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Grenzerfahrungen sind besondere, nicht alltägliche Ereignisse. Sie können uns den Boden unter den Füßen wegziehen: Wir verlieren alles, was uns bisher Halt gegeben hat, und ziehen uns zurück. Wir schlagen den "Weg" ein, sich dem Leben zu verweigern. Grenzerfahrungen weisen uns aber auch einen anderen Weg: Wenn wir auf das schauen, was sich uns in diesen Situationen zeigt - die Grenze von Leben und Tod -, können wir ein anderes Bewusstsein erlangen und zu uns selbst finden. Das Buch "Wegweisende Grenzerfahrungen" beinhaltet acht fiktive Geschichten über außergewöhnliche Situationen.
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2021
Über den Autor
Sascha Wollny, geb. am 24. Juni 1982, studierte Philosophie an der Universität Augsburg und promovierte über „Das vollkommene Leben“.
Kontakt: [email protected]
Sascha Wollny
WegweisendeGrenzerfahrungen
Acht Geschichten überaußergewöhnliche Situationen
© 2021 Sascha Wollny
Lektorat:
Katharina Witthuhn(www.buchstabendreherin.de)
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-22370-7
Hardcover
978-3-347-22371-4
e-Book
978-3-347-22372-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Acht Geschichten über außergewöhnliche Situationen
Emma und die fünf Finger des Lebens
Gedanken zum Tag
Monika und der Eisbecher – lebe jeden Tag, als wenn es Dein letzter wäre
Kassandras Kompass
Andreas, der Astronaut
Joachim und die Frage nach der Schuld
Die schützende Hand
Tief vergraben
Nachwort
Vorwort
Wir Menschen befinden uns immer in gewissen Situationen: Oft können wir auf sie einwirken und sie selbst gestalten. Manchmal sind wir ihnen jedoch machtlos ausgeliefert und müssen uns fügen – diese Situationen nenne ich Grenzerfahrungen. Sie zeigen sich als besondere, nicht alltägliche Ereignisse und bringen uns an die Grenze von Leben und Tod. Der Philosoph Karl Jaspers1 nennt in diesem Zusammenhang mitunter folgende Beispiele: Tod, Leiden, Kampf und Zufall. Eine Grenzerfahrung kann uns regelrecht den Boden unter den Füßen wegziehen: Dann schwimmen wir in einem reißenden Fluss, werden mal hierhin und mal dorthin gezogen. Alles, was uns bisher Halt gegeben hat, löst sich auf. Ein solcher Zustand ist für uns unerträglich. Derartige Vorfälle kommen normalerweise eher selten vor. Je öfter sie auftreten, desto schlimmer können die Auswirkungen auf den Menschen sein. Gleichzeitig bieten sie aber auch die Möglichkeit, dass wir hinterfragen, was uns im Leben eigentlich Halt gibt und was wirklich wichtig ist. Indem wir darüber nachdenken, erzeugen wir ein Wissen, auf dessen Grundlage wir handeln und etwas verändern können.
Grenzsituationen bergen die Gefahr, dass wir uns den Kopf zerbrechen und statt Lebensfreude nur noch Lebensohnmacht empfinden. So zeigt sich nach Jaspers entweder das Nichts – alles erscheint uns sinnlos, wir resignieren und verlieren die Hoffnung – oder wir fühlen, was trotz allem weiterhin da ist. Das ist allerdings widersprüchlich: Einerseits droht der absolute Untergang, andererseits können uns Grenzerfahrungen dazu veranlassen, die Perspektive zu wechseln und zu erweitern. So schauen wir nicht auf das, was wir verloren haben, sondern auf das, was wir besitzen. Grenzerfahrungen können zudem bewirken, dass wir wieder zu uns selbst finden und ein anderes Bewusstsein erlangen.2
Wenn ein von uns geliebter Mensch verstirbt, trifft uns sein Tod mit voller Wucht: Geradezu ohnmächtig müssen wir das Sterben des anderen akzeptieren, auch wenn es noch so schwerfällt. Vor allem wenn junge Menschen aus dem Leben „gerissen“ werden, fragen wir nach dem Sinn und nach dem Warum. Solche Fragen entspringen quasi der Grenzerfahrung bzw. -situation „Tod“ und zwingen uns regelrecht zum Nachdenken. Sie sind unausweichlich, außer man unterdrückt und betäubt sie, z. B. mit Alkohol. Sobald uns also das Leben einen heftigen Schlag verpasst, kommen wir ins Grübeln.
In unserem Alltag spielen derartige Fragestellungen oft keine Rolle. Wir werkeln herum und solange nichts Gravierendes passiert bzw. alles einigermaßen reibungslos verläuft, machen wir uns keine weiteren Gedanken. Für gewöhnlich denken wir nicht ans Sterben, obwohl wir eigentlich wissen, dass der Tod allgegenwärtig ist. Wir verschließen die Augen vor ihm und sind zu oft die Getriebenen: Wir reagieren (statt zu agieren), sind eingespannt (statt entspannt) und hetzen (statt zu verweilen). Wenn wir uns den Tod jedoch öfter bewusst machen würden, könnten wir sogar etwas gewinnen: die Fähigkeit, die Kostbarkeit des Lebens zu sehen. Wenn uns das gelingt, blicken wir mit anderen Augen auf jene Grenze von Leben und Tod.
1 Im Folgenden habe ich auf Jaspers' Werke „Einführung in die Philosophie“ (1950) und „Psychologie der Weltanschauungen“ (1960) zurückgegriffen. Jaspers selbst verwendet den Begriff „Grenzsituationen“.
2 Jaspers nennt es eine „Verwandlung unseres Seinsbewußtseins“ (Jaspers, Karl: „Einführung in die Philosophie“, S. 21).
Acht Geschichten über außergewöhnliche Situationen
Emma und die fünf Finger des Lebens3
Emma weinte. Emma weinte, weil sie traurig war. Ihr Vater war gegangen, ohne sich von ihr zu verabschieden.
Emmas Vater Bernd war beruflich viel unterwegs und oft die ganze Woche weg. Meistens fuhr er am Montagmorgen zur Arbeit und kam erst freitags nach Hause. Emma hasste das! Sie wollte mehr Zeit mit ihrem Papa verbringen und war deprimiert, wenn sie ihn so lange nicht sah. Ihre Mutter Sibylle versuchte sie zu trösten, aber wirklich helfen konnte sie ihr nicht.
Schlimm war es, wenn Bernd am Sonntagabend spontan zur Arbeit gerufen wurde. Dann verließ er nämlich das Haus, ohne sich von seiner Tochter zu verabschieden, weil sie bereits schlief – und so war es auch dieses Mal wieder geschehen. Sie war empört und traurig zugleich. Aber ein kleines Trostpflaster blieb ihr eigentlich immer: Sie und ihr Papa chatteten oft, wenn er auf Dienstreise war. Es hatte sich die Gewohnheit ergeben, dass Bernd seiner Tochter immer frühmorgens schrieb, noch bevor er zu arbeiten begann. Emma hatte extra deswegen ein Smartphone bekommen, um so mit ihrem Vater in Verbindung zu bleiben, wenn er wieder beruflich unterwegs war. Sie durfte seine morgendlichen Nachrichten allerdings erst am späten Nachmittag lesen, wenn sie von der Schule nach Hause kam. Das hatte sie mit ihren Eltern vereinbart.
Als Emma an diesem Montagnachmittag heim kam, eilte sie direkt in ihr Zimmer. Dort lag das Smartphone, auf dem angezeigt wurde, dass eine Nachricht ihres Vaters auf sie wartete. Sofort öffnete sie den Chatverlauf. „Liebe Emma“, schrieb ihr Vater, „bitte entschuldige, dass ich mich mal wieder nicht von Dir verabschieden konnte. Aber als ich gestern von meinem Chef angerufen wurde, hast Du schon geschlafen. Ich wollte Dich nicht wecken, sondern habe ganz leise meine Sachen gepackt und bin losgefahren. Hier ist es eigentlich nicht sehr schön, aber ich sitze sowieso den ganzen Tag im Konferenzraum. Jetzt geht es dann gleich los. Wie war Dein Start in die Woche? Drück Mama von mir. Liebe Grüße, Papa“. Emma antwortete: „Hallo Papa! Du bist mal wieder einfach so weggefahren. Du weißt, dass ich das nicht mag. Mama sagt, ich soll Verständnis haben. Nun ja, ich gebe mir Mühe. Mein Start in die Woche war total interessant. In der Schule haben wir in Biolo gie ein neues Thema angefangen. Unser Lehrer Herr Höllerbauer hat mit uns über das Leben gesprochen. Oh! Ich muss jetzt erstmal Schluss machen. Mama ruft mich zum Abendessen. Liebe Grüße, Emma“. In den kommenden Tagen chatteten Emma und ihr Vater täglich: Bernd schrieb frühmorgens vor der Arbeit und Emma spätnachmittags. Dabei ging es in dieser Woche immer wieder um das Leben – das neue Thema in Emmas Biologieunterricht. Die Tage vergingen und am Donnerstag fragte sie ihren Vater: „Worauf kommt es im Leben eigentlich an?“ Sie war gespannt, was er antworten würde, und freute sich bereits auf den nächsten Tag.
