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Ein Kunsthistoriker wird am Sonntagmorgen in einer Wallfahrtskirche im Rottal tot aufgefunden. Am Abend zuvor besuchte er ein feuchtfröhliches Klassentreffen in einem Gasthaus nahe der Kirche. Ein Motiv für die Tat lässt sich zunächst nicht erkennen. Doch als die Pfarrkirchner Kripobeamten Thomas Huber und Mandy Hanke die frühere Geliebte des Opfers ausfindig machen, stockt ihnen der Atem. Das Ermittlerpaar steht vor einem heiklen Fall, der auch ihre Liebesbeziehung auf eine harte Probe stellt.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Hans Weber / Armin Ruhland
Ausgeläutet
Niederbayern-Krimi
Kunstbeflissen Am Sonntagmorgen findet der Mesner die Leiche eines Kunsthistorikers in der Tanner Wallfahrtskirche, die von diesem gerade inventarisiert wurde. Alles deutet darauf hin, dass er nicht aus Versehen in die Tiefe gestürzt ist. Ein erster Anhaltspunkt für die Pfarrkirchner Kripobeamten Mandy Hanke und Thomas Huber bietet ein Klassentreffen, welches am Vorabend in einem nahen Gasthaus stattfand. Dort hat sich der Kunsthistoriker, der nach vielen Jahren in Thüringen nun in seine niederbayerische Heimat zurückgekehrt war, mit seiner ehemaligen Schulclique amüsiert. Ist das Motiv für die Tat in einer alten Beziehung oder in seinem beruflichen Wirken zu finden? Die Kommissare tappen zunächst im Dunkeln. Dazu spielt ein vermeintlich Unbekannter ein Katz-und-Maus-Spiel mit ihnen. Und zu allem Überfluss belastet nicht nur der Mordfall, sondern auch der Besuch von Mandys Vater und dessen neuer Freundin die Beziehung von Thomas und Mandy.
Hans Weber, geboren 1961, und Armin Ruhland, geboren 1959, besuchten dieselbe Klasse am Gymnasium Dingolfing und waren eng befreundet. Nach dem gemeinsamen Abitur im Jahr 1980 trennten sich jedoch ihre Wege. Während Weber nach seinem BWL-Studium in verschiedenen Bereichen bei einem bayerischen Automobilhersteller lange Jahre nahe seiner Heimat beschäftigt war, zog es seinen Freund in die Ferne. Nach einem Kunstgeschichtsstudium belieferte Armin Ruhland vom spanischen Madrid aus wissenschaftliche Bibliotheken mit Fachliteratur. Nach knapp 40 Jahren kreuzten sich ihre Wege wieder und sie entdeckten ihre Liebe zum Schreiben von regionalen Krimigeschichten. Die beiden Autoren leben mit ihren Familien im Landkreis Dingolfing-Landau.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Hans Weber und Armin Ruhland
ISBN 978-3-8392-7896-3
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Freitag
Gelangweilt fuhr er die Autobahn entlang. Anfangs hatte es noch geregnet, später hatten sich immer mehr silbrige, durchscheinende Flecken zwischen den dunklen, tief hängenden Wolkenballen gebildet und mittlerweile kamen am Horizont türkisfarbene Streifen zum Vorschein. Dennoch hellte sich seine Stimmung nicht auf. Das Wochenende stand bevor, und er hatte ursprünglich ganz andere Pläne verfolgt. Aber dann war dieser blödsinnige Auftrag gekommen, den er hatte annehmen müssen, denn seine finanzielle Situation ließ keine Ablehnung zu. Gerne hätte er dem Auftraggeber seine Meinung ins Gesicht geschrien. Der Tag, an dem dies möglich wäre, würde kommen, das stand für ihn fest. Im Moment blieb ihm nur, zu akzeptieren, was ihm angeboten wurde.
Ausgerechnet nach Niederbayern sollte es ihn verschlagen. In seiner Vorstellung gab es spannendere Ziele. Außerdem erschwerten ländliche Verhältnisse, in denen ein Auswärtiger schnell auffiel wie ein bunter Hund, seine Mission. Anonyme Großstadtszenerie war sein Ding, und dafür gab es gleich mehrere Gründe. Bestimmte Etablissements, die er bevorzugte und die man meist in Bahnhofsnähe größerer Metropolen antraf, fand er an seinem Zielort sicher nicht.
Mittels einer Fake-Adresse, die er sich im Darknet besorgt hatte, hatte er sich tags zuvor online im Parkhotel in Pfarrkirchen eingemietet. Die Auswahl an Hotels war nicht besonders groß, aber der Name sprach für einen gewissen Komfort. Wenn sein Auftrag schon nicht sauber war, sollte es wenigstens seine Unterkunft sein. Zumindest plagten ihn keine Skrupel. Vielleicht wurde er deshalb immer für schmutzige Arbeiten herangezogen.
Mit ziemlich weichen Knien betraten die beiden Kripobeamten Thomas Huber und Mandy Hanke das Büro des Pfarrkirchner Polizeichefs Josef Kiermeier. Sie fühlten sich fast so, als ob sie ihrem Vorgesetzten einen schweren dienstlichen Fehler beichten müssten. Doch es war kein amtliches Vergehen, welches sie ihm an diesem Freitagnachmittag Anfang Mai mitteilen wollten. Aber erfreut würde er nicht sein, dessen war sich das Ermittlerduo bewusst. Aus strategischen Gründen hatten die beiden das Ende der Arbeitswoche als passenden Termin für ihre Nachricht an den Polizeioberrat gewählt, damit er diese über das Wochenende verdauen konnte.
Josef Kiermeier bot Mandy und Thomas einen Platz an seinem ovalen Besprechungstisch an.
»Um Gottes willen«, entfuhr es dem 58-Jährigen, als Mandy ihm den Grund für das Treffen kundgetan hatte. Er starrte mit großen Augen auf den Bauch der 32 Jahre alten Beamtin, der sich bei genauerem Hinsehen schon etwas wölbte. »Na ja, das ist ja grundsätzlich eine sehr erfreuliche Nachricht«, relativierte der Polizeioberrat seine erste Reaktion. »Es freut mich für Sie, aber wie ich Ihnen bereits vor Monaten gesagt habe, kann ich Sie als offizielles Paar nicht mehr gemeinsam ermitteln lassen. Sie wissen, dass die Zeugnisfähigkeit vor Gericht dadurch aufgehoben ist. Mit einem Babybauch werden Sie bestimmt öfter nach dem Vater gefragt werden, und dann, so vermute ich, können Sie Ihre Beziehung nicht mehr länger geheim halten. Es sei denn, Sie lügen Ihre Kollegen und Freunde ständig an. Aber das trau ich Ihnen nicht zu, Frau Hanke. Dafür sind Sie zu ehrlich.«
Es war in der Tat so, dass Mandy das Versteckspiel satthatte. Seit einigen Monaten waren sie und Thomas ein Paar. Sie durften ihre Liebe jedoch nicht in der Öffentlichkeit zeigen, denn dann würden sie beruflich getrennt werden. Das hatte ihnen ihr Vorgesetzter nach dem letzten Mordfall Anfang September des vergangenen Jahres unmissverständlich mitgeteilt. Ihr Chef war einer der Ersten gewesen, der über sie Bescheid wusste. Woher er das erfahren hatte, war ihnen bis dato schleierhaft.
Die beiden gaben sich große Mühe, ihre Beziehung geheim zu halten. Sie mieden es, außerhalb der Arbeit gemeinsam gesehen zu werden. Von und zur Arbeit kamen und gingen sie immer getrennt, um jegliche Gerüchte im Keim zu ersticken. Auch auf private Zärtlichkeiten im Dienst verzichteten sie gänzlich, obwohl Thomas dies oft schwerfiel. Sie genossen aber ihre Zweisamkeit im Stillen und hielten sich meist auf Thomas’ Sacherl auf, das ihnen aufgrund der Alleinlage genügend Schutz vor neugierigen Nachbarn bot. Da jetzt jedoch Nachwuchs im Anmarsch war, mussten sie das Versteckspiel aufgeben, dessen waren sie sich bewusst. Deswegen hatten sie den Weg zu Kiermeier gewählt, um ihn als Ersten über die neue Situation zu informieren.
Der Polizeioberrat war indirekt sogar dafür verantwortlich, dass die beiden ein Paar geworden waren. Denn er war es gewesen, der die junge Thüringerin vor ungefähr zweieinhalb Jahren an die Rott geholt hatte. Nach der Trennung von ihrem damaligen Freund hatte sie möglichst weit weg von ihrer Heimatstadt Gera gewollt. Am liebsten hätte sie auch von der Männerwelt Abstand genommen. Damals hatte also absolut keine Gefahr bestanden, dass sie mit ihrem neuen beruflichen Partner Thomas Huber ein Paar werden würde. Der Pfarrkirchner hatte die in seinen Augen vorlaute, emanzipierte und unerfahrene Frau anfangs als seine Kollegin nicht akzeptieren können und wollen. Und auch Mandy war zu Beginn ihrer Zeit in Niederbayern von Thomas alles andere als angetan gewesen. Während ihres ersten gemeinsamen Mordfalls hatten sie sich sogar gegenseitig als »ostdeutsche Zicke« beziehungsweise als »niederbayerischen Arsch« bezeichnet.
Doch im Leben kommt es oft anders, als man denkt. Bereits nach wenigen Wochen hatte Thomas Huber seine Kollegin respektiert, weil sie ihn durch ihren kriminalistischen Spürsinn und ihre Fachkenntnisse durchaus beeindruckt hatte. Und auch Mandy hatte mehr und mehr Vertrauen zu ihrem Kollegen gefunden. Damals hatte Thomas vor den Trümmern seiner Ehe gestanden, denn seine Frau hatte sich einem anderen Mann zugewandt und das gemeinsame Haus in Pfarrkirchen verlassen. Mandy war in dieser schweren Zeit als Gesprächspartnerin für ihn da gewesen und hatte ihm zusammen mit der Sekretärin der Polizeiinspektion, Hilde Bernauer, in ein selbstständiges Leben geholfen. Denn Thomas hatte bis dahin von Haus- und Gartenarbeit keinen blassen Schimmer gehabt. Er hatte das Haus in der Pfarrkirchner Stifterstraße verkauft und das Sacherl seines ehemaligen Kollegen im Pfarrkirchner Ortsteil Aign gemietet. Einige Wochen hatte der von sich, seiner Frau und der Welt enttäuschte Kripobeamte im Trübsalblasen verharrt. Dann hatten ihn seine fürsorglichen Kollegen und die nie abgebrochene Begeisterung für sportliche Aktivitäten, allem voran Fußball, wieder in die Spur zurückgebracht.
Im Sommer letzten Jahres war schon ein leises Knistern zwischen Thomas und Mandy zu spüren gewesen, welches allerdings während ihres zweiten gemeinsamen Mordfalls vorübergehend verstummt war. Denn Thomas war damals dem Charme einer sehr attraktiven Karrierefrau erlegen, die sich im Zuge ihrer Ermittlungen sogar als Hauptverdächtige herausgestellt hatte. Es war um den Mord am Direktor des hiesigen Gymnasiums gegangen.
Doch nach wenigen Wochen, während ihres dritten gemeinsamen Mordfalls, hatten sich die Schmetterlinge im Bauch sowohl bei Thomas als auch bei Mandy zurückgemeldet. Die 32-Jährige hatte sich anfangs gegen die Beziehung mit ihrem Kollegen gewehrt, da sie mit einer privaten Liaison berufliche Probleme auf sich zukommen sah. Letztlich hatte aber das Herz gegen den Verstand gesiegt.
»Wie machen wir jetzt weiter, Chef?«, fragte Mandy mit zitternder Stimme. Sie war über ihre berufliche Zukunft sehr besorgt.
Der Polizeioberrat lehnte sich auf seinem schwarzen Ledersessel zurück und blickte an die Decke. »So einen Fall hatte ich auch noch nie. Wann ist der voraussichtliche Geburtstermin?«
»Ende Oktober«, entgegnete die werdende Mutter.
»Aufgrund der angespannten personellen Situation bleibt bis zum Mutterschutz alles beim Alten. Ich habe so kurzfristig keine Alternative. Sie müssen es uns nur sagen, falls der Außendienst für Sie zu beschwerlich wird. Ich hoffe, dass wir bis dahin kein Kapitalverbrechen mehr haben.«
Mandy war sichtlich erleichtert, dass sie die Dienststelle vor der Geburt nicht mehr wechseln musste und weiterhin an der Seite ihres Liebsten arbeiten konnte.
Doch Thomas genügte diese Antwort nicht. »Und wie soll’s danach weitergehen, Chef?«
»Bis dahin fließt noch viel Wasser die Rott hinunter. Wir werden schon eine einvernehmliche Lösung finden. Meine Unterstützung haben Sie«, versprach der Leiter der Pfarrkirchner Polizeiinspektion.
Thomas und Mandy nickten sich zufrieden zu. Sie hatten gehofft, dass sie auf ihren Vorgesetzten bauen konnten, denn das Verhältnis zu ihm war in letzter Zeit besser geworden. Bei den ersten beiden Mordfällen war er noch sehr nervös und ungeduldig gewesen. Der Druck durch seine Dienstherren und durch die Öffentlichkeit, die schnelle Ergebnisse erwarteten, hatten ihm damals gehörig zu schaffen gemacht. Doch je näher er sich in Richtung seines Ruhestands bewegte, desto entspannter wurde er auch in kritischen Situationen. Beim letzten Mordfall war er kaum noch hektisch gewesen, denn er wusste mittlerweile, dass er sich auf seine Mitarbeiter verlassen konnte. Sein Ermittlerduo hatte die drei Mordfälle in den letzten zwei Jahren schließlich jeweils zeitnah gelöst. Die Anerkennung dafür war nicht ausgeblieben. Vor wenigen Monaten waren Thomas und Mandy durch die Unterstützung ihres Vorgesetzten zum Polizeioberkommissar beziehungsweise zur Polizeioberkommissarin befördert worden.
»Chef, Sie sind der Erste, dem wir das g’sagt haben«, stammelte Thomas, der damit das Vertrauen zu Kiermeier unterstreichen wollte.
»Das freut mich, dass Sie mir Ihr süßes Geheimnis gleich offenbart haben. Aber Sie werden verstehen, dass ich die neue Situation erst verarbeiten muss. Ich war auch ziemlich der Erste, der von Ihrem Verhältnis erfahren hat, oder?«, fragte der Polizeioberrat.
»Ja, das stimmt. Jetzt könnten Sie uns doch sagen, wer Ihre Quelle war«, hakte Thomas neugierig nach.
»Also gut. Meine Nachbarin hat es mir gesteckt. Frau Rohrmoser hat Sie letztes Jahr während des Open-Air-Konzerts in Tann beobachtet, wie Sie sich geküsst haben. Das hat sie mir am nächsten Tag am Gartenzaun erzählt«, offenbarte der Pfarrkirchner Polizeichef.
Mandy und Thomas lächelten sich vielsagend an und dachten an ihren ersten Kuss, den Mandy anschließend als Lapsus bezeichnet hatte.
»Sie haben meine Nachbarin während des Mordfalls Doktor Rausch kennengelernt. Die Frau Rohrmoser hatte das Handy des Ermordeten gefunden. Können Sie sich noch an sie erinnern?«, fragte Kiermeier, der sich einen kleinen Seitenhieb gegenüber Thomas nicht verkneifen konnte.
Thomas nickte peinlich berührt. Er würde Frau Rohrmoser so schnell nicht vergessen, denn er hatte in diesem Zusammenhang seinen Vorgesetzten angelogen, als er behauptet hatte, dass er und nicht Frau Rohrmoser das Handy gefunden habe. Die Schamesröte stieg ihm noch heute ins Gesicht, wenn er daran dachte. Er hatte aber daraus gelernt.
»Ja, Frau Rohrmoser hat uns damals sehr geholfen«, sprang Mandy in die Bresche.
»Sie sind wirklich ein gutes Team geworden. Anfangs hat es zwar nicht danach ausgesehen, doch inzwischen sind Sie bestens zusammengewachsen. Dass es gleich so eng wird, hätte ich allerdings nicht gedacht«, gab der Polizeioberrat schmunzelnd zu.
»Ich auch ned«, bestätigte Thomas und grinste seine Freundin spitzbübisch an.
»Dito«, feixte Mandy zurück.
»Na gut, dann bleibt mir noch, Ihnen ein schönes Wochenende zu wünschen«, sagte Kiermeier, stand auf und geleitete die beiden aus seinem Büro.
Ob das Wochenende wirklich so schön wird, wird sich noch herausstellen, dachte Thomas, denn die nächste Herausforderung stand bereits vor der Tür. Für morgen hatte sich Mandys Vater samt neuer Freundin für einen mehrtägigen Besuch angekündigt. Thomas sah dem Besuch mit gemischten Gefühlen entgegen.
»Seid ihr schon wieder befördert worden?«, hallte es von hinten, als Thomas und Mandy gedankenversunken aus dem Büro des Chefs schlenderten. Es war der 47-jährige Polizeihauptmeister Karl Auer, der sich einen Feierabendscherz nicht verkneifen konnte.
»Haha, schön wär’s. Da müssen wir uns wohl noch einige Jahre gedulden«, widersprach Thomas.
»Schau ma mal … Und, was habt ihr am Wochenende vor?«, setzte Auer den Small Talk auf dem Gang des Polizeipräsidiums fort.
»Mein Vater kommt zu Besuch und stellt mir seine neue Lebensgefährtin vor. Das wird spannend«, entgegnete Mandy.
»Des kann ich mir vorstellen … Und was machst du, Thomas?«
»Ich hab noch keinen Plan. Wahrscheinlich werd ich mich aufs Moped setzen und die Frühlingssonne genießen«, schwindelte Thomas und holte sofort zur Gegenfrage aus. »Und was steht bei dir an, Karl?«
»Ich hab ein ruhiges Wochenende vor mir. Meine Frau geht zu einem Klassentreffen nach Tann, und mein Sohn ist mit seiner Clique am Attersee.«
»Na dann, genieß die stillen Tage«, wünschte Thomas und ging zusammen mit Mandy zu ihrem gemeinsamen Büro.
»Irgendwann müssen wir auch den Kollegen reinen Wein einschenken«, sagte Mandy, als sie im Büro angelangt waren.
»Das machen wir. Aber zuerst kommt unsere Familie dran«, bestimmte Thomas.
»Okay. Lassen wir es gut sein für heute. Jetzt gehen wir zum Einkaufen und bereiten uns danach auf das anstrengende Wochenende vor.«
Samstag
Der Komfort des Parkhotels stellte ihn zufrieden, und das Frühstück konnte sich sehen lassen. Seine Langeweile jedoch war geblieben. Er hatte am gestrigen Tag früh am Abend eingecheckt und nach dem Abendessen zu Fuß die nähere Umgebung sondiert. Dann war er auf sein Zimmer gegangen und hatte unter den angebotenen TV-Programmen nach einem etwas freizügigeren Sender gesucht, war aber nicht fündig geworden. Damit fehlte ihm auch eines seiner besten Mittel, um gegen die ständig drohende Schlaflosigkeit anzukämpfen.
Lustlos und übermüdet vom Nichtstun machte er sich an diesem Morgen auf den Weg zur Röntgenstraße, deren Lage er zuvor im Internet ausfindig gemacht hatte. Das Zielobjekt befand sich im Erdgeschoss eines größeren Reihenhauses. Natürlich waren die Gegebenheiten vor Ort genau so, wie er befürchtet hatte. Wie sollte er hier, in diesem kleinstädtischen Wohngebiet, über einen längeren Zeitraum jemanden beobachten, ohne selbst aufzufallen? Irgendwann würde er in der Lage sein, solche Jobs abzulehnen. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.
Am Ende entschied er sich dafür, zum Hotel zu gehen und seinen Wagen zu holen.
Zurück in der Röntgenstraße parkte er schräg gegenüber dem Reihenhaus und ließ die Rückenlehne des Fahrersitzes weit nach hinten gleiten. Die Langeweile hatte ihn wieder.
Auf viereinhalb Stunden war die Zeit der Anreise von Gera nach Pfarrkirchen veranschlagt worden. Mandys Vater Ralf hatte versprochen, mit seiner Lebensgefährtin um Punkt 8 Uhr zu starten. Thomas’ Schweinebraten war so getimt, dass er um halb eins fertig durchgeschmort auf dem Tisch stehen konnte. Nun kochten die Knödel bereits seit mehr als einer Stunde vor sich hin, und es begann sich eine kulinarische Tragödie anzukündigen.
Bei Mandy durfte Thomas in seinem wachsenden Groll auf kein Verständnis hoffen, denn sie hatte in Anbetracht der weiten Anfahrt aus Thüringen von Anfang an auf eine terminunabhängige Kalte Platte gedrängt. Thomas hatte sich jedoch darauf versteift, mit dem traditionellen niederbayerischen Leibgericht als Gastmahl aufzuwarten, um damit seine Wertschätzung für den ostdeutschen Teil der Familie auszudrücken.
Dieser kulinarische Willkommensgruß versank allerdings langsam im Knödelsud. Abwechselnd blickte Thomas auf die Uhr und auf seine in Auflösung begriffene Bratenbeilage.
Es war noch gar nicht so lange her, als Mandy ihn mit der Aussage überrascht hatte, dass auch ihr Erzeuger den Polizeiberuf gewählt hatte. Bei der Volkspolizei war Hauptmann Hanke vorwiegend im Betriebsschutz eingesetzt gewesen. Nach der Wende hatte er zur Verkehrspolizei gewechselt und war dort bis zu seiner Pensionierung geblieben.
Pünktlichkeit war doch eine gesamtdeutsche Eigenschaft des Beamtenapparats, haderte Thomas. Ausgeschlossen, dass im Osten bei der Vopo Schlendrian und Zuspätkommen geduldet worden wären. Allerdings war pünktliches Erscheinen auch nicht gerade Thomas’ größte Stärke. Sein Chef Kiermeier wusste ein Lied davon zu singen.
Um halb zwei rollte ein schlammgrauer Ford Scorpio, der seine besten Tage hinter sich hatte, in die Einfahrt des Sacherls. Es dauerte ein wenig, bis sich seine Türen öffneten. Dann entstieg ihm ein groß gewachsener Mittsechziger auf der Fahrerseite. Für sein Alter hatte sich Ralf Hanke gut gehalten. Nur der Bauchansatz wölbte sich bei der ansonsten schlanken Figur ein wenig nach vorne. Die dichten grau-schwarzen Haare hatte er zu einer flotten Igelfrisur gestylt.
Noch bevor sich Ralf seiner aus dem Haus tretenden Tochter zuwandte, steuerte er um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür für seine Begleiterin. Zuerst wurden zwei lange, nackte Beine sichtbar, an denen zwei weiße Pumps mit hohen Absätzen Aufmerksamkeit erregten. Dann schälte sich eine kurvige Gestalt mit kräftigen Schenkeln und breiten Hüften aus dem Wageninneren, die mit dem weißen Minirock eine gewagte Entscheidung getroffen hatte. Ralf nahm die junge Frau – sie hätte durchaus seine Tochter sein können – bei der Hand, führte sie zu den Wartenden am Hauseingang und stellte sie als sein »Herzblatt« Stella Mohr vor.
Normalerweise wäre Mandy auf ihren Vater zugestürmt und hätte ihn fest in ihre Arme geschlossen. Doch dass dessen neue Freundin nahezu gleich alt wie sie selber war, überrumpelte sie und nahm ihr jede Spontanität. Stocksteif hielt sie beiden die Hand entgegen.
Ganz anders Stella, die mit einem breiten Lächeln auf Mandy zuschritt, deren ausgestreckte Hand überging und sie mit ihren langen Armen umschlang. Die hochhackigen Schuhe machten sie einen Deut größer als die Polizistin.
Mandy ließ die Umarmung über sich ergehen, war jedoch froh, als Stella sich Thomas zuwandte und diesem die gleiche einnehmende Behandlung zukommen ließ.
»Papa, ich freue mich, dass du hier bist.« Nachdem Stella den Weg frei gemacht hatte, legte Mandy ihre Arme um die Körpermitte ihres Vaters und erwartete eine Liebkosung, die ihr in Form eines Wangenkusses zuteilwurde. »Langsam sind wir nervös geworden. Du … ich meine … ihr solltet ja schon viel früher eintreffen.«
»Du hast dich toll herausgemacht, Mandy, seit du gensmal von Gera abgehauen bist. Bayern bekommt dir.« Den letzten Satz sagte er mit Blick auf Thomas. »Bis Regensburg waren wir gut in der Zeit. Aber dann hat Stella eine Römerburg gesehen, die sie unbedingt anschauen wollte.«
»Eine Römerburg bei Regensburg? Seid ihr in die Stadt reing’fahren?« Thomas konnte sich nur die Mauerreste des römischen Militärlagers Castra Regina vorstellen.
»Nein, das war so eine … Säulenhalle … über dem Fluss.«
»Ach, die Walhalla an der Donau …«
»Genau, Walhalla hieß sie«, schaltete sich Stella nun in das Rätselraten um das Bauwerk ein. »Ist ja irre, das Ding. Und so gut erhalten. Ich wäre gerne hineingegangen, aber Ralf war dagegen.«
»Dann wären wir noch später angekommen. Mir ist die jetzige Verspätung schon zuwider. Als ehemaligem Polizisten ist mir Pünktlichkeit wichtig.«
Mit dieser Feststellung gewann Mandys Vater bei Thomas Pluspunkte zurück. »Ihr müssts an Mordshunger haben. Kommts rein, das Essen ist seit Stunden fertig.« Der Gastgeber bugsierte die ganze Gesellschaft ins Haus und ließ sie am gedeckten Esstisch Platz nehmen. Er beeilte sich, die Knödel aus dem Topf zu nehmen. Die runde, feste Form war ihnen längst abhandengekommen. Wie nasser Karton hingen sie flach über dem Schaumlöffel.
Mandy, die mittlerweile wusste, wie ein bayerischer Semmelknödel auszusehen hatte, warf Thomas einen mitleidigen Blick zu. Es half nichts, die verunstalteten Knödel mussten zusammen mit dem Sauerkraut und dem Schweinebraten aufgetischt werden.
»Ein Mutzbraten«, rief Stella voller Begeisterung aus. Man sah ihr an, dass ihr Magen nach seinem Recht verlangte.
Thomas schaute Mandy fragend an.
»Der Mutzbraten ist eine thüringische Variante des bayrischen Schweinebratens. Das Wort ›Mutz‹ bezeichnete früher ein Tier ohne Schwanz«, unterwies Mandy ihren Hobbykoch.
»Aber das Schwein hat doch einen Schwanz«, gab Thomas verwirrt zurück.
»Also, Kinder, ist doch egal, ob das Schwein einen Schwanz hat oder nicht. Konzentrieren wir uns auf das Essen, bevor alles kalt wird. Stella, Liebling, reichst du mir bitte die Schüssel mit dem Kraut rüber?«
Während des Essens wurde wenig geredet, dafür wurden vermehrt vielsagende Blicke gewechselt. Nur die abschließende Bemerkung Stellas, dass ihr Spaltkartoffeln als Beilage lieber seien, empfand Thomas als ungerechten Angriff auf seine verkochten Semmelknödel.
»Das Haus ist wunderschön, aber wohnt ihr nicht etwas weit ab vom Schuss?«, wollte Ralf von seiner Tochter wissen.
»Motorisiert ist man in fünf Minuten in Pfarrkirchen«, hielt Thomas umgehend dagegen.
»Außerdem kommt uns die abgeschiedene Lage gerade recht«, ergänzte Mandy. »Du weißt doch, dass wir nicht als Paar auffallen dürfen. Das wäre im Stadtbereich unmöglich zu bewältigen. Aber hier in Aign kommt niemand zufällig vorbei. Es ist das ideale Versteck.«
»Ein Liebesnest, wie romantisch«, ließ Stella etwas zu schrill vernehmen.
»Kaum zu glauben, dass euch eure Dienststelle die gemeinsame Ermittlungstätigkeit noch durchgehen lässt. Bei uns wäre einer von beiden schon längst an eine neue Inspektion versetzt worden. Ihr müsst bei eurem Chef einen großen Stein im Brett haben.« Spätestens jetzt war klar, dass die Pensionierung von Mandys Vater noch nicht allzu weit zurücklag.
»Mal den Teufel nicht an die Wand«, mahnte Mandy und beschloss, die Tafel aufzuheben, bevor versehentlich ihre Schwangerschaft zum Thema werden würde. Ihr Vater wusste noch nichts von seinem ungeborenen Enkelkind. »Ich übernehme jetzt das Tischabräumen, und Thomas holt mit euch die Koffer aus dem Auto und zeigt euch das Zimmer, das wir vorbereitet haben.«
»Ja, macht hinne. Ich will mich ein wenig hinlegen. Ihr glaubt ja nicht, wie anstrengend das Autofahren wird, wenn man einmal die 60 überschritten hat.«
»Och, du Armer. Und mir versprichst du große Touren nach Italien und Spanien. Dabei machst du in Bayern schon schlapp«, sagte Stella. »Komm, ich leg mich dazu und pfleg meinen müden Helden wieder fit.«
Nachdem das Gepäck verstaut und das Gästezimmer bezogen war, gesellte sich Thomas zu Mandy in die Küche.
»Deine Stiefmutter hab ich mir ganz anders vorg’stellt. Dein Vater hat es faustdick hinter den Ohren.«
»Stiefmutter? Hör bloß auf! Er wolle mich überraschen, hat er mir am Telefon gesagt. Das ist ihm einwandfrei gelungen. Was ist bloß in ihn gefahren? Das kann doch nicht sein Ernst sein! Mein Vater war immer die Vernunft in Person.«
»Vielleicht eine zweite Midlife-Crisis?«
»Er war nie ein Schürzenjäger. Was will er sich mit so einer Gespielin beweisen? Es scheint ihm nicht einmal peinlich zu sein.«
»Nun übertreib nicht gleich. Sie ist doch ganz nett. Zwar nicht mein Typ, aber ich kann verstehen, dass sie für deinen Vater etwas Anziehendes hat.«
»Natürlich, ihr Männer habt doch alle dieselbe Sichtweise. Dass er sich zum Gespött der ganzen Umgebung macht, scheint dabei zweitrangig zu sein. Wenn sie wenigstens zehn Jahre älter wäre als ich, dann wäre sie zumindest nur 20 Jahre jünger als er! Hoffentlich ist das eine Phase, die schnell vorbei ist … Mein Gott, ich rede von meinem Vater, als wäre er ein pubertierender Junge.«
Thomas zog Mandy an sich. »Warte es ab. Vielleicht hat er gerade einfach ein bisschen Spaß. Nach einiger Zeit wird er merken, wie schwierig eine Beziehung mit so großem Altersunterschied ist. Wir sollten entspannt mit der Situation umgehen. Außerdem bist du nicht für die Spinnerei deines Vaters verantwortlich, und wenn wir uns nicht viel daraus machen, verbringen wir ein paar lustige gemeinsame Tage.«
Der Begriff »lustig« entsprach nicht gerade dem, was Mandy sich vom Besuch ihres Vaters erhofft hatte. Mit dem Kind in ihrem Bauch würden sich viele Konstanten in ihrem Leben für immer verändern. Sie hatte mit einem fürsorglichen Ratgeber gerechnet, der ein offenes Ohr hatte für die Vorfreuden und die Nöte seiner Tochter. Nicht mit einem alternden Casanova und seinem Betthäschen.
»Ich weiß nicht, ob ich unter diesen Umständen bereit bin, meinen Vater in die Schwangerschaft einzuweihen. Er selbst hat nicht das Geringste bemerkt. Ich bin wirklich schwer enttäuscht.« Mandy setzte sich auf einen Küchenstuhl und strich sich sorgsam über ihren Bauch.
»Er hatte auch noch nicht viel Gelegenheit dazu, da muss ich ihn in Schutz nehmen. Der männliche Blick ist ned b’sonders d’rauf trainiert, frühe Schwangerschaften zu entdecken, das ist eher eine weibliche Disziplin.« Thomas dachte an seine Polizeikollegen, von denen bisher kein einziger die geringste Andeutung gemacht hatte. Er musste den Familienfrieden wiederherstellen, sonst blühten ihm schwierige Tage. Mandy befand sich in einer empfindsamen Phase, in der sie Widrigkeiten mit Bleigewichten nach unten zogen. »Ich mach dir einen Vorschlag. Sobald die zwei aus den Betten g’stiegen sind, machen wir eine Hausbesichtigung. Im Anschluss nehm ich die Stella beiseite, und du kannst deinen Vater ung’stört darauf vorbereiten, dass er bald Opa wird und sich entsprechend benehmen soll.«
Mandy sah Thomas mit freudlosen Augen an, sagte aber kein Wort.
Gegen 17 Uhr waren im oberen Stockwerk Geräusche zu vernehmen. Die Gastgeber hatten es sich bis dahin auf dem Sofa gemütlich gemacht. Als Stella und Ralf endlich in die Stube traten, stellte Thomas sie vor die Wahl eines Rundganges durch die Gebäude oder eines gemeinsamen Kaffees auf der Terrasse. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, dass die Thüringer das Sacherl gerne inspizieren wollten und er damit seine Idee wie geplant umsetzen konnte.
Die mit viel Liebe zum Detail hergerichteten Räumlichkeiten blieben nicht ohne Eindruck auf die beiden Gäste. Auf Ralfs Frage, wie sie zu diesem Kleinod gekommen seien, verwies Thomas auf Mandy, die ihm die längere Geschichte bei Gelegenheit sicher gern erläutere. Zuletzt betraten sie das landwirtschaftliche Nebengebäude, welches eine geräumige Garage und eine gut sortierte Werkstatt beherbergte.
Beim Anblick von Thomas’ Motorrad stieß Stella einen spitzen Schrei aus. »Hont! Das ist aber eine Maschine! Mensch, Ralfi, bist du mit so einer schon gefahren?«
Mandys Vater schaute ein wenig verlegen, nickte dann aber.
Stella ließ sich ihre Euphorie nicht mehr nehmen. »Damit könnten wir doch morgen durch die Gegend brettern. Ralfi, sag ja, bitte, bitte!«
Der Angesprochene grinste peinlich berührt, sah sich jedoch zu keiner Antwort imstande.
»Warum nicht, Papa? Thomas weist dich bestimmt gerne in seine Maschine ein, oder?« Die Frage war rhetorisch und duldete keinen Widerspruch.
Jetzt war es Thomas, der vor Verlegenheit hüstelnd zaghaft Zustimmung signalisierte. »Ja, wenn … ich mein … äh … freilich. Äh … Ralf, hast du schon einmal eine schwere BMW g’fahren?« Er hoffte, dass der Schwiegervater in spe einen ehrenvollen Rückzug antrat. »Du weißt scho, dass die zweieinhalb Zentner wiegt?«
»Ich bin jahrelang mit einer MZ herumgedüst.«
Bevor Thomas weitere verschleierte Gründe anführen konnte, die gegen eine Motorradtour des ungleichen Paares sprachen, beendete Mandy die Diskussion. »Fein, dann werdet ihr also morgen die Umgebung Pfarrkirchens auf zwei Rädern erkunden. Und jetzt wird es höchste Zeit für einen Kaffee. Noch später und wir bekommen die ganze Nacht kein Auge zu.«
»Macht nichts, stimmt’s, Ralfi?« Stella kicherte ihren Geliebten vielsagend an.
Mandy rollte mit den Augen, doch das sah Stella nicht.
Als das Quartett an der Haustür des Sacherls angekommen war, erinnerte sich Thomas an seinen Plan. »Stella, komm, ich muss dir unbedingt noch was zeigen. Gehts ihr schon mal ins Haus und kochts uns a Haferl«, bedeutete er Ralf und Mandy.
Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, Stella zu einem Motorradausflug zu überreden. Das hatte sich jedoch erübrigt. Gezwungenermaßen musste er sich nun kurzfristig etwas anderes einfallen lassen. Eine bessere Idee, als die junge Thüringerin durch den Garten zu führen, hatte er nicht parat. Leider zeigte Stella herzlich wenig Interesse an seinem Gewächshäuschen, den Hochbeeten und dem Komposthaufen, auch deshalb, weil um diese Jahreszeit nicht allzu viel Vorzeigbares vorhanden war. Jeden Moment erwartete er von ihr die Aufforderung, sich endlich den Kaffeetrinkern anzuschließen.
Da fiel sein Blick auf die finnische Sauna, die mit reicher Ausstattung in einem früheren Geräteschuppen eingerichtet worden war. Sofort war klar, dass er damit bei Stella punkten konnte. Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag vernahm er den spitzen Schrei, als er die Tür zum komfortabel eingerichteten Schwitzbad öffnete. Nun konnte er sich ausführlich über die Anwendungen, ätherischen Aufgüsse, Peelingsalze, Massagehölzer und Saunabrunnen auslassen.
»Papa, die Überraschung ist dir geglückt, aber eine große Freude hast du mir damit nicht bereitet!« Mandy wollte nicht lange um den heißen Brei herumreden.
»Wenn du auf Stella anspielst, bitte lerne sie erst kennen, bevor du dir ein Urteil bildest. Ich weiß, dass sie manchmal mit ihrer Art danebenliegt, doch sie ist eine gute Haut.«
»Es geht mir nicht um den Charakter, sondern um das Alter! Wahrscheinlich ist sie noch jünger als ich. Nie hätte ich von dir gedacht, dass du so etwas nötig hast!«
»Ist sie nicht. Aber egal. Weißt du, in meinem Alter verändert sich einiges, was man wenige Jahre vorher noch als normal und selbstverständlich betrachtet hat. Langsam schließen sich die Türen zu vielen Räumen, die man nie wieder betreten wird. Mit Stella hat sich mir eine dieser Türen, die ich als für immer geschlossen betrachtet habe, noch einmal geöffnet. Und glaube mir, ich mache mir keine allzu großen Illusionen. Stella braucht gerade einen väterlichen Freund. Gott weiß, wie lange das anhält.«
»Und wenn auch andere diesen väterlichen Freund brauchen? Zum Beispiel deine Tochter? Ich nehme an, du hast es noch nicht bemerkt, Papa. Ich bin schwanger. Wie du heute Mittag treffend festgestellt hast, wird sich mein Polizeidienst demnächst grundlegend ändern. Alles wird sich ändern, und ich habe keine Ahnung, wie ich das alles geregelt bekomme. Ich habe Angst, Fehler zu machen …«
»Wow, ich werde Großvater, das ist ja fantastisch! Warum hast du das nicht gleich gesagt? Entschuldige, mein Kleines! Bitte entschuldige, dass ich so auf mich bezogen war … Komm, lass dich umarmen. Sei nachsichtig mit mir. Dein alter Vater war auf beiden Augen blind.« Wie früher strich er seiner Tochter durch das lange Haar. »Jetzt musst du mir alles ganz genau erzählen. Alles, was ich noch nicht weiß, und ich denke, das ist eine ganze Menge.«
Sonntag
»Kannst du auch ned schlafen?«, flüsterte Thomas am Sonntag um 7.30 Uhr im Bett, als er Mandy neben sich mit offenen Augen liegen sah. Sie hatten sich vorgenommen, möglichst lange auszuschlafen.
»Ich glaube, ich habe heute Nacht keine Minute gepennt.«
»An was denkst du?«
»An was wohl? An meinen durchgeknallten Vater. Ich kann es immer noch nicht fassen, welche Tussi er sich da angelacht hat«, klagte Mandy. »Einerseits ist ihm bewusst, wie unmöglich die Situation ist, aber andererseits scheint ihm das egal zu sein.«
Thomas wusste, wie sehr Mandy an ihrem Vater hing. Sie war ein Einzelkind, und ihre Mutter war kurz vor Mandys siebtem Geburtstag bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ihr Vater war die einzige Bezugsperson in ihrer Jugend gewesen. Dieser Umstand hatte Vater und Tochter fest zusammengeschweißt. Sie liebte und bewunderte ihren Vater, der nach dem Tod seiner Frau keinerlei Anstalten gemacht hatte, sich nach einer neuen Partnerin umzusehen. Als Mandy erwachsen war, hatte sie ihn gedrängt, offen für eine neue Beziehung zu sein. Doch er war bis zu seiner Pensionierung Junggeselle geblieben. Sie hatte sich so gefreut für ihn, als er ihr vor wenigen Monaten am Telefon mitgeteilt hatte, dass es eine neue Frau in seinem Leben gebe. Und jetzt das.
»Sei nicht so streng mit ihm. Sie wird bestimmt Qualitäten haben, die wir noch ned entdeckt haben«, schmunzelte Thomas.
»Die du hoffentlich auch nie entdecken wirst«, konterte Mandy barsch zurück.
Der Grund für Thomas’ unruhige Nacht war nicht unbedingt die Partnerwahl von Mandys Vater, sondern sein geliebtes Motorrad. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er gestern seinem Schwiegervater in spe erlaubt hatte, eine Motorradtour mit seiner gehegten und gepflegten GS zu machen. »Hoffentlich kommt dein Vater mit meiner Maschine zurecht«, sagte er deshalb.
»Das ist wieder mal typisch Mann! Ich mach mir Sorgen um meinen Vater, und du hast nur deinen zweirädrigen Protzkübel im Kopf. Ich glaube es nicht!«, empörte sich Mandy lautstark.
Thomas begriff sofort, dass er einen sensiblen Nerv seiner Freundin getroffen hatte. Deswegen versuchte er die Situation zu retten. »Ich mach mir keine Sorgen um das Moped, sondern um deinen Vater und seine Sozia. Hoffentlich baut er keinen Unfall«, stammelte Thomas.
»Mein Vater fährt seit über 40 Jahren Motorrad, also länger, als du am Leben bist.«
»Aber meine BMW ist doch was ganz anderes als seine MZ.«
»Thomas, da musst du dir wirklich keine Sorgen machen«, wiegelte Mandy mit Überzeugung ab.
Thomas’ Handy klingelte, welches er wie jede Nacht auf dem Nachttisch liegen hatte. Er krallte sich sein Smartphone. »Es ist die Inspektion«, sagte er leise, als er die Nummer auf dem Display erkannte, und nahm das Gespräch an.
Stefan Wegerer, der 31-jährige Polizeiobermeister von der Pfarrkirchner Dienststelle, meldete sich. »Guten Morgen, Thomas. Entschuldige die Störung, aber ich fürcht, dass du deine Pläne für den heutigen Tag komplett umschmeißen musst.«
»Was ist passiert?«, fragte Thomas ungeduldig, und auch Mandy richtete sich im Bett auf und hörte neugierig zu, nachdem Thomas den Lautsprecher an seinem Handy betätigt hatte.
»In der Kirche in Tann hat der Mesner einen Toten g’funden, und wie es ausschaut, ist er nicht an Altersschwäche g’storben«, berichtete der junge Polizeiobermeister.
»In der Wallfahrtskirche oberhalb vom Marktplatz?«
»Genau in der. Der Mann liegt mausetot mitten in der Kirche.«
»Um Gott’s will’n! Bist du schon in Tann?«
»Ja, logisch, und der Karl auch. Der spannt grad die Absperrbänder um die ganze Kirch.«
»Und was ist mit der Spurensicherung und dem Rechtsmediziner?«
»Die sind unterwegs. Die Mandy ruf ich auch gleich an.«
»Das mach ich. Hilf du lieber dem Karl beim Absperren. Wir … äh … ich bin in einer halben Stunde da.« Beinahe hätte Thomas sich verplappert. »Ich hoff, ich kann die Mandy erreichen«, schwindelte er.
»Mist, ausgerechnet jetzt, wo mein Vater da ist«, klagte Mandy, als Thomas aufgelegt hatte.
»Das hätten wir dem Mörder vorher sagen müssen«, flachste Thomas grinsend.
»Haha, du hattest auch schon bessere Gags. Apropos sagen. Ich gehe nicht ins Schlafzimmer meines Vaters, um ihm mitzuteilen, dass wir den ganzen Tag nicht hier sein werden.«
»Meinst du ich?«
Letztlich entschieden sie, einen Zettel zu schreiben und diesen auf den Tisch der Wohnstube zu legen. Nach einer kurzen Morgentoilette eilten die beiden zu Thomas’ Auto.
»Sollen wir mit einem Auto zum Tatort fahren?«, fragte Mandy verunsichert.
»Ja, komm. Wir müssen es unseren Kollegen eh bald sagen«, antwortete Thomas mit einem Blick auf Mandys Bäuchlein und stieg in seinen BMW ein.
»Vielleicht ergibt sich morgen die Gelegenheit.«
»Und wann sagen wir es meiner Mutter?«
»Erst wenn Papa mit seiner Tussi abgereist ist, sonst wird mir die familiäre Bande noch zu viel«, bestimmte Mandy.
Thomas konnte Mandys Reaktion zwar verstehen, aber ganz wohl war ihm nicht in seiner Haut. Was würde passieren, wenn seine Mutter die freudige Nachricht nicht von ihm, sondern von einem Fremden erführe? Dann würden die Risse in der Beziehung zu seiner Mutter bestimmt noch tiefer werden, als sie ohnehin schon waren. Entstanden waren sie, als der neue Partner von Elfriede Huber vor knapp zehn Jahren in ihr Leben getreten war. Mit diesem Mann, der immer alles besser wusste und sich für den Schlausten unter der Sonne hielt, kam Thomas nicht zurecht. Er wunderte sich, wie es seine Mutter mit diesem Angeber aushielt. Schon seit acht Jahren wohnten sie zusammen in Dingolfing. Und obwohl die BMW-Stadt nur ungefähr 50 Kilometer von Pfarrkirchen entfernt lag, hatte Thomas seine Mutter in den letzten Jahren kaum gesehen. Thomas litt unter dieser Situation, denn er liebte seine Mutter. Sie hatte ihn alleine großgezogen, nachdem sein Vater sich aus dem Staub gemacht hatte, als Thomas zwei Jahre alt gewesen war.
»Es wird schon gut gehen«, hoffte der 37-Jährige.
Thomas parkte seinen Wagen am unteren Marktplatz in Tann, unweit des Gasthauses Grainerbräu. Anschließend eilten er und Mandy durch die enge Kirchengasse über eine Treppe zur ehrwürdigen Wallfahrtskirche Sankt Peter und Paul hinauf. Bei einigen Häusern war der Putz schon gewaltig von der Fassade gebröckelt. Diese Gasse hatte auch schon bessere Zeiten gesehen, dachte Thomas. Vor dem Gotteshaus flatterte das rot-weiße Polizeiabsperrband im Wind. Davor hatte sich eine Menschengruppe gebildet, aus der heraus Karl Auer mit seiner Uniform leicht zu erkennen war.
Der Polizeihauptmeister löste sich aus der Menge und kam schnellen Schrittes auf die beiden zu. »Gut, dass ihr da seid«, begrüßte er seine Kollegen. »Der Pfarrer ist komplett aus dem Häuschen«, stieß Auer, den normalerweise nichts so schnell aus der Ruhe brachte, ziemlich aufgeregt hervor.
»Der Pfarrer interessiert uns im Moment noch ned, Karl. Erzähl uns zuerst mal, was passiert ist. Und davor atme tief durch«, beruhigte Thomas ihn. Insgeheim war er froh, dass Karl das gemeinsame Erscheinen mit seiner Partnerin nicht hinterfragt hatte.
»Dadrin in der Kirch liegt der Tote am Boden. Vermutlich ist er von der Empore auf den Steinboden g’fallen.«
»Dann könnte es sich um einen Selbstmord handeln?«, unterbrach ihn Mandy.
»Nix G’wiss’ woaß ma ned«, orakelte Karl im tiefsten Niederbayerisch.
Mittlerweile verstand auch die gebürtige Thüringerin den hiesigen Dialekt, sodass sie nun, im Gegensatz zu ihrer Anfangszeit an der Rott, nicht mehr nachzufragen brauchte.
»Das werden wir herausfinden. Was ist mit der Spurensicherung und dem Rechtsmediziner?«, wollte Thomas als Nächstes wissen.
»Die SpuSi-Kollegen sind bereits bei der Arbeit, und die Ärztin ist auch schon drinnen. Der Stefan ist bei ihnen«, berichtete Auer und zeigte auf das Kirchenportal.
»Eine Ärztin?«, wunderte sich Thomas.
»Ja, der Doktor Tremmel hat sich beim Fußballspielen das Kreuzband g’rissen, hat sie g’sagt. Die Frau Doktor Weiler ist eine ganz Fesche, und nett ist sie auch noch«, ergänzte der Polizeihauptmeister grinsend.
