Die Vierziger - Peter Ostermann - E-Book

Die Vierziger E-Book

Peter Ostermann

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Beschreibung

Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn. Weh denen, die dem Ewigblinden Des Lichtes Himmelsfackel leihn! Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden Und äschert Städt und Länder ein. (Schiller "Das Lied von der Glocke")

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Peter Ostermann, geboren 1937 in Stettin, lebte nach dem Großangriff 1943 in Treptow an der Rega. Sein Vater fiel 1944. 1948 wurde der Rest der Familie zwangsweise nach Oberschlesien ausgesiedelt, 1949 kamen sie frei und konnten nach Hannover ausreisen. Nach dem Abitur studierte er Anglistik und Romanistik in Kiel, Göttingen und Bonn. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er schreibt Gedichte, Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane. Zuletzt erschienen die Romane ‚Das Lächeln der Bäckerin‘ (2012), ‚Lieben Sie Stress?‘ (2012), ‚Eine Odyssee‘ (2013).

Für Grazyna, meine Frau

Maikäfer flieg,

dein Vater ist im Krieg,

deine Mutter ist in Pommernland,

Pommernland ist abgebrannt,

Maikäfer flieg.

Inhaltsverzeichnis

Moiren

Wurzeln

Das Paradies

Deep

Krieg

Bomben

Götterdämmerung

Das wiedergewonnene Paradies

Pölitz

Das unliebsame Paradies

Sie reden und reden und reden …

Kriegsspiele

Der Rest ist Schweigen

Die Russen kommen

Auf der Flucht

Das verletzte Paradies

Ein Tagebuch

Das zerbröckelnde Paradies

Die Austreibung

Die Verschleppung

Oppeln

Der Exodus

Eine neue Welt

Danksagung

Quellennachweis und Literaturhinweise

Moiren

Mensch Papa, lass doch den Scheiß, das tut doch weh! Mannomann! Guckt euch das an, wie das aussieht!, beklagten sich drei Frauen und heulten derart, dass eine Riesenwolke sich auf das Land ergoss, und die Tränentropfen die verdorrte Erde mit lang ersehntem Regen benetzten.

Hallo und guten Tag! Ich bin Klotho, eine der Schicksalsgöttinnen, die Spinnerin des Lebensfadens sozusagen, ich stehe auch für die Vergangenheit, und das ist meine Schwester Lachesis, die Zuteilerin des Lebensloses und der Lebenszeit, die den Lebensfaden bemisst, aber auch die Gegenwart vertritt, und das ist schließlich unsere Schwester Atropos, die Unabwendbare, die Unbeugsame, die den Faden durchschneidet und die Zukunft repräsentiert.

Wisst ihr, was schon Aischylos von uns sagte? Das ist der Begründer der Tragödie und lebte im fünften Jahrhundert vor Christus. Er sagte: Wer aber führt das Steuer der Notwendigkeit? Der Moiren Dreiheit und die wachen Erinyen. Und also Zeus selbst ist der mindermächtige? Dem ihm beschiednen Lose kann er nicht entfliehn.

Ihr seht, dass sogar unser Vater Zeus uns drei Moiren, wie wir auch heißen, untertan ist. Und die Erinyen, das sind auch unsere Schwestern, die haben aber ganz andere Aufgaben, zum Beispiel die der Rache.

Ich möchte dich an dieser Stelle unterbrechen, meinte Lachesis, weil ich den Leserinnen und Lesern von den Augen ablese, dass sie gern wissen wollen, wie wir aussehen. Also ganz allgemein würde ich sagen schöner als Raphaels drei Grazien, denn die sind noch nicht schlank genug. Oder nehmen wir Botticellis Bild La Primavera (der Frühling), da habt ihr auf der linken Seite auch die drei Grazien, da kommen wir der Sache schon näher: Venus, Juno und Athene.

Nur, warf Atropos ein, wir haben nicht alle rote Haare, die hat nur Klotho, und Sommersprossen und eine ganz zarte Haut und blaue Augen und sieht aus wie, mein Gott – es donnerte im Hintergrund – wie Christina Södler oder Greta Garben oder Denise Zabert, die hat aber braune Augen, oder, mein Gott – es donnerte wieder im Hintergrund – oder wie Eva Hahnen oder Cathérine Devise … Lachesis hat ganz schwarzes Haar und Mandelaugen und eine Figur wie die Lola und sieht aus wie Pola Negus … Und ich? Du?, meinte Lachesis, du bist rotblond und hast eine tolle Figur und Beine wie Marlene Dierich. Das stimmt, sagte Klotho und fuhr fort: Wenn wir zum Beispiel als Studentinnen der Soziologie Shopping machen, dann bekommen wir alle zehn Minuten Einladungen von den schönsten und interessantesten Männern, von Studenten, Professoren, zum Beispiel von Professor Lauterbein, von Musikern, zum Beispiel von dem Dirigenten Sir Simon Rubin, ja sogar von Politikern wie Schäfer oder Beckers.

Wir sollten noch sagen, wer unsere Eltern sind, gab Lachesis zu bedenken, also unser Vater ist Zeus, das wurde ja schon gesagt, und unsere Mutter ist Themis. Und was eben los war, kann ich kurz erklären: Also meine Schwestern und ich haben uns gestritten, weil wir in Kompetenzrangeleien verwickelt waren, in Zuständigkeiten also, obwohl eigentlich klar ist, wer bei einem Leben wofür zuständig, das heißt sach- und menschenkundig genug ist. Nun ist es so, dass unser Kind Peter, um das es hier geht, nicht nur mit seinen Taten und Leiden eine Figur im Spielplan der Götter ist, sondern er ist mitbeteiligt an der Vollendung seines Geschicks. Auf der anderen Seite stehen die Götter in einem dienenden Verhältnis zum Schicksal, denn die Moira, das unverrückbare Gesetz im Wandel des Seins, ist allem übergeordnet, und das sind wir … Das ist ein wenig barock ausgedrückt oder schwulstig, ist aber doch wohl klar, oder?

Ja klar ist das klar, bezog Atropos Stellung, genauer gesagt funkt Papa einfach mit seinen Blitzen dazwischen, nur weil er meint, weil er unser Vater ist, kann er drauflosblitzen und -donnern. Demokratisch sollen wir das machen. Er hat wohl vergessen, was Demokratie heißt! Herrschaft des Volkes heißt das. Hat irgendjemand schon mal gehört, dass im Himmel oder in den Religionen auf der Erde ein demokratisches Prinzip herrschen könnte? Stellt euch das mal vor! Das Gegenteil ist der Fall, zum Beispiel einer, der nennt sich Papst, der sagt ex cathedra, so ist es, und dann ist das so: Es gibt eine Jungfrauengeburt, das müsst ihr glauben. Dass ich nicht lache! Religionen sind zutiefst undemokratisch, schränken die Menschen ein, beschneiden ihre Freiheit und wollen ihnen vormachen, sie allein hätten „die Wahrheit“ gepachtet. Dabei gibt es viele Wahrheiten. Papa sollte mal wieder in die Schule gehen. Die Ausrede, er sei zu alt dazu, zieht doch wohl nicht mehr.

Papa kapiert die Zusammenhänge eben mehr oder weniger, ließ sich Klotho vernehmen. Er versteht einfach nicht, dass man nicht allmächtig sein kann, was heißt, auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Da hat er sich selbst eine Falle gestellt. Wie dem auch sei, wir haben uns jetzt jedenfalls so geeinigt: Peter will seine Biographie schreiben, lobenswert. Wir werden ihm nun insoweit dabei helfen, dass wir seine Gedanken in den richtigen, sachlich klaren Zusammenhang stellen, und seine Erinnerungen, deren Subjektivität sogar erwünscht ist, durch historische Fakten oder zum Beispiel psychologische Vertiefungen ergänzen und erweitern.

Sehr richtig, fügte Lachesis hinzu, und die Frage der Kompetenz haben wir so festgelegt: Es geht bei dem Ganzen nicht nur um das Gesetz des Schicksals, sondern darum, dass diejenige von uns, die etwas zu einem bestimmten Thema zu sagen weiß, dies auch tut. Wir wollen uns damit sichtbar und hörbar absetzen von vielen Menschen, die im Grunde nichts zu sagen haben oder wissen, aber trotzdem munter drauflosquatschen … Hier sind nicht nur Hausfrauen gemeint, die über andere tratschen, nein, auch Kirchenleute, Politiker, Gewerkschaftler, Lobbyisten, Banker, Lehrende, Lernende und so weiter.

Lasst mich noch etwas sagen, ergriff Atropos das Wort. Die Leserin oder der Leser muss aber unbedingt noch erfahren, dass wir erst mal Mama wieder anbetteln müssen, dass sie uns einen besonderen Nektar besorgt und eine Spezialcreme, damit unsere Blitzstrafnarben in vier Wochen wieder verschwinden können, denn leider hilft Dr. Heinzes Gesichtscreme Quitte bei derartig starken Verbrennungen auch nicht mehr. Dabei hatten Papas Blitze doch nur hunderttausend Volt!

Lachesis quietschte vergnügt dazwischen: Die Creme lassen wir uns immer von Männern schenken, mit denen wir ein paar Tage zusammen sind. Davon brauchen Mama und Papa aber nichts zu wissen, schon gar nicht vom Sex mit den Männern. Jedenfalls sehen wir mit der Creme noch besser aus, oder?

Ja klar, sagte Klotho, dann kriegen wir immer sofort Filmangebote beim Fernsehen oder auch sonst beim Film …

Wisst ihr, was wir noch vergessen haben?, fügte Atropos hinzu, im germanischen Kulturkreis gibt’s uns auch, da heißen wir die drei Nornen: Verdandi, Urd und Skuld. Da sind wir alle, wie soll ich sagen, ein bisschen stämmiger, auch schön, aber kräftiger, markiger. Und bei den Römern sind wir die Parzen: Nona, Decuma und Morta, gut gewachsene Frauen, nicht ganz so kräftig, aber fit und vollblütig.

Das ist nur der Vollständigkeit halber, ergänzte Klotho, weil wir nichts zu vertuschen brauchen wie andere Systeme oder Religionen, ob ent- oder remythologisiert, will sagen, unser Zuhause ist und bleibt der Mythos, die sagenhafte Geschichte, Erklärungen für das Unerklärliche. Ansonsten sind wir für unseren Schützling zuständig, wir sind die Moderatoren seines Lebens, die Lenkerinnen. Er dringt gern zum Ursprung und zur Wahrheit vor, seiner Wahrheit.

Wie schon gesagt, betonte Lachesis, wir versinnbildlichen auch noch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, übrigens eine uralte indogermanische Vorstellung. Platon sagte von uns: Ich bedeute das Vergangene, Klotho das Gegenwärtige und Atropos das, was geschehen soll.

Na gut, schloss Klotho, ich glaube, jetzt reicht’s erst mal, genug der Einführung, des Vorworts, des Präludiums. Vorhang auf, und jetzt lassen wir ihn zu Wort kommen, das Spiel beginnt.

Wurzeln

Hi, Fans! Geboren bin ich, Peter Paul Rubbert, am 21. Dezember 1937 in Stettin, als letzter Schütze sozusagen. Meine Eltern waren Magdalena, geborene Grütt, Tochter unter drei Kindern, geboren am 11. September 1911 in Treptow a/Rega und Paul, geboren am 1. Dezember 1909 in Stettin als einziger Sohn. Meine Mutter, genannt Mama (mit dem Ton auf der zweiten Silbe bitteschön) hatte die Höhere Töchterschule in Treptow besucht, spielte Klavier und konnte gut Französisch. Als Beruf lernte sie Krankenschwester, obwohl sie sehr stark in der Gärtnerei ihrer Eltern, meiner Großeltern, eingebunden war.

Im heiratsfähigen Alter liebte Mama eigentlich Werner A., den sie jedoch nicht heiraten durfte, weil sie Schnucheln zum Mann nehmen sollte (im Pommerschen hängt man im Dativ oder Akkusativ gern ein n an, also mit Petern, durch Berthan, ruf ma Opan). Nun fand jedoch mit Schnucheln folgender entscheidender Dialog statt: (M. ist Mama, S. ist Schnuchel) S. Ich liebe Ihnen. M. Nein, Sie. S. Nein, Dir. M. Nein, Dich. Damit war für Mama die Suppe gegessen: Wer noch nicht einmal richtig Deutsch konnte, kam für sie als Ehemann nicht in Frage. Und so konfrontierte sie ihre Eltern mit der unumstößlichen Feststellung: Nee, Schnucheln mag ich nicht!

Atropos: Werner A. war ihren Eltern zu flatterhaft, ein zu unsicherer Kantonist, obwohl er ein gutaussehender Charmeur war. Besonders Theodor Grütt, Mamas Vater, Opi genannt, wollte einen, der zupackte wie er selbst. Das konnte wiederum Schnuchel, und so war es Opi egal, ob Schnuchel richtig Deutsch konnte oder nicht, die Hauptsache war, dass seine Tochter unter eine ihm genehme Haube kam.

Was soll ich sagen? So verging die Zeit, so gingen die Jahre ins Land, und das Dilemma war groß, und als Mama 24 Jahre alt war, bekamen sie und ihre gleichaltrige Freundin Hertha K. Angst, keinen mehr abzukriegen, ja, sie gerieten beinahe in Panik, denn nichts war so schlimm wie eine alte Juffer zu werden. So entschlossen sich beide über die Köpfe ihrer Eltern hinweg, einen möglichen aber doch für ihre Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Weg zu gehen: Sie setzten kurzerhand zwei Heiratsanzeigen im Stettiner General-Anzeiger auf, in denen sie ihre Vorzüge schilderten, sich in den schönsten Farben malten, aber auch auf die mangelnden Gelegenheiten im Kleinstadtmilieu hinwiesen. Obwohl sie es meinten, kam das Wort Kleinstadtmuff nicht vor, um mögliche Freier nicht von vornherein vor den Kopf zu stoßen. Beide Frauen wollten jedenfalls auf diese Weise an einen Ehemann gelangen.

Beide warteten gespannt, und bei jedem ankommenden Brief klopfte ihr Herz schneller, denn es könnten ja Antworten oder Reaktionen sein. Aber es bewegte sich nichts, und sie konnten nur traurige Enttäuschungen austauschen. Sie fürchteten natürlich insbesondere die Häme ihrer Eltern, die sich einbilden würden, mal wieder recht gehabt zu haben: Hört auf eure Eltern, dann geht’s euch gut! Trotz allem waren für Mama die Verhältnisse klar: Nein, Schnuchel will ich nicht, wobei sie das n mit spitzem Mund wegließ.

Und dann, weil ja alles seine Zeit hat – denn die männlichen Bewerber mussten sich ja zunächst auch geistig und seelisch in Schale werfen – trafen Antworten ein: Liebe, freundliche, ansprechende, sympathisch geschriebene Briefe wurden freudig und mit zitternden Händen gelesen und im Herzen bewegt. Zum Glück konnte man seine Bewegung mit der Freundin teilen, man konnte sich beratschlagen, denn es ging ja schließlich um eine sehr ernste Sache, die wahrscheinlich das Leben gänzlich verändern würde. Ob die Zweifel, die man hegte, gerechtfertigt waren, oder war es nur die Angst vor dem Neuen, Ungewissen, Unsicheren? Dennoch gab es wohl keine Alternative. Hertha war der Meinung, die Männer hätten womöglich die gleichen oder ähnliche Überlegungen angestellt, und jetzt könnte man in der Tat ganz erpicht darauf sein, ihre Gedanken kennenzulernen, das wäre doch das Spannende an der ganzen Sache.

Dann stellte sich jedoch schnell die nächste Zwickmühle ein: Wen sollten sie besonders ins Auge fassen, die, die gut aussahen auf den Fotos, die, die gut und schön schreiben konnten? Sollten sie alle kennenlernen? Wie peinlich, wenn man absagen musste. Die Eltern wollten sie auf keinen Fall einweihen oder fragen, die musste man vor vollendete Tatsachen stellen. Da hatte Mama eine Eingebung, eine Epiphanie gleichsam, und ihre Freundin tat es ihr nach: Man musste das Schicksal herausfordern.

Klotho: Natürlich waren wir gehalten, uns da einzumischen, und so mischte Magdalena alle Briefumschläge mit den darin enthaltenen Briefen und Fotos bei geschlossenen Augen, betete dann, Gott möge sie den entscheidenden Brief auswählen lassen, und sie wählte … Peters Vater, Paul Ostermann aus Stettin. Ihre Freundin Hertha suchte auf die gleiche Weise einen Karl Wratzlaw aus Naugard aus.

Naturgemäß war Magda sehr erstaunt, als sie Paul schon nach kurzer Zeit zum ersten Mal sah, denn er war ganz anders als die Männer, die sie von Treptow her kannte, anders auch als Werner A. Sie selbst war zu jener Zeit ein wenig mollig, aber hübsch und adrett. Und er? Er kam mit seiner Zündapp JPG mit Beiwagen im Anzug mit Schlips und Schiebermütze. Er sah gut aus, fand sie, war schlank mit feingliedrigen Händen, und er war einen Kopf größer als sie. Er gefiel ihr sofort, weil er höflich und freundlich war, gute Umgangsformen hatte … und Humor.

Natürlich sorgten wir Moiren dann auch bald dafür, dass von beiden Seiten eine gewisse Zuneigung entstand, denn ihm gefiel ihre Offenheit, ihre Anpassungsfähigkeit und ihre sehr weibliche Befähigung, Kompromisse einzugehen, ohne ihren Mitmenschen zu nahe zu treten. Ihre Eltern waren allemal überrascht, dann aber schließlich froh, dass ihre Tochter anscheinend eine gute Partie machte. Nicht zu vergessen: Sie hatte uns ja herausgefordert: Das Schicksal.

Papa – auch bitte auf der zweiten Silbe betonen – wollte Förster werden, das durfte er nicht. Stattdessen machte er zunächst einen Tabakladen auf. Er rauchte jedoch zu viel und musste deshalb den Laden wieder schließen. Dann lernte er den Beruf des Technischen Kaufmanns. Eintragungen im Wehrpass zum Beispiel zeigen auch die Bezeichnung Eisenhändler, was aber die Berufsbezeichnung nicht ganz trifft. Dass er später – wir kommen noch darauf zu sprechen – bei den Hydrierwerken in Pölitz als Buchhalter arbeitete, ist insofern richtig, als er nicht im chemischen Zweig der Firma angestellt war, sondern an der so genannten Hollerith-Maschine tätig war. Das Hollerith-Lochkartenverfahren, nach dem amerikanischen Erfinder Hermann Hollerith benannt, diente der Informationsverarbeitung, bei dem gelochte Karten als Informationsträger durch Abtastfedern entsprechend der Lochung sortiert wurden. Das Verfahren diente damals der Buchhaltung, ist heute natürlich schon längst durch die EDV verdrängt.

Mama und Papa heirateten im Mai 1936 in Treptow, und sie wohnten in Zülchow, einem Vorort von Stettin. Dort wurde ich geboren. Im Dezember 1938 zog die Familie zunächst nach Hamburg, wo Papa bei der Firma Puls und Bauer als Prokurist arbeitete. Am 16. Oktober 1939 wurde Papa dann bei den Hydrierwerken in Pölitz als Buchhalter fest angestellt. Pölitz liegt nördlich von Stettin.

Papas Vater hieß auch Paul, Opa genannt, er war 1882 in Brachhorst geboren, er war Maschinist von Beruf, Maschinenmeister und Binnenschiffer. Sein Vater, Carl Friedrich O., geboren 1851 in Langenberg, war Kolonist und Kahnschiffer. Er war verheiratet mit Adelheid O., geborene Daberkow. Meine Ururgroßeltern waren Daniel O. aus Brachhorst, Kolonist und Fischer, verheiratet mit Friederike O. geborene Rössel aus Ziegenort, ihr Vater war Matrose.

Meine Oma, Bertha O., geboren 1888 in Frauendorf, war eine geborene Mützel. Ihr Vater August war Maschinist, dessen Vater Michael war Statthalter (vgl. Gouverneur). Omas Eltern waren Eigentümer des Hotels Sankt Petersburg auf der Hakenterrasse in Stettin. Sie verkauften das Hotel im Jahr 1923, aufgrund der Hyperinflation hatte der Erlös bald nur noch den Wert eines Brots.

Oma und Opa holten in den ersten Jahren ihrer Ehe auf der Oder mit einem Lastkahn Kohle aus Oberschlesien nach Stettin. Sie hatten sich ein Haus auf dem Vorbruch, Brachvogelweg 7 gebaut [heute Insel „Wyspa Pucka“], das sie „Puppenhaus“ nannten, obwohl es gar nicht so klein war. Der Vorbruch, ein Oderbruch, ist von der Stadt aus gesehen auf der anderen Uferseite.

Sehr stolz war ich auf Opa, der die Fähre von der Stadt aus über die hier schon sehr breite Oder steuerte, die Fähre für Personen, Pferdefuhrwerke und manchmal auch für Autos. Natürlich fuhr er die Fähre auch wieder zurück zur Stadt, das ging nach Fahrplan. Wenn in sehr kalten Wintern die Oder zugefroren war, gingen die Menschen zu Fuß über den Fluss, und die Fuhrwerke fuhren über das Eis, auf dem manchmal die Pferde ausglitten.

Die Oder ist hier schon ein paar hundert Meter breit, zur Mündung ins Stettiner Haff sind es noch etwa zwanzig Kilometer. Die Oder entspringt übrigens im Odergebirge der Ostsudeten und ist 866 Kilometer lang.

Opa, den ich sehr mochte, habe ich viel zu verdanken. Er erklärte mir vor Ort, wie und warum man die Fähre gegensteuern muss, um die Flussströmung zu überwinden, weil andernfalls die Fähre sonst wo landen würde. Auch komme es darauf an, die Maschine nicht über Gebühr zu strapazieren und dann auch richtig anzulegen. Erst wenn die Taue an den Pollern schön mit Schifferknoten richtig fest sitzen, kann die Brücke heruntergefahren werden. Opa setzte mir auch auseinander, dass, so flach die Fähre auch war, nur mit Fahrerhäuschen, der Wind dennoch eine erhebliche Rolle spielte: Kam er gegen den Strom, war es gut, man trieb nicht so ab, kam er mit der Fahrt, drückte er die Fähre ans andere Ufer, kam er gegen die Fahrt, musste die Maschine mehr ackern. Außerdem musste man auf die Lastkähne achten, die konnten nicht einfach mal eben so bremsen, man musste eben mit viel Übersicht ans andere Flussufer schippern. Bei schlechter Sicht oder im Herbst bei Nebel war die Überfahrt oft besonders schwierig, da fuhr die Fähre manchmal gar nicht, weil es zu gefährlich war. Jedenfalls war hier mein Opa der Kapitän Binnenschiffer, und das ließ meine Brust anschwellen. Opa seinerseits war der Meinung, auch wenn ich gerade mal ein Stepke zwischen drei und vier Jahren war, man könne nie früh genug anfangen etwas zu lernen, und wenn es einen interessierte, behielte man es auch. Man lerne auch nicht nur mit dem Kopf, sondern man müsse für alles ein Gefühl bekommen, ob das das Wasser, der Wind oder eine Maschine sei.

Wenn Oma, die sehr gut kochen konnte (Aal in Aspik, Fischsuppe, saure Nierchen, Lammbraten und so weiter) wieder köstlichen Fisch bei den Stettiner Bollwerksastern (Fischverkäuferinnen am Bollwerk, am Oderufer) gekauft hatte, räucherte Opa Plötze, Barsche, Neunaugen, Aale et cetera. Ich durfte zusehen: Ein halbes glühendes Brikett auf Ziegelsteinen am Boden, darauf Sägespäne, je nach Geschmack Buche oder andere Laubhölzer, darüber ein Holzfass, die Fische mit dem Kopf nach oben an einen Haken an liegende Stangen hängen, Deckel drauf, fertig. An winzigen Öffnungen zwischen Deckel und Fass quillt schwelender, duftender Rauch aus. Mit Geduld und viel Spucke hat sich das lange Warten gelohnt: Räucherfisch, der noch warm ist, ist ein solcher Leckerbissen, dem so leicht nichts gleichkommt.

Klotho: Warum mochte er seinen Opa, ja liebte er ihn? Weil er Zeit für ihn hatte, sich Zeit für ihn nahm, auf ihn einging, seine Neugier weckte und befriedigte. Gute Opas sind die zweiten Väter, und wenn die Väter keine Zeit und/oder keine Geduld haben, zu müde sind oder zu abgespannt oder gar nicht da sind, dann können die Opas mit ihrer Geduld, ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und auch ihrer Erinnerung einspringen. Und wisst ihr, welches das beste Wissen ist? Es ist gar nicht so sehr das sachliche und fachliche Wissen, es ist das Wissen darum, wie man Kindern etwas erklärt, wie man es fertigbringt, Kinder für etwas zu begeistern, Kinder so hinzureißen, dass sie hinreißend sind, denn für Opas gibt es nichts Schöneres als begeisterte Kindergesichter.

Bei seinem Opa bekam er auch sozusagen seine erste technische Grundausbildung. Ersterer hatte ihm einen Stabilbaukasten mit Teilen aus Holz gekauft. Als Erstes bauten sie ein Karussell: Ein stabiler Unterbau aus zusammengesteckten Würfeln und Quadern, dann ein Rad mit waagerechter Achse mit einem Griff zum Drehen. Auf diesem Rad lief ein Rad mit senkrechter Achse, und am oberen Teil der Achse befand sich noch ein Rad, an dem Kügelchen aus Stanniolpapier an Zwirnsfäden aufgehängt waren (die Kettenschaukeln sozusagen). Wenn man jetzt am Griff im Uhrzeigersinn drehte (also rechts herum), lief das Karussell links herum. Wenn man im Gegenuhrzeigersinn drehte, flogen die Schaukeln rechts herum. Der Junge konnte das mit seinem noch eingeschränkten Sprachschatz nicht so richtig erklären, er lernte aber auf diese praktische Weise das Drehprinzip kennen: Wenn das transportierte Rad ein Brett wäre, so würde es im gleichen Sinn geradeaus bewegt. Da das „Brett“ aber sozusagen rund ist und seine Achse genau in der Mitte festsitzt, dreht es sich, und zwar immer im Gegensinn. Opa zeigte das auch an einem mechanischen Uhrwerk: Wenn man den gleichen Drehsinn erreichen will, braucht man schon zwei Übertragungen … Das waren nun aber keine „Übertragungen“ mehr, sondern Übertreibungen, und der Junge war überfordert.

Na prima, Schwesterlein Klotho, unterbrach Lachesis, das hast du gut gemacht, hast dir aber den Mund fuzzlig geredet, deshalb übernehme ich mal, wenn du gestattest, ja?

Lachesis: Also gut! Kommen wir vom Besonderen oder Praktischen zum Allgemeinen, das ist ein ganz wichtiges Prinzip. Alle Theorie ist nämlich grau oder tot, wenn die Anschauung fehlt, und bitte immer erst die Anschauung und dann die Theorie. Hier ist es die so genannte Fliehkraft: Wenn man die Kügelchen einfach auf eine sich drehende Scheibe oder hier das Rad fallen lässt, dann werden sie nach außen geschleudert, sie fliehen vom Mittelpunkt weg, weil sie eine Bewegungsenergie, eine Kraft, mitbekommen. Wenn man sie festmacht, wollen sie auch fliehen, können es aber nicht. Im Lateinischen heißt fugio ich fliehe, ich laufe davon, ich mache mich aus dem Staub. Centrum, das Zentrum, kennen wir ja, das ist der Mittelpunkt. Wenn ich also vom Mittelpunkt abhaue, erfahre ich eine besondere Kraft, diese Kraft nennt man Zentrifugalkraft.

Wenn nun aber ein Körper, hier die Kügelchen, dazu gezwungen werden, auf einer Kreisbahn zu fliegen, zu bleiben, so wirkt eine nach innen gerichtete Kraft. Diese Kraft nennt man Zentripetalkraft, von lat. peto ich strebe nach, zum Zentrum. Leider führt diese Kraft häufig zu Unfällen auf einer glatten Straße in einer Kurve, obwohl der Fahrer nach innen lenkt, kann die Kraft nicht wirken, und er/sie fährt geradeaus weiter. Vorsicht also bei der Zentripetalkraft im Straßenverkehr! [Die ZK wächst unter anderem proportional dem Quadrat der Geschwindigkeit, das heißt bei zum Beispiel 75 km/h braucht man schon die neunfache Haftreibung der Reifen! Wer fährt schon in jedem Augenblick mit einer nagelneuen Bereifung?!]

Natürlich begegneten dem Jungen die Begriffe Zentrifugalund Zentripetalkraft beziehungsweise Drehbewegung erst viel später, aber hier wurden die Grundmauern angelegt.

Atropos: So, jetzt lasst mich mal ein wenig Kinderpsychologie betreiben, damit wir einer Entwicklungsphase des Jungen auf den Grund gehen können. Die Rede ist von einem weiteren Schritt in Richtung Persönlichkeitsentwicklung, den man in der heutigen Entwicklungspsychologie als Autonomiephase bezeichnet, wobei ich die frühere Bezeichnung Trotz viel praktischer fand. Aber gut, das Wort sei – so die Wissenschaft – zu negativ besetzt.

Trotz Opas Zuwendung war er also im Trotzalter angelangt, jener Zeit, wo das Kind sein stärkeres Bedürfnis nach Selbstbestimmung zur Geltung kommen lässt, seinen eigenen Willen ausprobiert. Warum soll der Ofen böse sein? Er ist doch nur heiß. Warum soll dies oder das verboten sein? Man muss es doch mal ausprobieren. Eine willenlose Angleichung an die Werthaltungen der Erwachsenen oder gar eine Unterdrückung kam nicht in Frage. Und wenn sie in Betracht gezogen werden sollte, dann nahm er einen Anlauf und schlug mit dem Kopf gegen die Wand, fast mit dem „Kopf durch die Wand“ oder gegen einen Schrank, denn „einschränken“ lassen wollte er sich nicht. Und wehe die Eltern sind inkonsequent, das fällt auf sie zurück. Da er kein Moschusochse war, fürchteten beide allerdings Verletzungen, die jedoch ausblieben.

Er hatte etwas ausgefressen, und Mama und Oma sperrten ihn in den halbhohen ziemlich dunklen Keller. Er heulte, randalierte und schlug gegen die Kellerklappe, es half nichts. Er schrie: Ihr Weiber, wollt ihr wohl mal aufmachen! Die „Weiber“ amüsierte das, und er wurde befreit. Durch besondere Maßnahmen des Protests, unerhörte und freche sprachliche Äußerungen konnte man also Ziele erreichen. Bei Papa hätte er sich das nicht getraut, denn der war viel strenger. Beim Essen zum Beispiel hörte der nur auf zu kauen, und der Junge kuschte. Erschwerend, also trotzfördernd kam hinzu, dass der Junge im August 1940 ein Schwesterchen bekommen hatte. Nun musste er sehen, dass er trotzdem immer noch die erste Geige spielte, was ihm zum Teil dadurch gelang, dass er die Eltern ein wenig entzweite, denn Papa war weiterhin auf seiner Seite und Mama naturgemäß auf Monikas.

Sie wohnten nun schon fast ein Jahr auf dem Vorbruch im „Puppenhaus“ im Parterre mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, kleinem Bad und Mansarde, Oma und Opa wohnten oben.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass der Trotz des Jungen auch noch eine andere Ursache hatte: Dem Kind, das trotz allem durchaus sensibel und feinfühlig war, war nicht entgangen, dass zwischen Mama und Oma mehr noch als eine Unterkühlung in ihrer Beziehung bestand, denn Mama hatte Papas Mutter, Oma also ihren Sohn „weggenommen“. Natürlich konnte das Kind das noch nicht artikulieren, es spürte diese Zwietracht jedoch und war beunruhigt. Magda litt unter diesem Umstand, konnte aber wegen der Anstellung ihres Mannes in Pölitz nichts machen, und Bertha konnte in der Tat kühl oder sogar kalt sein. Opa bekam davon nichts mit, und Papa wurde nichts mitgeteilt, obwohl es ihm nicht völlig entging.

Den Jungen ins Bett – ins Ehebett – zu bringen war nicht leicht, denn er wollte immer noch „Nachrichten hören“, von denen er zwar so gut wie nichts verstand, er wollte einfach nur aufbleiben, weil er neugierig war auf alles, was die Erwachsenen da so abends machten. Ab und an hatte er durch außergewöhnliche Geräusche schon etwas mitbekommen, und er hatte auch schon einmal die Frage gestellt: Was macht ihr euch da beide? Eine genaue Antwort konnte er natürlich noch nicht bekommen, und so galt es, weiterhin wachsam zu sein. Auf der anderen Seite war es nicht so einfach, ihm etwas vorzumachen: Opa wollte den Weihnachtsmann spielen, hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, die Stimme so gut wie möglich verstellt, aber der Junge hatte ihn nach einigen Sekunden entlarvt: Opa hat ja die Kaffeemütze auf! Es war in der Tat die grüne Kaffeemütze (der Kaffeewärmer) mit dem weißen Porzellanring zum Aufhängen, die den Weihnachtsmann einfach nur als Opa bloßstellte.

Die so genannten Nachrichten waren allerdings nicht nur ein Vorwand, um länger aufzubleiben, denn er hatte schon langsam aufgeschnappt, dass die Meldungen nur Erfolgsmeldungen waren über die deutschen Truppen im Krieg. Was erstaunlich war, war die Tatsache, dass über den Krieg in der Familie so gut wie gar nicht gesprochen wurde. Umso merkwürdiger war, dass Papa eines Tages furchterregend aussah, weil er sich seine Gasmaske aufgesetzt hatte und meinte, vielleicht würde man die irgendwann einmal brauchen, und Mama sagte, für Moni müsste man eventuell ein Gasbettchen kaufen. Natürlich verstand der Junge nichts davon, aber es hatte ihn sehr nachdenklich gemacht. [Als Gasschutz für Kleinkinder und Säuglinge gab es Gasbettchen aus gasdichtem Stoff. Durch eine Lüftung konnte Sauerstoff aus einer Sauerstoff-Vorratsflasche hereingeleitet werden …]

Lachesis: Die Familie war einerseits ziemlich unpolitisch, eher gelangweilt von den angeblichen Erfolgsmeldungen, anderer- seits musste man sich selbstverständlich auch hüten, irgendetwas „Falsches“ zu sagen, um nicht angezeigt zu werden. Man hörte oben wie unten brav Sendungen aus dem Volksempfänger, Nachrichten, Musik, Lieder, Reden, Ansprachen, Kriegsberichte.

Man stelle sich nur einmal vor, der Junge hätte eine wie auch immer geartete Äußerung der Eltern oder Großeltern nach außen getragen, die sich als Gerücht fortgepflanzt hätte: Mein Vater hat gesagt: Das sind doch alles falsche Behauptungen; die lügen doch! Schon wäre die Staatspolizeileitstelle Stettin vorstellig geworden …

Man bedenke auch, dass bis zu dem Zeitpunkt, von dem wir hier sprechen, Ende 1940, der Revisionist Hitler, derjenige also, der sich durch seine aggressive Expansionspolitik über die teilweise aufgezwungenen Bestimmungen des Versailler Vertrags vom 10. Januar 1920 hinwegsetzte, seit 1934 aufrüstete, 1935 das Saargebiet rückgliederte, die allgemeine Wehrpflicht einführte, 1936 in die Rheinlande einmarschieren ließ, in den Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten Francos eingriff, 1938 Österreich „heim ins Reich“ holte, das Sudetenland angliederte, am 14./16. März in Prag einmarschierte und das Protektorat Böhmen und Mähren errichtete, dass dieser Hitler im Begriff war, ganz Europa mit einem schrecklichen Krieg zu überziehen, der schließlich im Zweiten Weltkrieg mündete.

Am 23. August 1939 jedoch sah es zunächst so aus, als habe Hitler von Napoléon gelernt, dessen Russlandfeldzug 1812 kläglich scheiterte: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt, wird Napoleon zitiert. – Dafür mussten Hunderttausende sterben. Die Geschichte besitzt einen Humor, an dem man erfrieren kann (Andreas Kilb in der FAZ vom 2.4.2012). Napoleon und Konsorten, was sind das für menschenverachtende Großmäuler!

Hitler jedenfalls schloss an dem oben genannten Datum mit der Sowjetunion einen Nichtangriffspakt auf zehn Jahre. Das geheime Zusatzprotokoll enthielt die Möglichkeit der Teilung Polens, der Einbeziehung Finnlands, Lettlands und Bessarabiens in die sowjetische und Litauens in die deutsche Machtsphäre.

Dann aber begann der Zweite Weltkrieg schon mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939, wonach Polen durch die SU und Deutschland aufgeteilt wurde. Am 9./10. April 1940 wurde Dänemark besetzt (trotz Neutralität), am 10. Juni Norwegen, nachdem die deutschen Truppen am 10. Mai schon die Maginotlinie umgangen und die Beneluxländer überfallen hatten. Am 22. Juni war vier Fünftel Frankreichs besetzt. Im Sommer begann auch die „Luftschlacht“ um England. Hitler, der an den Fronten mit „Blitzkriegen“ siegte, war auf dem Höhepunkt seiner Popularität in Deutschland.

Und dann kam am 22. Juni 1941 der Überfall auf die SU, das so genannte „Unternehmen Barbarossa“ (zuerst „Fall Barbarossa“), aus moirischer Sicht eine der infamsten, dümmsten und militärisch schlechtesten und dilettantischsten Entscheidungen, die deutlich Hitlers militärische Unfähigkeit und auch teilweise die der Generalität unter Beweis stellten (sie hatten doch nichts von Napoleon gelernt, oder sie kannten sein Fiasko gar nicht, weder Russland, noch Leipzig, noch Waterloo): Zweifrontenkrieg; falscher Zeitpunkt (Klima, Wetter); ungenügende Winterausrüstung; unangepasste Logistik. Mit anderen Worten: Trotz aller vorläufiger Erfolge im Westen durch Macht, Entschlossenheit und eiskalte Unberechenbarkeit, war im Osten, das ist nicht Russland und Moskau, sondern das riesige sowjetische Reich, das Ende Deutschlands, des Dritten Reichs, vorauszusehen.

Klotho: So einen geschichtlichen Crashkurs als Einführung hätte sich so mancher gewünscht!

Na ja, es steht außer Frage, dass der Junge zu jung war für den Krieg, aber er hörte ja wie schon gesagt gern Nachrichten, aber auch Musik und schöne Lieder, die Papa auf seinem Schifferklavier, der Ziehharmonika [nicht Akkordeon!] nachspielen und singen konnte.

Heimat, deine Sterne leuchten mir auch am fernen Ort, Was sie sagen, höre ich ja so gerne, von der Liebsten ein heimliches Losungswort.

Goldne Abendstunden, der Himmel ist wie ein Diamant ...

Zarah Leander sang: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn; oder: Davon geht die Welt nicht unter …

Mit Papa sangen wir auch das berühmteste Lied des Krieges, „Lili Marleen“, das Lale Andersen 1941 zum ersten Mal sang und das dann allabendlich über den deutschen Soldatensender in Belgrad gesendet wurde:

Vor der Kaserne, vor dem großen Tor,

Da steht eine Laterne, und steht sie noch davor;

Alle Leute solln es sehn,

Wenn wir bei der Laterne stehn,

Wie einst, Lilli Marleen,

Wie einst, Lilli Marleen.

Auch „feindliche“ Soldaten kannten das Lied, die Waffen schwiegen für einen Augenblick. Noch 1956 kannten zum Beispiel 16 000 Veteranen des Afrikakriegs die erste Strophe. Das Lied wurde in 60 Sprachen übersetzt.

Da wolln wir uns wiedersehn

Und dann bei der Laterne stehn …

Der Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, hasste das Lied, wahrscheinlich weil es ihm zu rührselig war, zu emotional und zu individuell. [Heimweh ist ein typisch deutsches Wort, aber das Gefühl ist international!] Liebe passt nicht in das System, höchstens die Zeugung nationalsozialistischer Nachkommen, Männer natürlich, für den Krieg. Es sollte vielleicht besser heißen:

Vor den Millionen Kasernen

Da stehen Millionen Laternen,

Und darunter stehen schon Jahre

Viele Millionen Paare,

Aber die sieht man nicht,

Weil die millionste Bombe das Licht zerbricht.

Ich jedenfalls hatte hinten im Garten meinen Sandkasten zum Spielen und eine schöne Schaukel zum Fliegen. Manchmal steckte sich Papa eine an, nahm Moni nach links und mich nach rechts und schaukelte mit uns, dass die Funken flogen.

Oft stand ich am Nachbarzaun zu Wolffs und rief meine erste Liebe Hannelore, die vier Silben lang und gedehnt. Sie hatte so schöne lange blonde Zöpfe und war verständiger als ich, weil sie zwei Jahre älter war. Oder mochte ich ihren „Selbstfahrer“ lieber, ein rotes Tretauto mit Gummibereifung, richtig aus Blech und mit Lenkung, einem schwarzen Steuerrad mit Fingerrillen und einem schwarzen Sitz? Leider konnten wir nicht gemeinsam darin sitzen, also mussten wir abwechselnd auf ihrem Grundstück fahren, aber das machte mir nicht viel aus. Ich hätte natürlich am liebsten den ganzen Tag über mit dem Auto gespielt, aber das ließ sie nicht zu, und ich wollte es mir mit ihr nicht verderben. Wie dem auch sei, mein Motor hatte einen hellen, durchdringenden Klang und war kräftig, er hätte jeden Berg bezwungen.

Nun ja, Opa und Papa bauten mir etwas später auch ein Tretauto aus Holz, alles selbst entwickelt und dann fertiggestellt, und das war auch größer, aber eben nicht so schön wie Hannelores.

Opa hatte einen schönen Wagen, einen Adler Triumpf Junior, der musste aber in der Garage bleiben, weil Fahren damit verboten war, denn Treibstoff wurde für den Krieg gebraucht. Papa kaufte sich (besser bestellte) sich am 5.6.1941 ein Auto. Dazu schreibt die Auto Union A.G.:

Sehr geehrter Herr O.!

Wir danken Ihnen für den uns durch unseren Herrn Kocheim erteilten Auftrag zur Lieferung einer

DKW-Meisterklasse Limousine

nach Beendigung des Krieges. Unsere Auftragsbestätigung finden Sie in der Anlage.

Wir können Ihnen versichern, dass Ihnen dieses Fahrzeug infolge seiner anspruchslosen Wartung und leichten Bedienung jederzeit viel Freude machen wird. Trotz des überaus geringen Brennstoffverbrauchs wird die lebhafte Kraft des kleinen Motors Sie stets überraschen.

Wir hoffen mit Ihnen, dass wir bald in der Lage sein werden, Ihnen den Wagen zur friedensmäßigen Benutzung liefern zu können.

Heil Hitler

Auto Union AG

Filiale Stettin

Höß

Lachesis: Es fuhren zu jener Zeit dennoch Autos, nur keine Privatwagen: Zum Beispiel Staatskarossen, Hitlers Mercedes 770K, Autos für Dienstleistungen, Zulieferungen und Autos, vorab LKW’s mit Holzgas, das in einer Art Ofen am Fahrzeug selbst erzeugt wurde (der so genannte Imbert-Generator). Außerdem fuhren Pferdefuhrwerke als Leiterwagen oder mit Pritsche, Kutschbock und bereiften Rädern. Man war gut zu Fuß, fuhr Fahrrad oder benutzte die „Elektrische“, die Straßenbahn. Sein Vater fuhr jeden Tag mit dem Zug zu seiner Arbeitsstelle, zu den Hydrierwerken nach Pölitz. Wie wir noch sehen werden, spielten alle deutschen Hydrierwerke, die synthetischen Treibstoff herstellten, für den Verlauf des Krieges eine außerordentliche, wenn nicht entscheidende Rolle.

Klotho: Noch etwas zum „Puppenhaus“. Es hatte, wie es häufig bei diesen Häusern der Fall war, von der Straße aus gesehen auf der linken Seite einen Anbau mit großen halbhohen Fenstern, eine Art Wintergarten, der gleichzeitig als Hauseingang diente. Diesen Anbau nannten sie Veranda.

An den Wochenenden saß die ganze Familie oft auf den Korbstühlen bei Kaffee und Kuchen, von Oma oder Mama zubereitet.

Einmal gab es eine ziemlich heftige Diskussion darüber, was aus dem Jungen einmal werden sollte, mit anderen Worten, welchen Beruf er einmal erlernen sollte. Die Frauen fanden das belustigend, denn wie sollte man die Entwicklung eines Vierjährigen voraussagen können, der natürlich hierzu noch keine Meinung haben konnte. Die Männer waren jedoch überzeugt, er solle einmal einen technischen Beruf erlernen, und besonders Opa sah in ihm in dieser Hinsicht Begabungen und sagte mögliche Entwicklungen voraus: Maschinenbautechniker, -ingenieur, Schiffsingenieur, Schiffbauingenieur, Bauingenieur und was noch alles … In gewisser Weise war das schon richtig so, denn obwohl der Junge keinen dieser Berufe gelernt oder studiert hat, hat er jedoch bis heute großes Interesse an allem, was sich dreht, anders gesagt in Bewegung ist: Uhrwerke, Turbinen (Dampf-, Gas- oder Wasserturbinen), Generatoren, Motoren aller Art, nicht zuletzt dem Stirling-Motor, auch Heißgasmotor genannt, eine Wärmekraftmaschine.

Das Paradies

Mindestens zweimal in Jahr fuhren wir zu meiner großen Freude zu meinen Großeltern, Omi und Opi, nach Treptow a/Rega in Hinterpommern. Omi, Caroline (Lina) Grütt war 1879 in Schmannewitz in Sachsen geboren, eine geborene Gutwasser. Opi, Theodor (Tedor) Grütt, geboren 1869, kam aus Zimmerhausen, einem Ort südöstlich der Kreisstadt Greifenberg. Sein Vater, Karl Friedrich Grütt, geboren 1819, war Gärtner wie er. Letzterer heiratete 1855 Wilhelmine Elisabeth, geboren 1834, Tochter des Inspektors Johann Karl Ewald Janke. Eine andere Tochter, Wilhelmines Schwester also, Emma, ging nach Amerika, heiratete einen Deutschamerikaner Sichling, der in Milwaukee eine Brotfabrik aufmachte. Ihre Kinder hießen John und Irma. Opis Großvater war Bauer und hieß Christoph Grütt, und dessen Vorfahren stammten aus Schweden mit dem Namen Gryt. (Es sei daran erinnert, dass im Westfälischen Frieden von 1648 die Großmacht Schweden Vorpommern einschließlich Stettin und die gesamte Odermündung als Reichslehen erhielt … Nebenbei bemerkt gibt es in Südschweden einen Ort mit dem Namen Gryt.) Opi war wie gesagt Gärtner und hatte in Zimmerhausen ein großes Gut verwaltet.

Atropos: Omi war Krankenschwester und Diakonisse. Die Geschichte der Gutwassers können sie weit zurückverfolgen, weil Kurt Alexander Gutwasser im Jahr 1914 die Geschichte der Familie Gutwasser schrieb, in der als ältester Stammvater genannt wird Bartholomäus Gutwasser in Schneeberg im Erzgebirge in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. (Wegen des Namens werden im Folgenden nur die männlichen direkten Abkömmlinge genannt). Michael G. war Fürstlicher Bergvogt (Verwaltungsbeamter im Bergbau) in Saalfeld in Thüringen, Johann Heinrich G. (1677-1727) war Oberstleutnant in Dresden, Daniel Gottlob G. (1710-1767) war Advokat und Notar in Dresden, Dr. jur. Julius Gottlob G. (1747-1801) war Advokat und kaiserlicher Notar in Dresden. Es wird vermutet, dass er 1768 den jungen Goethe getroffen hat. Dr. Julius Christian G. (1776-1839) war Advokat und Sekretär der Königlichen Armenkommission in Dresden, Julius Christian Heinrich Viktor G. (1806-1871) war Maler und Zeichenlehrer in Altenburg (Thüringen), Karl Friedrich Emil G. (1809-1877) war Regierungsrat in Dresden … Sodann war einer Kaufmann in Amsterdam, einer Diakon, ein anderer Zollsekretär; Postmeister; Postdirektor; Handelsschuloberlehrer; Dr. phil. Oberlehrer am Staatsgymnasium in Leipzig; ein Hauptmann der Feldartillerie; zwei Rechtsanwälte; es reicht! ... Jedenfalls war der Urgroßvater des Jungen, Omis Vater also, Schuhmachermeister in Schmannewitz und obendrein Uhrensammler … Omi hatte auch einen Cousin, der lebte ebenfalls in den USA, Max Leichsenring in Chicago.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kauften Omi und Opi sich ein großes Grundstück mit dem ehemaligen Tanzsaal Treptows, dort, wo Mühlengraben und Rega wieder zusammenfließen. Im Süden trennen sich Rega und Mühlengraben durch eine Schleuse. Der Mühlengraben fließt direkt auf Treptow zu und betrieb zunächst eine Getreidemühle, dann ein E-Werk. Die Rega fließt gemächlich um Treptow herum und trifft sich dann im Nordosten wieder mit dem Mühlengraben am Grüttschen Grundstück. Das Grundstück selbst hat im Westen den Mühlengraben als Begrenzung, im Norden die Rega, im Süden Mensings Bäckerei mit dem hohen Schornstein und im Osten Wittkes Grundstück an der Bollenburg.

Schinkel hat 1809 unter anderem Treptow mit Brücke zum ehemaligen Kolberger Tor gezeichnet, später die Blücher-Brücke, die wir Pottbrücke nannten, von der aus wir auf die Gärtnerei sehen konnten. Schinkel hatte die Brücke vom Grüttschen Grundstück aus gezeichnet. Dieses Grundstück nun, auf dem Omi und Opi die Gärtnerei errichteten mit Wohnhaus (dem ehemaligen Tanzsaal), einem kleinen beheizten und einem größeren unbeheizten Gewächshaus, mit Schuppen und Ställen für die Tiere, mit sämtlichen Mistbeetkästen und Beeten war vier ein Viertel Morgen groß, das sind 0,3 Hektar oder 12 750 Quadratmeter. An Tieren hatten sie zwei Pferde, einen Ackergaul zum Pflügen, einen zum Transport für den Einspänner, eine Kuh, zwei Schweine, vier Schafe, Hühner Enten, Gänse und Tauben, Mohrchen, den Hund, und Lazuscha, die mehrfarbige Katze.

Als die Kinder alt genug waren, Wilfried, der älteste, 1909 geboren, dann Magdalene, die mittlere, 1911 geboren, und schließlich Gotthard, 1913 geboren, mussten sie kräftig mit anpacken. Viel später dann während des Zweiten Weltkriegs hatten sie eine ganze Reihe Kriegsgefangener, ab 1940 die beiden Franzosen Léon und Gaston, dann ab 1941 die beiden Russinnen Manja und Olga (mit Kleinkind Walli) und noch später Jackel, den Italiener.

Die Gärtnerei Theodor Grütt wirtschaftete in Vorkriegs- wie in Kriegszeiten erfolgreich, im Sommer durch den Gemüseanbau, im Winter durch den Verkauf von Samen und eingemietetem Gemüse (Mohrrüben, Steckrüben, Kartoffeln [von einem zusätzlichen Feld], Kohl in „Hanfwerken“.

Als Dünger wurde Jauche aus der Jauchegrube verwandt und Mist vom Misthaufen (natürliche Düngung!), gespritzt wurde nicht. Selbstverständlich saßen dann die Kohlweißlingsraupen zum Beispiel am Blumenkohl und wurden entfernt, na und? Sie waren ja schließlich der Beweis für die Abwesenheit von giftigen chemischen Stoffen.

Das Haus auf der Bollenburg 5 war wegen des jährlich im Frühjahr wiederkehrenden Hochwassers – auch eine natürliche Düngung – als Hochparterre gebaut. Der Eingang zur unteren Etage führte über eine Außentreppe zu einem Perron und von dort zur Haustür. Die Kellerräume und der Verkaufsraum waren nur etwa einen halben Meter unterhalb der Erdoberfläche, ein willkommenes Wasserauffanglager nach der Schneeschmelze. In die erste Etage konnte man auch vom Keller aus über eine Treppe gelangen.

Die untere Wohnung hatte eine große Küche, ein geräumiges Wohn- und Schlafzimmer, ein Esszimmer und nach hinten hinaus noch zwei Zimmer. Sie wurde durch eine Zentralheizung mit Schwerkraft beheizt (eine Umwälzpumpe gab es noch nicht). Die obere Wohnung hatte eine kleine Küche mit Dachgaube, dann ein großes Wohn-Schlafzimmer mit Kachelofen und zwei Zimmer in Vorbereitung. Sie waren bereits mit Heraklit ausgekleidet und hatten Holzfußböden. Toiletten oder Bäder gab es im Haus nicht. Opi war der Meinung, dass derjenige ein großer Schmierfink sein müsse, der es nötig habe, sich jeden Tag zu waschen. Zum Waschen gab es Waschschüsseln entweder aus Steingut oder Email, mit Kannen, beides auf der so genannten Frisiertoilette, einer Kommode mit Spiegeln und Marmorplatte. Wasser wurde mit einer Handpumpe im Keller aus einem Pumpensumpf gepumpt und in Eimern nach oben geschleppt. Die Kinder wurden einmal in der Woche in einer Zinkwanne abgeschrubbt.

In Ermanglung einer Toilette im Haus gab es draußen den „Abort“, eine Holzbude mit Plumpsklo. Eine solche Einrichtung war nicht dazu angetan, in Träumen zu versinken, sondern sie so schnell wie möglich wieder zu verlassen, im Sommer wegen der fliegenden Mitbewohner und ihren Brutplätzen, im Winter wegen der unglaublichen Kälte, denn bei minus 25° Celsius friert einem buchstäblich der Hintern ab, auch wenn der Ort dann absolut steril ist, weil die Kolibakterien das Zeitliche segnen, und der gefrorene „Turm“ beginnt, einem mit seiner eiskalten Spitze in den Allerwertesten zu pieken.

Elektrisches Licht gab es erst am Ende des 19. Jahrhunderts, und der Strom kam aus Belgard. In der unteren Küche gab es noch eine Gaslampe, ansonsten auch Petroleumlampen und Kerzen.

Für mich war hier das Paradies, man konnte „rumströpen“, man konnte Verbotenes versuchen, zum Beispiel an der Wassertonne spielen, die Mückenlarven beobachten, wie sie die Acht schwimmen, um sich vorwärts zu bewegen, man konnte „kütern“, das heißt matschen, sich richtig dreckig machen, in Schuppen und Ställen rumstöbern. Oder man konnte sich nach oben schleichen, wo in einem der unfertigen Zimmer in einer Ecke eine große Truhe stand, deren schweren Deckel man kaum aufbekam. In ihr waren Soldatenbilder zu sehen, Kürassiere zum Beispiel, schwere Kavallerie mit Kürass (Brustharnisch), Pallasch (Korbdegen und Lanze) oder später Karabiner. Das hatte Omi mir mal heimlich erklärt, das durfte Opi gar nicht wissen, da oben sollte sowieso keiner in seinen Sachen rumkramen und rumschnüffeln.

Lachesis: Opi war kein Kommiskopp, aber er hatte im Ersten Weltkrieg bei Verdun gekämpft und hatte das EKI bekommen. Omi hatte ihm 1914 das „Neue Testament“ geschenkt: „Zum Trost in schwerer Zeit“ mit folgender Widmung in Sütterlinschrift: „Ob tausend fallen zu deiner Rechten oder zehntausend zu deiner Linken, so wird es dich doch nicht treffen.“

Sie behielt recht, es traf ihn nicht, er hatte nicht die leiseste Abschürfung, aber es machte ihn betroffen, denn auch und gerade bei Verdun wurden die Soldaten verheizt, mit anderen Worten, man schoss mit Kanonen und Granaten auf Soldaten mit ihren Spaten, den hatten sie schon im Gepäck.

Jeder, der auch nur im Entferntesten daran denkt, einen Krieg vom Zaun zu brechen oder zu entfesseln, sollte dazu verdonnert werden, seinen Blick über die Soldatengräber auf dem ehemaligen Schlachtfeld am Fort Douaumont schweifen zu lassen. Dann sollte er/sie viele Blicke werfen auf das so genannte Ossuaire, das Gebeinhaus, mit all seinen Gebeinen und Totenschädeln mit den Löchern, die die Eintrittsstellen der Granatsplitter markieren (man könnte das Gebeinhaus durchaus als wahrhaften, echten riesigen [also nicht betrügerischen] Reliquienschrein bezeichnen). Andere Überreste des Stellungskriegs (das Spiel, das keins war, hieß „Höhen nehmen“) sind aus dem Boden herausragende Bajonette (am Gewehrlauf befestigte Stichwaffe; Bezeichnung bezieht sich auf frz. Stadt Bayonne), die Waffe, die man nicht mehr anonym, sondern sozusagen persönlich von Mensch zu Mensch gegeneinander einsetzte. Die verlustreiche Schlacht um Verdun vom Februar bis Dezember 1916, die man auch „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ oder Hölle nannte, wurde zum Symbol der Widerstandskraft Frankreichs aber auch zum Sinnbild sinnloser Menschenopfer, denn sie kostete auf beiden Seiten 700 000 Menschen das Leben, wobei sich die militärischen Führungen durchaus dessen bewusst waren, was die Soldaten zu leiden hatten, sie gingen jedoch bedenkenlos damit um. Es galt, die Schlacht durchzustehen, denn warum sollten die Hunde ewig leben? Diesen Satz soll Friedrich der Große [was soll groß daran sein?] seinen vor den Österreichern fliehenden Soldaten am 18. Juni 1757 im Siebenjährigen Krieg in der Schlacht von Kolin zugerufen haben.

Wer sich in Verdun übergibt, hat es verstanden. Wer sich dort nicht übergibt, dem erzählen wir noch eine Anekdote, die Landser (Soldat, Kurzform für Landsknecht) gern als wahre Begebenheit aus dem Zweiten Weltkrieg wiedergeben: „Wir saßen im Schützengraben und aßen unsere Wassersuppe, als mein Kamerad neben mir einen mitkriegte, der ihn umblies. Sein Gehirn spritzte in der Gegend rum, auch in unsre Suppe. Wir schlürften unsere Suppe weiter, wir hatten Hunger, und es war kalt … “

Na, immer noch hart gesotten? Unter Krieg verstehen wir Moiren übrigens nicht nur Auseinandersetzungen mit Waffen, vom Messer bis zur Neutronenbombe, sondern auch die Kleinkriege in der Familie, am Arbeitsplatz (Mobbing), im Verkehr, in der Politik (ein manchmal kaum noch zumutbares Gezänk, eine geradezu spitzfindig angelegte Werbestrategie gegen den Urnengang. Dabei sind doch nicht nur die abgestaubten Prozente, sondern die Wahlbeteiligung das demokratischste an der ganzen Sache. Und welches Grundprinzip wird häufig offenbar? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich [Pack ist hier im Sinne von „Bande“ zu verstehen, die nur darauf aus ist sich zu bereichern, Koalition hin oder her].

Klotho: Wie dem auch sei, wir wollen uns wieder mit unserem kleinen Autobiographen beschäftigen, als er etwas über drei Jahre alt war und in Treptow oben auf dem Flur Radio spielte. Das „Radio“ war eine rote Kommode mit zwei Türen mit Knöpfen aus Perlmutt. Er saß auf Omis „Rutsche“, einer kleinen Fußbank, und „drehte“ an den Knöpfen, wobei er ganz genau wusste, dass der rechte Knopf für die Senderabstimmung und der linke für die Lautstärkereglung zuständig war. Er sang „Lieder“ oder sprach (un-)verständliche Ansagen oder Nachrichten. Er spielte eben Radio. Das Radio – wobei ihm Opis Volksempfänger VE 301 mit der langen Drahtantenne zu Flachs Haus – als Vorbild diente – faszinierte ihn außerordentlich: Da war kein Mensch drin, nur so Glaskolben mit glühenden Drähten darin (Röhren RGN 1064, AF7, RES 164) und noch andere Drähte, ein Lautsprecher, das hatte er schon durch die Löcher der Rückwand erspäht, und man konnte trotzdem Stimmen hören oder ein ganzes Orchester, unglaublich. In seinem „Radio“ befanden sich nur Schuhe, aber das machte ja nichts.

Noch viele Jahre sollten vergehen, bis er begriff, rein technisch, später auch politisch, was Rundfunk eigentlich bedeutet: Das beste Machtmittel überhaupt, aber nur in einer Richtung, vom Sender zum Hörer.

In Treptow fühlte er sich zwar frei, aber ihm wurde wenig oder gar nichts erklärt, erläutert, er musste sich alles selbst erarbeiten. Dass dabei öfter viel „Ungezogenes“ herauskam, wofür er gescholten wurde oder Prügel bezog, wurde ihm auch erst später bewusst, es war eine Art Try-and- error-show. Man muss es probieren, im schlimmsten Fall geht’s schief. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, aber er war ja nicht drin, er war ja draußen. Was er im tiefsten Innersten verstand war, dass Opi insgesamt nicht so gut auf ihn zu sprechen war: Du Nickel du!, war Opis Leitsatz. Das hatte nichts mit dem chemischen Element zu tun, sondern hat die Bedeutung Kobold, eigensinniger Mensch, bei Opi war er einer, der immer was ausfraß.

Wogegen protestierte er denn nun schon wieder? Klotho sagte es eben schon: Er bekam keine Antworten, und so langsam gewöhnt sich ein Kind daran, keine Fragen zu stellen. Vielleicht ist das das Hauptmerkmal des Paradieses: Keine Fragen, keine Antworten. Das hat natürlich den Vorteil, dass man selbständiger wird, der Nachteil ist nur die Schieflage. Sind seine eigenen Antworten „richtig“, ist seine Selbständigkeit fest verankert, oder steht sie auf tönernen Füßen?

Lachesis: Was für eine Stadt war Treptow eigentlich? Eine kleine, ansehnliche Stadt aus dem 13. Jahrhundert mit ungefähr zehntausend Einwohnern, mit der Marienkirche direkt oberhalb der Gärtnerei auf der gegenüberliegenden Seite des Mühlengrabens, einem majestätischen gotischen Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert. Dann das Rathaus mitten auf dem Marktplatz, das Schloss, der Königshain und noch einige andere interessante Denkmäler.

Die sehr abwechslungsreiche Geschichte der Stadt kann hier nicht in Einzelheiten erzählt werden, deshalb sei verwiesen auf das Buch Stadt Treptow an der Rega von Schulz-Vanselow, aus dem später noch zitiert und auf das noch zurückgegriffen werden wird.

In Treptow wurden allerdings allerlei Geschichten erzählt (immer ein Zeichen von Freiheit gegenüber einer einzigen Geschichte [zum Beispiel einer religiösen Einheitswahrheit]), an denen Omi einen nicht unerheblichen Anteil hatte. Sie konnte gut und spannend erzählen, und da das meistens in der so genannten Schummerstunde geschah – die Stunde, in der es so langsam dunkel wird – zogen die Kinder die Beine an, weil sie das Gruseln überkam.

Sie erzählte zum Beispiel, wie sie noch abends spät auf dem Feld arbeitete und der Vollmond so hell leuchtete, dass sie alles gut erkennen konnte. Da fiel ihr plötzlich auf, dass der Schatten, den sie warf, auf der Mondseite zu sehen war und nicht wie üblich auf der anderen Seite. Sie hatte ein seltsames Gefühl und so eine Ahnung, und am nächsten Morgen erfuhr sie, dass just zu jener Stunde eine Freundin gestorben war.

Frau S. kam wieder einmal betteln, und Omi war an jenem Tag nicht geneigt, ihr schon wieder etwas zu geben, sondern sagte ihr, sie solle endlich arbeiten, dann brauche sie nicht zu betteln. Daraufhin wurde Frau S. bleich im Gesicht, zitterte und sagte etwas, das Omi nicht verstand, und schlich sich von dannen. Von Stund an bekam der Schäferhund Rex seltsame Anfälle, das war weder Tollwut noch Epilepsie, sie hatte ihn verhext. Als Wilfried ihn ein paar Tage später mit zum Bahnhof nahm, riss er sich los und biss in die Räder der ankommenden Lokomotive, sodass ihm die Schnauze abgefahren wurde.

Von zwei Treptower Hexen, Ursula Raddemer und Dorothea Schwartz, wissen wir, dass sie 1669 beziehungsweise 1679 nach dem Hexenhammer, nach dem von zwei Theologieprofessoren alsInquisitoren eingesetzten Gesetzbuch Malleus maleficarum verurteilt werden sollten und ihnen an der Universität Greifswald der Prozess gemacht wurde (a.a.O. S.70). (Der Hexenhammer ist ein Werk zur Legitimation der Hexenverfolgung, das 1486 von dem Dominikaner Heinrich Kramer veröffentlicht wurde; mit Folterpraktiken, Peinigungen und Hexenproben; Ausgeburt eines sadistischen und frauenverachtenden Männergehirns! Vielleicht auch Sadomasos mit Mutterproblemen??)

Als Omi und Opi ihren Gartenbaubetrieb gerade aufgenommen hatten, stellten sie einen Knecht ein, der immer guten Appetit hatte. Also gab Omi ihm eine nicht allzu dicke Scheibe Brot mit dick Leberwurst drauf.