz nachdem er auf den sandigen ausgetrockneten Weg eingebogen war, sah er vor sich zwei junge Frauen, die sich auf Dänisch unterhielten. Hans nahm sich vor, am Abend seine Nachbarn zu fragen, wieso hier dänische Frauen herumliefen. Die beiden Frauen hatten offenbar fast denselben Weg wie er. Kurz vor dem Eingang zum Hospital drehte die eine ihren Kopf etwas herum und blickte zurück. Hans glaubte, ein leichtes Erstaunen in ihrem Blick wahrzunehmen.

Anfang November 2015 Verden (Aller)

Die blassen Sonnenstrahlen fielen auf das Herbstlaub im Stadtwald. Anne liebte die halbstündige Radtour zum See nach Eissel, am Friedhof in den Wald, den ´Brunnenweg` querend und dann am Rand der Dünen entlang, in Dauelsen am Sachsenhain vorbei und die letzten zwei Kilometer unter dem offenen Himmel der weiten Marschlandschaft. Sie erinnerte sich an die vielen morgendlichen Radtouren im Sommer, als sie täglich zum Schwimmen herkam. Und sie dachte daran, wie sie Karsten Wagner kennengelernt hatte. Gleich würde sie wieder mit einem Kuchen vor seiner Tür stehen.

„Heute ein Schoko-Marmorkuchen, frische Erdbeeren gibt es nicht mehr“, wurde Karsten begrüßt. Beim anschließenden Kaffee erklärte er seine Gedanken ausführlicher.