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Frank findet auf dem Dachboden seines Elternhauses das alte Fahrtenbuch seines Vaters, der früher ein passionierter Ballonfahrer gewesen war. Neben vielen Notizen und Daten entdeckt er zu seiner Verwunderung mehrere Geschichten, die sein Vater in dieses Büchlein geschrieben hat. Sie handeln von Thea, einer scheinbar bemerkenswerten Passagierin: Sie lebte mit ihren Eltern und Großeltern in einem kleinen Haus, das mitten auf einer Lichtung im Wald stand. Als junge Frau zog es sie in die große Stadt, um dort zu studieren und zu arbeiten. Es schien so, als habe sie ihre Heimat und Familie vergessen - bis sie eines Tages ein Anruf wachrüttelte und ihr sozusagen das Leben rettete. Zehn fiktionale Geschichten zeigen, welch interessantes, tiefgründiges Leben Thea hatte, durch welche Höhen und Tiefen sie gegangen ist und wie sie es am Ende schließlich geschafft hat, aus freiem Herzen zu leben.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2021
Über den Autor
Sascha Wollny, geb. am 24. Juni 1982, studierte Philosophie an der Universität Augsburg und promovierte über „Das vollkommene Leben“. Er ist Autor des Buches „Wegweisende Grenzerfahrungen“.
Kontakt: [email protected]
Sascha Wollny
Aus freiem Herzen
Zehn berührende Geschichten einer bemerkenswerten Heißluftballonpassagierin
© 2021 Sascha Wollny
Lektorat:
Katharina Witthuhn(www.buchstabendreherin.de)
Umschlaggestaltung:
Evelyn Jooß
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback 978-3-347-37545-1
e-Book 978-3-347-37546-8
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Zehn berührende Geschichten einer bemerkenswerten Heißluftballonpassagierin
Abschied auf Zeit
Der Himbeersaft
Die Suche nach dem Sinn
Auf dem Jägerstand
Thea und Hans
Die Erkenntnis am Waldbach
Thea und das Leben
Die Bildkräfte
Das Nichts der Bilder
Ein Brief für Thea
Nachwort
Vorwort
Helmut spürte, dass es an der Zeit war, zu gehen. Er lebte schon ein paar Jahre allein und nun war es soweit: Er würde sich ein neues Domizil suchen und ins betreute Wohnen ziehen. Dort sollte ihm jederzeit eine helfende Hand zur Seite stehen – das beruhigte sein Gewissen und vor allem das seines Sohnes Frank, der sich mittlerweile sehr um seinen Vater sorgte. Helmut wohnte nämlich bisher außerhalb der Stadt, direkt an einem Waldrand, wo man nur selten einem Menschen begegnete. Ständig machte er sich Gedanken, ob sein Vater mehr Hilfe benötigte und was da draußen in der Abgeschiedenheit alles passieren könnte: Dieses ewige Was-wäre-wenn-Gefühl würde er nun endlich ablegen können. Zudem war Frank aus einem ganz anderen Grund erleichtert: Für ihn endete endlich die leidige Suche nach einer geeigneten Bleibe für sich und seine Frau Isabelle. Helmut überschrieb seinem Sohn das Haus, das dieser mit seiner Frau zügig renovierte, um möglichst bald einziehen zu können. Der Umzug aufs Land bot sich wirklich an, denn die Stadtwohnung war schlichtweg zu teuer und zu klein – zu klein für drei Leute. Ja, die beiden erwarteten Nachwuchs und wollten mit allem fertig sein, bevor es für Isabelle als Hochschwangere, mit großem Bauch, zu beschwerlich sein würde, beim Umziehen zu helfen. Frank wäre es niemals gelungen, Isabelle in ihrem Eifer und ihrer Hilfsbereitschaft zu bremsen, geschweige denn sie zu überzeugen, sich hinzusetzen und auszuruhen, während er die Kisten schleppte. Doch alles geschah rechtzeitig: Nach einigen Reparaturen und umgesetzten Wünschen, wie das neue Heim auszusehen hatte, lebten Frank und Isabelle nun auf dem Land und genossen die Nähe zum angrenzenden Wald, der stets zu erholsamen Spaziergängen einlud.
Wenngleich es in den eigenen vier Wänden noch ein bisschen chaotisch aussah und viele Umzugskartons noch nicht geöffnet bzw. ausgepackt waren, erwartete das Ehepaar heute seinen ersten Besuch: Helmut und Isabelles Eltern – eine kleine, überschaubare Runde. Die drei sollten heute Abend eintreffen und die Ersten sein, die von Isabelles Schwangerschaft erfuhren. Frank und seine Frau fühlten bereits eine gewisse Nervosität bei der Vorstellung, die freudige Botschaft zu verkünden. Sie wussten es selbst erst wenige Wochen – daher waren sie umso aufgeregter. Wie würden die anderen reagieren? Würden sie sich freuen? Um die besten Rahmenbedingungen für eine solche Nachricht zu schaffen, sollte alles möglichst elegant gestaltet sein.
Am frühen Nachmittag begab sich Isabelle in die Küche. Sie bereitete ein 3-Gänge-Menü zu, das sie sehr gut kochen konnte und von dem sie wusste, dass es allen schmeckte. Frank kümmerte sich derweil um den Esstisch, auf den er eine noble, weiße Tischdecke legte. Jetzt fehlte nur noch das passende Geschirr für einen solch besonderen Anlass. Da Frank dieses aber auch nach längerer Suche nicht finden konnte, fragte er Isabelle: „Weißt Du, wo die Teller sind, die wir zu unserer Hochzeit geschenkt bekommen haben?“ „Puh“, stöhnte seine Frau, „wenn sie nicht im Schrank sind, dann müssen sie in irgendeinem Karton sein, den wir noch nicht ausgeräumt haben.“ Frank klatschte sich mit der Hand auf seine Stirn, denn darauf hätte er selbst kommen können. Für ihn würde das bedeuten, dass er auf den Dachboden steigen musste, wo die vielen ungeöffneten Umzugskisten verstaut waren. Da Frank nun aber überhaupt keine Lust hatte, auf den Speicher zu gehen und mühsam zu suchen, fragte er seine Frau, ob nicht das normale Geschirr ausreichen würde. Mit einem kurzen, aber ausdrucksvollen Blick ließ sie ihn wissen, was sie von seiner Idee hielt: Nichts! „Nun gut“, dachte sich Frank, „das mache ich später. Ich habe ja noch ein paar Stunden Zeit.“ Als hätte sie seine Gedanken lesen können, meinte Isabelle prompt: „Mach es bitte gleich. Vielleicht kommt etwas dazwischen und dann sind wir am Ende froh, wenn wir einen zeitlichen Puffer haben.“ Frank sah ein, dass seine Frau recht hatte – und so ging er in den ersten Stock, klappte die integrierte Leiter des Dachbodens aus und stieg hinauf auf den Speicher.
Hier oben sah es wie in einem Versandhandel aus: Die Kartons stapelten und reihten sich einer nach dem anderen auf. Eine wirkliche Ordnung war jedoch nicht zu erkennen. „Ich hätte sie wirklich beschriften sollen“, bereute Frank seine Bequemlichkeit. Er war allerdings davon ausgegangen, dass in eine Stadtwohnung nicht dermaßen viel Kram passen würde – da hatte er sich wohl immens getäuscht. Nun musste er also jede Kiste einzeln öffnen und überprüfen, ob sich darin das gesuchte, wertvolle Geschirr befand. Zu Beginn entdeckte er nun direkt eine besonders schöne Erinnerung: die Bauklötze, mit denen er als Kind gerne gespielt hatte. Aber gut, keine Ablenkung: Hier wurde Konzentration verlangt! Die Suche stellte sich jedoch als mühsame Arbeit für Frank heraus, denn er musste wirklich jeden Umzugskarton aufmachen. Bald entwickelte er eine zweckdienliche Methode: Er arbeitete sich in der ersten Reihe vom vordersten Karton bis nach hinten durch; dann kam die nächste Reihe, die er untersuchte. Auch hier ging er systematisch vor, blieb aber erfolglos. Jetzt kam die dritte Reihe dran: Frank kämpfte sich bis nach hinten durch, als ihm der letzte Karton auffiel. Dieser passte nicht zu den anderen. Wo kam diese Kiste her? Sie sah älter und abgenutzter aus als die anderen. Frank war sich sicher, dass sie diesen Karton für den Umzug nicht verwendet hatten. „Er kann eigentlich nur von meinem Vater sein“, dachte sich Frank. Auch wenn sich darin sicherlich nicht das gesuchte Geschirr befand, siegte die Neugier, sodass er den Behälter öffnete.
Frank war verwundert, was alles in der Kiste steckte: eine Schachtel, unzählige Briefe und ein Büchlein. Geschwind nahm er das kleine Buch heraus: Es hatte einen abgenutzten, vergilbten Einband, auf dem ein Heißluftballon abgebildet war. Frank ahnte, dass es sich dabei um das Fahrtenbuch seiner Vaters Helmut handelte, in dem dieser seine Touren mit dem Ballon notiert hatte. Helmut war früher ein passionierter Ballonfahrer gewesen: Es hatte für ihn nichts Schöneres gegeben, als in die Luft zu steigen und die Welt von oben zu betrachten. Auch Frank war bei vielen Ausflügen dabei gewesen und konnte deshalb nachvollziehen, warum sein Vater das Ballonfahren so sehr liebte. Doch irgendwann war Helmut einfach zu schwach, um den Ballon allein ins Auto ein- und am Startpunkt auszuladen, um den Stoff auszulegen, alles korrekt aufzubauen und nach der Fahrt wieder aufzuräumen. Für das ganze Prozedere wurde viel Kraft benötigt, die Helmut ab einem gewissen Alter nicht mehr besaß. Es fiel ihm daher sichtlich schwer, sein geliebtes Hobby aufzugeben und seinen Ballon zu verkaufen, der sich selbstverständlich immer noch in einem tadellosen Zustand befand. Frank war sich bewusst, dass er nun das letzte Überbleibsel, das von Helmuts großer Leidenschaft übrig geblieben war, in den Händen hielt.
Bevor er weiter nach dem Geschirr suchte, warf Frank einen neugierigen Blick in das Fahrtenbuch und las zu seiner Überraschung: „Es folgen die Geschichten, die mir Thea während einer besonderen Ballonfahrt erzählt hat. Ich habe versucht, ihre Erzählungen aufzuschreiben und auszuschmücken – mit Gedanken und Gefühlen.“ Frank wunderte sich: Er hatte Koordinatendaten oder Benennungen von Start- und Landepunkten erwartet, vielleicht noch Informationen über den Ballon. Doch jetzt sollten in diesem Buch Geschichten stehen? Wer war eigentlich Thea und von welcher besonderen Fahrt schrieb sein Vater? Viele Fragezeichen ploppten über Franks Kopf auf und sein Interesse wuchs ins Unermessliche. Er vergaß für diesen Moment den Grund, weshalb er auf den Dachboden gestiegen war, denn das, was er gefunden hatte, fesselte ihn sehr. Frank wollte unbedingt wissen, was es mit diesen Geschichten auf sich hatte. Bewahrte sein Vater ein großes Geheimnis? Hatte sich Frank in ihm all die Jahre getäuscht? Oder sollte sich alles als harmloser erweisen als gedacht?
Frank las weiter: „Bevor ich die Geschichten niederschreibe, möchte ich Folgendes erwähnen: Für den einen oder anderen mögen sie Märchen oder bloß Geschichtchen sein, aber für mich zeigen sie die Wahrheit! Ich bin mir sicher, dass Theas Erzählungen einen wahren Kern haben. Und um diesen wahren Kern geht es – in allen Erzählungen, die es gibt.
Ich fragte mich lange: Was haben uns Märchen und Mythen in der heutigen Zeit noch zu sagen? Sind es nette Geschichtchen, die uns aus einer hektischen, stressigen Alltagswelt entreißen und uns das Leben etwas versüßen wollen? Oder haben sie eine Aussage, die es zu entdecken gilt? Erzählen sie uns vielleicht von Erfahrungen, die so alt sind wie die Menschheit selbst? Und wo haben diese Erzählungen in einer wissenschaftlich und technisch geprägten Welt wie der unsrigen überhaupt noch einen Platz? Diese Fragen trieben mich um und ich suchte ununterbrochen nach Antworten. Ich recherchierte und analysierte, machte mir Gedanken und grübelte. Letztlich habe ich, zumindest für mich, eine Antwort gefunden.“
Frank war sehr erstaunt. Dass sich Helmut so sehr mit dieser Materie beschäftigte, hatte er nicht geahnt – und doch wusste er um das Faible seines Vaters: Als Frank noch ein Kind war, hatte er ihm beinahe jeden Abend eine Geschichte erzählt. Helmut sprach dabei voller Leidenschaft und Authentizität, was den damals kleinen Frank sehr begeisterte. Doch das Erzählen ließ mit der Zeit immer weiter nach und Frank begann zu glauben, dass sein Vater das Interesse daran verloren hatte. Mitnichten – wie sich jetzt, viele Jahre später, herausstellte. Frank blickte wieder in das Buch:
„Ich habe – vor allem in Theas Geschichten – ein Bild der Realitäten wiedergefunden. Das bedeutet, dass Erzählungen etwas Reales und Wirkliches abbilden, wodurch wir sie auf uns und unser Leben beziehen können. Sie deuten an, wie wir in bestimmten Situationen vorgehen können, und erfüllen daher die Funktion eines Zeichens: Sie weisen uns einen Weg – nicht konkret, sondern abstrakt. Deswegen dürfen wir den Inhalt einer Erzählung nicht wortwörtlich nehmen. Stattdessen gilt es, ihn auf eine allgemeinere Ebene zu heben, um zu sehen, was wir lernen können.
Ich bin überzeugt, dass eine Erzählung eine Gestalt der Weisheit ist. Diese stellt sich uns jedoch in einem Bild dar, welches von uns gesehen und gedeutet werden möchte. Der Inhalt einer Geschichte ist demnach zwar nicht die endgültige Wahrheit, aber er ruht auf einem festen Fundament, nämlich der Weisheit. Erzählungen und deren Bilder, die Gestalten der Weisheit, sind also im Prinzip als Zeichen zu verstehen, die uns auf menschliche Probleme und deren Lösungen aufmerksam machen, welche uns wiederum auf menschliche Urerfahrungen verweisen.“
Frank schüttelte den Kopf: Er war fasziniert von dem, was er da las. Zunächst glaubte er, seinen Vater nun von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Aber je mehr er nachdachte, desto schlüssiger fügte sich alles zusammen: Helmut war schon immer ein belesener Mann, auch wenn er sein Wissen niemals zur Schau stellte und er stets einen bescheidenen, ja, demütigen Eindruck machte. Vielleicht war dieses Verhalten ein Ausdruck der Weisheit, von der Frank soeben gelesen hatte. Frank erinnerte sich zudem an Helmuts Freunde und die Menschen, die oft zu Besuch kamen. Das waren sehr besondere und faszinierende Leute, die sein Vater da empfing. Sie strahlten etwas Erhabenes, ja, fast schon Heiliges aus. „Seltsam!“, wunderte sich Frank und las den nächsten Absatz:
„Alles in allem bin ich der Ansicht, dass Mythen, Erzählungen und Geschichten uns durchaus helfen, die Welt und die Menschen besser zu verstehen. Wenn wir sie ernst nehmen – wenn wir sie als Bilder und Zeichen mit Verweis- bzw. Verweisungscharakter verstehen –, können wir aus ihnen Handlungsalternativen ableiten und uns fragen: Was sehe ich, was sehen wir in ihnen? Sie führen in eine Welt, aus der wir uns selbst mit anderen Augen betrachten und die uns durch eine gewisse Distanz mehr sehen lässt. Auch durch diese veränderte Perspektive entsteht Weisheit, die allem zugrunde liegt. Nur eins dürfen wir nicht: uns in einer Geschichte verrennen, denn sonst verlieren wir den Bezug zur Welt und deren Wirklichkeit. Damit dies nicht passiert, müssen wir Geschichten als das nehmen, was sie sind: Bilder der Realitäten.“
Frank ahnte allmählich, welch wertvollen Schatz er in seinen Händen hielt und entdeckte eine kurze Notiz: „Start in Richtung Osten“. Ab jetzt würde also die Ballonfahrt mit seinem Vater und Thea beginnen. Frank erkannte, dass auf der nächsten Seite die erste Geschichte anfing – eine der Erzählungen, in denen Theas Erlebnisse und Helmuts Ausschmückungen steckten. Würde ihm die eine oder andere bekannt vorkommen, weil sie ihm sein Vater bereits erzählt hatte? Und was stand überhaupt in diesen Geschichten drin? Was war ihr Inhalt? Wer war Thea und was hatte sie mit seinem Vater zu tun? „Mist!“, dachte sich Frank, „ich wollte doch das Geschirr suchen.“ Er überlegte kurz, wägte ab – und weil er noch viel Zeit hatte, bis die Gäste eintreffen sollten, entschloss er sich dazu, direkt die erste Geschichte zu lesen und sich danach um das Geschirr zu kümmern. Ja, so wollte er das machen.
Zehn berührende Geschichten einer bemerkenswerten Heißluftballonpassagierin
Abschied auf Zeit
Heute Abend sollte es soweit sein: Thea würde in ihr Auto steigen, ihr Zuhause verlassen und in ihre erste eigene Wohnung ziehen, in der sie weit entfernt von ihren Lieblingsmenschen leben würde. Doch noch war es früh am Tag und es galt, die letzten Vorbereitungen für den Umzug zu treffen. Thea packte die restlichen Sachen zusammen, hievte sie in ihr Auto und nahm innerlich Abschied von ihrer geliebten Heimat und dem kleinen Häuschen, das tief im Wald mitten auf einer Lichtung stand. Von ihren Eltern und Großeltern würde sie sich heute Nachmittag bei Kaffee und Kuchen verabschieden. Geplant war nämlich ein kleines Abschiedsfest für Thea, bei dem alle noch einmal gemütlich zusammensaßen, um das – für lange Zeit letzte gemeinsame – Miteinander zu genießen.
Die Zeit verging wie im Flug und mit jedem Karton, den Thea in ihr Auto lud, wurde auch ihr Herz schwerer und schwerer. Ja, sie freute sich auf die Wohnung und das Studium, aber dass ihr der Umzug derart schwerfallen würde, damit hätte sie nicht gerechnet. Ganz anders schienen sich ihre Eltern und Großeltern zu fühlen: Sie machten einen stabilen, fast fröhlichen Eindruck, worüber sich Thea etwas wunderte. „Macht es ihnen denn überhaupt nichts aus, dass ich wegziehe?“, fragte sie sich ein bisschen enttäuscht. Aber viel Zeit zum Nachdenken hatte sie nicht, denn schon bald kam ihre Mutter zu ihr und sagte, dass die anderen schon draußen im Garten warteten. Wunderschön hatten ihre Eltern dort den Tisch gedeckt, auf dem auch Theas Lieblingskuchen stand, den ihre Oma extra für sie gebacken hatte. So verließ Thea mit ihrer Mutter schließlich das Haus und ging in den Garten. Heute sollte sie tatsächlich ausziehen und die große, weite Welt kennenlernen. Theas Eltern wollten sich ihre Sorgen nicht anmerken lassen und erzählten bei Kaffee und Kuchen lustige Geschichten aus Theas Kindheit. Auch Oma Hildegard erinnerte sich an die ein oder andere Anekdote. Am meisten aber erzählte Opa Willi von den tollen Erlebnissen, die er mit seiner geliebten Enkelin hatte. Thea musste viel lachen und genoss den schönen Nachmittag mit ihren Liebsten, auch wenn sie hin und wieder etwas wehmütig wurde.
Nachdem bei Kaffee und Kuchen gefühlt sämtliche Kindheitserinnerungen ausgekramt worden waren, unterbrach Thea das fröhliche Treiben plötzlich und sagte: „So, ich muss jetzt wirklich los.“ Der Nachmittag war schon weit fortgeschritten und sie würde noch ein paar Stunden mit dem Auto fahren, um an ihr Ziel zu kommen. Da erhoben sich alle von ihren Stühlen und Theas Mutter war die Erste, die ihre Tochter in den Arm nahm. Jetzt war es soweit: Der Zeitpunkt des Abschieds war gekommen. Sie würde tatsächlich ausziehen. Bis auf Opa Willi hatten alle Tränen in den Augen. Dann schnappte sich Theas Vater seine Tochter und drückte sie minutenlang. „Ich werde Dich vermissen“, sagte Oma Hildegard, als auch sie sich von Thea verabschiedete und ihre Enkelin liebevoll in den Arm nahm. Dann wollte sich Thea natürlich noch von Opa Willi verabschieden. Er stand locker da und hatte ein Lächeln im Gesicht, machte einen heiteren und gelassenen Eindruck, aber wie es in seinem Inneren aussah, zeigte er nicht – noch nicht. Statt Thea in den Arm zu nehmen, ergriff er ihre Hand und bat sie: „Schenk mir bitte noch zehn Minuten. Ich möchte mit Dir kurz über die Wiese zum Wald laufen.“ „Ja klar!“, stimmte Thea zu, denn eine Bitte ihres geschätzten Opas, den sie so sehr liebte, hätte sie niemals ablehnen können.
Also gingen die beiden los und steuerten den Wald an, in dem sie so oft zusammen gewesen waren. „Weißt Du noch?“, fragte Willi und erzählte von dem Ausflug, den er gemeinsam mit seiner Enkelin gemacht hatte, als sie noch ein Kind gewesen war: „Bei einem unserer Spaziergänge sind wir an eine Bank gekommen. Direkt links neben der Bank stand ein großer, mächtiger Baum. Da ich etwas erschöpft war, wollte ich mich niedersetzen und ausruhen. Du hast neben mir Platz genommen und Dich an mich gekuschelt. Ich habe meinen Arm um Dich gelegt und Dich fest an mich gedrückt.“ „Ja, das weiß ich noch gut“, erinnerte sich Thea, „es war ein besonderer Moment. Ich fühlte mich behütet und beschützt. Denn einerseits warst Du bei mir und andererseits habe ich mich im Wald sehr wohl gefühlt.“
Willi war Theas Großvater und, als sie noch jünger war, in gewisser Weise auch ihr Lehrer. Ja, Thea lernte
