Ausgerechnet - Hans Weber - E-Book

Ausgerechnet E-Book

Hans Weber

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Beschreibung

Für den Pfarrkirchner Kripobeamten Thomas Huber hat sich im letzten Jahr viel verändert. Nach der Trennung von seiner Frau ist er in das liebevoll restaurierte Sacherl eines ehemaligen Kollegen gezogen. Allmählich genießt er sein Single-Leben. Doch langsam beginnt es zwischen ihm und seiner Kollegin Mandy zu knistern. Da wird sein ehemaliger Mathelehrer, mittlerweile Direktor am Gymnasium, tot aufgefunden. Thomas war nicht der Einzige, der unter den Demütigungen dieses Mannes gelitten hat …

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Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Hans Weber/Armin Ruhland

Ausgerechnet

NIEDERBAYERN-KRIMI

Zum Buch

Karrieregeil Im vergangenen Jahr hat sich für den Pfarrkirchner Kriminalkommissar Thomas Huber viel verändert. Inzwischen lebt er im liebevoll restaurierten Sacherl eines ehemaligen Kollegen und genießt allmählich sein Single-Dasein. Mit Mandy, seiner einst unliebsamen Kollegin aus Thüringen, hat er sich angefreundet. Mittlerweile beginnt es sogar ein wenig zwischen den beiden zu knistern. Da wird sein ehemaliger Lehrer, seit mehreren Jahren Direktor am Gymnasium, nach einer Lesung aus seinem gerade veröffentlichten Buch tot aufgefunden. Wie hat Thomas als Schüler unter diesem Mann gelitten! Bei den Nachforschungen stoßen Thomas und Mandy auf Familienstreitereien, Missgunst und amouröse Verflechtungen, wobei der Kriminalkommissar selbst in eine fatale Beziehungsfalle gerät. Schafft er es trotzdem, einen kühlen Kopf zu bewahren und den Mord aufzuklären?

Hans Weber, geboren 1961, und Armin Ruhland, geboren 1959, besuchten dieselbe Klasse am Gymnasium Dingolfing und waren eng befreundet. Nach dem gemeinsamen Abitur im Jahr 1980 trennten sich jedoch ihre Wege. Während Weber nach seinem BWL-Studium in verschiedenen Bereichen bei einem bayerischen Automobilhersteller lange Jahre nahe seiner Heimat beschäftigt war, zog es seinen Freund in die Ferne. Nach einem Kunstgeschichtsstudium belieferte Armin Ruhland vom spanischen Madrid aus wissenschaftliche Bibliotheken mit Fachliteratur. Nach knapp 40 Jahren kreuzten sich ihre Wege wieder und sie entdeckten ihre Liebe zum Schreiben von regionalen Krimigeschichten. Die beiden Autoren leben mit ihren Familien im Landkreis Dingolfing-Landau.

Impressum

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun; Fabienne Rieg

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Elcom.stadler; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pfarrkirchen-Ensemble-Altstadt-01.jpg

ISBN 978-3-8392-7044-8

EINS

Donnerstag

»Du musst unbedingt deine Tomatenpflanzen noch ausgeizen, Thomas«, empfahl Hilde Bernauer, die langjährige Sekretärin der Pfarrkirchner Polizeiinspektion, ihrem Kollegen, dem Kommissar Thomas Huber, bei einem feierabendlichen Rundgang durch dessen Garten.

»Was soll ich?«, fragte Thomas verdutzt.

»Du musst die kleinen Triebe an den Seiten der Pflanzen abbrechen. Da schau her, ich zeig’s dir«, antwortete Hilde, die sich gleich an die Arbeit machte und seine Tomaten von den unnützen Geiztrieben befreite.

»Und? Was soll das bringen?«

»Diese kleinen Seitentriebe nehmen der Pflanze die ganze Energie und dadurch wachsen deine Tomaten ned so«, erklärte ihm die Gartenliebhaberin.

Der 36-jährige Kriminalbeamte war froh um solche Tipps, da er sich in seinem bisherigen Leben noch nie um die Gartenarbeit gekümmert hatte. Diese war bis vor einem Jahr von seiner Frau Marion erledigt worden. Über zwölf Monate war es mittlerweile schon her, dass sie ihn verlassen hatte und zu ihrem Geliebten, dem Trabertrainer Georg Schwarz, nach Gengham bei Eggenfelden gezogen war.

In dieser Zeit hatte sich das Leben für Thomas Huber massiv verändert. Nicht nur, dass sich Marion von ihm getrennt hatte, er war auch aus dem gemeinsamen Eigenheim in der Stifterstraße des Pfarrkirchner Stadtteils Galgenberg ausgezogen. Denn dieses wollte seine Frau aus finanziellen Gründen unbedingt verkaufen. Da kam es ihm gerade recht, dass ihm ein ehemaliger Polizeikollege ein Sacherl als Mietobjekt angeboten hatte. Diese kleine Hofstelle, südlich von Pfarrkirchen auf einer Anhöhe gelegen, hatte der Besitzer in den letzten Jahren in mühevoller Kleinarbeit restauriert und zu einem schmucken Kleinod geformt.

Die ersten Wochen in seiner neuen Bleibe waren hart für den Pfarrkirchner Polizisten gewesen. Nach der Trennung hatte er sich leer und wertlos gefühlt und nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Ihm war die Frau davongelaufen, das war bestimmt kein Ruhmesblatt, mit dem er sich schmücken konnte. Im Gegenteil. In Pfarrkirchen und Umgebung hatte sich die Trennung sofort herumgesprochen. Denn durch seinen Job und seine langjährige Laufbahn als Fußballer des TuS Pfarrkirchen war Thomas sehr bekannt in der ländlichen Region. Gut, er hatte in seiner Ehe bestimmt nicht alles richtig gemacht, aber er konnte deswegen noch lange nicht verstehen, warum sich seine Frau gleich einem anderen Mann zugewandt hatte. Erschwerend kam hinzu, dass ihr neuer Lebensgefährte vor einem Jahr in einen Mordfall verwickelt gewesen war und deshalb sogar eine Nacht als Hauptverdächtiger in U-Haft gesessen hatte. Das war damals das Gesprächsthema in der ganzen Stadt gewesen.

In der ersten Zeit in seinem neuen Zuhause hatte sich der 36-Jährige sehr stark zurückgezogen. Selbst dem Fußballtraining und den anschließenden geselligen Abenden im Clubheim des TuS Pfarrkirchen war er ferngeblieben. Er hatte keine Lust auf Spießrutenlaufen und Mitleidsbekundungen gehabt. Lediglich zu seinem besten Freund, dem Bankangestellten Helmut Drexler, hielt er regen Kontakt und führte gute Gespräche mit ihm, zumal Helmut ein sehr guter Zuhörer war.

Im Gegensatz zum alleinstehenden Helmut hatte Thomas zunächst Schwierigkeiten mit dem Haushalt gehabt. Waschen, Kochen, Bügeln, Putzen und Co. waren ihm gänzlich fremd gewesen. Bis zur Trennung hatte der passionierte Motorradfahrer keinerlei Berührungspunkte mit den haushälterischen Grundrechenarten gehabt. Er hatte nicht gewusst, wie man die Waschmaschine bediente, konnte kein Schnitzel braten und hatte noch nie ein Bügeleisen oder einen Putzlappen in der Hand gehabt. Deswegen war er froh, dass er neben seinem Freund Helmut mit Hilde Bernauer und seiner Kollegin Mandy Hanke zwei weitere Unterstützerinnen an seiner Seite hatte, die ihm immer wieder unter die Arme griffen. Mit der Zeit fand Thomas sogar Gefallen an diesen Tätigkeiten. Besonders dann, wenn sich erste Erfolgserlebnisse einstellten. Dank Hildes Erklärungen hatte er die Waschmaschine zwar schnell im Griff gehabt, jedoch stellte ihn die Unterscheidung der Wäsche in Bunt-, Koch- oder Feinwäsche weiterhin vor eine Herausforderung. Besonders stolz war er gewesen, als er zum ersten Mal ein selbst gebügeltes Hemd mit nur wenigen Falten in den Schrank hängen konnte. Und obwohl die Panade nicht gerade perfekt gewesen war, hatte ihm sein erstes selbst gebratenes Schnitzel besonders gut geschmeckt. Mandy hatte ihm zuvor die Zubereitung seiner Leibspeise erklärt. Mit dem Putzen seiner neuen Räume konnte er sich allerdings nicht anfreunden. Deshalb hatte er für drei Stunden in der Woche eine der Reinigungskräfte der Polizeiinspektion als Putzhilfe engagiert. Roswitha hatte sofort Ja gesagt, als Thomas gefragt hatte, ob sie ihm behilflich sein könnte.

Nach einigen Monaten des Nachdenkens und Lernens im Sacherl hatte Thomas Huber sein Leben wieder voll im Griff. Er ging auch wieder ins Fußballtraining. Entgegen aller Befürchtungen verkniffen sich seine Fußballkumpels jegliche Bemerkung bezüglich des gehörnten Ehemannes. Eine Scheidung ist mittlerweile auch in Niederbayern eine zwar unschöne, aber ganz normale Sache, dachte Thomas und war froh, dass wieder Normalität in sein Leben eingekehrt war.

Im Frühjahr war die nächste Herausforderung angestanden: der Garten. Der Eigentümer hatte einen großzügigen Bauerngarten mit zwei Hochbeeten angelegt. Obwohl Thomas vom »Garteln« keine Ahnung hatte, hatte er sich vorgenommen, die grüne Oase im Sinne seines ehemaligen Kollegen weiterzubetreiben. Dies hatte er seinem Freund auch versprochen. Hilde Bernauer hatte sich für die Unterstützung im Garten angetragen. Mit gemischten Gefühlen hatte er dieses Angebot angenommen. Auf der einen Seite war unbestritten, dass Hilde eine Frau mit grünem Daumen war, auf der anderen Seite konnte die langjährige Sekretärin sehr anstrengend sein. Seit den Frühjahrsmonaten war Hilde mindestens einmal pro Woche im Garten des Sacherls und zeigte Thomas, wie man Gemüse anbaute, Sträucher zuschnitt und Unkraut jätete.

»Thomas, du musst unbedingt was gegen die Schnecken unternehmen. Die fressen dir sonst noch dein ganzes Gmias zam«, forderte Hilde jetzt.

»Soll ich die Schnecken erschießen, oder was schlägst du vor?«, scherzte Thomas.

»Am besten ist es, wenn du Bierfallen aufstellst.«

»Was um Himmels Willen sind Bierfallen?«

»Du musst möglichst viele Blechdosen in den Boden rammen und dann Bier reingießen.«

»Was soll das bringen?«

»Durch den süßen Duft vom Bier werden die Schnecken ang’lockt und fallen rein. Dann musst du sie nur noch entsorgen.«

»Ich weiß ned«, meinte Thomas zweifelnd. »Erstens ist mir das gute Bier z’ schad. Das trink ich lieber selber. Und zweitens ist des auch ein Haufen Arbeit.«

»Thomas, du musst dich wieder nach einer Frau umschauen, denn zu zweit kann man im Garten mehr ausrichten, und Spaß macht’s a noch. Frag a mal mein Mo, der hilft mir ganz gern draußen.«

Hilde hatte den gleichen belehrenden Ton drauf wie früher seine Mutter, wenn er mit einem Fünfer in der Mathe-Schulaufgabe nach Hause gekommen war. Thomas hatte gehofft, dass sich die Gesprächsthemen zwischen ihm und Hilde auf die Arbeiten rund um Garten und Haushalt beschränken würden, denn Hilde hatte eine sehr eigene Art des Sich-überall-Einmischens, die ihm auch in der Polizeiinspektion noch nie gefallen hatte. Dies war der Grund, warum er nicht gerade gerne dem Angebot zur Unterstützung zugesagt hatte. Einerseits wollte er seine Gartenratgeberin nicht vergraulen, andererseits verspürte er keine Lust, mit Hilde intime und persönliche Gespräche zu führen.

»Ich bin ja noch nicht mal geschieden, da kann ich mich doch nicht schon wieder nach einer neuen Frau umschauen. Es ist doch viel besser, wenn ich erst mal mein Leben neu sortier.«

»Schau mal deine Frau an, die ist ja auch noch nicht geschieden und hat schon einen anderen.«

Auf diesen Satz konnte Thomas nicht kontern, ihm fiel nichts ein.

Daraufhin bohrte Hilde weiter. »Schau, Thomas«, jetzt kam wieder der belehrende Ton, den er von seiner Mutter so gut kannte, »du bist jung, schaust gut aus, hast einen sicheren Job und kennst dich inzwischen im Haushalt aus.Du bist quasi eine gute Partie. Da wär’s schad, wenn du Zeit verlieren würdest«, resümierte Hilde.

»Ich find schon noch die Richtige, aber pressieren tut’s mir ned«, entgegnete Thomas, der dieses Thema damit endgültig abschließen wollte. Doch er hatte die Rechnung ohne Hilde gemacht.

»Nimm doch die Mandy, die ist g’scheid, hübsch und hat ihr Herz am richtigen Fleck. Die würd gut zu dir passen«, schlug Hilde ganz ohne Umschweife vor.

»Hilde«, entfuhr es Thomas, der aufgrund der Direktheit seiner Gartenexpertin schockiert war. »Die Mandy ist meine Kollegin, mehr nicht.«

»Ja, des macht doch nix. Der beste Heiratsmarkt war scho immer der Arbeitsplatz«, erklärte Hilde nüchtern.

Thomas fühlte sich zunehmend unwohl in diesem Gespräch und kam ohne weitere Kommentare auf den eigentlichen Grund ihres Hierseins zurück. »Hilde, wie viele Bierfallen muss ich aufstellen, was meinst du?«

Selbst Hilde hatte jetzt gemerkt, dass weitere Vorschläge zu diesem Thema unerwünscht waren. »In den Hochbeeten jeweils eine und in den anderen Beeten würde ich dir mindestens zwei empfehlen. Am besten stellst du die Fallen gleich morgen auf, wir haben schließlich schon Ende Juli.«

ZWEI

Freitag

Im Gegensatz zu ihrem Kollegen Thomas Huber war Mandy Hanke eine Frühaufsteherin. Deshalb war sie fast immer als Erste im Büro. Die 31-Jährige, die vor eineinhalb Jahren vom thüringischen Gera an die niederbayerische Rott gewechselt war, hatte sich mittlerweile schon gut in der Pfarrkirchner Polizeiinspektion eingelebt.

Der Anfang in Niederbayern, besonders die ersten Tage mit ihrem Bürokollegen Thomas Huber, war alles anderes als leicht für die sportliche Thüringerin gewesen. Denn zu Beginn ihrer gemeinsamen Arbeit hatte es zwischen Thomas und Mandy Spannungen gegeben, die vor allem durch die Eitelkeit des 36-jährigen Pfarrkirchners ausgelöst worden waren. Nach der Pensionierung seines langjährigen Kollegen Hans Baumgartner hatte Thomas auf eine Führungsfunktion gehofft. Stattdessen war ihm mit Mandy Hanke eine unerfahrene Frau aus den neuen Bundesländern gleichberechtigt zur Seite gestellt worden. Dies hatte Thomas anfangs nicht recht akzeptieren können, was er Mandy hatte spüren lassen. Doch diese zwischenmenschlichen Probleme waren nun mehr als ausgeräumt, denn Mandy hatte sich als sehr kooperative Kollegin mit einem ausgeprägten kriminalistischen Spürsinn entpuppt.

»Guten Morgen, Thomas, ich dachte schon, dass du deinen Urlaub um einen Tag vorgezogen hast«, begrüßte Mandy ihren Kollegen gewohnt provokant, als dieser an seinem letzten Arbeitstag vor seinem dreiwöchigen Urlaub wieder etwas verspätet im Büro eintraf.

»Servus, Mandy, heute musst du mich noch ertragen, dann hast du drei Wochen Ruhe vor mir«, scherzte Thomas.

»Vielleicht habe ich ja in den drei Wochen Sehnsucht nach dir«, flachste und flirtete Mandy zugleich.

»Wenn du Sehnsucht hast, kannst du mich gerne besuchen. Du weißt ja, wo du mich findest.«

»Bist du die ganzen drei Wochen am Sacherl oder fährst du ein paar Tage weg?«

»Das weiß ich noch ned genau. Wenn ich mit meinen Arbeiten am Sacherl fertig werde, werd ich vielleicht ein paar Tage mit dem Moped wegfahren.«

»Was musst du am Sacherl alles machen?«

»Morgen zum Beispiel muss ich Bierfallen in meinem Garten aufstellen.«

In diesem Moment betrat der Leiter der Pfarrkirchner Polizeiinspektion Josef Kiermeier das Büro der beiden Ermittler. Er hatte den letzten Satz von Thomas noch mitbekommen.

»Was um Himmels Willen sind Bierfallen?«, fragte Kiermeier, ohne die beiden zu begrüßen.

»Das hab ich bis gestern auch noch ned g’wusst«, gab Thomas zu. »Mit Bier kann man Schnecken fangen, hat mir die Hilde g’sagt.«

»Und wie soll das funktionieren?«

»Man muss Blechbüchsen in den Boden rammen und mit Bier befüllen. Das Bier soll die Schnecken anlocken, die dann hoffentlich in die Büchsen fallen.«

»Ja, da schau her, das werde ich auch mal ausprobieren. Die Frau Bernauer ist ja eine ausgewiesene Gartenexpertin und hat immer gute Einfälle.«

Das stimmt, dachte Thomas, der sich gleich an ihren anderen Vorschlag bezüglich seiner Zukünftigen erinnerte, dies logischerweise aber nicht ansprach.

»Sie haben doch jetzt auch eine Woche Urlaub, da können Sie die Schneckenfallen gleich in Ihrem Garten aufstellen«, schlug Mandy vor.

»Ja, das stimmt. Dann könnte ich mit dem Kollegen Huber einen kleinen Wettbewerb machen, heutzutage würde man wohl ›Challenge‹ sagen, wer die meisten Schnecken fängt«, feixte der Polizeichef. »Eigentlich habe ich keine Zeit dafür. Meine freie Woche hat mit Urlaub wahrlich nichts zu tun. Meine Frau bildet sich ein, unser Haus müsse innen gestrichen werden. Dann wissen Sie, was ich nächste Woche mache.«

»Da baue ich lieber Bierfallen«, flunkerte Thomas.

»Und heute Abend muss ich ins Gymnasium rüber und mir eine Buchvorstellung anhören«, setzte Kiermeier, der sich vermutlich Mitleid von seinen Mitarbeitern erhoffte, noch einen darauf.

»Ins Gymnasium?«, fragte Thomas ungläubig nach. Das Pfarrkirchner Gymnasium befand sich schräg gegenüber der Polizeiinspektion, ebenfalls an der Arnstorfer Straße.

»Ja, der Herr Doktor Rausch persönlich hat mich zur Vorstellung seines neuesten Buches eingeladen.«

»Heute ist der letzte Schultag vor den großen Ferien«, merkte Thomas an.

»Ja, das weiß ich auch. Ich vermute, dass er die Buchvorstellung genau auf diesen Tag gelegt hat, damit er anschließend sechs Wochen Zeit zum Feiern hat«, frotzelte der Polizeichef.

»Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß«, warf der junge Kripobeamte eindeutig zweideutig ein.

»Kennen Sie etwa Doktor Rausch?«, fragte Kiermeier, der die ironische Anmerkung seines Mitarbeiters gleich verstand.

»Ja klar kenne ich den Rauschi, ich war mal Schüler im Pfarrkirchner Gymnasium. Da war er aber noch einfacher Lehrer, nicht Direktor«, erzählte Thomas.

»Und, wie sind Sie mit ihm klargekommen?«

»Na ja, wie soll ich sagen? Wir hatten ein eher schwieriges Verhältnis.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Es gab Schüler, die alles machten, was er verlangte. Die waren seine Lieblinge. Und dann gab es Schüler, die nicht immer gleich g’sprungen sind, wenn er was g’sagt hat.«

»Sie waren eher bei der zweiten Kategorie, vermute ich.«

»Ganz genau, Herr Kiermeier. Sie kennen mich ja auch schon ein paar Tage.«

»Dann werde ich mich heute Abend überraschen lassen. Ihnen, Herr Huber, wünsche ich einen schönen Urlaub, und von Ihnen, Frau Hanke, würde ich mir wünschen, dass Sie bei der Einbruchsserie vorankommen.«

»Das wünsche ich mir auch. Spuren gibt es so gut wie keine, und die Hinweise aus der Nachbarschaft der Geschädigten haben auch nichts ergeben. Wir wissen nur, dass der oder die Täter mit einem Moped oder Motorrad unterwegs ist beziehungsweise sind. Ich hoffe, dass wir die Einbrecher über die Beute bekommen. Wir haben schon die Pfandleihhäuser und die Juweliere in ganz Bayern und auch in Österreich verständigt und ihnen Fotos von den gestohlenen Schmuckstücken geschickt«, erklärte Mandy.

»Sehr gut, Frau Hanke. Dann hoffe ich, dass wir die Täter bald dingfest machen können.«

Damit wollte sich Kiermeier von seinen beiden Ermittlern verabschieden, als der Kollege Karl Auer ins Büro stürmte. Der Polizeihauptmeister war überrascht, dass er neben Thomas und Mandy auch den Leiter der Polizeiin­spektion im Raum vorfand. »Das trifft sich gut, dass ich alle wichtigen Leute gleich antreff, dann brauch ich die Nachricht nur einmal erzählen«, begann Auer.

»Mach’s ned so spannend, Karl. Was ist los?«, unterbrach ihn Thomas ungeduldig.

»Wir haben wieder einen Einbruch. Diesmal in der Franziskanerstraße.«

»Verdammt noch mal, das gibt’s ja nicht. Das kann nicht so weitergehen. Wir müssen die Täter erwischen, bevor ganz Pfarrkirchen nervös wird«, kommentierte Kiermeier die Hiobsbotschaft.

»Hast du die Spurensicherung schon informiert, Karl?«, fragte Thomas als Erstes. Er erhielt einen aufmunternden Blick von Mandy, denn er war es gewesen, der den Kollegen der Spurensicherung bei einem Mordfall im letzten Jahr fast zu spät Bescheid gegeben hatte.

»Ja, die sind schon unterwegs«, antwortete der Polizeihauptmeister.

»Waren die Besitzer des Hauses wieder im Urlaub?«, hakte Mandy nach.

»Ja, die sind gerade vom Italien-Urlaub nach Hause gekommen«, bestätigte Auer.

»Dann haben wir es höchstwahrscheinlich mit denselben Tätern zu tun«, vermutete Thomas.

»Notfalls müssen Sie Ihren Urlaub verschieben, Herr Huber. Die Sicherheit von Pfarrkirchen steht auf dem Spiel«, ordnete der Polizeichef an und verließ den Raum.

DREI

Als Mandy und Thomas in die Franziskanerstraße unterhalb der Wallfahrtskirche Gartlberg einbogen, standen schon zwei Polizeiautos vor dem Haus, in das eingebrochen worden war. Thomas parkte den Dienstwagen unmittelbar hinter den beiden Autos.

Der junge Kollege Stefan Wegerer kam sofort aus dem schmucken Einfamilienhaus, als er Mandy und Thomas kommen sah.

»Griaß euch. Es schaut alles danach aus, dass wir es mit denselben Tätern wie beim letzten Mal zu tun haben«, informierte der Polizeiobermeister die beiden Kripobeamten.

»Das heißt?«, fragte Thomas kurz und knapp.

»Der oder die Täter sind wieder über den Kellerschacht eing’stiegen, haben das Fenster eing’schlagen und sind so ins Haus ’kommen. Die Kollegen der SpuSi sind schon bei der Arbeit.«

»Was wurde gestohlen?«, wollte Mandy wissen.

»Auch wieder Schmuck, wie bei den letzten Malen. Genaueres könnt ihr gleich das Ehepaar Schindler selbst fragen. Die sind im Wohnzimmer.«

»Ja, das machen wir. Und du, Stefan, befragst die Nachbarn, ob die was g’hört oder g’sehen haben«, ordnete Thomas an.

»Alles klar, Thomas, mach ich.«

Sowohl Hans Schindler als auch seine Ehefrau Rita, beide um die 60 Jahre alt, saßen völlig geknickt im Wohnzimmer, als das Pfarrkirchner Ermittlerduo eintrat. Die Schranktüren waren geöffnet und die Schubläden herausgezogen. Verschiedene Gegenstände wie Vasen oder Gläser lagen teilweise zerbrochen am Boden. Ein Kollege der SpuSi war gerade dabei, nach Spuren zu suchen.

»Grüß Gott, mein Name ist Huber und das ist meine Kollegin Hanke. Wir sind von der Kripo Pfarrkirchen«, stellte sich Thomas vor.

Hans Schindler stand sofort auf und gab den beiden die Hand, während seine Frau auf dem schwarzen Ledersofa sitzen blieb.

»Wir sind entsetzt, dass in unser Haus eingebrochen wurde«, stammelte Rita Schindler.

»Das können wir uns gut vorstellen, Frau Schindler«, antwortete Mandy sehr einfühlsam.

»Wir sind gerade von unserem Italien-Urlaub heimgekommen. Der ganze Schmuck ist weg«, erklärte der Ehemann nüchtern und resigniert zugleich.

»Da können wir von Glück reden, dass wir gestern Nacht nicht zu Hause waren«, ergänzte Frau Schindler. »Das hätte ich nicht überlebt, wenn uns die Einbrecher im Schlafzimmer überrumpelt hätten.«

»Die Täter haben immer nur zugeschlagen, wenn die Bewohner im Urlaub waren«, erklärte Mandy.

»Warum glauben Sie, dass die Einbrecher ausgerechnet letzte Nacht ein’brochen sind?«, hakte Thomas bei der Hausherrin nach.

»Weil uns gestern Nachmittag unsere Zugehfrau noch eine Nachricht geschickt hat, dass alles in Ordnung ist.«

»Können Sie uns die Kontaktdaten Ihrer Zugehfrau aufschreiben?«, fragte Mandy, die die Angaben überprüft haben wollte.

Rita Schindler stand gleich auf, holte sich einen Zettel aus dem Schrank, schrieb Namen, Adresse und Handynummer ihrer Putzhilfe auf und übergab ihn Mandy.

»Können Sie uns sagen, was alles gestohlen wurde?«, wollte Thomas als Nächstes wissen.

»Es waren insgesamt zehn Schmuckstücke. Drei Colliers, zwei Armbänder und fünf Ringe.«

»Von welchem Wert sprechen wir da ungefähr?«

»Ich schätze den Gesamtwert auf um die 20.000 Euro.«

»Haben Sie Fotos von den Schmuckstücken?«

»Ich glaube, die zwei wertvollsten Colliers haben wir fotografiert, oder, Hans?« Die Hausherrin sah dabei ihren Mann an.

»Ja, die Colliers habe ich mal fotografiert. Die Bilder müssten noch auf dem PC sein.«

»Drucken Sie uns diese bitte aus«, bat Mandy.

Hans Schindler verließ das Wohnzimmer und machte sich auf den Weg in sein Büro.

Thomas wandte sich dem Kollegen der SpuSi zu, der während des gesamten Gesprächs weiterhin seiner Arbeit nachgegangen war. »Richard, habt ihr schon irgendwelche Spuren g’funden?«

»Nein, Thomas, bis jetzt noch ned. Ich vermute stark, dass die Täter wieder Handschuhe tragen haben.«

In der Zwischenzeit unterhielt sich Mandy mit Frau Schindler. »Wer wusste davon, dass Sie im Urlaub waren?«

»Wir haben aus unserem Toskana-Urlaub kein Geheimnis gemacht. Unsere Nachbarn, viele unserer Freunde und einige Arbeitskollegen meines Mannes wussten davon.«

»Wo ist Ihr Mann beschäftigt?«

»Mein Mann arbeitet als Beamter im Finanzamt Eggenfelden.«

»Und wie lange ist Ihre Zugehfrau schon bei Ihnen angestellt?«

»Die Margit putzt bei uns schon über zehn Jahre. Die ist absolut zuverlässig.«

Mit zwei ausgedruckten Bildern in der Hand betrat der Hausherr wieder das Wohnzimmer. »Das sind die beiden Colliers. Das eine habe ich meiner Frau zum 50. Geburtstag geschenkt und das andere zu unserer Silberhochzeit«, informierte der Finanzbeamte.

Mandy und Thomas begutachteten zusammen die Bilder und waren sich auf den ersten Blick sicher, dass diese beiden Colliers einen erheblichen Wert darstellten. Das erste Halsband bestand aus einer Goldkette und einem in Gold gefassten Rubin-Cabochon, das andere hatte an der Goldkette einen Brillanten als klassischen Solitäranhänger in einer Balkenfassung. Thomas nahm die beiden Bilder an sich und fragte sicherheitshalber nochmals nach, ob es nicht noch Fotos der anderen Schmuckstücke gebe. Leider war dies nicht der Fall.

»Ich würd jetzt gerne den Tathergang rekonstruieren. Können wir in den Keller gehen?«, schlug Thomas vor.

»Natürlich, wir machen alles, damit die Täter schnell gefasst werden«, sagte Hans Schindler, der sich sehr kooperativ zeigte.

Die vier stiegen die Treppe zum Keller hinab und begutachteten die Einstiegsstelle der Einbrecher. Die Glasscherben des Kellerfensters lagen noch auf dem Boden. Nachdem Thomas den Kellerschacht und das Fenster in Augenschein genommen hatte, hielt er seinen üblichen Vortrag und redete den Hausbesitzern ins Gewissen. Er empfahl ihnen, Kontakt mit einer Sicherheitsfirma aufzunehmen, denn das Nachrüsten von mechanischer Sicherheitstechnik koste nicht die Welt. Das Ehepaar nickte und erweckte den Eindruck, als ob es sich gleich morgen darum kümmern würde. Mandy schlug außerdem vor, die einzelnen Kellertüren zuzuschließen, damit Einbrecher es künftig schwerer haben würden, ins Erd- beziehungsweise Obergeschoss zu gelangen. Inzwischen hatte das Pfarrkirchner Ermittlerduo schon eine gewisse Routine bezüglich der Tipps zur Vorbeugung von Einbrüchen. Sowohl Mandy als auch Thomas brachten ihre Empfehlungen kompetent an den Mann beziehungsweise an die Frau, auch wenn der aktuelle Einbruch damit nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte.

»Gott sei Dank hatten wir kein Bargeld im Haus«, resümierte Hans Schindler, als sich das Quartett den Rest des Hauses genauer ansah.

Im Schlafzimmer, das sich im Obergeschoss befand, war noch ein Kollege der Spurensicherung bei der Arbeit. In diesem Zimmer war die Unordnung am größten. Die Schubladen der Schränke lagen am Boden, außerdem mehrere Schatullen und viele Wäscheteile.

»Wie schaut’s aus, Gerhard, hast du schon was g’funden?«, fragte Thomas, als die vier das Schlafzimmer betraten.

»Nein, die Einbrecher haben bestimmt wieder Handschuhe getragen und ich glaub, auch Schuhüberzieher«, antwortete der Kollege resigniert.

»Hast alles fotografiert?«

»Logisch.«

»Dann glaub ich, kannst Feierabend machen.«

»Gerhard, du könntest dich noch draußen rund um das Grundstück umsehen, vielleicht findest da was«, bat Mandy.

»Ja gut, das mach ich.«

»Dann solltest du dir auch unbedingt noch die Reifenspuren vor dem Nachbargrundstück anschauen. Ich glaub, die stammen von einem Zweirad«, fügte der Kollege Stefan Wegerer hinzu, der jetzt auch ins Schlafzimmer gekommen war.

»Wo hast du die g’sehen?« Thomas schaute Stefan erstaunt an.

»Auf dem Grünstreifen zwischen der Straße und dem Nachbargrundstück.«

»Gerhard, geh gleich hin und mach einen Gipsabdruck, das könnt uns weiterhelfen.«

Der SpuSi-Kollege packte seinen Koffer zusammen und machte sich auf den Weg.

»Haben die Nachbarn etwas mitbekommen, Stefan?«, fragte Mandy.

»Der Nachbar da drüben hat ungefähr um 23 Uhr ein Mopedgeräusch g’hört.«

»Dann dürfte der Einbruch tatsächlich gestern um diese Zeit stattg’funden haben«, schlussfolgerte Thomas, der da­raufhin gleich den nächsten Auftrag für seinen Kollegen hatte. »Stefan, ruf doch bitte bei der Zugehfrau des Hauses an und frag sie, ob gestern Mittag im Schlafzimmer tatsächlich noch alles in Ordnung war.«

Mandy übergab ihm den Zettel mit den Kontaktdaten der Putzhilfe.

»Sie können Ihre Sachen jetzt wieder in die Schränke räumen. Falls noch irgendwas fehlt, melden Sie sich bitte bei uns«, wandte Mandy sich abschließend an das Ehepaar Schindler.

»Wir schicken Ihnen den Polizeibericht zu. Den können S’ dann bei der Hausratversicherung vorlegen«, stellte Thomas in Aussicht.

»Und vergessen Sie bitte nicht, eine Sicherheitsfirma zu kontaktieren«, erinnerte Mandy die Eheleute, die sich bei den Kripobeamten bedankten.

VIER

»Ich kann doch jetzt nicht in den Urlaub gehen und dich mit den Einbrechern allein lassen«, sagte Thomas zu Mandy, als sie wieder in ihrem Büro waren.

»Doch, Thomas, das kannst du. Du machst jetzt erstmal Ferien, und die Kollegen und ich werden in der Zwischenzeit die Einbrecher stellen.« Mandy war optimistisch.

»Aber wenn du mich brauchen solltest, ruf mich einfach an, ich bin zu Hause«, bot Thomas an.

»Ja klar, das mach ich.«

»Jetzt lass uns die Einbruchsserie noch mal rekapitulieren.« Thomas musterte den Stadtplan von Pfarrkirchen, der an der Wand ihres Büros hing. »Der erste Einbruch war am. 4. Juli in einem Wohnhaus in der Bruckbauerstraße, der zweite am 10. Juli in der Moosäckerstraße, der dritte am 23. Juli in der Einsteinstraße und der vierte gestern in der Franziskanerstraße.« Er steckte jeweils eine Stecknadel auf die entsprechende Stelle im Stadtplan.

»Eine Vorliebe für einen bestimmten Stadtteil lässt sich nicht erkennen. Die Einbrüche verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet. Jedes Mal war es ein Einfamilienhaus, und jedes Mal waren die Bewohner im Urlaub«, stieg Mandy ein. »Das heißt, die müssen vorher gut recherchiert haben.«

»Genau, und bei allen Einbrüchen wurde Schmuck entwendet, die Einbruchszeit war immer zwischen 23.00 und 24.00 Uhr und der oder die Täter sind mit einem Moped oder Motorrad unterwegs. Nachdem die Zeugen immer nur ein Zweirad gehört haben, gehe ich von einem, maximal zwei Tätern aus.« Thomas wandte sich erwartungsvoll an Mandy. Diese nickte nachdenklich.

»Sie sind immer über die Kellerfenster ins Haus ’kommen. Die müssen ganz schön gelenkig sein.«

»Ich hoffe schwer, dass uns die Reifenabdrücke weiterbringen. Das sind bis jetzt unsere einzigen Spuren.«

»Ja, das hoff ich auch. Das Problem ist, dass morgen die großen Ferien beginnen und noch mehr Leute in den Urlaub fahren und unsere Einbrecher wieder zuschlagen werden. Genau deswegen werd ich meinen eigenen Urlaub verschieben.« Sich seines Entschlusses sicher, ging Thomas wieder an seinen Schreibtisch zurück, wo er sich mit einem Seufzen auf den Stuhl sinken ließ.

»Das kommt gar nicht in Frage. Du gehst in den Urlaub, basta. Das Wetter ist schön, es ist heiß draußen, du kannst baden, Motorrad fahren und außerdem hast du viel Arbeit daheim. Ich werde heute noch eine Pressemeldung verfassen und darauf hinweisen, dass die Leute ihre Kellerfenster sichern und ihren Schmuck in Sicherheit bringen sollen, bevor sie in Urlaub fahren«, sagte Mandy bestimmt.

»Das ist eine gute Idee. Und schreib noch rein, dass sich die Leute das Kennzeichen notieren sollen, wenn sie ein fremdes Moped oder Motorrad in der Siedlung sehen. Die zwei Fotos der Colliers sollten wir auch noch an sämtliche Juweliere und Leihhäuser schicken«, ergänzte Thomas.

»Ja, das mach ich. So, jetzt will ich dich hier nicht mehr sehen. Du hast ab sofort Urlaub, mein Lieber«, sagte Mandy, stand auf und komplimentierte ihren Kollegen aus dem Büro.

Thomas gab sich geschlagen. Er erhob sich und ging auf Mandy zu. Sie verabschiedeten sich mit einer innigen Umarmung.

»Kommst du mich mal am Sacherl besuchen?«, fragte Thomas fast flüsternd.

»Ja, das kann gut sein«, antwortete die Thüringerin zum Leidwesen ihres Kollegen sehr unverbindlich.

Er erinnerte sich wieder an Hildes Worte, doch er wusste nicht einmal, ob Mandy wieder eine Beziehung haben wollte. Außerdem hatte er keine Ahnung, ob er für sie als Lebensgefährte überhaupt in Frage kam. Und er war sich definitiv nicht sicher, ob neben einer Partnerschaft in der Arbeit auch eine im privaten Bereich funktionieren würde. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte Thomas. Eines war ihm allerdings klar: Mandy war ihm ans Herz gewachsen.

FÜNF

Samstag

An seinem ersten freien Tag genoss Thomas ein ausgiebiges Frühstück auf der Terrasse seines Sacherls. Sogar ein weiches Ei hatte er sich zur Feier des Tages gekocht. Er lehnte sich zufrieden zurück, trank ein Glas Orangensaft, aß ein Schinkenbrot und genoss seine Freiheit. Die Vorfreude des Kriminalbeamten auf drei unbeschwerte Wochen, in denen er tun und lassen konnte, was er wollte, war groß. Niemand würde ihm Vorschriften machen.

Dies war sein erster längerer Urlaub als Single, nachdem er von seiner Frau verlassen worden war. Gut, er hatte schon noch einige Dinge zu erledigen, aber er konnte das Wann und das Wie selbst bestimmen.

Als Erstes nahm er sich die Bierfallen vor, die ihm Hilde so dringend für den Kampf gegen die Schnecken empfohlen hatte. Das erste Problem stellten dabei die benötigten leeren Blechbüchsen dar. Er konnte nicht irgendwelche Konservendosen der Speisekammer öffnen und deren Inhalt entsorgen, nur damit er an die Büchsen kam. Eine andere Lösung musste her, und die hatte Thomas schnell parat: der Wertstoffhof.

Nachdem die Hitzewelle in Niederbayern auch an diesem Tag weiter anhielt, entschied sich Thomas, gleich nach dem Frühstück auf den Pfarrkirchner Wertstoffhof zu fahren, um die heißen Temperaturen am Nachmittag zu umgehen. Als anständiger Bürger fragte er zunächst eine der Angestellten, ob er sich Weißblechdosen aus dem Container entnehmen dürfe.

»Natürlich dürfen S’ ein paar Dosen mitnehmen. Hochzeit oder Geburt?«, fragte die Frau kryptisch. Thomas brauchte einen Moment, um zu verstehen, was die Dame damit meinte.

»Schnecken«, antwortete Thomas kurz und knapp, als ihm einfiel, worauf sein Gegenüber angespielt hatte. Denn in Niederbayern war es oft üblich, Dosen an ein Brautfahrzeug zu hängen oder bei der Geburt eines Mädchens unzählige Büchsen vor dem Haus der Eltern aufzustellen.

»Was? Schnecken?«

Die Verwirrung stand der Frau ins Gesicht geschrieben.

»Ich bau Bierfallen für meine Schnecken im Gartl«, erklärte Thomas, der sich schon auf den Weg zum Container machte.

»Ach so, gute Idee«, stimmte die Angestellte anerkennend zu.

Zu Thomas’ Glück war der Container bereits randvoll, sodass es für ihn ein Leichtes war, an die gewünschten Dosen zu kommen.

Als er seine Büchsen über die Stahltreppe nach unten zu seinem Auto bringen wollte, klingelte sein Handy. Er stellte die kleinen Blechbehälter am Boden ab und kramte sein Telefon aus der Hosentasche.

»Guten Morgen, Thomas«, meldete sich Mandy am anderen Ende der Leitung, »Stell dir vor, ich habe schon Sehnsucht nach dir.«

»Das freut mich aber. So früh hab ich damit noch gar ned g’rechnet«, scherzte Thomas zurück.

»Du, ich möchte dein Angebot annehmen.«

»Welches Angebot?«, fragte der verdutzte Thomas.

»Dein Angebot für die Verschiebung deines Urlaubs.«

»Ist was passiert?«

»Kann man so sagen. Vor wenigen Minuten wurde ein Mann erstochen aufgefunden.«

»Ein Mord?« Thomas riss die Augen auf.

»Ja, du kennst den Ermordeten sogar.«

Entsetzt fasste sich Thomas mit der Hand an seinen Mund. »Wer ist es?«

»Doktor Volker Rausch, der Direktor des Gymnasiums.«

»Das gibt’s ned. Wo bist du?«

»In seinem Büro.«

Damit war der Urlaub erst mal vom Tisch. »Ich bin in fünf Minuten da.«

Das Gebäude war Thomas sehr vertraut, hatte er doch vor 17 Jahren in genau diesen Räumen sein Abitur gemacht. Obwohl es schräg gegenüber von seinem jetzigen Arbeitsplatz an der Arnstorfer Straße lag, hatte Thomas das Gymnasium seit dieser Zeit nicht mehr betreten.

An der Eingangstür begrüßte ihn ein Kollege. »Servus, Thomas. Die sind alle im Sekretariat und im Büro des Direktors.«

»Danke, Franz, ich weiß. Ich kenn den Weg«, entgegnete er.

Ihn beschlich ein komisches Gefühl, als er die Schule, in der er so viel erlebt hatte, wieder betrat. Vieles war noch so, wie er es von früher her kannte. Der Anlass für seine Rückkehr war allerdings alles andere als erfreulich. Er konnte nicht fassen, dass sein ehemaliger Mathelehrer umgebracht worden war.

Vor dem Sekretariat kam ihm Mandy entgegen. »Servus, Thomas. Schön, dass du so schnell kommen konntest.«

Wegen seiner Anspannung hielt sich Thomas nicht weiter mit Begrüßungsfloskeln auf und kam gleich zum Thema. »Ist die Spurensicherung schon da?«

»Ja klar, die arbeiten schon, genau wie unser Rechtsmediziner.«

»Hat der Doktor Tremmel schon was sagen können?«

»Der ist wieder ziemlich genervt, wie beim letzten Mal. Wir sollen uns noch gedulden, hat er gemeint«, erklärte Mandy.

»Der soll sich nicht so anstellen«, bemerkte Thomas trocken. Mandy ignorierte seinen scharfen Unterton und winkte ihn weiter. »Komm, lass uns reingehen.«

Im Büro des Direktors war Thomas noch nie gewesen. Er wunderte sich über die sehr edle Ausstattung des Raumes. In der Mitte stand ein übergroßer, antiker Mahagoni-Schreibtisch. An den Wänden hingen verschiedene Ölgemälde. Ein weiterer antiker Tisch stand, umgeben von sechs braunen Ledersesseln, an der Fensterseite. Wenn man es nicht besser gewusst hätte, hätte man annehmen können, hier hätte ein Industriemagnat und kein Beamter regiert.

Am Boden des ehrwürdigen Zimmers lag die Leiche des Direktors Doktor Volker Rausch blutüberströmt auf einem kostbaren Perserteppich.

Doktor Tremmel war gerade dabei, sie zu inspizieren, als er Thomas an der Tür des Büros entdeckte.

»Das freut mich aber, dass Sie auch schon da sind«, grüßte Doktor Tremmel in seiner süffisanten Art.

Allein diese Aussage genügte, um Thomas auf 180 zu bringen. Bei Doktor Tremmel verstand er keinen Spaß. »Ich wurde vor zehn Minuten ang’rufen und jetzt bin ich da«, rechtfertigte er sich.

»Immerhin ist die Spurensicherung heute ausnahmsweise mit dabei«, frotzelte Doktor Tremmel, in Erinnerung an Thomas’ Fauxpas vom letzten Mal.

Thomas ging nicht weiter auf die Stichelei ein. »Und trotzdem haben wir den Fall damals auf’klärt.« Er wollte sich auf die gegenwärtigen Dinge, sprich die neue Leiche, konzentrieren.

Doch der Rechtsmediziner ließ nicht locker. »Das war ja eher das Verdienst Ihrer Kollegin, wie man so gehört hat.«

Spätestens jetzt war Thomas klar, dass er und Doktor Tremmel in diesem Leben keine Freunde mehr werden würden. Mandy, um Deeskalation bemüht, ergriff das Wort. »Können Sie uns jetzt schon erste Erkenntnisse mitteilen?«

Der Mediziner beugte sich übertrieben seufzend über die Leiche und begutachtete erneut die tödliche Wunde am Hals des Opfers. »Ermordet wurde er mit einem spitzen Gegenstand. Es könnte ein Messer gewesen sein, aber auch ein Brieföffner oder Ähnliches. Das Tatwerkzeug traf ihn genau in die Halsschlagader. Der Einstich muss eine ziemliche Blutfontäne verursacht haben. Ich glaube, eine Blutspurenmusteranalyse können wir uns hier sparen, weil offensichtlich ist, dass das Opfer genau an dieser Stelle umgebracht worden sein muss.«

»Das heißt, der Täter könnte von dem Blut etwas abbekommen haben?«, schlussfolgerte Mandy.

Doktor Tremmel bejahte. »Das kann gut sein.«

Etwas beleidigt hörte Thomas nur mit einem Ohr den Ausführungen des Arztes zu. Stattdessen inspizierte er den überdimensionalen Schreibtisch und entdeckte dort ein gerahmtes Bild, auf welchem Rausch bei einem Festakt einen auffallenden Gegenstand überreicht bekam. Er nahm das Bild und zeigte es Doktor Tremmel. »Könnt es zufällig dieser Brieföffner g’wesen sein?«

Der Angesprochene schaute Thomas von oben bis unten an. »Ich bin Rechtsmediziner und kein Hellseher.«

Thomas war randvoll bedient von der Aussage seines »Lieblingsarztes«, aber anstelle eines Gegenangriffs wandte er sich ab und überließ die weitere Diskussion seiner Kollegin. Vorsorglich machte er jedoch noch mit seinem Handy ein Foto von dem Bild.

»Wie sieht es mit dem Tatzeitpunkt aus?«, wollte Mandy wissen.

»Er starb bereits gestern Abend. Ich schätze mal vorsichtig so zwischen 21.00 und 23.00 Uhr. Genaueres kann ich Ihnen nach der Obduktion sagen. Dann kann ich Ihnen auch mitteilen, ob die Tatwaffe ein Messer oder ein Brieföffner war«, stellte Doktor Tremmel in Aussicht.

Thomas, der nur noch mit halbem Ohr zuhörte, wandte sich einem Kollegen der SpuSi zu, der im weißen Overall geräuschlos seine Arbeit verrichtete. Er zeigte ihm das Foto. »Hast du diesen Brieföffner gesehen?«

Der Angesprochene betrachtete das Foto und schüttelte den Kopf.

»Habt ihr sonst was Brauchbares g’funden?«

»Einen Haufen Fingerabdrücke haben wir schon, aber die müssen wir erst sortieren.«

»Nehmt bitte seinen PC mit, den soll sich der Stefan anschauen«, ordnete Thomas an.

»Alles klar, machen wir.«

»Habt ihr sein Handy g’funden?«

»Nein, bisher ned, aber wir sind auch noch ned fertig.«

»Ist die Eingangstür auf’brochen worden?«

»Nein, die war unversperrt.«

Thomas bedankte sich und gab Mandy mit einem Kopfnicken in Richtung Tür zu verstehen, dass sie hier erst einmal fertig waren.

»Der Chef hat doch gestern erzählt, dass er am Abend zu der Buchvorstellung des Direktors wollte«, begann Mandy Thomas auf dem Weg in die Aula von ihren Überlegungen zu erzählen.

»Ja, das hat er. Ich hab ihm noch viel Spaß g’wunschen«, erinnerte sich Thomas.

»Dann ist der Rausch gestern unmittelbar nach dieser Veranstaltung getötet worden.«

»Hat der Tremmel das g’sagt?«, fragte Thomas erstaunt.

»Ja, zwischen 21.00 und 23.00 Uhr sei er gestorben«, belehrte Mandy ihn leicht genervt. »Du musst ihm nur besser zuhören!«

»Ich hab keine Lust, mich ständig dumm ansprechen zu lassen, und das auch noch im Urlaub«, rechtfertigte sich Thomas.

»Irgendetwas hat er gegen dich.«

»Ja, aber ich weiß nicht, was. Ist mir auch wurscht«, entgegnete Thomas lapidar.

Just in diesem Moment kam den beiden Karl Auer entgegen.

»Wo kommst du denn her?«, begrüßte Thomas seinen Kollegen.

»Ich hab grad die Nachbarn befragt.«

»Und, hast was raus g’funden?«

»Ned wirklich. Gestern Abend war ja wegen der Buchvorstellung ein ziemlicher Auflauf im Gymnasium und bis heut früh hat niemand was g’hört«, berichtete der Polizist.

»Wer hat eigentlich den Toten g’funden?«, fiel Thomas Huber ein.

»Sorry, Thomas, das hab ich vergessen, dir zu erzählen«, entschuldigte sich Mandy. »Das war die Putzfrau, die Hildegard Rohrmoser, die hat heute Morgen um halb acht den Toten entdeckt.«

»Ja, die ist ganz aufgelöst zu uns in die Inspektion rüberg’laufen. Ich hab sie erst beruhigen müssen«, ergänzte Karl.

»Ich habe mit Frau Rohrmoser schon gesprochen. Sie hat um 7.00 Uhr begonnen, im Lehrerzimmer zu putzen, und ist dann gegen 7.30 Uhr ins Büro des Direktors gekommen«, fügte Mandy hinzu.

»Ist die Frau Hiermer schon da?«, wechselte Karl das Thema, »die habe ich vor einer halben Stunde ang’rufen.«

»Wer ist Frau Hiermer?« Thomas runzelte die Stirn. Dieser Name war bisher noch nicht gefallen. Oder hatte er nur wieder nicht richtig zugehört, wie Mandy es ihm immer vorwarf?

»Das ist die Stellvertreterin vom Rausch«, erklärte Karl Auer beiläufig, richtete seine Aufmerksamkeit aber weiterhin auf Mandy. Die beantwortete mit einem »Ich habe generell noch niemanden von der Schule gesehen« seine ursprüngliche Frage.

»Und du, Karl, hast unseren Chef schon ang’rufen?«, fragte Thomas nach.

»Sch… hätt ich beinahe g’sagt. Das hab ich vergessen«, gestand der Polizeihauptmeister mit schlechtem Gewissen.

»Dann mach das bitte gleich, noch dazu, wo unser Chef ein wichtiger Zeuge sein könnt«, forderte Thomas seinen Kollegen auf. Dieser zückte gleich sein Handy.

Eine bildhübsche junge Frau mit blondem Haarschopf, gekleidet in einen grauen Hosenanzug, betrat schnellen Schrittes und mit sehr ernster Miene die Aula. Sie ging schnurstracks auf die Polizisten zu. »Entschuldigen Sie, mein Name ist Angela Hiermer. Ich bin die stellvertretende Schulleiterin. Sind Sie die zuständigen Kripobeamten?«

»Ja, das sind wir. Mein Name ist Thomas Huber und das ist meine Kollegin Mandy Hanke.« Thomas war geplättet von der Schönheit der stellvertretenden Direktorin.

»Ich kann es nicht glauben, dass Herr Doktor Rausch tot sein soll«, gestand die attraktive Enddreißigerin.

Mandy wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch Thomas war schneller. »Leider ist das traurige Gewissheit. Er ist in seinem Büro erstochen aufg’funden worden. Können wir uns vielleicht irgendwo ungestört unterhalten?«

»Ja klar. Gehen wir in mein Büro«, bot Frau Hiermer an.

Das Zimmer der stellvertretenden Direktorin war weitaus schlichter und kleiner als das ihres Chefs. Ein ganz normaler Funktionsschreibtisch mit Laptop stand am hinteren Ende des Raumes. Seitlich befand sich ein moderner kleiner Tisch mit vier einfachen Stühlen für Besprechungen.

Die Verschiedenheit der Dienstzimmer brachte Thomas als Erstes zum Ausdruck. »Ihr Büro schaut aber ganz anders aus als das Ihres Chefs.«

»Das kann man so sagen. Wir haben einen etwas unterschiedlichen Einrichtungsgeschmack«, untertrieb die smarte Lehrerin.

Mandy, die sich während des Dialogs der beiden an alte Zeiten erinnert fühlte, in denen sie bei den Gesprächen oft von ihrem Kollegen übergangen worden war, brodelte innerlich.

Deshalb übernahm sie gleich das Wort, sobald die drei am Besprechungstisch Platz genommen hatten. »Waren Sie gestern bei der Buchvorstellung mit dabei, Frau Hiermer?«

»Ja, natürlich war ich dabei. Unser Chef legte großen Wert darauf, dass seine Mitarbeiter bei solchen Gelegenheiten anwesend waren.«

»Wie lief diese Veranstaltung ab?«

»Die Präsentation begann um 19.00 Uhr. Doktor Rausch begrüßte seine Gäste, erzählte von seinen Beweggründen, warum er das Buch geschrieben hatte, und las dann einige Seiten daraus vor«, fasste Frau Hiermer kurz zusammen.

»Wie viele Gäste waren ungefähr anwesend?«, fragte Thomas.

»Es dürften rund 100 Gäste gewesen sein. Doktor Rausch hat die ganze Prominenz der Stadt eingeladen. Übrigens, Ihr Chef müsste auch anwesend gewesen sein.«

»Ja, das wissen wir. Der wird auch bald hier sein. Und wie lange hat die Veranstaltung ’dauert?«, wollte Thomas wissen, während er sich weit über den Tisch beugte.

»So bis ungefähr 20.30 Uhr würde ich sagen.«

»Und wie ging es dann weiter?«, mischte sich Mandy wieder ins Gespräch ein.

»Einige der Gäste blieben noch kurz auf einen Umtrunk, aber die meisten sind gleich nach der Lesung nach Hause gegangen«, erzählte Frau Hiermer.

»Und Sie?«, hakte Mandy nach.

»Ich, ich blieb auch noch kurz, bin aber bald heimgegangen, um mich frisch zu machen und umzuziehen. Es war ja extrem heiß. Ich war zu Fuß da. Nachher habe ich mich noch mit einigen meiner Kolleginnen und Kollegen im Biergarten beim ›Schachtl‹ getroffen.«

»Kann jemand bezeugen, dass Sie zu Hause waren?«, fragte Mandy nach dem Alibi und fing dabei einen fragenden Blick ihres Kollegen ein.

»Nein, das kann keiner bestätigen. Ich bin Single und wohne alleine. Um ungefähr 21.30 Uhr war ich im Biergarten«, gab die junge Frau an. »Herr Doktor Rausch wollte eigentlich auch noch nachkommen, ist aber nicht mehr erschienen.«

»Haben Sie sich keine Sorgen gemacht, weil er nicht mehr gekommen ist?« Mandy hatte ein ungutes Gefühl bei Frau Hiermer. Sie konnte sich nur noch nicht erklären, warum.

»Nein, es kam öfters vor, dass er Termine nicht eingehalten hat. Wir haben uns gedacht, dass er von seinen Gästen aufgehalten wurde.«