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In den Wäldern des Rottals treiben Wilderer ihr Unwesen. Die Situation spitzt sich dramatisch zu, als ein Jäger erschlagen aufgefunden wird. Alles deutet darauf hin, dass der Mörder unter den Wilderern zu suchen ist. Doch das Opfer hat sich in der Vergangenheit sowohl bei der Jägerschaft als auch in seinem Beruf als Rechtsanwalt eine Menge Feinde gemacht. Die beiden Pfarrkirchner Kripobeamten Thomas Huber und Mandy Hanke müssen sich nicht nur um den komplizierten Fall kümmern, sondern auch um ihre Gefühle füreinander.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Hans Weber / Armin Ruhland
Ausgewildert
Kriminalroman
Waidmannsheil! Eine Anzeige wegen Wilderei wird von den Pfarrkirchner Kommissaren Thomas Huber und Mandy Hanke zunächst nicht sonderlich ernst genommen. Das ändert sich gewaltig, als ein Jäger erschlagen vor seiner Jagdhütte aufgefunden wird. Bei dem Ermordeten handelt es sich um einen Rechtsanwalt, mit dem die Kommissare in ihren zurückliegenden Fällen bereits unliebsame Bekanntschaft gemacht hatten. Bei ihren Ermittlungen erfahren die Beamten, dass der Jurist sowohl bei der Jägerschaft als auch in seinem Beruf eine Menge Feinde hatte. Ausgerechnet der Schwager von Thomas Hubers bestem Freund rückt immer mehr in den Fokus der Kommissare, denn als Reviernachbar hatte er einen handfesten Streit mit dem Ermordeten. Mandy fühlt sich bei den Ermittlungen gegen ihn alles andere als wohl, da sie ihn wenige Tage vorher bei ihrer Geburtstagsfeier kennengelernt hat. Die junge Kommissarin steckt auch privat in der Zwickmühle, denn zwei Männer machen ihr gleichzeitig den Hof.
Hans Weber, geboren 1961, und Armin Ruhland, geboren 1959, besuchten dieselbe Klasse am Gymnasium Dingolfing und waren eng befreundet. Nach dem gemeinsamen Abitur im Jahr 1980 trennten sich jedoch ihre Wege. Während Weber nach seinem BWL-Studium in verschiedenen Bereichen bei einem bayerischen Automobilhersteller lange Jahre nahe seiner Heimat beschäftigt war, zog es seinen Freund in die Ferne. Nach einem Kunstgeschichtsstudium belieferte Armin Ruhland vom spanischen Madrid aus wissenschaftliche Bibliotheken mit Fachliteratur. Nach knapp 40 Jahren kreuzten sich ihre Wege wieder und sie entdeckten ihre Liebe zum Schreiben von regionalen Krimigeschichten. Die beiden Autoren leben mit ihren Familien im Landkreis Dingolfing-Landau.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © 12222786 / pixabay
ISBN 978-3-8392-7564-1
Sonntag
»Welche Tour hast du heute für uns ausgesucht?«, begrüßte Mandy ihren guten Freund Helmut Drexler vor ihrer Wohnung in der Pfarrkirchner Pflegstraße.
Der alleinstehende 36-jährige Banker hatte schon öfters mit der jungen Kommissarin Mandy Hanke gemeinsame Fahrradausflüge im Rottal unternommen. Jedes Mal war Helmut bemüht, der zugezogenen Polizistin kulturelle Sehenswürdigkeiten in dem bäuerlich geprägten Landstrich zwischen Inn und Rott zu zeigen. Freilich hatte Helmut keine Ambitionen, Kulturführer seines Landkreises zu werden. Sein Antrieb war ganz allein Mandy, die vor gut eineinhalb Jahren aus dem thüringischen Gera nach Pfarrkirchen versetzt worden war. Zu seinem Bedauern konnte der Bankangestellte, der in seinem Leben kein großes Glück mit Frauen gehabt hatte, das Herz der sportlichen Polizistin bisher nicht erobern.
Heute, an diesem herrlichen Spätsommersonntag, hatte Mandy Geburtstag. Grund genug für Helmut, sich etwas ganz Besonderes einfallen zu lassen. Vor einigen Monaten hatte sie ihm ihr Geburtsdatum verraten, welches er sich dick im Kalender angestrichen hatte. Jetzt aber erwähnte er ihren Ehrentag nicht. Er tat so, als hätte er ihn vergessen.
»Lass dich überraschen«, antwortete Helmut geheimnisvoll und grinste die junge Frau dabei an.
Sie stiegen auf und fuhren stadtauswärts zum Rottalradweg. Mit ihren hochwertigen Rennrädern kamen sie auf dieser ebenen Strecke schnell voran. In wenigen Minuten umkurvten sie den Rottalsee und fuhren anschließend weiter bis nach Hebertsfelden. Dort verließen die beiden die markierte Route und folgten der wenig befahrenen Straße in Richtung Langeneck.
»Jetzt sag schon, Helmut, wo geht’s heute hin?«, rief Mandy von hinten.
Helmut ließ sich neben Mandy zurückfallen. »Siehst du die Kirchturmspitze dahinten?« Als Mandy nickte, eröffnete er ihr das heutige Reiseziel. »Das ist die Wallfahrtskirche Schildthurn. Da fahren wir hin.«
»Klingt interessant, ich bin gespannt!« Die Neu-Rottalerin freute sich auf einen weiteren kulturellen Exkurs ihres Begleiters.
Während der Fahrt dachte Helmut nur an eins: Hoffentlich klappt die Überraschung, die ich vorbereitet habe.
Nach der Ortschaft Eiberg steuerten sie auf den 4.000-Einwohner-Markt Tann zu. Der im Inn-Salzach-Stil erbaute historische Marktplatz war nahezu menschenleer, als Helmut und Mandy ihn überquerten. Die letzten drei Kilometer nach Schildthurn hatten es in sich, denn die Strecke führte ziemlich steil bergauf.
Nachdem sie an der Wallfahrtskirche angekommen waren, stellten sie ihre Fahrräder an die Kirchenmauer und schlossen sie ab.
»Das ist also die bei Pilgern beliebte St.-Ägidius-Kirche in Schildthurn«, begann Helmut auf Hochdeutsch mit seinen kulturellen Informationen, die er sich, wie immer, vorher im Internet angeeignet hatte. »Diese Kirche ist eines der Wahrzeichen des Rottals. Die fehlt garantiert in keinem Rottalführer. Der Turm gilt mit seinen 78 Metern als der höchste Dorfkirchturm in Deutschland. Allein der Turmhelm ist 30 Meter hoch und an der Spitze gedreht.«
»Wow, der ist aber gewaltig! Allerdings sind die Proportionen irgendwie komisch«, stellte Mandy bei einem Blick auf den imposanten Bau fest.
»Ja, da hast du recht. Der Turm ist etwas zu groß geraten oder das Langhaus etwas zu klein«, bestätigte Helmut mit einem Lächeln. »Lass uns reingehen.«
Vorsichtig öffneten sie die jahrhundertealte, schwere Tür des Gotteshauses. Im Innern war keine Menschenseele zu sehen. Still und kühl offenbarte sich ihnen die altehrwürdige Wallfahrtskirche. Im hinteren Teil hingen zahlreiche alte Votivtafeln, die als Zeichen der Dankbarkeit von den Gläubigen gestiftet worden waren. Diese kleinen hölzernen Bilder zeigten die Bedeutung des Gotteshauses als Pilgerstätte.
Mandy war geplättet von dem lichtdurchfluteten Innenraum. »Wow, das ist ja wunderschön hier drin. Wie alt ist die Kirche denn?«
»Sie entstand im 13. Jahrhundert und war lange Jahre ein großes Wallfahrtszentrum zu mehreren Heiligen, die besonders bei Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch helfen sollten«, führte Helmut sein Internetwissen aus.
»Aber deswegen hast du mich nicht hierher geschleppt, oder?«, scherzte Mandy und grinste ihren Begleiter an.
Helmut musste lachen, wurde aber gleichzeitig rot, weil er die ungewollte Anspielung erst jetzt realisierte. »Keine Angst, Mandy, das ist bestimmt nicht der Grund.«
Wenig später setzten sich die beiden in eine Kirchenbank und blickten ehrfürchtig auf den barocken Hochaltar. Helmut drehte sich kurz um, schaute zum Chorraum und nickte. Keine zehn Sekunden später war es mit der Stille zu Ende.
»Oh Happy Day«, schallte es vielstimmig von der Empore der Wallfahrtskirche. Mandy erschrak, wandte sich um und sah ungefähr zehn Sängerinnen und Sänger, die diesen Gospel-Klassiker zum Besten gaben. Der Blick zu dem sichtlich zufriedenen Helmut verriet Mandy, dass er die Überraschung für sie arrangiert hatte. Mandy bekam Gänsehaut, während der Chor den Ohrwurm gekonnt vortrug.
Nach dem Song umarmte Helmut seine Angebetete und wünschte ihr alles Gute zum Geburtstag. Sogleich stimmte der Chor »Happy Birthday« an.
»Die Überraschung ist dir so was von geglückt!«, lobte die Polizistin und strahlte vor Freude.
»Ich habe nur meine Schwester überred’t, ihre Chorprobe von Pfarrkirchen nach Schildthurn zu verlegen.« Auch Helmut strahlte bis über beide Ohren, tat aber bescheiden.
»Deine Schwester?«
»Ja, sie ist die Chorleiterin.«
Das exklusive Konzert war nach dem Happy-Birthday-Song noch nicht zu Ende. Als Nächstes folgte die Hymne »Amazing Grace«, die erneut Gänsehaut bei Mandy verursachte. Beim letzten Stück war sich Helmut nicht sicher, ob die Auswahl vielleicht übertrieben war. Mandy könnte es als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, fürchtete er. Doch das Lied »I will follow him« fand Gefallen bei der jungen Thüringerin. Entweder verstand sie die Anspielung tatsächlich nicht oder sie wollte sie nicht bemerken.
Nach dem kleinen Konzert stiegen die Chormitglieder die enge Treppe hinunter und steuerten auf die beiden zu, die sich mittlerweile von ihren Plätzen erhoben hatten.
»Darf ich vorstellen? Das ist meine Schwester Annette, die Chefin des Rottaler Gospelchors.«
»Ich möchte dir ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren, Mandy. Ich habe schon viel von dir gehört«, sagte Annette und drückte die Begleiterin ihres Bruders fest an sich.
»Und das ist der Mann von Annette, mein Schwager Günter.« Helmut deutete auf einen Mann, der sich ihnen näherte.
Auch Günter herzte Mandy und sprach seine Glückwünsche aus.
Mandy wusste nicht, ob sie sich überwältigt oder überrumpelt fühlen sollte von diesem Familienklüngel.
Die anderen Mitglieder des Chores ließen es sich auch nicht nehmen und stellten sich in einer Reihe für die persönliche Gratulation an.
Helmut nutzte die Zeit und lugte kurz zur Kirchentür hinaus. Zufrieden kehrte er zu Mandy zurück. »Jetzt wäre der richtige Moment, um auf dich anzustoßen.«
»Ja, das stimmt«, gestand das Geburtstagskind und überlegte, ob das als Aufforderung an sie gemeint war, die ganze Versammlung auf einen Drink einzuladen.
»Dann sollten wir nach draußen gehen«, schlug Helmut vor.
Die verunsicherte Mandy folgte Helmut zur Kirchentür, der sie öffnete und Mandy den Vortritt gewährte.
»Das gibt es ja nicht! Ich glaube, ich träume«, stieß sie völlig perplex hervor, als sie vor dem Eingang zur Kirche die nächste Überraschung wahrnahm.
Es war angerichtet. Helmut hatte einen Pfarrkirchner Gastronomiebetrieb beauftragt, einen kleinen Sektempfang mit Imbiss vorzubereiten. Eine junge Frau mit weißer Bluse war gerade dabei, die Sektgläser zu befüllen, die auf einem Tisch bereitstanden. Auf dem anderen, mit weißem Tuch gedeckten Tisch sah Mandy zwei Silbertabletts mit köstlichen Kanapees.
Mandy verschlug es die Sprache. Sie war von einer gemütlichen Radtour mit Helmut an ihrem Geburtstag ausgegangen, mehr nicht. Und jetzt stand sie an einem der romantischsten Plätze im Rottal, vor der Wallfahrtskirche in Schildthurn, zusammen mit Helmuts Schwester inklusive Schwager samt Gospelchor, einem Glas Sekt in der einen und einem Lachsbrötchen in der anderen Hand. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn. Auf der einen Seite war sie von Helmuts Einfallsreichtum überwältigt, auf der anderen Seite hoffte sie, dass er sie nicht als künftiges Mitglied seiner Familie angekündigt hatte.
Als alle Anwesenden ein gefülltes Sektglas in der Hand hielten, stimmte der Chor eine Zugabe an. Diesmal sang die Gruppe den Refrain von Stevie Wonders »Happy Birthday to you«. Anschließend stießen alle auf Mandy an.
»Ich hoffe, unser Gesang hat dir gefallen«, sagte Helmuts ältere Schwester zu Mandy.
»Ihr habt wunderbar gesungen. Ich weiß gar nicht, wie ich mich da revanchieren kann«, stammelte Mandy.
»Das musst du nicht. Das haben wir gerne gemacht. Wenn ihr wollt, könnt ihr mal zu uns nach Bad Birnbach radeln«, schlug Annette vor, die anscheinend sehr um das Wohl ihres jüngeren Bruders bemüht war. »Der Günter würd dann den Grill anschmeißen, gell Günter.«
»Logisch«, bestätigte der etwa 50-Jährige verbindlich.
»Wenn sich die Gelegenheit ergibt, können wir das gerne machen«, entgegnete Mandy verlegen und entfloh dem familiären Gespräch, indem sie sich noch ein Brötchen holte.
Nach einer weiteren Stunde des Small Talks, Sektschlürfens und Häppchenverschlingens war es für die beiden Radfahrer Zeit, sich zu verabschieden. Mandy bedankte sich für den Auftritt bei jedem Mitglied des Chors per Handschlag und bei Annette und Günter mit einer innigen Umarmung.
Während der Rückfahrt nach Pfarrkirchen überlegte Helmut die ganze Zeit, wie er seiner Angebeteten nach dieser durchaus gelungenen Überraschung näherkommen könnte. Er hatte sich fest vorgenommen, den heutigen Tag dafür zu nutzen.
Doch dazu kam es nicht.
Zu Hause verabschiedete sich Mandy und umarmte ihren Begleiter. »Helmut, vielen, vielen Dank für den wunderschönen Tag. Ich werde diesen Geburtstag mein Leben lang nicht vergessen.«
Bevor Helmut etwas erwidern konnte, schob sie ihr Rennrad in den Gang des Wohnhauses. Er war wieder, trotz großen Aufwandes, keinen Schritt weitergekommen.
Montag
Wie gewöhnlich konnte der Pfarrkirchner Kommissar Thomas Huber vor seinem ersten Arbeitstag nach einem dreiwöchigen Urlaub kaum schlafen. Vieles ging ihm durch den Kopf. Vorbei waren die unbeschwerten Tage auf seinem Sacherl im Pfarrkirchner Ortsteil Aign. Vor ihm lag die tägliche Polizeiarbeit in der Rottaler Hauptstadt. Nicht, dass er seinen Job als Kripobeamter nicht leiden konnte, ganz gewiss nicht. Aber der Druck, der besonders bei Kapitalverbrechen auf ihm und seiner Kollegin lastete, war enorm. Da halfen ihm und vor allem seinem Chef nur Erfolgserlebnisse. Wie vor Kurzem, als er fast im Alleingang den Mord am Direktor des hiesigen Gymnasiums aufgeklärt hatte. Mit solch einem Erfolg in den Urlaub zu gehen, war befreiend.
Doch jetzt waren diese drei Wochen schon vorbei. Es war der erste längere Urlaub ohne seine Frau gewesen. Sie hatte ihn vor über einem Jahr verlassen. Langweilig war dem sportlichen 36-Jährigen nicht geworden, eher im Gegenteil. Thomas war viel mit seinem Motorrad unterwegs gewesen, hatte oft Sport gemacht, einige Zeit mit seinen Kumpels vom Fußballverein verbracht und seinen mittlerweile geliebten Gemüsegarten gehegt und gepflegt. Ihm hatte nichts gefehlt, besser gesagt, fast nichts. Seine Kollegin Mandy Hanke hatte er schon vermisst. Eigentlich wollte sie mal zu Besuch kommen, aber anscheinend hatte sie keine Zeit oder keine Lust gehabt.
So betrat er nach einer sehr unruhigen Nacht mit gemischten Gefühlen das altehrwürdige Gebäude der Pfarrkirchner Polizeiinspektion an der Arnstorfer Straße. Wie fast immer war seine fleißige Kollegin vor ihm im Büro.
»Guten Morgen, Mandy, jetzt sind die schönen Zeiten vorbei«, grüßte Thomas mit einem flotten Spruch.
»Der Urlauber gibt sich auch wieder mal die Ehre«, flachste die 32-Jährige zurück.
Thomas ging auf sie zu und öffnete seine Arme. Mandy war überrascht, stand aber auf und ließ eine Umarmung zur Begrüßung zu.
»Warum hast du mich denn nicht auf meinem Sacherl b’sucht?«
»Kochen kannst du ja mittlerweile, und außerdem wollte ich nicht stören, falls weibliche Gäste auf deinem Hof verweilen«, frotzelte Mandy.
»Das einzige weibliche Wesen, das mich auf meinem Sacherl b’sucht hat, war die Katz vom Nachbarn.«
»Soso«, bemerkte Mandy ungläubig und wechselte sofort das Thema, da sie die Stimmung im Büro nicht schon in den ersten Minuten nach Thomas’ Urlaub in den Keller sacken lassen wollte. »Was hast du in den letzten Wochen alles unternommen?«
Der Urlauber berichtete über die Gartenarbeit, die Biergartenbesuche mit seinen Freunden und seine Motorradausflüge, bevor er zur Gegenfrage ansetzte. »Und du, bist viel geradelt in der Zeit?«
»Ja, kann man sagen. Und bevor du es wieder von anderen Leuten erfährst: Gestern haben Helmut und ich auch eine Radtour gemacht«, offenbarte Mandy in weiser Voraussicht.
»Okay! Wo seid ihr hingefahren?«, fragte Thomas neugierig, denn er wusste nicht recht, was er von der Freundschaft zwischen ihr und Helmut halten sollte.
»Wir haben Schildthurn angepeilt. Kennst du die Wallfahrtskirche dort?«
»Klar kenn ich die Kirche, besser gesagt, den Turm.«
»Weißt du, was das Beste war? Die Schwester und der Schwager von Helmut haben in der kleinen Kirche mit ihrem Chor gesungen«, schwärmte Mandy.
»Die Annette hab ich schon lange nicht mehr gesehen, und ihren Mann kenn ich gar ned. Von dem Konzert hab ich überhaupt nichts in der Zeitung g’lesen.«
»Das war eher ein spontanes, privates Konzert, darüber stand sicher nichts in der Zeitung. Helmut hat gesagt, Annette habe lediglich die Chorprobe von Pfarrkirchen nach Schildthurn verlegt. Wegen der Akustik, vermute ich«, schwindelte Mandy. Den eigentlichen Grund für das Ständchen wollte sie nicht verraten.
Thomas kam ins Grübeln. Nach einer Weile ging ihm ein Licht auf. Gestern war Mandys Geburtstag gewesen, und Helmut hatte das volle Programm aufgefahren, um sie zu beeindrucken. Er dagegen hatte nicht daran gedacht und stand jetzt mit leeren Händen da. Ein ganz schlechtes Gefühl.
Unter einem Vorwand verließ er das Büro und fuhr mit seinem Privatwagen in die Stadt.
Kurze Zeit später kam er mit einem großen bunten Blumenstrauß zurück. »Happy Birthday, liebe Mandy«, strahlte er und überreichte ihr sein spontanes Geschenk mit einer Umarmung.
»Danke, Thomas. Ich habe schon gedacht, du hättest meinen Geburtstag vergessen.«
»Nein, überhaupt ned. Ich hab mir denkt, dass du mit dem Radl unterwegs bist, deswegen habe ich dich gestern ned b’sucht. Und heute musste ich warten, bis der Blumenladen aufmacht«, log Thomas.
Da klopfte es an der Tür.
»Der Urlauber is aa wieder da. Des freut mi aber«, begrüßte die Polizeisekretärin Hilde Bernauer den Kommissar in ihrer gewohnt flapsigen Art.
»Hilde, griaß di, was gibt’s?«, erwiderte Thomas knapp, der aufgrund der neugierigen und manchmal etwas aufdringlichen Art des Polizei-Faktotums keine gesteigerte Lust auf einen ausführlichen Urlaubsbericht hatte.
»Hast der Mandy endlich einen Heiratsantrag g’macht?«, fragte die 61-Jährige, als sie den riesigen Blumenstrauß auf Mandys Schreibtisch liegen sah.
»Hilde!«, entfuhr es Thomas und Mandy gleichzeitig. Beide rollten ihre Augen.
»Wenn du di ned schickst, dann macht’s halt ein anderer«, legte Hilde nach.
»Warum bist denn zu uns ’kommen?«, fragte Thomas genervt, der damit die peinliche Unterredung abkürzen wollte.
»Ihr sollt gleich zum Chef kommen.«
Thomas wollte seinem Vorgesetzten nicht unvorbereitet gegenübertreten und fragte deshalb: »Sag mal, Mandy, war was Besonderes in den letzten drei Wochen?«
»Nein, es war sehr ruhig. Ein paar kleinere Drogendelikte und ein Einbruch in ein Vereinsheim, sonst nichts Erwähnenswertes … Bis auf eine Anzeige wegen Wilderei.«
»Wilderei?«, wunderte sich Thomas.
»Ja, genau. Ein Jäger hat zwei verendete Rehe mit einer Kleinkaliberpatrone im Bauch gefunden. Seiner Aussage nach kann die Patrone nicht von einem Jäger stammen, weil die Waidmänner mit deutlich größeren Kalibern auf Rehe schießen, damit diese nicht leiden müssen. Ich habe mir vorhin die Anzeige durchgelesen. Mit dem Jäger habe ich aber nicht gesprochen«, berichtete Mandy.
»Dann ist wohl der Jennerwein wiederauferstanden«, scherzte Thomas.
»Wer oder was ist der Jennerwein?«, fragte die Thüringerin.
»Der Jennerwein hat im 19. Jahrhundert g’lebt. Der war seinerzeit der bekannteste Wilderer in Bayern. Gut … Wenn wir sonst keine Probleme haben …«
Auf dem Weg ins Büro des Chefs hatten sowohl Mandy als auch Thomas ein ungutes Gefühl, denn ihr Vorgesetzter wartete in der Regel mit schlechten Nachrichten auf, wenn die Aufforderung zum Gespräch so förmlich von seiner Sekretärin überbracht wurde.
Der Pfarrkirchner Polizeichef Josef Kiermeier begrüßte seine beiden Mitarbeiter entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten per Handschlag und bot ihnen einen Platz an seinem Besprechungstisch an.
»Schön, dass Sie wohlbehalten aus Ihrem Urlaub zurückgekehrt sind, Herr Huber. Ich wollte mich noch bedanken, dass Sie Ihren Jahresurlaub verschoben haben«, begann Kiermeier mit amtlicher Note.
Solche Worte saugten die beiden Ermittler in vollen Zügen auf, denn ein Dankeschön oder gar ein Lob kamen ihrem Vorgesetzten recht schwer über die Lippen.
»Das hab ich gern g’macht. Ich konnt ja meine Kollegin mit dem Mordfall nicht allein lassen«, antwortete Thomas und lächelte dabei seine Co-Ermittlerin an.
»Es freut mich sehr, dass Sie beide so ein gutes Team geworden sind. Da bräuchte es eigentlich kein Teambuilding-Meeting mehr, aber ich habe versprochen, dass ich Sie und die Kollegen zum Essen einlade, wenn der Mord an dem Gymnasialdirektor geklärt ist. Könnten Sie bitte die Organisation übernehmen? Stimmen Sie mit Frau Bernauer einen Abendtermin ab und suchen Sie sich ein passendes Lokal aus«, bat der Polizeichef.
»Geht doch!«, prustete Thomas, als er mit Mandy zurück in ihrem Büro war.
»Allem Anschein nach hat er sich produktive Gedanken über seinen Führungsstil gemacht«, freute sich auch Mandy.
Schnell waren sich die beiden mit dem Lokal für ihr Abteilungsabendessen einig. Der Schachtl-Biergarten war der ideale Ort für ein Treffen im Kollegenkreis. Hilde sollte die Terminkoordination übernehmen. Mandy eilte gleich zu ihr ins Büro.
Thomas ging derweil Hildes Satz von vorhin nicht mehr aus dem Kopf: »Wenn du di ned schickst, macht’s halt ein anderer.« Unbestritten, Mandy war ihm ans Herz gewachsen. Er wusste allerdings nicht, ob sie auch privat so harmonieren würden wie im Dienst. Er wusste ebenfalls nicht, ob Mandy derzeit für eine Partnerschaft bereit war, und wenn ja, ob sie ihn überhaupt wollte. Viele Fragen und keine Antworten. Das musste er schnell ändern.
Weil Mandy gerade nicht im Büro war, hatte er Zeit zum Grübeln. Er dachte an seinen Freund Helmut, der Mandy mit einem Ausflug überrascht hatte. Das könnte er doch auch mal machen. Thomas öffnete Power-Point, bastelte spontan einen Gutschein und druckte ihn aus.
»Hilde übernimmt die Terminkoordination«, freute sich Mandy, als sie ins Büro zurückkehrte.
»Das ist gut. Ah, übrigens, Mandy … Die Hilde hat mich vorher beim Gratulieren gestört. Ich war noch ned ganz fertig«, stammelte Thomas.
»Du hast mir doch schon so einen großen Blumenstrauß geschenkt.«
»Ein kleines, ganz persönliches Geschenk würd ich gern noch an den Mann … an die Frau bringen«, kündigte Thomas verlegen an und überreichte ihr einen Umschlag.
Irritiert nahm Mandy das Kuvert an und öffnete es. »Ein Gutschein über eine Fahrt ins Blaue mit deinem Motorrad«, brachte sie erstaunt hervor. »Das ist sehr lieb von dir, aber ich bin schon so lange nicht mehr Motorrad gefahren …«
Samstag
»Ich glaube, der Helm und die Motorradjacke könnten dir passen«, sagte Thomas, als er Mandy vor ihrer Haustür in der Pflegstraße mit seiner Maschine abholte. Den Sturzhelm sowie die Jacke hatte er vor einigen Jahren seiner damaligen Frau Marion gekauft, die allerdings wenig Gefallen daran gefunden hatte, sich als Beifahrerin auf sein Motorrad zu setzen.
»Ja, das sieht gut aus«, urteilte Mandy, nachdem sie die Ausrüstung angezogen hatte. »Fahr bitte langsam! Ich bin zum letzten Mal vor über zehn Jahren auf einem motorisierten Zweirad gesessen«, gestand sie ängstlich.
»Ich fahr wirklich langsam, das kannst mir glauben. Ich weiß ja, dass ich eine wertvolle Fracht an Bord hab«, flachste Thomas, der ihr damit die Angst nehmen wollte.
»Und du willst mir noch immer nicht sagen, wo wir heute hinfahren?«
»Nein, bei einer Fahrt ins Blaue weiß man nie, wohin die Reise geht.«
Nachdem Thomas losgefahren war, fühlte sich Mandy in ihre Jugendzeit zurückversetzt, als sie mit den Jungs aus ihrer Clique auf Mopeds die Dörfer rund um Gera unsicher gemacht hatte.
Thomas bemühte sich sehr um eine langsame und vorausschauende Fahrweise. Nach wenigen Kilometern öffnete er bei gedrosselter Fahrt sein Visier und lugte nach hinten. »Passt alles? Geht es dir gut, Mandy?« Mit Freude sah er ein Nicken und ein Lächeln seiner Kollegin.
Über Godelsham und Edermanning steuerte Thomas der Grenzstadt Simbach am Inn entgegen. Das erste Zwischenziel seines Ausflugs war jedoch nicht Simbach, sondern die auf der anderen Seite des Inns gelegene alte österreichische 17.000-Einwohnerstadt Braunau. Am dortigen lang gezogenen Stadtplatz parkte er sein Gefährt.
»Ich würd vorschlagen, wir machen hier eine kurze Pause. Warst du schon mal in Braunau?«
»Nein, ich kenn mich in dieser Gegend nicht aus«, entgegnete die gebürtige Thüringerin ehrlich.
»Dann weißt du auch nicht, durch wen Braunau traurige Berühmtheit erlangte?«
»Nein.«
»In dieser schönen Stadt wurde der größte Massenmörder der Weltgeschichte geboren.«
»Adolf Hitler? Ich weiß, dass er Österreicher war, aber dass er hier geboren wurde, wusste ich nicht.«
»Soll ich dir sein Geburtshaus zeigen?«
»Ja, gerne. Steht das noch? Es wird doch hoffentlich kein öffentliches Denkmal sein!«
»Wart’s ab, ist nicht weit weg von hier. Vorher geb ich dir aber ein Eis aus.«
Ein paar Minuten später schlenderten die beiden Ausflügler mit einer Eistüte in der Hand den historischen Stadtplatz hinauf und betrachteten die Schaufenster der Geschäfte, die ihre Ladentüren zu dieser Zeit am Samstag schon geschlossen hatten. Kurz nach dem Stadttor befand sich das schmucklose Geburtshaus des Diktators. Einzig ein schlichter Gedenkstein stand davor mit folgenden eingravierten Zeilen: »Für Friede, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen.«
»Stell dir vor, in dieses Haus werden demnächst unsere Kollegen aus Braunau einziehen«, wusste Thomas.
»Was? Das Geburtshaus von Hitler wird zu einer Polizeiwache?«, wunderte sich Mandy.
»Ja, die Stadt will verhindern, dass es zu einer Pilgerstätte für Neonazis wird«, erklärte Thomas, der dies kürzlich in der Zeitung gelesen hatte.
»Okay, aus diesem Blickwinkel gesehen eine vernünftige Entscheidung. Dann könnten sie aus Hitlers Kinderzimmer eine Arrestzelle zur Ausnüchterung machen«, scherzte Mandy.
Nach dieser geschichtlichen Exkursion gingen sie zurück zum Motorrad. Thomas fuhr nun in Richtung Salzkammergut. Das Ziel seines heutigen Ausflugs war der schöne Marktflecken Mattsee am gleichnamigen See.
Zunächst erkundeten sie kurz den Ort, bevor sie zum Ufer spazierten.
»So, jetzt werden wir uns ein wenig sportlich betätigen«, kündigte Thomas an.
»Bewegung kann nie schaden«, stimmte Mandy zu.
Thomas steuerte einen Bootsverleih an, und kurze Zeit später ruderten die beiden auf dem malerischen Gewässer.
»Ist das herrlich hier! Die Berge im Hintergrund, das blaue Wasser und das traumhafte Wetter«, schwärmte die Thüringerin, die sich auf dem Boot zunächst chauffieren ließ und die Bootsfahrt genoss.
»Ich hab dir ja eine Fahrt ins Blaue versprochen«, scherzte Thomas und lächelte Mandy an.
»Vor einem Jahr hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich mit dir freiwillig einen privaten Ausflug mache«, gestand Mandy und spielte damit auf den schwierigen beruflichen Start der beiden an.
»Ich auch nicht. Ich hab damals überlegt, was ich dem Kiermeier an’tan hab, dass er mir so eine vorlaute ostdeutsche Zicke ins Büro steckt«, gab Thomas lächelnd zu.
»›Vorlaute Zicke‹ hast du gesagt? Weißt du, was ich mir am Anfang gedacht habe? Zu welchem niederbayerischen Arsch bin ich da ins Büro gekommen?«, konterte Mandy gewohnt schlagfertig.
»Hab ich ›Arsch‹ gehört?«, empörte sich Thomas und spritzte Wasser in ihr Gesicht.
Das konnte sich Mandy natürlich nicht gefallen lassen und zahlte es ihm mit einer größeren Menge zurück. Das Ganze artete in eine kleine Wasserschlacht aus, bis Mandy um Waffenstillstand bat. Sie hatte gerade bemerkt, dass ihr weißes enges Top durch die Nässe zum Schaufenster für Thomas wurde.
Auf dem Rückweg ans Ufer ruderte Mandy, während Thomas sich von seinen Strapazen erholen durfte. Schnell waren ihre Klamotten in der warmen Spätsommersonne wieder trocken, sodass sie sich dem Highlight des Tages zuwenden konnten. Thomas hatte nämlich einen Tisch auf der Terrasse des Schlosshotels Iglhauser reserviert.
»Wow«, staunte Mandy, als sie an dem festlich gedeckten Tisch mit Blick auf den See Platz genommen hatten.
»Ich find, das Restaurant ist eines der besten in der ganzen Gegend, und zu deinem Geburtstag ist das gerade gut genug.«
»Was hast du noch mit mir vor?«
»Dir einen schönen Tag bereiten, sonst nichts«, erklärte Thomas bescheiden. Freilich wollte er die attraktive Thüringerin beeindrucken, um endlich herauszufinden, ob ihr Herz für ihn schlug, wenigstens ein bisschen.
Sie ließen sich ihr Saiblingsfilet auf Weißweinsoße sowie das Dessert aus der Gourmetküche schmecken, redeten und lachten über Gott und die Welt und genossen den herrlichen Tag im Salzkammergut.
Thomas überlegte die ganze Zeit, ob jetzt nicht der ideale Zeitpunkt wäre, den entscheidenden Schritt zu tun, denn seine Zuneigung zu der wunderbaren Frau wurde im Laufe des Tages nicht kleiner, im Gegenteil. Ihr Lachen war ansteckend. Sie war so unbeschwert. Er konnte mit ihr über alles reden, zumindest über fast alles, und noch dazu sah sie fantastisch aus. Doch er verwarf die Überlegung, wollte auf den magischen Moment warten, der von ganz alleine kommen würde, wenn es so sein sollte.
Es dämmerte bereits, als sich die beiden mit ihrem Zweirad auf den Heimweg machten. Thomas wollte nicht denselben Weg nach Hause nehmen. Er fuhr zunächst nach Obertrum und bog dort in Richtung Laufen ab. Nach einigen Kilometern bergauf hielt er am Gipfel des Berges in der Nähe der Kaiserbuche an und zeigte seiner Sozia den herrlichen Ausblick.
»Schau mal, Mandy, das ist der Rupertiwinkel«, erklärte Thomas.
»Wunderschön, der Ausblick ist Wahnsinn!«, schwärmte sie.
»Das ist das Salzachtal mit den Alpen im Hintergrund. Ganz hinten kannst du Salzburg erahnen, und vor dir liegt die Stadt Laufen. Ach, übrigens, magst du eigentlich die Rolling Stones?«
»Wie kommst du jetzt auf die?« Thomas’ abrupter Themenwechsel irritierte Mandy.
»Weil ich dann noch ein Schmankerl für dich hätt, falls du heut nichts mehr vorhast.«
»Klar mag ich die Stones. Mein Vater ist ein großer Fan von Mick Jagger und Co. Er hat damals in der DDR heimlich im West-Radio die Songs der Stones gehört, und nach der Wende hat er einige Konzerte besucht. Ich war auch einmal dabei … Heute habe ich keinen Termin mehr, aber ich komm nur mit, wenn du mir verrätst, welches Schmankerl du meinst.«
»Lass dich einfach noch mal überraschen«, entgegnete Thomas geheimnisvoll.
Die beiden setzten sich wieder auf das Motorrad und fuhren den Berg hinunter ins Salzachtal. Zuerst durchquerten sie Oberndorf, den Ort, an dem das bekannteste Weihnachtslied der Welt, »Stille Nacht«, entstanden war, und anschließend ging es weiter durch die alte Grenzstadt Laufen auf die B20.
Über Tittmoning, Burghausen und Marktl erreichten sie nach Einbruch der Dunkelheit den Markt Tann, in dem immer am letzten Augustsonntag der überregional bekannte Kunstmarkt stattfand. Und am Samstag vor dieser Veranstaltung wurde ein Open Air am dortigen Marktplatz abgehalten.
In einer Seitenstraße stellte Thomas sein Zweirad ab, packte die Jacken in den Motorradkoffer, sperrte die beiden Helme mittels einer Kette ab und stellte sie auf den Sattel des Zweirads. Gespannt schlenderten sie zum Marktplatz. Den Eintritt übernahm Thomas. Er hatte seine Kollegin schon den ganzen Tag freigehalten. Der Tag war schließlich das Geburtstagsgeschenk für Mandy.
Um die 500 Menschen hatten sich auf der südlichen Seite des Marktplatzes zum diesjährigen Tanner Open Air eingefunden. Die Band machte gerade eine Pause, als sich Thomas und Mandy an den hinteren Reihen der Biertischgarnituren eine Sitzgelegenheit suchten.
»Und jetzt bekommen wir Rolling-Stones-Hits zu hören?«, vermutete Mandy.
»Da kannst du dich drauf freuen. Die Band heißt ›The Stars‹ und ist meines Erachtens nach die beste Rolling-Stones-Coverband weit und breit«, schwärmte Thomas. Er hatte die Gruppe vor Jahren schon mal hier gehört.
Keine fünf Minuten später legten die elf Musiker, die überwiegend aus Niederbayern stammten, mit dem ersten Song nach der Pause los. Es war der 1966 erschienene Hit »Paint It Black.«
Mandy bekam ihren Mund nicht mehr zu. »Das gibt es ja nicht! Der Sänger sieht aus wie Mick Jagger, bewegt sich wie er und singt wie er.«
»Der heißt im richtigen Leben Fritz Wimmer und stammt aus Frontenhausen. Das ist der Ort, an dem die Eberhofer-Krimis gedreht werden. Der Fritz ist etwas jünger und etwas größer als das Original, dennoch kannst du heute in Tann ein sehr günstiges Rolling-Stones-Konzert hören.«
»Komm, Thomas, lass uns tanzen«, sagte Mandy, nahm ihren Kollegen bei der Hand und lief mit ihm in Richtung Bühne. Dort mischten sie sich in die schwofende Menge.
Bevor sie zu tanzen begannen, hatte Mandy noch eine andere Idee. Sie zückte ihr Handy und filmte den Rest von »Paint It Black«. »Das Video schicke ich meinem Vater. Er glaubt mir das sonst nie.«
Es folgte ein Hit nach dem anderen: »Sympathy For The Devil«, »Honky Tonk Woman« und »Jumping Jack Flash«. Das Pfarrkirchner Polizistenduo tanzte, hüpfte und feierte ausgelassen mit dem Tanner Publikum. Als Thomas die ersten Worte des nächsten Songs hörte, hatte er das Gefühl, Mick Jagger spreche ihm aus der Seele. Es war der Ohrwurm »Let’s Spend The Night Together«. Er war dazu bereit, die Nacht mit seiner Kollegin zu verbringen, aber er wollte nicht wie der charismatische Sänger der Stones beziehungsweise der Stars mit der Tür ins Haus fallen. Thomas war sich nicht sicher, ob Mandy es ernst meinte, als sie den Refrain des Hits in den Tanner Nachthimmel plärrte. Dies herauszufinden, war seine Aufgabe des restlichen Abends.
Als die Band das nächste Lied anstimmte, geriet Mandy völlig aus dem Häuschen. »Thomas, das ist mein absoluter Lieblingshit der Stones. Der wird nur ganz selten gespielt«, schrie sie ihm voller Vorfreude ins Ohr.
»She’s A Rainbow« war tatsächlich ein ganz besonderes, sehr melodisches, klavierlastiges Stück, eigentlich untypisch für die Stones. Doch gerade dadurch bewies die Band ihre riesige musikalische Bandbreite.
»Thomas, ich hab richtig Gänsehaut. Halt mich fest«, bat Mandy ihren Kollegen, der nichts lieber tat, als sie zu umarmen.
Jetzt ist der magische Moment da, dachte er und küsste sie unsicher. Nach wenigen Augenblicken berührten sich ihre Zungen. Nun hatte auch Thomas eine Gänsehaut, und was für eine.
Mit dem nächsten Lied schlug die Stimmung allerdings gewaltig um. Als Fritz Wimmer »Angie« anstimmte, schreckte Mandy zurück.
»Wir dürfen das nicht tun, Thomas, wir sind Kollegen«, ermahnte sie und riss sich von ihm los.
Thomas konnte sich ihren plötzlichen Sinneswandel nur so erklären, dass der Song in Mandy Erinnerungen an die stellvertretende Direktorin des Gymnasiums hervorgerufen hatte, die vor wenigen Wochen in einen Mordfall verstrickt gewesen war. Sie hieß ebenfalls Angie. Thomas hatte sich heimlich mit ihr getroffen. Und Mandy hatte davon Wind bekommen. Thomas war richtig erleichtert gewesen, als er vor wenigen Tagen erfahren hatte, dass Angela »Angie« Hiermer die Nachfolge von Doktor Rausch am Pfarrkirchner Gymnasium nicht angetreten hatte. Sie hatte den Wechsel in ein Münchner Gymnasium bevorzugt.
Als sich die beiden von der Tanzfläche entfernten, sah Mandy zu ihrem Entsetzen, dass sie beobachtet wurden. Einige Meter neben ihnen tanzte Annette, die Schwester von Helmut Drexler. Mandy hatte sie bisher in der Menge nicht bemerkt. Sie fühlte sich schäbig.
»Thomas, bitte bring mich nach Hause«, bat sie unmissverständlich.
Thomas verstand die Welt nicht mehr und war unfähig, auf die bizarre Situation zu reagieren.
Sonntag
Es war kein Wunder, dass Thomas in dieser Nacht nicht einschlafen konnte. Zu sehr war er mit der Verarbeitung der Ereignisse des Tages beziehungsweise des Abends beschäftigt. Seine Gedanken waren bei Mandy. Der Kuss auf dem Tanner Marktplatz war doch echt gewesen? Oder war seine Fantasie mit ihm durchgegangen? Nein, er war sich sicher, dass sie sich geküsst hatten, und dass dabei Gefühle im Spiel gewesen waren. Oder hatte Mandy diese nur vorgetäuscht? Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Aber warum hatte sie dann so abweisend reagiert? Wegen der Erinnerung an Angie? Thomas war zutiefst verunsichert. Nur eines wusste er mit Gewissheit: Er war verliebt, und zwar bis über beide Ohren. Doch wie sollte es mit ihm und Mandy weitergehen? Was, wenn sie nichts von ihm wollte? Würde er dann noch mit ihr zusammenarbeiten können? All diese Fragen beschäftigten Thomas zwischen Federbett und Laken. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte er und schlief endlich in den frühen Morgenstunden des Sonntags ein.
Die Nachtruhe dauerte allerdings nicht lange, denn um 6.30 Uhr klingelte sein Handy, das er wie immer auf dem Nachttisch liegen hatte. In solchen Momenten verfluchte er seinen Beruf. Hätte ich doch etwas Solides wie Finanzbeamter oder Bankangestellter mit geregelten Arbeitszeiten gewählt, dann könnte ich am Wochenende ausschlafen, dachte er missmutig, als er das Gespräch annahm.
Es war sein Kollege Karl Auer. »Guten Morgen, Thomas, entschuldige die frühe Störung, aber wir haben einen Toten, und so wie es ausschaut, ist der ned von allein g’storben.«
»Hast schon den Doktor Tremmel und die Mandy ang’rufen und der Spurensicherung Bescheid ’geben?«, fragte Thomas mit schläfriger Stimme.
»Logisch, Thomas, ich mach des ned zum ersten Mal«, bestätigte der erfahrene Polizeihauptmeister.
»Wo ist der Tote?«
»Kannst dich noch an die Jagdhütte erinnern, in der wir vor ein paar Wochen die beiden jungen Einbrecher festg’nommen haben?«
»Ja, klar weiß ich des noch. Das war im Wald bei Oberham.«
»Und genau vor dieser Hütte liegt unsere Leich.«
»Ich bin in einer Viertelstund da.«
Bevor Thomas aufbrach, machte er sich schnell einen Kaffee und aß zwei Toastscheiben, denn mit leerem Magen war er, noch dazu am Sonntagmorgen, schwer zu ertragen. So dauerte es doch etwas länger, bis der ortskundige Polizist in das Waldstück einbog.
Dort erwartete ihn ein Kollege der Bereitschaftspolizei und bat ihn, sein Auto auf der Kiesstraße hinter den anderen Fahrzeugen zu parken. Den Weg zur Jagdhütte brauchte ihm der junge Polizist nicht zu zeigen. Den kannte er bereits.
Das letzte Stück ging Thomas somit zu Fuß zum Fundort der Leiche. Aus zweierlei Gründen hatte er weiche Knie. Zum einen war für ihn der Anblick einer Leiche alles andere als ein Vergnügen, und zum anderen war er sehr gespannt, wie Mandy sich nach dem gestrigen Tag ihm gegenüber verhalten würde.
Seine Kollegin kam auf ihn zu, als er sich der Hütte näherte. »Guten Morgen, Thomas. Stell dir vor, da vorne liegt die Leiche von Rechtsanwalt Meiler. So wie es aussieht, ist er erschlagen worden«, berichtete Mandy sehr dienstbeflissen, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre.
»Ich hab’s befürchtet, dass er es ist«, behauptete Thomas. Er hatte vorher am Telefon vergessen, seinen Kollegen zu fragen, um wen es sich bei dem Toten handelte. Da er jedoch wusste, dass Meiler der Besitzer der Hütte war, war der ihm als Erster in den Sinn gekommen. Mit Rechtsanwalt Richard Meiler war er während der beiden letzten Mordfälle ziemlich aneinandergeraten.
