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Beschreibung

Die "Zeugnisse und Berichte aus Auschwitz" stellen eine der umfassendsten Dokumentationen der Wirklichkeit im größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager dar. Die zahlreichen Aspekte der Lagergeschichte und die vielen unterschiedlichen Perspektiven und Stimmen, die der Band versammelt, machen ihn nach wie vor zu einer ungewöhnlichen und wertvollen Lektüre. Diese bleibende Bedeutung konnte die Anthologie nur erlangen, weil die Herausgeber sich gleichsam doppelt gegen den "Zeitgeist" stellten – sowohl gegen die Wahrnehmungsverweigerung der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft als auch gegen die herkömmlichen antifaschistischen Deutungen der KZ-Erfahrungen.

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Seitenzahl: 521

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Auschwitz

Zeugnisse und Berichte

Die von den Herausgebern erstmals Anfang der 1960er Jahre zusammengestellten »Zeugnisse und Berichte aus Auschwitz« – eine Sammlung von Berichten ehemaliger Häftlinge, einschließlich einiger Zeugnisse der SS-Bewacher und des Schreibtischtäters Eichmann – stellen nach wie vor eine der umfassendsten Dokumentationen der Wirklichkeit im größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager dar.

So werden die zermürbende Arbeit, der Kampf ums erbärmliche Überleben, die Grausamkeit der Capos, Folter und Tod sowie die Vernichtung der jüdischen Deportierten in Auschwitz-Birkenau dokumentiert. Es gibt aber auch Zeugnisse von Widerstand und Selbstbehauptung in dem von der SS grausam beherrschten Lager.

Katharina Stengel beschreibt in ihrer Einführung zur Neuausgabe die Hintergründe und die schwierige Entstehungsgeschichte der Publikation sowie die Bedeutung, die dieser Dokumentation zukommt.

H.G. Adler, 1910-1988, arbeitete vor dem Krieg als Lehrer und Radioredakteur in Prag, nach dem Krieg als Schriftsteller in London. Er wurde 1941 zunächst als Zwangsarbeiter interniert, dann nach Theresienstadt deportiert und später nach Auschwitz. 1945 Befreiung aus dem KZ Langenstein-Zwieberge. Er gehörte dem Internationalen Auschwitzkomitee an und organisierte dessen Arbeit in Großbritannien. Von 1973 bis 1985 war er Präsident des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Hermann Langbein, 1912-1995, Schriftsteller und Publizist, war in den Konzentrationslagern Dachau, Auschwitz und Neuengamme inhaftiert. 1954 Mitbegründer des Internationalen Auschwitzkomitees (IAK) und Sekretär der österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz. Er trat als Zeuge in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen auf und schrieb mehrere Bücher über Auschwitz.

Ella Lingens-Reiner, 1908-2002, war Juristin und Ärztin. Versteckte jüdische Bürger vor der Gestapo, wurde denunziert und in das KZ Auschwitz deportiert. Veröffentlichte 1947 und 2003 einen Bericht über ihre Lagererfahrungen. Als Zeitzeugin erinnerte sie in Schulen und Seminaren an die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Katharina Stengel ist Autorin einer 2012 erschienenen Biographie über Hermann Langbein.

AuschwitzZeugnisse und Berichte

Herausgegeben von H.G. Adler,Hermann Langbein,Ella Lingens-Reiner

Mit einer Einführung von Katharina Stengel

© E-book-Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2020

© korrigierte und aktualisierte Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2020

Neuausgabe © CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014

Mit einer Einführung zur 6. Auflage von Katharina Stengel

© Copyright 1994 by Europäische Verlagsanstalt, Hamburg.

Erstausgabe Köln, Frankfurt am Main, 1962 (Europäische Verlagsanstalt)

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign

eISBN 978-3-86393-529-0

Auch als gedrucktes Buch erhältlich, ISBN 978-3-86393-097-4

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeische-verlagsanstalt.de

Inhalt

Einleitung zur Neuausgabe von Katharina Stengel

Einleitung der Herausgeber zur Neuauflage 1979

Frühzeit des Lagers

Tadeusz Paczula, Die ersten Opfer sind die Polen

Wojciech Barcz, Die erste Vergasung

Józef Stemler, Stasio aus Krakau

Józef Kret, Ein Tag in der Strafkompanie

Gaskammern und Krematorien

Ein Sonderbefehl für Höß

Georges Wellers, Von Drancy nach Auschwitz

Albert Ménaché, Ankunft in Auschwitz

Höß beobachtet

Miklos Nyiszli, Sonderkommando

Im Abgrund des Verbrechens

Was wahr ist, muss wahr bleiben, Josef Erber

Josef Klehr

Kitty Hart, Kanada

Verwertung der Beute

Benedikt Kautsky, Morden und Stehlen

Auschwitz – das waren viele Lager

Höß über das Frauenlager

Grete Salus, Frauen in Auschwitz

Ella Lingens-Reiner, Selektion im Frauenlager

Orli Wald-Reichert, Das Taschentuch

Otto Wolken, Chronik des Quarantänelagers Birkenau

Jehuda Bacon, Mit der Neugier von Kindern

Zdeněk und Jiří Steiner, Zwillinge in Birkenau

Höß fiel es schwer ...

Elisabeth Guttenberger, Das Zigeunerlager

Primo Levi, Der Letzte

Leo Vos, Ich wünsche euch allen eine gute Heimkehr

Gewürfelte Schicksale

Raya Kagan, Das Standesamt Auschwitz

Hermann Langbein, Im Bunker

Jan Pilecki, Standgericht

Eduard de Wind, Der Experimentierblock

Simon Laks und René Coudy, Musik aus einer anderen Welt

Berichte

Eine Stätte des Grauens

Ein geflüchteter Häftling berichtet

Eichmann erinnert sich

Widerstand

Raya Kagan, Mala

Israel Gutman, Der Aufstand des Sonderkommandos

Raya Kagan, Die letzten Opfer des Widerstandes

Bericht über Sicherungsmaßnahmen

Hermann Langbein, Die Kampfgruppe Auschwitz

Bericht des Kommandeurs der Sicherheitspolizei Kattowitz

Das Ende

Primo Levi, Geschichte von zehn Tagen

Zeittafel

Anhang

Anmerkungen

Personenverzeichnis

Katharina Stengel

Einleitung zur Neuausgabe

Auschwitz in den 1950er Jahren

Als im Herbst 1962 der Sammelband Auschwitz. Zeugnisse und Berichte erschien, war dieses Buch eine Pionierleistung: Es war die erste Publikation, die bundesdeutschen Leserinnen und Lesern ein umfassendes Bild von Auschwitz vermittelte. Zwar waren in der frühen Nachkriegszeit auch in Westdeutschland schon Berichte und Erzählungen von Auschwitz-Überlebenden erhältlich,1 aber es waren nur wenige, die meist in geringer Auflage und in kleinen Verlagen erschienen waren; die meisten waren Anfang der 1960er Jahre längst vergriffen. 1961 erschien mit Primo Levis Ist das ein Mensch? erstmals ein autobiographischer Bericht eines Auschwitz-Überlebenden in einem renommierten bundesdeutschen Verlag.2 Die wenigen Arbeiten über das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, die über Erinnerungsberichte einzelner Überlebender hinausgingen, stammten fast sämtlich aus Polen oder anderen Ostblockstaaten und wurden im Westen kaum rezipiert.3 Historische Forschung über das Lager gab es allein von Seiten der ehemaligen Häftlinge und einiger Forschungsinstitute in Israel und Polen. Das Buch zu Auschwitz – in einem weiteren Sinne –, das in der Bundesrepublik bis dahin mit Abstand die meisten Leser gefunden hatte, waren die so genannten Memoiren des langjährigen Lagerkommandanten Rudolf Höß, die er in polnischer Untersuchungshaft geschrieben hatte. Sie setzten sich zusammen aus autobiographischen Aufzeichnungen, die Höß unter dem anmaßenden Titel »Meine Psyche. Werden, Leben und Erleben« verfasst hatte, und Skizzen zu verschiedenen Sachverhalten und Personen, die für die polnischen Ermittlungsbehörden von Interesse waren. Herausgegeben und kommentiert von Martin Broszat vom Münchener Institut für Zeitgeschichte, wurde Kommandant in Auschwitz eines der meistverkauften und -aufgelegten Bücher zum Thema.4 Die Öffentlichkeit und die Zeithistoriker zeigten in jenen Jahren deutlich größeres Interesse an den Erinnerungen und Bekenntnissen des ehemaligen Lagerkommandanten als an den verstreuten Berichten der Auschwitz-Überlebenden.

Während es heute selbstverständlich erscheinen mag, dass es kein annähernd vollständiges Bild der Konzentrationslager oder anderer Aspekte der NS-Verfolgung geben kann ohne die Erfahrungen und Perspektiven der Verfolgten, wurde das Anfang der 1960er Jahre noch keineswegs so gesehen. Die »Zeugenschaft« der Überlebenden bekam erst in diesen Jahren allmählich eigenständiges Gewicht. Dazu trugen vor allem zwei große, spektakuläre Strafprozesse bei: der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961 und der erste Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main 1963-1965. Hier traten erstmals in großer Zahl ehemalige KZ-Häftlinge und Überlebende der Shoah mit ihren Erinnerungen und Erzählungen ins Blickfeld einer internationalen Öffentlichkeit. Hermann Langbein, Mitherausgeber dieses Sammelbandes, war intensiv in die Vorarbeiten zum Frankfurter Auschwitz-Prozess involviert. Er sprach dabei im Namen eines großen Verbandes ehemaliger Auschwitz-Häftlinge, der ursprünglich auch die Herausgabe des vorliegenden Bandes übernehmen sollte.

Dieses Internationale Auschwitz-Komitee (IAK) war 1954 von ehemaligen Auschwitz-Häftlingen aus verschiedenen europäischen Ländern gegründet worden, um den Anliegen und Forderungen der Überlebenden in den europäischen Nachkriegsgesellschaften Nachdruck zu verleihen.5Hermann Langbein fungierte von Beginn an als Generalsekretär, H. G. Adler und Ella Lingens, die Mitherausgeber des Sammelbandes, traten dem Komitee später bei.

Die Überlebenden verfolgten mit der Gründung des Komitees weitgesteckte Ziele; die – damals durchaus wörtlich verstandene – Parole »Nie wieder Auschwitz« war dabei das Leitmotiv. Ein würdiges Gedenken an die Opfer, die angemessene Gestaltung des ehemaligen Lagergeländes, Dokumentation und Erforschung der Lagergeschichte, Aufklärung der Öffentlichkeit über die in Auschwitz begangenen Verbrechen, Entschädigung der Überlebenden und die Strafverfolgung der SS-Täter standen auf der Agenda des Komitees. Es waren, zehn Jahre nach der Befreiung und in der Hochphase des Kalten Krieges, fast ausschließlich die ehemaligen Häftlinge, die die Notwendigkeit empfanden, Auschwitz zum Gegenstand von Forschungen und Publikationen, von öffentlichen Debatten und strafrechtlichen Ermittlungen zu machen.

Die Veröffentlichung von Schriften, Dokumenten und Fotos, die über die Geschichte von Auschwitz aufklären sollten, war eines der wichtigsten Tätigkeitsfelder des Komitees. Unter den Überlebenden des Lagers gab es ein starkes Gefühl der Verantwortung dafür, Auschwitz – wie man heute sagen würde – im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Zeugnis ablegen über die Schrecken der Lager, der Nachwelt berichten, wie es gewesen ist, an die Opfer erinnern: Das waren von Überlebenden häufig formulierte Motive; nicht selten wurden sie als Legitimation für das eigene Weiterleben begriffen. Während »Auschwitz« in einem kleinen Teil der bundesdeutschen Gesellschaft ab Ende der 1950er Jahre allmählich zu einer Chiffre für die Schrecken des Nationalsozialismus wurde, war das Lager als solches für die meisten ein blinder Fleck; detaillierte Kenntnisse waren kaum vorhanden, zeitgeschichtliche Forschungen aus dem Land der Täter ließen noch lange Zeit auf sich warten.6

Viele der Aktivitäten des Auschwitz-Komitees zielten vor allem auf die bundesrepublikanische Gesellschaft, auf deren Öffentlichkeit und Institutionen. Sie wurde als die eigentliche Nachfolgegesellschaft des »Dritten Reichs« angesehen, hier lebten die meisten ehemaligen Täter, hier saßen die Adressaten von Wiedergutmachungsforderungen. Die Wiederaufrüstung und die zahlreichen personellen Kontinuitäten in Politik, Verwaltung und Wirtschaft ließen eine Wiederkehr des Schreckens denkbar erscheinen. Mit den Interventionen des Auschwitz-Komitees sollte die westdeutsche Öffentlichkeit dazu gebracht werden, sich mit der furchtbaren Geschichte des Ortes zu befassen und Verantwortung zu übernehmen. Diesem Ziel kamen die Komitee-Mitglieder bis Mitte der 1960er Jahre durchaus einige Schritte näher.

Die Fokussierung des Komitees auf die Bundesrepublik hatte auch zu tun mit der Herkunft vieler seiner Mitglieder aus antifaschistischen und kommunistischen Organisationen (hier nahm man die DDR und Österreich generell nicht als NS-Nachfolgestaaten wahr). Wie alle anderen Lagerkomitees war auch das IAK dominiert von ehemaligen politischen Häftlingen, von Sozialisten, Kommunisten, Angehörigen des polnischen Widerstands, die nun für die Gesamtheit der Opfer und Überlebenden von Auschwitz sprachen. Darüber hinaus war es verbunden mit den großen, staatlich kontrollierten Verfolgtenverbänden der Ostblockstaaten, besonders natürlich Polens, die über großzügige finanzielle und infrastrukturelle Unterstützung versuchten, auf die Arbeit des Komitees Einfluss zu nehmen. Mit dieser Unterstützung hatte das IAK Möglichkeiten, die kein rein »westlicher« Verfolgtenverband besaß; gleichzeitig war damit ein Konflikt angelegt, der Anfang der 1960er Jahre eskalierte und einige Mitglieder wie H. G. Adler und Hermann Langbein aus dem Verband trieb.

Zunächst jedoch war das IAK durch seine vergleichsweise große inhaltliche und personelle Offenheit für die damalige Zeit eine sehr ungewöhnliche Organisation. Es sollte nach dem Willen der meisten Mitglieder kein Organ politischer Häftlinge sein, sondern ein parteiunabhängiger Verband, der alle »anständigen«7 Auschwitz-Überlebenden repräsentierte. Es war ein internationaler Verband, der mitten im Kalten Krieg auf beiden Seiten des »Eisernen Vorhangs« Mitglieder hatte und agieren wollte, und er fungierte in verschiedener Hinsicht als eine der Brücken zwischen Ost- und Westeuropa, von denen es damals nicht viele gab. Das Komitee bemühte sich um strikte parteipolitische Neutralität und beteiligte sich nicht an tagespolitischen Kampagnen. Für diesen Kurs gab es mindestens zwei Gründe: zum einen das Wissen darum, dass das Komitee als erklärtermaßen antifaschistische oder gar kommunistische Organisation in der Bundesrepublik keinerlei Einfluss würde ausüben können; zum anderen die Bemühung, die sehr heterogene Gruppe der Auschwitz-Überlebenden zu repräsentieren und vor allem jüdische Überlebende und ihre Organisationen in das Komitee einzubinden. Ein möglicher dritter Grund war die zunehmende persönliche Distanz des Generalsekretärs Hermann Langbein zum Parteikommunismus.

Auschwitz als Konzentrations- und Vernichtungslager stellte für eine Organisation, die in jenen Jahren die Gesamtheit der Opfer und Überlebenden vertreten wollte, eine große Herausforderung dar. Der Massenmord an den jüdischen Deportierten in Auschwitz-Birkenau wurde in den 1950er und 1960er Jahren noch keineswegs allgemein als das Zentralereignis der Lagergeschichte wahrgenommen. Dem stand – neben vielen anderen Hindernissen – auch eine unter Antifaschisten und in Osteuropa dominante Wahrnehmung von Auschwitz als Vernichtungsstätte des polnischen Volkes und des antifaschistischen Widerstands entgegen. In Polen galt es damals nicht als opportun, die mit Abstand größte Gruppe der Opfer von Auschwitz beim Namen zu nennen; in der Bundesrepublik wurde der Sache tunlichst ausgewichen. Das Komitee – gleichermaßen den damals dominanten antifaschistischen Perspektiven verpflichtet wie dem Versuch, der europäischen Öffentlichkeit die Gesamtheit der Lagergeschichte zu Bewusstsein zu bringen – stand hier immer wieder vor heiklen Abwägungen und internen Konflikten. Vor allem Hermann Langbein als Generalsekretär war es zu verdanken, dass das Komitee hier zumindest teilweise eine klare Sprache fand und dadurch auch Kontakte zu jüdischen Überlebenden und ihren Organisationen knüpfen konnte.

Mit bemerkenswertem Elan machten sich die Komitee-Mitglieder seit Mitte der 1950er Jahre daran, ihre Ziele zu verfolgen. Sie sammelten Dokumente, Fotos und Erinnerungsberichte über Auschwitz, gaben eigene Schriften und Periodika heraus, hielten zahlreiche große Versammlungen und Pressekonferenzen ab, beteiligten sich an komplizierten und langwierigen Entschädigungsverhandlungen, stellten Kontakte zu Forschungseinrichtungen in Europa und Israel her, organisierten Fahrten zur Gedenkstätte, wirkten an nationalen Initiativen zum Gedenken an Auschwitz mit. Ihre beachtlichsten Erfolge errangen sie vermutlich im Bereich der Strafverfolgung der Täter in der Bundesrepublik. Seit 1958 war das IAK, und vor allem Hermann Langbein, intensiv daran beteiligt, Prozesse gegen Täter von Auschwitz vorzubereiten – oder eher zu erzwingen. In einer Phase, als die bundesdeutsche Justiz die Strafverfolgung der NS-Täter quasi eingestellt hatte, begann das Komitee, eigene »Ermittlungen« durchzuführen, Listen und Karteien des Auschwitzer SS-Personals zusammenzutragen, zahlreiche Strafanzeigen zu erstatten, Zeugen zu benennen und Beweismaterial vorzulegen. Sie übernahmen damit Aufgaben, die die Ermittlungsbehörden seit Jahren verweigert hatten. Auf Initiative des Hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer wurde schließlich in Frankfurt ab 1959 ein großer Auschwitz-Prozess vorbereitet. Das Komitee, das Kontakte zu zahlreichen ehemaligen Häftlingen in vielen verschiedenen Ländern hatte, benannte einen großen Teil der Zeugen, die später in Frankfurt aussagten. Über 200 ehemalige Auschwitz-Häftlinge traten bei dem Prozess in den Zeugenstand; aus ihrem Mund erfuhr die Öffentlichkeit in zahllosen Details von der bis dahin kaum bekannten Geschichte dieses Lagers. Die Zeugen stammten – auch dafür hatte das Komitee gesorgt – aus ganz unterschiedlichen Häftlingskategorien und Herkunftsländern; Auschwitz als Konzentrationslager und Hinrichtungsstätte für Polen und später für viele andere Häftlingsgruppen, als Kriegsgefangenenlager für Rotarmisten, als Stätte der Vernichtung durch Arbeit, als Stätte von Folter, von medizinischen Experimenten, von Korruption und Bereicherung, als »Familienlager« und vor allem als Vernichtungslager für Juden und für »Zigeuner« – all diese Facetten des Grauens waren durch die Zeugen und ihre Aussagen im Prozess präsent.8

Das »Auschwitz-Buch« und seine Herausgeber

Dieses Bemühen, die Geschichte von Auschwitz in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit festzuhalten, nicht hinter einer damals dominanten Erzählung alle anderen verschwinden zu lassen, prägte schließlich auch die Entstehung des vorliegenden Sammelbandes. Das Komitee beschloss 1960 – zur Vorbereitung der bundesdeutschen Öffentlichkeit auf den kommenden Auschwitz-Prozess und um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhöhen –, eine größere Publikation herauszugeben mit Beiträgen von ehemaligen Häftlingen. Dieses Buch war bewusst auch als Gegengewicht geplant gegen die Memoiren des Lagerkommandanten Rudolf Höß, die in jenen Jahren enormen Absatz fanden.9 Nun sei es »notwendig, daß die Überlebenden zu Wort kommen«,10 so die Herausgeber 1962.

Das im Januar 1960 erschienene große Buch zum KZ Buchenwald, Buchenwald – Mahnung und Verpflichtung, war vermutlich ein weiterer Ansporn, Ähnliches auch für das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz zustande zu bringen. Auch hier war das Internationale Buchenwald-Komitee Mitherausgeber, die meisten Mitarbeiter und Autoren stammten aus seinen Reihen. Im Gegensatz zum IAK allerdings handelte es sich beim Buchenwald-Komitee um einen strikt parteikommunistischen Verband, und der Sammelband war dementsprechend – trotz großer Verdienste – stark geprägt von der Perspektive der (deutschen) kommunistischen Buchenwald-Häftlinge und wies recht viele blinde Flecken auf.11

Der Titel des künftigen Auschwitz-Buches – Zeugnisse und Berichte – stellt durchaus einen Bezug zu Mahnung und Verpflichtung her und wirkt doch gleichzeitig wie eine Abgrenzung: Als wollten die Herausgeber den dokumentarischen und nüchternen Charakter ihres Buches dem antifaschistischen Pathos des Buchenwald-Komitees gegenüberstellen.

Über die Gestalt und Zusammensetzung des Buches herrschten im IAK jedoch zunächst verschiedene Ansichten. IAK-Präsident Tadeusz Hołuj (1916-1985), ein in Krakau lebender Schriftsteller, der selbst mehrfach über Auschwitz geschrieben hatte,12 schlug vor, zwei Bücher herauszugeben, eines mit belletristischen Arbeiten von Überlebenden, eines mit so genannten Tatsachenberichten. Der zweite Band sollte unter dem Arbeitstitel »Auschwitz als Vernichtungsorgan der Nazis«13 vorbereitet werden, der Gliederungsvorschlag Hołujs konzentrierte sich jedoch auf Auschwitz als Vernichtungsstätte des polnischen Widerstands, der Massenmord an den jüdischen Deportierten hätte dabei allenfalls eine Nebenrolle gespielt. Das war nicht im Interesse Hermann Langbeins, dem es zu dieser Zeit bereits ein starkes Anliegen war, von solchen Fehlgewichtungen in den Auschwitz-Darstellungen loszukommen. Langbein suchte die Unterstützung von H. G. Adler, den er ein Jahr zuvor überredet hatte, dem Komitee beizutreten. Adler, der Mitte 1959 an Langbein schrieb: »Ich habe zeitlebens mit Organisationen nichts zu tun gehabt, das erste Abweichen davon habe ich Ihnen zuzuschreiben«,14 nahm 1959 und 1960 intensiv Anteil an den Auseinandersetzungen und Initiativen des IAK. In England baute er selbst eine Organisation von KZ-Überlebenden auf.15 Er wurde in die Leitung des IAK gewählt und war bald einer der wichtigsten Verbündeten Langbeins in den zunehmenden internen Konflikten. Langbeins Wunsch, Adler an der Vorbereitung des Buches zu beteiligen, hatte nicht allein mit dessen Publikationserfahrungen zu tun, sondern war auch mit der Hoffnung verbunden, in ihm einen Gleichgesinnten und Verbündeten zu finden.

Auf einer Bürositzung des IAK Anfang Mai 1960 einigte man sich darauf, nur ein Buch vorzubereiten, das Berichte von ehemaligen Auschwitz-Häftlingen sowie als »Rahmen« Dokumente, Fotos und Auszüge aus den Höß-Aufzeichnungen enthalten sollte.16 Eine bald auftretende Schwierigkeit schien die Mitarbeiter selbst zu überraschen: Es existierte nirgends eine auch nur halbwegs vollständige Bibliographie der internationalen Auschwitz-Literatur. Daher wurden zunächst alle nationalen Auschwitz-Komitees aufgefordert, die relevante Auschwitz-Literatur aus ihren Ländern zusammenzutragen. Langbein und H. G. Adler machten sich auf die Suche nach »jüdischen Auschwitz-Büchern von einigen Verdiensten«.17 Die schließlich ausgewählten Autoren sollten gebeten werden, die Abdruckrechte kostenlos dem IAK zu übertragen.18

Innerhalb des Komitees wurde eine »Buch-Kommission« gebildet, die die Vorbereitungen übernahm; neben den späteren Herausgebern gehörten ihr der Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Kazimierz Smoleń, und die französische Historikerin Olga Wormser-Migot an. Smoleń (1920-2012) war von 1940 bis 1945 Häftling im Stammlager Auschwitz und gehörte zu jenen polnischen Überlebenden, die ab 1945 unter schwierigsten Bedingungen Museum und Gedenkstätte aufgebaut hatten.19 Nach einem Jura-Studium war er von 1955 bis 1990 Direktor des Museums und in dieser Funktion auch Teil der Leitung des Auschwitz-Komitees. Er war Mitherausgeber der auch auf Deutsch erscheinenden Hefte von Auschwitz.20 Olga Wormser-Migot (1912-2002), selbst keine KZ-Überlebende, hatte seit der frühen Nachkriegszeit für verschiedene französische Kommissionen Berichte von Überlebenden zusammengetragen und publiziert.21 Sie war als historische Beraterin an der Entstehung des Films Nacht und Nebel von Alain Resnais aus dem Jahr 1955 beteiligt, der – auch aufgrund der »offiziellen« Reaktion der Bundesrepublik – sehr viel Aufsehen erregte.22 Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Komitees gehörte sie dem Umfeld der kommunistischen Parteien an. Das galt jedoch weder für H. G. Adler noch für Ella Lingens-Reiner.

Hans Günther Adler,23 am 2. Juli 1910 als Sohn einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Prag geboren, studierte dort seit 1930 Literatur- und Musikwissenschaft, Philosophie und Soziologie. 1935 beendete er sein Studium mit einer Promotion und arbeitete anschließend als Lehrer und Sekretär. Mit dem Einmarsch der Deutschen im März 1939 endete jede Chance auf eine akademische Laufbahn; ab 1941 war Adler zur Zwangsarbeit abkommandiert. Im Februar 1942 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Gertrud ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er bald mit der Sammlung von Material begann. Er fasste hier bereits den Vorsatz, sich mit der Welt des Lagers wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Zusammen mit seiner Frau und deren Mutter wurde Adler am 12. Oktober 1944 nach Auschwitz abtransportiert. Die beiden Frauen wurden sofort vergast; H. G. Adler kam für zwei Wochen ins so genannte Zigeunerlager in Auschwitz-Birkenau, bevor er ins KZ Niederorschel und von dort ins KZ Langenstein-Zwieberge verschleppt wurde. Mitte April 1945 wurde er dort von der US-Armee befreit. Keiner seiner Angehörigen hatte die NS-Herrschaft überlebt. Für kurze Zeit ging er nach Prag zurück, betreute Kriegswaisen und arbeitete für das Prager Jüdische Museum; er verließ seine Heimatstadt aber bereits 1947 wieder und zog nach London, wo er sich endgültig niederließ. In kurzer Zeit schloss er dort ein umfangreiches Manuskript seines Theresienstadt-Buches ab sowie verschiedene literarische Werke, etwa die Erzählung Die Reise (Bonn 1962) und den Roman Panorama (Olten 1968). Es dauerte Jahre, bis Adler für seine Bücher Verlage fand. Die Monographie zu Theresienstadt24 erschien erst 1955, wurde dann aber ein großer internationaler Erfolg, der Adler auf einen Schlag bekannt machte. In den folgenden Jahren schrieb er über die »Endlösung der Judenfrage«,25 arbeitete für verschiedene Rundfunkanstalten und war seit 1958 mit einer ersten großen Studie über die Deportationen von Juden befasst, die er nach erheblichen Schwierigkeiten erst 1974 veröffentlichen konnte.26 Seine Pionierleistungen auf dem Gebiet der Holocaust-Forschung fanden in der bundesdeutschen Zeitgeschichtsforschung nur sehr verhaltene Resonanz. Auch in den folgenden Jahren blieb Adler ein vielseitiger und produktiver Autor; er verfasste sowohl wissenschaftliche als auch belletristische und lyrische Werke. Am 21. August 1988 verstarb er in London.27

Trotz seiner Vorbehalte gegen Organisationen jeder Art und den Parteikommunismus im Besonderen war Adler 1959 bereit, sich dem IAK nicht nur anzuschließen, sondern darin auch Leitungsfunktionen zu übernehmen. Ihm war selbstverständlich bekannt, dass dort etliche Parteikommunisten organisiert waren und dass osteuropäische Verbände und Parteien um Einflussnahme bemüht waren, aber zur Zeit seines Eintritts schien das Komitee tatsächlich ein parteiunabhängiger und offener Zusammenschluss von Überlebenden gewesen zu sein, die – über alle Differenzen hinweg – das Ziel einte, die Nachkriegsgesellschaften zur Wahrnehmung der Verbrechen von Auschwitz zu nötigen.

Auch Ella Lingens-Reiner war dem IAK verbunden, vor allem über ihre Funktion als Vorsitzende der österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz. Sie ist am 18. November 1908 in Wien geboren, studierte Jura und Medizin und unterstützte nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 gemeinsam mit ihrem Mann Kurt verfolgte jüdische Freunde und Bekannte, bald auch gänzlich Unbekannte. Bis 1942 versteckten sie immer wieder Jüdinnen und Juden in ihrer Wohnung und versuchten, ihnen zur Flucht ins Ausland zu verhelfen. Im Oktober 1942 wurden sie verraten und verhaftet. Kurt Lingens kam in eine Strafkompanie an der Ostfront, Ella wurde nach mehrmonatiger Polizeihaft im Februar 1942 wegen »Judenbegünstigung« nach Auschwitz deportiert, wo sie die meiste Zeit als Häftlingsärztin im Krankenbau des Frauenlagers in Birkenau eingesetzt war. Sie versuchte auch hier ihre vergleichsweise privilegierte Situation zu nutzen, um ihren Mithäftlingen beizustehen. Ende 1944 wurde sie ins KZ Dachau überstellt und im April 1945 von der US-Armee befreit. 1948 veröffentlichte sie einen ersten Bericht über ihre Haftzeit in einem englischen Verlag.28 Sie beendete ihr Medizinstudium, arbeitete als Ärztin und im öffentlichen Gesundheitswesen, später als Ministerialrätin im Bundesministerium für Gesundheit. 1980 wurden sie und Kurt Lingens von Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet. Ella Lingens-Reiner verstarb am 30. Dezember 2002 in Wien.29

Hermann Langbein, der dritte Herausgeber, ist 1912 in Wien geboren; sein jüdischer Vater konvertierte vor seiner Geburt zum Protestantismus. Nach seiner Matura machte er eine Schauspielausbildung, trat 1933 der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei und floh nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 nach Spanien, um sich den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg anzuschließen. Nach der Niederlage der Republik gegen General Franco landete er 1939 mit vielen anderen »nichtrepatriierbaren« Interbrigadisten in Internierungslagern in Südfrankreich. Im Mai 1941 wurde Langbein nach Deutschland ausgeliefert. Bei seiner Ankunft im KZ Dachau wurde er als nichtjüdischer, politischer Häftling registriert, was ihm vermutlich das Leben rettete. Im KZ Dachau verbrachte er über ein Jahr, bis er im August 1942 ins Stammlager Auschwitz verlegt wurde. Hier stieg er bald zum Funktionshäftling in höchst privilegierter Position auf: Er wurde persönlicher Schreiber des SS-Standortarztes Dr. Eduard Wirths, eine Stellung, die ihm hervorragenden Einblick in die Verwaltungsstruktur des Lagers, in Ablauf und Konjunkturen der Vernichtung ermöglichte. Gleichzeitig gehörte Langbein – zusammen mit dem späteren IAK-Präsidenten Tadeusz Hołuj – der Leitung einer Widerstandsgruppe von Auschwitz-Häftlingen an, der »Internationalen Kampfgruppe Auschwitz«, bei der Informationen aus fast allen Teilen des Lagerkomplexes zusammenliefen. Es gab nicht viele Häftlinge, die einen vergleichbar umfassenden Überblick über die Geschehnisse in Auschwitz hatten wie Langbein. Im Sommer 1944 wurde er von Auschwitz in ein Nebenlager des KZ Neuengamme verlegt und konnte sich im Februar 1945 aus einem Transportzug befreien. Zurück in Wien, wurde er hauptamtlicher Funktionär der KPÖ, 1949 bis 1951 auch Mitglied des Zentralkomitees der zu dieser Zeit streng stalinistisch ausgerichteten Partei. 1947/48 verfasste er einen ersten Bericht über seine Haftzeit, noch ganz geprägt von der Perspektive der antifaschistischen Widerstandskämpfer.30 Wenig später zeigten sich zunehmende Konflikte mit seiner Partei. Als 1954 in Wien das IAK gegründet und Langbein zum hauptamtlichen Generalsekretär gewählt wurde, konzentrierte er sich ganz auf die Tätigkeiten eines Sprechers der ehemaligen KZ-Häftlinge. Nach dem Aufstand in Ungarn 1956 und seiner Niederschlagung durch die Rote Armee begann er sich öffentlich von der moskautreuen Politik der KPÖ zu distanzieren, 1958 wurde er als »Parteifeind« ausgeschlossen. Die Parteikommunisten und vor allem die Vertreter osteuropäischer Verfolgtenverbände innerhalb des IAK nahmen das bald zum Anlass scharfer Kritik an Langbein; einen »Renegaten« wollten sie nicht als Generalsekretär dieses inzwischen recht bekannten Verbandes dulden. Die heftigen Konflikte, die nun folgten, fielen in die Phase der Vorbereitung des vorliegenden Buches und werden daher später noch zur Sprache kommen. Nach dem Ende seiner Komitee-Mitgliedschaft wurde Langbein vor allem als Autor bekannt. Er schrieb über NS-Prozesse, verfasste eine zweibändige Dokumentation des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, legte mit Menschen in Auschwitz eines der bis heute wichtigsten Bücher über dieses Lager vor, publizierte über Widerstand in Konzentrationslagern und einiges mehr.31 Er war weiterhin beteiligt an Versuchen, NS-Täter vor Gericht zu bringen und Entschädigungszahlungen für KZ-Häftlinge durchzusetzen; mehrfach stand er selbst als Zeuge vor Gericht. Seit den 1960er Jahren sprach er als Zeitzeuge in Schulklassen und Universitäten. Langbein verstarb am 24. Oktober 1995 in Wien.32

Ein internationaler Sammelband zu Zeiten des Kalten Krieges

Der durch Langbeins Ausschluss aus der KPÖ offen ausgebrochene Streit im IAK, mit dem die Konflikte des Kalten Krieges nun auch die Arbeit dieses Verbandes bedrohten, tangierte und verzögerte immer wieder die Arbeit am Auschwitz-Sammelband. Eugen Kogon hatte 1960 Kontakt zwischen Langbein und der Europäischen Verlagsanstalt (EVA) hergestellt, die sich bald bereit erklärte, den Sammelband zu verlegen, sofern er vor Beginn des Auschwitz-Prozesses fertiggestellt sei.33 Das war ganz im Interesse der Herausgeber, die das Buch ja auch als publizistische Vorbereitung dieses Prozesses ansahen. Auf der Generalversammlung des IAK im Juni 1960 wurde der Sitz des Komitees, wie es von einigen östlichen Mitgliedsverbänden lange gefordert worden war, von Wien nach Warschau verlegt, Langbein wurde nach einer recht unschönen Diffamierungskampagne als Generalsekretär abgesetzt, blieb jedoch »Bevollmächtigter« für mehrere Arbeitsbereiche, unter anderem die Arbeit am Sammelband. Adler und Langbein diskutierten zu dieser Zeit beständig über mögliche Auswege aus der in ihren Augen desaströsen Entwicklung des IAK. In den folgenden Monaten einigten sich die beiden darauf, das Buch im Zweifelsfall – das heißt bei ihrer »Demission« oder ihrem Ausschluss aus dem Komitee – nicht dem IAK zu überlassen, sondern es in eigener Regie herauszugeben, auch zu dem schmerzlichen Preis, dann auf viele der Autoren aus Osteuropa verzichten zu müssen.34

Im Dezember begannen Langbein und Adler mit der redaktionellen Arbeit. Sie hatten sich schon zuvor auf Grundzüge des Sammelbandes geeinigt. Langbein legte Wert darauf, dass das Buch »wirklich international wird und so, wie wir es benötigen – fern von jeder tagespolitischen Tendenz«.35 Für H. G. Adler war klar: »Das Buch kann beim gegenwärtigen Stand der Dinge nur eine Anthologie werden, keine Gesamtdarstellung.« Es sollte »keine wissenschaftliche Leistung werden […], freilich auch keine Reportage, sondern ein seriöser Bericht, der in die Unwelt dieses Lagers einführt«.36 Beide legten besonderen Wert darauf, keinerlei Übertreibungen und sachliche Fehler durchgehen zu lassen, die Zweifel an den Berichten wecken könnten; weitere redaktionelle Maßgaben waren, dass die Texte »wirkungsvoll« zu sein hatten und keinesfalls langweilen duften.37

Einige der Schwierigkeiten, einen solchen Sammelband in der Bundesrepublik zu veröffentlichen, gehen aus der Korrespondenz Langbeins mit dem Verlag hervor, der bezüglich der Aufnahme des Buches durch die bundesdeutsche Leserschaft deutlich pessimistischer war als die Herausgeber. Der Verleger Riepl lobte zwar die literarischen Qualitäten etwa des Beitrags von Tadeusz Borowski, gab aber zu bedenken, dass sich viele Leser, »wie die Dinge hier nun einmal sind, daran stossen [werden], dass es bei ihm sich offensichtlich um einen Kommunisten handelt«.38 Der Verlag wolle aber als »Konzession an die cold-war-Situation«39 nicht so weit gehen, die große Anzahl von Kommunisten unter den KZ-Häftlingen zu verschweigen. Noch größere Sorgen machte sich Riepl über ein Problem, das beleuchtet, wie gänzlich anders in jenen Jahren der Stand der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit NS-Verfolgung und KZ-Erfahrungen bewertet wurde. Während von heute aus gesehen bis Anfang der 1960er Jahre sehr wenige Veröffentlichungen dazu erschienen waren, war Riepl besorgt wegen der »Flut von neuer Literatur über Konzentrationslager«, die sich über die Leser ergossen habe und nun »schon zu gewissen Ermüdungserscheinungen geführt hat«. Es sei zu erwarten, dass der Eichmann-Prozess diese Tendenz sogar noch verstärke und »Konkurrenz und Ermüdung«40 den Absatz des geplanten Bandes erheblich verringern würden.

Von solchen Bedenken offenbar wenig beeindruckt, arbeiteten vor allem Langbein und Adler im Frühjahr und Sommer 1961 mit großer Intensität an der Fertigstellung des Buches. Die anderen Redaktionsmitglieder (zu dieser Zeit waren sie noch zu fünft), die aufgrund ihrer Berufstätigkeit deutlich weniger Zeit investieren konnten, lieferten und redigierten lediglich einzelne Texte oder steuerten Teile des Anmerkungsapparats bei. Im Mai kam Langbein aus Israel, wo er den Eichmann-Prozess besucht hatte, mit neuen Materialien für das Buch zurück, unter anderem aus der Gedenkstätte Yad Vashem. Im Juni trafen sich Adler und Langbein zu einer mehrtägigen Redaktionssitzung in Süddeutschland. Langbein hatte inzwischen einige polnische Autoren selbst geworben, um nicht ganz von der Zustimmung des IAK abhängig zu sein.

Gleichzeitig arbeiteten Langbein und Adler – die in jener Zeit eine enge Freundschaft verband – an einer großen Rundfunksendung für den WDR, die am 18. Oktober 1961 in einer (für heute kaum denkbaren) Länge von knapp drei Stunden ausgestrahlt und im Anschluss auch von anderen Rundfunkanstalten übernommen wurde.41 Die Sendung setzte sich im Wesentlichen aus Erzählungen und Befragungen von Überlebenden zusammen. Adler und Langbein interviewten dafür zahlreiche ehemalige Auschwitz-Häftlinge aus Österreich, Polen, der BRD und Israel. Die Interviews in Israel hatte Langbein bei seinem Besuch anlässlich des Eichmann-Prozesses im Mai 1961 dort aufgezeichnet. Fast alle der Interviewten sagten wenig später im Frankfurter Auschwitz-Prozess als Zeugen der Anklage aus. Und in einigen Fällen wurden Ausschnitte aus ihren Berichten verschriftlicht und sind Teile des vorliegenden Bandes geworden.42

Bereits im Juni – eine endgültige Klärung der Machtverhältnisse im IAK stand noch aus – bereiteten Adler und Langbein mit der Europäischen Verlagsanstalt die »Übernahme« des Auschwitz-Buches vor.43 Im Juli fand dann in Warschau eine kurzfristig anberaumte Leitungssitzung des IAK statt, an der weder Langbein noch Adler teilnahmen. Langbein wurden in Abwesenheit alle Vollmachten entzogen, er und Adler traten daraufhin sofort aus dem Komitee aus; einige »westliche« Mitglieder folgten ihnen. Der Verband hatte damit seine Funktion als Zusammenschluss der heterogenen Gruppe der Auschwitz-Überlebenden, als eine Organisation, die zwischen den Fronten des Kalten Krieges stand und in der sich unterschiedliche Gruppen ehemaliger Häftlinge repräsentiert fühlen konnten, verloren und geriet in den folgenden Jahren weitgehend unter die Kontrolle der staatsnahen osteuropäischen Verbände.

Obwohl das Warschauer IAK-Sekretariat dem Verlag umgehend mitteilte, dass es an der Herausgabe des Buches festhalte, kündigte der Verleger den Vertrag, den er, wie er ausführte, mit dem Generalsekretariat in Wien abgeschlossen habe, nicht mit ihm unbekannten Personen in Warschau. Die Argumentation des Verlags war detailliert mit Langbein und Adler abgesprochen. Die IAK-Leitung versuchte, dagegen mit verschiedenen Mitteln vorzugehen; empfindlichster Punkt waren die Vollmachten der Autoren, die dem IAK, nicht den Redakteuren übertragen worden waren. Die IAK-Leitung bemühte sich nun, alle Autoren davon abzuhalten, die Rechte den neuen Herausgebern zu übergeben, unter anderem mit einer Unterstellung, die die Herausgeber besonders erboste: Die Erlöse würden nun, statt IAK-Mitgliedern zugutezukommen, der »ungerechtfertigten Bereicherung von irgendwelchen anderen Personen«44 dienen. Um in dieser Hinsicht völlige Klarheit zu schaffen, verzichteten die Herausgeber auf die immer wieder diskutierte Idee, die Erlöse für die Gründung eines neuen Komitees zu verwenden; stattdessen sollte der Gewinn ausschließlich bedürftigen ehemaligen Auschwitz-Häftlingen zukommen. Die Arbeiten an dem Buch mussten unterbrochen werden, bis geklärt war, welche Texte gedruckt werden konnten und ob ein Buch über Auschwitz trotz des vermuteten Verlustes vieler Texte aus Osteuropa überhaupt noch sinnvoll sein würde. Unter den gegebenen Bedingungen erschien eine halbwegs umfassende Darstellung von Auschwitz aus der Perspektive der ehemaligen Häftlinge fast unmöglich, jedenfalls in den Augen Langbeins und Adlers, die befürchteten, bei einer Federführung der polnischen Mitglieder des IAK bekäme das Buch einen zu stark »tagespolitischen« und auf die polnischen Opfer zentrierten Einschlag, während ohne deren Unterstützung die Stimmen aus Osteuropa fehlen würden.

Es stellte sich jedoch bald heraus, dass längst nicht alle osteuropäischen Autoren ihre Texte zurückzogen. Es fehlten schließlich die Beiträge von Ota Kraus und Erich Kulka (ČSSR), von Oszkár Betlen (Ungarn) und einigen anderen; besonders bedauert wurde der Verlust der polnischen Erzählungen von Seweryna Szmaglewska, Tadeusz Hołuj und Tadeusz Borowski, aber nicht wenige Polen, wie Tadeusz Paczuła, Wojciech Barcz und Józef Kret, ermöglichten den neuen Herausgebern doch den Abdruck ihrer Texte. Auch der einzige Text aus der Sowjetunion, der Bericht von Aleksandr Lebedev, konnte aufgenommen werden, weil hier eine Geltendmachung von Rechten nicht befürchtet wurde. Im September 1961 wurden die Satzarbeiten wieder aufgenommen. Olga Wormser und der Direktor des Museums Auschwitz-Birkenau, Kazimierz Smoleń, schieden nun quasi zwangsläufig als Mitherausgeber aus, was Adler, Langbein und Lingens-Reiner vor allem im Fall Smoleńs sehr bedauerten.

Anfang 1962, als kein Zweifel mehr darüber bestand, dass das IAK auf juristischem Weg das geplante Buch nicht verhindern konnte, kamen aus Polen Friedenssignale, die von Langbein und Adler jedoch sehr verhalten aufgenommen wurden. Als das Buch im Herbst 1962 erschien, verzichtete das IAK darauf, es in irgendeiner Weise zu bekämpfen; und zwar – wie Langbein vermutete – »weil sie die Stelle, die sie so gerne finden wollten, nicht gefunden haben – einen einseitigen politischen Angriff von uns«.45 In der ursprünglichen Einleitung des Buches spielt nur ein kurzer Halbsatz auf den vorangegangenen Konflikt um die Herausgabe an, in dem davon die Rede ist, dass ursprünglich »auf Bitten des Internationalen Auschwitz-Komitees«46 mit der Arbeit begonnen wurde.

Struktur und Beiträge des Bandes

Die Intention der Herausgeber, endlich ein möglichst umfassendes Bild von Auschwitz aus der Perspektive der Überlebenden zu ermöglichen, wurde in ihrer Einleitung deutlich zum Ausdruck gebracht. Gleichzeitig betonten sie, dass trotz der zahlreichen Beiträge und Perspektiven, »die mannigfache soziologische Hintergründe und Überzeugungen spiegeln«,47 und obwohl Häftlinge aus vielen verschiedenen Ländern zu Wort kommen, auch in diesem Buch Lücken bleiben und »viele Teilgebiete und Probleme […] nicht einmal erwähnt werden«.48

Bemerkenswert war – auch wenn das heute kaum mehr auffallen dürfte –, wie ausführlich Auschwitz als Vernichtungslager zur Sprache kam. Das war eines der großen Anliegen der Herausgeber, die auch in den Auseinandersetzungen im IAK am dezidiertesten die Position vertreten hatten, dass dem Massenmord an den Juden in den eigenen Darstellungen ein größerer Stellenwert zukommen müsse. Viele, vor allem jüdische Überlebende, erzählen von Deportationen, von Selektionen bei der Ankunft, von der Arbeit der Sonderkommandos bei den Gaskammern und Krematorien. Für die meisten Leser dürften das völlig neue und schockierende Einblicke in die Welt der Lager gewesen sein. Noch in der Einleitung zur zweiten Auflage von 1979 schrieben die Herausgeber: »Ein jahrzehntelang peinlich eingehaltenes Tabu scheint gebrochen: Dem von der nationalsozialistischen Herrschaft mit dem Deckwort ›Endlösung der Judenfrage‹ verhüllten Problem wird endlich nicht mehr ausgewichen.«49 Kurz zuvor hatte der vierteilige US-amerikanische Fernsehfilm Holocaust in der Bundesrepublik für Furore und heftige öffentliche Debatten gesorgt.50 Bis dahin jedoch blieb das Geschehen in den Vernichtungslagern – allen NS-Prozessen und Veröffentlichungen zum Trotz – ein Thema für wenige Spezialisten.

Aber die Ermordung der Juden, den endlosen Zug der Deportierten, die durchs Lager Birkenau in Richtung Krematorien getrieben wurden, beobachteten auch die Häftlinge – von den wenigen Überlebenden der Sonderkommandos abgesehen – von außen. In einem erschütternden Textdokument, Ausschnitten aus den in Birkenau vergrabenen und wiedergefundenen Aufzeichnungen eines ermordeten Angehörigen der Sonderkommandos,51 wird die Perspektive der überlebenden KZ-Häftlinge durchbrochen; ansonsten prägt sie zwangsläufig die Berichte. Der Darstellung der Judenvernichtung in Auschwitz folgte so auch in der Einleitung schnell die Frage, wie sich die »nahezu tägliche Vernichtung von ungezählten Menschen«52 auf die Häftlinge auswirkte.

Die meisten der Autorinnen und Autoren des Sammelbandes waren jüdischer Herkunft, allerdings waren sie, gemessen an der Zusammensetzung der Lagerhäftlinge, sicher noch unterrepräsentiert. Viele Texte datierten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, manche sogar noch aus der NS-Zeit, andere wurden auf Bitten der Herausgeber für den Sammelband verfasst oder im Ausland publizierten Büchern entnommen; die allermeisten Texte waren bis dahin für deutsche Leser nicht zugänglich. Eine der wenigen Ausnahmen stellten die beiden Beiträge von Primo Levi dar, die dem 1961 auf Deutsch erschienenen Buch Ist das ein Mensch? entstammen. Die Herausgeber verzichteten darauf, die Nationalität der Häftlinge oder die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Häftlingskategorien zu strukturierenden Elementen des Buches zu machen. Vor allem legten sie keinen Wert darauf, die Trennung in ein »jüdisches« und ein »polnisches Auschwitz« in Titeln oder Kapitelüberschriften zu pointieren. Das impliziert allerdings, dass eine deutliche Differenzierung zwischen Konzentrations- und Vernichtungslager auch hier nicht vorgenommen wurde.

Andere Gruppen als die der politischen und jüdischen Häftlinge kamen in der Publikation kaum zu Wort, abgesehen von zwei Kriegsgefangenen und einer »Zigeunerin«. Die Erfahrungen der »kriminellen« und »asozialen« Häftlinge, der Geistlichen, Homosexuellen, Bibelforscher etc. wurden nicht repräsentiert. Das letzte Kapitel – in dem das Fehlen nichtjüdischer polnischer Autoren besonders auffällt – ist, formal ganz den Erzähltraditionen der Arbeiterbewegung folgend, dem Widerstand der Häftlinge gegen die SS gewidmet, aber eine Aufhebung der Schrecken in der Erzählung vom Aufbegehren findet sich darin kaum.

Wie von Beginn an geplant, wurden neben einigen Dokumenten von NS-Behörden auch Ausschnitte der Aufzeichnungen von Rudolf Höß und Adolf Eichmann aufgenommen, »weil sie manches verraten und bestätigen, was kein Überlebender von Auschwitz wissen konnte«.53 Die Texte von Höß waren bekannt, die Texte von Eichmann hätten, aufmerksame Leser vorausgesetzt, für Aufsehen sorgen können. Zwar waren einige Auszüge aus den umfangreichen Niederschriften, die auf Eichmanns Gespräche mit dem Journalisten und früheren SS-Mann Willem Sassen in Argentinien zurückgingen, schon in Zeitschriften abgedruckt und als Beweismaterial in den Jerusalemer Prozess eingebracht worden. Aber Langbein war – auf nicht ganz legalem Wege – an die umfangreichste und leserlichste Kopie der berüchtigten »Argentinien-Papiere« gelangt, aus der er für den Sammelband kleine Auszüge auswählte.54 Auch die Bedeutung eines weiteren Textes dürfte 1962 vielen Leserinnen und Lesern entgangen sein. Unter der Überschrift »Ein geflüchteter Häftling berichtet« wurde hier erstmals ein Ausschnitt aus dem später viel beachteten »Auschwitz-Bericht« der jüdischen Häftlinge Rudolf Vrba und Alfred Wetzler wiedergegeben. Den beiden war am 7. April 1944 die Flucht aus Auschwitz-Birkenau geglückt; sie gelangten bis in die Slowakei, wo sie ihren Bericht niederschrieben und Angehörigen der slowakischen und ungarischen Judenräte übergaben, vor allem um die ungarischen Juden vor der tödlichen Gefahr zu warnen, die eine Deportation nach Auschwitz bedeutete. Die Warnung blieb vergeblich; der Bericht wurde wenig später auch den westlichen Alliierten bekannt, geriet aber in der Nachkriegszeit in Vergessenheit.55 Langbein war mit Rudolf Vrba im Rahmen der Vorbereitungen des Frankfurter Auschwitz-Prozesses in Kontakt gekommen. Einige der Berichte und Dokumente des Bandes, wie der Auschwitz-Bericht von Vrba und Wetzler und die Chronik des Quarantänelagers Birkenau von Otto Wolken, ebenso die in späteren Auflagen nicht mehr enthaltenen Fotos aus dem so genannten »Auschwitz-Album«,56 wurden wenig später im Frankfurter Auschwitz-Prozess als Beweismittel vorgelegt. Zwölf der Autorinnen und Autoren des Sammelbandes sagten dort als Zeugen aus.

Eine von Langbein und Kazimierz Smoleń zusammengestellte Zeittafel gibt – das erste Mal in einer deutschen Publikation – eine Auswahl der wichtigsten Ereignisse in Auschwitz chronologisch wieder, basierend vor allem auf Dokumenten, die im Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau vorlagen und von Danuta Czech bearbeitet wurden.57 Wiedergegeben wurden auch einige Artikel aus britischen und amerikanischen Zeitungen aus den Jahren 1941 bis 1944, die zeigen sollten, wie früh bereits recht detaillierte Angaben zu den Verbrechen in Auschwitz bekannt waren, »wenn auch nur viel zu selten geglaubt und selbst dann nur ungenügend beachtet«.58

Nachdem das Buch erschienen war, intervenierte die IG Farben i.A. – die erst 2003 liquidierte Abwicklungsgesellschaft des größten in Auschwitz tätigen Industriebetriebs, in dem sich schätzungsweise 20.000 bis 25.000 Häftlinge zu Tode gearbeitet hatten – beim Verlag. Das Unternehmen war nicht einverstanden mit der Zuordnung eines der genannten Nebenlager (Heydebreck) als Zwangsarbeitslager der IG Farben – ein Konflikt, der bereits in langwierigen Entschädigungsverhandlungen eine Rolle gespielt hatte.59 Hier gab es immer noch handfeste Interessen zu verteidigen, und die IG Farben scheute sich nicht, den Verlag zu einer »Richtigstellung« in Form eines Einlegeblatts zu nötigen.

In Presse und Hörfunk wurde das Buch recht umfänglich und positiv besprochen. Eine große Rezension in der Frankfurter Rundschau endet mit der Bemerkung, dass dieser Sammelband »alle früheren Lager-Berichte bei weitem«60 überrage. Eine Besprechung der Wiener Arbeiterzeitung empfahl das Buch als Pflichtlektüre für alle Schüler und Lehrer.61 Inge Deutschkron sah die besondere Bedeutung des Bandes – den Intentionen der Herausgeber gemäß – vor allem in seiner Funktion als Einführung für den geplanten Auschwitz-Prozess.62 Selbst im ostdeutschen Deutschlandsender Berlin wurde das Buch lobend rezensiert.63 Das Interesse auf Seiten der deutschen Leser, wie es sich in den Verkaufszahlen niederschlug, blieb jedoch deutlich hinter den Erwartungen der Herausgeber zurück. Laut einer Aufstellung Langbeins für die Autoren wurden von der Auflage von 3000 Exemplaren bis Ende Mai 1963 knapp 1500 Bücher verkauft.64 Damit waren noch nicht einmal die Kosten für die Redaktionssitzungen und Übersetzungen gedeckt. Auch die Hoffnung, der Beginn des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt würde den Absatz wesentlich fördern, hatte sich nicht erfüllt. Allerdings konnte das Buch in Frankfurt Lesern zugänglich gemacht werden, die vermutlich nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehört hatten: Die aus aller Welt angereisten Häftlingszeugen, denen es in ihrer Heimat nicht möglich gewesen wäre, das Buch zu erwerben, konnten es hier zu einem reduzierten Preis kaufen.65 Die Versuche von Adler und Langbein, Übersetzungen des Buches ins Englische und Französische zu erreichen, blieben vergeblich. Die wiederholten Diskussionen zwischen den beiden über die Verwendungsmöglichkeiten der Honorare erwiesen sich im Nachhinein als deutliche Überschätzung des Interesses an den Berichten der Auschwitz-Überlebenden, die nicht annähernd die Verkaufszahlen der Höß-Memoiren erreichen konnten. Ab 1968 war das Buch vergriffen.66 Eine zweite Auflage erschien 1979, als Reaktion auf das erwachende Interesse der Öffentlichkeit nach der Ausstrahlung der US-Fernsehserie Holocaust in der Bundesrepublik. Jetzt erst interessierte sich eine größere Anzahl von Lesern für die Publikation. Während zwischen der ersten und zweiten Auflage 17 Jahre vergangen waren, erschienen nun in kürzerer Folge mehrere überarbeitete Neuauflagen.

Als das Buch in der zweiten Auflage 1979 als Taschenbuch erschien, mussten einige Kürzungen vorgenommen werden; etwa 15 Berichte wurden nicht mehr aufgenommen, auch die Fotos und faksimilierten Dokumente entfielen; es wurde jedoch, wie die Herausgeber betonten, »nichts weggelassen, was den Gesamteindruck beeinträchtigen würde«.67 Für die zweite und dritte Ausgabe (1979 und 1984) haben die Herausgeber auf der Basis neuer Forschungen einige Korrekturen und Ergänzungen vorgenommen, vor allem in den Anmerkungen, dem Personenverzeichnis und der Zeittafel. Ein Beitrag mit dem Titel »Was wahr ist, muß wahr bleiben« wurde 1984 für die dritte Auflage neu hinzugefügt. Das war eine Reaktion auf die in diesen Jahren lauter werdenden Versuche von Rechtsradikalen, die Existenz von Gaskammern und allgemein den systematischen Massenmord an Juden, Kranken oder »Zigeunern« zu leugnen. Immer noch oder schon wieder sahen sich die Auschwitz-Überlebenden damit konfrontiert, dass ihre Berichte, vor allem die über den ungeheuerlichsten Teil der Verbrechen von Auschwitz, als antideutsche Propaganda abgetan wurden. Also mussten erneut die in dieser Hinsicht unverdächtigen Täter zu Wort kommen – in dem Fall zwei kleine, ehemalige SS-Leute aus Auschwitz, die nach ihrer Verurteilung zu lebenslangen Haftstrafen keinen Sinn mehr darin sahen, die Wahrheit zu leugnen. Eine vierte Auflage des Sammelbands erschien 1988 im Athenäum Verlag, die fünfte im Jahr 1994 wiederum bei der Europäischen Verlagsanstalt.

Seit der Erstauflage des Bandes im Jahr 1962 hat sich in der Erforschung, Dokumentation und Erinnerung der Geschichte von Auschwitz vieles getan. Neben zahlreichen wichtigen historischen Arbeiten sind viele Berichte und Erzählungen von ehemaligen Häftlingen erschienen; der Jahrestag der Befreiung des Lagers, der 27. Januar, wurde zum Internationalen Holocaust-Gedenktag; Auschwitz bot den »Stoff« für diverse Spielfilme und Romane. Aus dem kulturellen Gedächtnis ist dieses Lager nicht wegzudenken, Auschwitz wurde zur ubiquitären Chiffre für das Böse schlechthin. Nur um konkrete Kenntnisse der Lagergeschichte ist es nach wie vor nicht gut bestellt. Diese Anthologie eignet sich immer noch hervorragend, um dem abzuhelfen. Sie ermöglicht den interessierten Lesern, wie H. G. Adler 1962 einem Freund schrieb, »durch ihre relativ leichte Lesbarkeit und Faßlichkeit […] auf das Ungeheuerliche hinzublicken, ohne durch journalistische oder sonstige Mätzchen, durch Sentimentalität, durch mangelnde Wahrheitsliebe irregeführt zu werden«.68 Die zahlreichen Aspekte der Lagergeschichte und vielen unterschiedlichen Perspektiven und Stimmen, die der Band versammelt, machen ihn nach wie vor zu einer ungewöhnlichen und wertvollen Lektüre. Diese bleibende Bedeutung konnte die Anthologie nur erlangen, weil die Herausgeber sich 1962 gleichsam doppelt gegen den »Zeitgeist« stellten – sowohl gegen die Wahrnehmungsverweigerung der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft als auch gegen die herkömmlichen antifaschistischen Deutungen der KZ-Erfahrungen – und der Vernichtung der Juden in Auschwitz, sei es als »Vernichtung durch Arbeit«, sei es als »Sonderbehandlung« direkt nach der Ankunft, bis dahin unbekanntes Gewicht gaben. Und nicht zuletzt ist der Sammelband auch ein Dokument der mühsamen und hartnäckigen Aufklärungsarbeit, die die NS-Verfolgten in einer Zeit unternahmen, in der sich außer ihnen kaum jemand mit diesen Themen befassen wollte.

1 Beispielsweise Benedikt Kautsky, Teufel und Verdammte. Erfahrungen und Erkenntnisse aus sieben Jahren in deutschen Konzentrationslagern, Zürich 1946; Emil de Martini, Vier Millionen Tote klagen an …! Erlebnisse im Todeslager Auschwitz, München-Obermenzing 1948; Hermann Langbein, Die Stärkeren. Ein Bericht, Wien 1949; Maria Zarebinska-Broniewska, Auschwitzer Erzählungen, Berlin-Potsdam 1949; Lucie Adelsberger, Auschwitz – ein Tatsachenbericht, Berlin (West) 1956; Grete Salus, Eine Frau erzählt, hg. von der Bundeszentrale für Heimatdienst, Bonn 1958.

2 Primo Levi, Ist das ein Mensch?, Frankfurt am Main, Hamburg 1961. Original: Se questo è un uomo, Torino 1947.

3 Vgl. zum Beispiel Hauptkommission für Untersuchung der Naziverbrechen in Polen (Hg.), Konzentrationslager Oswiecim-Brzezinka (Auschwitz-Birkenau), Warszawa 1955; Ota Kraus/Erich Kulka, Die Todesfabrik, Berlin (Ost) 1957; Jan Sehn, Konzentrationslager Oswiecim-Brzezinka (Auschwitz-Birkenau). Auf Grund von Dokumenten und Beweisquellen, Warszawa 1957.

4Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen von Rudolf Höß, eingeleitet und kommentiert von Martin Broszat, Stuttgart 1958. 1996 erschien das Buch in der 15. Auflage. Höß wurde im März 1947 in Warschau zum Tode verurteilt und am 16. April in Auschwitz hingerichtet.

5 Zur Geschichte des Komitees vgl. Katharina Stengel, Hermann Langbein. Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit, Frankfurt am Main, New York 2012.

6 Siehe Norbert Frei, »Auschwitz und Holocaust. Begriff und Historiographie«, in: Hanno Loewy (Hg.), Holocaust: Die Grenzen des Verstehens. Eine Debatte über die Besetzung der Geschichte, Frankfurt am Main 1992, S. 101-109; Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.

7 Das war eine damals übliche Formel der Abgrenzung von Funktionshäftlingen, die sich an Verbrechen gegen ihre Mithäftlinge beteiligt hatten, aber ebenso pauschal von den »kriminellen« oder »asozialen« KZ-Häftlingen, die von den Lagerkomitees in jenen Jahren generell nicht vertreten wurden.

8 Vgl. Fritz Bauer Institut/Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hg.), Der Auschwitz-Prozeß. Tonbandmitschnitte, Protokolle, Dokumente (DVD), Berlin 2004; vgl. auch http://www.auschwitz-prozess.de/. Zu Langbeins Initiativen im Rahmen des Auschwitz-Prozesses vgl. Stengel, Hermann Langbein, S. 343 ff., 491 ff.

9 Es ist der Öffentlichkeit weitgehend verborgen geblieben, dass auch die Publikation der Höß-Memoiren ursprünglich auf das IAK zurückging, dem die polnischen Behörden die Rechte an den Niederschriften von Höß übertragen hatten. Das IAK hatte bereits mit dem Westberliner Arani-Verlag die Herausgabe beschlossen, als das Institut für Zeitgeschichte intervenierte und sich für eine eigene Herausgeberschaft einsetzte. Das IAK ließ sich überzeugen, war aber mit der Publikation – der Einleitung, den vorgenommenen Kürzungen und dem eigenmächtigen Verzicht auf die vereinbarten Abbildungen – unzufrieden. In zahlreichen anderen Ländern sorgte das IAK für übersetzte Ausgaben. Vgl. Stengel, Hermann Langbein, S. 284 ff.

10 Einleitung in: H. G. Adler/Hermann Langbein/Ella Lingens-Reiner (Hg.), Auschwitz. Zeugnisse und Berichte, Frankfurt am Main 1962, S. 5.

11 Vgl. Philipp Neumann, »›… eine Sprachregelung zu finden‹. Zur Kanonisierung des kommunistischen Buchenwald-Gedächtnisses in der Dokumentation Mahnung und Verpflichtung«, in: Katharina Stengel/Werner Konitzer (Hg.), Opfer als Akteure. Interventionen ehemaliger NS-Verfolgter in der Nachkriegszeit. Jahrbuch des Fritz Bauer Instituts 2008, Frankfurt am Main, New York 2008, S. 151-173.

12 Auf Deutsch erschienen: Tadeusz Hołuj, Die Rose und der brennende Wald, Berlin 1978. Auf einem gleichnamigen Roman Hołujs basierte auch der Film Das Ende unserer Welt (Koniec naszego świata) von Wanda Jakubowska aus dem Jahr 1964.

13 Schreiben Hołuj an Langbein, 24.3.1960, Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA), Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 89.

14 Schreiben Adler an Langbein, 15.6.1959, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107, S. 2.

15 Am 6.6.1959 wurde in London die »Association of Ex-Inmates of German Concentration Camps« gegründet, H. G. Adler wurde ihr Vorsitzender. Die »Association« trat kurze Zeit später dem IAK bei. Vgl. Adler an Langbein, 8.6.1959, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107.

16 Vgl. Langbein, Beschlussprotokoll der Bürositzung des Internationalen Auschwitz-Komitees am 7. und 8. Mai in Warschau (1960), ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 60, S. 3.

17 Schreiben Adler an Langbein, 6.4.1960, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107, S. 2.

18 Beschlussprotokoll der Bürositzung des Internationalen Auschwitz-Komitees am 7. und 8. Mai in Warschau (1960), S. 3.

19 Vgl. zur Geschichte des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau: Jonathan Huener, Auschwitz, Poland, and the Politics of Commemoration, 1945-1979, Athens/Ohio 2003.

20Zeszyty Oświęcimskie/Hefte von Auschwitz ist das wissenschaftliche Periodikum des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau.

21 Olga Wormser/Henri Michel (Hg.), Tragédie de la déportation (1940-1945). Témoignages de survivants des camps de concentration allemands, Paris 1954.

22 Vgl. Sylvie Lindeperg, »Nacht und Nebel«. Ein Film in der Geschichte, Berlin 2010. Nähere Angaben zu Wormser: Ebd., S. 18 ff.

23 Wegen der Namensähnlichkeit mit Hans Günther, SS-Sturmbannführer und Leiter des »Zentralamts zur Regelung der Judenfrage« in Prag, wollte Adler in der Nachkriegszeit diesen Vornamen nicht mehr führen.

24Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Tübingen 1955; Reprint: Göttingen 2005 und 2012.

25Der Kampf gegen die »Endlösung der Judenfrage«, Bonn 1958; Die verheimlichte Wahrheit. Theresienstädter Dokumente, Tübingen 1958.

26Der verwaltete Mensch, Tübingen 1974.

27 Vgl. zu Adlers Biographie und Werk: Heinz Ludwig Arnold (Hg.), H. G. Adler, München 2004 (= Text + Kritik, Heft 163); Marcel Atze, »Der Auschwitz-Prozeß in der Literatur, Philosophie und in der Publizistik«, in: Irmtrud Wojak (Hg.), Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main, Köln 2004, S. 636-807, hier S. 648-655; Franz Hocheneder, H. G. Adler (1910-1988), Privatgelehrter und freier Schriftsteller. Eine Monographie, Wien 2009; Klaus L. Berghahn/Rüdiger Görner (Hg.), H. G. Adler – Dichter, Gelehrter, Zeitzeuge. Schwerpunktausgabe der Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kunst, Vol. 102, Nr. 2, Sommer 2011.

28Prisoners of Fear, London 1948. Eine deutsche Ausgabe erschien erst posthum 2003, herausgegeben und eingeleitet von ihrem Sohn Peter Michael Lingens, der jedoch in ihren Originaltext auf schwer verständliche und wenig transparente Weise eingegriffen hat: Ella Lingens, Gefangene der Angst. Ein Leben im Zeichen des Widerstands, Wien, Frankfurt am Main 2003.

29 Zur Lebensgeschichte von Lingens vgl. Ilse Korotin (Hg.), »Die Zivilisation ist nur eine ganz dünne Decke ...«. Ella Lingens (1908-2002). Ärztin, Widerstandskämpferin, Zeugin der Anklage, Wien 2010.

30Die Stärkeren. Ein Bericht, Wien 1949.

31Im Namen des deutschen Volkes. Zwischenbilanz der Prozesse wegen nationalsozialistischer Verbrechen, Wien 1963; Der Auschwitz-Prozeß. Eine Dokumentation, 2 Bde., Wien 1965; Menschen in Auschwitz, Wien 1971; … nicht wie Schafe zur Schlachtbank. Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Frankfurt am Main 1980.

32 Zur Lebensgeschichte Langbeins vgl. Stengel, Hermann Langbein; Brigitte Halbmayr, Zeitlebens konsequent – Hermann Langbein – Eine politische Biographie, Wien 2012.

33 Vgl. Schreiben Langbein an Hołuj vom 30.3.1960, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 89; »Richtigstellung«, Europäische Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main, 24.11.1961, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 17.

34 Schreiben Adler an Langbein, 28.10.1960, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107.

35 Schreiben Langbein an Adler, 9.4.1960, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107.

36 Schreiben Adler an Langbein, 6.4.1960, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107.

37 Vgl. Schreiben Adler an Langbein vom 19.12.1960, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107.

38 Schreiben Riepl/EVA an Langbein, 17.3.1963, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 17, S. 1.

39 Ebd.

40 Ebd.

41 Die WDR-Sendung aus dem Jahr 1961 erscheint im Februar 2015 unter dem Titel »Auschwitz. Topographie eines Vernichtungslagers« auf CD. Interviewt wurden, laut der Korrespondenz zwischen Adler und Langbein, unter anderen Elisabeth Guttenberger, Ella Lingens-Reiner, Grete Salus, Otto Wolken, Jehuda Bacon, Kazimierz Smoleń, Jan Sehn, Tadeusz Paczuła, Wojciech Barcz, Jan Pilecki und der SS-Arzt Wilhelm Münch.

42 So die Berichte von Elisabeth Guttenberger, Jehuda Bacon und Jan Pilecki.

43 Vgl. Schreiben Langbein an den Verleger Riepl/EVA, 30.6.1961, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 17.

44 Schreiben IAK-Generalsekretär Haupe an alle Autoren des Auschwitz-Buches, 18.9.1961; Abschrift in: ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107.

45 Schreiben Langbein an Adler, 12.10.1962, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 107.

46 Einleitung der Herausgeber, in: Adler/Langbein/Lingens-Reiner (Hg.), Auschwitz, Frankfurt am Main 1962, S. 5.

47 Ebd., S. 6.

48 Ebd., S. 7.

49 Einleitung in: Adler/Langbein/Lingens-Reiner (Hg.), Auschwitz, Hamburg 1994, S. 7.

50 Zur zeitgenössischen Rezeption des Films Holocaust vgl. Peter Märtesheimer (Hg.), Im Kreuzfeuer: Der Fernsehfilm Holocaust. Eine Nation ist betroffen, Frankfurt am Main 1979.

51 »Im Abgrund des Verbrechens«, in: Adler/Langbein/Lingens-Reiner (Hg.), Auschwitz, Erstausgabe 1962, S. 94-97.

52 Ebd., Einleitung der Herausgeber, S. 7.

53 Ebd., S. 14.

54 Vgl. Bettina Stangneth, Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders, Zürich, Hamburg 2011, S. 471 ff.; Stengel, Hermann Langbein, S. 478 ff.

55 Vgl. Rudolf Vrba, »Die mißachtete Warnung. Betrachtungen über den Auschwitz-Bericht von 1944«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 44 (1996), Heft 1, S. 1-24; Yehuda Bauer, »Anmerkungen zum ›Auschwitz-Bericht‹ von Rudolf Vrba«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 45 (1997), Heft 2, S. 297-308. Vgl. auch: Rudolf Vrba, Ich kann nicht vergeben. Meine Flucht aus Auschwitz, Frankfurt am Main 2010; zur Geschichte des Berichts auch: ebd., »Nachwort der Herausgeber«, S. 452-478.

56 Das Fotoalbum eines SS-Mannes, das die Auschwitz-Überlebende Lili Jacob (später verh. Meier) nach ihrer Befreiung in einer SS-Kaserne fand. Die Fotos gehören zu den wichtigsten Bilddokumenten aus Auschwitz-Birkenau; vgl. Israel Gutman/ Bella Gutterman (Hg.), Das Auschwitz-Album. Die Geschichte eines Transportes, Göttingen 2005.

57 1989 erschien ihr großes Kalendarium auf Deutsch: Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989.

58 Ebd., S. 405. In der Neuauflage ist nur noch einer dieser Artikel enthalten.

59 Vgl. zu den Verhandlungen über das »Wollheim-Abkommen«, ein Entschädigungsabkommen für Zwangsarbeiter der IG Farben in Auschwitz: Joachim Rumpf, Der Fall Wollheim gegen die I.G. Farbenindustrie AG in Liquidation. Die erste Musterklage eines ehemaligen Zwangsarbeiters in der Bundesrepublik Deutschland – Prozess, Politik und Presse, Frankfurt am Main 2010; Stengel, Hermann Langbein, S. 223-258.

60 Günter Konrad, »Dokumente einer dunklen Epoche«, in: Frankfurter Rundschau, 23.2.1963, S. 44.

61 Vgl. Josef Hindels, »Auschwitz und die Menschen von heute«, in: Arbeiterzeitung (Wien), 14.10.1962, S. V.

62 Vgl. Inge Deutschkron, »Anthologie des Grauens«, in: Geist und Tat. Monatsschrift für Recht, Freiheit und Kultur, 17. Jg., Nr. 11, November 1962, S. 351.

63 Deutschlandsender Berlin, Literatur-Journal, 3.12.1962, Mitschrift in: ÖStA, Nachlass Herman Langbein, E/1797: 131.

64 Schreiben Langbein an die Autoren des Buches »Auschwitz – Zeugnisse und Berichte«, Wien 19.6.1963, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 17.

65 Vgl. Atze, »Der Auschwitz-Prozeß in der Literatur, Philosophie und Publizistik«, S. 651.

66 Schreiben Langbein an die Autoren des Buches »Auschwitz – Zeugnisse und Berichte«, 23.4.1969, ÖStA, Nachlass Hermann Langbein, E/1797: 17.

67 Einleitung von März 1979, in: Adler/Langbein/Lingens-Reiner (Hg.), Auschwitz, Hamburg 1995, S. 8.

68 H. G. Adler an Franz Wurm, 7.10.1962, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Nachlass H. G. Adler, zit. nach Atze, »Der Auschwitz-Prozeß«, S. 651.

Einleitung der Herausgeber zur Neuauflage 1979

Ein jahrzehntelang peinlich eingehaltenes Tabu scheint gebrochen: Dem von der nationalsozialistischen Herrschaft mit dem Deckwort »Endlösung der Judenfrage« verhüllten Problem wird endlich nicht mehr ausgewichen. Das Gespräch über den von den höchsten Machthabern des »Dritten Reiches« befohlenen, sorgfältig vorbereiteten und mit leidenschaftsloser Grausamkeit exekutierten Mord von zahllosen Menschen aus keinem anderen Grunde als wegen ihrer Abstammung wird nicht mehr mit betretenem Schweigen umgangen.

Das halten wir für ein Zeichen moralischer Gesundung und bereits darum für außerordentlich bedeutsam. Es stimmt schon, wenn wir erklärten: »Ein wirkliches Verständnis des Nationalsozialismus ist nur möglich, wenn man seinen schauervollsten Ausdruck – Konzentrationslager und Vernichtungsstätten – nicht als Auswuchs, sondern als unausweichliche Konsequenz des ganzen Systems versteht.« So stand es in unserer Einleitung des Buches »Auschwitz – Zeugnisse und Berichte«, das 1962 erschienen und nun längst vergriffen ist.

Mit dieser Neuauflage wollen wir nicht anklagen oder gar einer niedrigen Sensation dienen, sondern die Wahrheit berichten und nichts als die Wahrheit, die – wir wissen es – viele Millionen junger Menschen in aller Welt, doch namentlich in den deutschsprechenden Ländern, über Auschwitz, das größte nationalsozialistische Vernichtungslager, so genau wie möglich und ungeschminkt, aber von Übertreibungen frei kennenlernen möchten. Darum wendet sich dieses Buch vor allem an jene, die nicht mehr selbst das »Dritte Reich« erleben mussten, aber gewiss ein Recht haben zu erfahren, was vor wenigen Jahrzehnten in Mitteleuropa möglich war. Werden die Leser zum Nachdenken darüber angeregt, mit was für Mitteln das nationalsozialistische Regime Tausende von jungen Deutschen und Österreichern dazu verführt hat, bei einem zur täglichen Routine gesunkenen endlosen Morden von zahllosen ihnen ausgelieferten Opfern kaltblütig mitzuwirken und das noch gar für ihre Pflicht als »Soldaten« zu halten, dann hat diese Neuauflage bereits ihren Zweck erreicht. Die Stimmen der auf den folgenden Seiten vertretenen Überlebenden von Auschwitz wenden sich an die seit 1945 herangewachsenen Generationen und insbesondere an die Jugend. Alle hier vereinten Autoren fühlen sich verpflichtet, zu jüngeren, oft viel jüngeren Menschen als sie selber zu sprechen. Diese Autoren setzen sich, soweit das in ihrer Macht steht, mit allen ihren Kräften dafür ein, dass all das Entsetzen und Grauen, das erbarmungswürdige Elend, das allein schon mit dem bloßen Namen Auschwitz bezeichnet ist, sich nie mehr wiederhole, in keiner wie auch immer abgewandelten Form. Die Menschlichkeit ist eine unteilbare Größe, darum muss in aller Welt auch ungeteilt für sie gearbeitet werden.

Damit diese »Zeugnisse und Berichte« über Auschwitz in möglichst viele Hände gelangen und weiteste Kreise diese warnende Botschaft einer zumindest als ernste Mahnung noch keineswegs überwundenen jungen Vergangenheit kennenlernen, um für ihr eigenes Leben Folgerungen daraus zu ziehen, stimmten die Herausgeber und der Verlag überein, dass dieses Buch so billig wie möglich werden muss. Darum haben sämtliche Beteiligten, also die Herausgeber, Autoren und der Verlag – wie übrigens schon bei der ersten Auflage –, auf jegliches Honorar bzw. jeglichen Gewinn verzichtet. Aus diesem Grunde haben wir uns auch zu Kürzungen entschlossen, doch haben wir nichts weggelassen, was den Gesamtüberblick beeinträchtigen würde. An diesem Überblick, der wenigstens alle wichtigsten Aspekte dieser erstaunlich weitschichtigen Welt von Auschwitz leicht lesbar und genau beleuchtet, ist uns vor allem gelegen. Wir haben keine wissenschaftliche Leistung angestrebt, aber den Inhalt des Buches mit Sorgfalt gründlich geprüft, um Fehler und Irrtümer zu vermeiden, gingen also so vor, dass wir dieses Buch der Forschung als verlässliches Quellenwerk an bieten können. Selbstverständlich haben sich 17 Jahre nach dem ersten Erscheinen des Buches geringere Mängel ausmerzen sowie einzelne damals noch unbekannte Einzelheiten, Erkenntnisse in den Anmerkungen und neuere Daten einfügen lassen.

Jeder Häftling hat das Lager anders, also persönlich erlebt, und das nicht nur weil Auschwitz im Jahr 1941, als dort meist Polen waren, völlig anders aussah, als etwa im Jahr 1944 während der Einlieferung ungezählter Juden aus aller Herren Ländern, die dem inzwischen weitaus größten Konzentrationslager des »Dritten Reiches« seinen besonderen Charakter verlieh, sondern auch aus anderen Gründen. So hat sich etwa das »Stammlager«, das ursprüngliche Auschwitz, von dem unmittelbar neben den Vernichtungsanlagen aufgebauten Lagerkomplex Birkenau unterschieden. Ferner sah jedes der mannigfachsten Arbeiten dienenden zahlreichen Außenlager verschieden aus und anders als das Stammlager und Birkenau, nahe der Kleinstadt Auschwitz bei der alten »Dreikaiserecke« Österreich, Deutschland und Russland. Ein Gefangener mit Judenstern, darum allein schon auf die unterste Stufe der bewusst geschaffenen totalitären Häftlingshierarchie gedrückt, hatte ganz andere Erlebnisse als ein Deutscher, den die SS von der Eintätowierung der Häftlingsnummer verschont und an die Spitze dieser Hierarchie gestellt hat. Wieder anders war es um einen Polen bestellt, der die älteste Lagererfahrung haben mochte und sich selbst noch als »in seinem Lande« fühlte, noch anders hingegen um einen Zigeuner, dem neben den Juden und noch vor den Russen am ärgsten in Auschwitz erniedrigten Menschen. Das möge beim Lesen der folgenden Beiträge bedacht werden, weil sich daraus Unterschiede, die wir nicht verwischen wollten, für die Anschauungsweise wie für den Stil der Verfasser ergaben. Unwesentliche Irrtümer hingegen – etwa falsche Daten oder die Schreibweise von Namen – haben wir korrigiert.

Die hier veröffentlichten Arbeiten sind teils Auszüge aus Büchern Überlebender von Auschwitz, die entweder nicht mehr zu haben oder nie ins Deutsche übersetzt worden sind, teils Protokolle oder Aufsätze, darunter einige auf Bitten der Herausgeber eigens für dieses Buch geschrieben.