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Kanaan zur Zeit Ramses III. Auf Drängen seines Vaters bricht Abi Nowa zu seiner ersten Handelsfahrt auf. Sie findet ein verfrühtes Ende auf den Planken eines Seeräuberschiffes und notgedrungen wird er selbst ein Seeräuber. Als ihre Bruderschaft dann eine ägyptische Feluke kapert, fällt ihnen ein Mann des Seevolkes in die Hände, das erst vor einem Menschenalter die Bühne der Weltgeschichte betrat. Abi verhilft ihm zur Flucht und lernt Decgalor kennen, den jüngsten Prinzen von Atlantis. Nach einem Jahr zählt sein neuer Freund zu den Machthabern des monumentalen Sperrturms in der Meerenge vor Sizilien, wo drei Flottenverbände stationiert sind. Abi lernt durch den Atlanter, um was es wirklich geht im Leben. Aber sein Vorbild hat noch ein zweites Gesicht. Er ist ehrgeizig.
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Seitenzahl: 559
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-983-2
ISBN e-book: 978-3-99131-984-9
Lektorat: Thomas Schwentenwein
Umschlagfoto: C. Schreiber
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildung: Christos Georghiou | Dreamstime.com
www.novumverlag.com
Vorwort
Wenn es Historiker für möglich halten,
dass Phönizier in der frühen Bronzezeit
schon bis zu den Säulen des Herakles vorstießen,
ist auch ein Atlantis im Sinne Platons denkbar.
Eike Stern
Aus dem Zeitalter Atlantis
Erster Teil: Schwertfischer
Zweiter Teil: Die Königin der Westsee
Dritter Teil: Der Heldenkönig
1.
„In der Deutlichkeit spricht man so etwas nicht aus“, versuchte Abi seinen Frust auszudrücken, als er an diesem heißen Nachmittag das Stadttor hinter sich ließ. Eine heftige Auseinandersetzung mit dem Familienoberhaupt hallte noch in seinem Hinterkopf nach und ein wenig geknickt steuerte er die von flitterndem Laub umgrünten Teiche vor der gelblichen Mauer an, weil eine überfällige Karawane nahte und er deren Anführer dort abzufangen pflegte.
Gegen ihn wirkte sein Freund mit der Lammfellweste äußerst gewöhnlich. „Trotzdem“, widersprach dieser energisch, „so kannst du nicht mit dem Alten reden. Er ist dein Vater.“
In Abis Gesicht machte sich Anspannung breit. Seine brennenden Augen verrieten, wie ihm ums Herz war. „Na du bist gut. Ich bin ihm ein Gräuel, und er ließ ohne Umschweife durchblicken, dass er sich damals nur für mich entschied, weil meine Mutter in meine Bernsteinaugen vernarrt war, die sie an ihren Vater erinnerten. Wäre ich schon in der Rolle des Patriarchen, ich hätte mir eher die Zunge abgebissen, bevor ich das beim Brotbrechen meinem letzten Hoffnungsträger unter die Nase reibe.“
„Ihr seid nun einmal keine Hebräer oder Ägypter“, beruhigte ihn sein Freund Lukas. „Bei Zwillingen beide Säuglinge zu behalten, wäre einfach unvernünftig gewesen. Wer kann sich das leisten?“
„Du hast ja keine Ahnung“, schnaufte Abi, „wie es sich anfühlt, mit einem Bruder konkurrieren zu müssen, der keine Fehler macht, weil ihm gar nicht vergönnt war zu leben.“
Sein Freund war über Abis Dilemma mit seinem Vater im Bilde und räusperte sich. „Das sind die Grundlagen unserer Kultur“, rief er ihm ins Gedächtnis. „Die Wurzeln reichen auf die Gründung Aschkelons zurück. Alle halten es so. Daran zu rütteln ist sinnlos. Unabänderlich wie der Wechsel der Jahreszeiten und die sich mit dem Herbst erhebenden Sandstürme.“
„Obendrein schmerzte der Tonfall, den er danach anschlug“, fügte Abi wütend bei. „Als ob mich irgendeine Schuld trifft, wenn Jawan uns frech warten lässt bis die Milch sauer wird und es nicht für nötig erachtet, einen Boten oder eine Nachricht zu schicken. Was kann ich dafür?“
Vermutlich konnte er sich diesen Gang schenken. Jawan war schon immer ein in sich selbst verliebter Dickkopf. Ihm wäre zuzutrauen, dass er eigene Wege ging und die Verbindung mit ihrem Haus längst abgeschrieben hatte.
Bunte Dachgärten, Dattelpalmen und der traditionelle Karawanen-Rastplatz außerhalb des Stadttors verliehen dem alten Aschkelon das Gepräge des Vorderen Orients. Wieder einmal kroch eine neue Karawane wie eine dünne Staubfahne aus den goldbraunen Bergen hervor. Abi fühlte sich immer wie in der letzten Bastion am Rande der Welt, wenn die von Akazien und Mimosen beschatteten Teiche vor der Mauer dann von fremdem Volk überflutet wurden und sich ein reges Treiben entfaltete.
Die Vorhut brachte eine Ladung Gestrüpp, neben Schaf- und Kameldung in den holzarmen Ländern das wichtigste Brennmaterial. Dumpf aufprallend fielen die aufgetürmten Lasten von den hohen Rücken der Dromedare. Die befreiten Lasttiere vollführten lustige Sprünge, grunzten zufrieden und beschnupperten und liebkosten einander, um sich anschließend geduldig zur Tränke führen zu lassen. Mit triefenden Lefzen mahlend wälzten sie sich hinterher mit peitschendem Wedel im glitzernden Sand oder verharrten hängenden Kopfes, mit gespreizten Beinen und träumender Seele im Farbenchaos der sinkenden Sonne.
Abi bot eine hochgewachsene Erscheinung in seinem luftigen Chiton. Zerknirscht strich er sich die störenden brünetten Locken hinter die Ohren und musterte die verwitterten Gesichter der zum Teich taumelnden Lastenträger.
Leidenschaftliche Lippen hatte er. Seine Sandalen verrieten, hier kam kein Hungerleider. Ihm war in die Wiege gelegt, dem größten Mann seiner Zeit Paroli zu bieten, doch er würde sich kreuzweh lachen, hätte man ihm das zu diesem Zeitpunkt prophezeit. Er war ein Luftikus, gehörte zu denen, die endlos über alles reden können. Widersprüche pflegte er mit leichter Hand hinweg zu fächeln. Was ihn nicht vergnügte, lehnte er ab, schaltete dann stur auf gleichgültig gegenüber allem, was zwischen zwei Mahlzeiten liegt und entwickelte eine erstaunliche Fertigkeit, sich vor jeglicher Verantwortung zu drücken. Mit anderen Worten, er war das Nesthäkchen im Haus seiner Väter, weigerte sich, erwachsen zu werden und hielt das für Stärke. Mechanisch vergewisserte er sich mit einem Griff in die Umhängetasche, ob der handzahme Hamster, den er ständig bei sich trug, noch an seinem Platz war.
Sein schlaksiger Freund machte ihn lausbübisch grinsend auf eine Gruppe vornehmer Reisender aufmerksam, alle in wallenden weißen Gewändern, reich bestickt, Goldreife an den Unterarmen. Auf dem Schlitten in ihrer Mitte stapelten sich wachsbeschichtete Silbertafeln. Man ging offenbar gerade die jüngsten Verluste an Lasttieren durch.
Der Älteste im Führungsstab der Karawane hantierte gekonnt mit einem Stahlgriffel. Ein reger Wind bauschte seinen Leinenmantel, während er den verlesenen Namen mit einem Haken versah. Aber der Freund deutete mit dem kleinen Finger diskret auf jenen, der sich aufmerksam dazu am Kinnbart fummelte, es erhaben abnickte und eigentlich nur mit bewegungsloser Miene lauschte. „Schau dir mal seine Ringe an.“
Freudig registrierte Abi einen klotzigen Smaragd an dessen knochiger Hand und war schon mit drei Schritten hin. „Verzeiht, edler Herr, wenn ich störe“, unterbrach er sie forsch. „Seid Ihr der Karwan-Baschi?“
Der Angesprochene leitete immerhin ein Konsortium, das sich aus 87 Händlern und Krämern und 873 Lasttieren zusammensetzte und fühlte sich nicht auf Augenhöhe mit ihm. Ärgerlich hob er das spitze Kinn.
Abi ahnte, es waren die üblichen Vorbehalte gegen die Jugend und steckte es mit verkniffenen Lippen weg. Aber er war kein Kameltreiber, machte sich nie mit niedriger Arbeit die Hände schmutzig. Ihn regte auf, wie eine lästige Schmeißfliege mit einer ungnädigen Handgeste abgeschüttelt zu werden.
„Es geht mir um eine überfällige Sendung Gewürze aus Babylon“, fügte er hastig bei. „Verantwortlich ist ein gewisser Jawan. Führt ihr den oder einen Unterhändler namens Aguschi in den Listen? Er ist ein Sohn des Egibi, ansässig am Tuchbazar Babylons. Wenn ja, wo finde ich den?“
Der Älteste der Anführer des Zuges kratzte sich gelangweilt die hagere Wange und überflog flüchtig die letzte Tafel. „Du redest wirr daher. Bei uns hat sich weder ein Jawan noch ein Aguschi eingeschrieben. Beide Namen befremden mich.“
Der Karwan-Baschi lächelte milde. „Oh. Unter Umständen schrieb er sich bei der Karawane ein, die zwei Tage vor uns Medina passierte.“
Er trat dichter an Abi heran und senkte die Stimme. „In dem Fall habe ich üble Neuigkeiten. Bei Omars Oase gab es ein Massaker. Sämtliche Geier, Schakale und Hyänen von hier bis Damaskus haben sich eingefunden.“
Bestürzt starrte Abi auf das lebensfeindliche öde Sandmeer hinaus und verzog den Mund, als hätte er eine schlechte Auster gegessen. Die heimliche Befürchtung, räuberische Beduinen könnten das Ausbleiben der überfälligen Gewürze verschulden, hatte sich erschütternd bewahrheitet. Der Verlust einer kompletten Sendung dürfte die Geschäftsbeziehung mit ihrem Mann in Babylon erheblich trüben. Weil nämlich sein Vater mit dem, was Kardamom und Pfeffer aus Babylon einbrachte, das Olivenöl bezahlte, das er seinerseits per Karawane in den Fernen Osten sandte.
Abi war alt genug, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und zu jung, die wahre Tragweite für die eigene Person gleich zu erfassen. Für gewöhnlich oblag ihm, den Händler für Gewürze abzufangen und ins Haus der Väter zu schleusen. Nun fiel ihm zu, die folgenschwere Nachricht dem Vater zu überbringen, und sein Freund merkte, wie einsilbig er wurde und verabschiedete sich.
Langsam breitete sich schon das Zwielicht in den verwinkelten Gassen aus, die hinter dem Stadttor auf die Hauptstraße mündeten. Wie gewohnt zu dieser Stunde spielten nackte Kinder vor dem vertrauten Hauseingang mit ihren Murmeln.
Sein greiser Vater, der die Fäden im Haus Nowa spann und das Siegel hütete, verbrachte die Stunde des Dämmerns gewöhnlich im Garten des Innenhofs, unter offenem Himmelszelt. Der Geruch reifender Früchte lag in der Herbstluft, und der verflieste Säulengang versank allmählich im Schatten der Nacht. Er saß vorgebeugt auf der Steinbank, die Hände im Nacken gefaltet, die Augen düster gesenkt auf das vergilbte Laub zwischen dem Immergrün.
Abi fasste sich ein Herz, berichtete und schloss mit dem Gedanken: „Demnach dürfen wir davon ausgehen, unser Olivenöl erreichte unbeschadet Egibis Lagerhaus. Uns trifft kein Verschulden, da wir unseren Teil des Geschäfts erfüllt haben. Du solltest froh sein, Vater.“
Ohne mit einer Wimper zu zucken hörte der Alte ihn an und musterte Abi mit einem ganz und gar ungläubigen Ausdruck um den Mund, wie im zarten Knabenalter, als er allen Ernstes gefragt hatte, ob andere Städte auch einen so großen Mond hätten. „Froh?“, wiederholte er tonlos. „Das wäre zu viel. Wenigstens haben wir Klarheit.“
Dann hob er die Stirn und zog die Brauen hoch, um seinen Groll zu verdeutlichen.
„Wenn ich dich so reden höre, steigt mir wieder zu Kopf, dass du uns seit deiner Geburt Schwierigkeiten bereitet hast. Was war ich für ein Riesenkamel, mich von deiner Mutter belatschern zu lassen. Ich wusste genau, dein Bruder wäre die bessere Wahl gewesen, aber deine Mutter ist so nachtragend, die hätte mir einen bitteren Lebensabend beschert, wenn ich dich ausgesetzt hätte.“
Unter Kopfschütteln maß er Abi. „Es ruiniert uns nicht, mein Sohn“, räumte er ein, „wenn wir Anstand zeigen und uns den Schaden mit Egibi teilen. Nur leider schwindet mein Augenlicht. Eine Reise in den Fernen Osten ist für einen gebrechlichen Mann wie mich zu beschwerlich. Du wirst das richten. Geh also zum Haus der Astarte-Priesterin, denn die geweihten Tage, an denen Astartes Stern heller blinkt, stehen vor der Tür und der Schirmherrin der Seefahrer und Händler gebührt ein Opfer. Nimm unser bestes Lamm, dann wird sie ein Auge auf dich werfen. Und ist das getan, schreibe dich bei der nächsten Karawane ein. Wie soll Egibi sonst erfahren, was unseren Handel hinfällig macht? Mal sehen, ob nicht ein Quäntchen vom Kaufmannsblut der Nowa in deinen Adern fließt und du vielleicht doch zu etwas taugst.“
Betreten schluckte Abi, besaß er doch Freunde, mit denen er abends loszog, und der Vater maßte sich an, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Bei dem Gedanken, die unheimlichen Wüstenkrieger – die alte Geißel des Handels – könnten sich in der Bergwildnis eingenistet haben, zog es ihm beklommen das Herz zusammen. Denn jede von hier gen Osten aufbrechende Karawane musste auf Gedeih oder Verderb an der Oase von Omar vorbeiziehen.
„Das kann mich den Hals kosten“, entfuhr ihm. „Wozu? Es heißt, die Ägypter haben einen vergessenen Kanal wieder schiffbar gemacht, der das südliche Meer erschließt. Du verfügst doch über einen seetauglichen Kahn und einen Fahrensmann wie Laban. Schick ihn nach Babylon.“
„Ach Laban“, schnitt ihm sein Vater gereizt das Wort ab. „Du redest hohl daher. Es ist deine Angelegenheit, nicht Labans. Zeig, wozu du fähig bist. Jetzt bist du an der Reihe, Abi. Du hast das Alter, muss ich sagen.“
Wie ein Urteilsspruch klang es und traf ihn mit Wucht, obwohl sich Abi bemühte zu lächeln. „Die Sache bei Egibi zu klären, traue ich mir zu“, wandte er hüstelnd ein. „Aber ich ertrage einfach keinen Seegang. Mir wird übel, sobald ich ein Schiff besteige. Der Magen, weißt du …“
Sein Vater wollte das nicht hören. „Musst du mir auch noch bestätigen, dass du eine einzige Enttäuschung bist? Ist das dein einziger Verdruss, dass du kotzen musst? Fütter die Fische und steh‘ gefälligst deinen Mann. Und sei es nur deiner Mutter zuliebe.“
Abi fühlte sich beengt im Brustkorb. Es raubte ihm die Ausrede. „Haben wir keine Rücklagen?“ Vorsichtshalber langte er in die Hüfttasche, um nicht beim Hinsetzen versehentlich seinen Hamsterfreund zu zerquetschen.
Sein Vater wies mit dem Kinn auf die Elefantenzähne, die der Sitzecke am Immergrünbeet einen würdevollen Rahmen verliehen und sich fabelhaft als Rückenlehnen eigneten. Abi lächelte erleichtert. „Das reißt uns doch schon raus.“
Mit strengen Augen hielt ihn Tarik Nowa fest. „Es ist die Mitgift deiner Mutter. Solltest du scheitern, könnten deine Mutter und ich im Alter darauf angewiesen sein.“
Dessen war sich Abi bewusst, doch ganz sachlich betrachtet drohte der Ruin, und er überlegte: „Woher stammen die weißen Figuren, die sie im Hafen feilbieten?“
Sein Vater zog abschätzend die Hände auseinander. „Bei der Strandtreppe sitzt ein gewiefter Junge in einer Lumpenkutte, der bietet immerzu so große gewölbte Elfenbeinbrücken an, mit einer Reihe darüber wandernder Elefanten oder auch Pyramiden aus winzigen Affen, ganz haarfein gearbeitet. Wer das zu schnitzen vermag, dürfte einen Batzen Handelsmetall für so einen Stoßzahn geben.“
Sein Vater rieb sich andächtig das Kinn, ehe er sich erhob und seinen Sohn an sich drückte. „Womit wir die nächste Lieferung Kardamom anzahlen können.“
Er legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter. „Unten, in irgendeinem Winkel der kalten Gruft lagern noch mehr. Es müssten acht Stoßzähne zusammenkommen. Meinen Segen hast du, nur packe es an. Und packe es bald an, mein Sohn. Wir müssen uns bei Egibi melden. Seine Gewürze sind die Quelle unseres Wohlstands.“
Abi fasste sich an den Kopf, erwog, ihm die Füße zu küssen und sich aufs Betteln zu verlegen, aber sein Vater wusste ihn bei der Würde zu nehmen. „Heute Abend, mein Sohn, da wird gefeiert. Du wirst im Mittelpunkt stehen. Ich denke, Ruth wird dich danach mit anderen Augen sehen.“
Bei diesem Namen schlug sein Herz höher, und ihm schoss das Blut in die Wangen. Nur bemühten sich leider auch sein Vetter Mazad und Lukas um diese Ruth. Gewöhnlich nannte er sie neckisch Ruthchen, und sie schien zu wissen, was sie wert war. Es gefiel ihr, für alle drei der Sonnenschein zu sein. Allerdings machte sie nie einen Hehl daraus, eben nur einem Freundin sein zu können. Sie wusste genau, warum sie sich nicht festlegte. Jedenfalls würde er die Gelegenheit, ihr zu imponieren, beim Schopf packen.
Für die Hühner des Anwesens wurde es ein schrecklicher Tag. Weil dreizehn Flügel für das Abschiedsmahl benötigt wurden und die Küchensklaven ermahnt wurden, dass mindestens drei Tiere weiterhin Eier legen sollten, rupfte man einem Huhn kurzerhand über die Tischkante einen Flügel aus, um es wieder in den Hühnerstall zu werfen.
Abi litt mit dem Tier und dachte bei der Abschiedsfeier darüber nach, zu was Sklaven fähig waren, wenn man sie derart überforderte. Unwillkürlich schweifte seine Aufmerksamkeit hinüber zur Angebeteten.
Ein eigenartig milder Zug um Ruths Mund und ihre dunklen Augen zogen ihn magisch an, dazu das geschmeidige rabenschwarze Haar, bis auf ein paar Locken im Nacken gebunden, was ihre geistreiche Stirn hervorhob. Wie die meisten Weiber trug sie einen schlichten mausgrauen Leinenkittel, aber wo sie sich aufhielt duftete es dezent nach Ambra. Unbestritten war sie die Königin des Abends, während der Feuerschein von drei Ölschalen das Schnitzwerk in den Ecken des Saals in unruhig flatterndes Licht tauchte und es bald nach Fisch, Fleischresten und Wein roch. Ruths Anwesenheit genügte dem tonangebenden Vetter, mit dem er manchmal durchs Tavernenviertel bummelte, sich gehörig aufzublasen. Als Lukas in seiner ärmlichen Lammfellkluft aufkreuzte, verscheuchte er ihn mit einer wegwerfenden Handgeste. „Bringt euren Sklaven mal bei, bei Festlichkeiten in den Hintergrund zu verschwinden.“
Abi lächelte matt. „Er ist so frei wie du.“
„Seit wann?“, krähte der Vetter empört.
„Früher beherbergten wir auch dann und wann Händler, die ihre Karawane abpassen wollten“, erinnerte ihn Abi und stockte, weil jeder im Haus die Vergangenheit lieber ruhen ließ. „Willst du jetzt ernsthaft darauf herumreiten, dass wir mit dem Kadi zu tun hatten?“
Er wusste genau, dass Mazad schwerlich entgangen sein konnte, wenn sein Vater derzeit einige Nächte im Fangturm verbrachte, weil Geschmeide im Haus abhandenkam. Es war ihm ein Bedürfnis, Lukas freundschaftlich über die Schulter zu streichen und bei der Gelegenheit aufzuräumen mit den Verleumdungen, die auf ihnen lasteten. „Wir alle hier können uns bei ihm bedanken, da er die verdammte Smaragdkette im Stroh der Kamele ja dann fand. Mein sonst wohl eher zum Knausern neigender Vater war so nobel, ihm dafür mit dem Segen des Stadtamtes die Freiheit zu schenken.“
Ohne den geringsten Anflug eines Lächelns sah ihn der Vetter lange an und scheute sich nicht, ihn vertraulich zu fragen: „Mal ehrlich, wie hast du deinen Vater dahin gebracht, dich auf Fahrt zu schicken?“
Abi hasste diese Spitzen und Mazards Gehabe, wenn der sich aufspielte. Aber er bezähmte sich, weil man bei ihm eben damit rechnen musste und er ahnte wohin das führen würde.
Natürlich sah sein überheblicher Vetter, dass es hinter Abis Stirn brodelte und fügte abfällig hinzu: „Und deine kleine Ratte nimmst natürlich mit.“
„Das ist ein Hamster“, verbesserte ihn Abi.
Er durchkämmte mit einem raschen Griff die Hüfttasche und setzte seinen possierlichen, goldbraunen Freund auf die eichene Tischplatte. Als er ihm einen Sonnenblumenkern in die kleinen Pfoten drückte, platzte Mazad ein grölendes Gelächter heraus. Mit versteinertem Gesicht bemerkte Abi ein an Ruth gerichtetes Zwinkern und lief rot an vor Wut, auch wenn sie betreten die Lider senkte.
Der Vetter grinste und zog belustigt eine Furche durch den lehmigen Estrich, um Abi vorzuführen und vor Ruth seine Fertigkeit mit dem Enterbeil zu demonstrieren. Sein Wurf traf nur den Rand der gewöhnlich zum Bogenschuss dienenden Zielscheibe, biss sich jedoch in den Kork, dass beim Herausziehen des Beils ein beträchtliches Stück des Außenrings zerbröckelte. Abi schreckte davor zurück, sich mit ihm zu messen, denn es bedurfte mehr als breite Schultern, einen wuchtigen Wurf abzuliefern. Fraglich, ob er aus Bogenschussdistanz nicht die Scheibe verfehlte. Um sich nicht gründlich zu blamieren schmetterte er sein Schnitzmesser nach dem behelmten Holzkopf, der sich plastisch von der feurig überflackerten Vertäfelung abhob.
Zu seiner eigenen Verwunderung erwischte er genau eines der aufgemalten Augen. Sogar Laban, der als Steuermann in den Diensten der Nowa mürrisch dem Wettkampf beiwohnte, honorierte es mit einem beifälligen Pfiff.
Sein großmäuliger Vetter zeigte insofern Größe, ihm beim Lebewohlsagen ein Schwert aufzudrängen. Zum Griff hin verjüngte sich die Schneide erheblich und mutete zerbrechlich an gegen das Breitschwert, das ihm sein Vater für die Fahrt vermacht hatte. Er reichte es unbemerkt weiter an Lukas, in der Hoffnung, dass der ihn dafür begleiten würde.
Eigentlich nahm er dem Freund damit die Möglichkeit, es ehrenhaft abzulehnen, das entsprach seinem Wesen. Ebenso wie er eine gewisse Perfektion darin entwickelte, wenn eine Sache über seinen Kopf hinweg beschlossen wurde, sich einfach auf die Annehmlichkeiten zu besinnen, die das mit sich brachte. Da die Reise unabänderlich war, freundete er sich eben mit der Vorstellung an, morgen in See zu stechen und endlich mal mehr zu erleben als den Hafen und den Rummel am Karawanenrastplatz. Er würde Ruthchen zeigen, zu was er fähig war und obendrein auch seinem Vater und dem geltungssüchtigen Vetter.
2.
Bis zum Morgen wälzte sich Abi unruhig hin und her. Der Schlaf, den er fand, war oberflächlich und wenig erholsam, doch niemanden interessierte das. Schweren Herzens ließ er seinen Hamster daheim und brach in aller Frühe auf zu den Anlegern.
Das tiefbraune Brackwasser im Hafenbecken stank nach frischem Fisch, fauligem Tank, Schweiß von tausend Männern und teerigen Tauen. Ein Hauch von Farbe auf trockenem Holz mischte sich darunter und der scharfe Dunst rostiger nasser Eisenteile – er sog alles in sich auf, auch das süßliche Aroma aus einem Lagerschuppen, in dem eine Kiste Obst vergammelte. Er schmollte mit sich und dem ihm aufgebürdeten Schicksal und verschwendete keinen Gedanken daran, wie es seinem treuen Begleiter schmeckte. Sein Vater hatte Lukas freigelassen, und er hatte sich dem Gesetz getreu täglich bei seinem Patron zu melden und blieb auch danach sein Freund. Und Abi behandelte ihn, als würde er nach wie vor ihm gehören. Wie ein Geschenk der Götter genoss er es, zu einer kleinen Oberschicht zu zählen, die auf ihre Sklaven baute und keinen Handschlag selber verrichtete. Schon ein Handwerk auszuüben, hieß der arbeitenden Schicht anzugehören, und der beste Meister wurde nur geringschätzig geduldet in seinen Kreisen. Reichtum galt als höchste Tugend.
Ein betrunkener Hafenarbeiter rülpste Wein aus, und angeekelt wandte Abi sich ab. Am Südende der Marktstraße rasselte hörbar die zweiteilige Brücke herunter. Karren rollten über die Hafeneinfahrt. Drüben begann die Welt der Werften, Werkstätten, Lagerhallen und Schuppen. Im kühlen Schatten der Säulen am Kai saßen Kaufherren und rechneten, und ihre Schreiber prüften die Schiffslisten, schrieben Briefe und Wechsel und statteten von hier die Schiffe aus. Gewöhnlich mied er die Stelle am Kai, wo ihr Kahn vor sich hin dümpelte. Braungebrannte Arbeiter im roten Schurz turnten auf dem Deck herum und verstauten schon die Elefantenzähne im Laderaum. Eigentlich war ihm der alte Kahn größer in Erinnerung geblieben. Selbst eine ägyptische Feluke maß zwei Schritt mehr vom Kiel bis zur Heckflosse.
Die Aufsicht führte Laban, gekleidet in einen rubinroten Leibrock im Hammerschlagmuster. Ein schmieriges Lächeln umspielte seine dünnen Lippen.
„Wir müssen darüber reden, wohin überhaupt“, ging ihn Abi großspurig an.
„Müssen wir nicht“, belehrte ihn Laban. „Es geht nach Pi-Ramesse, zum Markt der Handwerker. Ich weiß um einen Elfenbeinschnitzer, und den treiben wir auf.“
Abi ballte die Fäuste, da sein Gegenüber offensichtlich besser über alles im Bild war als er. Der bärenstarke Mann mit dem Walrossbart bediente nicht nur seit über elf Jahren die Ruderpinne, sondern gehörte schon halb zur Familie. Aus skeptisch zusammengekniffenen Augen musterte er Abi. „Damit eines klar ist. Du und dein Lakai, ihr seid Decksleute wie alle und werdet euch krumm machen wie alle!“
Als Abi die Augen schloss und im Geiste bis fünf zählte, richtete sich Laban schnaubend zu voller Größe auf und ließ kopfschüttelnd seinen Unmut heraus. „Ach Junge, ich habe deinen Vater schon über dein störrisches Verhalten weinen gesehen. Erzähle mir nichts! Du willst mit? Na gut. Wir laufen gleich aus.“
Dieser Mann verachtete ihn, das wusste jeder. Abi konnte das verkraften, aber es einfach auszublenden gelang ihm nicht. Der Vorsatz, sich über die Abwechslung zu freuen, die diese Reise in sein Leben brachte, zerstob in bedrückender Ernüchterung. Ärgerlich winkte er den Freund zum Brettsteg, um sich schleunigst unter Deck zu verdrücken.
Niemand folgte, und die beiden richteten sich die für sie reservierte Kabine her und saßen anschließend beisammen im spärlichen Licht einer Tranfunzel. Abi sah seinem Freund an, dass ihm einiges unter den Nägeln brannte, und ihm widerstrebte, darüber zu reden. Mit dem Daumen rieb er zärtlich einen walnussgroßen Jadestein und hing geistesabwesend trüben Gedanken nach.
„Von wem?“, fragte Abi.
Es folgte eine weitere Ernüchterung. „Ruthchen sagt, er hat ihr Glück gebracht“, entgegnete der Freund treuherzig.
Einzusehen, dass Ruthchen einen Freigelassenen seines Vaters ihm vorzog, war niederschmetternd, aber er wusste seine Enttäuschung zu überspielen. „Glück?“, wiederholte er und schlug sich belustigt auf den Schenkel. „Wir brauchen kein Glück, sondern opfern Zeit, für die ich bessere Verwendung hätte. Das stört mich, sonst nichts.“
Wie in sein Schneckenhaus zurückgejagt, kräuselte Lukas die Lippen und ließ resignierend die Schultern sacken. Meist merkte Abi das gar nicht, diesmal durchaus.
„Du hast Angst?“, fragte er leise. „Na und? Nur Prahler und Dummköpfe kennen keine Angst. Glaub mir, Laban bleibt auf seinen Fahrten stets in Küstennähe. Das gab mir mein Vater auf den Weg.“
„Mir ist elend“, hielt sein Freund kleinlaut dagegen. „Ich möchte nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn es windig wird und wir richtig auf See sind.“
„Solange man noch einen Strich vom Festland sieht, kann man den Schutz der Küste suchen“, beruhigte ihn Abi.
Lukas blickte bedeutungsvoll auf das schmucke Specksteinstück, das Abi vom Hals baumelte. „Du trägst ja selber einen Talisman.“
„Das ist der Siegelzylinder meines Vaters“, belehrte ihn Abi und erhob sich. „Komm, dem Seegang nach sind wir schon weit draußen auf dem Meer. Überzeugen wir uns doch, ob man die Küste noch im Auge hat.“
Als er sich daraufhin genauer an Bord umsah, schaukelte der Boden unter seinen Sandalen, aber er fing sich und lernte, sich an Bord fortzubewegen, während ihm eine feuchte Briese um die Ohren wehte, die in den Augen brannte wie Salz.
So begann für Abi das Abenteuer seines Lebens – und alles verlief gänzlich anders als sein Vater oder er es sich ausmalten. Gegen Nachmittag passierten sie einige, dem Festland vorgelagerte Felsinseln und ein dunkles Segel rückte dahinter in Sicht. Der starke Mann an der Ruderpinne erblasste, als hätte ihn die Seekrankheit befallen. „Die segeln ohne Flagge“, hauchte er tonlos.
Abi wunderte sich, wie gut er mit dem schwankenden Boden klar kam, wenn er sich am Mast aufhielt. „Und das bedeutet?“
„Dass es Schwertfischer sind.“
Abi schluckte. „Seeräuber? Haben wir eine Chance, ihnen davon zu segeln?“
Finster schüttelte Laban den Kopf.
„Dann müssen wir uns verteidigen. Gib Waffen aus!“
„Wenn du welche hast, immer her damit“, erwiderte der Glatzkopf trocken. „Ich wünschte, ich hätte wenigstens selbst ein Enterbeil.“
Langsam wurde der Takthammer der Bireme hörbar, und sie zog in scharfem Rudergang mit ihnen gleich. Wilde Gesellen sammelten sich um den Kielbogen, mit Messern im Mund und der Enteraxt in der Faust, und in Abis Magen rumorte die Angst. Jeder wusste, sie legten wenig Wert auf Gefangene. Jeder suchte hitzig nach irgendetwas, das sich eignete, damit zuzuschlagen. Abi hatte das bronzene Kurzschwert seines Vaters zur Hand, sein Freund Lukas ein weniger schlagkräftiges. Andere waren auf ein Messer angewiesen, von denen Laban noch rasch ein Dutzend verteilte. Schon schwangen sich die ersten Enterer aufs Schiff, ein drahtiger Seemann drang mit einem Sichelschwert auf sie ein. Abi fing den Hieb auf, dass es klirrte und er erbebte. Aber sein Gegner drehte ihm routiniert den Arm nach hinten, bis er die Klinge fallen ließ. Als er aufschaute, wälzte sich sein Freund mit aufgeschlitzter Kehle am Boden und spie zuckend Blut. Für diese rauen Gesellen fand sich außer Laban kein einziger ernsthafter Gegner. Obwohl ein Großteil kapitulierte, machte man die meisten mit exakt platzierten Stößen oder Streichen einfach nieder. Auch Laban zwangen sie schließlich die Hände auf den Rücken. Nur Abi und ihn ließ man am Leben, wohl weil sie auffällig kräftig gebaut waren.
Den Grund für die einkehrende Totenstille lieferte ein blondbärtiger Hüne in einem vom Wind geblähten, weißen Mantel und blanker Phrygermütze, bei dessen Erscheinen alle anderen die Waffen senkten. „Ich bin Suteman“, bölkte er. „Ihr habt die Wahl. Schließt euch uns an oder geht mir aus den Augen.“
Es bedeutete den Sprung ins Meer, und Abi konnte froh sein, dass man ihn für einen gewöhnlichen Decksmann hielt. Er rang um Atem. Ihm bibberten die Knie in seiner Todesangst, und er wählte den Weg der Schande. „Ich will leben“, bekannte er.
Laban fügte sich zerknirscht in das Unausweichliche und nickte zustimmend. „Ich auch.“
Ein eigentümlich entspanntes Lächeln umspielte den Mund des Piratenhäuptlings und verlieh ihm einen grausamen Zug. Prüfend blickte er Abi in die Augen und fuhr ihn kehlig an: „Du willst es bei uns versuchen? Na dann, beim Zerberus, zeigt mal, was in euch steckt!“
Er schaute vielsagend am Mastbaum empor. „Holt das Segel herunter! Mal sehen, wie ihr euch anstellt.“
So kam es, dass Abi hinter Laban die Strickleiter am Mastbaum erklomm, ohne wirklich zu wissen, was man von ihm erwartete. „Und nun?“, rang er sich durch zu fragen. Es war peinlich, sich vor Laban diese Blöße zu geben, aber er beschwor ihn, „im Namen meines Vaters, bitte hilf mir.“
Laban brachte sein halbes Leben auf Schiffen zu und wies ihm die Riemen, die das Segel an der Rahe hielten. „Einfach den Knoten lösen, und wenn du ihn durchbeißt.“
Es rettete Abi das Leben. Das Tuch fiel flatternd aufs Deck, und er konnte mit klopfendem Herzen hinabturnen. Da, wo sein Freund verblutet war, blieb eine glitschige Lache vor der Reling. Man schmiss Lukas wie die anderen einfach ins Meer. Es kostete Überwindung, dem ehemaligen Schiffsführer „danke“ zuzuflüstern, und er kam sich charakterlos vor und schämte sich seiner Schwäche. Aber danach war alles anders. Die um den Mast verstreuten Seeleute nickten ihnen anerkennend zu und gaben ihm das Gefühl, erleichtert durchatmen zu können. Inzwischen gingen einige Leute dazu über, die erbeuteten Stoßzähne aus dem Laderaum zu ziehen. Andere reichten sie denen zu, die auf der Galeere verblieben, und auch das Segel nahm diesen Weg.
Abi sah ohnmächtig zu, da klopfte ihm ein Bursche mit auffällig starker Nase und jugendlichen Zügen freudig die Schulter. „Ich bin Joas, bis eben der Jüngste in der Mannschaft.“ Er hatte die unergründlichen Augen eines Ammuriters. „Du hast mich aus meiner Rolle erlöst“, fügte er hinzu und griente diebisch.
Abi fühlte sich schwindelig. Alle Hoffnungen, die sein Vater in ihn setzte, platzten wie eine Seifenblase, sein Leben hatte jeden Sinn verloren. Er fühlte sich hilflos wie ein verwöhnter Junge, den das Schicksal ins kalte Wasser beförderte, und so war es ja auch. Keiner musste ihm sagen, dass er für das Leben auf einem Segler ohne Flagge nicht taugte. Betrachtete er sein bisheriges, unbeschwertes Dasein, überkam ihn Wehmut, denn nun gehörte ihm bloß noch, was er am Leib trug. So schlug er in die gereichte Hand ein. Als das brennende Schiff seines Vaters in der Dämmerung entschwand, saß Abi mit Joas am Mastbaum eines anderen Schiffes, wo haufenweise aufgerollte Seile lagen.
„Vor knapp einem Vierteljahr“, erinnerte sich Joas, „trat ich eine Seereise an. Ich wollte nach Sardes, in der vorderen Westsee. Vor dem Mündungsdelta des Nils kreuzten wir den Weg dieses Schiffes. Mal im Vertrauen, ich reckte gleich die Hände hoch, zum Zeichen der Aufgabe. Dafür schäme ich mich nicht, wäre schließlich tot sonst. Fiel mir schwer, in dieses Leben hineinzufinden, aber man lernt zu kämpfen und setzt alles daran, irgendwie zu überleben. Keiner zwingt dich, die härtesten Gegner anzugreifen. Du musst dir beim Entern einen ausgucken, der schwächer ist. Dafür kriegst du einen Blick, wirst schon sehen.“
Er zwinkerte wie mit allen Schlichen vertraut, und Abi verstand. „Eigentlich ist das feige, aber nicht unklug.“
„Du musst, bricht der Spektakel los, den Überblick bewahren“, riet ihm Joas.
Abi überdachte den Rat und fand ihn vernünftig. Aber ehe der nächste Tag anbrach, sollte er eines Besseren belehrt werden. Der Vollmond badete alles auf Deck in Silber, für Mitternacht war es seltsam hell. Abi lag zusammengekrümmt am Mast und versuchte vergeblich, innerlich zur Ruhe zu kommen – ohne sich bewusst zu sein, dass er unter allen, die an Deck schlafen mussten, den besten Platz belegte. Am Mastbaum spürte man den Seegang kaum, und er wäre bald eingenickt, da stellte sich ein nackter Fuß an die Seile. Er schaute an Joas behaarten Beinen hoch. Hasdrubal aus Tyros leistete ihm Gesellschaft; einer von denen, die seit Jahren zur Mannschaft zählten. Sein Kinnbart duftete stark nach frischer Salbe. Von der Kleidung her hätte Abi ihn für einen vornehmen Menschen gehalten, was leider trügte.
Auch ein junger Armenier, den er der Nase nach als Hebräer eingestuft hätte und der aus Karkemisch stammte, gesellte sich mit einem angenehmen Lächeln hinzu, sowie ein Greis mit Tränensäcken unter den Augen, dem die Verschlagenheit ins Gesicht geschrieben stand. Es war kein Zufall, wenn sie hier am Mast zusammenfanden. Für diese vier gab es in der Nacht nach einer Kaperfahrt ein traditionelles Spiel. Hasdrubal zog geschwind einen Kreidestrich aufs Deck und sie versuchten von einem bestimmten Punkt einen Gegenstand, der ihnen teuer war, über die Linie zu werfen. Wer am dichtesten an der Linie blieb, konnte die Dinge, die weiter entfernt landeten, gelassen einsäckeln.
Mit wertlosem Plunder aufzuwarten hätte niemand auch nur zu denken gewagt, und Hasdrubal versuchte es mit einem polierten Stück Bernstein. „Hier“, bemerkte er lachend, „ein Andenken an Sardes.“
Betretenes Stöhnen und Raunen ging um, und des Armeniers kleine Gemme aus Obsidian rutschte noch um einiges näher an das Ziel heran. Keine Fingerkuppe trennte sie vom Strich. Abi überlegte, was er entbehren könnte, da kullerte ein walnussgroßes Jadestück zur Linie. Er starrte Joas offenen Mundes an. Sein Freund hing an diesem Stein, und Abi musste an eine gemeinsame Freundin mit rabenschwarzem Haar denken, um die er den Freund heimlich beneidete. Leise fragte er: „Hast du den, dem das Jadestück gehörte, selber getötet?“
„Sonst hätte es ein anderer getan“, schnarrte Joas über die Zähne.
Abi musste sich zusammenreißen, ihm nicht vor die Füße zu spucken. Es hingegen wortlos zu schlucken, hätte ihn den letzten Rest Selbstachtung gekostet. „Jetzt begreife ich, was du vorhin meintest“, fuhr er ihn an. „Du wusstest genau, du hast leichtes Spiel bei ihm und warst Lukas überlegen wie ein Schakal dem Hasen. Mann, er ist mein Freund gewesen, und dich kann man nur einen erbärmlichen Feigling nennen!“
Der Beschuldigte lächelte böse und erklärte den Umstehenden kaltschnäuzig: „Man sollte ihm den Mund zunähen!“
Abi musste erkennen, wie beliebt Joas an Bord war. Die unbefangene Sympathie, die jedem Neuen anfangs zuflog, wurde bei diesem Wortwechsel zu Asche. Die heimliche Zuversicht, früher oder später würde er sich eingewöhnen, gefror auf seinen Lippen. Er stahl sich aus ihren Augen, kauerte sich in eine Nische, vollgestopft mit Segeltuch, den Kopf in die Hände vergraben, sehnte sich nach seiner Mutter und drei liebenswerten Schwestern und dachte an die geborgene Behaglichkeit, die allein bei Lampenlicht im Kreis der Familie aufkommt. Sein putziger Hamster fiel ihm ein und Ruthchen. Kaum jedoch umfing ihn gnädiges Vergessen, flackerte der Augenblick wieder im Geiste auf, als ihm sein Vater mit sehr verletzenden Worten zu verstehen gab, wie sehr den gereute, nicht besser den Zwillingsbruder großgezogen zu haben. Das wiederum weckte die vergessenen Bilder einer schlimmen Nacht in den Tagen seiner Kindheit. Er erinnerte sich lebhaft an fanatisch johlende Scharen, die mit Knüppel und Sichel die Gärten durchkämmten und über die zahllosen Katzen von Aschkelon herfielen. In versteckten Schlupfwinkeln der Hafenschuppen und Hinterhöfe vermehrten sich die streunenden Tiere über Jahre ungestört, um in einem barbarischen Befreiungsschlag auf ein erträgliches Minimum reduziert zu werden. Ein scheußliches Bild spukte Abi da im Kopf herum, und seine älteste Schwester enthüllte ihm damals etwas, das ihn für länger erschütterte als der Katzenjammer. Sie vertraute ihm an, die Eltern belauscht zu haben und weihte ihn ein, was aus all den namenlos gebliebenen Geschwistern wurde, die es ausbaden mussten, zu spät geboren zu sein, und die von daher das Los traf, als Säugling im Rinnstein zu landen. Sollten sie nicht erfroren sein oder verhungert, könnte sich ein barmherziger Nachbar ihrer angenommen haben … Es blieb ein sorgsam gewahrtes Geheimnis zwischen ihm und seiner ältesten Schwester Marissa, und er betrachtete seinen Vater nach dieser Neuigkeit für ein halbes Jahr mit heimlichem Argwohn. Später sah er ein, alle handhabten das so, um die Vermögen zusammenzuhalten oder aus Armut. Aber irgendwann würde sein Vater in Erwägung ziehen, ihm könnte etwas zugestoßen sein. Dann dürfte ihn gereuen, nicht einen mehr aufgezogen zu haben. Irgendwie fühlte sich Abi bei der Vorstellung um seine Zukunft betrogen, und die Aussichten auf Erfolg bei einer Flucht stufte er verschwindend gering ein. Obendrein fehlte jede Gelegenheit, so lange keine Möwe Festland ankündigte. Malte er sich aus, dass er jämmerlich dabei ertrinken könnte, wurde ihm eisig ums Herz und verstörende Angst schnürte ihm beengend die Brust zu. Wenn es aber wirklich Götter gab, was er heimlich bezweifelte, blieb schleierhaft, weshalb sie ihn bestraften und auf dieses verruchte Schiff verbannten.
Zur Mannschaft gehörten vierundzwanzig Leute, und er hielt sie alle für Schlächter. So blieb er einsam und für sich, obwohl er nicht allein an Bord war. Es schien niemanden zu geben, dem daran lag, sich mit ihm zu unterhalten. Falls er nichts unternahm, konnte er nachts, wenn alle an Deck schliefen, kein Auge mehr zutun. Die Gefahr, klammheimlich dem Meer übergeben zu werden, würde ihm künftig den Schlaf rauben. „Mann über Bord“ würde jemand rufen, doch niemand würde ihn retten wollen. War er mit seinen Gedanken allein, sagte er sich, gegen die wüsten Gesellen, die sonst die Mannschaft ausmachten, war Joas noch harmlos und im Grunde ein armer Tropf wie er. Doch er hatte eiskalt Lukas umgebracht! Schon am zweiten Abend war Abi dem Verzweifeln nahe. Als die Sterne am Nachthimmel funkelten und er allein auf seinem Polster aus Segeltuch hockte, wuchs die Erkenntnis, es gab in dieser Mannschaft niemanden, der dazu im Stande war, sich in seine Lage zu versetzen, geschweige denn befähigt wäre, Mitleid zu empfinden. Doch tat er einem Mann auf diesem Schiff bitter unrecht. Plötzlich baute sich einer der älteren Decksleute bei ihm am Mast auf. „Wer ein so hochmütiges Gesicht zieht“, hielt er Abi vor, „den sollte es nicht wundern, wenn keiner mit ihm reden will.“
Abi fuhr hoch und wunderte sich, jemanden, den er für einen unverbesserlichen Seeräuber hielt, so freundlich schmunzeln zu sehen. Seine Augen waren klar und offen, wie die eines Menschen mit einem eisernen Willen. „Wie heißt du?“, fragte Abi aus trockener Kehle.
„Pollux“, entgegnete jener. „Du meinst, es gibt unter den Flaggenlosen nur Mordbuben? Du irrst dich. Fast alle hier wünschten, sie könnten im nächsten Hafen an Land und die Zeit bei den Schwertfischern hätte es nie gegeben. Das kannst du mir glauben oder nicht.“
Abi schürzte bockig die Unterlippe. Doch ohne seine Antwort abzuwarten ließ sich der Mann mit dem zerzausten Vollbart bei ihm am Mast nieder „Du bist ein ganz verhätscheltes Früchtchen, ist dir das eigentlich klar?“
Als Abi missmutig den Kopf hob, sah er ihm scharf in die Augen. „Ich sehe dir an der Nasenspitze an, du bist der Nachzögling in eurem Wurf und Mutters später Liebling. Ich schätze du bist der, dem das Schiff gehörte. Und was immer du zu sein glaubst, du bist ohne den Wohlstand, dem du entsprossen bist, nur ein Weichei und der Letzte in der Hackordnung.“
Er zog die Unterlippe hoch, als erübrige es sich, noch genauer zu werden. „Es liegt an dir, ob das so bleibt“, raunte er versöhnlich. „Ich biete dir meine Freundschaft, Junge. Aber ich sage dir in aller Güte, du musst jetzt an dir arbeiten, oder du wirst dich wundern, wie schnell man charakterlich verwahrlosen kann. Kommt einiges auf dich zu und wäre schade um dich. Du musst ausloten wie weit du dein Tun mit deinem Herzen absegnen kannst und dir selber Einhalt gebieten, wenn du aus dem Bauch heraus spürst, du übertrittst eine Grenze und wirst schwerlich damit leben können. Also, richte keinen hin, nur um Suteman gefällig zu sein oder damit die Gunst der Mannschaft zu gewinnen. Das lohnt sich nicht.“
Abi schnappte verblüfft nach Luft, aber Pollux erleichterte es ihm mit einer hochherzigen Geste, die sein Vater nie fertigbrachte. Von Mann zu Mann schob er ihm den Arm über die Schulter und rückte auf Tuchfühlung an ihn heran, um sich der Umstände zu besinnen, unter denen er selbst ein allererstes Mal zur See fuhr, nämlich als blinder Passagier. Ausgerechnet hinter ihm, den Abi anfangs als unnahbar und gefährlich einstufte, verbarg sich ein durch und durch gutmütiger Kerl, von dem man einiges lernen konnte. Er brachte Abi bei, wuchtig ein Enterbeil zu schmettern und zeigte ihm manchen Knoten. Und er genoss Ansehen unter den Schwertfischern, durch ihn wuchs Abi allmählich in die Horde der Freibeuter hinein.
Die meisten dieser Bruderschaft waren so wie Joas, bis auf die Kittelschürze und ein paar Ketten oder eine Seidenschärpe nackt, aber Pollux wies ihm auch jene, die zum Urgestein der Bruderschaft zählten und ein eitler Wahn ritt. Suteman zum Beispiel. Sein bis auf die Knöchel reichender Mantel aus schneeweißem Leinen glich dem eines Karwan-Baschis, war über und über bestickt mit Goldschnörkeln und anrüchigen Symbolen. Würde er einem in einem Hafen über den Weg laufen, man hielte ihn für einen Stadtfürsten. Oder Jeris der Hebräer, der genau genommen Jeremias hieß und einem mit der Peitsche einen Strohhalm aus der Hand zupfen konnte. Der trug ein faltig fallendes, hellblaues Batikgewand, hauchdünn und reich bestückt mit zierlichen Silberschellen, wodurch ihn ein leises Klirren auf Schritt und Tritt begleitete.
Bedun, eine Ausgeburt des Kaukasus, stach durch ein Bärenfell und seinen struppigen Vollbart hervor. Abi mied ihn, weil er häufig andere anpöbelte und den geringsten Anlass für eine Schlägerei leidenschaftlich nutzte. Insbesondere warnte ihn Pollux vor einem verschlagenen Syrer. Hiram trug einen nadeldünnen Ohrring mit dem Ausmaß eines Armreifs. Seine ausgemergelten Wangen und der versteckte Husten, mit dem er dann und wann herausplatzte, sorgte für das Gerücht, er müsse lungenkrank sein. Er mochte vierzig sein, wirkte allerdings weit älter und war Sutemans rechte Hand. Meistens zeigte er sich in einer nachtblauen Samtjacke, doch er war eitel wie ein Paradiesvogel und putzte sich vielseitig heraus. Auch in dieser Hinsicht hob sich Pollux von den anderen ab. Seine Kleidung verriet den Pragmatiker, bestand aus einem rotgefärbten Antilopenlederschurz und einem schlichten Schultergurt, an dem eine Doppelaxt baumelte sowie ein kurzes Bronzeschwert.
Die besinnlichen Momente, in denen sich Abi seiner Schwestern erinnerte oder sich vorstellte, was er zu seinem Vater sagen würde, wenn er ihm eines Tages wieder unter die Augen treten musste, stellten sich immer seltener ein. Abi fing an, sich an den Alltag auf einem Schiff zu gewöhnen, fügte sich in das ihm abverlangte und orientierte sich an Pollux. Kräftig gebaut war er schon als Kind, aber die Einsätze auf der Ruderbank bewirkten, dass er auf einmal die Muskeln in seinen Oberarmen spürte. Mitunter geriet er aus dem Takt und böse Stimmen erhoben sich, dann konnte er nicht beleidigt von der Bank hochspringen. Dann galt es, die Zähne zusammen zu beißen und in den Rhythmus der rudernden Mannschaft zurückzufinden. Nach einem rüden Schlag in den Nacken sah er das ein und gab sich Mühe. Und das zählte bei den Leuten. Was unerträglich wuchs, war die heimliche Angst vor der Stunde, in der er beim Entern dabei sein würde.
3.
Das Gefühl, jeder in der Mannschaft lehne ihn heimlich ab, nagte an Abis Selbstwertgefühl. Ihn störte der Unterton, wenn man mit ihm sprach, und die verächtlichen Blicke, die Joas ihm dann und wann zuwarf, vertieften es. Sie hinterließen ihn sprachlos, denn sie konfrontierten ihn mit der Angst, für die Leute ein Tölpel zu sein. Instinktiv hielt er sich an Pollux und vertraute dem an, was ihm zu schaffen machte. „Ich hasse diesen Hundesohn von Ammuriter und wünschte, ich hätte mich nie mit ihm abgegeben. Zu Brei möchte ich ihn schlagen.“
„Lässt du dich zu einer Rauferei hinreißen, verlierst du jegliches Ansehen“, überlegte Pollux.
Abi rieb sich die Stirn. „Ja, ja, ich weiß“, murmelte er und hörte hinter sich ein Räuspern. Am Mast lehnte mit verschränkten Armen der junge Armenier, den er inzwischen schätzen gelernt hatte, weil er gute Laune an Deck verbreitete. Seine Mutter gehörte dem Stamm der Hebräer an, der von den Ägyptern zum Bau der Pyramiden eingespannt wurde. In jungen Jahren floh sie auf abenteuerliche Weise nach Karkemisch. Und er ähnelte eher ihr als seinem armenischen Vater. „Suteman und Hiram haben Kurs auf Kreta befohlen“, informierte er Pollux.
Der sah Abi aufmerkend an. „Wir haben genügend Elfenbein im Laderaum, einen Thronsaal auszustaffieren. Hasdrubal wird das schon organisieren. Ein Palast, wie der jüngst in Knossos in aller Pracht neuerstandene, schreit förmlich danach. Über drei Stadien zieht sich die Anlage hin, alles himmelblau verfliest … Durch ihre Olivenhaine und Weinberge im Hinterland sind die Minoer von Natur aus reich, aber der Ausbruch des Santurin beschert ihnen heute Ernteerträge, dass die Speicher bersten und die Kellereien überlaufen. Außerdem könnte man sich bei der Gelegenheit im Hafen umhören, welche Schiffe demnächst auslaufen.“
Betroffen senkte Abi die Lider, es ging um die Stoßzähne, die seinem Vater gehörten.
Der Armenier dachte nach und schüttelte den Kopf über seinen Kapitän. „Für das Schiff hätten wir eine Handvoll Silber bekommen.“
„Ja, manchmal ist Suteman zu eifrig.“
„Dazu solltest du mal Hiram hören. Der hat ihm gestern ins Gesicht gesagt, dass es klüger gewesen wäre, den alten Kahn mitsamt Elfenbein in Sidon zu verscherbeln. Die Sidonier geben massig Kupfer für Elfenbein, und Hasdrubal verfügt dort über ausgezeichnete Verbindungen zu den maßgeblichen Leuten im Hafen.“
„Unrecht hat er ja nicht“, befand Pollux. „Lange dauert das nicht mehr, dann gehen sie aufeinander los.“
„Die Sache hat einen Bart wie die Geschichte, die Jeris so gern mit leuchtenden Augen zum Besten gibt, vom Stammvater Abraham und Ismael und wem noch … aber sie spitzt sich auch zu wie Abrahams langer Bart.“ Verstohlen schmunzelte der Armenier. „In dem Fall wäre Sutemans Zeit um, schätze ich. Und Hiram dürfte alles umkrempeln. Davon mal abgesehen, dass er krank ist und sein Atem die Fliegen von den Wänden holt, stört mich seine selbstgerechte Art. Heiliger Vater Abraham, was steht uns da bevor?“
„Wer weiß?“, raunte Pollux und schürzte ungläubig die Unterlippe. „Suteman handhabt die zweischneidige Axt mit einer Leichtigkeit als wäre es ein Enterbeil.“
Abi hob hellhörig geworden den Kopf. „Bedeutet das, wir gehen in Knossos an Land?“
Pollux ahnte, warum es so hoffnungsvoll klang. „Ich fürchte, Hasdrubal und Hiram suchen allein die Hafenmeisterei auf. Die anderen bleiben hier – vor allem du. Suteman lässt einen Neuen frühestens nach einem Jahr von Bord.“
Es kam, wie es Pollux vorhersah. Drei Tage später, die Sonne erklomm eben den Zenit und ihnen perlte zur Mittagshitze der Schweiß von der Stirn, da tauchten in Gischtnebel gehüllt, die umschäumten Felsklippen auf, hinter denen Suteman gerne auf die Kreta ansteuernden Schiffe lauerte. Nach einer Stunde lief die Bireme in den Hafen von Knossos ein.
Von weitem erhaschte Abi lediglich ein ungefähres Bild von den himmelblau funkelnden Terrassen dieser prachtvollen Palastanlage hoch über der Hafenstadt, die man wegen ihrer Weitläufigkeit heimlich ein Labyrinth schimpfte. Beeindruckend war, die Anlage verfügte über den Komfort beheizter Baderäume und fließendes Wasser, und hinter den rostroten Säulen mit gelb bemalten Kapiteln, reihten sich undeutlich bunte Fresken und Wandgemälde, ähnlich denen in Ägypten, in knalligen Farben: Tiefblaues Wasser und das grelle Gelb von Stränden. Die sich darauf tummelnden Nereïden und Delfine schilderte ihm Pollux – endlose Bilderketten aus dem minoischen Sagenkreis leuchteten in der Vormittagssonne.
Hinter der Hafenkulisse versteckte sich eine verträumte Altstadt, doch Abi sah wenig mehr als den Markt am Kai mit seinen Lagerhallen und Werkstätten. Dattelpalmen beschatteten die Reihen fliegender Händler, der Einfluss des Pharaonenreiches war spürbar. Wohlhabende Frauen malten sich mit Ocker modisch die Lippen an und trugen Perücken wie in Memphis üblich. Ballenweise häuften sich vor Tandläden gefärbte Stoffe, eine üppige Auswahl an tönernen Amphoren, Krügen und gestapelten Tellern. Stimmengewirr, Möwengeschrei und das Blöken eines störrischen Stieres tönte klagend herüber. Es stank nach Hafen, Teer und altem Fisch. Abi hielt sich bei Pollux und Archaz auf, dem bartlosen Armenier mit den glänzenden braunen Augen und den ungewöhnlichen, fast schon weiblichen Wimpern. Aus dem Schatten der Heckflosse verfolgten sie mit gerümpfter Nase, was sich abseits des Getümmels auf einer Gerüstbühne zutrug.
„Der Sklavenmarkt“, raunte Pollux angewidert.
Wohl hundert Leute umschwärmten das Holzgerüst, während einem vorgeführten Mädchen das Kleid von den Schultern gezerrt wurde. Abi hörte schon auf dem Markt von Aschkelon die Elite vom minoischen Sklavenmarkt schwärmen, aber heute sah er ihn und fühlte mit dem Mädchen. Nackt warf es sich seinem früheren Herren vor die Füße, und der wandte sich hartherzig ab. Sie wurde mitgerissen und zur Holzstiege geschubst – weitergereicht in andere Hände.
Pollux beobachtete, dass Abi die Lippen verpresste, und zupfte sich grüblerisch den Bart. „Du hast ein zu großes Herz“, warf er ihm vor. „Das wird dich früher oder später den Hals kosten. Ich frage mich, ob du dir das leisten kannst, mein Junge?“
„Soll ich mich dafür schämen?“
„Manchmal“, erklärte der Ältere, „bringt Suteman ein paar junge Dinger für uns mit. Hüte deine Zunge, bei dem, was du dann erlebst. Sie sind wie Wölfe und haben lange jeden Weiberrock entbehrt.“
„Du zählst dich nicht dazu?“
„Ich zählte nie zu denen, die sich anpassen.“
Pollux schnitt nicht auf, aber Suteman dachte sich heute etwas anderes für seine Wölfe aus. Hasdrubal und Hiram brachten zwei kunstvoll geschmiedete Bronzeschwerter und eine minoische Doppelaxt vom Markt mit. Die Bruderschaft wurde zusammengerufen und flugs ein Hahn geköpft. Hasdrubal wickelte andächtig einen blutgetränkten Leinenfetzen um einen Stecken und zog einen breiten Strich auf das hintere Deck. Die Mannschaft nahm begeistert daran Aufstellung. Neu war das Spiel um den besten Wurf nach dem Blutstrich für Abi nicht mehr. Pollux übte es mit ihm noch und noch und riet ihm: „Nun steh’ bloß nicht abseits. Morgen oder übermorgen droht dir eine Enterfahrt. Willst du überleben, benötigst du ein Schwert.“
Der Siegelzylinder seines Vaters war alles, was Abi einsetzen konnte. Eine innere Stimme begehrte auf dagegen, denn womit sonst sollte er zu gegebener Zeit untermauern, einem reichen Haus anzugehören? In der Hackordnung war er letzter, daher musste er zunächst beiseite treten, und das Herz hüpfte ihm vor Unsicherheit schier aus dem Hals. Doch er bewies eine glückliche Hand. Der Siegelzylinder berührte fast die Linie, und er nahm von Suteman stolz ein Schwert entgegen, um das ihn mancher beneidete. Als er es freudig Pollux zeigte, zog ihn der in den Schatten der Kielflosse.
„Gut getan“, raunte Pollux. „Jetzt hast du eine Waffe, und du hast an Ansehen gewonnen. Das kannst du glauben oder nicht.“
Einer aus der Mannschaft setzte offenbar einen Lederbeutel ein, und Abi verwandte ihn, um die Kleinode vor und hinter dem Blutstrich hitzig darin zu verstauen. Mit strahlender Miene las er einen grünen Jadestein auf. „Der gehörte meinem Freund, ein Glücksbringer!“
Der Seewind sang und jubilierte durch die Rahen, und die sich blähende Leinwand knallte und knatterte in Freudensalven. „Glück wirst du jetzt brauchen können“, flüsterte Pollux ihm verhalten zu. „Ich weiß von Archi, morgen um diese Zeit wird’s ernst.“
Als sich das Segel richtig spannte, klang das wie ein Paukenschlag, und Abi langte schwankend nach des Freundes Schulter.
„Wir segeln zu den Klippen“, bemerkte Pollux. „Ich habe sie dir gezeigt. Die Wasserstraße nach Argos führt daran vorbei. Morgen, gegen Nachmittag, wird ein Sidonischer Kaufmann auf diesem Weg kommen.“
Abi wusste Bescheid und machte dicke Backen. „Im Töten bin ich so unbeholfen wie ein Kleinkind. Als Junge sollte ich beim Schachten helfen und konnte den Hammel nicht bändigen, vielleicht, weil ich bei uns das Vieh versorgte und einem so ein Wesen ans Herz wachsen kann. Eine scheußliche Angelegenheit! Hinterher musste ich zur Strafe das Blut von den Fliesen schrubben.“
„Bleib bei mir beim Entern – immer gemach“, empfahl ihm Pollux. „Halte mir den Rücken frei. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem die Messer sprechen. Sei wachsam, das genügt. Jedenfalls, wenn man auf der Seite des Stärkeren kämpft.“
An diese Worte dachte er, als sie am nächsten Tag im Schatten einer Felswand dem Handelsfahrer auflauerten. Abi wurde immer stiller und verschlossener, während die Augen auf dem glitzernden Wasser ruhten und ihm nach einer schlaflosen Nacht beständig die Lider zufallen wollten. Wo die Gischt an einer einsamen schwarzen Klippe mit jedem Brandungsschlag hochstob und andauernd Nebel herrschte, tauchte ein gelbliches Segel auf. Der von Norden wehende Wind blähte es, und von da ab kam es zusehends näher – bis man die Wegelagerer gewahr wurde. Dann drehten sie bei.
„Das hilft ihnen wenig“, raunte Pollux.
Sie befanden sich unterhalb der Heckflosse, und er suchte Halt an der zum Mast führenden Stage, als auch sie ein Windstoß erfasste. Im nächsten Augenblick saßen sie auf einer Ruderbank und zogen zum Takthammer ihr Ruder. Abi geriet in Schweiß und gab, was an Kraft in ihm steckte. Die Verfolgung dehnte sich unerträglich hin, aber weil Pollux ihm aufmunternd zuzwinkerte, hielt er eisern durch.
Suteman und Hiram begaben sich schon nach vorn in den Bug und ein Enterhaken wirbelte hinüber. Alle, die eben auf der Bank schwitzten, sprangen hoch und ergriffen ihre Waffen.
Es war nicht schwer, mit Pollux hinten zu verharren, denn andere drängelten sich vor. Abi blieb keine Zeit, großartig Angst zu bekommen. In der Eile sprang er wie die anderen auf eine phönizische Galeere und merkte, da neben ihm die Leute mit Säbel und Axt um sich hauten, dieser Kampf wurde erbitterter als der um sein Schiff. Der Kaufmann hatte zur Absicherung seiner Ladung in Knossos nämlich einige Hopliten angeheuert. Nur weil Suteman selbst wie ein Wirbelwind unter sie fuhr und im Handumdrehen drei niederstreckte, ging es glimpflich aus. Und weil Hiram der Ehrgeiz beflügelte, noch mehr auszurichten, aber sechs der Mannschaft büßten den Überfall mit ihrem Leben.
Pollux erledigte pflichtgemäß einen der Söldner, aber er hielt sich zurück. Dafür hatte Abi hinterher als Einziger kein Blut am Schwert. Weil alle ihre Klingen am Zeug der Gefallenen abwischten, fiel es nicht auf, aber ihm war zumute wie an dem Tag, als ihm beim Schächten der störrische Hammel entglitt. Die Hände zitterten, obwohl längst alles hinter ihm lag, so aufgewühlt war sein Innerstes. Wohlweißlich blieb er bei Pollux, während Suteman über die Toten hinweg stelzte und sich breitbeinig an die Klappe zum Laderaum begab. Anuhlada, der hochgewachsene Schwarze in der Mannschaft, hob die Klappe, und Hasdrubal reichte ihm eine Fackel. Suteman und Hiram verschwanden die Stiege hinab und kehrten mit zwei jungen Sklavinnen an Deck zurück.
„Das“, grölte Suteman, als bestünde die Ladung somit aus Gold. „Und einige Barren grobes Eisenerz! Hat sich gelohnt, Leute! Ansonsten lagern im Laderaum Unmengen fertig gezogener Kerzen. Damit sollten wir uns nicht belasten, die schenken wir Poseidon.“
„Wozu das?“, widersprach Hiram und bleckte die Zähne. „Gib jedem zwanzig Kerzen, und ich für mein Teil habe die auf dem nächsten Markt an einem Vormittag verhökert. Die Übrigen eignen sich, uns für Jahre Licht zu spenden.“
In dem Fall gab Suteman nach. Kistenweise schafften sie Kerzen in den Bauch der ‚Zerberus‘ hinüber und ließen wieder einmal ein brennendes Schiff an den Klippen zurück.
Für die, auf deren Kerbholz es gegangen war, warf es die wesentliche Frage auf, was das Gemetzel einbrachte. Von Wert waren vor allem die Barren aus Eisenerz, auf die Suteman gleich den Fuß stellte, dazu eine mit Silber beschlagene Holztruhe mit einem zusammengefalteten Umhang aus dunkelroter Seide und einer blauen Schärpe daran. Auch einen Sack voll Goldstaub stöberten sie auf, Pantherfelle, Fächer und Straußeneier, die bei Vornehmen sehr beliebt waren – sowie das beim Fleddern der Toten zum Vorschein Kommende.
Man verband einander reihum die Wunden und ein unterdrücktes Tuscheln hub an. Aller Augen richteten sich auf die Frauen, die in Ketten hinter dem Kapitän warteten. Abi ahnte, was in ihnen vorging. Vermutlich stammten sie vom Sklavenmarkt und wähnten sich am Ende ihres Leidensweges. Tatsächlich sanken sie sich im ersten Moment vor Freude in die Arme, weil die Freiheit so nahe schien. Doch die wilden Gesellen, die sich um sie scharten, waren großteils halb nackt und sorgten für sofortige Ernüchterung: Narbengesichter mit abgrundtief bösen Augen, vor denen die Mädchen geknickt auf ihre Füße starrten.
Suteman hing finsteren Gedanken nach. „Ich frage mich“, herrschte er Hiram und Hasdrubal an, „wie ihr in der Hafenmeisterei aufgetreten seid.“
„Du meinst die Hopliten?“ Hasdrubal winkte ab. „So viele sind es auch wieder nicht gewesen.“
Hiram verschränkte die Arme. „Du meinst, ob die Wind gekriegt haben, als wir uns nach auslaufenden Schiffen erkundigten? Wenn ja, hätten sich nicht zwölf Bewaffnete, sondern drei Dutzend im Laderaum versteckt gehalten.“
Andächtig nickte Suteman, und der Schwarze rief ihm zu: „Was ist mit den Frauen, willst du beide für dich?“
„Ihr wollt, dass ich einen Hahn köpfe? Bedauere, ich habe keinen“, erklärte Suteman schnippisch.
Der Schwarze grinste hämisch. „Der Strich von gestern ist noch deutlich sichtbar, einmal geht der noch.“
Die beiden Frauen waren genau genommen Mädchen. Eines war blond und zierlich, das andere wirkte befremdend. Es war die wie Bronze getönte Haut und die mandelförmigen, schrägen Augen. Beide nestelten vor Angst an ihren Leinenkleidern. Ihr Los bei der Verteilung der Beute war unschwer zu erraten.
Aber Pollux trat selbstbewusst aus den Versammelten vor, weil er bei der Situation nicht tatenlos zusehen wollte. „Sie waren Sklaven und sollten ab heute frei sein. Wer anders redet, ist schlimmer als der Kaufmann, der sie in Knossos erstanden hat!“
Berstendes Gelächter brach los und gab ihm Bescheid, wie andere darüber dachten.
Der Mann aus dem Kaukasus rief: „Was faselt der da? Man sollte ihm den Mund zunähen!“
„Was seid ihr bloß für Tiere?“, erwiderte Pollux kopfschüttelnd. „Hattet ihr keine Mutter? Hat euch keiner gesagt, dass es primitiv ist, einem Tier gleich seine viehischen Triebe auszutoben? In meiner Heimat jedenfalls nimmt sich kein halbwegs gebildeter Mann gewaltsam, was nur als Geschenk wirklich gut tut.“
Er beschämte die Leute und das war seine Absicht. Abi hätte es nicht für möglich gehalten, wie gekonnt sein älterer Freund mit Worten umzugehen vermochte. „Ihr solltet den Mädchen nicht weiter Angst machen!“, warf er der Meute zu. „Zeigt ihnen, dass auch Schwertfischer so etwas wie Ehre und Anstand kennen.“
Suteman blickte Pollux streng an. „Du bist nicht der Kapitän.“
„Sicher, du entscheidest über das Schicksal der Weiber.“
„So denn“, schnauzte der Kapitän. „Wir segeln von hier in Richtung Nil-Delta. Bis wir in Memphis anlegen, wird keiner ihnen Gewalt antun. Wenn doch, wird der Mann kielgeholt!“
Er war ein Draufgänger, stark und oft garstig, aber er war nicht dumm. Durch das, was ihm von Pollux in den Mund gelegt wurde, hatte das alte Spiel um die Gunst des anderen Geschlechts an Bord begonnen, und ein väterliches Lächeln signalisierte, wie sehr er sich in seiner Rolle sonnte. „Seht ihr den Holzblock, den bei uns der Takthammer schlägt?“, wandte er sich an die Frauen. „Ihr braucht nur den Mut, euch davor zu knien. Kaleb, unser Koch und Schmied, hat schon anderen den Armreif geknackt.“
Das blonde Mädchen mit dem hochgesteckten Haar und der spitzen Nase, das zuerst von seinen Ketten befreit wurde, sprach Phönizisch, wie die meisten auf dem Schiff. Es verfolgte den Wortwechsel mit und suchte instinktiv bei Pollux und Abi Schutz. „Ich bin Semiris“, stellte sie sich vor.
Abi fiel so rasch nichts ein, was er sagen könnte, aber das Kleid aus Leinen hing von ihren schmalen Schultern wie ein Sack, und er gab ihr das Stück Kordel, das von dem Sonnendeck am Heck des Handelsfahrers stammte. Sie band es sich um und lachte ihn dankbar an. „Du kannst wohl Gedanken lesen. Dabei vergesse ich ja, dass ich eine Sklavin bin.“
„Na hoffentlich“, rutschte Abi heraus, und es machte ihn verlegen, bei ihr Anklang zu finden.
Nun gesellte sich auch das andere Mädchen hinzu. Nie zuvor traf Abi eine Frau wie diese. Nie würde er diese brennenden Augen vergessen können. Sie war nicht größer als in Aschkelon die Kinder, und die Heiterkeit, mit der Semiris das Kleid um sich gerade zupfte, ermutigte sie, Vertrauen zu Pollux zu schöpfen. Schnell merkte sie, der verstand wenig aus ihrem Sprachschatz, aber ihre Schicksalsgefährtin vermittelte und erklärte: „Kirsa stammt aus Batawe, einer Stadt am Gestade südlich des Pharaonenreiches. Kirsa wurde, wie alle vierzehnjährigen Kinder der Stadt, nach Llanka geschickt, wo sich ein Hexenmeister des Thrones bemächtigte und man sie auf dem Sklavenmarkt zu Llanka versilberte. Sie ging in den Besitz eines Assyrers über und kam mit einer Karawane nach Sidon … vor rund sechs Jahren. Wir lernten uns kennen auf dem Sklavenmarkt zu Delos, an dem Tag, als meine Mutter starb. Kirsa ist vor vier Tagen siebzehn geworden.“
„Du sprichst zwei Sprachen?“, staunte Abi.
„Nur das Griechische richtig“, erklärte Semiris, „Mein Phönizisch lässt zu wünschen übrig, ist mehr ein Kauderwelsch aus Sidonisch, Aramäisch und Hebräisch. Aber sie und ich sind aus dem gleichen Stall. Durch sie verstehe ich auch ein paar Brocken Singhalesisch und kenne ihre Geschichte.“
Pollux schaute sich beunruhigt um. Die Tatsache, dass die Ziele der allgemeinen Begierde sich mit keinem außer Abi und ihm abgaben, trug den beiden Freunden Hader mit der übrigen Mannschaft ein.
„Das hat Folgen“, raunte Pollux.
„Was meinst du?“, fragte Semiris betroffen.
Pollux lächelte entschuldigend. „Nichts. Es genügt bloß nicht, die Leute bei ihrem Ehrgefühl zu packen. Denen etwas von Anstand zu erzählen, hätte ich mir schenken können.“
Semiris zuckte hilflos die Achseln. „Was soll ich denn tun? Du machst mir Angst.“
Auch Abi vergewisserte sich über die Schulter, wie die Stimmung bei Sutemans Leuten war. Er merkte nicht, dass Semiris ihn mit Herzklopfen entzückt betrachtete. Pollux mochte ein nettes, wenn auch ernstes Gesicht haben, sein schulterlanges Haar war schon schütter, an den Schläfen ergraut. Dem Alter nach hätte er ihr Vater sein können. Abi hingegen war jung und unverdorben, und was er bei den Schwertfischern erlebte, gab seinem Gesicht den nötigen Ernst, der ihm früher fehlte. Der breiten Stirn und seinen Augen aus Bernstein wohnte eine natürliche Heiterkeit inne, die ihr guttat. Er klang so unbefangen, ohne sich in den Vordergrund zu stellen. Sie überlegte ernsthaft, ob sie ihn von früher kennen könnte und verwarf das, aber sie mochte dieses schüchterne Lächeln um seine Mundwinkel. Ihre Mutter, besann sie sich, verriet ihr über Männer mit so ausgeprägten Lippen, die seien leidenschaftlich und willensstark. Für sie war er ein ganz besonderer Mensch, und er hatte etwas gut bei ihr.
