Der Tod des Houke Nowa - Eike Stern - E-Book

Der Tod des Houke Nowa E-Book

Eike Stern

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Beschreibung

Auf Drängen seines Vaters bricht Houke mit einer Holka zu seiner ersten Handelsfahrt auf. Er wird von Schwertfischern geentert und gezwungen, der Bruderschaft beizutreten. Pollugs, ein alter Fuchs im Kreis der Seeräuber, erbarmt sich des Neuen. Houke wächst in die Mannschaft hinein. Vor Knossos gerät ein Schiff mit Sklaven in ihre Gewalt. Er lernt seine zukünftige Frau Semiris kennen. Als sie im Nil-Delta eine ägyptische Feluke kapern, fällt ihnen ein Mann des rätselhaften westlichen Seevolkes in die Hände, das erst vor einem Menschenalter die Bühne der Weltgeschichte betrat. Pollugs stirbt, und Houke muss Semiris vor der lüsternen Mannschaft beschützen. Oft muss er auch den Gefangenen bewachen, und gemeinsam mit Decgalor, dem jüngsten Prinzen von Atlantis, gelingt die Flucht. Das Trio segelt halb um die Welt, und es folgt der Aufstieg Decgalors. Nach einem Jahr zählt sein neuer Freund zu den Machthabern des gigantischen Sperrturms in der Meerenge vor Sizilien, wo drei Flottenverbände stationiert sind. Von dem aus kontrollieren die Atlanter das östliche Mittelmeer. Decgalor schickt sich an, mit der Seeräuberei aufzuräumen, und Houke lernt durch den Atlanter, um was es geht im Leben. Er entwickelt Prinzipien. Aber sein Vorbild verfügt noch über ein zweites Gesicht…

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Seitenzahl: 547

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Eike Stern

Der Tod des Houke Nowa

Königin der Westsee Teil 1

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10.Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17.Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

Zahllose Dachgärten, Dattelpalmen und der traditionelle Karawanen-Rastplatz außerhalb des Stadttors verliehen dem alten Aschkelon das Gepräge des Vorderen Orients. Alle drei oder vier Tage kroch eine neue Karawane wie eine dünne Staubfahne aus den goldbraunen Bergen hervor. Wenn sie eintraf, entfaltete sich ein reges Treiben um die von Akazien und Mimosen beschatteten Teiche vor der Mauer. Zumeist bestand die Ladung aus Gestrüpp, neben Schaf- und Kameldung in diesen holzarmen Ländern das wichtigste Brennmaterial. Dumpf aufprallend fielen die aufgetürmten Lasten von den hohen Rücken geduldiger Dromedare. Die befreiten Lasttiere vollführten lustige Sprünge, grunzten zufrieden und beschnupperten und liebkosten einander. Schlürfend und mit triefenden Lefzen mahlend, wälzten sie sich mit peitschendem Wedel im glitzernden Sand oder verharrten hängenden Kopfes, mit gespreizten Beinen und träumender Seele im Farbenchaos der sinkenden Sonne.

Ein hochgewachsener junger Mann in einem luftigen Chiton musterte zerknirscht die verwitterten Gesichter der zum Teich taumelnden Lastenträger. Er hatte leidenschaftliche Lippen und trug die dunkelblonden Locken hinter die Ohren gestrichen, das betonte seine hohe Stirn. Der Name Houke passte zu ihm und seinen lebhaften Bernsteinaugen, die Sandalen verrieten, hier kam kein Hungerleider. Ihm war in die Wiege gelegt, dem größten Mann seiner Zeit Paroli zu bieten, doch er würde sich kreuzweh lachen, hätte man ihm das zu diesem Zeitpunkt prophezeit. Er war ein Luftikus, gehörte zu denen, die darin glänzen, endlos über alles reden zu können. Widersprüche pflegte er mit leichter Hand hinweg zu fächeln. Was ihn nicht vergnügte, lehnte er ab, schaltete dann stur auf Gleichgültig gegenüber allem, was zwischen zwei Mahlzeiten liegt und entwickelte eine erstaunliche Fertigkeit, sich vor jeglicher Verantwortung zu drücken. Mit anderen Worten, er war das Nesthäkchen im Haus seiner Väter, weigerte sich, erwachsen zu werden und hielt das für Stärke. Gewohnheitsmäßig vergewisserte er sich mit einem Griff in die Umhängetasche, ob der handzahme Hamster, den er darin spazierentrug, noch an seinem Platz war. Neben diesem possierlichen kleinen Gesellen begleitete ihn gewöhnlich ein gleichaltriger Bursche von schlaksiger Gestalt, der sich in einem Fetzen von Ziegenfell nicht wesentlich von den halbnackten Trägern abhob. Lausbübisch grinsend machte er Houke auf eine Gruppe vornehmer Reisender aufmerksam, alle in wallenden weißen Gewändern, reich bestickt und Goldreife an den Unterarmen.

Auf dem Schlitten in ihrer Mitte stapelten sich wachsbeschichtete Silberttafeln. Es erweckte den Eindruck, die Verantwortlichen gingen die jüngsten Verluste an Lasttieren durch. Der Älteste im Führungsstab der Karawane hantierte gekonnt mit einem Stahlgriffel. Ein reger Wind bauschte seinen Leinenmantel, während er den verlesenen Namen mit einem Haken versah. Der Freund wies Houke mit dem kleinen Finger diskret jenen, der sich aufmerksam dazu am Kinnbart fummelte, es erhaben abnickte und eigentlich nur mit regloser Miene lauschte. „Schau dir mal seine Ringe an.“

Freudig registrierte Houke einen klotzigen Smaragd an dessen Hand und war schon mit drei Schritten zu dem Mann hin. „Verzeiht, edler Herr, wenn ich störe“, unterbrach er sie forsch. „Seid Ihr der Karwan-Baschi?“

Der Angesprochene leitete immerhin ein Konsortium, das sich aus 87 Händlern und Krämern und 873 Lasttieren zusammensetzte und fühlte sich nicht auf Augenhöhe mit ihnen. Ärgerlich hob er das spitze Kinn.

Houke ahnte, es waren die üblichen Vorbehalte gegen die Jugend und steckte es mit verkniffenen Lippen weg. Aber er war kein Kameltreiber, hatte sich nie mit niedriger Arbeit die Hände schmutzig gemacht. Ihn regte auf, wie eine lästige Schmeißfliege mit einer ungnädigen Handgeste abgeschüttelt zu werden. „Es geht mir um eine überfällige Sendung Gewürze aus Babylon“, fügte er hastig bei. „Verantwortlich ist ein gewisser Jawan. Führt ihr den oder einen Unterhändler namens Aguschi in den Listen? Ist ein Sohn des Egibi, ansässig am Tuchbazar Babylons. Wenn ja, wo finde ich den?“

Der Älteste der Anführer des Zuges kratzte sich gelangweilt die hagere Wange und überflog flüchtig die letzte Tafel. „Du redest wirr daher. Bei uns hat sich weder ein Jawan noch ein Aguschi eingeschrieben. Beide Namen befremden mich.“

Der Karwan-Baschi lächelte milde. „Oh. Vermutlich schrieb er sich bei der Karawane ein, die zwei Tage vor uns Medina passierte.“

Er trat dichter an Houke heran und senkte die Stimme. „In dem Fall habe ich üble Neuigkeiten. Bei Omars Oase gab es ein Massacker. Sämtliche Geier, Schakale und Hyänen von hier bis Damaskus haben sich eingefunden.“

estürzt starrte Houke auf das lebensfeindliche öde Sandmeer hinaus und verzog den Mund, als hätte ihm etwas den Appetit verdorben. Die heimliche Befürchtung, räuberische Beduinen könnten das Ausbleiben der überfälligen Gewürze verschulden, hatte sich erschütternd bewahrheitet. Der Verlust einer kompletten Sendung dürfte die Geschäftsbeziehung mit ihrem Mann in Babylon erheblich trüben. Weil nämlich sein Vater mit dem, was Kardamon und Pfeffer aus Babylon einbrachte, das Olivenöl bezahlte, das er seinerseits per Karawane in den Fernen Osten sandte.

Houke war alt genug, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und zu jung, die wahre Tragweite für die eigene Person so schnell zu erfassen. Für gewöhnlich oblag ihm, den Händler für Gewürze abzufangen und ins Haus der Väter einzuladen. Nun fiel ihm zu, die folgenschwere Nachricht dem Vater zu überbringen, und sein Freund merkte, wie einsilbig er wurde und verabschiedete sich.

Langsam breitete sich schon das Zwielicht in den verwinkelten Gassen aus, die hinter dem Stadttor auf die Hauptstraße mündeten. Wie immer zu dieser Stunde spielten die nackten Kinder aus dem Gesinde vor dem Hauseingang mit ihren Murmeln.

Sein greiser Vater verbrachte die Stunde des Dämmerns gewöhnlich im Garten des Innenhofs, unter offenem Himmelszelt. Der Geruch reifender Früchte lag in der Herbstluft, und der verflieste Säulengang versank allmählich im Schatten der Nacht. Hartak, der Patriarch, der die Fäden im Haus Nowa zog und das Siegel verwahrte, saß vorgebeugt auf der Steinbank, die Hände im Nacken gefaltet, die Augen düster gesenkt auf das vergilbte Laub zwischen dem Immergrün.

Houke fasste sich ein Herz, berichtete also und schloss mit dem Gedanken, „demnach dürfen wir davon ausgehen, unser Olivenöl erreichte unbeschadet Egibis Lagerhaus. Uns trifft kein Verschulden, da wir unseren Teil des Geschäfts erfüllt haben. Du solltest froh sein, Vater.“

Ohne mit einer Wimper zu zucken hörte der Alte ihn an und musterte Houke mit einem ganz und gar ungläubigen Ausdruck um den Mund, wie im zarten Knabenalter, als er allen Ernstes fragte, ob andere Städte auch einen so großen Mond hätten. „Froh?“, wiederholte er tonlos. „Das wäre zuviel. Wenigstens haben wir Klarheit.“

Dann hob er die Stirn und zog scharfsinnig die Brauen hoch. „Es ruiniert uns nicht, mein Sohn, wenn wir Anstand zeigen und uns den Schaden mit Egibi teilen. Nur leider schwindet mein Augenlicht. Eine Reise in den Fernen Osten ist für einen gebrechlichen Mann wie mich zu beschwerlich. Du wirst das richten müssen. Geh also zum Haus der Astarte-Priesterin, denn die geweihten Tage, in denen Astartes Stern heller blinkt, stehen vor der Tür und der Schirmherrin der Seefahrer und Händler gebührt ein Opfer. Nimm unser bestes Lamm, dann wird sie ein hütendes Auge auf dich werfen. Und ist das getan, schreibe dich bei der nächsten Karawane ein. Wie soll Egibi sonst erfahren, was unseren Handel hinfällig macht? Mal sehen, ob du zu einem Kaufmann taugst.“

Betreten schluckte Houke, hatte er doch Freunde, mit denen er täglich abends loszog, und der Vater nahm sich bedenkenlos heraus, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Unter der Vorstellung, die Beduinen könnten sich in der Bergwildnis eingenistet haben, wurde ihm mulmig. Die unheimlichen Wüstenkrieger galten als Geißel des Handels, und jede von hier gen Osten aufbrechende Karawane zog auf Gedeih oder Verderb an der Oase von Omar vorbei.

Geistesgegenwärtig entfuhr ihm, „das kann mich den Hals kosten. Wozu? Die Eypter haben einen vergessenen Kanal wieder schiffbar gemacht, heißt es, über den sie in das südliche Meer gelangen. Und du verfügst über einen Seemann wie Larban. Schick ihn mit der Holka nach Babylon.“

„Ach Larban“, schnitt ihm sein Vater gereizt das Wort ab. „Du redest hohl daher, es gilt, zu handeln. Zeig wozu du fähig bist. Jetzt bist du an der Reihe, Houke. Du hast das Alter, muss ich sagen.“

Wie ein Urteilsspruch klang es und traf ihn mit Wucht, obwohl sich Houke bemühte zu lächeln. „Die Sache bei Egibi zu klären traue ich mir zu“, wandte er hüstelnd ein. „Aber ich ertrage einfach keinen Seegang. Mir wird übel, sobald ich ein Schiff besteige. Der Magen, weißt du…“

Sein Vater wollte das nicht hören. „Schütte was hoch will über die Fische und gönne es denen. Das gibt sich, mein Sohn.“

Houke fühlte sich beengt im Brustkorb. Es raubte ihm die Ausrede. „Haben wir keine Rücklagen?“ Vorsichtshalber langte er in die Hüfttasche, um nicht beim Hinsetzen versehentlich seinen Hamsterfreund zu zerquetschen.

Sein Vater wies mit dem Kinn auf die Elefantenzähne, die der Sitzecke am Immergrünbeet einen würdevollen Rahmen verliehen und sich fabelhaft als Rückenlehnen eigneten, und Houke lächelte erleichtert. „Das reißt uns doch schon raus.“

Mit strengen Augen hielt ihn Hartak Now fest. „Es ist die Mitgift deiner Mutter, ich wollte nie daran rühren.“

Dessen war sich Houke bewusst, doch ganz sachlich betrachtet, drohte der Ruin, und er überlegte: „Woher stammen die weißen Figuren, die sie im Hafen feilbieten?“

Abschätzend zog er die Hände auseinander. „Bei der Strandtreppe sitzt immerzu ein gewievter Junge in einem Lammfell, der bietet so große gewölbte Elfenbeinbrücken an, mit einer Reihe darüber wandernder Elefanten oder Pyramiden aus winzigen Affen, ganz haarfein gearbeitet. Wer das zu schnitzen vermag, dürfte einen Batzen Handelsmetall für so einen Stoßzahn geben.“

Sein Vater rieb sich andächtig das spitze Kinn, ehe er sich erhob und seinen Sohn an sich drückte. „Womit wir die nächste Lieferung Kardamon anzahlen können.“

Dann legte er ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter. „Unten, in irgendeinem Winkel der kalten Gruft lagern noch mehr. Es müssten acht Stoßzähne zusammenkommen. Meinen Segen hast du, nur packe es an. Und packe es bald an, mein Sohn, denn wir müssen uns bei Egibi melden. Seine Gewürze sind die Quelle unseres Wohlstands.“

Houke fasste sich an den Kopf, erwog, dem Vater die Füße zu küssen und sich aufs Betteln zu verlegen, aber der wusste ihn bei der Würde zu nehmen. „Heute Abend, mein Sohn, da wird gefeiert. Du wirst im Mittelpunkt stehen. Ich denke, Alda wird dich danach mit anderen Augen sehen.“

Bei dem Namen schlug sein Herz höher, und ihm schoss das Blut in die Wangen. Nur leider bemühten sich auch sein Vetter Mazad und Schnotto um Alda, und sie schien zu wissen, was sie Wert war. Es gefiel ihr, für alle drei der Sonnenschein zu sein. Allerdings machte sie auch nie einen Hehl daraus, dass sie eben nur eine Freundin sein konnte. Sie wusste genau, warum sie sich nicht festlegte. Jedenfalls würde er die Gelegenheit, ihr zu imponieren, beim Schopf fassen.

Für die Hühner des Anwesens wurde es ein schrecklicher Tag. Drei Dutzend mussten dran glauben. Die meisten dienten als Bordverpflegung, ein Teil für das Abschiedsmahl. Da man nach Flügeln rechnete und 15 für das Mahl benötigte, widerfuhr einem Tier, dass ihm über die Tischkante ein Flügel abgerupft wurde. Houke hatte immer einHerz für Tiere und konnte sich eines Schauderns nicht erwehren. Dann und wann schweifte seine Aufmerksamkeit zur Angebeteten hinüber. Ein milder Zug und Grübchen um die Wangen machten Aldas Liebreiz aus. Obendrein das rabenschwarze Haar, im Nacken gebunden, sodass es ihr bis auf die weiblichen Hüften floss. Wie die meisten Weiber trug sie einen schlichten mausgrauen Leinenkittel, aber wo sie sich aufhielt duftete es dezent nach Ambra. Unbestritten war sie die Königin des Abends, sowohl für Houke als auch für Schnotto und Mazad, während der Feuerschein von drei Ölschalen das Schnitzwerk in den Ecken des Saals in unruhig flatterndes Licht hüllte und es bald nach Fisch, Fleischresten und Wein roch.

Aldas Anwesenheit genügte dem tonangebenden Vetter, mit dem er manchmal durchs Tavernenviertel bummelte, sich gehörig aufzublasen. „Jetzt mal ehrlich, wie hast du deinen Vater dahin gebracht, dich auf Fahrt zu schicken?“, fragte er herausfordernd.

Mit derartigen Spitzen aufzuwarten, darauf war Houke eigentlich vorbereitet. Er kannte ja das Großmaul Mazad. Natürlich sah der, dass es hinter Houkes Stirn brodelte und fügte auch noch abfällig hinzu: „Und deine kleine Ratte nimmst natürlich mit, oder …?“

„Das ist ein Hamster“, verbesserte ihn Houke, fuhr mit einem raschen Griff durch die Hüfttasche und setzte seinen possierlichen, goldbraunen Freund auf die eichene Tischplatte.

Als er ihm eine Paranuss in die kleinen Pfoten drückte, platzte Mazad ein wieherndes Gelächter heraus. Mit versteinertem Gesicht bemerkte Houke ein Alda geltendes Zwinkern. Er lief vor Wut rot an, auch wenn die keine Miene verzog.

Der Vetter grinste und zog belustigt eine Furche durch den lehmigen Estrich, um Houke auch noch vorzuführen und vor Alda seine Fertigkeit mit dem Enterbeil zu demonstrieren. Sein Wurf traf nur den Rand der gewöhnlich zum Bogenschuss dienenden Zielscheibe, biss sich jedoch in den Kork, dass der halbe Außenring abgehackt wurde.

Houke schreckte davor zurück, es mit ihm aufzunehmen, weil es mehr bedurfte als breite Schultern, einen wuchtigen Wurf abzuliefern.

Um sich nicht gründlich zu blamieren schmetterte er kurzerhand sein Schnitzmesser nach dem behelmten Holzkopf, der sich neben der Zielscheibe erhob. Genau das aufgemalte Auge erwischte er zu seiner eigenen Verwunderung. Sogar Larban, der meist mürrisch aufgelegte Steuermann in den Diensten der Nowa, honorierte es mit einem beifälligen Pfiff.

Sein überheblicher Vetter zeigte insofern Größe, ihm ein Schwert zum Lebewohlsagen aufzudrängen. Zum Griff hin verjüngte sich die Schneide erheblich, mutete von daher beunruhigend zerbrechlich an gegen das Breitschwert, das ihm sein Vater für die Fahrt überließ. Er reichte es unbemerkt weiter an seinen Freund Schnotto und fing an, sich mit dem Gedanken anzufreunden, morgen in See zu stechen. Er würde Alda zeigen, zu was er fähig war und nebenbei auch seinem Vater und dem überheblichen Vetter.

2. Kapitel

Bis zum Morgen wälzte er sich unruhig hin und her. Der Schlaf, den er fand war oberflächlich und wenig erholsam, doch niemanden interessierte das. In aller Frühe brach Houke auf zu den Anlegern. Schweren Herzens hatte er darauf verzichtet, seinen Hamster mitzunehmen, und das tiefbraune Brackwasser im Hafenbecken stank nach frischem Fisch, fauligem Tank, Schweiß von tausend Männern und teerigen Tauen. Ein Hauch von Farbe auf trockenem Holz mischte sich darunter und der scharfe Dunst rostiger nasser Eisenteile – er sog alles in sich auf, auch das süßliche Aroma aus einem Lagerschuppen, in dem eine Kiste Obst vergammelte. Er schmollte mit sich und dem ihm aufgebürdeten Schicksal, und verschwendete keinen Gedanken daran, wie es seinem treuen Begleiter schmeckte. Sein Vater hatte Schnotto freigelassen, und er hatte sich, dem Gesetz getreu, täglich bei seinem Patron zu melden und blieb auch danach sein Freund. Houke behandelte ihn eher wie einen Hörigen. Er genoss es wie ein Geschenk der Götter, zu einer kleinen Oberschicht zu zählen, die auf ihre Sklaven baute und keinen Handschlag selber verrichtete. Schon ein Handwerk auszuüben, hieß der arbeitenden Schicht anzugehören, und der beste Meister wurde nur geringschätzig geduldet in seinen Kreisen. Reichtum galt als höchste Tugend.

Ein betrunkener Hafenarbeiter rülpste Wein aus und Houke wandte sich angeekelt ab. Am Südende der Marktstraße rasselte die zweiteilige Brücke herunter; Karren rollten über die Hafeneinfahrt. Drüben begann die Welt der Werften, Werkstätten, Lagerhallen und Schuppen. Im kühlen Schatten der Säulen am Kai saßen Kaufherren und rechneten, und ihre Schreiber prüften die Schiffslisten, schrieben Briefe und Wechsel und statteten von hier die Schiffe aus. Gewöhnlich mied er die Stelle am Kai, wo ihre Holka vor sich hindümpelte. Braungebrannte Arbeiter im roten Schurz turnten auf dem Deck herum und verstauten schon die Elefantenzähne im Laderaum. Eigentlich hatte er die alte Holka größer in Erinnerung. Selbst eine egyptische Feluke maß zwei Schritt mehr vom Kiel bis zur Heckflosse.

Die Aufsicht führte Larban, gekleidet in einen rubinroten Leibrock im Hammerschlagmuster. Ein schmieriges Lächeln umspielte seine dünnen Lippen.

„Wir müssen darüber reden, wohin überhaupt“, ging ihn Houke großspurig an.

„Müssen wir nicht“, belehrte ihn Larban. „Es geht nach Pi-Ramesse, zum Markt der Handwerker. Ich weiß um einen Elfenbeinschnitzer, und den treiben wir auf.“

Houke ballte die Fäuste, da sein Gegenüber offensichtlich besser über alles im Bild war als er. Der bärenstarke Mann mit dem Walrossbart war um die breite Brust stark behaart. Er bediente nicht nur seit über elf Jahren die Ruderpinne, sondern gehörte schon halb zur Familie. Aus skeptisch zusammengekniffenen Augen musterte er ihn. „Damit eines klar ist. Du und dein Lakai, ihr seid Decksleute wie alle und werdet euch krumm machen wie alle!“

Als Houke die Augen schloss und im Geiste bis fünf zählte, richtete sich Larban schnaufend zu voller Größe auf und ließ kopfschüttelnd seinen Unmut heraus. „Ach Junge, ich habe deinen Vater schon über dein störrisches Verhalten weinen gesehen. Erzähle mir nichts! Du willst mit? Na gut. Wir laufen gleich aus.“

Dieser Mann verachtete ihn. Das wusste jeder. Er hatte gelernt damit umzugehen, aber es einfach auszublenden gelang ihm nicht. Der Vorsatz, die Reise trotzdem als eine willkommene Abwechslung zu betrachten, zerstob in bedrückender Ernüchterung. Ärgerlich winkte er den Freund zum Brettsteg, um sich schleunigst unter Deck zu verdrücken.

Niemand folgte, und die beiden richteten sich die für sie reservierte Kabine her und saßen anschließend beisammen im spärlichen Licht einer Tranfunzel. Houke sah seinem Freund Schnotto an, dem brannte einiges auf der Zunge, und ihm widerstrebte, darüber zu reden. Mit dem Daumen rieb er zärtlich einen walnussgroßen Jadestein und hing geistesabwesend trüben Gedanken nach.

„Von wem?“, fragte Houke kurz angebunden.

Und es folgte eine weitere Ernüchterung. „Alda sagt, er hat ihr Glück gebracht“, entgegnete der Freund treuherzig. Einzusehen, dass Alda einen Freigelassenen seines Vaters ihm vorzog war niederschmetternd, aber er wusste seine Enttäuschung zu überspielen. „Glück?“, wiederholte er und schlug sich belustigt auf den Schenkel. „Wir brauchen kein Glück, sondern opfern Zeit, für die ich bessere Verwendung hätte. Das stört mich, sonst nichts.“

Wie in sein Schneckenhaus zurückgejagt kräuselte Schnotto die Lippen und ließ resignierend die Schultern sacken. Meist merkte Houke das gar nicht, diesmal durchaus.

„Du hast Angst?“, fragte er leise. „Und wenn schon. Nur Prahler und Dummköpfe kennen keine Angst, aber lass dir sagen, Larban bleibt auf seinen Fahrten stets in Küstennähe. Das gab mir mein Vater auf den Weg.“

„Mir ist elend“, hielt sein Freund mit wachsbleichen Zügen dagegen. „Ich möchte nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn es windig wird und wir sind richtig auf See.“

„Solange man noch einen Strich vom Festland sieht, kann man den Schutz der Küste suchen“, beruhigte ihn Houke.

Schnotto blickte bedeutungsvoll auf das schmucke Specksteinstück, das Houke vom Hals baumelte. „Du trägst ja selber einen Talisman.“

„Das ist der Siegelzylinder meines Vaters“, belehrte ihn Houke und erhob sich. „Komm, dem Seegang nach sind wir schon weit draußen auf dem Meer. Überzeugen wir uns doch, ob man die Küste noch im Auge hat.“

Als er sich daraufhin genauer an Bord umschaute, schaukelte der Boden unter seinen Sandalen, aber er fing sich und lernte, sich an Bord fortzubewegen, während ihm eine feuchte Briese um die Ohren wehte, die in den Augen brannte wie Salz.

So begann für Houke das Abenteuer seines Lebens - und alles verlief anders als sein Vater oder er es sich ausgemalt hatten. Noch war durchaus ein dünner Strich vom Festland in Sicht, doch gegen Nachmittag passierten sie einige, dem Festland vorgelagerte Felsinseln, und hinter denen rückte ein dunkles Segel auf den Horizont. Der starke Mann an der Ruderpinne erblasste, als hätte ihn die Seekrankheit gepackt. „Die segeln ohne Flagge“, hauchte er tonlos.

Houke wunderte sich, wie gut er mit dem schwankenden Boden klar kam, wenn er sich am Mast aufhielt. „Und das bedeutet?“

„Dass es Schwertfischer sind.“

Houke schluckte. „Seeräuber? Haben wir eine Chance, ihnen davon zu segeln?“

Finster schüttelte Larban den Kopf.

„Dann müssen wir uns verteidigen. Gib Waffen aus!“

„Wenn du welche hast, immer her damit“, erwiderte der Glatzkopf trocken. „Ich wünschte, ich hätte wenigstens selbst ein Enterbeil.“

Langsam wurde der Takthammer der Bireme hörbar, und sie zog in scharfem Rudergang mit ihnen gleich. Wilde Gestalten sammelten sich um den Kielbogen, mit Messern im Mund und der Enteraxt in der Faust, und in Houkes Magen rumorte die Angst. Jeder wusste, sie legten vermutlich wenig Wert auf Gefangene, und suchte hitzig nach irgendetwas, das sich eignete, damit zuzuschlagen. Houke hatte das bronzene Kurzschwert seines Vaters zur Hand, sein Freund Schnotto ein weniger schlagkräftiges. Andere waren auf ihr Messer angewiesen, von denen Larban noch rasch ein Dutzend verteilt hatte. Schon schwangen sich die ersten Enterer aufs Schiff, und ein drahtiger Seemann drang mit einem Sichelschwert auf sie ein. Houke fing den Hieb auf, dass es klirrte und er erbebte. Aber sein Gegner drehte ihm routiniert den Arm nach hinten, bis er die Klinge fallen ließ. Als er aufschaute, wälzte sich sein Freund mit aufgeschlitzter Kehle am Boden und spie zuckend Blut. Für diese rauen Gesellen fand sich außer Larban kein einziger ernsthafter Gegner, und obwohl ein Großteil bald kapitulierte, machte man die meisten mit exakt plazierten Stößen oder Streichen einfach nieder. Auch Larban zwangen sie schließlich die Hände auf den Rücken, das entschied den Kampf. Nur Houke und ihn ließ man am Leben, wohl weil sie auffällig kräftig gebaut waren. Den Grund für die einkehrende Totenstille lieferte ein blondbärtiger Hüne in einem vom Wind geblähten, weißen Mantel und blanker Phrygermütze, bei dessen Erscheinen alle anderen die Waffen senkten. „Ich bin Suteman“, brüllte er. „Und ich stelle euch, die ihr auf diesem Kahn gearbeitet habt, vor die Wahl: Schließt euch uns an, oder geht mir aus den Augen.“

Es bedeutete den Sprung ins Meer, und Houke konnte froh sein, dass man ihn für einen gewöhnlichen Decksmann hielt. Doch er rang um Atem. Ihm bibberten die Knie in seiner Todesangst, und er wählte den Weg der Schande, stellte sich geschwind zu Larban.

Ein eigentümlich entspanntes Lächeln umspielte den Mund des Piratenhäuptlings und verlieh ihm einen grausamen Zug. Prüfend blickte er Houke in die Augen und fuhr ihn kehlig an. „Du willst es bei uns versuchen? Na dann, beim Zerberus, zeigt mal, was in euch steckt!"

Er schaute vielsagend am Mastbaum empor. „Holt das Segel runter. Mal sehen, wie ihr euch anstellt."

So kam es, dass Houke hinter Larban die Strickleiter am Mastbaum erklomm, und er bat ausgerechnet ihn, den er vor einer Stunde noch hasste: „Im Namen meines Vaters, der dich zu dem machte, was du bist - bitte hilf mir. Was muss ich tun?“

Larban hatte sich vom Decksmann hochgearbeitet und wies ihm die Riemen, die das Segel an der Rahe hielten. „Einfach den Knoten lösen, und wenn du ihn durchbeißt.“

Das rettete Houke sein Leben. Das Tuch schlug flatternd auf Deck, und er konnte mit klopfendem Herzen hinabturnen. Da, wo sein Freund verblutet war, blieb eine glitschige Lache vor der Reling zurück. Man hatte Schnotto, ebenso wie die anderen Toten, einfach über Bord geschmissen. Es kostete Überwindung, dem ehemaligen Schiffsführer „danke“ zuzuflüstern, und er kam sich charakterlos vor und schämte sich seiner Schwäche. Aber danach war alles anders. Die um den Mast verstreuten Seeleute nickten ihnen anerkennend zu, und er konnte aufatmen. Inzwischen gingen einige Leute dazu über, die erbeuteten Stoßzähne aus dem Laderaum zu ziehen. Andere reichten sie denen zu, die auf der Galeere verblieben, und auch das Segel nahm diesen Weg. Houke sah ohnmächtig zu, da klopfte ihm ein Bursche mit auffällig starker Nase und jugendlichen Zügen freudig die Schulter. „Ich bin Joktan, bis eben der Jüngste in der Mannschaft." Er hatte die unergründlichen Augen eines Puniers. „Du hast mich aus meiner Rolle erlöst“, fügte er hinzu und grinste diebisch.

Houke fühlte sich schwindelig. Alle Hoffnungen, die sein Vater in ihn setzte, platzten wie eine Seifenblase, sein Leben hatte jeden Sinn verloren. Er fühlte sich hilflos wie ein verwöhnter Junge, den das Schicksal ins kalte Wasser beförderte, und so war es ja auch. Keiner musste ihm sagen, dass er für das Leben auf einem Segler ohne Flagge nicht taugte. Betrachtete er sein bisheriges, unbeschwertes Dasein, überkam ihn Wehmut, denn nun gehörte ihm bloß noch, was er am Leib trug. So schlug er in die gereichte Hand ein. Als das brennende Schiff seines Vaters in der Dämmerung entschwand, saß Houke mit Joktan am Mastbaum eines anderen Schiffes, wo haufenweise aufgerollte Seile lagen.

„Vor knapp einem Vierteljahr“, erinnerte sich Joktan, „trat ich eine Seereise an. Ich wollte nach Sardes, in der vorderen Westsee. Vor dem Mündungsdelta des Nils kreuzten wir den Weg dieses Schiffes, und im Vertrauen, ich reckte gleich die Hände hoch, zum Zeichen der Aufgabe. Dafür schäme ich mich nicht, wäre schließlich tot sonst. Fiel mir schwer, in dieses Leben hineinzufinden, aber man lernt zu kämpfen und setzt alles dran, irgendwie zu überleben. Keiner zwingt dich, die härtesten Gegner anzugreifen. Du musst dir beim Entern einen ausgucken, der schwächer ist. Dafür kriegst du einen Blick, wirst schon sehen.“

Er zwinkerte wie mit allen Schlichen vertraut, und Houke verstand. „Eigentlich ist das feige, aber nicht unklug.“

„Du musst, bricht der Spektakel los, den Überblick bewahren“, riet ihm Joktan.

Houke überdachte den Rat und fand das vernünftig. Aber ehe der nächste Tag anbrach, sollte er eines Besseren belehrt werden. Der Vollmond badete alles auf Deck in Silber, für Mitternacht war es seltsam hell. Houke lag zusammengekrümmt am Mast und versuchte vergeblich, innerlich zur Ruhe zu kommen - ohne sich bewusst zu sein, dass er unter allen, die an Deck schlafen mussten, den besten Platz belegte. Am Mastbaum spürte man den Seegang kaum, und er wäre bald eingenickt, da stellte sich ein nackter Fuß an die Seile, und er schaute an Joktans behaarten Beinen hoch. Hasdrubal aus Tyros leistete ihm Gesellschaft; einer von denen, die seit Jahren zur Mannschaft gehörten. Sein Kinnbart duftete stark nach frischer Salbe. Von der Kleidung her hätte Houke ihn für einen vornehmen Menschen gehalten, was leider trügte.

Auch ein junger Armenier, den er der Nase nach für einen Hebräer gehalten hätte und der aus Karkemisch stammte, gesellte sich mit einem angenehmen Lächeln hinzu, sowie ein weißhaariger Greis mit Tränensäcken unter den Augen, dem die Verschlagenheit in den Augen lauerte. Es war kein Zufall, wenn sie hier am Mast zusammenfanden. Für diese vier gab es in der Nacht nach einer Kaperfahrt ein traditionelles Spiel. Hasdrubal zog geschwind einen Kreidestrich aufs Deck, und sie versuchten von einem bestimmten Punkt einen Gegenstand, der ihnen teuer war, über die Linie zu werfen. Wer am dichtesten an der Linie blieb, konnte die Gegenstände, die weiter entfernt landeten, gelassen einsäckeln. Mit wertlosem Plunder aufzuwarten hätte niemand auch nur zu denken gewagt, und Hasdrubal versuchte es mit einem polierten Stück Bernstein. „Hier“, bemerkte er lachend, „ein Andenken an Sardes.“

Ein verächtliches Lächeln ging um, und die kleine Gemme aus Obsidian, die der Armenier warf, rutschte dichter an den Strich, keine Fingerkuppe hätte noch dazwischen gepasst. Houke überlegte, was er entbehren könnte, da kullerte ein walnussgroßes Jadestück zur Linie. Houke starrte Joktan offenen Mundes an. Sein Freund Schnotto hing an diesem Stein, und er musste unwillkürlich an eine gemeinsame Freundin mit rabenschwarzem Haar denken, um die er den Freund heimlich beneidete. Leise fragte er: „Hast du den, dem das Jadestück gehörte, selber getötet?“

„Sonst hätte es ein anderer getan“, schnarrte Joktan über die Zähne. Und Houke musste sich bezähmen, ihm nicht vor die Füße zu spucken. Es hingegen wortlos zu schlucken hätte ihn den letzten Rest Selbstachtung gekostet. „Jetzt begreife ich, was du vorhin meintest“, fuhr er ihn an. „Du wusstest genau, du hast leichtes Spiel bei ihm und warst Schnotto überlegen wie ein Schakal dem Hasen. Mann, er ist mein Freund gewesen, und dich kann man nur einen erbärmlichen Feigling nennen!"

Der Beschuldigte lächelte böse und erklärte den Umstehenden kaltschnäuzig: „Man sollte ihm den Mund zunähen!“

Houke musste erkennen, wie beliebt Joktan an Bord war. Die unbefangene Sympathie, die jedem Neuen anfangs zuflog, wurde bei diesem Wortwechsel zu Asche. Die heimliche Zuversicht, früher oder später würde er sich eingewöhnen, gefror auf seinen Lippen. Er stahl sich aus ihren Augen, kauerte sich in eine Nische, vollgestopft mit Segeltuch, den Kopf in die Hände vergraben, sehnte sich nach seiner Mutter und drei liebenswerten Schwestern und dachte an die geborgene Behaglichkeit, die allein bei Lampenlicht im Kreis der Familie aufkommt. Sein putziger Hamster fiel ihm ein und Alda. Kaum jedoch umfing ihn gnädiges Vergessen, flackerte die Erinnerung an einen schlimmen Tag der Kindheit durch sein Denken. Er erinnerte sich lebhaft einer Nacht, in der fanatisch johlende Scharen mit Knüppel und Sichel die Gärten durchkämmten und über die zahllosen Katzen von Aschkelon herfielen. In versteckten Schlupfwinkeln der Hafenschuppen und Hinterhöfe vermehrten sich die streunenden Tiere über Jahre ungestört, um in einem barbarischen Befreiungsschlag auf ein erträgliches Minimum reduziert zu werden. Ein scheußliches Bild spukte Houke da im Kopf herum, und seine älteste Schwester vertraute ihm damals etwas an, das ihn für länger erschütterte als der Katzenjammer. Ihm fielen die namenlosen Geschwister ein, die es auszubaden hatten, nach ihm geboren zu sein, und die von daher das Los traf, als Säugling im Rinnstein zu landen. Sollten sie nicht erfroren sein oder verhungert, könnte sich ein barmherziger Nachbar ihrer angenommen haben… Es blieb ein sorgsam gewahrtes Geheimnis zwischen ihm und seiner ältesten Schwester Marissa, und er betrachtete seinen Vater nach dieser Neuigkeit eine Weile mit entsetztem Argwohn. Später sah er ein, alle handhabten das so, um die Vermögen zusammenzuhalten - oder aus Armut. So allmählich würde sein Vater in Erwägung ziehen, ihm könnte etwas zugestoßen sein. Sollte unter den Ausgesetzen ein Junge gewesen sein, dürfte ihn das bitter gereuen. Bei der Vorstellung fühlte sich Houke irgendwie um seine Zukunft betrogen, und die Aussichten auf Erfolg bei einer Flucht stufte er verschwindend gering ein. Obendrein fehlte jede Gelegenheit, so lange keine Möwe Festland ankündigte. Dachte er darüber nach, unter Umständen jämmerlich dabei ertrinken zu können, schnürte sich ihm bedrückend das Herz zusammen. Wenn es aber wirklich Götter gab, was er heimlich bezweifelte, blieb schleierhaft, weshalb sie ihn bestraften und auf dieses verfluchte Schiff verbannten.

Zur Mannschaft gehörten vierundzwanzig Leute, und er hielt sie alle für Schlächter. So blieb er einsam und für sich, obwohl er nicht allein an Bord war. Es schien niemanden zu geben, dem daran lag, sich mit ihm zu unterhalten. Falls er nichts unternahm, konnte er nachts, wenn alle an Deck schliefen, kein Auge mehr zutun. Die Gefahr, bei Nacht dem Meer übergeben zu werden, würde ihn künftig um den Schlaf bringen. „Mann über Bord“, würde jemand rufen – doch niemand würde ihn retten wollen. War er mit seinen Gedanken allein, sagte er sich, gegen die wüsten Gesellen, die sonst die Mannschaft ausmachten, war Joktan noch harmlos und im Grunde ein armer Tropf wie er. Aber er hatte eiskalt Schnotto umgebracht. Schon am zweiten Abend war Houke dem Verzweifeln nahe und fand wieder keinen Schlaf. Als die Sterne am Nachthimmel funkelten und er allein auf seinem Polster aus Segeltuch hockte, wuchs die Erkenntnis, es gab in dieser Mannschaft niemanden, der dazu im Stande war, sich in seine Lage zu versetzen, geschweige denn befähigt, Mitleid zu empfinden. Doch tat er einem Mann auf diesem Schiff bitter unrecht. Plötzlich baute sich einer der älteren Decksleute bei ihm am Mast auf. „Wer ein so hochmütiges Gesicht zieht“, hielt er Houke vor, „den sollte es nicht wundern, wenn keiner mit ihm reden will.“

Houke fuhr hoch und wunderte sich, jemand, den er für einen unverbesserlichen Seeräuber hielt, so freundlich schmunzeln zu sehen. Seine Augen waren klar und offen, wie die eines Menschen mit einem eisernen Willen. „Wie heißt du?“, fragte Houke aus trockener Kehle.

„Pollugs“, entgegnete jener. „Du meinst, es gibt unter den Flaggenlosen nur Mordbuben? Du irrst dich. Fast alle hier wünschten, sie könnten im nächsten Hafen an Land, und die Zeit bei den Schwertfischern hätte es nie gegeben. Das kannst du mir glauben oder nicht."

Houkes Wangen brannten vor Zorn, und er schwieg bockig. „Du bist ein verhätscheltes Knäblein ohne Grundsätze oder Ehrgefühl“, machte ihm Pollugs klar. „Aber es liegt an dir, ob das so bleibt. Du musst lernen, was du dir zutrauen kannst und dir selber Einhalt gebieten, wenn du spürst, dass du eine Grenze übertrittst, mit der du schwerlich leben kannst. Also, richte keinen hin, nur um Suteman zu gefallen oder damit in der Gunst der Mannschaft zu steigen. Das lohnt sich nicht.“

Ohne seine Antwort abzuwarten ließ sich der Mann mit dem zerzausten Vollbart bei ihm am Mast nieder und besann sich, wie es war, als er selbst ein allerersts Mal zur See fuhr – nämlich als Blinder Passagier. Auch von Nawbis, einer legendären Piratenstadt vor der Hethiterküste, erfuhr Houke durch ihn, und ausgerechnet hinter dem, den er anfangs für einen hartgesottenen Seeräuber einstufte, verbarg sich ein durch und durch gutmütiger Kerl, von dem man einiges lernen konnte. Er brachte Houke bei, wuchtig ein Enterbeil zu schmettern und zeigte ihm manchen Knoten. Und er genoss Ansehen unter den Schwertfischern, durch ihn wuchs Houke allmählich in die Horde der Freibeuter hinein.

Die meisten dieser Bruderschaft waren so wie Joktan, bis auf die Kittelschürze und ein paar Ketten oder eine Seidenschärpe nackt, aber Pollugs wies ihm jene, die zum Urgestein der Bruderschaft zählten und ein eitler Wahn ritt. Zum Beispiel Suteman. Sein bis auf die Knöchel fallender Mantel aus schneeweißem Leinen glich dem eines Karwan-Baschis, war über und über bestickt mit Goldschnörkeln und anrüchigen Symbolen. Würde er einem in einem Hafen über den Weg laufen, man hielte ihn für einen Stadtfürsten. Jeris der Hebräer, der genau genommen Jeremias hieß und einem mit der Peitsche einen Strohhalm aus der Hand zu schlagen vermochte, trug ein faltig fallendes Batikgewand, hauchdünn und reich bestückt mit zierlichen Silberschellen, wodurch ihn ein leises Klirren auf jedem Schritt begleitete. Bedun, eine Ausgeburt des Kaukasus, stach durch ein Bärenfell und seinen struppigen braunen Vollbart hervor. Houke mied ihn sorgsam, weil er häufig andere anpöbelte und den geringsten Anlass für eine Schlägerei leidenschaftlich nutzte.

Auch vor einem verschlagenen Syrer warnte ihn Pollugs ausdrücklich. Hiram trug einen nadeldünnen Ohrring mit dem Ausmaß eines Armreifs; seine ausgemergelten Wangen und der versteckte Husten, mit dem er dann und wann herausplatzte, sorgte für das Gerücht, er müsse Lungenkrank sein. Er mochte vierzig sein, wirkte allerdings weit älter und war Sutemans rechte Hand. Meistens zeigte er sich in seiner nachtblauen Samtjacke, doch er war eitel wie ein Paradiesvogel und putzte sich vielseitig heraus. Auch in dieser Hinsicht hob sich Pollugs von den anderen ab. Seine Kleidung bestand praktisch aus einem rotgefärbten Antilopenlederschurz und einem schlichten Schultergurt, an dem seine Doppelaxt baumelte und ein kurzes Bronzeschwert.

Die besinnlichen Momente, in denen sich Houke seines zahmen Hamsters erinnerte oder an Alda denken musste, oder sich vorstellte, was er zu seinem Vater sagen würde, wenn er ihm eines Tages wieder unter die Augen treten musste, die wurden nun seltener. Houke fing an, sich an den Alltag auf einem Schiff zu gewöhnen, fügte sich in das ihm abverlangte und orientierte sich an Pollugs. Kräftig gebaut war er schon als Knabe, aber die Einsätze auf der Ruderbank bewirkten, dass er auf einmal die Muskeln in seinen Oberarmen spürte. Mitunter geriet er leider aus dem Takt, und böse Stimmen erhoben sich, dann konnte er nicht beleidigt von der Bank hochspringen. Da galt es, die Zähne zusammen beißen und in den Rhythmus der rudernden Mannschaft zurückfinden. Nach einem rüden Schlag in den Nacken sah er das ein und gab sich Mühe. Und das zählte bei den Leuten. Was unerträglich zunahm, war die heimliche Angst vor der Stunde, in der er beim Entern dabei sein würde.

3. Kapitel

Das Gefühl, jeder in der Mannschaft lehne ihn heimlich ab, nagte an Houkes Stolz und verletzte sein Selbstwertgefühl. Ihn störte der Unterton, wenn man mit ihm sprach, und die verächtlichen Blicke, die Joktan ihm dann und wann zuwarf, vertieften es. Sie machten ihn sprachlos, denn sie konfrontierten ihn mit der Angst, für die Leute ein Tölpel zu sein. Instinktiv hielt er sich an Pollugs und vertraute dem an, was ihm zu schaffen machte. „Ich hasse diesen Hundesohn von Sidonier und wünschte, ich hätte mich nie mit ihm abgegeben. Zu Brei möchte ich ihn schlagen.“

„Lässt du dich zu einer Rauferei hinreißen, verlierst du jegliches Ansehen“, überlegte Pollugs.

Houke rieb sich die Stirn. „Ja, ja, ich weiß“, murmelte er und hörte hinter sich ein Räuspern. Am Mast lehnte mit verschränkten Armen der junge Armenier, den er inzwischen schätzen gelernt hatte, weil er gute Laune an Deck verbreitete. Seine Mutter gehörte dem Stamm der Hebräer an, der von den Egyptern zum Bau der Pyramiden eingespannt wurde, und floh in jungen Jahren auf abenteuerliche Weise nach Karkemisch, und er ähnelte eher ihr als seinem armenischen Vater. „Suteman und Hiram haben Kurs auf Kreta befohlen“, informierte er Pollugs.

Der sah Houke aufmerkend an. „Wir haben genügend Elfenbein im Laderaum, einen Thronsaal auszustaffieren. Hasdrubal wird das schon organieren. Ein Palast, wie der jüngst in Knossos in aller Pracht neuerstandene, schreit förmlich danach. Über drei Stadien zieht sich die Anlage hin, alles himmelblau verfliest… Die Minoer sind durch ihre Olivenhaine und Weinberge im Hinterland von Natur aus reich. Die Asche vom Ausbruch des Santurin beschert ihnen Ernteerträge von denen können andere Völker nur träumen. Die Kellereien laufen über, und die Speicher bersten. Und bei der Gelegenheit könnte man sich im Hafen umhören, welche Schiffe demnächst auslaufen.“

Houke senkte betroffen die Lider, es ging um die Stoßzähne, die seinem Vater gehörten.

Der Armenier dachte nach und schüttelte den Kopf über seinen Kapitän. „Für das Schiff hätten wir eine Hand voll Silber bekommen.“

„Ja, manchmal ist Suteman zu eifrig.“

„Dazu solltest du mal Hiram hören. Gestern war er drauf und dran, Suteman an die Gurgel zu springen und hielt ihm vor, es wäre klüger gewesen, die alte Holka nicht abzufackeln, dafür mitsamt Elfenbein nach Sidon oder Tyros zu schicken. Die Punier geben massig Kupfer für Elfenbein, und Hasdrubal verfügt über ausgezeichnete Verbindungen zu den maßgeblichen Leuten im Hafen von Tyros.“

„Eines Tages gehen die aufeinander los“, bemerkte Pollugs. „Das liegt in der Luft.“

„Die Sache hat einen Bart wie die Geschichte, die Jeris so gern mit leuchtenden Augen zum Besten gibt, vom Stammvater Abraham und Ismael und wem noch… aber sie spitzt sich auch zu wie Abrahams langer Bart.“ Verstohlen schmunzelte der Armenier. „In dem Fall wäre Sutemans Zeit um, schätze ich. Und Hiram dürfte alles umkrempeln. Heiliger Vater Abraham, wohin wird der den Pott steuern? Er ist krank, und es ist nicht sein Atem, der die Fliegen von den Wänden holt, was mich an ihm stört.“

„Wer weiß?“, raunte Pollugs und schürzte ungläubig die Unterlippe. „Suteman kämpft mit zwei Enterbeilen. Seine Würfe gehen selten ins Leere."

Houke hob hellhörig geworden den Kopf. „Bedeutet das, wir gehen in Knossos an Land?“

Und Pollugs ahnte, warum es so hoffnungsvoll klang. „Ich fürchte, Hasdrubal und Hiram suchen allein die Hafenmeisterei auf. Die anderen bleiben hier – vor allem du. Suteman lässt einen Neuen frühestens nach einem Jahr von Bord.“

Es kam, wie es Pollugs vorhersah. Drei Tage später, die Sonne erklomm eben den Zenit und ihnen perlte zur Mittagshitze der Schweiß von der Stirn, da tauchten in Gischtnebel gehüllt, die umschäumten Felsklippen auf, hinter denen Suteman gerne auf die Kreta ansteuernden Schiffe lauerte. Nach einer Stunde lief die Bireme in den Hafen von Knossos ein.

Von weitem erhaschte Houke ledig ein ungefähres Bild von den himmelblau funkelnden Terrassen dieser prachtvollen Palastanlage hoch über der Hafenstadt, die man wegen ihrer Weitläufigkeit heimlich ein Labyrinth schimpfte. Beeindruckend war, die Anlage verfügte über den Komfort beheizter Baderäume und fließendes Wasser, und hinter den rostroten Säulen mit gelb bemalten Kapiteln, reihten sich undeutlich bunte Fresken und Wandgemälde, ähnlich denen in Egypten, in knalligen Farben: Tiefblaues Wasser und das grelle Gelb von Stränden. Die sich darauf tummelnden Nereïden und Delphine schilderte ihm Pollugs - endlose Bilderketten aus dem minoischen Sagenkreis leuchteten in der Vormittagssonne.

Hinter der Hafenkulisse versteckte sich eine verträumte Altstadt, doch Houke sah wenig mehr als den Markt am Kai, mit seinen Lagerhallen und Werkstätten. Dattelpalmen beschatteten die Reihen fliegender Händler, der Einfluss des Pharaonenreiches war spürbar. Wohlhabende Frauen malten sich mit Ocker modisch die Lippen an und trugen Perücken wie in Memphis üblich. Ballenweise häuften sich vor Tandläden gefärbte Stoffe, eine üppige Auswahl an tönernen Amphoren, Krügen und gestapelten Tellern. Stimmengewirr, Möwengeschrei, und das Blöken eines störrischen Stieres tönte klagend herüber. Es stank nach Hafen, Teer und altem Fisch. Houke hielt sich bei Pollugs und Archaz auf, dem bartlosen Armenier mit den glänzenden braunen Augen und den ungewöhnlichen, fast schon weiblichen Wimpern. Aus dem Schatten der Heckflosse verfolgten sie mit gerümpfter Nase, was sich abseits des Getümmels auf einer Gerüstbühne zutrug.

„Der Sklavenmarkt“, raunte Pollugs angewidert.

Wohl hundert Leute umschwärmten das Holzgerüst, während einem vorgeführten Mädchen die Kleider von den Schultern gezerrt wurden. Houke hörte schon auf dem Markt von Aschkelon die Elite vom minoischen Sklavenmarkt schwärmen, aber heute sah er ihn und fühlte mit dem Mädchen. Nackt warf es sich seinem früheren Herren vor die Füße und der wandte sich hartherzig ab. Sie wurde mitgerissen und zur Holzstiege geschubst – weitergereicht in andere Hände.

Pollugs beobachtete, wie Houke die Lippen verpresste, und zupfte sich grüblerisch den Bart. „Du hast ein zu großes Herz“, warf er ihm vor. „Das wird dich früher oder später den Hals kosten. Ich frage mich, ob du dir das leisten kannst, mein Junge?“

„Soll ich mich dafür schämen? “

„Manchmal“, erklärte der Ältere, „bringt Suteman ein paar junge Dinger für uns mit. Hüte deine Zunge, bei dem, was du dann erlebst. Sie sind wie Wölfe und haben lange jeden Weiberrock entbehrt.“

„Du zählst dich nicht dazu.“

„Ich gehörte nie zu denen, die sich anpassen.“

Pollugs schnitt nicht auf, aber Suteman dachte sich heute etwas anderes für seine Wölfe aus. Hasdrubal und Hiram brachten zwei kunstvoll geschmiedete Bronzeschwerter und eine minoische Doppelaxt vom Markt mit. Die Bruderschaft wurde zusammengerufen und flugs ein Hahn geköpft. Hasdrubal wickelte andächtig einen blutgetränkten Leinenfetzen um einen Stecken und zog einen breiten Strich auf das hintere Deck. Die Mannschaft nahm begeistert daran Aufstellung.

Neu war das für Houke ja nicht mehr. Pollugs hatte es zweimal mit ihm geübt und riet ihm: „Steh’ bloß nicht abseits. Morgen oder übermorgen droht dir eine Enterfahrt. Du benötigst ein Schwert, willst du überleben.“

Der Siegelzylinder seines Vaters war alles, was Houke einsetzen konnte. Eine innere Stimme begehrte auf dagegen, denn womit sonst sollte er zu gegebener Zeit untermauern, einem reichen Haus anzugehören? In der Hackordnung war er Letzter, daher musste er zunächst beiseite treten, und das Herz hüpfte ihm vor Unsicherheit schier aus dem Hals. Doch er bewies eine glückliche Hand. Der Siegelzylinder berührte fast die Linie, und er nahm von Suteman stolz ein Schwert entgegen, um das ihn mancher beneidete. Als er es Pollugs freudig zeigte, zog ihn der in den Schatten der Kielflosse. „Gut getan“, raunte Pollugs. „Jetzt hast du eine Waffe, und du hast an Ansehen gewonnen. Das kannst du glauben oder nicht.“

Einer aus der Mannschaft hatte einen kleinen Lederbeutel eingesetzt, und Houke wusste, was ihm zustand und zögerte nicht, alles vor und hinter dem Blutstrich hitzig einzusammeln. Er schüttete den Inhalt zu Pollugs Füßen auf die Planken, und ein grüner Jadestein rollte aus dem Häufchen der Kleinode, den Houke mit strahlender Miene aufnahm. „Der gehörte meinem Freund, ein Glückbringer!“

Der Seewind sang und jubilierte durch die Rahen, und die sich blähende Leinwand knallte und knatterte in Freudensalven. „Glück wirst du jetzt brauchen können“, flüsterte Pollugs ihm verhalten zu. „Ich weiß von Archi, morgen um diese Zeit wird’s ernst.“

Als sich das Segel richtig spannte, klang das wie ein Paukenschlag, und Houke bekam klamme Hände. Er schluckte. „Oh – so bald.“

„Wir segeln zu den Klippen“, bemerkte Pollugs. „Ich habe sie dir gezeigt. Die Wasserstraße nach Argos führt daran vorbei. Morgen, gegen Nachmittag, wird ein Sidonischer Kaufmann auf diesem Weg kommen."

Houke wusste Bescheid und machte dicke Backen. „Ich vermag nicht zu töten, bin darin unbeholfen wie ein Kleinkind. Als Junge sollte ich beim Schachten helfen und konnte den Hammel nicht bändigen, vielleicht, weil ich bei uns das Vieh versorgte und einem so ein Wesen ans Herz wachsen kann. Eine scheußliche Angelegenheit! Hinterher musste ich zur Strafe das Blut von den Fliesen schrubben.“

„Bleib bei mir beim entern - immer gemach“, empfahl ihm Pollugs. „Halte mir den Rücken frei. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem die Messer sprechen. Sei wachsam, das genügt. Jedenfalls, wenn man auf der Seite des Stärkeren kämpft.“

An diese Worte dachte er, als sie am nächsten Tag im Schatten einer Felswand dem Handelsfahrer auflauerten. Houke wurde immer stiller und verschlossener, während die Augen auf dem glitzernden Wasser ruhten und ihm nach einer schlaflosen Nacht beständig die Lider zufallen wollten. Wo die Gischt an einer einsamen schwarzen Klippe mit jedem Brandungsschlag hochstob und andauernd Nebel herrschte, tauchte ein gelbliches Segel auf. Der von Norden wehende Wind blähte es, und von da ab kam es zusehends näher – bis man die Wegelagerer gewahr wurde. Dann drehten sie bei.

„Das hilft ihnen wenig“, raunte Pollugs. Sie befanden sich unterhalb der Heckflosse, und er suchte Halt an der zum Mast führenden Stage, als auch sie ein Windstoß erfasste.

Im nächsten Augenblick saßen sie auf einer Ruderbank und zogen zum Takthammer ihr Ruder. Houke geriet in Schweiß, und es brannte wieder heftig in den Oberarmen. Er verbiss sich jedes Aufbegehren, gab, was an Kraft in ihm steckte und hielt ohne Aussetzer den Takt. Doch die Verfolgung streckte sich hin. Nur weil Pollugs ihm zuzwinkerte, als müsse es gleich so weit sein, hielt er durch. Suteman und Hiram begaben sich schon nach vorn in den Bug, während sie noch ruderten.

Dann wirbelte ein Enterhaken hinüber, und alle, die eben auf der Bank schwitzten, sprangen hoch und ergriffen ihre Waffen. Es war nicht schwer, mit Pollugs hinten zu bleiben, denn andere drängelten sich vor. Houke blieb keine Zeit, großartig Angst zu bekommen. In der Eile sprang er wie die anderen auf eine phönikische Galeere hinüber und merkte, da neben ihm die Leute mit Säbel und Axt um sich hauten, dieser Kampf wurde erbitterter als der um sein Schiff. Der Kaufmann heuerte zur Absicherung seiner Ladung in Knossos einige Hopliten an. Nur weil Suteman selbst wie ein Wirbelwind unter sie fuhr und im Handumdrehen vier niedermachte, ging es glimpflich ab. Und weil Hiram der Ehrgeiz beflügelte, noch mehr auszurichten, aber sechs der Mannschaft büßten den Überfall mit ihrem Leben.

Pollugs erledigte pflichtgemäß einen der Söldner, aber er hielt sich zurück, und Houke hatte hinterher als einziger kein Blut am Schwert. Es fiel kaum auf, da alle ihre Klingen am Zeug der Gefallenen abwischten, und ihm war zumute wie an dem Tag, als ihm beim Schächten der störrische Hammel entglitt. Die Hände zitterten noch, obwohl längst alles hinter ihm lag, so aufgewühlt war sein Innerstes. Wohlweißlich blieb er bei Pollugs, während Suteman über die Toten hinweg stieg und sich breitbeinig vor die Klappe zum Laderaum stellte. Anuhlada, der hochgewachsene Schwarze in der Mannschaft, hob die Klappe, und Hasdrubal reichte ihm eine Fackel. Suteman und Hiram verschwanden die Stiege hinab und kehrten mit zwei jungen Sklavinnen an Deck zurück. „Das“, grölte Suteman, als bestünde die Ladung somit aus Gold. „Und einige Barren grobes Eisenerz! Hat sich gelohnt, Leute! Ansonsten lagern im Laderaum Unmengen fertig gezogener Kerzen. Damit sollten wir uns nicht belasten, die schenken wir Poseidon.“

„Wozu das?“, widersprach Hiram und bleckte die Zähne. „Gib jedem zwanzig Kerzen, und ich für mein Teil habe die auf dem nächsten Markt an einem Vormittag verhökert. Die Übrigen eignen sich, uns für Jahre Licht zu spenden.“

In dem Fall gab Suteman nach, und sie hatten danach fünfhundert Kerzen im Bauch der »Zerberus« verstaut undließen wieder einmal ein brennendes Schiff an den Klippen zurück.

Für die, auf deren Kerbholz es ging, warf es die wesentliche Frage auf, was das Gemetzel einbrachte. Von Wert waren vor allem die Barren aus Eisenerz, auf die Suteman gleich den Fuß stellte, dazu eine mit Silber beschlagene Holztruhe mit einem zusammengefalteten Umhang aus dunkelroter Seide und einer blauen Schärpe darin. Auch einen Sack voll Goldstaub hatten sie aufgestöbert, Pantherfelle, Fächer und Straußeneier, die bei Vornehmen sehr beliebt waren - sowie das beim Fleddern der Toten zum Vorschein kommende. Man verband einander reihum die Wunden und ein unterdrücktes Tuscheln hub an. Aller Augen richteten sich auf die Frauen, die in Ketten hinter dem Kapitän warteten. Houke ahnte, was in ihnen vorging. Vermutlich stammten sie vom Sklavenmarkt und wähnten sich am Ende ihres Leidensweges. Tatsächlich sanken sie sich im ersten Moment vor Freude in die Arme, weil die Freiheit so nahe schien. Doch die wilden Gesellen, die sich um sie scharten, waren großteils halbnackt und sorgten für sofortige Ernüchterung: Narbengesichter mit abgrundtief bösen Augen, vor denen die Mädchen geknickt auf ihre Füße starrten.

Suteman hing finsteren Gedanken nach. „Ich frage mich“, herrschte er Hiram und Hasdrubal an, „wie ihr in der Hafenmeisterei aufgetreten seid.“

„Du meinst die Hopliten?“ Hasdrubal winkte ab. „So viele sind es auch wieder nicht gewesen.“

Hiram verschränkte die Arme. „Du meinst, ob die Wind gekriegt haben, als wir uns nach auslaufenden Schiffen erkundigten? Wenn ja, hätten sich nicht zwölf Bewaffnete, sondern drei Dutzend im Laderaum versteckt gehalten."

Andächtig nickte Suteman, und der Schwarze rief ihm zu: „Was ist mit den Frauen, willst du beide für dich?“

„Ihr wollt, dass ich einen Hahn köpfe? Bedauere, ich habe keinen“, erklärte Suteman schnippisch.

Der Schwarze grinste hämich. „Der Strich von Gestern ist noch deutlich sichtbar, einmal geht der noch.“

Die beiden Frauen waren genau genommen Mädchen. Eine war blond und zierlich, die andere wirkte befremdend. Es war die wie Bronze getönte Haut und die mandelförmigen, schrägen Augen. Beide nestelten vor Angst an ihren Leinenkleidern. Ihr Los bei der Verteilung der Beute war unschwer zu erraten. Aber Pollugs trat selbstbewusst aus den Versammelten vor, weil er bei der Situation nicht tatenlos zusehen wollte.

„Sie waren Sklaven und sollten ab heute frei sein. Wer anders redet ist schlimmer als der Kaufmann, der sie in Knossos erstanden hat!“

Berstendes Gelächter brach los und gab ihm Bescheid, wie andere darüber dachten.

Der Mann aus dem Kaukasus rief: „Was faselt der da? Man sollte ihm den Mund zunähen!“

„Sie werden es euch danken“, erwiderte Pollugs unbeirrt. „Oder gibt es unter euch einen, der wie ein Tier seine viehischen Triebe austoben will. In meiner Heimat jedenfalls nimmt sich kein Mann gewaltsam, was nur als Geschenk wirklich gut tut.“

Es beschämte die Leute und das war seine Absicht. Houke hätte es nicht für möglich gehalten, wie gekonnt sein älterer Freund mit Worten umzugehen vermochte. „Ihr solltet den Mädchen nicht weiter Angst machen!“ warf er der Meute vor. „Zeigt ihnen, dass auch Schwertfischer so etwas wie Ehre und Anstand kennen.“

Suteman blickte Pollugs scharf an. „Du bist nicht der Kapitän.“

„Sicher, Suteman – du entscheidest über das Schicksal der Weiber.“

„So denn“, schnaubte der Kapitän. „Wir segeln von hier in Richtung Nil-Delta. Bis wir in Memphis anlegen, wird keiner ihnen Gewalt antun. Und wenn doch - wird der Mann kielgeholt!“

Er war ein Draufgänger, stark und oft mürrisch, aber er war nicht dumm. Durch das, was ihm von Pollugs in den Mund gelegt wurde, hatte das alte Spiel um die Gunst des anderen Geschlechts an Bord begonnen, und ein väterliches Lächeln signalisierte, wie sehr er sich in seiner Rolle sonnte. „Seht ihr den Holzblock, den bei uns der Takthammer schlägt?“, wandte er sich an die Frauen. „Ihr braucht nur den Mut, euch davor zu knien. Kaleb, unser Koch und Schmied hat schon anderen den Armreif geknackt.“

Das blonde Mädchen mit dem hochgesteckten Haar und der spitzen Nase, das zuerst von seinen Ketten befreit wurde, sprach punisch, wie die meisten auf dem Schiff. Es hatte Pollugs’ Rede gehört und suchte instinktiv Schutz bei dem und einem, der ihn wie ein Schatten begleitete. „Ich bin Semiris“, stellte sie sich vor.

Houke fiel so rasch nichts ein, was er sagen könnte, aber das Kleid aus Leinen hing von ihren schmalen Schultern wie ein Sack, und er gab ihr das Stück Kordel, das von dem Sonnendeck am Heck des Handelsfahrers stammte.

Sie band es sich um und lachte ihn dankbar an. „Du kannst wohl Gedanken lesen. Dabei vergesse ich ja, dass ich eine Sklavin bin.“

„Eine Sklavin war“, verbesserte Houke.

Nun gesellte sich auch das andere Mädchen hinzu. Nie hatte Houke eine Frau getroffen wie diese. Nie würde er diese brennenden Augen vergessen können. Sie war nicht größer als in Aschkelon die Kinder, und die Heiterkeit, mit der Semiris das Kleid um sich gerade zupfte, ermutigte sie, Vertrauen zu Pollugs zu schöpfen.

Schnell merkte sie, der verstand wenig aus ihrem Sprachschatz, und ihre Schicksalsgefährtin nahm sie beiseite, hörte ihr zu und erklärte: „Kirsa stammt aus Batawe, einer großen Stadt am Gestade südlich des Pharaonenreiches. Kirsa wurde, wie alle vierzehnjährigen Kinder der Stadt, nach Llanka geschickt und auf dem Sklavenmarkt zu Llanka versilbert. Sie ging in den Besitz eines Assyrers über und kam mit einer Karawane nach Sidon… vor etwa zwei Jahren. Wir lernten uns kennen auf dem Sklavenmarkt zu Delos, an dem Tag als meine Mutter starb. Kirsa ist vor vier Tagen siebzehn geworden.“

„Du sprichst zwei Sprachen?“, staunte Houke.

„Nur das Phönikische richtig“, erklärte Semiris, „aber wir sind aus dem gleichen Stall. Ich kenne ihre Geschichte.“

Pollugs schaute sich beunruhigt um. Die Tatsache, dass die Ziele der allgemeinen Begierde sich mit keinem außer Houke und ihm abgaben, trug den beiden Freunden den Groll der übrigen Mannschaft ein. „Das hat Folgen“, raunte Pollugs.

„Was meinst du?“, fragte Semiris betroffen.

Pollugs lächelte entschuldigend. „Nichts. Es genügt bloß nicht, die Leute bei ihrem Ehrgefühl zu packen. Denen etwas von Anstand zu erzählen, hätte ich mir schenken können.“

Semiris zuckte hilflos die Achseln. „Was soll ich denn tun? Du machst mir Angst.“

Auch Houke vergewisserte sich über die Schulter, wie die Stimmung bei Sutemans Leuten war, und er merkte nicht, wie Semiris ihn mit Herzklopfen entzückt betrachtete. Pollugs mochte ein nettes, wenn auch ernstes Gesicht haben, sein schulterlanges Haar war schon schütter und an den Schläfen ergraut. Dem Alter nach hätte er ihr Vater sein können. Houke war jung und unverdorben, und was er bei den Schwertfischern erlebte, gab seinem Gesicht den nötigen Ernst, der ihm früher fehlte. Der breiten Stirn und seinen Augen aus Bernstein wohnte eine natürliche Heiterkeit inne, die ihr gut tat. Von Anfang an redete er mit ihr, als wären sie in der gleichen Gasse aufgewachsen, und sie überlegte ernsthaft, ob sie ihn von früher kennen könnte und verwarf das. Aber sie liebte dieses schüchterne Lächeln um seine Mundwinkel. Ihre Mutter, besann sie sich, hatte ihr einmal über Männer mit so ausgeprägten Lippen verraten, die seien leidenschaftlich und willensstark. Für sie war er ein ganz besonderer Mensch, und er hatte etwas gut bei ihr.

Am Blutstrich wartete unruhig die ganze Bruderschaft, weil auch eine Truhe und vier Amphoren Wein zur Beute zählten. Houke ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls sein Glück zu versuchen. Am Tag vorher, als er das kretische Bronzeschwert einstrich, hielten die meisten es für Zufall.

Heute bewies er sich und allen, er hatte tatsächlich ein goldenes Händchen für dieses Spiel, und Pollugs half ihm, die mit Seide gefüllte Truhe zur Heckflosse zu schleppen.

Als Suteman die Amphoren zum nächsten Preis erklärte, flüsterte Pollugs ihm zu: „Das ist egyptischer Wein, mein Freund, gewürzt mit Anis und Koriander, berühmt für seine süßen Träume. Das gäbe ein Fest! Komm, tritt noch einmal an.“

Houke winkte sachte ab. „Mir ist lieber, sie halten es für Anfängerglück.“

4. Kapitel

Um von den Kykladen nach Egypten zu gelangen, mussten sie südwärts segeln und überquerten das Mittelländische Meer. Die Nacht, die folgte, war lau, der Mond eine dünne Sichel, da näherte sich die Bireme der Küste des Pharaonenreiches. Um diese Jahreszeit hatte der Nil in der Mündung eine ungeheure Breite, beide Ufer erstreckten sich in nebelhafter Ferne, hielt man sich in der Mitte des Stromes.

Semiris verbrachte die dritte Nacht bei Pollugs und Houke unter der Kielflosse. Weil sie nach einem bösen Traum nicht wieder einschlafen konnte, schlug sie die Decke zurück und stand auf. Sie konnte leise das Schnalzen der Dünung wahrnehmen und dazu vereinzelt ein leises Schnarchen von verstreut Schlafenden. So geisterte sie ziellos über das Deck. Plötzlich wurde sie unter dem Mastbaum drei Gestalten gewahr, die Schatten gleich im Flüsteron miteinander stritten. Da sie keine Notiz von ihr nahmen, drückte sich Semiris in eine nahe Nische und hockte sich auf ein verknülltes Segeltuch, und sie spitzte neugierig die Ohren. Ein hochgewachsener Mann in knielangem Schuppenhemd sprach in einem assyrischen Akzent.

„Der Alte sagte, wer sich an den Frauen vergreift, wird kielgeholt“, entfuhr dem Mann, und da er sich umdrehte, um ein Auge aufs ferne Gestade zu werfen, wo bald die Pyramiden auftauchen mussten, fiel Semiris auf: er trug die langen Haare zusammengebunden im Nacken.

„Eben, ich lebe zu gern und bin nicht von Sinnen“, unkte ärgerlich ein hagerer Kerl, den sie, der dunklen Haut nach, zuerst für den Nubier hielt. „Also lassen wir das.“

„Du verstehst nicht, Habiru“, beschwichtigte ihn der Assyrer.

Auch Semiris wusste schon, dass Habiru ein übles Schimpfwort für die Egypter war, und auch, wen alle so nannten.

„Pass auf“, erklärte ihm der Assyrer. „Die kleine Frau mit den Schlitzaugen und der platten Nase versteht kein Punisch. Was immer wir ihr antun, sie kann sich nicht mitteilen. Sobald einmal ihre Freundin nicht bei ihr ist, werde ich nach Pollugs rufen. Und kommt er, greifst du der Kleinen unter das Kleid. Wirst staunen, was die für ein Geschrei anstimmt.“

„Oh nein, nein, nicht ich!“ Habiru wehrte händefuchtelnd ab. „Hast du Suteman vergessen, Sanherib? Sie werden mich kielholen!“

Sanherib hieb die Faust an den Mast und sah mit geballter Rechter himmelwärts, stöhnte auf. „Großer Baal, warum hast du diesen Mann nicht als Huhn auf die Welt geschickt? Wenn er schon mit dem Gehirn eines Huhnes ausgestattet wurde.“

Er rieb sich nervös über das Kinn. „Dann leite ich es ein und du holst Suteman. Aber so muss es ablaufen.“

Habiru starrte ihn ungläubig an. „Dann werden sie dich kielholen. Suteman hat gesagt, wer den Frauen Gewalt antut, wird ...“

Die Hand des Assyrers fasste auf seine Schulter und schüttelte ihn leicht. „Nein“, unterbrach er den Kleineren. „Ich werde nicht kielgeholt. Du hättest ja zuvor Pollugs gerufen, und ich werde, wenn Suteman hinzukommt, den beschuldigen.“

„Der Alte wird die Kleine ausführlich befragen“, mischte sich der Schwarze ein.

„Na soll er doch“, versetzte der Assyrer und lachte leise. „Ich werde ihr die Worte im Mund umdrehen, und ihr werdet bezeugen, was ich sage. Nicht ich, sondern Pollugs wird kielgeholt.“

„Ohne Pollugs wird der Neue beim nächsten Kaperzug draufgehen“, folgerte der Egypter.

„Genau das wird geschehen, Habiru. Und dann wird ein Wurf nach dem roten Strich entscheiden, wer eine der Frauen abkriegt."

„Nicht übel der Plan, Sanherib“, gab der Schwarze heiser zu. „Aber was ist, wenn Pollugs das Kielholen überlebt? Der ist zäh.“

„Das liegt ganz bei uns“, gab ihm der Assyrer zu verstehen. „Wenn er unter dem Schiff ist, lassen wir das Seil los, an dem er hängt, und er wird ersaufen, ehe er wieder an die Luft geholt werden kann.“

Habiru räusperte sich. „Wenn das so ist, mache ich das, so wie du gesagt hast Sanherib. Und du rufst Suteman.“

„Na also, ich wusste doch, du bist brauchbar.“

Semiris wurde speiübel über das mitgehörte, und sie bekam einen trockenen Hals, so ging es ihr unter die Haut. Sie legte sich hinter dem am Heck aufgeschlagenen Baldachin auf die Planken, bemühte sich, nicht mit den Lidern zu zucken und den Anschein friedlichen Schlummerns vorzutäuschen, bis die drei Männer wieder ihre Schlafplätze aufsuchten. Dann schlich sie zum Heck zurück und rüttelte Houke hoch. „Sie wollen Pollugs umbringen“, berichtete sie aufgeregt.

Houke war sofort hellwach, und sie weckten Pollugs.

„Ihren Plan zu kennen“, stellte der fest, „Ist jetzt unser Vorteil. Jedoch nur, so lange sie von einer Zeugin nichts wissen.“