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Jede einzelne dieser Erzählungen und Geschichten spiegelt eine Welt für sich wider. Dennoch ist der Zusammenhang die bunte Viefalt des Lebens, an dem Onkel Willi seine Freude hat und sicherlich auch die Leserinnen und Leser, die sich darin wiederfinden. Ob aus der Luft gegriffen oder nicht, mag letzlich der Leser entscheiden.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Peter Ostermann
Aus der Luft gegriffen?
Erzählungen und Kurzgeschichten
für Grazyna, meine Frau
Peter Ostermann, geboren 1937 in Stettin, lebte nach dem Großangriff 1943 in Treptow an der Rega. Sein Vater fiel 1944. 1948 wurde der Rest der Familie zwangsweise nach Oberschlesien ausgesiedelt, 1949 kamen sie frei und konnten nach Hannover ausreisen. Nach dem Abitur studierte er Anglistik und Romanistik in Kiel, Göttingen und Bonn. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er schreibt Gedichte, Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane.Peter Ostermann
Aus der Luft gegriffen?
Erzählungen und Kurzgeschichten
Vorwort
Ich fuhr so gern von der Großstadt aufs Land, wo meine großzügige Tante Margarethe und mein verschmitzter Onkel Willi eine Blumengärtnerei betrieben. So manches Mal versüßte mir meine Tante das Wochenende mit einem Griff in die Kasse, während mein Onkel nicht müde wurde, Geschichten und Dönekes zu erzählen, von denen einige seine autogene Jugendweihe oder seine Initiation darstellten, wie er sich ausdrückte.
Ich werde nie sein bauernschlaues Lächeln vergessen, wenn er von dem Steuerprüfer berichtete, der gekommen war, um die Anzahl einer Blumensorte zu schätzen. „Wie viele Petunien haben Sie da?“- „Na, schätzen Sie mal!“ –„Sagen wir fünftausend.“ – „Sehr gut, sechstausend.“
In Wirklichkeit waren es dreißigtausend, und das sei gerecht, war er überzeugt, man müsse ja auch den Kuchen, den Kaffee, den Cognac und den zeitlichen Aufwand mit einbeziehen, die seine Regierung – so nannte er seine Frau – dem genialen Genießer zur Verfügung gestellt hatte.
Bei solchen Gelegenheiten musste ich wohlwollend schmunzeln, weil man an eigene Erfahrungen erinnert wird, die Ähnlichkeiten, manchmal sogar Übereinstimmungen aufweisen.
Neider hingegen, die kaum offen sind für Erlebnisse anderer oder sogar für ihre eigenen, weil sie an überlieferten Glaubenssätzen hängen, neigen zu der Behauptung, das sei doch alles nur aus der Luft gegriffen. Ich stelle mir immer vor, wie jemand in die Luft greift, um sich etwas herauszuholen.
Mein Onkel und seine Kumpane hatten ein junges Pärchen beobachtet, das ein altes Gartenhäuschen, das vernachlässigt worden war wie der Garten selbst, in eine Liebeslaube verwandelt hatte. Eines Tages nun hatten die Jungs bei Abwesenheit des Paares unter dem Sofa eine Glocke montiert (kein Glöckchen), und bald darauf, höre da! erscholl ein liebliches rhythmisches Glockengeläut, das man weithin vernehmen konnte, und das den Schlingeln die Genugtuung verschaffte, dass sich ein Traum der Liebe erfüllte.
Von allen Erzählungen meines Onkels sind mir einige in besonderer Erinnerung geblieben, weil er sie mehrmals wiedergab, und weil es bei allen Malen kaum Abweichungen gab. Ich wollte ihn nicht fragen, ob sie aus der Luft gegriffen waren, um seine Begeisterung und seine Verrücktheit nicht zu stören: Da sind zum Beispiel die Schilderungen seines Freundes Josef, Jupp genannt, Professor für Germanistik, oder von dem Pharmareferenten Michael und seinem Sohn Timo, dann Erfahrungen aus Brüssel, von einem Kindergeburtstag und so weiter.
Eine Freundin in Dellbrück
Ich war vierundzwanzig, erzählte Jupp, und Student in Köln, in meiner Heimatstadt, und ich hatte ne Freundin, die war achtzehn, die war kurz vor der Reifeprüfung, nix Abitur, Abgang, Reifeprüfung! Die Dame wohnte in einem kleinen Dorf hinter Dellbrück. An Wochenenden war ich häufig bei ihr, und sie holte mich immer mit dem Auto vom Dellbrücker Bahnhof ab.
Ihre Eltern hatten mir erlaubt, in der Dachkammer zu schlafen, ihr aber streng verboten, mit mir sexuellen Kontakt zu haben. Der Vater gnadenlos katholisch, ich evangelisch – dat war schon nene Katastrophe – hatte mit Blick auf ihren Bauch geschworen: Wenn sisch da wat drin von denem Kerl entwickelt, dann fliegste raus, dann biste unsre Tochter jewesen! Einmal, wahrscheinlich weil er merkte, dass ich immer noch nicht katholisch geworden war, brüllte er sie an: Wenn du mit nem Kind nach Hause kommst, biste für misch jeschtorben. Leider hatten wir damals noch keine Ahnung, welche körperlichen und seelischen Folgen solche Drohungen haben können.
Also, was machten die fromme Helene – so nenne ich sie hier mal – und ich? Wir trieben es im Auto, schön mit Parisern, wie sich das gehört.
Wir fuhren von Dellbrück in Richtung Dorf, und da kamen wir an einem Waldstück vorbei. Wir wählten einen etwas abschüssigen Waldweg, ich parkte rückwärts ein, so konnte man die ’Liebeslaube‘ nicht so direkt sehen. Sie zog sich draußen den Slip aus – sie trug zu besonderen Anlässen gern Kleider, auch um ihre betörenden Beine zu zeigen – ich setzte mich wohl vorbereitet auf den Rücksitz und sie sich auf mich, und wir sahen einander an und erkannten einander nicht. Wo die Liebe hinfällt, da finden sich Wege, und wenn es Waldwege sind. Auf diese Weise konnten wir ihren Eltern die Heiligen, die Unberührten, wenn man will, die Unbefleckten vorspielen – was ja tatsächlich stimmte – und sie waren es zufrieden, oder besser gesagt, sie waren beruhigt, denn sie merkten nichts.
Einmal hatten wir allerdings ein besonderes Erlebnis. Es hatte am Vorabend stark geregnet, ich fuhr wieder rein in den Weg, wir liebten uns, sogar mehrmals, weil sie nicht genug kriegen konnte, und ich dachte schon, nicht dass sie schwanger wird, was ja gar nicht möglich war, weil die Mäntelschen die Strapazen aushielten, aber Helene war so heiß! Na gut, es war spät geworden, und wir meinten, dass uns so langsam die glaubwürdigen Märchen ausgehen würden.
Wir machten uns startklar, und sie fuhr los, das heißt, sie wollte losfahren, aber es ging nicht, das rechte Hinterrad rutschte immer tiefer in den matschigen Boden, dessen Zustand uns erst jetzt so richtig bewusst wurde, denn wir waren ja mit Blindheit geschlagen. Ich sprang raus, schob links, wir bekamen den Wagen nicht vom Fleck. Fahrerwechsel, ging auch nicht, der Weg fiel zu sehr ab, außerdem nahmen die Hinterräder schon so langsam eine andere Farbe und einen anderen Zustand an. Hätte die Laube anders herum gestanden, wäre es uns trotz Hinterradantrieb vielleicht gelungen, aber so nicht. Ja, da war … am Dampfen …der Waldboden natürlich, was denn sonst, und guter Rat teuer. Jedenfalls waren wir im Stress. Vor allen Dingen war alle Seligkeit vergessen und die ganze schöne Erotik auf eine schreckliche Wirklichkeit geschrumpft. Ohne Auto bei den Eltern auftauchen? Unvorstellbar. Abschleppdienst oder Traktor? Ihres Wissens nichts in der Nähe. Ein Mobiltelefon gab’s noch nicht. Da kann man mal sehen, wofür Mobiltelefone überhaupt erfunden wurden! Es blieb uns nichts anderes übrig, wir zogen los, aber nicht zu ihr nach Hause, sondern zwei Kilometer zurück in ein Dorf, wo wir immer an einer Kneipe vorbeifuhren.
Wir hatten Glück, da waren ein paar gestandene Männer und tranken ihr Bier, aber mein Vortrag war mit das Peinlichste, was ich bis dahin erlebt hatte: Wir seien stecken geblieben auf einem Waldweg. Man kann sich vielleicht die feixenden, grinsenden, schmunzelnden Mienen vorstellen, die Sprüche sind mir heute noch im Ohr: Da habt ihr’s euch aber gegeben; jut, dat ihr jetrennt hierher jekommen seid; ein Auto is für alles jut, die Hauptsach is, de Stoßdämpfer sinnoch heil! Es half alles nichts, Clara, so hieß Helene wirklich, hatte glühende Wangen und hochrote Ohren, und mein Blutdruck war sicherlich auch vergleichbar mit dem eines Mannes, der mit 280 über die Autobahn schießt. Egal, wir gestanden das Faktum und pochten auf ihr Mitgefühl. Und da man solche Gefühle entweder aus Erfahrung kennt oder sich Situationen dieser Art gut vorstellen kann, weil sie so menschlich und doch nicht so außergewöhnlich sind, siehe da, alle waren bereit, uns zu helfen. Wir fuhren mit zwei Autos, deren Fahrer meinten, in dieser gottverlassenen Gegend kontrolliere die Polizei nur zu Ostern oder zu Silvester, wenn überhaupt. Mit Abschleppseil und Schieben holten wir schließlich unsere Karre aus dem Dreck, beziehungsweise aus ihrem tragischen Versteck, wobei sich einer der Schieber, Anton, derartig einsaute, dass wir ihn nicht nur trösten mussten, sondern in unserem Wagen zurückbrachten und ihm die Reinigungskosten ersetzen wollten. Außerdem sollten alle Helfer auf unsere Kosten ein paar Bier trinken. Dann sagte einer der Schieber, er hieß Theo: „Hörens, Jupp, so kannste doch de Clara ihre Papa dat verdreckte Schmuckstück nisch überjewe. Mir trinken nen Bierschen op de Rettung, dann kommste zu mir röber, isch wohn do drübbe, und dann spritzen mir dat Wäjelschen ab, datte wie neu aussieht.“ „Du bissen liewe Jung!“
Wir kamen in die Kneipe, als Clara am liebsten wieder rückwärts rausgegangen wäre: Ihr Onkel saß am Tresen und hatte die ganze Geschichte von einem jungen Pärchen, das im Wald stecken geblieben war, schon vernommen.
„Onkel Otto, sach bloß nix, du weißt ja, wat de Papa mit mir macht.“
„Naja! Verdient hätt deret schon, der Spinner, sacht immer, an meine Tochter kommt nix dran: von wejen.“
„Onkel Otto, jetz hörens zu, wenn du wat sachst, dann sach isch wat von dir un Jertrud…“
„Wie, wat von Jertrud? Habt ihr uns jesehen?“
„Na klar hab isch eusch jesehen.“
„De Abend im Schuppen? Is dat wahr? Jesses nee, un isch dacht, dat wär jeheim!“
„Nee nee, nix jeheim! Von wejen, ihr wart janz schön vernehmlisch!“
„Psst, Clara, nidde so laut!“
“Also, Onkel Otto, alles klar?”
„Also jut, isch weiß vonnix.“
Onkel Otto bekam auch noch ein Pils, und das ganze Projekt war ein teures Vergnügen geworden, das unser gesamtes Wochenenddepot aufbrauchte. Wir bedankten uns nochmals bei allen Helfern, empfanden keinerlei Scham mehr und verdrückten uns.
Als wir die Kneipe verließen, bekam Clara einen Lachanfall und konnte sich auch im Auto längere Zeit nicht beruhigen. Als ich sie fragte, was denn los sei, sagte sie: „Stell dir ma vor, ich wusste gar nix von Gertrud und Onkel Otto … Es wurde nur erzählt, er hätte ein Fisternöllchen mit ihr, verstehste?“
Da musste ich auch lachen und sagte: „Siehst du, in der Politik nennt man zwei Erpressungen auf gleichem Niveau friedensbildende Maßnahmen.“ „Au ja“, sagte sie, „das kann ich ja im nächsten Aufsatz als Beispiel bringen, weißt du, mir fehlen immer Beispiele.“
Ihren Eltern berichteten wir, wir hätten im Dom eine Messe besucht und hätten anschließend den Wagen waschen lassen, denn in einem sauberen Gefährt könne man sich doch eher unter die Leute trauen. Na ja! So weit von der Wahrheit entfernt war die ganze Sache ja nun auch wieder nicht, also aus der Luft gegriffen, meine ich. Jeder soll schließlich die Wahrheit bekommen, die er braucht.
Pygmalion in Kiel
Wenn wir uns verlieben, war Jupp überzeugt, dann verlieben wir uns auch in unsere Wunschvorstellungen. Illusionen gehören dazu, auch wenn wir schmerzlich enttäuscht werden können. Der Bildhauer Pygmalion ist ja enttäuscht über die Schamlosigkeit der Frauen in Zypern, und er meißelt seine Vorstellung einer schönen Frau in Marmor und verliebt sich in die Statue. Venus hat Erbarmen und erweckt sie zum Leben.
Ich war Ende dreißig, hatte promoviert und arbeitete an meiner Habilitation, denn ich hatte die Aussicht, eine Professur in Kiel zu bekommen. Ich als Kölsche Jung nach Kiel, so is dat, machen uns die Politiker ja vor, gestern noch Anwalt in München, morgen Finanzminister in Berlin, übermorgen Energiekommissar in Brüssel, und das ohne Englisch- beziehungsweise Französischkenntnisse.
Neben meinem Literaturstudium hatte ich mich immer schon sehr für Kunst interessiert und hatte drei Jahre Malunterricht bei einem richtigen Mahler, Karl Lodmer. Ich war ziemlich erfolgreich in Akt- und Portraitmalerei, in Öl, versteht sich, aber auch in Gouache, Acryl; Landschaften in Wasserfarben.
Eines Tages hatte ich eine Idee, ich male mal eine ganze Frau, wie ich mir eine vorstelle, in die ich mich verlieben könnte. Natürlich mit modernen Klamotten, keine Hosen, oh nein, um Gottes willen! Tja, mein lieber Scholli (kommt übrigens aus dem Französischen, von joli, hübsch), mit Vorstudien brauchte ich fast ein Jahr, ohne Modell, bitte, ohne Vorbild, kein Foto, nix, nur meine Vorstellung.
Als ich mein Bild meinem Lehrer zeigte, war der erstaunt und sagte, das Bild fände er komisch: Etwas unproportioniert, zu breite Hüften, zu große Brust, ob ich an die Venus von Milo gedacht hätte. Ich fand sein Urteil niederschmetternd, und zwar vor allem deshalb, weil er vorher auch mit der filigransten positiven Kritik nicht gespart hatte. Aber so ist das, wenn die Schüler flügge werden, und die Meister zum Teil aus Neid darüber, dass sie stehengeblieben sind, ihre negative Kritik nicht zurückhalten können; menschlich oft unreif. Also ich fand seine Diagnose ungerecht, denn ich liebte meine Claudia, wie ich sie nannte. Zugegeben, was die Proportionen anbelangte, hatte er nicht ganz unrecht, aber ich erwähnte ja schon die Nuancen, außerdem sollte man auch auf dem Teppich des Realismus bleiben, Botticellis Venus war eben passé. Davon einmal abgesehen hatte Claudia wunderschöne Beine – so etwas hatte ich schon oft in Frankreich gesehen – schmale Hände, göttliche Schultern und ein außerordentlich ausdrucksvolles Gesicht. Und der Körper steckte in einem figurbetonten, kobaltblauen Spaghettiträgerkleid. Kurz, was soll ich sagen, eben anders als die Mona Lisa, Claudia sozusagen im Porrolook, das Gegenteil von retro, also nach vorn gerichtet, in die Zukunft weisend.
Etwa ein Jahr später – ich war nach Kiel gezogen, und es gefiel mir besser, als ich dachte – revidierte ich mein Pauschalurteil über die drögen Norddeutschen, entdeckte viele Annehmlichkeiten der Stadt , besonders die Förde auf beiden Seiten, fand einen Haufen hübscher Frauen mit den etwas längeren Gesichtern, ja, und so wurde ich im Schneckentempo ansässig, und isch wollt nit mie zo Fooß no Kölle jonn.
Das Spiel des Glockenturms vom Rathaus ist allerdings insofern problematisch, als der Volksmund sich folgendermaßen programmiert hat: Kiel hett keen Geld/dat weet die Welt/ob’s mal wat kriecht/dat weet man nich… Das kann nur zur Folge haben, dass das Wirklichkeit wird.
Meine Claudia hatte ich gar nicht aufgehängt, weil ich keinen passenden Platz gefunden hatte. Sie stand wie viele anderer meiner Ergüsse in Packpapier eingeschlagen auf dem Dachboden, döste und staubte vor sich hin und war bald vergessen.
Und dann eines Tages erlebte ich eine Epiphanie bei C&A, ich sah eine Erscheinung, während ich die Rolltreppe rauffuhr, da fuhr sie die Rolltreppe runter, Claudia, genau meine Claudia. Aus heiterem Himmel im Kaufhaus traf mich von jetzt auf nachher leider der Schlag, und ich büßte dadurch wertvolle Zeit ein, denn so eine Rolltreppe ist schnell, und man verliert sich in Windeseile aus den Augen. Natürlich war das meine Claudia, langes schwarzbraunes Haar, dunkelbraune Augen und diese feinen Gesichtszüge, die Brust, die Hüften, alles stimmte… Nein, nicht alles, das Kleid war hummerfarben, mein Gott, war das eine Frau!
Ich war sofort verliebt, nur sie war weg. Ich sauste runter, nichts, wieder rauf – ich sprang auf jede dritte Stufe, wobei ich mir nicht nur wie der rasende Roland, sondern vor allen Dingen wie ein Affe vorkam, der sich von Ast zu Ast hoch in die Krone schwingt – und fragte die Leute, nichts, obwohl, so ein Prachtexemplar fällt doch auf! Wieder runter. Ich stürzte wie ein Idiot – heute würde ich sagen wie ein Narr – nach draußen, mehrere Ausgänge, nichts, wieder rein, ich fragte, nichts, wieder raus. Ich war voll im Stress. Ich fragte ein älteres Pärchen, er 90, sie 75. Oh, sagte der Mann, eine tolle Frau, sie ist … vor fünf Minuten in die Richtung gegangen. Sie sind ein Schatz, sagte ich, und die Frau schaute verblüfft drein, und ich hörte sie noch sagen: Die is mir gar nich aufgefalln.
Da, an der Bushaltestelle in Richtung Strande, da stand sie. Ich hin, stellte mich vor (ohne Prof. natürlich, man will ja nicht aufdringlich und bramsig sein), also vor ihr auf, meine ich und zwitscherte etwas atemlos: Entschuldigen Sie, das ist sonst nicht meine Art, aber Sie sind meine ideale Frau, ich liebe Sie, ich habe Sie schon vor Jahren gemalt. Worauf sie feststellte, ich hätte sie wohl nicht alle beisammen. Ich sagte: Nein nein! Ich will Sie wirklich heiraten…Mann, hörn Sie auf mit dem Quatsch, stellte sie fest und wandte sich ab, und die anderen Fahrgäste guckten schon penetrant auf einen möglichen Stalker, der ihnen ebenfalls auf den Wecker ging…Ich blieb standhaft: Das ist kein Quatsch, wann können wir uns sehen? – Überhaupt nicht, gab sie zurück, wir sehen uns doch jetzt gerade. – Ich meine länger … In dem Augenblick kam der Bus, und ich war ganz verdattert und wusste nicht, was ich machen sollte und gab ihr im letzten Moment meine Karte, denn mir war eingefallen, ich Idiot hatte ja ne Vorlesung, ich konnte nicht mitfahren, Mann oh Mann, das sind so Momente, wo das Gehirn abschaltet, und man macht irgendwas, hoffentlich was Brauchbares.
Ich weiß noch alles in den verzweigtesten Einzelheiten, weil ich es mir wie nach einem Traum mehrfach bewusst gemacht habe: Ich schluffte mit hängenden Kopf zur Uni, und die Studenten fragten mich, ob alles in Ordnung sei, und ich antwortete, na so la la, ich hätte eben meine Frau gesehn. – Aber Sie sind doch gar nicht verheiratet, waren die der Ansicht, oder meinen Sie Ihre Freundin oder Partnerin? Aber Sie haben doch gesagt, Sie leben allein, und Sie wissen doch, dass Steffi in Sie verknallt ist. Ja und nicht nur die!, sagte eine andere Studentin. Nebenbei bemerkt, Steffi kam aus Dänemark, sie hatte rostrotes krauses Haar, dunkelbraune Augen, ein paar Sommersprossen und ganz helle Haut, eine Augenweide.
Also gut, Kinder, sagte ich, lasst uns beginnen, und dann habe ich eine Vorlesung gehalten über Kafkas berühmten Brief an den Vater von 1919. Ich habe die Vorlesung als Schamane gehalten, ich war außer mir, aber es war wohl alles in Ordnung, die Studenten protestierten nicht, revoltierten auch nicht… Ja gut, das war’s, das war der Claudia-Spuk, meine Projektion, mein Narzissmus, der größte Schwachsinn aller Zeiten.
Nach ein paar Tagen holte ich das Bild vom Dachboden, und für einen kurzen Moment war ich mir unsicher, ob die Übereinstimmung mit meiner roten C&A-Claudia wirklich so groß war, und ich fand es schade, dass ich das nun nicht mehr würde feststellen können. Aber ich dachte auch, das darf doch wohl nicht wahr sein, ich bekomme Liebeskummer. Ich stellte mir nun ernsthaft die Frage, ob ich noch ganz klar im Kopf sei oder wenn man will in der Seele, und ich beschloss, einen Psychiater aufzusuchen, aber aus gutem Grund nicht in Kiel, sondern in Neumünster. Meinen Kollegen und Freunden sagte ich natürlich nichts von der ganzen Angelegenheit.
Der Psychiater sah mich zuerst misstrauisch an, fand dann die ganze Sache höchst interessant – er tippte wohl auf Schizophrenie oder Schizothymie – und vermutete, dass wir sicher eine ganze Reihe von Sitzungen brauchten, bis wir dahinter kämen, ob es denn diese Frau nun wirklich gäbe, oder ob es ein Hirngespinst sei. Auf einen Streit mit mir über das philosophische Thema Wirklichkeit wollte er sich nicht einlassen, er konnte meiner Interpretation von Wirklichkeit nicht folgen, denn, was ich mir vorstelle ist ja auch wirklich, weil Wirklichkeit im Gegensatz zum bloß Scheinbaren als auch zum bloß Möglichen steht. Und noch etwas, Herr Kollege, sagte ich zu ihm, diese Frau ist real, sie ist mir widerfahren, ich habe sie erfahren, sie ist nicht aus der Luft gegriffen, nur ihr Kleid war rot, nicht blau. Und nun das Beste für Streithähne auf dem Gebiet:
Ich bekam einen Anruf: Ich traf Claudia, sie hieß Ina, sie war wunderschön, sie war Studentin der Psychologie, fünfundzwanzig Jahre alt, wir liebten uns, und als sie mein Bild sah, traf sie ebenfalls der Schlag, und sie war der festen Überzeugung, es sei doch alles ganz einfach, ich kennte sie schon aus einem anderen Leben.
Dann erzählten wir einander unsere erste Begegnung aus unseren unterschiedlichen Seh- und Sichtweisen, und demzufolge ist mir dieses Erlebnis auch in so frischer Erinnerung geblieben. Na jedenfalls liebten wir uns auf Kinder komm raus, wir heirateten, hatten drei Kinder und gingen dann nach fast zwanzig Jahren Ehe auseinander. Es war eine wunderbare Zeit, aber am Ende wollten wir beide auf neue Entdeckungsreisen gehen.
Mein Onkel Willi betonte auch immer, dass Jupp ein Freigeist sei, der aber trotzdem Vorbilder habe, zum Beispiel habe Pascal recht, wenn er sagt, der, der nicht liebt, liebt nicht genug, oder wenn Proust der Überzeugung ist: Lassen wir die hübschen Frauen den Männern ohne Phantasie, die Männer mit Phantasie sehen in jeder Frau Helena oder Zephora oder Clara oder Claudia oder Cora aus Tahiti oder Monique aus Haiti oder Kelly aus Jamaika…
Rot und Schwarz
Sie verließen das Museum Ludwig, aber nicht ohne vorher in der Drehtür Karussell gespielt zu haben. Einer der Wärter war auf ihr Lachen aufmerksam geworden und hatte ihnen zugerufen, sie sollten damit aufhören. Michael hatte sich entschuldigt, und sie waren gegangen. Timo stellte die einhundertste Frage: „Papi, du hast mir immer noch nicht gesagt, warum der Mann mit der blauen Gitarre eine braune Gitarre hat.“
