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Revierinspektor Noah „Hofnoah“ Hofer hat sich seinen unfreiwilligen Neuanfang in Grieskirchen fernab von seiner Mama und deren Schweinsbraten wahrlich anders vorgestellt: Statt beschaulicher Kleinstadtidylle erwarten ihn eine überengagierte Kollegin und der Mord am berühmten Biogärtner und Frauenschwarm Klaus Krautwaschl, der tot auf seinem eigenen Komposthaufen liegt. Als neben eifersüchtigen Ehemännern auch noch die „Baumafia“ ins Zentrum der Ermittlungen gerät, bekommt es sogar der „Hofnoah“ mit der Angst zu tun …
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Bernhard Winkler
Ausgartelt
Krimi aus dem Hausruckviertel
Komposthaufen-Mord Mordalarm in Oberösterreich: Der berühmte Biogärtner und Herzensbrecher Klaus Krautwaschl liegt tot auf seinem eigenen Komposthaufen. Ein brisanter Fall für Revierinspektor Noah „Hofnoah“ Hofer, der gerade erst nach Grieskirchen zwangsversetzt wurde. 60 Kilometer von seiner Mama und ihrem Schweinsbraten entfernt, bräuchte er eigentlich erst mal Zeit, um sich an die fremde Kultur zu gewöhnen – genauso wie an seine neue und übermotivierte Kollegin Sandra Prenninger. Doch der Mordfall erfordert seine ganze Aufmerksamkeit: Nicht nur eifersüchtige Ehemänner kommen für die Tat infrage. Auch mit seinen Immobilien-Investitionen hat sich das Opfer nicht nur Freunde gemacht. Denn anstatt sich seine riesigen Ländereien von der Bauwirtschaft abkaufen zu lassen, hat er sie mit nichts als bienenfreundlichen Blumensamen bepflanzt. Zum Leidwesen eines Landmaschinen-Produzenten, der expandieren will und mit Abwanderung droht. Als das ungleiche Ermittler-Duo auch noch auf die „Baumafia“ trifft, ist es mit der oberösterreichischen Gemütlichkeit endgültig vorbei.
Bernhard Winkler, geboren 1989, ist gelernter Journalist und studierter Jurist. Im Alter von 23 Jahren veröffentlichte er sein erstes Sachbuch, auf das wenig später ein Zweites folgte. Inzwischen ist er in die Kriminalität abgerutscht – rein schriftstellerisch wohl gemerkt. Nach „Süßgift“ (erschienen bei BoD) dient ihm nun seine Heimat Oberösterreich als perfekte Kulisse für die sarkastischen wie ironischen Kriminalromane rund um Revierinspektor Noah „Hofnoah“ Hofer. Den Auftakt zur Serie mit dem liebenswürdigen und patscherten Schweinsbraten-Gourmant bildete „Misthaufensportler-Mord“ (erschienen bei Benevento). In „Ausgartelt“ sieht er sich nun mit einem spektakulären neuen Fall konfrontiert.
Mit freundlicher Unterstützung der Kulturabteilung des Landes Oberösterreich.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung der Fotos von: © CherriesJD / iStock.com, FooTToo / Shutterstock.com, Butch / stock.adobe.com
ISBN 978-3-7349-3474-2
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
»Hier seht ihr meinen Komposthaufen. Er steht unter diesem wunderschönen Kastanienbaum, der mindestens hundert Jahre auf seinem borkeligen Buckel hat. Auf dem Komposthaufen landen bei mir alle Bio-Abfälle aus Küche und Garten, also Rasenschnitt, Eierschalen, Obst- und Gemüsereste und so weiter. Im Herbst kommt eine ordentliche Schicht Laub drauf, und dann ruht er. Dann beginnt die Phase, die mich persönlich am meisten fasziniert, nämlich das Verrotten.«
Revierinspektor Noah Hofer saß an seinem Schreibtisch und starrte auf den Bildschirm vor sich. Ein YouTube-Video zeigte den berühmten Biogärtner Krautwaschl Klaus, wie er neben einem Komposthaufen stand und allerhand botanische Weisheiten verzapfte. Der Garten-Influencer war ganz in seinem Element. Wortgewandt, selbstbewusst und angestrebert mit allerlei Daten und Fakten erklärte er seinen Fans die Welt der abgestorbenen Pflanzen.
Auch modisch passte er ins Bild. Über seinem schlanken Oberkörper trug er ein eng anliegendes T-Shirt, bedruckt mit Blüten, Blättern und allem, was die Natur hergab.
»Man sieht es so einem Komposthaufen zwar nicht an«, sagte er und wandte sich ehrfürchtig zu dem Biomüllberg um, »aber hierbei handelt es sich um eines der schönsten Kunstwerke der Natur. Jede Zelle erledigt eine wertvolle Aufgabe und fügt sich wie ein kleines Zahnrädchen in das nächstgrößere ein.«
Noah Hofer, der von allen nur »Hofnoah« genannt wurde, schüttelte den Kopf. Man konnte natürlich aus allem eine Wissenschaft machen, wenn man nichts Besseres zu tun hatte. Ein Komposthaufen war ein Komposthaufen. Ende Gelände. Warum sich dieser Typ davorstellte und ein Video darüber drehte, war dem Hofnoah schleierhaft. Dass er dafür auch noch zwei Millionen Klicks bekam, überstieg seine Vorstellungskraft.
Gerne hätte der Hofnoah den Krautwaschl Klaus gefragt, welchen tieferen Sinn die gezählten zwölf Kaffeefilter hatten, die neben Grasschnitt und Essensabfällen vor sich hin faulten. Der Eigentümer des Haufens musste jedenfalls ein ausgesprochener Kaffee-Dilettant sein. Wer trank denn heutzutage noch Filterkaffee? Hatte der Gartengott nicht genug Geld gescheffelt, um sich eine anständige Siebträgermaschine leisten zu können? Oder empfand er für das Zischen einer Filtermaschine dieselbe kindliche Faszination wie für das Verrotten seines Biomülls?
Noch eine ganz andere Frage trieb den Hofnoah um. Wenn jede Zelle eine wertvolle Funktion erfüllte: Welche führte dann der Krautwaschl Klaus höchstpersönlich aus? Wenige Stunden zuvor war der prominenteste Einwohner Grieskirchens nämlich tot in seinem eigenen Komposthaufen gefunden worden. Erschlagen. Wahrscheinlich mit einem Spaten. Folgte man seinen Ausführungen in dem Video, hätten ihn die Kollegen liegen lassen sollen. Als nunmehriger Teil des Kunstwerks hatte er sich schließlich wichtigen Aufgaben zu widmen.
Der Hofnoah atmete tief durch. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Gerade erst hatte er seine unfreiwillige Versetzung vom mühlviertlerischen Gallneukirchen ins hausruckviertlerische Grieskirchen halbwegs verdaut. Anfangs hatte er sich eingeredet, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, einmal rauszukommen. Weg vom Mühlviertel, hinaus in die weite Welt. Ins Hausruckviertel. In die goldene Mitte zwischen dem weltberühmten Schloss Schönbrunn in Wien und dem malerischen Starnberger See bei München.
Doch jetzt stand er auf einmal vor dem zweiten Mordfall seiner jungen Karriere. Dabei wollte er damals, als er sich für den Beruf des Polizisten entschieden hatte, einfach nur seine Ruhe haben. Man musste schon viel Pech haben, um als 39-jähriger Provinz-Kiberer mit gleich zwei Tötungsdelikten in Berührung zu kommen. Noch dazu innerhalb so kurzer Zeit. Womit hatte er das verdient?
Schon sein erster Mordfall ein Jahr zuvor hatte den Hofnoah viele Nerven gekostet. Er hatte seinem Chef, dem Leidinger Schorsch, den falschen Täter präsentiert. Damit blamierte er ihn nicht nur beim Staatsanwalt, sondern auch beim Landeskriminalamt. Am Ende kam es, wie es sich kein Polizist in seinen schlimmsten Albträumen auszumalen gewagt hätte: Der Leidinger Schorsch wurde in den Innendienst nach Linz versetzt.
Seine Nachfolgerin wurde die Mairinger Bettina, die bisherige Bürokollegin des Hofnoah. Sie war jung, ehrgeizig und die größte Unsympathlerin des unteren Mühlviertels. Sie nutzte die erstbeste Gelegenheit, um den Hofnoah loszuwerden. Dazu missbrauchte sie ein Austauschprogramm der Landespolizeidirektion, für das im ganzen Land Kandidaten gesucht wurden. Der Auserwählte aus dem Mühlviertel sollte ein halbes Jahr im Hausruckviertel seinen Dienst versehen. Zwecks Horizonterweiterung.
In den Unterlagen war ausdrücklich vermerkt worden, dass nur die Besten der Besten geschickt werden durften. Das Programm sei als Kaderschmiede für die zukünftige Führung der oberösterreichischen Polizei gedacht, hatte da gestanden.
Deshalb trug die Mairinger Bettina in ihrem Empfehlungsschreiben extra dick auf, damit es auch wirklich fix klappen würde, den Hofnoah vom Hals zu haben. Sie philosophierte über den genialen Geist ihres Kollegen, der in Gallneukirchen zu versumpfen drohte. Gleichzeitig drückte sie ihr Bedauern darüber aus, ihren besten Mann herzugeben. Doch für den guten Zweck sei sie bereit, diese Bürde auf sich zu nehmen. Sie erfand noch ein, zwei Heldentaten, um die unrühmliche Rolle des Hofnoah in dem Mordfall mit dem falschen Täter zu überspielen. Am Ende hatte alles geklappt, und der Hofnoah landete auf dem Abstellgleis im Hausruckviertel.
Dort war man aufgrund der exzellenten Bewerbungsunterlagen nun der Überzeugung, mit ihm eine Art Mühlviertler MacGyver am Posten sitzen zu haben. Mit allen Wassern gewaschen, gnadenlos überqualifiziert und für jedes Problem eine Lösung im Ärmel.
Der Weberknecht Karl, Chef der Grieskirchner Polizeiinspektion, dankte dem Herrgott von ganzem Herzen für den Profi in seinem Team. Denn aufgrund von Personalmangel beim Landeskriminalamt Linz waren die örtlichen Polizeiinspektionen seit einiger Zeit auch für Schwerverbrechen zuständig. Seine Zuversicht, den Mordfall Krautwaschl Klaus dank Hofnoah in null Komma nichts abschließen zu können, kannte keine Grenzen.
»Wer war’s?«, fragte er, als er wenige Stunden nach dem Mord das Büro seines kleinen Teams betrat. Offenbar ging er wirklich davon aus, dass er vom Hofnoah sogleich den Namen des Täters erfahren würde.
»Wer war was?«, entgegnete der Hofnoah. Er war nach dem Komposthaufen-Video gedanklich abgedriftet. Er träumte von der Heimat, vom Schweinsbraten seiner Mutter. Bis vor Kurzem war ihm dieser zweimal wöchentlich in der Mittagspause aufgetischt worden. Jetzt musste er sich selbst versorgen. Ein Schicksal, mit dem er nur schwer zurechtkam.
Der Weberknecht Karl nahm die verwirrte Gegenfrage des Hofnoah verständnisvoll zur Kenntnis. Vermutlich wertete er sie als Zeichen der Genialität des Hofnoah, die im Empfehlungsschreiben aus dem Mühlviertel so ausführlich dargelegt worden war.
Es war allgemein bekannt, dass manche Hochbegabte mit den Regeln des Zusammenlebens nicht viel anfangen konnten. Das hatte der Weberknecht Karl zur Vorbereitung auf den Hofnoah in Psychologie-Fachbüchern gelesen. Viele Intelligenzbestien wirkten, als lebten sie in ihrer eigenen Welt. Die Geschichte der Menschheit war voll von Wunderkindern, die nicht in ihre Umgebung passten: Einstein, Mozart, Sebastian Kurz – und jetzt eben der Hofnoah.
»Lass dir ruhig Zeit«, sagte der Weberknecht Karl. Er klopfte dem Hofnoah mit seiner dünnen Hand, die an einem fadenartigen Arm hing, auf die Schulter. Das hatte er in den Tagen zuvor schon einige Male getan. Zum Beispiel, als beim Penny-Markt ein Ladendieb vom Kassier auf frischer Tat ertappt worden war und der Hofnoah vor dem Ausrücken noch sein Leberkas-Semmerl fertig essen wollte. Oder als der neue Kollege an seinem ersten Tag in Grieskirchen versehentlich im Chefbüro Platz genommen hatte. Der Postenkommandant konnte sein Zimmer erst wieder beziehen, nachdem der Hofnoah das Chaos aus Frühstücksresten und angepatzten Akten beseitigt hatte.
Der Hofnoah quittierte die einfühlsamen Worte des Chefs mit einem Nicken und versank sofort wieder in Gedanken. Er sinnierte über die Unterschiede zwischen seinem neuen Wohnort und der alten Heimat.
Sein Herkunftsort Gallneukirchen klang zwar ähnlich wie Grieskirchen, befand sich aber 60 Kilometer weiter östlich. Ansonsten waren die beiden Kleinstädte sehr unterschiedlich. Das Selbstbewusstsein gegenüber Linz schöpfte seine Heimat »Galli«, wie es Insider nannten, aus der Tatsache, dass es ganze 111 Meter höher als Linz lag. Auf die Linzer herabzublicken, war somit kein böswilliger Charakterzug der 6.600 Gallneukirchner, sondern eine geografische Notwendigkeit.
Grieskirchen, im Herzen des Hausruckviertels, hatte hingegen nicht das Problem, sich gegenüber einer nahen Großstadt behaupten zu müssen. Mit 5.000 Einwohnern war es in der Gegend selbst die weltgewandte Metropole. In der Innenstadt konnte man im Sommer abends den orientalischen Techno-Klängen lauschen, die aus den beständig ihre Runden ziehenden Dreier-BMWs drangen. Mit ein wenig Fantasie war dabei sogar das Meeresrauschen am Bosporus zu hören. Der Status als Bezirkshauptstadt und wichtiges Zentrum der Agrarindustrie galt als weiterer identitätsstiftender Faktor. Nicht absehbar war allerdings, wie sich der Tod des berühmten Grieskirchner Gartenheilands Krautwaschl Klaus auf die Volksseele auswirken würde.
Als der Chef den Raum verließ, kam die Prenninger Sandra aus der Mittagspause zurück. Der Hofnoah teilte mit ihr das Büro, und sie war im Prinzip der Hausruckviertler Zwilling seiner früheren Kollegin Mairinger Bettina: fleißig und stets darauf bedacht, dass das auch jeder mitbekam, vor allem der Chef. Privat führte sie eine vorbildliche Ehe mit einem mustergültigen Ehemann, der irgendetwas Höheres auf der Bezirkshauptmannschaft war. Außerdem hatte sie zwei perfekte Kinder im Volks- und Mittelschulalter. Niemand wusste, wie sie es schaffte, das alles mit ihrem Vollzeitjob unter einen Hut zu bringen. Sie stellte das exakte Gegenteil des alleinstehenden Hofnoah dar. An ihm war überhaupt nichts vorbildlich.
Die Prenninger Sandra hatte sich gar nicht gefreut, als ihr der Chef das erste Mal von dem Wunderwuzzi erzählt hatte, der für ein halbes Jahr den Platz ihres gerade erst pensionierten Kollegen einnehmen sollte. Sie war die Topbeamtin am Posten und wollte sich diese Position von keinem dahergelaufenen Mühlviertler streitig machen lassen.
Da sie wirklich einiges auf dem Kasten hatte, entlarvte sie die angebliche Hochbegabung des Hofnoah sofort als schlichte Angestrudeltheit. Ein diskreter Anruf bei der Mairinger Bettina in Gallneukirchen bestätigte das. Außerdem erfuhr sie dabei den Ursprung seines Spitznamens. Dieser stand nämlich nicht nur für seinen vollen Namen Hofer Noah, sondern auch für den seit der frühen Neuzeit vergessen geglaubten Beruf des Hofnarren.
»Was tut sich beim Krautwaschl Klaus, Hofnoah?«, fragte die Prenninger Sandra, als sie zu ihrem Schreibtisch ging.
Der Hofnoah überlegte. Abgesehen von den zwölf Kaffeefiltern auf dem Komposthaufen im Video gab es keine neuen Erkenntnisse.
»Nicht viel, außer dass er sich die Erdäpfel von unten anschaut«, antwortete er.
Die Prenninger Sandra beutelte den Kopf. Sie war in der Mittagspause natürlich nicht untätig gewesen, wie sie den Hofnoah gleich wissen ließ. Während sie ihr Schnitzel im Wirtshaus haberte, befragte sie die anderen Gäste zum Mordopfer. Und diese wussten einiges zu berichten. Zwar nicht aus eigener Erfahrung, aber vom Hörensagen.
»Der Krautwaschl Klaus hat sich mit seinem Nachbarn praktisch permanent vor G’richt g’fetzt«, erzählte die Prenninger Sandra. »Zuletzt hat der Krautwaschl ihn angezeigt, weil dessen Rasenroboter einen Igel beim Spazierengehen g’mäht hat. Daraufhin hat der Nachbar den Krautwaschl verklagt, weil dessen Bienen bei ihm angeblich einen Tinnitus ausg’löst haben.«
Der Hofnoah gähnte lange und ausgiebig. Das tat er häufig, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Um solche Streithanseln machte er für gewöhnlich einen großen Bogen. Ständig missbrauchten sie die Polizei für ihre Kleinkriege und hielten ihn von wichtigen Dingen ab. Zum Beispiel vom Essen.
»Ich geh dann jetzt«, gab er bekannt und verabschiedete sich mit einem Zwei-Finger-Salut in die Pause.
»Wir sind mitten in einer Dienstbesprechung, Herr Kollege«, wies ihn die Prenninger Sandra zurecht.
»Mahlzeit!«, erwiderte der Hofnoah.
Wie er die freie Stunde verbringen wollte, hatte er sich noch nicht überlegt. Ja, nicht einmal, was er essen würde, wusste er. In den paar Wochen vor Ort hatte sich noch kein Stammbeisl herauskristallisiert.
Ziellos schlenderte er über die Trattnachbrücke gen Norden. Es gab vieles, an das er sich in Grieskirchen erst gewöhnen musste. Ein Phänomen fiel ihm besonders auf: Als Polizist in Uniform war man hier noch wer. An seiner alten Wirkungsstätte scherte sich niemand darum, wenn der Hofnoah in voller Montur um die Ecke bog. Die meisten wussten, wer er war. Entsprechend gering fiel der Respekt aus.
In Grieskirchen sah das ganz anders aus. Zwei Schüler, die auf der Uferstraße rauften, stellten ihr Gezänk sofort ein, als der Hofnoah an diesem sonnigen Herbsttag daher marschierte.
»Grüß Gott!«, flöteten sie im Chor. Der eine Raufbold lockerte den Schwitzkasten zu einer Umarmung, sodass der andere wieder Luft bekam. Mit der freien Hand winkte er dem Hofnoah. Dieser nickte ihm mit strengem Blick zu.
Der Hofnoah ging die Lobmeyrstraße hinauf, immer noch ohne Plan und Ziel. Durch seine bloße Anwesenheit reduzierte sich das Tempo des Fließverkehrs um zehn Stundenkilometer. Immerhin würde sein Ego nicht unter dem Wechsel des Wohn- und Dienstorts leiden, freute er sich.
Kurz vor dem Stadtplatz bog er rechts ab. Zufrieden stellte er fest, dass ihn sein Unterbewusstsein zu einer Metzgerei geführt hatte. Das Leberkas-Semmerl, das er nun bestellen würde, war Schicksal.
»Habts den Mörder schon?«, fragte der Heisl Sepp mit seiner brüchigen Stimme hinter der Budel hervor. Er legte einen vier Zentimeter dicken Fleisch-Keil auf ein Stück Gebäck. Als Senior-Chef hätte er eigentlich längst die Pension genießen können. Doch es gab keinen Nachfolger für sein Geschäft. Weil er es nicht übers Herz brachte, den Laden zuzusperren, wurschtelte er einfach weiter.
Der Hofnoah war erst sein dritter Kunde an diesem Tag, wie der Metzger ihm mit resigniertem Gesichtsausdruck mitteilte. Um trotzdem profitabel arbeiten zu können, waren die Preise ziemlich geschmalzen.
»Das macht 11,50 Euro«, sagte der Geschäftsmann, ohne mit der Wimper zu zucken, und reichte dem Hofnoah die Jause.
Dieser hielt mit seinem Unmut nicht hinter dem Berg. »Du, ich wollt nur das Leberkas-Semmerl, keine Anteile an deiner Firma.«
Das Grieskirchner Urgestein überhörte den frechen Kommentar. Ob wegen alters- oder stolzbedingter Schwerhörigkeit blieb unklar.
»Habts den Mörder schon?«, wiederholte er seine Frage.
»Siehst denn nicht, dass ich auf Pause bin?«, erwiderte der Hofnoah. Sein Mund war schon nach dem ersten Bissen komplett mit Senf beschmiert. Offensichtlich konnte er so nicht ernsthaft im Dienst sein.
»Aha«, antwortete der Alte, »ich wüsst’ nämlich was, aber wenn du auf Pause bist …« Er senkte den Kopf und beobachtete den Hofnoah aus den Augenwinkeln. Dieser zeigte die gewünschte Reaktion.
»Was denn?«, fragte er interessiert.
»Was Dienstliches«, erwiderte der Heisl Sepp.
Der Hofnoah wischte notdürftig den Mund ab und setzte sein Kapperl auf.
»Wieder im Dienst?«, fragte der Metzger.
»Jawohl«, quittierte der Hofnoah.
Der Informant blickte einmal nach links und einmal nach rechts.
»Der Komposthaufen-G’schaftler, also der Krautwaschl Klaus …«, eröffnete er seine Aussage, »dem ist eine seiner Weiberg’schichten zum Verhängnis g’worden.«
»Aha, wie das?«, wollte der Hofnoah wissen.
»Na ja, erschlagen hat’s ihn. Mit der Schaufel.«
»Wer?«
»Die Sieblinger Sarah, das Mädel vom Huber Bauern.«
»Wieso?«
»Weil sie ihn in flagranti mit einer anderen erwischt hat.«
Der Hofnoah hatte noch gar nicht alle W-Fragen durch, musste aber schon wieder intensiv gähnen. Das ging ja los wie beim Pöttl Erwin damals, dem Mordfall im Mühlviertel. Dort hatte es auch ganz nach einer Beziehungstat ausgesehen.
»Hast einen Beweis dafür?«, fragte er.
»Nein«, gab der Heisl Sepp zu, »aber wer suchet, der findet!«
Der Hofnoah gab sich unbeeindruckt. »Dann such schön, und ich ess inzwischen mein Semmerl, goi!«
Der Heisl Sepp schien mit diesem Vorschlag nicht glücklich. »Euch Beamten muss man auch alles auf dem Silbertablett servieren.«
»Geh, so fein brauch ich’s gar nicht«, sagte der Hofnoah. Er deutete auf seine Jause, die ihm in simplem Papier übergeben worden war. Danach verabschiedete er sich auch schon wieder, denn diese Sieblinger Sarah konnte warten, fand zumindest der Hofnoah. Er entschied, zunächst einmal den Tatort zu besichtigen.
»Zur Krautwaschl-Villa willst?«, fragte die Prenninger Sandra skeptisch, als sie der neue Kollege zurück am Posten um den Autoschlüssel bat. »Da komm ich besser mit. Du findest dich bei uns in Grieskirchen ja noch gar nicht zurecht.«
Der Hofnoah seufzte. Er hatte diese Antwort schon kommen sehen. Eine Kollegin, die sich wie eine Anstandsdame aufführte, war für ihn nichts Neues.
»Ist nicht nötig«, wiegelte er ab, »dann fahr ich halt mit dem E-Bike.«
Die Prenninger Sandra sah überrascht auf und kuderte los. »Mit dem Polizei-E-Bike nach Moosham – ich hau mich ab!«, japste sie.
Der Hofnoah ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er holte einen Helm mit Polizei-Aufkleber aus dem Schrank.
Der Posten Grieskirchen war im Zuge eines Pilotprojekts erst einen Monat zuvor mit zwei E-Bikes ausgestattet worden. Was bei Einsatzkräften in manchen Großstädten schon zum Alltag gehörte, galt im Hausruckviertel allerdings als Schnapsidee einiger Wiener Deppen. Abgesehen von einer Probefahrt bei der Übergabe waren die Räder noch nicht bewegt worden.
Der Hofnoah konnte sich zwar Bequemeres vorstellen als eine Spritztour auf einem Pensionisten-Moped, ein Einsatz im Streifenwagen mit der Prenninger Sandra zählte aber nicht dazu.
»Ich wünsche dir viel Spaß«, ließ ihn diese noch wissen, »und grüß mir die Ärzte von der Unfallambulanz!«
Während der Hofnoah den Helm auf seine Größe einstellte, betrat der Chef das Büro. Beim Blick auf den Hofnoah huschte ihm ein verschmitztes Lächeln übers Gesicht.
»Fährst eine Runde mit dem Radl?«, fragte er seinen Schützling und klopfte ihm mit seiner dünnen Weberknecht-Hand auf die Schulter.
»Allerdings«, antwortete der Hofnoah nur und drehte sich weg. Er wusste nicht, was ihn in diesem Moment mehr nervte: seine bevormundende Streber-Kollegin oder der Chef, der alles an ihm super fand. Er ging zum Abstellraum, schnappte sich eines der beiden nagelneuen Räder und schob es ins Freie.
Das Polizeirad unterschied sich durch ein paar Eigenheiten von einem normalen E-Bike: den Polizei-Schriftzug auf der Rahmenstange, ein Blaulicht auf dem Lenker und ein Folgetonhorn.
Die Prenninger Sandra und der Weberknecht Karl beobachteten den Hofnoah vom Fenster aus. Beide lächelten ihm zu: die Kollegin gehässig, der Chef aufmunternd.
Nichts wie weg, dachte der Hofnoah.
Eilig stellte der Hofnoah den Sitz ein, schaltete den Motor auf »On« und radelte los. Schon nach den ersten Metern realisierte er, dass er sich auf die Fahrt schlecht vorbereitet hatte. Die Herbstkälte kroch ihm unter die dünne Jacke, die auf beheizte Autofahrten statt auf unterkühlte E-Bike-Touren ausgelegt war. Er bereute es, dass er sich nicht die fünf Minuten Zeit genommen hatte, um sich die Thermounterwäsche anzuziehen, die neben dem Helm im Schrank gelegen hatte.
Und wo musste er überhaupt entlang? Etwas planlos fuhr er über die Brücke Richtung Stadtplatz. Als er auf der Uferstraße abermals an den raufenden Buben vorbeikam, reichte es ihm. Zwar waren ihm die Streithähne völlig wurscht. Dennoch boten sie eine willkommene Gelegenheit, dem Ärger über die schlecht geplante E-Bike-Fahrt Luft zu machen.
»Hörts endlich auf zu streiten!«, keifte er und fuhr geradewegs auf sie zu. Die beiden verängstigten Schüler folgten seinem Befehl sofort und schauten betreten aus der Wäsche. Als der Hofnoah direkt vor ihnen eine Vollbremsung hinlegte, erwischte er versehentlich die »On«-Taste des Folgetonhorns. Sein erschrockener Blick, der ohrenbetäubende Lärm und die Tatsache, dass er nur mit Müh und Not einen Sturz verhindern konnte, brachten die Buben unfreiwillig zum Lachen.
Dem Hofnoah blieb keine Zeit zu schimpfen. Er hatte alle Hände voll zu tun, die Sirene abzudrehen. Die ersten Passanten blickten bereits neugierig zu ihm herüber.
Als der Ausschaltknopf endlich gefunden war, zückte er sein Smartphone. Er wollte sich den schnellsten Weg nach Moosham anzeigen lassen. Die Buben waren inzwischen hinter einem Strauch in Deckung gegangen.
Drei Kilometer waren es bis zur Ortschaft Moosham, sagte die Navigations-App. Dass er versehentlich die Route für Autos eingestellt hatte, bemerkte er nicht. Also wunderte er sich auch nicht, als ihn die App zurück über die Brücke auf die viel befahrene Bundesstraße B137 schickte.
Etwas wackelig, weil er das Handy zum Navigieren in der Hand hielt, fuhr er los.
Keine 200 Meter später stellte er fest, dass der große Respekt der Grieskirchner vor der Polizei nicht für Einsatzkräfte auf E-Bikes galt. Ein Kleinwagen überholte ihn mit nicht einmal einer Fußbreite Abstand. Die aufgebrachte Handbewegung des Hofnoah quittierte der Autofahrer mit dem Mittelfinger, den er in den Rückspiegel zeigte.
Als er die Innenstadt endlich hinter sich gelassen hatte, kam ihm die Idee, das Blaulicht zu aktivieren. Das sollte ihm bei den anderen Verkehrsteilnehmern die nötige Ehrfurcht verschaffen.
Gesagt, getan. Als er auf die Bundesstraße einbog, war er nicht mehr zu übersehen. Er hatte auch noch das Folgetonhorn eingeschaltet, um die Sicherheit zu erhöhen. Dies hätte er zwar auch durch Benutzung des Rad- und Fußwegs neben der Fahrbahn erreicht. In der Hitze des Gefechts übersah er aber das blaue Hinweisschild und ging fälschlicherweise davon aus, dass dort nur Fußgänger erlaubt waren.
Die verblüfften Autofahrer machten tatsächlich einen weiten Bogen um den Radfahrer auf der Bundesstraße. Sie hielten ihn allerdings nicht für einen Polizisten im Einsatz, sondern für einen Verrückten auf der Flucht. Obwohl der Hofnoah auf dieser Straße keine zwei Kilometer zurücklegte, gelang ihm das Kunststück, die Notrufnummer der Polizei für einige Minuten zu überlasten. Ganze zehn Anrufe gingen zeitgleich auf der Leitstelle ein, um den Narren auf zwei Rädern zu melden.
Nach drei Minuten Todesangst bog er erleichtert in eine Nebenstraße ein. Dann blieb er stehen, schaltete Blaulicht und Folgetonhorn ab und sah sich um.
Die genaue Adresse der Krautwaschl-Villa kannte er nicht. Sein Plan war, sich bei den Nachbarn durchzufragen. Dank seines lauten Auftritts hatte er bereits die Aufmerksamkeit eines Anrainers auf sich gezogen.
»He!«, fuhr ihn eine zuwidere Männerstimme hinter einer Thujenhecke an. »Ich brauch absolute Ruhe mit meinem Tinnitus. Versteh’n wir uns?«
Der Hofnoah sah nur einen weißen Haarschopf hinter den Büschen und rollte ein Stück zurück, bis auch das zugehörige Gesicht auftauchte. Ihm fielen die Streitereien des Krautwaschl Klaus mit seinem überempfindlichen Nachbarn ein.
»Sie müssen der Nachbar vom Krautwaschl Klaus sein, goi!«, rief er erfreut.
»Wer will das wissen?«, bekam er zur Antwort.
»Revierinspektor Hofer Noah.«
Jetzt trat auch der Mann auf der anderen Seite der Hecke zurück, um den ganzen Hofnoah im Blick zu haben. Vor ihm stand ein junger Mann mit geröteten Wangen in Polizeiuniform, der einen schief sitzenden Helm auf dem Kopf trug und auf einem E-Bike saß. Er schien zu überlegen, ob es sich bei dem E-Biker um einen Faschingsnarren handelte, schließlich stand der 11. November vor der Tür.
»Mein Name ist Doktor Augenthaler, und der Krautwaschl hat ein Haus weiter in der Wildnis g’wohnt«, antwortete er zögerlich und deutete mit seinem Rechen auf das benachbarte Grundstück.
Der Hofnoah folgte dem erhobenen Laubfeger, und tatsächlich: Hinter der akkurat geschnittenen Hecke des Tinnitus-Patienten quoll ein wilder Mix aus wuchernden Stauden, bunt belaubten Bäumen und hoch gewachsenem Gras hervor.
Plötzlich löste sich ein großes gelbes Ahornblatt von einem Baum am Nachbargrund und fiel auf den perfekt getrimmten Rasen des Doktor Augenthaler.
»Haben Sie das g’sehn?«, rief er außer sich. Er schien froh zu sein, einen Zeugen für den Vorfall zu haben. »Diesen Wahnsinn hab ich jeden Herbst. Der ganze Dreck fällt zu mir herüber und der Rasenroboter kann nicht mehr richtig mähen.« Er schien auf das Mitgefühl des Hofnoah zu hoffen.
»Mei, ist das schlimm!«, stieg der Hofnoah darauf ein, traf aber versehentlich einen ironischen Ton. »Kann ich reinkommen?«, versuchte er trotzdem sein Glück.
»Gerne. Am besten, Sie schauen sich den Sachverhalt aus der Nähe an.« Er deutete zu einer Tür in der Hecke ein paar Meter weiter.
Der Hofnoah stellte das Rad am Straßenrand ab und trat ein.
»Bitte auf dem gepflasterten Weg bleiben!«, wies ihn der Grundeigentümer an. Er führte den Beamten zu dem Blatt, das wie ein Blitz auf dem Rasen eingeschlagen hatte.
»Wissen Sie, wenn man das liegen lässt, raubt man dem Rasen die Belüftung«, erklärte der Geschädigte. »Er fängt an zu faulen, zu schimmeln und irgendwann kommen die Pilzkrankheiten.«
Der Hofnoah betrachtete das Ahornblatt und setzte einen betroffenen Blick auf. Er wollte eigentlich über ein anderes Verbrechen reden, nämlich den Mord am Krautwaschl Klaus. »Wie lang sind Sie und der Krautwaschl Klaus Nachbarn g’wesen?«, fragte er deshalb.
»Ich bin Rechtsanwalt in Linz, und das ist mein Wochenendhaus, das sich meine Ex eingebildet hat«, gab der Nachbar zu Protokoll, anstatt die Frage zu beantworten.
»Ah, ein Linzer!«, säuselte der Hofnoah, obwohl es ihm kalt über den Buckel lief. »Ich bin aus dem Mühlviertel.« Er wollte die gemeinsame Herkunft aus dem Osten betonen.
»Mein Beileid«, antwortete der Doktor Augenthaler nur.
Der Hofnoah versuchte noch mal, das Gespräch auf den Mord zu lenken. »Wie lange haben Sie neben dem Krautwaschl Klaus g’wohnt?«
»Wir haben Anfang der Neunziger gleichzeitig ang’fangen zu bauen«, erzählte der Doktor Augenthaler, »aber ich war schneller fertig, weil dem Krautwaschl die Kohle ausgegangen ist.« Er schüttelte den Kopf und fügte hinzu: »Damals ist er noch ein ganz normaler Landschaftsgärtner g’wesen.«
»Haben Sie in der Tatnacht von Sonntag auf Montag auf dem Krautwaschl-Grundstück etwas Verdächtiges beobachtet?«, fragte der Hofnoah.
Der Doktor Augenthaler sah ihn an, als habe er nicht alle Latten am Zaun. »In der Wildnis gibt’s nix zu beobachten«, blaffte er und deutete auf den von allen Seiten zugewachsenen Krautwaschl-Grund. Nicht einmal ein Haus war zu erkennen. »Neulich hab ich einen Marder auf der Motorhaube einer seiner Bekanntschaften g’sehn.« Zum ersten Mal lächelte er, bevor sich seine Miene wieder verfinsterte. »Aber auch nur, weil die ihre Kiste immer draußen neben der Straße geparkt hat.«
Der Hofnoah witterte einen Anhaltspunkt für weitere Ermittlungen.
»Ist dieses Auto in der Tatnacht auch dort g’standen?«, fragte er.
Der Doktor Augenthaler überlegte. »Ja, sicher sogar. Ich bin an dem Abend spät heimgekommen und hab es stehen g’sehn. Es hat zur Hälfte in die Straße reingeragt. Das ist rechtswidrig!«, erklärte er. »Aber was nützen all die Anzeigen und Klagen, wenn sich wer nur an die Gesetze der Natur hält?«, stellte er seinen gesamten Berufsstand infrage.
Auch der Hofnoah als Hüter der Gesetze des Staates wusste keinen Rat. Stattdessen wollte er mehr über das Auto wissen. »Kennzeichen oder zumindest Farbe und Modell wissen Sie nicht zufällig noch?«, fragte er.
»›GR‹ für Grieskirchen, ›SUSI eins‹, Fiat 500, rot. Ich hab in meiner Kanzlei unzählige Schriftsätze mit genau diesen Daten erstellen lassen.«
Der Doktor Augenthaler wurde unruhig. Während sie gesprochen hatten, waren fünf weitere Blätter auf seinen Grund und Boden herabgesegelt.
»Ich will das hiermit offiziell anzeigen«, sagte er und deutete auf das verhasste Laub.
»Ich hab leider nichts zum Schreiben da«, behalf sich der Hofnoah mit einer Notlüge.
Die Zweifel des Doktor Augenthaler ob der Echtheit des Polizisten keimten wieder auf. »Sie finden allein raus«, verabschiedete er ihn beleidigt und stapfte in Richtung eines Gartenhauses davon, das von Größe und Optik ein eigenes Wochenenddomizil hätte sein können.
»Am gepflasterten Weg bleiben!«, schallte es noch durch den Garten.
Als der Hofnoah wieder bei seinem E-Bike ankam, näherte sich ein Auto im Schritttempo. Der Fahrer, ein Mann mittleren Alters mit Schnurrbart, beobachtete ihn aufmerksam. Der Hofnoah hielt ihn für einen weiteren Anrainer, mit dem er ins Gespräch kommen konnte. In der Sackgasse neben den Krautwaschl- und Augenthaler-Anwesen befanden sich nur drei weitere Häuser.
Da blieb der schwarze VW Golf auch schon stehen. Der Fahrer ließ das Fenster herunter. So, wie er sich umschaute, schien er ebenfalls die Gegend auszukundschaften.
»Grüß Gott! Wohnen Sie hier?«, fragte der Hofnoah.
Der Autofahrer musterte ihn von oben bis unten. Sein Blick wanderte zum E-Bike mit Polizeischriftzug. Danach stellte er eine Gegenfrage: »Bist du der Narr, der gerade mit Blaulicht und Sirene auf der Bundesstraße g’radelt ist?«
Er sprach in breitem Hausruckviertler Dialekt. Der abfällige Ton ließ darauf schließen, dass er den Hofnoah für keinen echten Polizisten hielt.
Der Hofnoah wiederum hatte Probleme, den Mann richtig zu verstehen. Es war erst ein- oder zweimal vorgekommen, dass ihn jemand in so intensiver Mundart angesprochen hatte. Positiv erschien ihm nur, dass der Fremde ihn »Noah« genannt hatte.
»Genau, ich bin der Noah!«, antwortete er freundlich. Bei der Anrede mit dem Vornamen plauderte es sich gleich viel leichter.
Die Miene des Autofahrers erhellte sich. Er nickte und schrieb etwas in das Notizbuch, das auf seinem Schoß lag. »Wohin bist denn unterwegs?«, fragte er und warf noch einmal einen belustigten Blick auf das Polizei-E-Bike am Straßenrand.
»Ich ermittle im Fall Krautwaschl«, antwortete der Hofnoah.
»Das tun wir doch alle«, stellte der Mann erheitert fest.
»Hast du in der Nacht von Sonntag auf Montag zufällig etwas Verdächtiges g’sehen?«, ließ sich der Hofnoah nicht aus der Ruhe bringen.
Der Mann grinste unter seinem Schnurrbart hervor. Er wirkte, als lächelte er ein Kind an, das einen Erwachsenen spielte.
»Leider nicht«, antwortete er. Dann stellte er den Motor ab, nahm seine Umhängetasche vom Beifahrersitz und stieg aus.
»He! Mitten auf der Straße darfst dein Fahrzeug aber nicht abstellen«, wies ihn der Hofnoah zurecht. Der Verkehrssünder schmunzelte nur.
»Darf ich ein schönes Foto von dir machen? Dann kommst in die Zeitung!« Er blickte den Ordnungshüter aufmunternd an und kramte eine Kamera hervor. Dann bedeutete er dem Hofnoah, sich zu seinem Fahrrad zu stellen. Dieser verstand von dem Kauderwelsch wieder nur die Hälfte und war mit der Situation überfordert. Doch langsam fiel der Groschen.
»Ach so, du bist kein Nachbar, sondern ein Reporter?«, murmelte er und versuchte, Kompetenz zu zeigen. »Wennst ein Foto von der Polizei brauchst, fragst am besten bei der Pressestelle nach, goi!«
Der Reporter sah schon seine Story samt Foto fürs »Lustige Eck« flöten gehen und wollte gerade böse werden. Er war sofort ins Auto gesprungen, als er im Polizeifunk von Bürgerbeschwerden über einen verrückten Radfahrer mit Uniform, Sirene und Blaulicht gehört hatte. Ohne ein Foto vom Übeltäter mit seinem schief sitzenden Helm war die Geschichte nur halb so gut.
Plötzlich meldete sich der Doktor Augenthaler über den Zaun.
»Herr Revierinspektor, könnens noch mal auf einen Sprung reinschauen? Ich möcht Ihnen etwas zeigen.«
Der Angesprochene freute sich offenbar über die Gelegenheit, dem Fotografen zu entwischen.
Der Reporter kombinierte, dass es sich bei dem Radfahrer um einen echten Polizisten handeln musste. Ein angesehener Anwalt wie der Doktor Augenthaler würde sich schließlich nicht mit einem Verrückten abgeben. Flugs folgte er dem Polizisten durch die Tür im Zaun. Statt der Story über einen Narren auf einem Polizeifahrrad witterte er eine weitere der allseits bekannten Nachbarschaftsstreitereien des Doktor Augenthaler. Wenn dieser den Krautwaschl Klaus sogar nach dessen Tod noch anzeigen wollte, war das ebenfalls perfekt fürs »Lustige Eck«.
»Wer sind Sie? Verlassen Sie augenblicklich mein Grundstück, oder ich ruf die Polizei!«, plärrte der Doktor Augenthaler, als er den Fremden im Schlepptau des Hofnoah sah.
»Die ist schon da«, stellte der Hofnoah klar, aber niemand beachtete ihn.
»Federfrei Fritz, Chefredakteur beim ›Rundblick‹, grüß Sie, Herr Doktor Augenthaler«, stellte sich der Reporter vor.
Der Hofnoah war erstaunt, dass er auch ohne unverständlichen Dialekt sprechen konnte. Der Federfrei Fritz drängte sich am Hofnoah vorbei, um dem Anwalt die Hand zu schütteln. Doch dieser wies den ungebetenen Gast ab.
»Zurück auf den gepflasterten Weg!«, kommandierte er, als der Federfrei Fritz einen Schritt auf den Rasen wagte. »In Ausübung meines Hausrechts verweise ich den Schmierfinken von meinem Grund und Boden!«, ordnete er an. Als der Federfrei Fritz nicht gleich ging, wandte sich der Doktor Augenthaler zum Hofnoah: »Begleiten Sie den Herrn zum Ausgang!«
Der Hofnoah nahm von Bürgern nicht gern Befehle entgegen, aber beim Hausrecht gab es wenig Spielraum. Wen ein Grundeigentümer nicht dahaben wollte, der musste gehen.
»Gemma!«, meinte er zum Federfrei Fritz nicht ohne Genugtuung, dass er ihm gegenüber jetzt seine Autorität demonstrieren konnte. Der Reporter grinste nicht mehr. Widerwillig ging er zur Gartentür hinaus.
»Das wird Konsequenzen haben!«, rief er noch, setzte sich in seinen Golf und schob die Sackgasse zurück.
Der Hofnoah betrat wieder das Grundstück. »So, worum geht’s?« Er rechnete mit nichts Weltbewegendem.
»Da!«, sagte der Doktor Augenthaler nur und zeigte auf ein Häufchen Erde mitten auf dem Rasen.
Der Hofnoah musste ihn belehren.
»Den Maulwurf könnens aber nicht anzeigen, goi!«, erklärte er.
»Das ist eine Wühlmaus!«, entgegnete der Doktor Augenthaler, als wäre gegen diese eine Amtshandlung sehr wohl möglich.
»Die auch nicht«, blieb der Hofnoah stur.
Er schaute sich um. Langsam dämmerte ihm, dass der Doktor Augenthaler vielleicht nur jemanden brauchte, an dem er seine schlechte Laune auslassen konnte. Er würde als Rechtsexperte ja nicht ernsthaft glauben, dass ein Erdhäuferl im Garten für einen Polizisten von Interesse war. Vielleicht war er einfach nur ein einsamer alter Mann, der sich hinter seinem Grant und Doktortitel versteckte.
»Leben Sie allein hier?«, fragte der Hofnoah vorsichtig.
Der Doktor Augenthaler sah ihn an, als hätte er ihn nach dem PIN-Code seiner Bankomatkarte gefragt. »Hier und überall sonst auch«, blaffte er. Weil das irgendwie traurig klang, fügte er noch schnell ein »Gott sei Dank!« hinzu.
Dem Dauer-Single Hofnoah kam auf einmal der Gedanke, er könnte auch einmal so enden. Alt und grantig wie der Doktor Augenthaler, aber bei Weitem nicht so reich. Das stimmte ihn nicht gerade froh. Weil ihn der Doktor Augenthaler in der peinlichen Stille schon so grimmig anschaute, kam er blitzschnell auf den Fall zurück.
»Sind Sie in der Tatnacht auch allein hier g’wesen?«, wollte er wissen. Er musste das fragen. So wie der Nachbar drauf war, hätte das Gezänk mit dem Krautwaschl Klaus über die Kleinigkeiten im Garten auch zum Mordmotiv gereicht.
»Natürlich«, antwortete der Doktor Augenthaler, »ich hab wie immer bis spät in die Nacht im Büro droben gearbeitet und bin dann schlafen gegangen.«
»Kann das jemand bezeugen?«, fragte der Hofnoah etwas unbeholfen.
»Nein, wer soll das bezeugen können? Die Wühlmaus?«, antwortete der Anwalt scharf. Er schien zu wissen, dass er als bekennender Feind des Opfers ohne Alibi in einer schlechten Position war. Also lenkte er ein. »Rund um mein Haus hängen vier Überwachungskameras, die Tag und Nacht alles aufzeichnen. Die Festplatte mit den Videos können Sie haben, wenn Sie mich dafür in Ruhe lassen.«
Zwar durfte der Hofnoah keine Deals zur Verschonung von Verdächtigen eingehen, aber die Aufzeichnungen wollte er auf jeden Fall. »Ja, gerne«, antwortete er deshalb, »kann ich sie gleich mitnehmen?«
Der Doktor Augenthaler nickte und schlurfte zu seinem Haus davon.
