Aus der Geschichte der Delmenhorster Geest -  - E-Book

Aus der Geschichte der Delmenhorster Geest E-Book

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Beschreibung

Das Buch 'Aus der Geschichte der Delmenhorster Geest' des Ganderkeseer Pastors Friedrich Rudolf Bultmann 'Fritz' Bultmann erschien erstmalig 1959, herausgegeben vom Kreislehrerverein Delmenhorst. Es stellt eine Zusammenfassung des bereits 1952 zum Gemeindejubiläum veröffentlichten Werkes 'Ganderkesee's Geschichte - Geschichte der Gemeinde Ganderkesee und der Delmenhorster Geest' dar. Das vorliegende Buch umfasst neben dem Originaltext mehr als 160 Fußnoten zu Etymologie und Geschichte. Der Vetter des berühmten Theologen Rudolf Bultmann erzählt, erklärt und erbaut zwischen Glauben und der bewegten Geschichte der norddeutschen Geest um Bremen und Oldenburg.

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Friedrich „Fritz“ Rudolf Adolf Bultmann (∗ 1882 in Holle, bei Hude, † 1971 in Ganderkesee), Sohn von Christian Friedrich Bultmann und Emma Stern, 1909 Heirat mit Friederike Dannemann (Stuhr), Studium der Theologie, erster Bürgermeister Ganderkesees nach dem zweiten Weltkrieg, Autor des Heimatbuches Geschichte der Gemeinde Ganderkesee und der Delmenhorster Geest (1952) und der vorliegenden Arbeit von 1959, Ganderkeseer Original und Vorbild.

Die vorliegende Veröffentlichung stellt nach bald 60 Jahren Bultmanns Büchlein von 1959 erstmals wieder einer möglichen größeren Leserschaft bereit. Genau hierin liegt das vornehmliche Ziel dieser Arbeit. Wenn es neben dem Vergnügen der Lektüre gelingt, auch nur einigen wenigen Leserinnen und Lesern durch die Lektüre den Keim des Forscherdranges einzupflanzen, dann ist noch so viel mehr erreicht. Hier sei die Leserschaft aufgerufen, sich auf Entdeckungsreise begeben und die Gegenwart mit der hier dargestellten Vergangenheit zu verbinden. Seit 1959 haben sich die Welt und mit ihr die Geschichte verändert. Denn wie die Gegenwart ihre Bedeutung aus der Geschichte erhält, so erhält die Geschichte ihre Bedeutung aus der Gegenwart.

Fritz Bultmann zu Ehren und zur Bewahrung seines An-

denkens und seiner Arbeit ist diese

Wiederveröffentlichung angefertigt

Zum Geleit

Pastor Fritz Bultmann hat sich zweifelsohne um die Gemeinde Ganderkesee und weit darüber hinaus verdient gemacht. Der Fritz-Bultmann-Platz vor dem Alten Rathaus in der Rathausstraße Ganderkesee wurde nach ihm benannt. Die vorliegende Schrift, die partiell in ähnlicher Form auch in Bultmanns Buch Die Geschichte der Gemeinde Ganderkesee und der Delmenhorster Geest (1952) veröffentlicht wurde, soll nach nahezu 60 Jahren einem neuen, großen Kreis interessierter Leserinnen und Lesern den Zugang zu Bultmanns Werk und unserer schönen Heimat eröffnen können.

Geschichte erweist sich dabei niemals als alt, sondern immer als richtungsweisend – wo, woher, wohin? – aus der Gegenwart in die Vergangenheit aber auch in die Zukunft hinein. Das Heute allein kann nicht erklären. Damit gibt das Wissen um unsere Geschichte stets wertvolle und sinnstiftende Orientierung. Diesen Halt findet und gibt Bultmann nicht nur in der Geschichte, sondern ebenso in „dem alten und doch ewig jungen Wort“ (Bultmann, 1952, S. 163) Gottes.

Das alte Wort meint hier jedoch nicht etwa das vergangene, veraltete Wort. Durch das und drückt Bultmann die Verknüpfung mit der Gegenwart aus; eine Verknüpfung, die in Verbindung mit dem ewig jungen weiters nicht bloß auf die Gegenwart verweist, sondern ebenso in die Zukunft. Denn ewig bedeutet nicht nur unendlich. Es bedeutet vielmehr auch immerwährend, zu jeder Zeit jetzt und unmittelbar, sodass ewig gleichsam jenseits der Zeit eine absolute Gegenwart darstellt. Und diese Gegenwart ist immer neu und immer verändert, jung und frisch – gleich einer sprudelnden Quelle. Dies ist das ewig junge Wort Gottes. Im Wort sehen wir jedoch nicht nur ewige Wahrheit des Gesagten und Geschriebenen. Vielmehr verweist der Begriff des Wortes auch auf das Evangelium nach Johannes (1,1–4):

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der «Ichbin-da».

Auch das Ich bin da verweist auf das Ewige, das absolut Gegenwärtige als Wesenheit Gottes und Jesu. Es geht nicht um den Ort oder die Zeit des Daseins. Es geht um das Sein, unabhängig von Raum und Zeit. Doch hier stoßen wir an die Grenzen des menschlichen Denkens. Widersprüche lassen sich hier nicht mehr auflösen. Dies entspricht dem Wesen Gottes als coincidentia oppositorum, dem Zusammenfallen der Gegensätze. So konnte Jesus sagen (Offenbarung 22, 13):

Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.

Und so fallen hier Glaube und Geschichte zusammen. Vielleicht hatte Pastor Bultmann dies im Sinne, als er 1952 sein Werk Ganderkesee’s Geschichte – Geschichte der Gemeinde Ganderkesee und der Delmenhorster Geest verfasste. In jedem Falle war es sich stets bewusst, welche Bedeutung wir der Geschichte in unserem Leben – nicht nur – in der Gemeinde beimessen sollten. So mahnt er die Leserinnen und Leser am Ende der vorliegenden Arbeit von 1959:

„Vergeßt aber nicht, die ihr dies lest, zweierlei:

Seit den Tagen, da der Urmensch, dem Sturm und dem Eise trotzend, sein Leben wider grimme Wölfe, Bären und Auerochsen einsetzte, haben viele Geschlechter mit Urwald und Unkraut, mit Brand und Mord, mit Seuchen und Hunger gerungen, damit ihr heute in Gemächlichkeit eures Lebens froh werden könnt.Wir haben den schuldigen Dank dafür zu erstatten, indem wir den kommenden Geschlechtern unversehrt, ja womöglich noch verbessert, weitergeben, was wir empfangen haben: unsere Heimat“.

F. B.

Das maschinengeschriebene Originalmanuskript erschien 1959, herausgegeben vom Kreislehrerverein Delmenhorst. Unterstrichene Wörter wurden – außer den Überschriften – in der vorliegenden Überarbeitung kursiv gesetzt. Zeilenumbrüche wurden eingerückt, Absätze vergrößert. Mehr als 160 wertvolle Fußnoten insbesondere mit etymologischen Erläuterungen sowie Zeilennummern zur Orientierung bei Textarbeiten wurden hinzugefügt.

Ganderkesee im September, 2017 — Lars Tischler

Lars Tischler, geb. 1973 in Delmenhorst, ist in Ganderkesee aufgewachsen und dort nach der Vorschule in Hengsterholz bis zur Oberstufe zur Schule gegangen. Die allgemeine Hochschulreife erlangte er 1992 am Delmenhorster Willmsgymnasium. Tischler ist promovierter Psychologe, Dr. phil., und lehrt derzeit in Hamburg an einer privaten Universität.

Dat is keen Kunst Bur to weern Awer woll een to blewen

Inhalt

Die Delmenhorster Geest

die Bronzezeit.

Die Eiszeit

Gau und Stamm

Das Königtum

Das Christentum

Die Kirchen

Die Gemeinden

Kriegszeiten

Wir werden münstersch (1482)

Wir werden evangelisch (1543)

Wir werden wieder oldenburgisch (1547)

Ein Ruhm der Oldenburger Grafen

Die Regierung und Wirtschaft seit 1547

Die neue Zeit,

Us Heimatleed

Die Seitenzahlen der 1959er Publikation von Bultmann befinden sich in geschweiften Klammern {2} im Fließtext.

Die Delmenhorster Geest

streckt sich als ein Ausläufer der hohen Geest1 von Wildeshausen2 wie eine Halbinsel in das tiefe Moor- und Marschgebiet zwischen Weser und Hunte. Die Bahn Bremen—Oldenburg läuft von Delmenhorst bis Hude3 genau an dem oft steilen Abhang entlang. Zur Linken siehst du das wellige Geestgelände mit Äckern, Weiden, Gehölz, Ton- und Sandlagern, zur Rechten weite, ebene Grünflächen, zunächst Moor, dahinter die Marsch, aus der von ferne der Berner Kirchturm grüßt.

Die Geest besteht aus Ablagerungen der Gletscher, die zur Eiszeit Unmengen von Felsbrocken mitbrachten. Diese Brocken stammen von den nordischen Gebirgen und zeigen z. T. noch die Schrammen, die sie auf ihrer Reise bekommen haben. Eisdruck, Frost und dann die nagenden und scheuernden Fluten der Schmelzwasser haben die Felstrümmer zu Geröll, Kies, Sand und Lehm vermahlen. Aus Sandstein ward Sand, aus Granit Lehm.

100 bis 700 m hoch lagerte sich dies "Geschiebe” der Eiszeit (das Diluvium4) über dem gebirgigen Untergrund und ließ eine weite Ebene zurück, die von den Gletscherströmen und Bächen modelliert wurde. Wo das Geröll sich anhäufte, spricht man von Moränen. Große Brocken stecken noch in der Tiefe – zum Kummer oft des Brunnenbohrers und Kuhlengräbers. Soweit sie an der Oberfläche liegen ("Findlinge"5), haben sie den ersten Siedlern zu Grabkellern ("Hünengräber6"), späteren Geschlechtern zum Fundament ihrer Kirchen, Häuser, Scheunen und Schafställe gedient, auch zur Umwallung ihrer Höfe und Kirchhöfe. Im vorigen Jahrhundert hat man viele gesprengt und nebst dem Geröll zu Straßenpflaster verwandt. Unsere Zeit nahm vom Rest gern welche zu Denksteinen auf Friedhöfen und Ehrenstätten für Kriegsopfer. Nur wenige, wie der Hexenstein bei Wehe7, liegen noch unberührt. Nach der Eiszeit – es mögen 20 000 Jahre her sein – kam eine windige Trockenzeit, die den Sumpf (Tundra) in Steppe verwandelte. Der Flugsand häufte sich zu steinlosen Dünen, wie wir sie heute noch zahlreich und jetzt gewöhnlich mit Fuhren8bepflanzt vorfinden.

Wo die letzten Eisberge abschmolzen, blieben flache, runde Tümpel, die Schlatts9. Schon beim Weichen der Gletscher sammelten sich Herden bepelzter Elefanten, Nashörner, Elche, Auerochsen, Wildpferde, Rentiere, Hirsche und Kleinwild auf den begrünten Flächen, verfolgt von Löwen, Bären und kleinerem Raubzeug. Sie alle aber jagte der Mensch, der in kleinen Trupps den Flüchtenden folgte. Daher kam er noch nicht zu festen Siedlungen, mußte sich mit schnell errichteten Strauchhütten behelfen. Seine Waffen waren grob {1} bearbeitete Stücke von Holz, Stein, Knochen, Geweihen: Alt-Steinzeit, bis etwa 8 000 vor Christus.

Nach der Steppenzeit kam ein Klima, ähnlich dem heutigen. Wald wuchs auf, das Wild ward weniger, die Menschen mehrten sich. Wollten sie dem Hunger wehren, mußten sie zu Ackerbau und Viehzucht übergehen. So wurden sie seßhaft, erbauten sich Fachwerkhäuser, zähmten Rind und Schaf und erfanden den Pflug, den sie mit Rindern bespannten. Er ersetzte ihnen die Hacke. Ihre Dörfchen, 6 bis 12 Höfe umfassend, standen auf den hohen, trockenen Stellen zwischen Wald, Busch und Sumpf, aber in der Nähe fließenden Wassers. Seßhaft geworden, bereiteten sie nun auch ihren Toten feste Stätten, die Großsteingräber (Hünengräber, auch Ganggräber genannt, weil sie einen Zugang hatten). Sie wurden als Leichenkeller benutzt. Die Leichen wurden in Hockerstellung10 oder gestreckt verschnürt hineingelegt, eine neben der anderen. War ein Keller gefüllt, so kehrte man die Gebeine in die Ecke und benutzte ihn von neuem, oder man verschloß den Eingang und legte in der Nähe einen neuen Keller an. In Stenum und Kimmen finden wir noch deutliche Reste solcher Gräber, geringe Spuren bei allen alten Dörfern. Die besterhaltene Gruppe von Steingräbern seht ihr bei Düngstrup in der Kleinenknetener Heide.