Aus dem Schatten der Götter - Stefanie Suter - E-Book

Aus dem Schatten der Götter E-Book

Stefanie Suter

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Beschreibung

Götter und Wesen der Anderswelt sind seit Jahrhunderten verhasste Feinde. Doch als die Banshee Aisling plötzlich Visionen vom Tod der Götter hat, wird sie vom König damit beauftragt, das Schicksal zu verändern. Gemeinsam mit einer Gruppe aus Freunden und Fremden, begibt sie sich auf die Reise zur Merrowkönigin, um sie aufzuhalten. Auf dem Weg erfährt Aisling jedoch, was wirklich hinter dem Angriff steckt und zu was sie alles fähig ist. Plötzlich vermischen sich Gut und Böse, Wesen und Gott, so dass sie es kaum noch erkennen kann wer ihre Verbündeten sind und wer ihre Feinde.

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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Aus dem Schatten der Götter
Über die Autorin
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog
Die Eisermann Media GmbH

StefaniE Suter

Aus dem Schatten der Götter

Über die Autorin

Stefanie Suter wurde 1996 im Herzen der Schweiz geboren und veröffentlicht seit 2022 Geschichten. Schon als Teenager war sie von Büchern fasziniert und ließ ihrer Fantasie beim Schreiben freien Lauf. Wenn sie nicht gerade schreibt, verbringt sie gerne Zeit mit Familie und Freunden, reist mit ihrem Mann um die Welt oder ist an Line Dance Events anzutreffen.

Webseite: stefaniesuter.com

Instagram: stefaniesuter_autorin

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-98658-040-7

Auch als eBook erhältlich

Text: © Stefanie Suter, Autor*in

Korektorat: Astrid Leutholf

Buchsatz: Grit Richter, Tagträumer Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, Tagträumer Verlag

Bilder und Grafiken von www.shutterstock.com

Stockfoto-Nummer: 2261537601

Hergestellt in Deutschland (EU)

Tagträumer Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Der Boden unter Aislings nackten Füßen war kalt und der Wind blies ihr ihre hellen, fast weißen Haare ins Gesicht. Eine Strähne blieb an ihrer Wange, die von den vielen Tränen nass war, kleben. Sie strich sie zur Seite und sang das Trauerlied mit zitternden Lippen weiter. Es war schon das zweite Mal, dass sie ein Mitglied dieser Familie in den Tod begleitete. Doch dieses Mal war es nicht der Großvater, der aufgrund des hohen Alters gestorben war, sondern die kleine Tochter Mera, die den Kampf gegen den Krebs verloren hatte.

Ein Schluchzen drang in ihre Gedanken und ließ sie aufschrecken. Die Stofffetzen ihres weißen Kleides schmiegten sich um ihre Fußgelenke, als sie sich langsam auf die Füße zog. Sie wagte einen Blick durch das leicht geöffnete Fenster ins warme Wohnzimmer und sah, dass die Familie immer noch im Kreis um das Bett saß. Sie hatten es extra nach unten in den ersten Stock gebracht, da in Meras Zimmer zu wenig Platz für so viele Menschen gewesen war. Der frische Braten, den die Tante mitgebracht hatte, stand unberührt auf dem Tisch. Niemandem schien nach Essen zumute zu sein, obwohl der leckere Duft die Luft erfüllte. Die Mutter strich weinend über das Haar ihrer Tochter und sang das Trauerlied leise mit Aisling mit. Natürlich ohne zu wissen, dass ihre Banshee sie dabei beobachtete, denn nur die Toten konnten sie sehen und mit ihr kommunizieren. Und genau deshalb war Aisling hier, um Mera nach dem Tod zu empfangen. Der Schrei eines Babys war zu hören und sofort eilte der Vater der Kinder zu dem kleinen Bettchen in der Ecke. Das Kleine war erst vier Monate alt und hatte bereits eine Schwester verloren.

Aisling setzte sich wieder hin und wischte mit dem Ärmel ihres Kleides über das nasse Gesicht. Sie musste aufhören zu weinen. Es gab so viele Geschichten, in denen Banshees als Monster beschrieben wurden, die von all den salzigen Tränen ganz rote Augen hatten. Sie wollte nicht so auftreten, sondern als starkes einfühlsames Wesen, vor dem man keine Angst haben musste. Denn genau das brauchte Mera, wenn sie von dieser Welt gegangen war und Aisling ihr beim Übergang in die Anderswelt half. Das war die Aufgabe einer Banshee. Sie brachte die Toten oder Neuwesen, wie man die Verstorbenen nannte, zu Dagda, dem Stammvater der Götterwelt. Er entschied, welches Wesen zu der verstorbenen Person passte, damit sie ihr zweites Leben in der Anderswelt genießen konnte. Für Mera stellte sich Aisling eine Waldfee oder eine Merrow vor. Ja, eine Merrow würde passen, denn die Kleine liebte Meerjungfrauen. Und wie toll musste es sein, sein zweites Leben sowohl unter Wasser als auch an Land zu verbringen. Sie könnte jeden Winkel dieser Welt erkunden. Aisling hatte bei ihrer Verwandlung leider weniger Glück gehabt. Sie erinnerte sich nicht mehr daran, wie sie starb oder vor Dagda trat. Sie kam vor knapp vier Jahren in die Anderswelt. Dabei wäre ihre Wahl, eine Banshee zu werden, sicher eine der letzten gewesen.

Das Leben als Banshee war traurig und anstrengend. Bei jedem Wetter musste sie sich unter das Fenster von trauernden Familien setzen und deren Schmerz miterleben, nein, regelrecht in den Schmerz eintauchen. Das raubte ihr so viel Energie, dass sie danach oft stundenlang schlief, um sich zu erholen, wenn nicht gleich der nächste Auftrag reinkam. Obwohl sie die Trauerlieder tröstlich und schön fand, gab es zu wenige, um nicht irgendwann davon genug zu haben. Und wer weiß, wie lange sie das alles noch Tag für Tag mitmachen musste. Die Zeit in der Anderswelt verging vergleichsweise langsamer als in der Menschenwelt, das maximale Alter lag in ähnlicher Höhe. Mit ihren 20 Jahren musste sie hier also noch eine ganze Weile verharren.

Plötzlich schnürte sich Aislings Kehle zu, während sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Dieser Teil des Banshee-Daseins war ebenfalls furchteinflößend und energieraubend. Ihre Hände ballten sich wie von selbst zu Fäusten und ihr Kopf sackte nach vorne, nur um sich im nächsten Moment ruckartig Richtung Himmel zu heben. Ein Schrei entwich ihr plötzlich, und wenn sie es nicht besser wüsste, wäre sie sicher gewesen, dass die ganze Nachbarschaft sie hören konnte. Doch nur die Sterbenden vernahmen den Schrei ihrer Banshee bei ihrem letzten Atemzug. Aisling selbst hörte ihn meist kaum, da sich ihr Körper in diesem Moment verselbständigte und ihre Sinne betäubt schienen. Doch von Verstorbenen wurde er als schriller, ohrenbetäubender Schmerzensschrei beschrieben. Und so fühlte er sich auch an. Jedes Mal.

Als Aisling sich wieder entspannte, nahm sie wahr, dass das Weinen und Schluchzen im Wohnzimmer lauter geworden war. Sie öffnete die Augen und sah Mera, die bereits vor ihr stand. Ihre Hände waren auf ihre Ohren gepresst und die Augen zusammengekniffen. Aisling legte ihre Hand sanft auf den Arm des kleinen Mädchens. Mera zuckte kurz zusammen und ihre grünen Augen, welche sie an ihre eigenen erinnerten, blinzelten für einen Moment.

»Alles okay, Mera«, versuchte Aisling sie zu beruhigen und zog ihre Hand zurück. Sie wusste nie, wie das Neuwesen reagierte, sobald es eine Banshee sah. Sie hatte schon alles erlebt: Wut, Trauer, sogar Ekel. Deshalb tastete sie sich langsam heran.

»Du musst keine Angst haben. Ich bin hier, um dir zu helfen.«

Mera sagte nichts, senkte jedoch ihren Blick und starrte den Boden an. Es war normal, dass Kinder eher misstrauisch reagierten. Sie hatten noch nie oder nur selten von einer Banshee gehört, die ihnen nach dem Tod beistand. Wieso auch sollte man Kindern, die noch das ganze Leben vor sich hatten, davon erzählen. Wenigstens lief Mera nicht weg und schrie, wie Aisling es bei anderen Kindern erlebt hatte. Die rannten dann meist wieder ins Haus zu ihren Eltern, die sie aber nicht mehr wahrnehmen konnten. Weinend riefen sie dann nach Mama oder Papa, versuchten, sich an deren Beine zu klammern oder an deren Kleidung zu ziehen. Nur um ins Leere zu greifen. Diese Szenen brachen der Banshee immer aufs Neue das Herz.

Aisling zog die weißen Ärmel ihres Kleides hoch und streckte der Kleinen ihre Hand hin. »Ich bin Aisling, deine Banshee. Bestimmt hast du schon von mir gehört.« Sie machte eine kurze Pause und wartete auf eine Reaktion. Mera schaute auf die dargebotene Hand, machte jedoch keine Anstalten, ihre eigene zu heben. Ein weiteres Schluchzen drang aus dem Fenster nach draußen. Die Kleine hob den Kopf, sah für einen Moment hinauf und dann zu Aisling, die ihre Hand sinken ließ und fortfuhr: »Ich werde dich in die Anderswelt begleiten. Ein wunderschöner Ort, wo alle schon auf dich warten. Dort gibt es riesige Bäume, Blumen in allen möglichen Farben, Feen, Meerjungfrauen und viele andere magische Wesen. Es wird dir bestimmt gefallen.«

Hoffentlich.

Bei diesen Worten begannen sich Meras Augen zu weiten und ein Lächeln glitt über ihre Züge.

»Meerjungfrauen? Kann ich sie besuchen? Mit ihnen spielen?«

Ein leichtes Grinsen schlich sich auf Aislings Lippen. »Natürlich.«

Am liebsten hätte sie ihr gesagt, dass sie nicht nur mit ihnen spielen, sondern auch selber eine werden könnte. Doch diese Entscheidung traf Dagda und sie wollte Mera keine falschen Hoffnungen machen.

»Wir müssen aber jetzt los, damit wir noch rechtzeitig dort sind.« Sie stand auf und streckte Mera die Hand erneut entgegen. »Wollen wir?«

Mera nickte und legte ihre Hand in Aislings. Sie hatte Vertrauen gefasst, was die ganze Situation um einiges einfacher machte.

Gerade als sie loslaufen wollten, trat Meras Vater ans Fenster und schloss die Augen. Pass gut auf meine Kleine auf, Banshee, und bringe sie sicher in die neue Welt. Die Stimme klang in Aislings Kopf nach. Wie oft sie schon froh darüber war, die Wünsche der Trauenden nur in ihrem Kopf zu hören. Es war nicht immer nur Gutes, was die Familien über die Verstorbenen dachten und an deren Banshee weitergaben. Oft war es daher besser, wenn die Toten nicht vernahmen, was manche Leute wirklich über sie dachten.

Aisling machte eine kleine Handbewegung, die einen Luftstrom auslöste und in das Gesicht des Vaters blies. Er öffnete verdutzt die Augen, fasste sich jedoch schnell wieder und nickte. Danke.

Dann liefen Aisling und Mera gemeinsam die Straße entlang in Richtung Wald. Die meisten Menschen wussten gar nicht, wie nahe sie einem Eingang in die Anderswelt waren. Hin und wieder passierte es, dass Menschen einen Eingang fanden oder aus Versehen in einen hineinfielen. Wenn sie Glück hatten, konnten sie einen Blick auf die wunderschöne andere Welt erhaschen oder sogar eines der Wesen sehen, bevor sie von einem der Götter zurück geschickt wurden. Doch geschah dies eher selten. Anders am Volksfest Samhain, das am 31. Oktober gefeiert wurde. An diesem Tag waren die Tore zur Anderswelt weiter geöffnet als sonst und ein Überwechseln in die andere Welt war leichter möglich. Manche fielen an diesem Tag schon in der Nähe eines Regenbogens in die Anderswelt hinein und hatten so die Chance, auf den Topf voller Gold eines Leprechauns zu stoßen. Wenn sie direkt auf einen Leprechaun trafen, hatten sie sogar drei Wünsche frei.

Doch es dauerte noch mehr als eine Woche bis Samhain, deshalb waren die Tore im Moment immer noch fest verschlossen und schwer zu finden – jedoch nur für die Menschen.

Aisling blieb vor einem breiten Baum stehen und schaute sich im dunklen Wald kurz um, bevor sie mit dem Finger behutsam über die Rinde fuhr und sich langsam ein großes Loch im Stamm zeigte. Eine Schar Vögel in der Nähe suchte sofort das Weite. Als das Loch die Größe einer Tür erreicht hatte, erschien darin eine Treppe.

»Wow!«, rief Mera mit funkelnden Augen. »Magie!«

Aisling grinste und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Die Menschen waren so leicht zu begeistern, dabei war die Gabe einer Banshee nichts im Vergleich zu den der anderen Wesen, wie zum Beispiel der Wald- oder Bergfeen, die die Natur direkt beeinflussen konnten. Sie hatten oft mehr Magie, als die Götter selbst, was sie aber keineswegs mächtiger machte als diese.

Mera starrte so verzaubert in das Loch hinein, dass Aisling sie regelrecht in den Baum hinein ziehen musste. Als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, schloss sich der Eingang hinter ihnen und es wurde für einen Moment dunkel, bevor ein kleines Licht nach dem anderen den Gang vor ihnen erhellte. Hunderte von Kerzen flammten auf und tauchten die dunkle Höhle in warmes Licht. An der Decke zeigten sich ein paar Wurzeln der Bäume über ihnen und das Moos an den Wänden und am Boden schien jeglichen Laut zu verschlucken.

Der Druck auf Aislings Hand wurde stärker, denn Mera klammerte sich fester an sie, während sie den Gang entlanggingen. Die Höhle war gerade so breit, dass sie nebeneinander hergehen konnten. Es war nichts zu hören, nicht einmal ihre Schritte.

»Kommen Mama und Papa auch irgendwann hierher?«, unterbrach Mera plötzlich die einsame Stille. Wahrscheinlich bekam sie es doch langsam mit der Angst zu tun.

»Natürlich. Jede Familie, die an die Anderswelt glaubt, bekommt eine Banshee wie mich. Diese wird allen Familienmitgliedern helfen, in die Anderswelt zu gelangen.«

»Dann sehe ich Mama und Papa wieder?«

Aisling blieb stehen und biss sich auf die Lippen. Sie hasste es, diese Frage zu beantworten. Sie verstand, dass die Neuwesen wissen wollten, ob die Chance bestand, dass sie ihre Liebsten wiedersehen würden. Trotzdem hoffte sie jedes Mal, dass die Menschen mit dieser Frage warteten, bis sie bei Dagda waren. Er war viel wortgewandter und einfühlsamer als sie. Doch wieder einmal musste sie sich mit dieser Frage herumschlagen.

»Das kann ich dir nicht versprechen«, begann sie schließlich und kniete sich zu Mera hinunter.

»Weißt du, die Zeit hier bei uns in der Anderswelt verläuft langsamer als in der Menschenwelt. Viel langsamer. Das heißt, dass deine Eltern ganz bestimmt zur gleichen Zeit wie du hier in der Anderswelt leben werden. Nur leider ist es nicht sicher, dass sie in die gleichen Wesen verwandelt werden, wie du. Meine Mutter zum Beispiel ist eine Bergfee und ich eine Banshee. Wir haben Glück, dass wir im gleichen Haus leben können, dies ist aber nur selten der Fall.« Reines Glück war es, denn Banshees und Bergfeen wohnten beide in Murias. Wäre ihre Mutter eine von den Merrows geworden, die weit im Norden lebten, hätten sie sich wahrscheinlich nie wieder gesehen. Sie schaute Mera in die Augen, konnte jedoch nicht feststellen, wie diese die neue Information aufnahm.

Der Kopf der Kleinen senkte sich und Aisling beobachtete die Hände des Kindes, die sich ineinander hakten und wieder lösten. Doch dann öffnete sie endlich den Mund.

»Ich werde sie finden, wenn sie hierher kommen. Aber hoffentlich haben sie vorher noch ein langes Leben. Mein kleiner Bruder braucht sie.« Nach diesen Worten setzte sie den Weg durch den langen schmalen Gang fort.

Aisling schaute ihr überrascht hinterher. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Oft fragten die Neuwesen weiter, was denn nach dem Leben in der Anderswelt auf sie wartete. Die Menschen gingen nämlich zunächst davon aus, dass sie hier ewig leben würden, genau wie die Götter. Doch dem war nicht so. Götter alterten nicht und blieben deshalb für immer und ewig in der Anderswelt. Wesen hingegen nicht. Man sagte, dass sie nach dem Tod und dem Aufenthalt in der Anderswelt die Wiedergeburt in der Menschenwelt erwartete. Aber natürlich konnte dies niemand bestätigen. Es war ungerecht, genau wie viele andere Dinge, wenn es um den Unterschied von Göttern und Wesen ging.

Aisling stand auf und folgte Mera. Am Ende des Ganges schloss sie zu der Kleinen auf und sie blieben vor einer schweren Holztür stehen, die direkt in den Palast führte. Aisling stemmte sich mit dem ganzen Körper dagegen und öffnete sie langsam. Sie landeten direkt im Flur von Dagdas Teil des Palastes in Finias. Die Götter würden es nicht gutheißen, wenn eine Banshee durch ihr Zuhause schleichen würde, weshalb Dagda die direkten Eingänge in seinen Teil des Palasts erschaffen hatte. So bekam niemand die Banshees zu Gesicht, während sie ihrer Arbeit nachgingen.

Mera blieb mit offenem Mund vor der Tür stehen, als Aisling diese mit aller Kraft wieder schloss. Meras Reaktion war völlig normal, denn der Anblick des prachtvollen Palastes brachte jeden zum Staunen. Das Kind starrte auf die hohen, weißen Wände, die oben langsam zu einer spitzen Decke zusammenliefen. Der lange Gang war mit Bildern in grünen Rahmen geschmückt, die perfekt zum Teppich passten. Die Farbe erinnerte an getrocknetes Gras. Die farbenfrohen Zeichnungen zeigten alle Götter und auch die Wesen, die es hier in der Anderswelt gab. Dagda war der Einzige, der stolz auf jedes Lebewesen in dieser Welt war, deshalb gab es solche Bilder nur in diesem Teil des Palasts.

Meras Blick wanderte von einem Bild zum nächsten. Dabei nannte sie bekannte Götter wie Dagda oder Mannan Mc Lir, den Meeresgott, sogar beim Namen. In ihren jungen Jahren musste sie von ihren Eltern bereits etwas über die irische Mythologie gelernt haben. Auch von den Wesen schien sie einige zu kennen, bis ihre Augen an einem Bild hängen blieben. Sie fing an zu hüpfen und stieß ein lautes Lachen aus.

»Eine Meerjungfrau, eine Meerjungfrau«, rief sie immer wieder.

Aisling lächelte und nickte ihr zu. Meerjungfrau war in der Anderswelt zwar der falsche Name, doch sie beließ es dabei. Sie nahm wieder Meras Hand und führte sie zum Ende des Flurs, wo sich eine große, prachtvolle, weiße Tür befand. In der Mitte zeigte sich ein großer, schwarzer Kessel und der Rahmen war mit verschnörkelten Verzierungen geschmückt. Aisling liebte den Anblick jedes Mal mehr.

Als sie näher kamen, öffnete sich die Tür automatisch. Auf der anderen Seite befand sich ein großer Raum, dessen Wände genau so hoch und weiß waren, wie im Flur davor. In der Mitte stand ein riesiger Schreibtisch und dahinter saß Dagda und hob bei ihrem Eintreten den Kopf. Seine Größe übertraf die aller anderen Götter, weshalb sein Teil des Palastes auch den meisten Platz einnahm. Seine langen braunen Haare gingen nahtlos in seinen braunen Bart über und sein Lächeln reichte von einer Wange zur anderen. Die grünen Augen blitzten auf vor Freude, als er Aisling mit Mera sah. So wie immer, wenn er ein Neuwesen empfangen durfte. Als er aufstand, kam sein gewaltiger Bauch zum Vorschein, der von seiner Liebe zu Essen und Trinken zeugte.

»Aisling, schön dich zu sehen. Du hast mir wohl ein Wunderkind mitgebracht, denn die Energie, die von Mera ausgeht, ist nicht in Worte zu fassen. Was hat sie zu uns geschickt?«, sagte Dagda, während er auf die beiden zu schlenderte. Er näherte sich langsam, um Mera nicht zu erschrecken, denn er war sich seiner Größe durchaus bewusst.

Aisling verneigte sich, so wie es sich gehörte. Auch wenn Dagda nicht der König der Anderswelt war, so war er doch der Schöpfer aller Wesen, weshalb er auf jeden Fall ihren Respekt verdiente. Mehr Respekt als jeder andere Gott in dieser Welt.

»Krebs. Sie hat zwei Jahre dagegen angekämpft«, antwortete Aisling und erhob sich wieder.

Mera klammerte sich an Aislings Bein. Der große, mächtige Dagda machte ihr wohl Angst, obwohl dies nicht nötig war. Er war mit Abstand der netteste und fürsorglichste Gott in der ganzen Anderswelt. So wie die Wesen ihn respektierten, respektierte er auch die Wesen. Er war der Einzige, der das tat.

Mera wagte einen Blick zu Dagda, schaute aber schnell wieder weg. Dabei fiel ihr ein Bild einer Meerjungfrau auf, das links von ihnen an der Wand hing.

Dagda blieb stehen und folgte ihrem Blick.

»Du magst Meerjungfrauen, nicht wahr?«, fragte er.

Mera nickte verlegen.

»Bei uns werden sie Merrow genannt. Sie leben unter Wasser in wunderschönen Häusern aus Muscheln und Perlen. Wie du siehst, sehen sie ein bisschen anders aus, als du es gewohnt bist. Sie haben keinen farbigen fischartigen Schwanz, sondern können Beine und Füße verformen. So können sie auch an Land leben. Meistens fühlen sie sich zwar unter Wasser wohler, aber ein Besuch an Land gehört zwischendurch eben auch dazu.«

Er legte eine Pause ein, was aber nicht nötig gewesen wäre. Mera hatte von Aisling abgelassen, starrte mit großen Augen zu Dagda und schien jedem Wort ohne Probleme zu folgen.

»Weißt du, ich habe die Möglichkeit, dir ein zweites Leben zu schenken. Wenn du möchtest, könntest du dieses als Merrow verbringen. Was sagst du dazu?«

Mera fing an zu nicken. Ein Kichern entkam ihr und sie schlug kurz ihre Hände zusammen. Sie war offensichtlich begeistert von der Idee.

»Okay, dann musst du aber zu mir kommen.«

Mera zögerte einen kurzen Moment und warf einen Blick über die Schulter zu Aisling. Die lächelte und nickte Mera kurz zu, bevor die Kleine langsam auf Dagda zulief, der sich für sie hingekniet hatte.

Er hob seinen Kopf und schaute mit ernster Miene zu Aisling.

»Möchtest du bei der Verwandlung dabei sein? Ich weiß, dass du normalerweise vorher wieder nach Murias zurückkehrst.«

Aisling seufzte. Ja normalerweise mochte sie nicht mit ansehen, wie weitere Menschen in tolle Gestalten verwandelt wurden, während sie als Banshee durch die Welt zog und jeden Tag dem Tod ins Auge sehen musste. Aber der flehende Blick von Mera, die nun vor Dagda stand und sie bittend ansah, überzeugte sie, sich heute anders zu entscheiden.

»Ich bleibe«, antwortete sie schließlich.

»Na, dann.« Dagda stand auf, und bat Mera, ihm zu folgen. Er half ihr auf den riesigen Schreibtisch. Dieser war so groß, dass sich ein ausgewachsener Mensch bequem hinlegen konnte, ohne dass er den Papierkram, der wahrscheinlich die Listen der bald Sterbenden beinhaltete, berührte. Mera legte sich hin und Dagda hob den großen Hammer hoch, der neben dem Tisch stand. Ein dicker, rechteckiger Eisenklotz saß auf einem langen Holzstiel. Dieser Hammer war eine der mächtigsten Waffen in dieser Welt. Die eine Seite des Eisenklotzes, gekennzeichnet durch einen Kreis, der sechs geschwungenen Linien einrahmte, war dafür da, neues Leben einzuhauchen. Diese benutze Dagda, um die Menschen in Wesen zu verwandeln oder die Götter zu heilen. Die andere Seite, die einen Kreis mit einem Kreuz trug, war das komplette Gegenteil. Sie konnte jedem, egal ob Mensch, Wesen oder Gott, sofort das Leben nehmen. Dieses Werkzeug war schön und furchteinflößend zugleich.

Dagda stellte sich breitbeinig mit dem Hammer in den Händen vor den Tisch und lächelte.

»Bist du bereit, Mera? Ich verspreche dir, es tut nicht weh. Vielleicht ein kurzes Zwicken, aber dann ist es auch schon vorbei.«

Als sie mit einem Nicken antwortete, hob er langsam den Hammer und legte ihn leicht auf ihre Brust. Dann schloss er die Augen, murmelte ein paar Worte vor sich hin, die Aisling nicht verstand, und ein heller grüner Lichtstrahl schoss durch den Raum.

Das grelle Licht hatte Aisling so geblendet, dass es einen Moment dauerte, bis sich ihre Augen wieder an die Umgebung gewöhnt hatten. Als Erstes sah sie Dagda, der sich zur Seite stellte und stolz vor sich hin grinste. Der Hammer hing neben seinem Bein herab. Sie folgte seinem Blick und sah Mera, die sich durch den Zauber verändert hatte. Sie war barfuß mit großen, platten Füßen und trug ein knielanges, rosa Kleid. Ihre Haare waren mit einer Flechtfrisur nach hinten geordnet, so dass sie sie unter Wasser nicht die ganze Zeit im Gesicht hatte. Was aber sofort ins Auge stach, war die rote Mütze, die sie trug. Das wichtigste Zubehör einer Merrow. Denn ohne die Mütze war es ihnen nicht möglich, zurück ins Wasser zu kehren, was Wasserwesen schon in den Selbstmord getrieben hatte.

»Möchtest du dich ansehen, Mera?«, fragte Dagda.

Sie nickte eifrig und sofort holte er einen Spiegel aus seiner Schublade, in dem Mera ihren ganzen Körper sehen konnte. Ihre Augen leuchteten auf und ein Kreischen löste sich aus ihrer Kehle.

»Kann ich jetzt unter Wasser schwimmen?«

»Natürlich, aber du musst gut auf deine Mütze aufpassen. Die brauchst du nämlich, um unter Wasser zu atmen. Der Rest wird dir beigebracht, sobald du in Falias bei den Merrows bist.«

Dagda legte seinen Hammer zur Seite und setzte sich an seine Harfe.

»Mach dich bereit, Kleine. Bald bist du in deinem neuen Zuhause.«

Er spielte ein paar Töne, die sich immer mehr zu einer klaren, hellen Melodie zusammenfanden. Langsam verblasste Meras Bild, als ob die Musik sie in sich aufnehmen würde, bis nur noch leichter goldener Glitzer zu sehen war. Dagda hatte sie nach Falias transportiert, wo die Merrows sie bereits erwarteten.

Zu Beginn hatte sich Aisling immer gefragt, wieso die Götter nicht einfach die Harfe benutzen, um in der Anderswelt umher zu reisen. Das wäre doch bestimmt angenehmer, als auf Pferden zu reiten. Doch ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass die Harfe bei Göttern nicht funktionierte und auch ein Wesen nur einmal mit der Harfe reisen könnte. Diese einzigartige Reise wurde gebraucht, um die Neuwesen in ihre neue Heimat zu transportieren.

»Einfach wunderschön meine Arbeit«, sagte Dagda, als er sich mit einem Lächeln von der Harfe erhob. Dann wandte er sich an Aisling.

»Du bist nun entlassen. Morgen habe ich keinen Auftrag für dich. Ruh dich aus«, sagte er und setzte sich wieder an seinen großen Schreibtisch.

Sie nickte, froh darüber, morgen wieder einmal einen freien Tag genießen zu können.

»Danke Dagda.« Sie drehte sich um und ging zur Tür.

»Sag deiner Mutter liebe Grüße«, rief Dagda ihr noch zu. »Und danke ihr für den Apfelkuchen.«

Aisling warf nochmals einen Blick über die Schulter. Ihre Mutter war also wieder bei Dagda gewesen. Wieso kam sie immer hierher?

»Mach ich«, log sie, denn auch wenn sie Dagda mochte, konnte sie die eigenartige Beziehung zwischen ihm und ihrer Mutter nicht ausstehen. Wesen und Götter sollten und durften nicht befreundet sein. Und ihre Mutter brachte sich nur in Gefahr, wenn sie sich mit Dagda traf.

Kapitel 2

Die Reise von Finias nach Murias dauerte normalerweise einen ganzen Tag. Doch Dagda hatte vorgesorgt und einen magischen Weg für die Banshees geschaffen, der von seinem Büro durch einen unterirdischen Gang direkt ins Dorfzentrum in Murias führte. Die Treppe am Ende des Geheimgangs brachte Aisling direkt in die Bibliothek, welche vom Besitzer gerade abgeschlossen wurde. Er schaute grimmig drein und ließ sie hinaus, bevor er die Glastür hinter ihr mit einem lauten Rasseln zuschloss. Die Sonne hing tief und ließ die Farbe der roten Backsteinhäuser noch intensiver erscheinen. Der runde Dorfplatz war beinahe leergefegt, da die meisten Wesen wahrscheinlich schon beim Abendessen saßen. Auch sie wollte nach Hause, doch nicht, ohne ein paar Früchte für ihre Mutter mitzubringen.

Sie ging auf den schwarzen Kessel in der Mitte des Platzes zu, den großen Kessel von Dagda. Statt groß würde riesig besser passen, denn es würde bestimmt zehn Männer mit ausgestreckten Armen brauchen, um diesen zu umfassen. Der Zweck dieses Kessels war es, die Wesen in Murias immer mit Essen zu versorgen und da sich dieser nie leerte, erfüllte er seine Aufgabe ohne Probleme. Von Früchten, über Gemüse bis zu Getreide war alles im Kessel zu finden. Sie kletterte die lange Leiter hinauf und schnappte sich ein paar Pfirsiche, die Lieblingsfrüchte ihrer Mutter, und ein paar Kartoffeln, bevor sie sich auf den Weg zu ihrem Haus machte. Sie freute sich schon auf ihre Mutter, die trotz der späten Stunde bestimmt noch mit dem Abendessen auf sie gewartet hatte.

Als Aisling ihr kleines Haus mit der strahlend weißen Tür erblickte, öffnete sich diese bereits. Ihre Mutter, eine der schönsten Bergfeen des Landes, hatte ihre langen blonden Haare zu einem Zopf geflochten. Ihre großen violetten Flügel, welche über ihren Kopf reichten, glitzerten in der Abendsonne und ihre grünen Augen leuchteten vor Freude auf, als sie ihre Tochter sah. Aisling war sehr dankbar, zusammen mit ihrer Mutter leben zu dürfen. Es machte ihre Arbeit und ihre Gestalt um einiges erträglicher. Dass sie beide gleichzeitig gestorben waren, und dies überhaupt der Grund war, dass sie nun zusammen sein konnten, war der schreckliche Hintergedanke, den Aisling ignorierte. Sie hatten die Menschenwelt zusammen verlassen und konnten jetzt in der Anderswelt gemeinsam weiterleben. Das war alles, was zählte.

»Mein Schatz, wie war dein Tag?«, fragte ihre Mutter lächelnd und nahm ihr dankend das Essen ab. Sie wusste die Antwort auf die Frage sicher schon, denn es war immer die gleiche.

»Traurig«, antwortete Aisling schließlich und trat ins Haus. Ihre Mutter ging zum Herd in der Küche, auf dem etwas in einem Topf vor sich hin köchelte, während sie sich daneben auf die Couch setzte. Der Geruch von Zwiebeln und Kartoffeln stieg ihr in die Nase.

»Ein kleines Mädchen ist an Krebs verstorben. Aber Dagda hat sie in eine Merrow verwandelt. Ich denke, es wartet ein schönes, zweites Leben auf sie.« Sie versuchte, den Neid in ihrer Stimme zu verbergen, scheiterte aber kläglich.

»Aisy, deine Arbeit ist wichtig«, begann ihre Mutter mit der täglichen Predigt und rührte im Topf herum.

»Meiner Meinung nach, sogar die wichtigste von allen. Du bist das erste Puzzleteil der Anderswelt, welches die Menschen sehen. Du legst den Grundstein für uns alle und du machst deine Arbeit gut. Dagda ist sehr zufrieden mit dir.«

Aisling horchte auf.

»Du warst wieder bei ihm, oder?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte. Ihr Blick fiel auf den angeschnittenen Apfelkuchen, der auf dem Tisch vor der Couch stand. Sie war sich sicher, dass ihre Mutter ihn oft besuchte. Öfter, als sie ihrer Tochter erzählte.

Kurz huschte ein dunkler Schatten über das Gesicht ihrer Mutter, doch sie fasste sich schnell wieder.

»Ich weiß, wie unglücklich du mit deinem Job bist. Ich wollte mit ihm darüber reden.«

Immer die gleiche Antwort. Sie wollte nur mit Dagda über Aisling reden, da sie sich nicht mit ihrer Rolle anfreunden konnte. Ihre Mutter wusste jedoch ganz genau, dass dies nichts brachte. Und um ehrlich zu sein, hatte Aisling aufgehört, ihr diese Antwort zu glauben. Sie war zu oft bei Dagda, nur um jedes Mal über die Probleme ihrer Tochter zu sprechen. Sie wollte schon den Mund öffnen und ihre Mutter zu mehr Informationen drängen, aber sie hatte jetzt keine Lust auf einen Streit und ließ sich auf die Lüge ein.

»Hat er endlich eingewilligt, mich in ein anderes Wesen zu verwandeln?« Sie zog eine Grimasse, denn sie wusste, dass dies nicht möglich war. Wenn man einmal verwandelt worden war, konnte man sich nicht einfach umentscheiden, selbst wenn Dagda es gewollt hätte.

Ihre Mutter lächelte und schüttelte den Kopf.

»Wenigstens hast du deinen Humor nicht verloren.« Sie nahm den Topf und stellte ihn auf den Tisch neben der Couch.

»Iss jetzt. Bestimmt triffst du dich später noch mit Oisin, oder?«

Aisling schüttelte den Kopf und setzte sich an den Tisch. Sie war nicht in der Stimmung, das Haus zu verlassen.

Ihre Mutter füllte zwei Teller mit dem Kartoffeleintopf, der wie immer köstlich war. Dies lag jedoch nicht nur an den brillanten Kochkünsten ihrer Mutter, sondern auch an den immer frischen Zutaten, die man aus dem Kessel von Dagda holen konnte. Was für ein Glück, dass dieser in Murias stand.

Durch das runde Fenster in ihrem Zimmer strahlte die Sonne direkt in Aislings Gesicht und weckte sie. Ihre Mutter war bereits zur Arbeit in die Bäckerei gegangen, aber nicht ohne vorher selber zu backen. Der Geruch von frischem Brot lag in der Luft. Sie schwang die Decke zur Seite, schlüpfte in bequeme Kleidung und ging in die Küche. Frühstück war ihre liebste Zeit des Tages. Wenn sie dieses nämlich zu Hause einnehmen konnte, wusste sie, dass keine Arbeit auf sie wartete. Sie konnte den ganzen Tag frei gestalten und sich erholen. Das Wichtigste war natürlich der Schlaf, den sie nun nachgeholt hatte. Es war nämlich schon Mittag.

Nachdem sie sich ihren Bauch mit frischem Brot und Marmelade vollgeschlagen hatte, ging sie in ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Das weiße Bansheegewand hing auf einem Bügel vor dem Kleiderschrank. Ihre Mutter hatte es gestern noch gewaschen und heute gebügelt, bereit für den nächsten Einsatz. Heute aber nicht. Sie ignorierte das Gewand und entschied sich stattdessen für eine schwarze Hose und ein dunkelgrünes T-Shirt, das ihren Bauch nur knapp bedeckte. Es gab nur wenige Tage, an denen sie sich frei kleiden konnte, trotzdem trug sie oft dieselben Sachen. Grün war ihre Lieblingsfarbe. Ihre Mutter sagte immer, dass ihr grün stehe und ihre Augen betone. Ihre langen Haare band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen und verließ dann in ihren braunen Stiefeln das Haus.

Der Wind blies ihr angenehm warme Luft ins Gesicht. Noch etwas, was sie von der Menschenwelt nicht vermisste, war der Winter. Denn hier war es immer warm, jedoch nie zu heiß. So wie ein immer währender Frühling.

Sie nahm die weiße Pflasterstraße in Richtung Dorfzentrum, um kurz bei ihrer Mutter vorbeizuschauen. Am liebsten wollte sie zu ihrem besten Freund Oisin gehen, doch seine Höhle war zu weit oben in den Bergen. Es würde zwei Stunden dauern, um dorthin zu gelangen, und dafür hatte sie heute die Energie einfach nicht. Sie würde ihn am Abend sowieso treffen.

Auf dem Weg ins Zentrum spazierte Aisling durch verschiedene Wohnviertel. Auch wenn in Murias hauptsächlich Banshees lebten, gab es auch hier ein paar Bergfeen, Riesen oder Púcas, die das Leben in den Bergen satt hatten und ein wenig Abwechslung brauchten. Meistens waren es ältere Wesen, denen das Gehen über Steine und auf Felsen langsam zu anstrengend wurde und die Aisling immer freundlich grüßten, wenn sie vorbeilief. Auf einem Spielplatz erspähte sie im Vorbeigehen ein paar Bergfeen-Kinder. Wie wild gewordene Vögel flogen sie durch die Lüfte und versuchten, sich gegenseitig zu fangen. Ihre Flügel waren alle noch so klein und trotzdem schossen sie mit einer Geschwindigkeit durch die Luft, die mit einem Auto auf einer Landstraße sicher mithalten konnte. Eine Frau, etwa im gleichen Alter wie Aislings Mutter, beobachtete das Getobe und rief den Kindern hin und wieder zu, vorsichtig zu sein. Wahrscheinlich war sie Erzieherin und half den Neuwesen, sich in der Anderswelt einzuleben. Sie waren noch so jung und genossen bereits ihr zweites Leben, ohne das erste in der Menschenwelt richtig erlebt zu haben. Ob ihnen das bewusst war oder ob sie einfach nur glücklich waren, dass die Kindheitsträume, eine Fee zu sein, in Erfüllung gegangen waren?

Die Erzieherin drehte ihren Kopf und erblickte Aisling. Sie lächelte und winkte ihr zu. Aisling winkte zurück und setzte ihren Weg fort. Je näher sie dem Dorfzentrum kam, desto schmaler wurden die Wege. Der Stein unter ihren Füssen änderte seine Farbe langsam von Weiß in ein helles Grau, da die Straßen hier viel mehr befahren wurden als in den Wohnvierteln. Die Häuser wurden größer, da sich hier keine Wohnungen mehr befanden, sondern Restaurants, Bars, Gasthäuser und andere Annehmlichkeiten. Vor einem Barber-Shop, in dem zwei Pucas auf Leitern gerade einem Riesen den Bart stutzten, bog sie nach rechts ab und sofort stach ihr der schwarze Kessel auf dem Dorfplatz ins Auge. Die Bäckerei befand sich im Osten des Kreises, gleich neben der Bar, in der sie sich später mit Oisin treffen würde. Morgens kam das manchmal sehr gelegen für Wesen, die länger in der Bar saßen und gerne noch frische Brote oder Süßes kaufen wollten, bevor sie nach Hause ins Bett gingen.

Aisling öffnete die Tür zur Bäckerei und löste die Glocke aus, die durch den Saal klingelte. Hinter dem Tresen befanden sich eine Menge verschiedene Brote und süßes Gebäck. Eine Frau, die Aisling bisher noch nie hier gesehen hatte, lächelte sie an. Wahrscheinlich eine neue Aushilfe für die Mittagszeit. Sie lächelte zurück, als ihre Mutter plötzlich vor ihr stand.

»Oh, Aisy. Wie schön, dich zu sehen. Setz dich. Ich bringe dir gleich einen Tee.«

Sie nickte und setzte sich an einen kleinen leeren Tisch am Fenster. Von hier aus sah sie direkt auf den Dorfplatz, auf dem sich viele Leute tummelten. Um die Mittagszeit kamen die Wesen aus ganz Murias, um sich mit Essen zu versorgen. Manchmal traf sie sogar Leute aus Gorias an. Meistens waren diese aber nicht nur wegen des Essens hier. Dafür war der Weg viel zu weit und auch wenn die drei anderen Teile der Anderswelt keinen magischen Kessel bei sich im Dorfzentrum hatten, waren sie ausreichend mit Essen versorgt. Wenigstens dafür hatten die Götter gesorgt.

Ihre Mutter stellte ihr eine Tasse vor die Nase und verschwand sogleich wieder in der Küche. Die Bäckerei war gut besucht und es gab viel zu tun. Wesen von überall saßen an den Tischen und bestellten meist die einfache Gemüsesuppe, die mit Abstand die beste in der ganzen Anderswelt war. Auch Aislings Mutter wusste, wie man sie kocht, tat es aber nur, wenn ihr Chef Oscar nicht zur Arbeit erschien oder manchmal zu Hause gemeinsam mit Aisling, weshalb sie das Rezept auch kannte. Oscar war ebenfalls eine Bergfee, jedoch mit alt-königlichem Blut. Die Hierarchie der Wesen wurde zwar von König Nuada abgeschafft, aber viele Feen glaubten trotzdem noch daran und gingen, wenn sie Hilfe benötigten, oft zu Oscar, weshalb er anfing, sich ein bis zwei Tage die Woche freizunehmen. An diesen Tagen übernahm ihre Mutter die Bäckerei und machte Überstunden.

Während Aisling an ihrem Kräutertee schlürfte, schaute sie aus dem Fenster und beobachtet weiter die Leute. Die Wesen standen in einer langen Schlange vor der Leiter, die zum Kessel führte. Ihre Augen wanderten weiter über den Platz, bis zum Gasthaus ein bisschen weiter rechts von der Bäckerei, aus welchem plötzlich fünf Gestalten traten, die sie hier nicht erwartet hätte. Durch ihre strahlenden Rüstungen und die Waffen in den Händen fielen sie sofort auf. Als ihre Mutter mit drei Schüsseln Suppe an ihr vorbeiging, stoppte Aisling sie und zeigte nach draußen. »Mam, was machen die Götter hier?«

Ihre Mutter schaute ebenfalls nach draußen. Die fünf Gestalten kamen auf die Bäckerei zu.

»Ich weiß es nicht, Aisy. Aber ich habe das Gefühl, wir werden es bald herausfinden.« Sie setzte ihren Weg fort und stellte die drei Schüsseln auf einen Tisch hinter Aisling. Nur eine Minute später, war das Läuten der Glocke wieder zu hören.

»Wir benötigen Verpflegung und der Mann im Gasthaus sagte uns, dass es hier die beste gäbe. Es muss aber schnell gehen, wir sind im Auftrag des Königs unterwegs«, sagte einer der Götter. Er hatte rotblonde, fast schon orange Haare und blaue Augen. Seine Schultern waren breit, seine Arme muskulös und er trug die Ausrüstung eines Kriegers: braune Hosen, weißes Hemd und darüber eine goldene Rüstung. An seiner Hüfte hing ein langes Schwert mit goldenem Griff. Als er sich drehte und die Sonne die rechte Seite seines Gesichts traf, sah Aisling die Narbe neben dem rechten Auge. Sofort wusste sie, wer vor ihr stand. Bres, der Gott der Agrikultur und einer der meistgehassten in Murias oder besser gesagt, in der ganzen Anderswelt.

Oscar streckte seinen Kopf mit den goldenen Wuschelhaaren aus der Küche.

»Nehmt ruhig Platz. Sobald ihr an der Reihe seid, bringe ich euch die Suppe.«

Bres schnaubte laut und schlug seine Faust auf einen Tisch, an dem Gäste saßen. Die Suppe verteile sich auf dem Holz. »Hast du nicht gehört? Wir haben nicht viel Zeit. Bring uns die Suppe. Jetzt!«

Es war still im Raum und niemand rührte sich. Ein weiterer Gott mit langen blonden Locken und genau so blauen Augen wie Bres, legte seine Hand auf die Schulter seines Freundes. Er war noch größer und breiter als Bres und trug ebenfalls eine Kriegerausrüstung.

»Er meint es nicht so. Nehmt euch Zeit. Wir setzen uns.«

Bres warf ihm einen bösen Blick zu, den der unbekannte Gott ignorierte. Alle fünf Krieger ließen sich an einem Tisch neben Aisling nieder. Irgendwie kam ihr der blonde Gott bekannt vor. Oft hatte sie Bilder der Götter gesehen, doch da sich diese grundsätzlich nie nach Murias aufmachten, kannte sie sie nicht persönlich. Außer Bres. Bres war ein Probleme-Macher und Feen-Verführer. Wenn er wieder einmal seine Macht zeigen wollte, kam er gerne nach Murias, um mit einem Riesen zu kämpfen, und wenn er nach Gesellschaft einer Frau trachtete, ging er oft nach Gorias, da die Waldfeen schneller zu beeindrucken waren als Bergfeen. Das hatte Aisling zumindest gehört. Immerhin hatte sie Murias noch nie verlassen. Ehrlich gesagt hatte sie auch nie den Drang dazu verspürt, denn sie liebte ihre Heimat viel zu sehr.

»Dieses Drecksloch kann ich nicht ausstehen. Hier herrscht kein Respekt vor uns Göttern«, sagte Bres wütend und nahm einen Schluck von seinem Bier, welches Aislings Mutter bereits gebracht hatte. »Wieso musstest du dich einmischen, Lugh?«

Lugh. Das war der unbekannte Gott. Lugh, der Gott der Künste und des Handwerks. Erst jetzt bemerkte Aisling, dass er kein Schwert, sondern einen goldenen Speer bei sich trug. Es hätte ihr auffallen müssen.

»Weil du dich wie ein Idiot aufführst. Wir müssen nur noch den westlichen Teil der Drachenberge absuchen und abreisen können wir sowieso nicht mehr heute. Wir können also auch eine Stunde Pause machen.«

Sie suchen also etwas, schoss es Aisling durch den Kopf. Aber was sollten sie hier in Murias finden wollen?

Bres murmelte leise etwas vor sich hin, was Aisling nicht verstehen konnte.

»Aisy, würde es dir etwas ausmachen, den Tisch freizugeben?«, unterbrach Aislings Mutter ihre Gedanken.

»Es sind noch mehr Gäste gekommen, die gerne etwas essen wollen.«

Aisling schaute zur Tür, wo sechs Bergfeen auf einen Tisch warteten. Schnell nahm sie den letzten Schluck ihres Tees und stand auf.

»Natürlich Mam. Kann ich noch etwas für dich erledigen heute Nachmittag? Oder soll ich hier helfen?«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und wischte den Tisch ab. »Nein, nein. Genieße deine Ruhe. Du hast es dir verdient.«

»Okay, dann sehen wir uns heute Abend. Bis später.« Sie gab ihrer Mutter noch kurz einen Kuss auf die Wange und ging dann zur Tür. »Tschüss Oscar«, rief sie noch bevor sie aus der Bäckerei auf den Dorfplatz trat. Sie sah sich um, als ihr Blick beim Gasthaus hängen blieb. Was machten fünf Götterkrieger in Murias? Wonach sie hier wohl suchten? Der Gedanke ließ sie nicht los. Keiner der Wesen mochte es, wenn Götter den Palast verließen. Das hieß eigentlich immer, dass es irgendwelche Probleme gab, die in den Augen der Götter ganz sicher von den Wesen ausgelöst worden waren, denn sie allein waren an allem schuld.

Die Neugier ließ sie auf das Gasthaus gegenüber zulaufen. Vielleicht weiß ja der Besitzer mehr. Als sie eintrat, hörte sie ein Fluchen aus dem Speisesaal kommen. Sie folgte den nicht derben Worten und sah einen Puca, der etliche Essensreste und Flüssigkeiten vom Boden wischte.

»Was ist denn hier passiert?«, fragte Aisling überrascht und nahm ein paar Tücher zur Hand, die in der Nähe lagen. Sie breitete diese auf dem Boden aus, um die gelbe Flüssigkeit aufzusaugen. Es roch stark nach Bier.

»Götter sind passiert«, sagte der Puca wütend. »Haben den ganzen Tisch umgeworfen, weil sie mit dem Essen nicht zufrieden waren. Und jetzt muss ich aufräumen. Hoffentlich schmeckt ihnen die Gemüsebrühe im anderen Lokal besser.«

Aisling warf einen kurzen Blick aus dem Fenster zur Bäckerei und sah, dass die Götter gemütlich ihre Suppe schlürften. Es schien ihnen zu schmecken, also blühte ihrer Mutter und Oscar hoffentlich nicht das Gleiche wie hier. Sie wandte sich wieder ihren Tüchern zu, die nun klitschnass waren und wrang sie über einer Schüssel aus. »Was machen die Götter denn hier?«, fragte sie neugierig. Vielleicht hatte der Puca ein bisschen mehr aufgeschnappt. Doch der zuckte mit den Schultern.

»Sie suchen wohl irgendjemanden. Ich meine gehört zu haben, dass ein Gott verschwunden ist. Das ist aber fast unmöglich. Wohin sollte der denn schon gehen? In die Menschenwelt?« Er lachte kurz auf. »Schön wär‘s. Dann würden sie uns in Ruhe lassen. Hoffentlich finden sie diesen Gott nie wieder, dann gäbe es einen weniger, der uns Wesen nervt und verabscheut.«

Aisling nickte zustimmend. Sie würde zwar nicht wollen, dass einem Gott etwas Schlimmes passierte, außer Bres und Nuada vielleicht, aber ihr war es gleichgültig, ob es nun einen Gott mehr oder weniger gab. Hauptsache war, dass es Dagda gut ging.

Sie wrang ihre Tücher ein weiteres Mal aus und stand auf. Der Boden war nun zwar wieder trocken, aber egal, wo man hintrat, die Schuhe klebten daran wie Kaugummi.

»Danke für deine Hilfe. So bin ich wenigstens ein bisschen schneller wieder zu Hause in meiner Höhle«, meinte der Puca und legte die nassen Tücher in einen Korb mit dreckiger Wäsche.

»Gerne, und einen schönen Tag noch«, sagte Aisling und wandte sich zum Gehen. Viel herausgefunden hatte sie nicht, doch ein Gesprächsthema für den Abend mit Oisin hatte sie nun definitiv. Er liebte es, sich über die Götter zu unterhalten.

Kapitel 3

Als die Sonne bereits untergegangen war, machte sich Aisling auf den Weg zur Bar Zum Kessel, wo sie sich mit Oisin traf. Da sie sich direkt neben dem Kessel von Dagda befand, war der Name nicht weit hergeholt. Es war die beste Bar in Murias und deshalb jeden Abend der Treffpunkt für alle Wesen, die sich hier aufhielten. Von Oisin fehlte jedoch jede Spur, weshalb sie sich neben den Brunnen vor dem Lokal stellte, der in der Mitte eine Statue von Dagda zeigte. Würde dieser Brunnen irgendeinen anderen Gott darstellen, wäre er wahrscheinlich schon lange zerschlagen worden, denn Dagda war der einzige Gott, der in Murias nicht verabscheut wurde. Obwohl es bestimmt auch Wesen gab, die ihn hassten.