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Ein motorisierter Gleitschirmflieger wird leblos in einer Baumkrone mitten im Zentrum von Pfarrkirchen entdeckt. Bei dem Toten handelt es sich um einen hiesigen erfolgreichen Gebrauchtwagenhändler, der im Flug aus großer Entfernung erschossen wurde. Ein sehr komplizierter Fall für das Pfarrkirchner Ermittlerteam Thomas Huber und Mandy Hanke, da weder ein genauer Tatort noch die Tatwaffe auszumachen sind. Zudem dürften die beiden als offizielles Paar eigentlich nicht mehr gemeinsam ermitteln.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Hans Weber / Armin Ruhland
Ausgeschossen
Niederbayern-Krimi
Zielgenau Ein Gebrauchtwagenhändler wird während eines Gleitschirmfluges erschossen. Seine Leiche hängt in einer Baumkrone mitten in Pfarrkirchens Altstadt. Dieser spektakuläre und noch dazu sehr komplizierte Fall beschäftigt das Ermittlerpaar Thomas Huber und Mandy Hanke mehr, als ihnen lieb ist. Weder ein genauer Tatort noch eine Tatwaffe sind auszumachen. Doch eines liegt auf der Hand: Der Mörder muss ein sehr guter Schütze gewesen sein. Tatsächlich stellt sich heraus, dass einige Verdächtige in Schützenvereinen aktiv sind. Allen voran die kubanische Ehefrau des Toten, die von Anfang an keinen Hehl daraus macht, dass ihre Ehe zerrüttet war. Doch ausgerechnet Thomas’ unliebsamer Stiefvater in spe bringt die Polizisten auf eine ganz andere Spur. Das Mordopfer schien selbst in kriminelle Geschäfte verwickelt gewesen zu sein. Dieser Fall bringt Thomas und Mandy an ihre Grenzen, auch weil ihnen als Paar das gemeinsame Ermitteln verboten wird. Für die Vorfreude auf den Nachwuchs bleibt keine Zeit.
Hans Weber, geboren 1961, und Armin Ruhland, geboren 1959, besuchten dieselbe Klasse am Gymnasium Dingolfing und waren eng befreundet. Nach dem gemeinsamen Abitur im Jahr 1980 trennten sich jedoch ihre Wege. Während Weber nach seinem BWL-Studium in verschiedenen Bereichen bei einem bayerischen Automobilhersteller lange Jahre nahe seiner Heimat beschäftigt war, zog es seinen Freund in die Ferne. Nach einem Kunstgeschichtsstudium belieferte Armin Ruhland vom spanischen Madrid aus wissenschaftliche Bibliotheken mit Fachliteratur. Nach knapp 40 Jahren kreuzten sich ihre Wege wieder und sie entdeckten ihre Liebe zum Schreiben von regionalen Krimigeschichten. Die beiden Autoren leben mit ihren Familien im Landkreis Dingolfing-Landau.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Lektorat: Christine Braun
Satz: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Spitzi-Foto / stock.adobe.com
ISBN 978-3-7349-3170-3
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Donnerstag
Emmi Kellner ging gemäßigten Schrittes auf der südlichen Ringstraße Pfarrkirchens in die Richtung des Lazy Cat Coffeehouses. Die Rentnerin schlenderte gerne an dieser Straße entlang der Allee, an der die alten Stadtmauern ihrer Heimatstadt zumindest teilweise noch sichtbar waren. Ihre Absicht war es jedoch nicht, sich ein Heißgetränk im Kaffeehaus zu bestellen, sondern den dort in der Nähe befindlichen Bücherkasten aufzusuchen. In diesem mehrteiligen, verglasten Bücherschrank der Stadtverwaltung konnte man gelesene Romane oder Sachbücher ablegen und sich im Gegenzug kostenlos mit Literatur versorgen. Aus diesem Grund trug sie drei abgegriffene Kriminalromane in einer Plastiktüte bei sich, von denen sie wusste, dass sie sie nicht wieder in die Hand nehmen würde.
Emmi hatte ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie ein Krimi geschrieben sein musste, um ihr zu gefallen. Sie hasste verschrobene oder verkorkste Kommissare und blutrünstige Mordgeschichten. Wenn der Tod in den von ihr bevorzugten Geschichten zuschlug, dann eher beiläufig und eingehüllt in eine luftige Sommeridylle. Der Mord als leichte Kost, passend zu Tee und feinem Gebäck.
Sie war bereits mehrere Schritte über den Blattteppich gegangen, der den Bürgersteig vor ihr bedeckte, als sie bemerkte, wie ungewöhnlich dies für die Jahreszeit war. Zerhackte Blätter, vermischt mit kleinen Zweigen und einigen größeren Astbruchstücken lagen auf dem Boden verstreut. Der leichte Nieselregen an diesem windarmen Tag war keine vernünftige Erklärung für das grüne Chaos zu ihren Füßen, schon gar nicht im Hochsommer.
Sie blieb stehen und betrachtete das Blattgewirr um sich herum, welches nur an dieser Stelle auftrat und sich im weiteren Umkreis langsam verlor. Aus den Augenwinkeln heraus nahm sie wahr, dass sich ihre beige Jacke an der rechten Schulter leicht verfärbte. Wenige dünne Tropfen hatten den Stoff dort rot gefärbt. Emmi streifte reflexartig mit der Hand darüber. Es sah aus, wie wenn man sich bei einer leicht blutenden Schnittwunde Wasser über die Verletzung laufen ließ. Als sie ihren Blick nach oben in die Baumkronen richtete, bot sich ihr eine Ansicht, die sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen würde.
*
»Guten Morgen, Mandy, oder besser gesagt guten Tag, Mittag is ja schon g’wesen.« Nach ihrem zweiwöchigen Urlaub steckte die Sekretärin der Pfarrkirchner Polizeiinspektion, Hilde Bernauer, neugierig ihren Kopf durch die Tür des Büros. »Du sitzt ja ganz allein im Zimmer. Geh, lass mich dein’ Bauch sehen, der muss um einiges g’wachsen sein. Ich bin so g’spannt, wenn’s so weit is. Wann ist eigentlich dein Termin? Meiner Meinung nach solltest du schon längst dahoam bleiben und auf Homeoffice machen. Du stapelst doch keine Handtücher aufeinander, sondern jagst Verbrecher! Da gibt’s gefährliche Momente, des darf man keinesfalls unterschätzen. Was sagt denn dein Thomas dazu, und wo ist der überhaupt?« Hilde war wieder einmal kaum zu bremsen.
Mandy hatte sich von ihrem Stuhl erhoben und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Mit Stolz zeigte sie die sich deutlich abzeichnende Rundung in der Mitte ihres ansonsten schlanken Körpers. »Gefährlich und Pfarrkirchen? Hilde, das passt doch nicht zusammen.«
»Des stimmt ned ganz, Mandy! Seit du damals von Thüringen her’kommen bist, ist viel passiert. Des war ja fast wie bei den Rosenheim-Cops, jede Woch gab’s a Leich. Vorher waren wir wirklich ein braves, verschlafenes Nest.«
»Nun übertreibe nicht, Hilde. Zu deiner Frage, wo Thomas ist: Er kauft gerade beim Bäcker was zum Kaffee ein. Bevor er zurückkommt, würde ich dich gerne etwas fragen.«
Die Augen Hildes weiteten sich, und ihr Blick bekam einen prüfenden Charakter. »Sag schon, keine falsche Scham!« Gemäß ihrem Faible für diskrete Nachrichten erwartete die Sekretärin wegen der ungewöhnlichen Einleitung von Mandys Frage eine intime Beichte oder zumindest ein schwerwiegendes Geheimnis. Zu ihrem Leidwesen wurde sie enttäuscht.
»Du weißt bestimmt, dass Thomas am Samstag Geburtstag hat. Ich habe ihm eine Eintrittskarte für ein Ligaspiel des FC Bayern München in der Allianz-Arena gekauft. Für kommenden November, früher habe ich keine bekommen. Was glaubst du, wie viel Zeit und Nerven es mich gekostet hat, bis ich eine ergattert hatte? Weil es bis zu dem Spiel noch so lange dauert, würde ich ihn übermorgen gerne in ein gutes Lokal einladen. Ich kenne mich aber immer noch nicht so gut aus hier in Niederbayern. Hättest du einen brauchbaren Vorschlag für mich?«
Die wie ein Kartenhaus zusammenfallende Spannung entlockte Hilde einen Seufzer, dann begann sie dennoch im Sinne der Anfrage nachzudenken. »Wie viele Gäste sollen kommen?«
»Keine Gäste, nur Thomas und ich. So etwas wie ein Candle-Light-Dinner habe ich mir vorgestellt, aber das geht ja schlecht in einem Biergarten.«
»Versteh schon. Das ›Luibl‹ in Eggenfelden wär vielleicht was. Das Ambiente dort eignet sich gut für ein Dinner zu zweit. Da müsstest allerdings bald reservieren, sonst wird’s nichts mehr für Samstag.«
»Stimmt, das Restaurant kenne ich. Da habe ich mit Thomas schon mal gefrühstückt, nach dem Mord am Pfarrkirchner Schuldirektor. Danke für den Tipp! Vielleicht entwickelt sich das ›Luibl‹ ja zu unserem Stammlokal.«
»Stammlokal? Welches Stammlokal?« Thomas hatte während Mandys letzten Worten die Bürotür geöffnet, in den Händen hielt er zwei kleine Bäckertüten.
»Mei Mo hat sei Stammlokal g’wechselt, weil dort sein geliebtes Brunner-Bier nicht mehr ausg’schenkt wird«, erwiderte Hilde gedankenschnell.
»Ganz richtig, da würd ich auch des Lokal wechseln«, nahm Thomas den Faden auf. »Ich hab gar nicht gewusst, Hilde, dass du heut, mitten in der Woch, wieder in d’Arbeit kommst. Hättest dein Urlaub ned noch bis zum Wochenende ausdehnen können?«
»Man kann euch hier ned zu lang allein lassen, da kommt nur Unsinn dabei raus«, scherzte die Sekretärin und verließ das Büro der Kommissare, vermutlich in der Absicht, gleich darauf das nächste Zimmer anzusteuern, um die neuesten Nachrichten bei den Kollegen in Erfahrung und später in den strategischen Umlauf zu bringen.
Weil sie heute keine Mittagspause gemacht hatten, war Thomas vorhin in die nah gelegene Bäckerei gegangen, um ein paar süße Stückchen zur Kaffeepause zu holen. Nun legte er die Bäckertüte auf Mandys Schreibtisch.
»Apfeltaschen waren aus, deshalb habe ich dir eine Zuckerschnecke mitgebracht, meine liebe Zuckerschnecke.« Er beugte sich zu Mandy, um ihr einen Kuss zu geben.
Doch Mandy lehnte sich ausweichend zurück, denn erstens wollte sie Intimitäten während der Arbeitszeit tunlichst vermeiden und zweitens fand sie das Kosewort »Zuckerschnecke« äußerst peinlich. »Es reicht, wenn du mir dazu eine Tasse Kaffee besorgst. Mit Milch und ohne Zucker«, sagte sie, wohlwissend, dass dem Vater ihres ungeborenen Kindes ihre bevorzugte Zusammensetzung des Heißgetränks mittlerweile bekannt sein dürfte.
Thomas machte sich auf den Weg, drehte aber vor der Bürotür wieder um. »Meine Mutter hat mich vorhin angerufen. Sie möchte uns am Samstagabend zu sich nach Hause einladen. Ich habe ihr zugesagt. Da spricht doch hoffentlich nichts dagegen?« Bevor seine Partnerin etwas antworten konnte, verschwand er aus dem Büro.
Das war vermutlich auch besser so, denn Mandy konnte die Enttäuschung über diese Ankündigung nicht verbergen. Sie hatte keine größeren Schwierigkeiten mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter, aber bei den wenigen Besuchen, die sie gemeinsam mit Thomas in dem Dingolfinger Haus absolviert hatte, war dieser stets in die Rolle des verwöhnten Muttersöhnchens zurückgefallen. Ganz zu schweigen vom unsympathischen Lebensgefährten seiner Mutter. Die Aussicht, das Wochenende, für welches sie ganz andere Pläne gehabt hatte, in Dingolfing zu verbringen, verdarb Mandy ihre gute Stimmung.
Thomas kam mit zwei Tassen Kaffee zurück und stellte eine davon mit einer verbeugenden Geste auf Mandys Tisch ab.
»Ich verstehe ja, dass deine Mutter dich an deinem Geburtstag bei sich haben will. Aber könnten wir das nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben?« Mandy wollte sich nicht entmutigen lassen. Sie hatte sich so über ihren guten Plan gefreut.
»Du sprichst mir aus der Seele, mein Schatz! Mir ist klar geworden, dass ich zu früh zugesagt habe.«
Mandys Miene hellte sich merklich auf, die dunklen Wolken verzogen sich. Bis Thomas weiterredete.
»Ich hatte ganz vergessen, dass an diesem Samstag Deutschland gegen England spielt. Das ist ein absoluter Klassiker. Als Fußballfan muss man sich so ein Spiel anschauen!«
Mandy wollte ihrem Missmut gehörig Luft verschaffen, doch in dem Moment steckte Hilde erneut den Kopf zur Tür herein.
»Ihr sollt zum Chef kommen. Dem Tonfall nach ist es b’sonders wichtig, also machts eich besser gleich auf den Weg.«
Beide ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, wie unbedeutend der Antritt beim Polizeioberrat sein würde im Vergleich zu dem, was ihnen in den nächsten Tagen bevorstand.
Als Mandy und Thomas das Büro des Polizeioberrats betraten, standen auf dem ovalen Konferenztisch drei Tassen Kaffee und auf einer Schale lagen mehrere Apfeltaschen bereit. Entweder hatte sich Hilde in der Einschätzung geirrt, oder das angebotene Gebäck sollte einer sehr ernsten Lagebesprechung die Schärfe nehmen. Da Thomas und Mandy vorher noch schnell die Zuckerschnecken verspeist hatten, hielt sich ihr Appetit auf diese Kalorienbomben arg in Grenzen.
»Machen Sie es sich gemütlich. Wir haben einige Dinge zu erörtern. Mein Gott, Frau Hanke, ihr Bauch wölbt sich ja schon beträchtlich!« Mit diesen Worten strich Kiermeier staunend über Mandys Bauch.
Diese war von der freundschaftlich gemeinten Berührung so überrascht, dass eine Abwehrreaktion ihrerseits unterblieb, obwohl sie derartige Vereinnahmungen hasste wie die Pest – noch dazu von ihrem Vorgesetzten.
Nachdem sich alle gesetzt hatten, eröffnete der Chef der Pfarrkirchner Polizeiinspektion das Gespräch mit der Bekanntgabe einer bedeutsamen Neuigkeit. »Wir, genauer gesagt Sie, bekommen Verstärkung. Ich habe von Straubing die Zusage für eine weitere Planstelle erhalten, die wir in der nächsten Zeit besetzen können. Wie Sie seit Längerem wissen, können Sie als privates Paar nur mehr bedingt gemeinsam ermitteln. Bei Befragungen und Vernehmungen gilt Ihr Zeugnis juristisch nur einfach, da zwischen Ihnen keine Neutralität mehr besteht. Ein Täter könnte vor Ihnen ein Geständnis ablegen, und vor Gericht stünde dann doch nur Aussage gegen Aussage. Wir haben diese unbefriedigende Situation viel zu lange schleifen lassen. Ihre erfolgreichen Ermittlungen sind daran nicht ganz unschuldig. Aber jetzt sind wir an einen Punkt gekommen …«, Kiermeier richtete seinen Blick erneut auf Mandys Babybauch, »… der so nicht mehr länger tragbar ist.«
»Herr Kiermeier, wir …«
»Einen Moment, Herr Huber! Hören Sie sich erst an, was ich Ihnen zu sagen habe, bevor Sie zum Widerspruch ansetzen. Bis Ihr neuer Kollege oder Ihre neue Kollegin ernannt ist und die Stelle antritt, werden sicher noch einige Wochen, vielleicht sogar Monate vergehen. Unter Umständen befinden Sie sich, Frau Hanke, dann bereits in Mutterschutz. Bis dahin würde ich Folgendes vorschlagen: Sie unterlassen bis auf Weiteres gemeinsame Ausflüge zu Zeugenbefragungen und Beweisaufnahmen. Beziehen Sie Ihre Kollegen Auer oder Wegerer ein, von mir aus auch unseren Techniker, Herrn Rieger, falls er zeitlich abkömmlich ist. Bei wichtigen Verhören können Sie auch auf meine Wenigkeit zurückgreifen.« Kiermeier nahm einen großen Schluck aus der Tasse und griff nach einer Apfeltasche.
Bei Thomas und Mandy hielt sich die Neigung für ein gemütliches Kaffeekränzchen in Grenzen.
»Tatortbesichtigungen«, schob der Polizeioberrat nach, »sind von dieser Regelung natürlich ausgenommen.«
»Meiner Meinung nach …«, setzte Thomas erneut an, wurde jedoch gleich wieder unterbrochen.
»Herr Huber, ich bin noch nicht fertig. Ein weiterer Vorschlag betrifft Ihren baldigen Urlaub. Ich kann verstehen, dass Sie den gemeinsam verbringen wollen. Aber unter den jetzigen Umständen lege ich Ihnen nahe, versetzt in den Urlaub zu gehen. So kommen Sie während dieser Zeit gar nicht erst in die Gefahr, irgendwelche Einsätze gemeinsam zu unternehmen. Eine elegante Lösung, finde ich.« Josef Kiermeier lehnte sich ob seiner pragmatischen Ideen zufrieden zurück und leistete sich einen weiteren Bissen von der Apfeltasche.
»Chef, meiner Meinung nach läuft’s, so wie es ist, ohne Probleme. Bis jetzt gab’s keinen einzigen Grund, weshalb wir nicht weiterhin als Team arbeiten sollten.«
Mandy war durchaus erstaunt, wie eifrig Thomas die Zusammenarbeit mit ihr verteidigte. Das war nicht immer so gewesen.
»Dass es bis jetzt funktioniert hat, wollen wir als glückliche Fügung betrachten, meine Herrschaften. Aber wir wollen das Glück nicht herausfordern. Dass Sie ab sofort im Wesentlichen getrennt ermitteln, ist eine beschlossene Sache, von der Sie mich nicht mehr abbringen werden.« Während Kiermeier wieder zur Kaffeetasse griff, blieben seine beiden Oberkommissare stumm und reglos auf ihren Stühlen sitzen.
»Haben Sie sich denn schon Gedanken gemacht, wie es bei Ihnen nach der Geburt des Kindes weitergehen soll?« Kiermeier blickte erwartungsvoll von einer zum anderen, musste aber lange warten, bis er eine zögerliche Antwort erhielt.
»Noch nicht so richtig, Chef … Wir sind voll damit beschäftigt, uns auf die Geburt vorzubereiten. Sie glauben ja nicht, was … da alles … für Anschaffungen nötig sind«, brachte Thomas stockend hervor.
»Ich hoffe, Sie brauchen dafür nicht mehr allzu lange. Ich möchte die Planungen für unsere Polizeiinspektion nicht immer erst auf den letzten Drücker erledigen. Solche Umstellungen benötigen ihre Vorlaufszeit. Die bayerischen Behördenmühlen mahlen langsam.« Das letzte Stück Apfeltasche fand seinen finalen Weg. »Falls sich einer von Ihnen beiden umorientieren will, kann ich weiterbildende Maßnahmen etwa in Mitarbeiterführung oder Verwaltungsrecht anbieten.« Kiermeier hielt abwartend inne. Weil jedoch keine Reaktion kam, sprach er weiter. »Vielleicht haben Sie ja gänzlich andere Vorstellungen von Ihrer beruflichen Zukunft. Ich muss es nur wissen. Geben Sie mir also baldmöglichst Bescheid.«
Der Gestik des Polizeioberrats entnahmen Thomas und Mandy, dass alles gesagt war und die Besprechung als beendet angesehen werden konnte. Doch es gab einen Nachtrag.
»Übrigens, mir ist ein interessanter Flyer von einem Polizeiseminar über Fotogrammetrie und Laserscanning ins Haus geflattert. Es geht dabei um die Möglichkeiten der Erstellung eines dreidimensionalen Tatortbefundes und seine Visualisierung. Spezialisten der Forensik und IT-Wissenschaft geben dazu Fachvorträge. Fühlt sich da jemand von Ihnen beiden angesprochen? Momentan scheint die Lage besonders ruhig und lädt zu Fortbildungsseminaren geradezu ein. Ich habe Sie jedenfalls darauf hingewiesen, und wenn Interesse besteht, teilen Sie es mir innerhalb der nächsten zwei Wochen mit, dann endet nämlich die Anmeldefrist.« Kiermeier stand auf, nahm ein Faltblatt, welches über das Seminar informierte, von seinem Schreibtisch und überreichte es Thomas.
Damit war die Besprechung nun tatsächlich zu Ende, und das Kommissarenduo ging ins Büro zurück.
»Unglaublich, welchen Situationen man in dieser Polizeiinspektion ausgesetzt ist«, entrüstete sich Mandy.
»Stimmt. Laserscanning, Fotogramm…irgendwas, so ein Schmarrn! Als Nächstes machen wir dann aus den Täterbeschreibungen Hologramme und lassen sie in den Bierzelten zur Identifizierung antreten«, spintisierte Thomas.
»Das meinte ich nicht! Ich bin schwanger und kein Streichelzoo. Wieso glaubt hier jeder, er könne mir ungeniert an den Bauch fassen?«
»Ach so, das war doch nicht bös gemeint vom Chef.«
»Dass du so etwas ganz normal findest, ist wieder einmal bezeichnend.« Mandy setzte sich vor ihren Computer und bedachte ihren Partner keines Blickes mehr. Die Enttäuschung wegen kommendem Samstag spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle.
Thomas stand unschlüssig im Raum. Eigentlich wollte er die von Kiermeier eingeforderten Veränderungen besprechen oder sich zumindest darüber mokieren. Getrennter Urlaub, Ersatzkollegin oder -kollege, Laserseminare … Was sollte noch alles auf sie zukommen? Lauter Brimborium, und nur wegen des natürlichsten Vorgangs der Welt. Seine Liebste bekam ein Kind, okay. Dann erledigte er die dienstlichen Aufgaben eben alleine. Das war schon kein Problem für ihn gewesen, bevor Mandy zu ihnen gekommen war. Warum sollte es jetzt eines sein? Seine Position war klar, und Mandy würde es wohl genauso sehen. Dafür musste sie sich aber erst einmal beruhigen. Also nahm er ebenfalls hinter seinem Bürotisch Platz und verschob den Meinungsaustausch auf den späteren Abend zu Hause.
Zunächst verlief alles so ruhig und unspektakulär wie in den vergangenen Tagen und Wochen. Das angespannte Klima verhinderte jedoch eine ausgedehntere Kommunikation. Auch wenn ab und zu prüfende Blicke von einem Schreibtisch zum anderen wanderten, beschränkte sich der Austausch der beiden auf kurze Fragen und einsilbige Antworten.
Dann änderte sich die Lage schlagartig.
Mit einem heftigen Ruck öffnete Hilde die Bürotür. »In der Ringstraße hängt ein Toter am Baum! Die Feuerwehr ist bereits vor Ort. Ihr sollt so schnell wie möglich dorthin!«
»Wer kommt auf die depperte Idee, sich mitten in der Stadt aufzuhängen? Die Welt wird immer verrückter!« Thomas schüttelte den Kopf und drängte sich an Hilde vorbei. Er wollte sich allein auf den Weg machen, doch Mandy legte ein Veto ein.
»Kiermeier hat gemeinsame Tatortbegehungen ausdrücklich erlaubt. Also los! Zu zweit!« Mandy sah sich längst noch nicht am Abstellgleis.
Thomas und Mandy stiegen in den Dienstwagen und fuhren, untermalt von Blaulicht und Martinshorn, die wenigen Meter von der Polizeiinspektion zur südlichen Ringstraße. Es war gar nicht so einfach für Thomas, das Auto halbwegs vernünftig zu parken, da zwei Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, zwei Notfallambulanzen und ein Notarztwagen den Großteil der Fahrbahn blockierten. Der übliche Durchgangsverkehr zwischen der Dr.-Bachl- und der Alois-Gäßl-Straße war von Feuerwehrleuten längst unterbunden worden.
Wenige Meter vor der Einmündung der Bahnhofstraße in die Ringstraße hatte sich eine Traube von Einsatzkräften vor einem hohen Alleebaum postiert und blickte nach oben. Sie verfolgten angespannt, wie sich der Korb einer ausgefahrenen Feuerwehrleiter, besetzt mit zwei Rettungskräften, langsam einer kopfüber bewegungslos im Geäst hängenden männlichen Person näherte.
»Was ist passiert, Walter?« Thomas kannte den Einsatzleiter der Brandschützer persönlich.
»Wir haben keine Ahnung, Tom! Aber es schaut nach einem Unfall aus. Dort oben hängt ned nur ein Bewusstloser, sondern da hängen auch Teile von einem Gleitschirm. Außerdem hat der Mann einen Rucksackmotor umgeschnallt, also ist der mit einem motorisierten Gleitschirm g’flogen. Der hat sich im Astwerk verfangen, deswegen ist er ned runtergefallen. Jedenfalls ist er stark verletzt, weil sich dort …«, der Feuerwehrmann zeigte auf eine Stelle auf dem Gehweg in der Nähe des Baumstamms, »eine Blutlache angesammelt hat. An des Schlimmste wollen wir jetzt ned denken. Auf alle Fälle reagiert er nicht auf unsere Zurufe.«
Tatsächlich war von hier unten aus nicht zu erkennen, in welchem Zustand sich der Verunglückte befand. Doch angesichts der Situation hielten sich die Hoffnungen in Grenzen.
Mittlerweile waren die Polizisten Auer und Wegerer eingetroffen. Mandy besprach sich kurz mit ihnen und ordnete an, die reichlich vorhanden Schaulustigen zurückzudrängen und die Unglücksstelle weiträumig abzusichern. Wenig später war die Zone von dem rot-weißen Plastikband mit der Aufschrift »Polizeiabsperrung« eingesäumt.
Das Bergen des Körpers schien größere Schwierigkeiten zu bereiten. Jedenfalls arbeiteten die beiden Einsatzkräfte seit geraumer Zeit daran, den Mann freizubekommen und in den Leiterkorb zu hieven. Endlich wurde der Befehl gegeben, die Leiter einzuholen und den Korb nach unten zu schwenken. Ein Notarzt bemühte sich sofort um das vermeintliche Unfallopfer.
Währenddessen brachte Thomas sein Unverständnis für das Geschehene dem Einsatzleiter gegenüber zum Ausdruck. »Wie kommt der Mensch mit seinem Paraglider überhaupt mitten ins Stadtzentrum? Der muss doch wissen, dass das Überfliegen von Wohngebieten nur in äußersten Ausnahmefällen erlaubt ist. Wo hätt der denn hier landen wollen? Am Marienplatz vielleicht? Außerdem gibt’s Schöneres, als bei Nieselregen in der Luft rumzusegeln.«
»Da bin ich ganz bei dir«, stimmte der Feuerwehrmann zu. »Heut Vormittag war’s noch ganz schön, aber vor zwei Stunden hat’s zu’zogen, und dann ist’s nass ’worden. Du glaubst nicht, was wir bei unseren Einsätzen alles erleben. Spinnerte gibt’s anscheinend ohne End.«
Thomas und Mandy wurden unvermittelt zum Notarzt gerufen, der weiterhin über den Geborgenen gebeugt war. Der Verunfallte lag zwischenzeitlich mit einer seltsamen Verrenkung auf einer Bahre.
»Hier gibt’s leider nicht mehr viel zu tun. Der Mann ist seit mehreren Stunden tot. Das zeigt die bereits eingetretene Totenstarre. Was zum Tod geführt hat, ist schlecht zu sagen. Es sind einige Rippen, das Schlüsselbein und möglicherweise auch das Becken gebrochen, aber die Wirbelsäule scheint unversehrt zu sein. Vielleicht ist er durch die Lage kopfüber am Baum langsam erstickt. Grauenhaft!« Der Arzt schüttelte den Kopf und deutete dann, ohne sich den Kommissaren zuzuwenden, auf eine blutgetränkte Stelle im rechten Brustbereich. »Außerdem hat er hier eine kleine, aber tiefe Wunde, die sogar durch den Brustkorb durchgeht. Als ob er von einem Ast aufgespießt worden wär. In der Wunde sieht man jedoch nichts davon.«
Thomas begann zu ahnen, dass dieser Tote sie noch länger beschäftigen würde. »Mandy, wir müssen die Leiche in die Passauer Rechtsmedizin überführen. Außerdem soll sich die Spurensicherung um die Absturzstelle kümmern, jetzt wo die Hebebühne der Feuerwehr noch dasteht.«
Mandy stimmte ihm zu. »Ich bin ganz deiner Meinung. Wie ist es nur möglich, dass dieser Mann so lange hier hängen konnte, bis ihn jemand gesehen hat?«
»Es hat die ganze Zeit leicht geregnet«, schaltete sich Feuerwehrkommandant Walter Holzleitner ein. »Da schaut eben niemand nach oben. Außerdem hat er ausgerechnet einen grünen Gleitschirm benutzt, der sich kaum vom Blattwerk absetzt.«
»Wer hat den Toten entdeckt? Ist die Person noch anwesend?«, wollte Mandy wissen.
»Eine Frau, Emmi Kellner. Nein, sie ist nicht mehr da. Sie war geschockt vom Anblick und wollt so schnell wie möglich nach Hause. Aber wir haben ihre Personalien.«
Thomas rief den Polizeihauptmeister Auer zu sich. »Karl, lass dir bitte vom Walter die Adresse und auch die Telefonnummer der Frau geben, die auf das Unfallopfer aufmerksam geworden ist. Du bleibst außerdem vor Ort und unterstützt die Kollegen von der SpuSi, die ich gleich anfordern werd. Den Leichnam lassen wir nach Passau in die Rechtsmedizin bringen.«
»SpuSi, Rechtsmedizin? Du hast doch ›Unfallopfer‹ g’sagt.« Karl blickte Thomas ungläubig an.
»Das ist er bis jetzt auch. Aber die Wunde in der Brust schaut komisch aus, da sollten wir lieber auf Nummer sicher gehen. Durchsuch bitte den Toten, ob er etwas dabeihat, des ihn identifiziert.« Letzteres war ein Unterfangen, welches Thomas stets tunlichst zu vermeiden suchte. Nur äußerst ungern blickte er Toten in die Gesichter. Nicht selten verfolgten ihn solche Bilder noch Wochen und Monate in seinen Träumen. Es hatte nichts mit Angst zu tun, sondern war eher ein Unbehagen, eine Unversöhnlichkeit mit der extremsten Causa seiner täglichen Arbeit.
Während Thomas mit dem Leiter der Kriminaltechnik telefonierte, sichtete Mandy die von Karl Auer sichergestellten Gegenstände aus den Taschen des Verunglückten. Den Angaben auf dem Personalausweis und dem Führerschein zufolge, die sich in einem Geldbeutel aus schwarzem Leder befanden, handelte es sich bei dem Toten um den 48-jährigen Christian Fischer, wohnhaft in Rotthof, einer kleinen Ortschaft im Landkreis Passau, etwa 30 Kilometer von Pfarrkirchen entfernt. Des Weiteren fand sich ein Schlüsselbund mit Autoschlüssel und einem Anhänger der deutschen Edelmarke Porsche.
»Karl, kannst du bitte zur Adresse des Verstorbenen fahren und die Angehörigen informieren, falls es welche gibt?« Mandy versuchte diese undankbare Tätigkeit zu delegieren, zumal es nicht sicher war, ob es sich um ein Kapitalverbrechen handelte.
»Okay, das mach ich, nachdem ich die SpuSi eingewiesen hab«, erwiderte der Polizeihauptmeister.
Auch Thomas war froh, keiner Ehefrau, sofern es eine gab, in die Augen schauen zu müssen, wenn sie vom Tod ihres Mannes erfuhr. Denn in solchen Situationen traf er meist nicht den richtigen Ton. »Ich glaub, mehr können wir im Moment ned tun. Vielleicht sollten wir, um dem Kiermeier eine Freude zu machen, von dem Baum einen dreidimensionalen Tatortbefund und seine Visualisierung in die Wege leiten.« Trotz der tragischen Umstände konnte sich Thomas den ironischen Seitenhieb auf seinen Chef nicht verkneifen.
»Ganz so abwegig ist das nicht, Thomas«, wandte Mandy ein. »Dreidimensional muss es nicht sein, aber es wäre gut, wenn sich die Spurensicherung die Baumkrone genauer ansieht. Möglicherweise finden sie dort oben etwas, das den Hergang genauer erklären kann. Bitte den Hochleitner, dass er den Feuerwehrwagen mit der Hebebühne so lange vor Ort lässt, bis die SpuSi ihre Arbeit dort oben abgeschlossen hat.«
»Holzleitner, nicht Hochleitner!« Für Mandys Schwierigkeiten mit dem Dialekt, Familiennamen oder niederbayerischen Gepflogenheiten hatte Thomas von Anfang an keinen Nerv gehabt. Gerade er, für den das kaum 25 Kilometer entfernte Österreich bereits unverständliches Ausland war, konnte nicht davon ablassen, Mandy ständig auf solche Spurenreste ihrer thüringischen Herkunft hinzuweisen. Womöglich stand dahinter die Angst, seine Berufs- und Lebenspartnerin würde sich nie fest genug in der Rottaler Erde verwurzeln und irgendwann den Drang zurück in ihre Heimat entwickeln. Auch wenn Mandy ihm noch nie einen realen Grund für diese Annahme gegeben hatte.
Die Polizeioberkommissarin quittierte die kleinliche Zurechtweisung mit einem Verdrehen der Augen und wandte sich erneut Karl Auer zu.
Anschließend kehrte das Ermittlerpaar zurück zur Polizeiinspektion. Sie mussten den Obduktionsbericht abwarten, um zu wissen, ob ihr weiteres Eingreifen in den Unglücksfall notwendig war.
Zurück in der Inspektion an der Arnstorfer Straße informierte Thomas seinen Vorgesetzten über die Sachlage. Kiermeier hatte bereits ungeduldig darauf gewartet, da die verschiedensten Meldungen von der Unglücksstelle bis zu ihm vorgedrungen waren, er sich aber keinen Reim auf das Vorgefallene machen konnte. Die Erläuterungen seines Kommissars Huber brachten zwar mehr Licht in die Geschehnisse, die entscheidende Frage, was zum Tode des Sportfliegers geführt hatte, blieb jedoch unbeantwortet. Unterdessen gab Mandy die Dokumente aus dem Geldbeutel des Verunglückten an Hilde Bernauer weiter, damit diese seine familiäre Situation feststellen konnte.
Kurz darauf saßen die beiden Ermittler im gemeinsamen Büro an ihren jeweiligen Schreibtischen. Thomas war nach längerer Funkstille der Erste, der seine Gedanken zum Ausdruck brachte. »Wenn die Brustverletzung bei diesem Fischer nicht vom Aufprall auf den Baum stammt, sondern ihm, wie auch immer, vorher zugefügt worden ist, dann können wir das Wochenend und meinen Geburtstag vergessen.«
Das Stichwort »Geburtstag« kam Mandy gerade recht. »Sei nicht so pessimistisch! So wie der durch die Baumkrone gebrochen ist, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass sich dabei ein Ast in ihn hineingebohrt hat. Du willst doch eh den ganzen Samstagabend vor dem Fernseher verbringen. Dann überlege ich nämlich, ob ich nicht besser nach Gera fahre und meinen Vater besuche …«
»Du willst ned mit mir z’am das Fußballspiel anschauen?«
Mandy war nicht klar, ob diese Frage ironisch gemeint oder ein ernsthafter Vorschlag war. Nach Scherzen war ihr jedenfalls nicht zumute. »Mein Lieber, jetzt hör mir mal ganz genau zu. Dein Geburtstag ist nicht allein deine Sache. Es ist mir nicht egal, wo und wie du deinen Ehrentag verbringst, verdammt noch mal! Ich bin als deine Partnerin ein Teil von dir und möchte miteinbezogen werden.«
»Das Spiel zwischen Deutschland und England ist ein absoluter Klassiker, da …« Weiter kam Thomas nicht.
Mandy sprang auf. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Noch ein Wort in diese Richtung und wir sind geschiedene Leute.«
»Der Fischer ist verheirat’ mit einer g’wissen Silvana. Die Adresse wissts ja vom Ausweis. Ein schöner Nam’ übrigens, den könnts schon mal vormerken, wenn’s ein Töchterl wird.«
Hilde war von beiden unbemerkt in die Tür getreten und hatte mit Sicherheit den letzten Teil der privaten Konversation mitgehört. Das versprach nichts Gutes.
»Die Mutter, Erna Fischer, wohnt im eigenen Haus in der Reichenberger Straß. Des ist hinterm Gartlberg, falls ihr ned Bescheid wisst. Außerdem gibt’s noch einen Bruder, den Andreas, der bei der Mutter lebt. Zumindest ist er dort gemeldet.«
»Zu seiner Frau, dieser Silvana, dürfte Karl bereits unterwegs sein«, bemerkte Mandy.
Hilde verabschiedete sich von der Kommissarin mit einem Augenzwinkern. Den Disput hatte sie also ohne Zweifel mitbekommen. Bald dürfte auch der letzte Polizeianwärter in Pfarrkirchen über den Geburtstagsstreit auf dem Laufenden sein.
Da Mandy keine Anstalten machte, die Auseinandersetzung fortzuführen, entschied sich auch Thomas dafür, den Dampf aus dem Kessel zu nehmen und vorerst klein beizugeben. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, vertiefte er sich in das zu schreibende Unfallprotokoll auf seinem Computer. Er wusste, dass seine Partnerin in der Regel verständnisvoll reagierte. Ihre Wortwahl in dieser Angelegenheit ließ allerdings wenig Kompromissbereitschaft erkennen. Jedoch einen gewissen Spielraum, was die Auslegung betraf. Wenn sein Geburtstag nicht allein seine Sache war und sie den Tag gerne mit ihm verbringen würde, hatte seine Mutter ebenfalls das Recht, so zu argumentieren und mit ihm feiern zu wollen. Er könnte also mit Mandys Argumentation auf einen gemeinsamen Besuch dort drängen. Lange schon hatten sie sich in Dingolfing nicht mehr sehen lassen. Er könnte seine Mutter vorher durch einen verschwiegenen Anruf auf das Fußballspiel aufmerksam machen. Dann würde sie hundertprozentig vorschlagen, das Spiel bei ihr anzusehen. Je mehr er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm die gefundene Notlösung.
Mandy, die immer wieder einmal zu Thomas blickte, konnte sich keinen Reim auf das zufriedene Schmunzeln im Gesicht ihres Liebsten machen.
Als beide kurz nach 17 Uhr ihre PCs abschalteten und sich gemeinsam auf den verdienten Heimweg zu ihrem Sacherl vor den Toren Pfarrkirchens machen wollten, unterbrach Hilde erneut die Zweisamkeit.
Sie stürmte zur Tür herein und sagte außer Atem: »Ihr sollt sofort in die Rechtsmedizin nach Passau kemma. Bei der Wunde an der Brust handelt’s sich um eine Schussverletzung. Mei, is des grausam!«
»Herrschaftszeiten, hat des jetzt vor dem Feierabend noch so kommen müssen? Und des ist noch das Wenigste. Ich seh das Wochenend dahinschwinden!« Thomas ließ seinem Frust freien Lauf.
Mandy dagegen reagierte wie immer zweckorientiert. »Male den Teufel nicht an die Wand! Am besten, du fährst zur Ehefrau des Opfers und klärst sie über die neue Sachlage auf. Vielleicht kann sie wichtige Hinweise geben. Das wird nicht allzu lange dauern. Und danach fährst du nach Hause und kümmerst dich ums Abendessen. Ich übernehme dafür die Rechtsmedizin in Passau. Da bist du eh nicht scharf darauf, oder? Stefan soll mich begleiten.«
Thomas nickte Mandy dankbar zu, denn sie tat ihm damit einen großen Gefallen. Nicht nur wegen der sehr unterschiedlichen Dauer der jeweiligen Einsätze. Er entkam der Begutachtung tödlicher Wunden an einem Leichnam. Ihm war es schon zu viel, wenn Fotos davon später an der Pinnwand hingen. Außerdem vermied er dadurch eine Begegnung mit Doktor Tremmel, dem Rechtsmediziner. Ihn als Intimfeind zu bezeichnen, wäre zu hoch gegriffen, aber Thomas hasste dessen zynische, auf ihn gemünzte Kommentare, nur weil er ihn angeblich einmal bei einem Fußballspiel seines TuS Pfarrkirchen verletzt haben sollte.
Mandy war froh, dass sich Stefan Wegerer mit ihr auf den Weg nach Passau machte. Sie mochte ihn, war aber auch der Meinung, dass dem jungen, ungebundenen Wegerer kein pünktlicher Feierabend weniger ausmachte als seinem Kollegen Karl Auer mit familiärem Anhang. Davon abgesehen passte der eher schweigsame Polizist auch besser zu Mandys aktueller Stimmung. Und so verlief die Fahrt in die Universitätsstadt mehr nachdenklich als kommunikativ.
Doktor Tremmel wartete ungeduldig auf die Stippvisite aus Pfarrkirchen. Offensichtlich hatte er Pläne für den bereits angebrochenen Feierabend. »Grüß Gott, Frau Hanke«, begrüßte der Rechtsmediziner die Kriminaloberkommissarin. Fast hätte er ihren Begleiter, Stefan Wegerer, gar nicht bemerkt, denn Tremmels Blick war auf Mandys Körpermitte fokussiert. »Sie erwarten ein Kind?«, fragte er mit geweiteten Augen.
Seine Frage empfand Mandy durchaus als anklagend. »Ja. Das ist nicht verboten, oder?«
»Nein, natürlich nicht. Ich dachte nur an Ihre Inspektion in Pfarrkirchen. Wie sollen die ohne Sie zurechtkommen?«
»Wir haben sehr fähige Beamte in unserer Dienststelle«, nahm ihm Mandy gleich den Wind aus den Segeln, wohlwissend, dass Tremmel von Thomas alles andere als eine gute Meinung hatte. Um die Frage nach dem Vater des Kindes zu vermeiden, kam sie umgehend auf dienstliche Belange zu sprechen. »Das ist übrigens Polizeiobermeister Stefan Wegerer, einer unserer fähigen Beamten in Pfarrkirchen.«
Tremmel nickte Stefan Wegerer kurz zu.
»Bitte informieren Sie uns über die Todesumstände von Herrn Fischer«, bat Mandy.
Der Rechtsmediziner wandte sich der Leiche zu, die in der Mitte des sterilen Raumes aufgebahrt war. »Sehen Sie sich das an!« Er schob ein weißes Leinentuch, welches den Leichnam bedeckte, bis unter die Hüfte herab. Zum Vorschein kam ein stark malträtierter Körper mit zahllosen Prellungen und teils offenen Brüchen. Kein besonders schöner Anblick. »Ist Ihnen so etwas schon einmal untergekommen?«
Die Kommissarin wusste nicht genau, was sie darauf antworten sollte. Natürlich hatte sie während ihrer Dienstjahre mehrfach tote Menschen mit Gewalteinwirkung betrachten müssen. Sie stufte die Einleitung Tremmels als rhetorische Frage ein und forderte mit stummer Geste genauere Erläuterungen. Stefan Wegerer stand sichtlich geschockt neben ihr.
»Der Mann ist im Grunde zweimal gestorben.« Der Rechtsmediziner sah Mandy an, als erwartete er eine staunende Nachfrage ihrerseits.
»Könnten Sie bitte explizit darlegen, was Sie damit meinen?« Genervt von dem Imponiergehabe ihres Gegenübers, schlug Mandy einen sachlichen Tonfall an. Insgeheim hatte sie gehofft, dass sich Doktor Tremmel noch im Krankenstand befände, wie zuletzt bei dem Mordfall an dem Kunsthistoriker vor einigen Wochen. Viel lieber hätte sie mit Doktor Kerstin Weiler gesprochen, die ihr einen wesentlich sympathischeren Eindruck gemacht hatte.
»Allein die Verletzungen, verursacht durch den Aufprall auf das Geäst, hätten ausgereicht, um den Mann zu töten.«
»Was noch?«
»Ich habe Ihre Dienststelle ja bereits über die Schusswunde informiert. Sehen Sie hier!« Tremmel deutete auf ein kleines Loch links des Brustbeins unterhalb der Rippenbögen. »Die Kugel drang direkt neben dem Sternum ein und trat hinten, zwischen der sechsten und siebten Rippe, wieder aus. Auf seinem Weg hat das Geschoss das untere Gewebe der linken Lunge massiv zerstört, was zu inneren Blutungen geführt hat. Es ist ganz klar, dass das Geschoss für den Mann tödlich war. Beide Verletzungen sind also letal. An welcher er gestorben ist, kann ich Ihnen nicht sagen.«
*
Auf der Fahrt nach Rotthof, dem Wohnort Christian Fischers, hatte es Thomas nicht besonders eilig. Schließlich bestand sein Auftrag nur darin, der Ehefrau des Opfers mitzuteilen, dass ihr Mann durch Fremdeinwirkung gestorben war.
Gedämpftes Abendlicht einer weit im Westen stehenden Sonne tauchte die Landschaft in warme Farben. Die laue Luft hatte etwas Flirrendes. Neben der Straße verlief die unregulierte Rott und durchzog mäandernd abwechselnd Felder und großzügige Wiesenflächen, abgetrennt und unterbrochen von Laubgehölzen, aber auch kleinen Nadelwäldchen, die aus forstwirtschaftlichem Übermut dort gepflanzt worden waren. Das Rottal weitete sich zur Pockinger Heide und bot dem Auge überraschende Einblicke in den gemeinsam von Natur und Menschenhand geformten Lebensraum, gleich einem Englischen Garten.
Thomas’ Gedanken waren gänzlich in eine andere Richtung geschweift, als er endlich in dem kleinen Ort ankam. Entlang der kurvigen Rotthofer Straße suchte er das Wohnhaus. Zwischen bäuerlichen Gehöften traf er auf ein doppelstöckiges Gebäude im Toskana-Stil, dessen Hausnummer der vorgegebenen Adresse entsprach. Thomas parkte seinen Wagen neben der Einfahrt und klingelte an der Haustür. Als sich auch nach dem zweiten und dritten Drücken des Knopfes nichts rührte, durchkämmte er zögerlichen Schritts das zugehörige Grundstück. Es schien niemand anwesend zu sein.
Ein Landwirt, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite gerade seinen Traktor mit einem Hochdruckreiniger säuberte, war auf den Ermittler aufmerksam geworden, stellte sein Arbeitsgerät ab, und näherte sich Thomas, der sich als Kripobeamter vorstellte.
»Sie suchen die Silvana, stimmt’s? I hob des schon g’hört von ihrem Mo. Greislich! Wie kann so was überhaupt passieren?«
Wieder einmal wunderte sich der Kriminalbeamte, wie schnell sich die Kunde eines Unglücks in der Region verbreiten konnte. »Ja, ich würd gern mit Frau Fischer sprechen.«
»Ich hob sie vorher zur Kirch raufgehen g’sehen. Wird wahrscheinlich für ihren verstorbenen Christian beten. Die Arme, des hat s’ auf keinen Fall verdient.«
»Danke! Dann werde ich mich auf die Suche nach ihr machen.« Thomas wandte sich dem Auto zu, wurde aber sofort abgebremst.
»Gehen S’ lieber zu Fuß da rauf. Einen Parkplatz für Ihren Wagen finden S’ dort oben ned.«
