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Nach einem tragischen Ereignis in ihrer Heimat braucht Emily dringend einen Neuanfang und reist als Au-pair nach Annandale, Virginia. Dort wohnt sie bei einer fürsorglichen Gastfamilie und passt auf zwei kleine Kinder auf. Als ihre neue Freundin Laura sie zu einer Feier mitnimmt, trifft sie Jason. Der hat nicht nur Partys im Kopf, sondern will auch die erfolgreiche Firma seines Vaters übernehmen. Obwohl sie beide nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung sind, funkt es sofort zwischen ihnen. Doch sein bester Freund Alex hat ebenfalls Interesse an Emily. Überlässt er Jason das Feld? Und was passiert, wenn Emily wieder in die Schweiz zurückkehrt?
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2022
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1. Auflage 2022Copyright © 2022 Stefanie SuterEbisquare-Strasse 7b, 6030 Ebikon, Schweiz
Umschlaggestaltung: Constanze Kramer, coverboutique.de
Bildnachweise: © CARACOLLA, ©phatthanit – stock.adobe.com; rawpixel.com
Satz und E-Book Konvertierung: Constanze Kramer, coverboutique.de
ISBN 978-3-754-36569-4
Alle Rechte vorbehalten. Das vorliegende Werk darf weder in seiner Gesamtheit noch in seinen Teilen ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Rechteinhaber in welcher Form auch immer veröffentlicht werden. Das betrifft insbesondere jedoch nicht ausschließlich elektronische, mechanische, physische, audiovisuelle oder anderweitige Reproduktion oder Speicherung und oder Übertragung des Werkes sowie Übersetzungen. Davon ausgenommen sind kurze Auszüge, die zum Zwecke der Rezension entnommen werden.
Für alle, die mich auf dem Weg zu meinem ersten Roman unterstützt haben.
Emilys Hände zittern, als sie den schweren Koffer auf die Waage hebt. Das liegt aber nicht daran, dass er die erlaubten 23 Kilo leicht übersteigt. Genau wie sie wird er etwa sechstausend Kilometer hinter sich bringen. Umgeben von Gleichgesinnten, doch trotzdem ganz allein. Sie beobachtet, wie ihr Gepäck langsam auf dem Förderband verschwindet.
»Hier Ihr Pass und das Flugticket«, sagt die nette Dame hinter dem Schalter und streckt ihr die Dokumente hin.
Emily erschreckt. Ein bisschen zu schnell nimmt sie die Unterlagen von der Frau entgegen, die sie fröhlich anlächelt. Um den unangenehmen Moment zu überspielen, murmelt Emily ein nettes Danke und macht sich auf den Weg zu ihrer Familie.
Ihre Mutter schaut sie bedrückt an. Bereits seit Tagen liegt eine traurige, besorgte Stimmung um sie herum. Obwohl sie Emily anlächelt, zieht sich die Freude nicht bis zu ihren wässrigen Augen. Emilys Vater legt den Arm um ihre Taille und zieht sie näher an sich. Es ist schwer für sie, ihre Tochter für ein Jahr weggehen zu lassen.
Gott, sie wird ihre Familie so vermissen!
»Hat das Check-in geklappt?«, fragt ihr Vater liebevoll. Er löst sich langsam von ihrer Mutter und reicht Emily den Rucksack.
»Ja, alles gut. Ich habe sogar einen Fensterplatz«, antwortet Emily und packt die Unterlagen ein. Ihre Hände zittern immer noch.
Ihr Vater scheint Emilys Antwort aber keine Beachtung zu schenken, sondern wendet sich zu ihrem Bruder, der neben ihm steht. »Jetzt leg doch mal das Handy weg!«, sagt er bestimmt.
Daniel verdreht seine blauen Augen, schnalzt laut und verstaut sein Telefon in der Hosentasche. Dabei fallen ihm seine blonden Haare ins Gesicht, die er mit einer schnellen Handbewegung wieder zur Seite wischt.
Ein kurzer Stich macht sich in Emilys Brust bemerkbar. Wie immer, wenn ihr Bruder respektlos ist. Er hat anscheinend Besseres zu tun, als die letzten Momente mit seiner Schwester zu genießen. Alle waren überrascht, dass er überhaupt mit zum Flughafen kam.
Emilys Blick trifft auf den ihrer Mutter. Sofort macht sich Wärme in ihr breit und sie lächeln einander zu.
Es ist auch schwer für Emily, sich von ihrer Familie zu verabschieden. Sie weiß jedoch, dass es das Richtige ist. Sie muss lernen, mit dem Erlebten klarzukommen, und versuchen, es zu verarbeiten. Ein neues Leben in einem neuen Land wird ihr dabei helfen.
Ihr Vater räuspert sich. »Gehen wir doch noch etwas Kleines essen«, schlägt er vor.
»Gute Idee«, antwortet Emily und wirft sich den Rucksack über die Schultern. Sie hat zwar keine Lust auf Essen, aber dieses Herumstehen macht die Situation auch nicht angenehmer.
Gleich neben dem Eingang zur Sicherheitskontrolle ist die Bye Bye Bar. Der Flughafen Zürich hätte den Namen nicht besser wählen können.
Während sie sich setzen, verstaut Daniel überraschenderweise sogar von sich aus sein Handy. Vielleicht hat die Ansage von ihrem Vater vorhin doch etwas bewirkt.
Emily erinnert sich an die Zeit, bevor ihr Bruder in die Pubertät kam. Damals war ihre Beziehung noch nicht so kühl und er zeigte ein bisschen mehr Respekt. Heute ist es für die ganze Familie hingegen nicht einfach mit ihm.
Am Tisch ist es ruhig. Emily sucht verbissen nach einem Gesprächsthema, aber ihr kommt nichts Passendes in den Sinn.
»Du machst dir zu viele Gedanken, mein Schatz«, unterbricht ihre Mutter plötzlich die Stille.
»Ja«, stimmt ihr Vater zu. »Freust du dich denn nicht auf die neue Erfahrung?«
Emily seufzt. »Doch, natürlich. Aber was, wenn ich keine Freunde finde oder meine Gastfamilie mich trotz all der Gespräche nicht mag?«
»Du gehst ja vorher zur Training School. Da lernst du bestimmt viele neue Leute kennen«, sagt ihre Mutter aufmunternd.
Das macht Emilys Nervosität nur noch schlimmer. Sie würde lieber direkt zu ihrer Gastfamilie nach Virginia fahren, als zuerst in New York für eine Woche mit vielen fremden Au-pairs zu lernen, wie man auf Kinder aufpasst. Immerhin muss man sowieso schon Erfahrungen in der Kinderbetreuung mitbringen.
Emily schüttelt die Gedanken ab. »Ja, vielleicht hast du recht.« Sie zwingt sich zu einem kurzen Lächeln.
Dann kommt der Moment des Abschieds doch schneller als gewünscht. Gemeinsam gehen sie zum Eingang der Sicherheitskontrolle.
»Okay, Zeit um Tschüss zu sagen«, flüstert Emily und wendet sich ihrem Bruder zu.
Seine Arme streifen ihren Körper nur kurz, bevor er diese wieder wegzieht. »Viel Spaß«, murmelt er knapp. Sein Verhalten ist sicher nicht böse gemeint, aber Emily hatte sich mehr gewünscht.
»Danke. Und bitte benimm dich. Kein Gras mehr, wenn du fährst, okay?«, flüstert Emily so leise, dass ihre Eltern es nicht hören können. Sie muss die beiden im Moment des Abschieds nicht auch noch an diese Nacht erinnern.
Daniel verdreht die Augen, nickt ihr aber kurz zu.
Ihr Vater nimmt sie fest in die Arme und küsst ihren Kopf. »Ich bin so stolz auf dich, mein Sonnenschein. Dieses Jahr wird dir sicher guttun und dir sehr viel Lehrreiches bringen. Genieße jeden Moment davon.«
Emily lächelt. Seit Jahren schon ist sie für ihre Eltern ihr kleiner Sonnenschein. Selbst in den letzten Monaten, in denen sie alles andere als Freude versprühte, blieb ihr Kosename bestehen. Es ist schön zu wissen, dass sie immer das Gute in ihr sehen.
Sobald Emily sich vom Körper ihres Vaters gelöst hat, wird sie von ihrer Mutter in eine feste, fast schon zerdrückende Umarmung gezogen. Ihre Mutter bricht sofort in Tränen aus und kann kein Wort sagen.
Emily erwidert die Umarmung mit genau so viel Kraft und spürt wieder Wärme in sich. Auch ihr steigen Tränen in die Augen. Doch sie hält diese zurück, sonst macht es den Abschied für sie nur noch schlimmer. »Ist okay, Mam. Wir bleiben immer in Kontakt. Dieses eine Jahr wird schneller vorbeigehen, als du denkst«, flüstert sie mehr zu sich selbst und löst sich aus der Umarmung.
Hastig dreht sich ihre Mutter zur Seite und wühlt in ihrer Tasche herum. Nach einem kurzen Moment zieht sie ein Päckchen heraus und übergibt es Emily. »Damit du uns nicht vergisst. Du darfst es aber erst am Gate öffnen«, sagt sie, immer noch schluchzend.
Emily nimmt das kleine, sorgfältig eingepackte Geschenk entgegen. Es ist schwer und in leuchtendes, gelbes Papier eingewickelt. Ihre Lieblingsfarbe.
Sie bedankt sich bei ihren Eltern und nickt auch Daniel kurz zu. Dann muss sie sich aber wirklich auf den Weg machen. Sie packt das Geschenk ein, nimmt den Boardingpass und schwingt sich den Rucksack wieder über die Schultern.
Das Ticket in ihrer Hand zittert leicht, als sie es an den Scanner für die Barriere hält. »Ich habe euch alle ganz doll lieb. Bis bald!«, sagt sie noch, bevor sich die Türen mit einem grünen Leuchten öffnen und ihr den Weg zur Sicherheitskontrolle freimachen. Sie dreht sich nicht mehr um, weil sie nicht nochmals in das traurige Gesicht ihrer Mutter blicken möchte. Ein mulmiges Gefühl macht sich in ihrem Magen breit. Eine Mischung aus Neugier, Sorge und Nervosität.
Nach der Sicherheitskontrolle packt Emily langsam ihre Sachen wieder ein.
Hinter ihr reden zwei junge Frauen miteinander und kichern. »Auf keinem Fall dürfen wir die Sagrada Família verpassen und shoppen müssen wir auch! Ich freu mich so auf diesen Beste-Freundinnen-Trip!«
Beim letzten Wort ist Emily übel geworden und alte Erinnerung kommen in ihr hoch.
Vor knapp einem Jahr war sie ebenfalls hier am Flughafen mit ihrer besten Freundin Kim. Berlin war der erste gemeinsame Städtetrip und sie plauderten die ganze Zeit über die Reisen, die noch folgen sollten. Sogar eine Liste mit all den Städten, die sie zusammen bereisen wollten, hatten sie angefertigt. Sie hatten sich genauso gefreut wie die beiden Mädels. Doch nur einige Wochen danach kam alles anders und es war allein Emilys Schuld.
Sie schließt die Augen, um ihre Erinnerung zu verdrängen. Ihr ist schwindelig und die Welt scheint sich wie ihre Gedanken wild zu drehen. Als sie die Augen wieder öffnet, merkt sie, dass die Leute um sie herum ihr komische Blicke zuwerfen. Die beiden Freundinnen sind verschwunden.
Schnell packt sie ihre Sachen und taumelt ein paar Schritte von der Menschenmasse weg. Ihr Herz schlägt schneller und sie verspürt ein tiefes Verlangen danach, sich hinzusetzen. Als sich ihr Körper immer mehr erhitzt, wird ihr klar, was gerade mit ihr passiert. Wenn sie jetzt eine Panikattacke hat, könnte sie ihren Flug verpassen. Sie muss so schnell sie kann zum Gate. Doch dieses ist am anderen Ende des Flughafens.
Zielstrebig läuft sie durch den Duty-free-Shop, den man hier leider nicht umgehen kann. Der Geruch von Parfum steigt in ihre Nase, was den Schwindel noch schlimmer macht. Ein bisschen zu schnell dreht sie sich nach links, kann sich aber am Handlauf der Rolltreppe noch fangen, bevor sie komplett das Gleichgewicht verliert.
Die Welt kreist, doch auf dem Weg nach unten hat Emily einen Moment Zeit, um tief durchzuatmen. Sie stützt sich weiterhin ab, um nicht umzukippen. Diese Panikattacken hat sie schon seit ein paar Monaten. Sie tauchten nach dem Zwischenfall mit ihrer besten Freundin Kim auf. Aber sie hat noch niemandem davon erzählt.
Im unteren Stock bei der Passkontrolle angekommen, schlägt ihr Herz ein wenig langsamer. Die Hitze in ihrem Körper macht jedoch klar, dass es noch nicht überstanden ist. Mit schwitzigen Händen nimmt sie ihren Pass aus dem Rucksack und begibt sich zum Schalter.
Der Mann dahinter scheint die Schweißperlen auf Emilys Stirn nicht zu bemerken oder zeigt zumindest kein Interesse daran.
Sie packt die Unterlagen nach der Überprüfung ein und läuft weiter zur nächsten Rolltreppe, die nochmals einen Stock tiefer führt.
Glücklicherweise fährt zum Zeitpunkt, an dem Emily unten ankommt, die Bahn zu Gate E ein.
Mit kurzen, schnellen Schritten steigt sie ein, allerdings ist kein Sitzplatz mehr frei. Sie stützt sich an der Wand ab und atmet durch.
Mit diesem Zug zu fahren ist normalerweise pure Freude. Die typisch schweizerischen Bilder an den Tunnelwänden, das Muhen der Kühe und Läuten der Glocken sind wirklich ein Erlebnis, das nur der Flughafen Zürich bietet. Im Moment machen diese Eindrücke die Panikattacke aber nur noch schlimmer. Denn in der Schweiz fühlt sie sich momentan alles andere als zu Hause. Die Fahrt dauert nur ein paar Minuten, ihr kommt es jedoch wie eine Ewigkeit vor.
Bei der Ankunft am Gate E merkt sie, dass sie es nicht bis zum Schalter für das Boarding schaffen wird, ohne umzukippen. Dafür quält sie die Hitze und der Schwindel zu sehr. Schnell steigt sie aus und setzt sich nach einigen Metern auf eine Bank. Sie atmet tief durch und legt den Kopf in ihr Hände.
Als sie diesen wieder hebt, sieht sie hinter den großen Fenstern die Flugzeuge. Bereit, um neue Passagiere und auch sie an einen anderen Ort zu bringen.
Bald bin ich hier weg und kann neu starten.
Dieser Gedanke und die Atemübungen lassen ihren Puls sinken. Sie steht auf und setzt ihren Weg fort. Ihr Flug startet am anderen Ende des langen, breiten Gangs.
Emily schleppt sich langsam in diese Richtung. Auf dem Weg geht sie an einem Starbucks vorbei.
Ein heißer Tee ist jetzt genau das Richtige, denkt sie und bestellt sich einen Kamillentee. Dieser sollte helfen, sie etwas ruhiger zu stimmen.
Sie wirft einen Blick auf die Uhr. Das Boarding startet erst in Dreißig Minuten, es bleibt also noch Zeit.
Das Getränk nimmt sie mit zum Gate und setzt sich auf einen Stuhl. Ihre Sachen legt sie vor sich hin. Sie öffnet den Deckel ihres Bechers, damit der Tee schneller abkühlt. Doch dieser sitzt so fest, dass sie beim Öffnen einen Teil des heißen Getränks verschüttet. Die Flüssigkeit landet auf ihren Jeans.
»Ah, scheiße«, flüstert Emily wütend. Sie stellt den Becher neben sich auf ein kleines Tischchen und sucht im Rucksack nach einem Taschentuch. Stattdessen stößt sie auf das Geschenk ihrer Eltern. Sie bekommt ein schlechtes Gewissen, weil sie das Päckchen völlig vergessen hatte.
Ihre Mutter wartet sicher schon sehnlichst auf ihre Reaktion.
Als sie auch das Taschentuch gefunden hat, schließt sie den Rucksack und legt ihn zurück auf den Boden. Sie wischt sich die Sauerei, so gut es geht, von der Jeans und wendet sich dann dem Geschenk zu.
Langsam zerrt sie am gelb schimmernden Papier des Pakets. Darunter befindet sich eine kleine, gelbe Schmuckschachtel mit einer Sonne auf dem Deckel. Die Schachtel und das Papier passen perfekt!
Sie öffnet die Box langsam und sieht eine silberne Kette mit einem Medaillon und ein zusammengefaltetes Stück Papier.
Der runde Anhänger hat ebenfalls eine schwungvolle Abbildung einer Sonne und in der Mitte befindet sich ein kleiner, funkelnder Stein.
Beim genaueren Hinsehen merkt sie, dass sich das Medaillon öffnen lässt. Vorsichtig klappt sie es auf.
Im Inneren lächeln ihr Vater, ihre Mutter und ihr kleiner Bruder sie von einem Foto an.
Emily lächelt zurück.
Der beigelegte Brief ist von ihrer Mutter. Sie würde ihre schwungvolle Schrift überall erkennen.
Liebe Emily,
wir wissen, dass du in den letzten Monaten viel durchgemacht hast und du dieses Zwischenjahr in den USA als Neustart brauchst. Das Leben legt einem manchmal Stolpersteine in den Weg. Es liegt nun an dir, diese zu überwinden und dich weiterzuentwickeln. Für diesen Schritt möchten wir dir einen Rat mitgeben: Die Stärke liegt in der Vergebung. Vor allem in der Vergebung an dich selbst. Und wir denken, dass du diese wichtige Lektion in Amerika lernen wirst.
Damit du uns nicht vergisst und auch in dunkeln Zeiten Licht bei dir hast, haben wir ein kleines Geschenk für dich. Wir sind sehr stolz auf dich und freuen uns darauf, dich in einem Jahr wieder in die Arme nehmen zu können.
Haben dich ganz doll lieb.
Mam und Dad
Tränen steigen in Emilys Augen und Freude blüht in ihr auf. Ihre Mutter findet immer die richtigen Worte. Worte, die sie genau jetzt lesen musste. Sie ist dankbar, eine Familie zu haben, die so unterstützend und liebevoll ist. Trotz aller Fehler stehen sie immer zueinander.
Sie nimmt das Taschentuch, das vom Tee nur leicht feucht ist, und trocknet sich die Augen. Das Medaillon legt sie sich um den Hals. Den Rest packt sie zurück in den Rucksack.
Ihrer Mutter schreibt sie sofort eine kurze Nachricht mit einem Bild von sich mit der Kette und dem breitesten Lächeln seit Tagen.
Vielen lieben Dank für das Geschenk! Es ist wunderschön und genau, was ich jetzt gebraucht habe!
Ihre Mutter antwortet sofort. Wie erwartet.
Gern geschehen. Wir sind froh, dass sie dir gefällt. Wir werden dich vermissen. Pass auf dich auf, Sonnenschein!
Bevor sie das Handy weglegt, wirft sie noch einen Blick auf die Zeit.
Bald beginnt das Boarding.
Die Unruhe in ihrem Körper, die sich für einen Moment gelegt hat, kehrt zurück. Sie wendet sich ihrem Tee zu.
Dieser hat inzwischen eine gute Trinktemperatur.
Emily atmet tief durch und nimmt einen Schluck. Die Wärme breitet sich in ihrem Körper aus. Es wird alles gut, denkt sie immer wieder. Sie trinkt ihren Tee Schluck für Schluck aus und wirft den Becher dann in den Abfall.
Wie geplant erklingt anschließend aus dem Lautsprecher eine Stimme. Das Boarding für ihren Flug beginnt.
Keine Sekunde nach dieser Aussage stehen die meisten Leute auf und begeben sich zum Eingang des Gates.
Emily schüttelt den Kopf. Sie versteht nicht, weshalb immer gleich alle Passagiere aufspringen müssen. Zuerst sind sowieso die besseren Klassen dran. Sie bleibt noch eine Weile sitzen und beobachtet die Leute, um sich von ihrer Aufregung abzulenken. Emily liebt es sich Geschichten über Mitreisende auszudenken.
Doch ihre Träumerei wird durch Geschrei gestört. »Tommy, was machst du denn da? Ich habe dir gesagt, hier wird nicht gerannt!«, ruft eine Frau wütend.
Ein Kleinkind sitzt weinend am Boden, umgeben von Schokolinsen, die es wahrscheinlich ausgeschüttet hat. Die gestresste Mutter kniet auf dem Boden und versucht, alle Süßigkeiten schnell zusammenzusuchen.
Die Leute rundherum verdrehen verständnislos die Augen und werden leise unangemessene Kommentare los.
In ein paar Tagen könntest du das sein, schießt es Emily durch den Kopf. Dabei ärgert sie sich nicht über das weinende Kind, sondern fühlt mit der Mutter mit. Schnell steht sie auf, um der Frau zu helfen, denn sie wäre ebenfalls um jede Hilfe froh.
»Danke schön«, sagt die Mutter liebevoll, als Emily sich neben sie auf den Boden hockt.
»Gar kein Problem«, antwortet sie lächelnd und sammelt die Schokolinsen ein.
Tommy steht daneben und zieht einen Schmollmund.
»Sobald die Kinder zwei werden, verwandeln sie sich von süßen Babys in kleine Monster. Wutausbrüche, trotziges Verhalten, es ist alles dabei«, flüstert sie Emily leise zu und lacht kurz. »Trotzdem liebt man sie.«
Emily nickt. Sie kann sich erinnern, von den Terrible Twos gelesen zu haben. Tucker, eines ihrer Gastkinder, fällt mit zwei Jahren auch in diese Kategorie. Hoffentlich wird sie diese Probleme mit ihm bewältigen können.
Als die Unordnung wieder beseitigt ist, bedankt sich die Mutter nochmals bei Emily und geht mit ihrem quengelnden Jungen zu einem anderen Gate.
Zufriedenheit macht sich in Emily breit. Wie immer, wenn sie jemandem helfen kann. Das Gefühl ist so stark, dass es die Nachwirkungen der Panikattacke überdeckt.
Bei der nächsten Lautsprecherdurchsage kommt die Aufregung jedoch wieder zurück, denn die Economy-Klasse ist mit dem Boarding dran.
Emily holt ihre Sachen und stellt sich in die Schlange. Sie nimmt schon mal ihren Pass und ihr Flugticket aus dem Rucksack. Sie hatte diese extra in ein Nebenfach gepackt, damit sie alles schneller zur Hand hat.
Als sie an der Reihe ist, lächelt die Flugbegleiterin ihr fröhlich zu.
Emily reicht ihr ihre Unterlagen und zwingt sich ein kleines Lächeln auf die Lippen.
Die Frau nickt ihr zu und gibt ihr die Dokumente zurück. Für einen kurzen Moment huscht ein verwirrter Blick über ihr Gesicht. Wahrscheinlich merkt sie, dass Emily nervöser ist als andere.
Langsam geht sie Schritt für Schritt durch den schmalen Gang in Richtung ihres Sitzplatzes. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Emily endlich bei ihrer Reihe an. Es sitzt noch niemand da, so dass sie sich in Ruhe einnisten kann.
Sie hebt den schweren Koffer in das Gepäckfach über ihrem Kopf, was sich aufgrund ihrer Größe als sehr anstrengend herausstellt, und setzt sich dann hin. Für den langen Flug benötigt sie unbedingt ihr Handy und ihre Kopfhörer, welche sie aus dem Rucksack nimmt, bevor sie diesen unter dem Sitz vor sich verstaut. Sie tippt noch kurz eine Nachricht für ihre Familie.
Bin jetzt im Flugzeug. Bald geht es los. Melde mich in New York wieder.
Danach schaltet sie den Flugmodus ein.
Einige Minuten später fängt das Flugzeug an zu vibrieren und kurz darauf zu rollen.
Eine Stimme erklingt durch den Lautsprecher, es ist der Pilot. Er heißt die Passagiere willkommen und gibt einige Informationen zum achtstündigen Flug.
Anschließend wird das Sicherheitsvideo gespielt, das Emily aber ignoriert. Erstens hat sie es schon oft gesehen und zweitens ist sie momentan zu sehr mit sich selbst beschäftigt, da ihr Herz wieder schneller schlägt.
Sie steckt sich die Kopfhörer ins Ohr und schaltet eine Meditation ein, die sie beruhigen soll. Eine sanfte Musik erklingt, begleitet von einer weiblichen Stimme. Emily schließt die Augen und konzentriert sich darauf, was sie ihr sagt. Ein wohliges Gefühl breitet sich in ihr aus und tatsächlich beruhigt sich ihr Puls. Er beruhigt sich so sehr, dass Emily merkt, wie doch ein Moment der Vorfreude in ihr hervorkriecht als das Flugzeug den Boden verlässt und in die Höhe steigt.
Auf dem Weg in den Süden wird das Wetter immer besser und der Schnee immer weniger, bis er ganz verschwindet.
Emily kann die Wärme der Sonne durch das Fensterglas spüren. Mit Musik in den Ohren beobachtet sie die vorbeiziehende Landschaft. Trotzdem kann sie das Geschnatter der anderen Au-pairs im Bus hören.
Wie befürchtet hat Emily mit niemandem in der Training School eine wirkliche Freundschaft aufgebaut. Es gab zwar ein paar nette Mädchen, die werden aber alle an einen anderen Ort in Amerika reisen. Mit den sechs Mädels im Bus hatte Emily aber nichts zu tun. Für ihren Geschmack waren sie alle ein bisschen zu laut und eingebildet. Deshalb ist Emily froh, als die mehrstündige Busfahrt auch endlich endet.
Bei der Ankunft in Alexandria warten bereits zwei Gastfamilien auf dem Parkplatz, als der Bus einfährt.
Sofort wird das Geplapper der Mädchen noch lauter.
»Ist das deine Familie?«
»Nein, ich glaub meine. Oh, sieh dir den Kleinen an.«
»Das könnte auch meine sein!«
Auch Emily starrt suchend nach draußen, während sie langsam die Kopfhörer und ihr Handy verstaut. Sie hat sich gut gemerkt, wie ihre Gastmutter aussieht, damit sie sie gleich erkennt.
Jedoch kann sie diese nicht entdecken.
Als der Bus endlich hält, steigen alle aufgeregt aus, um ihre Koffer zu holen. Dann kommt eine Familie nach der anderen vorbei und holt ihr Au-pair ab.
Nach einer Weile wartet Emily alleine mit der Betreuerin ihrer Organisation auf dem Parkplatz.
»Keine Sorge. Sie kommen sicher bald. Um diese Zeit herrscht immer viel Verkehr und wir waren etwas zu früh hier«, muntert sie Emily auf.
Emily lächelt ihr zu und entspannt sich ein wenig.
Ihre Gastmutter Helen wird sie bestimmt nicht vergessen. Bereits bei den Videocalls, als sie ihre Gastfamilie kennenlernte, war Helen nie pünktlich und irgendwie waren die Gespräche immer ein bisschen chaotisch.
Tatsächlich fährt einige Minuten später ein Auto auf den Parkplatz.
Emilys Herz fängt vor Freude an wie wild zu schlagen.
Die Autotür öffnet sich. Eine leicht pummelige Frau mit langen, braunen Haaren steigt aus und winkt. Es ist Helen, ganz sicher.
Emily steht auf und grüßt zurück.
Helen geht zur hinteren Tür und öffnet sie. Einen kurzen Moment später hilft sie einem blonden Jungen aus dem Auto.
Der kleine Tucker hält ein selbst gemaltes Schild mit der Aufschrift Welcome Home, Emily in den Händen.
Emily geht auf die beiden zu und wird von Helen sofort in den Arm genommen. »Es ist so schön, dich endlich kennenzulernen!«
Sie lächelt. »Das kann ich nur zurückgeben.« Nachdem sie sich aus der Umarmung gelöst hat, kniet sie sich hin, um Tucker ebenfalls zu begrüßen.
Der kleine Junge steht ganz nahe neben Helen und grinst scheu. Er hat wunderschöne leuchtend blaue Augen mit den längsten Wimpern, die Emily je gesehen hat.
»Komm schon, Äffchen. Du musst nicht so schüchtern sein«, spornt Helen ihn an.
Was für ein süßer Spitzname.
Tucker gibt ihr das Willkommensplakat.
»Danke schön. Hast du das selbst gemalt?«, sagt sie, um ihn ein bisschen zum Reden zu bringen.
Er nickt fröhlich und nimmt die Hand seiner Mutter.
Emily verzieht ihren Mund zu einem Grinsen. Die Geste mit dem Plakat zeigt ihr, dass sie mit offenen Armen in die Gastfamilie aufgenommen wird. Genau, was sie sich gewünscht hat. Da sie aber erst die Hälfte der Familie kennt, hofft sie, dass auch ihr Gastvater und das Baby so positiv ihr gegenüber auftreten.
Emily steht wieder auf. Gemeinsam mit Helen packt sie ihr Gepäck in den Kofferraum und steigt ins Auto. Während der Fahrt zum Haus versucht Emily mit ihren Englischkenntnissen, so gut es geht, mit Helen zu plaudern.
Tucker beteiligt sich ebenfalls an der Konversation auf den Vordersitzen. Leider hat Emily extrem viel Mühe, ihn zu verstehen, da er die Worte noch nicht so deutlich ausspricht wie ein Erwachsener und nur ein begrenzter Wortschatz besitzt. Sie beißt sich auf die Lippen und schaut hilfesuchend zu Helen.
Helen schaut in den Rückspiegel und beantwortet rasch Tuckers Frage. Dann wendet sie sich wieder Emily zu. »Du wirst dich an seine Sprache gewöhnen. Auch andere Au-pairs haben anfangs Mühe, die Gastkinder zu verstehen«, sagt sie beruhigend.
Als sie vom Highway hinunterfahren, beobachtet Emily die Umgebung durch das Fensterglas.
Alles sieht so anders aus. Die Hauptstraßen sind einiges breiter und meistens mehrspurig. Die meisten Gebäude in den Wohnvierteln sind große Einfamilienhäuser mit schönen Vorgärten. Davor stehen oft Autos am Straßenrand, sodass zwei Fahrzeuge sich nicht mehr kreuzen können.
Nach etwa einer halben Stunde Fahrt erreichen sie das Ende einer kurzen, engen Einbahnstraße. Vor einem Einfamilienhaus aus braunem Sichtmauerwerk halten sie an. Das muss Emilys neues Zuhause für das nächste Jahr sein.
Sie steigen aus.
»Willkommen zu Hause!«, sagt Helen euphorisch, während sie Tucker aus dem Auto hilft.
Emily lächelt. Sie freut sich auf die Zeit, die sie hier verbringen wird. Doch die Anspannung und Unruhe in ihr macht klar, dass auch die Nervosität mitspielt. Immerhin hat sie keine Ahnung, was sie noch erwarten wird.
Tucker rennt an ihr vorbei über einen langen dünnen Weg zum Haus und bleibt vor der kleinen Treppe stehen, die hinauf zur Eingangstür führt. Er dreht sich um. »Ich brauche Hilfe«, ruft er so laut, wie seine weiche, zierliche Stimme es erlaubt und streckt seine Arme in die Höhe.
Helen ist mit dem Koffer beschäftigt und trägt diesen zum Eingang. Deshalb geht Emily auf Tucker zu und reicht ihm die Hand.
Nach kurzem Zögern nimmt er sie an und setzt einen Fuß nach dem Anderen auf die Stufen.
Erst da bemerkt sie, dass vor der richtigen Haustür auch eine aus Glas ist. Das hat sie noch nie zuvor gesehen. Neben dem Eingang hängt eine amerikanische Flagge, was ihr wiederum schon bei mehreren Häusern auf dem Weg aufgefallen ist.
Helen öffnet die Tür.
Ein Golden Retriever, der dahinter wartet, hüpft ganz aufgeregt umher und wartet auf ihr Herrchen.
»Ist das Blue?«, fragt Emily ungläubig, denn als sie sich vor ein paar Monaten für die Familie entschieden hat, war die Hündin noch fast ein Baby.
Helen lacht. »Ja, sie ist extrem schnell gewachsen. Für einen Golden Retriever ist sie sogar eher zu groß.«
Eigentlich mag Emily Katzen viel mehr als Hunde. Doch da in Amerika so ziemlich jede Gastfamilie einen Hund besitzt, gibt es nicht viel Spielraum. Immerhin ist die Familie wichtiger als ein Haustier.
Sie streichelt den Goldie und sieht sich im Raum um.
Sie stehen in einem kleinen Wohnzimmer, von welchem Emily links die Küche erblickt. Gleich davor ist ein Tisch mit acht Stühlen.
Rechts befindet sich auch noch ein Türbogen, durch welchen Tucker so schnell er kann verschwindet. Emily kann aber nicht erkennen, wohin dieser führt.
Auf dem Sofa gleich beim Hauseingang sitzt eine wunderschöne, junge Frau mit einem Baby auf dem Arm. Das muss Francesca sein. Sie sieht ihr sofort an, dass sie Italienerin ist.
Als sich ihre Blicke treffen, steht Francesca auf und begrüßt Emily in ihrem neuen Zuhause.
Über einen Videochat haben sie sich bereits kennengelernt. Sie ist das jetzige Au-pair ihrer Gastfamilie, wird aber in vier Tagen abreisen. In dieser Zeit wird sie Emily alles zeigen und sie einarbeiten.
»Das ist die kleine Maddie«, sagt Francesca und wiegt das fünf Monate alte Baby langsam in ihren Armen.
Plötzlich kommt Tucker zurück ins Wohnzimmer gerast, als würde er um sein Leben rennen. In seinen winzigen Händen balanciert er Dutzende kleine Spielzeugautos, die er vorsichtig aufeinandergestapelt hat. Ein Wunder, dass keines runterfällt. »Schau alle meine Autos«, ruft er ganz aufgeregt, während er diese auf den Boden legt.
Der Torbogen muss also zum Spielzimmer führen, von dem Helen Emily erzählt hat.
Sie kniet sich zu Tucker und betrachtet seine Sammlung aufmerksam.
Er zeigt ihr ein Spielzeug nach dem anderen und bei jedem gibt es irgendetwas Spezielles zu erzählen. Das eine hat eine coole Flamme auf der Seite, das andere kann fliegen und ein Drittes kann im Wasser schwimmen.
Während Emily mit Tucker beschäftigt ist, beginnt Helen zu kochen und Francesca gibt Maddie ein Bad.
Als der Duft des feinen Abendessens sich in der Wohnung verteilt, kommt auch Phil, Emilys Gastvater, nach Hause. »Hi«, murmelt er und schaut ein bisschen verwirrt, so als ob er nicht sicher ist, was Emily hier macht.
Francesca hat ihr bereits erzählt, dass Phil eher der ruhigere Typ ist. Deshalb schiebt sie sein Verhalten einfach auf seine Schüchternheit und grüßt freundlich zurück.
Auch während dem Essen gibt er nicht viel von sich preis, während Helen, Francesca und Emily über ihre Reise und die Training School plaudern. Dies stört sie aber nicht weiter, da sie sich auch so schon genug konzentrieren muss, um in der neuen Sprache korrekt zu kommunizieren.
Nach dem leckeren Abendmahl bringen Emilys Gasteltern die Kinder ins Bett.
Als auch der letzte Teller im Geschirrspüler ist, wendet sich Francesca Emily zu. »Komm, ich zeige dir dein Zimmer.« Sie geht zu einer Tür in der Küche. Nach dem Öffnen kommt eine Treppe zum Vorschein, die mit weichem grauem Teppich ausgestattet ist.
Emily hat sich schon gefragt, was sich wohl dahinter befindet. Zuerst machte es sie stutzig, als sie erfuhr, dass sich ihr Zimmer im Basement befindet. Doch Francesca hat es ihr bei einem Videocall kurz gezeigt. Da wurde schnell klar, dass ein Basement in Amerika nichts mit einem Keller in der Schweiz zu tun hat, sondern eher einem Hobbyraum gleicht.
Unten steuert Francesca die erste geschlossene Tür an. »Dein Zimmer befindet sich gleich hier und daneben«, sie zeigt nach rechts, »ist das Büro. Phil oder Helen arbeiten manchmal von zu Hause aus.« Sie öffnet die erste Tür und ein kleiner, hübsch eingerichteter Raum kommt zum Vorschein.
Das Queensize-Bett nimmt schon die Hälfte des Zimmers ein. Ansonsten steht nur noch eine kleine Kommode davor. Am besten gefallen Emily die große Weltkarte und die leeren Bilderrahmen über dem Bett. Diese wird sie mit Fotos ihrer Familie füllen.
»Ich weiß, es ist klein, aber man hat mehr Platz, als es scheint. In der Kommode kannst du Klamotten und sonstige Sachen einräumen. Und hier«, Francesca läuft zu einer weiteren Tür, »hast du einen Schrank, in dem du alles aufhängen kannst. Es wurde bei mir zwar knapp, da ich viel shoppen war, aber du kriegst das sicher auch hin.«
Emily schaut sich das kleine Zimmer nochmals an. Ja, der Platz ist begrenzt, doch im Moment hat sie sowieso nicht viele Kleider dabei. Sie lächelt Francesca zu. »Das sollte passen.«
»Gut. Ich zeige dir noch kurz das Bad. Du hast ein eigenes für dich, was echt Luxus ist. Das haben nicht viele Au-pairs.« Francesca verlässt das Zimmer, geht am Büro vorbei und biegt um die Ecke. »So, hier ist es. Ich weiß, auch nicht riesig. Aber falls du irgendetwas brauchst, kannst du jederzeit Helen fragen. Sie ist sehr großzügig und sorgt dafür, dass du die Sachen bekommst, die dir wichtig sind.«
»Das ist sehr nett, danke. Ich bin schon froh, meine eigene Dusche zu haben und für die Toilette nicht jedes Mal nach oben zu müssen.« Sie tretet in den Raum. Eine Dusche, die Toilette und ein Waschbecken befinden sich auf so engem Raum, dass sie sich nur knapp im Kreis drehen kann, ohne etwas zu berühren. Neben dem Waschbecken steht eine kleine Kommode mit Schubladen, in der sie alles verstauen kann, was sie im Badezimmer braucht.
Francesca dreht sich um. »Ich werde vor dem Zimmer auf der Couch schlafen. Die kann man zu einem Bett umfunktionieren. Wenn also etwas ist, sag einfach Bescheid.«
Emily nickt Francesca freundlich zu.
In diesem Moment kann Emily hören, wie sich die Tür zum Basement öffnet. Phil bringt Emilys Koffer nach unten. Obwohl er dünn und nicht muskulös ist, trägt er diesen problemlos bis vor ihr Zimmer. Sie bedankt sich.
Phil nickt ihr kurz zu und verschwindet wieder nach oben, ohne ein Wort zu sagen.
»Als du gesagt hast, dass er ein ruhiger Typ ist, habe ich ihn mir nicht so ruhig vorgestellt«, flüstert Emily.
Francesca lacht. »Ja, so ist er eben. Aber er ist sehr hilfsbereit, vor allem wenn du technische Probleme hast. Falls du also mit ihm ein Gesprächsthema suchst, rede über Technik« Sie zuckt mit den Schultern und zieht eine Grimasse. »Ich lasse dich jetzt alleine, dann kannst du dich einrichten.« Lächelnd geht Francesca nach oben.
Emily packt ihren Koffer aus. Irgendwie findet alles seinen Platz. Der Stauraum ist allerdings schon ziemlich voll, wenn man bedenkt, mit wie wenig sie hierhergekommen ist.
Den Rest des Abends verbringt Emily mit Helen und Francesca.
Ein Gespräch mit ihrer Gastmutter zu führen stellt sich als sehr leicht heraus, auch wenn es für Emily mit den Wörtern in Englisch manchmal schwierig ist. Helen gibt sich viel Mühe, um ihr zu helfen, korrigiert sie aber nur, wenn wirklich nötig.
Die Frauen quatschen bis Emily ihre Augen kaum noch offenhalten kann.
Die erste Woche war wegen des Jetlags und dem Kennenlernen der Kinder ziemlich anstrengend. Vor allem, als Francesca am Mittwoch abgereist ist. Deshalb ist Emily froh, dass sie am Freitag schon ein bisschen früher Feierabend hat. Helen kann die Kinder bereits Mitte Nachmittag übernehmen, da sie diese Woche ausnahmsweise von zu Hause aus arbeitete. Das passt perfekt, da Emily so noch kurz mit ihren Eltern skypen kann, bevor sie schlafen gehen.
Als ihr Handy klingelt, geht sie sofort ran. »Mam, Dad«, ruft sie erfreut. »Es ist so toll, euch zu sehen!«
»Sonnenschein, endlich hast du kurz Zeit. Wie geht es dir? War deine erste Woche okay?«, möchte ihre Mutter wissen. Sie strahlt über beide Ohren.
»Super, der Jetlag lässt langsam nach. Francesca hat mich gut eingearbeitet, bevor sie am Mittwoch zurück nach Italien geflogen ist. Im Moment ist Helen auch noch da, um mir zu helfen. Die Kinder müssen sich ja zuerst an mich gewöhnen«, erzählt Emily. Sie kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, denn sie scheint wirklich eine tolle Gastfamilie erwischt zu haben.
»Oh, das klingt ja schön«, meint ihr Vater. »Was machst du den ganzen Tag mit den Kids?«
»Ich habe von Helen eine Liste mit Ideen erhalten«, antwortet Emily, steht auf und nimmt den Zettel von der Kommode. »Darauf sind Orte für drinnen und draußen aufgelistet, die die Kinder lieben. Zum Beispiel Spielplätze, Indoor-Parks und die Adressen von Freunden. Ich darf den Tagesablauf aber ganz alleine bestimmen, solange die Kids ihre Energie loswerden. Ich muss mich noch daran gewöhnen, so viel unterwegs zu sein.«
Die Strecken von A nach B sind hier viel länger als in der Schweiz. Sogar der nächste Spielplatz ist zu Fuß rund 30 bis 45 Minuten entfernt. Diese Woche hat Helen sie oft Hin und Her gefahren. Doch sobald Phil ihr gezeigt hat, wie ihr eigenes Auto funktioniert, wird sie alleine fahren. Die Familie stellt ihr nämlich eines zur Verfügung.
