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Aus dem Tagebuch eines Unbekannten: „Ich liebe deinen Stil. Ich mag, wie du dich bewegst. Ich hasse dich trotzdem! Ich werde dich lehren, wie man mit Menschen umgeht. Alles hat Konsequenzen.“ Auf wen hat es der Tagebuchschreiber abgesehen? Die Brixner Journalistin Marie Pichler rutscht nach ihrer Sensationsstory über die „Bombenjahre“ in eine Krise. Während ihre Freunde Jakob Brenner und der frühere Star-Journalist Tom Bauer aus Sterzing ihr helfen, spitzt sich die Lage dramatisch zu. Maries neue Kollegin beim „Boten“, Nadine Burgstaller, ist vor einem Stalker von Innsbruck nach Brixen geflohen. Aber auch dort findet sie keine Ruhe. Die Angst nagt an ihr. Hat er sie wieder gefunden? So rinnt der Sand nun durch die Sanduhr. Wenn oben nichts mehr ist, dann ist es zu spät. Beeil dich. Viel ist nicht mehr da. Wer ist das Opfer? Wer der Täter? Ausgeliefert – ein spannender Südtirol-Thriller. Was zwischen Brenner und Bozen passiert, kann auch dich treffen. Immer und überall.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für Anna, Michelle, Emelie Es kann jeden treffen – immer!
1. Teil
Davor
Montag, 16. September
Dienstag, 17. September
Mittwoch, 18. September
Donnerstag, 19. September
Freitag, 20. September
Samstag, 21. September
Sonntag, 22. September
Montag, 23. September
Dienstag, 24. September
2. Teil
Mittwoch, 25. September
Donnerstag, 26. September
Freitag, 27. September
Samstag, 28. September
Sonntag, 29. September
Montag, 30. September
Dienstag, 1. Oktober
3. Teil
Mittwoch, 2. Oktober
Donnerstag, 3. Oktober
Freitag, 4. Oktober
Samstag, 5. Oktober
Sonntag, 6. Oktober
Montag, 7. Oktober
Dienstag, 8. Oktober
Mittwoch, 9. Oktober
Donnerstag, 10. Oktober
Freitag, 11. Oktober
Samstag, 12. Oktober
Sonntag, 13. Oktober
Montag, 14. Oktober
Dienstag, 15. Oktober
Mittwoch, 16. Oktober
Donnerstag, 17. Oktober
Freitag, 18. Oktober
Samstag, 19. Oktober
Sonntag, 20. Oktober
Danach
Zum Schluss
Weitere Spannung aus unserem Verlag
(Datei/Tagebuch) Ich habe dich gesehen. Im »Flamingo«. Du warst nur kurz da. Du hast dich umgeschaut, aber mich hast du nicht entdeckt, und dann bist du nach nur einem Drink wieder abgerauscht. Schade. Wichtig ist, dass ich dich gesehen habe. Wiedergesehen habe.
Du bist noch nicht bereit. Sagst du. Glaubst du. Lächerlich. Nicht bereit für eine Beziehung. So hast du es mir gesagt. Nach dieser Nacht. Dieser einen Nacht. Warum weiß ich, dass wir füreinander bestimmt sind – nach unserer Nacht? So nah, so vertraut. So voller Zukunft.
Meine Mutter hat immer gesagt: »Wer dich nicht will, dem kann man nicht helfen.« Mama hatte recht. Dir kann man nicht helfen. Nicht mehr.
Ich habe mir Hilfe geholt. Schon lange vor uns. Schreiben Sie alles auf, was Sie beschäftigt, hat die Therapeutin gesagt. Es klappt. Der Ordner auf meiner Festplatte wächst und wächst. Es hilft mir.
Du wirst auch Hilfe brauchen. Schon bald.
Ich habe alles vorbereitet. Vielleicht springt dir einer deiner Freunde zur Seite. Du hast ja genug. Du wirst dich wundern. Ihr alle werdet euch wundern. Wenn ihr glaubt, dass ihr mich stoppen könnt – vergesst es! Oder einer deiner Lover hilft dir. Hast du eigentlich mehr Freunde oder mehr Lover? Am Freitag hast du mal keinen abgeschleppt. Sieht dir gar nicht ähnlich. Läuft wohl nicht mehr?!
Aber du hast fantastisch ausgesehen. Ich liebe deinen Stil. Ich mag, wie du dich bewegst.
Ich hasse dich trotzdem!
Du hast gesagt, du willst endlich Ordnung in dein Leben bringen. Ich hätte diese Ordnung sein können. Leeres Geschwätz!
In deine chaotische kleine Wohnung hast du schon Ordnung reingebracht. Immerhin. Wie schön du aufgeräumt hast, seit ich bei dir war. Da sah es aus wie in einem Schweinestall. Aber jetzt – sogar dein Kleiderschrank sieht nicht mehr aus wie eine Rumpelkammer. Deine Unterwäsche hast du nach Farben geordnet. Rot steht dir übrigens nicht. Viel zu nuttig. Aber eigentlich bist du ja nichts anderes als eine kleine Nutte, die sich selbst überschätzt und auf den Gefühlen anderer herumtrampelt. Ich hätte dir Geld in deinen kleinen Tresor legen sollen. Hast du geglaubt, dass ich den nicht finde? Jeder noch so dumme Einbrecher hätte ihn gefunden. Als Zahlenkombination das Geburtsdatum deiner Mutter – mal ehrlich, wie naiv bist du? Selbst die paar Papiere in dem Tresor hast du geordnet. Viel mehr war ja nicht drin. Aber das alles, das ist nicht Ordnung ins Leben bringen. Ich könnte dein kleines, minderwertiges Leben ordnen.
Ich weiß, du willst in Wirklichkeit gar keine Ordnung in deinem Leben. Du willst Chaos. Du willst außerdem Chaos im Leben der Menschen, die nur das Beste für dich wollen. Du willst sie kaputtmachen. Du gibst es nur nicht zu. Dieses Gefasel von Ordnung ist eine verletzende Ausrede.
Vorgestern sind wir uns wieder begegnet. Du bist an meinem Auto vorbeigelaufen. Fast hättest du mich gesehen, weil ich nicht aufgepasst habe. Aber du warst zu sehr in dein blödes Handy vertieft. Selbst schuld. Du hast bestimmt wieder mit irgendeinem schmierigen Typen geflirtet. Vielleicht gucke ich mir mal dein Smartphone genauer an. Daran bist du dann auch schuld. Keiner zwingt dich, so zu sein. Das ist deine Entscheidung.
Fällt dir was auf? Du bist immer selbst schuld. Das wirst du sehr bald spüren. Ich werde dich lehren, wie man mit Menschen umgeht.
Alles hat Konsequenzen.
Ein frischer Wind wehte durch die Innenstadt von Sterzing. Wie fast immer vom Brennerpass herunter, als würde eine Düse ihn verstärken. Der Herbst hielt allmählich Einzug. Die drückende Schwüle des Sommers war im Wipptal schneller vergessen als anderswo in Südtirol. Marie Pichler eilte im Slalom durch die Neustadt. Obwohl die Ferien in Italien und Deutschland schon vorbei waren, liefen immer noch viele Urlauber durch die Stadt. Ältere Wanderer mit klappernden Stöcken. Paare ohne Kinder. Paare mit eislutschenden Kleinkindern. Großeltern mit Enkeln im Kindergartenalter.
Die Bezeichnung Neustadt war so eine Sache für sich. In den Augen Deutscher war die ganze Sterzinger Einkaufsmeile eine einzige Altstadt. Aber die Gasse, die so hieß, endete am Zwölferturm mit dem Stadtplatz. Dahinter, vom Beginn der Wind-Düse aus Richtung Seilbahn kommend, lag die Neustadt mit ihren auch schon bejahrten Fassaden. So war der Turm für Marie immer so etwas wie ein Orientierungspunkt, wenn umherirrende Urlauber auf der Suche nach einer Hotel- oder Restaurantadresse nach dem Weg fragten. Mal antwortete Marie mit hinter, mal mit vor dem Turm. Der eigenen Logik folgend lag ihr Ziel hinter dem Turm – die Vinothek von Herbert Gasser, einem alten Freund ihrer Eltern und mittlerweile auch ihrer. Wann immer Marie in der Nähe war, schaute sie kurz bei ihm vorbei. Diesmal sogar geplant, sie hatte sich dort verabredet.
»Hoi, Herbert«, begrüßte sie den Wirt, der ihr ein freundliches Lächeln zuwarf, obwohl sie erst einen halben Schritt über die Türschwelle getan hatte. »Ich weiß, Macchiato mit Haferzeugschaum.«
»Normale Milch, bitte«, schnitt sie ihm die drohende Tirade über den Unsinn von milchähnlichen Produkten aus Pflanzen in köstlichen Kaffeespezialitäten ab.
Herbert hielt inne und zog die linke Augenbraue hoch. Das hatte er sich erst vor Kurzem angewöhnt, aber bestens perfektioniert. »Geht es dir gut?«
»Klaro.« Sie sah sich um. »Ist unser Reporterfreund noch gar nicht da?«
Gemeint war Tom Bauer. Früher mal eine große Nummer im Journalismus in Deutschland. Ein Star war er gewesen, nun aber war er im vorzeitigen Ruhestand und den verbrachte er in Sterzing. Der Wirt wies in eine Ecke im hinteren Teil des Gastraums. Da saß Bauer, halb versteckt hinter einer Zeitung. Die langen Beine ausgestreckt unter dem kleinen runden Tisch. Er sah aus wie immer – in seinem blauen Hemd, der verwaschenen Jeans und den nicht mehr so schwarzen Chelsea-Boots. Neu war die Lesebrille. Die ergrauten Haare etwas zu lang, fand Marie.
»Alto Adige«, begrüßte ihn Marie, während sie sich auf den Stuhl gegenüber fallen ließ. Geräuschvoller, als es andere Menschen taten. Sie tippte gegen die Zeitung. »Verfeinerst du jetzt dein Italienisch?«
Bauer sah überrascht auf. »Nein, aber die deutsche Zeitung ist eben auf dem Tresen Opfer eines Cappuccinos geworden, den eine Holländerin verschüttet hat.« Er nickte zum ersten Tisch am Eingang, den er als seinen Stammplatz betrachtete. Dort saß ein Paar mit einem pummeligen Kind. »Also schau ich mir die Bilder an und versuche, etwas Text dazuzudichten.« Er faltete die Zeitung umständlich zusammen. »Du hast neuerdings eine Haferintoleranz?« Er tippte Maries Macchiatoglas mit dem Zeigefinger an.
»Und du hattest einen Clown zum Frühstück?« Marie grinste.
»Man muss nicht immer alles so eng sehen. Außerdem schmeckt’s mit Milch besser.« Sie pochte kurz auf die Titelseite der Zeitung. »Wie kann man bloß jeden Tag so viele Zeilen über die Landespolitik schreiben? SVP hier, Landeshauptmann da, Südtiroler Freiheit dort, Team K, blablabla. Wie hast du das früher nur ausgehalten?«
»Jetzt klingst du nicht wie eine Journalistin.«
»Storys, die Menschen wollen Storys.« Das war Maries Maxime, auch wenn sie zu ihrem Leidwesen die meiste Zeit der Arbeitswoche für die Online-Ausgabe des »Boten« mit überschaubaren PR-Artikeln zubrachte, die weniger Storys enthielten als Tramezzini Nährstoffe. Ab und zu aber war auch ihr schon eine Story geglückt. Sogar ins Fernsehen hatte sie es geschafft. Zusammen mit Tom war sie im Frühjahr in eine riesen Geschichte praktisch hineingezogen worden. »Vielleicht sollte ich ins Politikressort wechseln, dann bin ich wenigstens meine Händeschütteltermine los.« Sie klopfte mit dem Fingerknöchel weiter auf der Zeitung herum. Dabei machte sie ein wenig wertschätzendes Geräusch.
»Ach, Marie.« Tom atmete hörbar aus. »Hattest doch schon deine Story für dieses Jahr, deine Bombenjahre, die nächste kommt bestimmt.«
Marie nickte. »Ich wollte nur ein bisschen rumjammern.«
Diese Story, die Tom Bauer meinte, war eine ganz große gewesen. Zu groß. Denn erst nach und nach waren ihr die Gefahren bewusst geworden, in denen sie damals geschwebt hatte. Nicht nur sie, auch ihre Freunde. Vor lauter Arbeit, angestachelt von der ganzen Dynamik, hatte sie das lange nicht wahrhaben wollen. Alles hatte harmlos angefangen. Marie hatte ein Buch schreiben wollen über die Helfer und Helfershelfer während der Bombenjahre, als Freiheitskämpfer in den 1960er-Jahren in Südtirol Anschläge verübt hatten. Tom hatte ihr bei der Recherche geholfen. Aber auf einmal steckten sie in einem Verwirrspiel fest, das sogar tödlich hätte enden können.
»Krakeelen wolltest du, nicht bloß rumjammern«, korrigierte Tom. »Du solltest endlich das Buch über die Bombenjahre schreiben.«
Was Bauer nicht wusste: Marie hatte ihren Traum vom eigenen Buch beerdigt. Zumindest vorerst. Dafür hätte sie zwangsläufig ihren Job aufgeben oder zumindest hintanstellen müssen, was sie sich finanziell nicht lange hätte leisten können. Schnell wechselte sie das Thema. Eine ihrer leichtesten Übungen.
»Wo ist eigentlich Luna?« Sie hatte sich gebückt, um die Beagle-Hündin zu streicheln. Aber die war diesmal nicht da.
»Irgendwie geht es ihr nicht gut. Weiß nicht. Vielleicht fahre ich mal mit ihr zum Tierarzt nach München.«
»München? Warum? Du bist Sterzinger! Geh hier zum Tierarzt. Schlimm genug, dass immer mehr nach Innsbruck fahren, um einzukaufen. Hier spielt die Musik.«
Tom hob entschuldigend beide Hände. So lokalpatriotische Aussagen war er nicht gewohnt aus Maries Mund. Hatten sie sich echt so lange nicht gesehen? Sechs Wochen vielleicht. In der Zeit konnte man sich doch nicht so ändern. »Alles okay mit dir?«
Marie sah in fragend an.
»Milchschaum, Lokalpatriotismus.« Sein Blick wanderte auf seine altmodische Armbanduhr und zurück zu ihr. »Pünktlich warst du auch. Außerdem mal keine Löcher in der Jeans.«
»Haha, deine ist nicht mehr weit von Löchern entfernt.«
Tom strich automatisch mit der rechten Hand über ein Hosenbein. Der Stoff fühlte sich wirklich nicht mehr so dick an.
Marie beobachtete das mit einem Schmunzeln. »Ich bin wie immer. Ein bisschen ruhiger vielleicht. Sagen wir, älter und reifer.«
Beide lachten. Bevor sie sich trennten, schrieb Marie auf einen Notizzettel die Adresse einer Tierärztin in Sterzing. Tom versprach, gleich nachher vorbeizugehen. Wie immer, wenn sich Marie mit ihm auf einen Caffè verabredete, wusste er später nicht mehr, warum überhaupt.
Maries Pünktlichkeitsoffensive war schon wenige Stunden später wieder ins Wanken geraten, weil sie auf der Rückfahrt nach Brixen auf der Staatsstraße hinter mehreren Traktoren wertvolle Zeit verlor. In den Wein- und Obstgärten lief die Ernte auf Hochtouren, was für Autofahrer auch mal Bummeltempo bedeutete. Also kam sie mit leichter Verspätung zur Redaktionskonferenz. Ihr Chef, Nicolaus Bernreuther, war gerade dabei, eine junge Frau vorzustellen, die Marie nie zuvor gesehen hatte.
»… hat in Innsbruck studiert.« Er sah die junge Frau lächelnd an.
»Seid nett zu ihr.« Er sah auffällig in Maries Richtung.
»Wer ist das und warum glotzt der Alte jetzt mich an?«, flüsterte Marie ihrem Freund und Kollegen Jakob Brenner zu.
»Sag ich dir gleich.« Jakobs Antwort war so kurz und so leise, dass Marie sie fast nicht verstehen konnte. »… überleg mal.« Das Gemurmel dazwischen konnte Marie nicht verstehen.
Typisch Jakob. In der Schule hat er wahrscheinlich auch nie im Unterricht gestört, dachte sie.
Marie blieb nichts anderes übrig, als den Kollegen zuzuhören, die der Reihe nach aus ihren Ressorts berichteten. Die langweilige Montagsroutine in der Redaktion. Marie war schon gespannt, welche Aufträge für sie abfallen würden. Bis es so weit war, beschäftigte sie sich mit ihrem Smartphone. Kurz sah sie auf, weil Jakob berichtete, dass er aktuell an Infografiken zum Thema »Wölfe in Südtirol« bastelte. Ein Dauerthema. Tierschützer contra Bauern, Wölfe contra Weidevieh und Touristiker contra Negativschlagzeilen, die die Urlauber vertreiben könnten. Vor einigen Monaten hatte es das schon mal gegeben. Die Nerven lagen blank.
Ein zweites Mal horchte Marie auf, als die Neue das Wort ergriff. Das hatte sich noch kein Neuling am ersten Arbeitstag getraut – zumindest nicht, seit Marie vor einigen Jahren die Neue gewesen war und gleich mal eine ganze Serie von Storys angeboten hatte. Sie erntete keinen Auftrag, dafür aber jede Menge Stirnrunzeln. Von den früheren Kollegen waren viele schon gar nicht mehr da. Die meisten genossen ihre Rente, andere waren abgewandert.
Die junge Frau im blauen Hosenanzug berichtete von ihren Erfahrungen in Österreich mit dem Umgang mit Wölfen. »Bei meinem Praktikum beim ORF …«, fing sie an.
Marie schnaubte. Bei ihrem Blick in die Runde sah sie bei den jüngeren Kollegen durchaus Interesse, bei den wenigen alten Hasen hingegen eher gelangweilte Gesichter. Sie flüsterte Jakob zu: »Das wird was werden mit der.« Mehr wurde sie nicht los, weil Jakob sie mit einer kurzen Handbewegung unterbrach.
Sie dachte: Er hört ihr aufmerksam zu. Schleimer.
Krebs! Die Diagnose hatte Tom umgehauen. Gleich nach dem Treffen mit Marie war er spontan zu der Tierärztin gegangen, die lethargische und müde Hündin Luna im Schlepptau. Jetzt saß er wieder an seinem unaufgeräumten Küchentisch, auf dem sich Magazine, Bücher und Notizzettel stapelten. Luna lag auf ihrer Decke und schlief. Tom hatte nicht lange warten müssen, nur ein dicker Kater und ein Wellensittich waren vor ihm dran. Die junge Ärztin hatte sich viel Zeit für Luna genommen, was am Ergebnis aber nichts änderte. Sie entließ Tom mit der Entscheidung, ob Luna sofort oder möglichst bald von ihrem Leiden erlöst werden sollte. Eine weitergehende Untersuchung hatte sie gar nicht mehr empfohlen. Schon das Ultraschallbild hatte einen großen Tumor gezeigt. Eine Operation hatte sie angesichts Lunas Alter als nicht zielführend bezeichnet.
Sein Blick fiel durch die geöffnete Tür auf das Bild seiner Familie auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer. Seine Frau und die beiden Mädels. Zu ihren Füßen Luna, aber nicht die, die nun dem Tod geweiht war, sondern ihre Vorgängerin. Als dieses schreckliche Unglück seine Familie aus dem Leben gerissen hatte, war ihm nur die damalige Beagle-Hündin geblieben. Obwohl er selbst nie einen Hund wollte, hatte er nun in ihr so etwas wie einen letzten lebenden Draht zu seinen Lieben gesehen. Als sie starb, kaufte er sich gleich wieder eine neue Luna. »Was jetzt?«, sagte er vor sich hin. Luna hob nur kurz die Augenbrauen. Das machte es ihm nicht leichter.
Seufzend widmete er sich dem Päckchen, das ihm ein Postler vor der Haustür in die Hand gedrückt hatte. Er wusste, was drin war. Eine Rolex aus den frühen 1960er-Jahren, die er auf einer Antik-Plattform im Internet ersteigert hatte. Vorsichtig schlitzte er mit einem Küchenmesser den Klebefilm auf und wickelte das sorgsam verpackte Uhrenetui aus. Geliefert wie beschrieben. Eine »Oyster Perpetual« in Edelstahl mit der Referenz 1007. Kurz hielt er die Uhr an sein haariges Handgelenk. Zarte vierunddreißig Millimeter Durchmesser. Immer wieder erstaunlich, warum Uhren heute so groß sein müssen, dachte er, während er die Uhr zurücklegte in das Etui. Den Blick wieder auf Luna gerichtet, die Gedanken in der Vergangenheit, bei einer schneereichen Nacht mit seiner Familie.
»Sie hat fünfzehnmal ›tatsächlich‹ gesagt«, erzählte Marie lachend Jakob. Beide standen in der kleinen Kaffeeküche. »Ist das ein neues Modewort der Generation … ist das jetzt X, Z oder wie heißen die?«
»Keine Ahnung, aber du klingst wie Generation Seniorenstift.« Jakob blies über seinen Tee. »Alte Meckerziege.« Damit war für ihn das Thema erledigt. Wie immer. Er setzte sich in Richtung seines Schreibtisches in Bewegung.
Marie eilte hinter ihm her. Sie ließ nicht locker. »Hast ihr auch gebannt zugehört.« Ihre Augen blitzten.
Jakob reagierte nicht, er kannte Maries verbale und nonverbale Attacken aus dem Effeff. Sie störten ihn nicht. Er mochte sie sogar. Aber das würde er nur unter Folter zugeben.
»Habe ich sonst etwas verpasst?« Sie schmiss ihren Rucksack, den sie neuerdings immer bei sich hatte, auf den Boden und ließ sich auf den Drehstuhl fallen. »Ein paar Obstbauern haben mich ausgebremst, konnte nicht schneller.« Sie platzierte ihren Laptop auf der Dockingstation. »Ich bin rechtzeitig los in Sterzing.« Das untermauerte sie mit erhobener Schwurhand.
Jakob hatte sich aber schon zwischen den drei Monitoren auf seinem Schreibtisch verschanzt und Kopfhörer aufgesetzt. Er schottete sich meist ab, wenn er an Grafiken bastelte. Oder wenn Marie in Meckerlaune war. Oder beides, wie gerade eben.
Hatte Marie den Tag bisher als »ätzend langweilig« abgetan, es kam noch schlimmer. Ihr Chefredakteur bestellte sie am späten Nachmittag zu sich. Für einen wichtigen Auftrag, wie seine Sekretärin, »die Schnepfe«, am Telefon in ihrem barschen Ton angedroht hatte.
»Nicht schon wieder ein Händeschütteltermin, gibt es denn keine anderen Termine mehr?« Maries Protest bewirkte genau das Gegenteil. So, wie ein kleiner Schmetterling am Amazonas ein Mega-Unwetter in Norditalien auslösen konnte, hatte sie mit ihrem zarten Protest einen Impulsvortrag über die Wichtigkeit von Kundenterminen losgetreten. Der Referent: ihr Chef Bernreuther. Ein Unwetter wäre Marie deutlich lieber gewesen. Dann hätte es wenigstens etwas zu berichten gegeben, das mehr Menschen interessiert hätte als ein Dutzend Werbekunden. »Warum schicken wir nicht die Neue hin?« Marie versuchte mit allen Mitteln zu verhindern, dass sie ihren Feierabend gegen die Vorstellung einer Werbeaktion der Brixner Einzelhändler tauschen müsste. Sein Vortrag nahm erst ein Ende, als Marie mittendrin sagte: »War es das? Ich müsste dann bald los.«
»Aber es gibt doch Schlimmeres«, versuchte Chiara Bonverde ihre Freundin Marie zu beruhigen. Beide trafen sich mehr oder weniger regelmäßig zu einem Aperitivo in Brixen. Diesmal mit mehr Verspätung als sonst, weil Marie noch den Artikel über die Zukunftspläne der Händler hatte schreiben müssen. Die Abendsonne war schon hinter den Häusern verschwunden, was im Herbst immer recht schnell ging.
»Die wollen künftig an jedem ersten Samstag eines Monats eine Modenschau organisieren. Huh, wie findig«, referierte Marie kurz. »Immerhin gibt es ein paar Zeilen Text mit zwei Fotos in der Zeitung und online.« Richtung Chiara machte sie eine wegwerfende Handbewegung. »Aber, stimmt schon, schlimmer geht immer. Ich hätte mir bei dem Termin irgendeine Krankheit einfangen können. Oder gegen einen Baum fahren.«
»Du warst doch zu Fuß da.«
Marie schnaubte. »Witzig.«
Chiara streckte ihre Beine aus, die in Traillaufschuhen steckten.
»Es ist herrlich, wenn man montags frei hat. Kaum was los. Ich bin heute eine superschöne Tour geradelt. Den Keschtnweg bis zum Kloster Säben und zurück. Da ziehen wohl wieder irgendwelche Mönche ein, habe ich gehört.« Chiara war eine Sportskanone und vermutlich die Fitteste in der Carabinieri-Station in Sterzing, wo sie arbeitete. »Du musst unbedingt mal mitkommen. Du hast doch ein Rad.«
»Radeln taugt nur, wenn man von A nach B muss und kein Auto hat.« Sie streckte die Beine aus. »Ich habe ein Auto. Aber meist muss ich auch noch nach C und nach D über F.« Marie war zwar nicht unsportlich, aber ihr fielen immer wieder gute Ausreden sich selbst gegenüber ein, um nicht aktiv zu werden. »Was tut sich denn bei euch in der Station, gibt es nicht irgendeine Story für mich?«
Chiara schüttelte den Kopf. Ab und zu gab sie Marie mal den einen oder anderen Tipp. »Tote Hose. Wir arbeiten noch ein paar Sommerurlaubsnachwehen ab. Die üblichen Taschendiebstähle, aufdringliche Betteleien, ein paar Einbrüche, aber weniger als sonst.«
»Dann erzähl mir was von deinen Typen.«
»Gibt keine. Nicht mal einen.«
Das bekam Marie immer von Chiara zu hören. Aber sie vermutete, dass sie mit Infos über sich selbst noch zurückhaltender umging als mit Dienstgeheimnissen.
Chiara ließ den traurigen Rest eines Eiswürfels in ihrem Glas kreisen. Sie dachte an den Mann, den sie neulich kennengelernt hatte. Aber das hatte sie Marie nicht auf die Nase binden wollen. Der sportliche, weltgewandte Unternehmer aus Sterzing hatte es ihr sofort angetan. Seit dem ersten Treffen in einer Bäckerei, bei dem die Verkäuferin ihre Bestellungen vertauscht hatte, hatten sie sich noch zwei Mal getroffen. Beide Male war er wie aus dem Nichts erschienen, und sie waren auf einen Aperitivo ins »Café Rose« an der Bahnhofstraße gegangen. Es waren schöne Stunden gewesen. Aber das behielt sie für sich. Stattdessen fragte sie: »Bei dir?«
»Nix. Die können mich alle mal.« Marie lachte. »Nein, mir ist nicht danach. Vielleicht werde ich alt. Ich habe neulich überlegt, ob ich nicht mal ein paar Tage wegfahre, auf eine Berghütte oder so.« Sie dachte kurz an das Loch, in das sie nach dem Rummel um die Bombenjahre gefallen war. Auch sie ließ einen Mann unerwähnt, was für Marie im Gegensatz zu Chiara eher ungewöhnlich war. Die vielen Chats mit dem Studenten Marko in Innsbruck wollte sie erst mal für sich behalten. Ihn hatte sie im Internet kennengelernt, sogar mal getroffen. Aber sie wollte es – diesmal – langsamer angehen. Stattdessen erzählte sie von der Neuen in der Redaktion und ihrer Marotte. »Wenn dir einmal aufgefallen ist, dass jemand immer ›tatsächlich‹ sagt – du wirst es nicht mehr los.«
»Wie bei meinem Chef.« Chiara lachte. »Der klickt immer mit seinem Kuli. Wir haben ihm neulich zum Geburtstag extra einen Füller geschenkt.« Zeitweise hatte ihr Kollege Moser sogar eine Strichliste geführt, wie oft der Chef in einer Besprechung mit seinem Kugelschreiber geklickt hatte. Das war ja zum Glück Vergangenheit.
Nach einem weiteren Veneziano stellten beide gleichzeitig fest: »Wir sind wirklich alt.«
(Datei/Tagebuch) Du solltest Tagebuch führen, so wie ich. Dann könnte ich es mir bei dir gemütlich machen, während du in der Arbeit bist, und so noch mehr über dich erfahren. Wie warst du als Kind? Papas Liebling? Mama-Kind? Du hast bestimmt mehr getobt als die Jungs in deiner Nachbarschaft. Du warst sicher ein richtiger Wildfang. Was hast du als Teenager angestellt? Da warst du bestimmt noch wilder. Zweifellos waren alle hinter dir her. Denn das reizt die Jungs. Glaub mir. Da kommen uralte Jagdinstinkte hoch. Ich weiß, wovon ich rede.
Vielleicht sollte ich mich mal mit deinen Eltern befassen, die haben sicher noch viel von dir daheim. Leider kommt man an die Alten nicht so leicht ran. Die sind immer zu Hause und einen Computer haben sie meist auch nicht.
Letzte Nacht habe ich von dir geträumt. Wir waren auf einer Hütte.
Im Kamin knisterte ein Feuer. Durch ein Fenster hatten wir einen wunderschönen Ausblick. Ich habe dir aus einem Buch vorgelesen. Du hast gebannt zugehört. Schade, dass du nicht sagen konntest, ob es dir gefällt. Aber dafür hätte ich den Knebel aus deinem Mund nehmen müssen. Es war nicht zu vermeiden gewesen, weil du geschrien hattest. Ich konnte also gar nicht anders. Das hattest du dir selbst zuzuschreiben.
Als draußen die ersten Vögel angefangen haben zu zwitschern, bin ich noch vor dem Läuten des Weckers aufgewacht. Ich war total entspannt von dem schönen Traum. Da habe einen Plan geschmiedet. Vielleicht wird es ja noch was mit unserem Ausflug zu einer Berghütte. Ich freu mich jedenfalls drauf.
Kurz vor Kiens hielt es Marie nicht mehr aus. Sie war unterwegs auf der Pustertaler Staatsstraße. In Bruneck sollte sie die Vorbereitungen für ein Open-Air-Konzert im Schloss, in dem das Messner Mountain Museum Ripa untergebracht ist, dokumentieren. Dazu hatte ihr Chef ihr die Neue »aufs Auge gedrückt«, wie Marie es Jakob zugeraunt hatte, als sie ihren Rucksack geholt hatte. Die ganze Fahrt über nichts sagen und laut Südtirol 1 hören, war keine Lösung. Also doch Small Talk. »Wie gefällt es dir denn bei uns?«
»Tatsächlich gut«, antwortete die Neue, die Nadine Burgstaller hieß. So viel hatte sich Marie immerhin von dem Gespräch mit ihrem Chef noch gemerkt. »Ich finde das alles total spannend. Aber weißt du, diese Termine, die du immer zu übernehmen hast, die finde ich tatsächlich ein bisschen langweilig.«
Marie verdrehte die Augen. »Tatsächlich!« Es war ihr rausgerutscht. Innerlich klatschte sie sich selbst ab.
»Ja, echt. Ich meine, wo bleibt denn da das Storytelling?«
Small Talk beendet. Marie drehte das Radio wieder lauter und murmelte etwas wie »Nachrichten hören, wichtig für den Job.« Zum Glück präsentierte sich die Pustertaler Staatsstraße mal ohne Stau oder stockenden Verkehr. Spätestens auf dem Heimweg würde das anders sein. Eine halbe Stunde und vier ungebetene »Tatsächlichs« später waren sie endlich da.
Imposant thronte Schloss Bruneck über der Stadt. Marie hatte nie verstanden, warum diese Burg ein Schloss war. Wie unterschieden sich Burgen und Schlösser überhaupt? Seit 2011 beherbergte das Schloss das fünfte Museum des Bergsteigers Reinhold Messner. Eine lebende Legende in Südtirol, aber auch legendär umstritten. Marie war schon mal wegen eines Termins dort gewesen – damals hatte es wie aus Kübeln geschüttet.
Von Regen diesmal keine Spur. Noch lieferte sich aber die Herbstsonne eine Rangelei mit einigen Wolken, die sich nur zögerlich aus dem Talkessel verabschiedeten. Als Marie und Nadine in den Innenhof traten, wartete da kein Everest-Bezwinger, sondern ein dünner Eventplaner in hautengen Jeans mit einer dicken Kladde unter dem Arm.
Warum haben die immer solche Kladden?, dachte Marie.
Der quirlige Mann ratterte alle wichtigen Infos zu den beiden Bühnen herunter, die dort in den nächsten Tagen aufgestellt werden würden. Er verwies auf die guten Erfahrungen der letzten Jahre und stellte die Bedeutung der Konzerte für den Tourismus heraus. Kurz hatte Marie Angst, der Eventmann könnte ersticken, weil er nie Luft zu holen schien. Sie machte einige Fotos von der Fläche, wo das Spektakel stattfinden sollte. Als Marie wegen des Lärms nachfragte, reagierte er etwas unwirsch, fing sich aber schnell wieder. Er faselte etwas von »Bedeutung für den Tourismus, aber zugleich den Menschen hier etwas bieten«. Zum Abschluss schoss Marie ein paar weitere Fotos, denn viel mehr als ein großes Bild mit kleinem Text würde das kaum hergeben. Den würde der Veranstalter auch bekommen, denn seine Firma hatte Werbung im »Boten« geschaltet, außerdem sollte es eine Kartenverlosung geben. Nicht für die Club-Session mit einem DJ aus Ibiza, der vermutlich bloß in Innsbruck wohnte, sondern für einen abgehalfterten Volksmusiker, der am zweiten Tag der Veranstaltungsreihe auftreten würde. Marie war es egal. Sie hatte der Redaktionsassistentin bereits erklärt, dass sie den Termin auf keinen Fall wahrnehmen würde.
»Toll, wie du da nachgehakt hast«, lobte Nadine auf der Rückfahrt, nachdem sie noch eine schnelle Runde durch die Stadtgasse gedreht hatten. Marie mochte die Einkaufsstraße in der Brunecker Altstadt. Nadine war angetan. Sie fand es »tatsächlich« wunderschön. Zur Feier des Tages gönnte sie sich ein Eis.
Jetzt im Auto tat Marie so, als müsste sie dringend etwas durch das Fenster auf ihrer Seite beobachten, damit sie heimlich die Stirn runzeln konnte.
Nadine aber nahm den Faden wieder auf. »Mit dem Lärm …«, setzte sie an. »Ich war mal im Urlaub, da gab es immer Konzerte. Das war tatsächlich so laut, dass ich mich beschwert habe.«
Irgendwann muss sie doch merken, dass ich nicht antworte, giftete sich Marie.
»Aber die im Hotel wollten davon nichts wissen. Mein damaliger Freund, mein erster richtiger, der hat versucht, wegen des Lärms Geld zurückzukriegen.« Sie kicherte. »Hat aber nicht geklappt.«
Marie sparte sich ein »tatsächlich«, das ihr nachäffend schon wieder auf den Lippen lag. Stattdessen steckte sie sich ihr Headset ins rechte Ohr und hörte eine Sprachnachricht ab, die vor einer Viertelstunde in ihrem Handy aufgeploppt war. Jakob richtete ihr aus, dass am Abend in Bozen ein Termin anstand. Sie solle dort rasch hin, denn die Kollegin in Bozen war krank. »Rasch, Auto, Bozen. Jakob, was passt da nicht zusammen?«, grummelte Marie leise vor sich hin, während sie in einer Kolonne auf der Pustertaler Staatsstraße Richtung Brixen fuhr. Eher rollte.
Nadine war derweil in ihr Smartphone vertieft.
Mit Schwung bog Marie auf die Tankstelle in der Nähe des Acquarena in Brixen ein. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Nadine auf ihre Glitzerarmbanduhr schielte.
»Was ist?«
»Was wohl? Tanken«, fauchte Marie zurück. Innerlich ärgerte sie sich, dass sie schon wieder so unwirsch reagiert hatte. Irgendwas an der jungen Frau triggerte sie. Jakob hatte ihr auch mitgeteilt, dass ihr Chef ihr die Neue zusätzlich für den spontanen Termin in Bozen aufs Auge gedrückt hatte, »damit sie von der Besten lernt.«
Schleimer.
Während sie tankte, nahm sie sich vor, netter zu sein. Durch das offene Fenster fragte sie: »Brauchst du was?« Nadine schüttelte den Kopf.
Umso besser.
»Karte geht nicht.« Der Tankstellenmann sah sie teilnahmslos an.
»Doch, klar.« Marie hatte erst in der Früh damit im »Despar« bezahlt. Sie rieb die Bankkarte an ihrer Jeans und steckte sie wieder in das Lesegerät. Nichts. Dritter Versuch. Auch der scheiterte. Nun gesellte sich ein aufdringliches Piepsen der Kasse dazu. »Komisch. Heute früh gab es keine Probleme.«
»Ist wie ein kaputter Blinker. Morgens geht er. Abends auf einmal nicht mehr«, ätzte ein Mann, der hinter Marie stand.
Bestimmt ein pensionierter deutscher Beamter.
»Dann bar«, brummte der Mann, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Marie kannte ihn schon seit Jahren. Seine Brummigkeit ließ keine Rückschlüsse auf seinen Stimmungsstatus zu, er war nämlich immer gleich brummig.
Marie wühlte das Portemonnaie aus ihrer Jackentasche, wo es sich immer verhakte. Diesmal besonders hartnäckig. Deswegen hatte sie die Bankkarte stets in der Hosentasche, weil sie alles mit Karte zahlte. Nach einem Blick in die Geldbörse: »Ich habe nur noch zwanzig Euro.« Hinter ihr bildete sich schon ein kleiner Stau. Um nichts in der Welt wollte sie Nadine um Geld anschnorren. »Kann ich morgen zahlen? Ich lass meine Visitenkarte hier.« Von hinten glaubte sie ein Schnaufen zu hören. War das der Dicke in dem Handwerkeroutfit oder der Urlauber mit dem Sonnenbrand? Oder wieder der deutsche Amtmann?
Der Tankstellenmann brummte etwas, das wie »natürlich« klang.
Marie fiel ein Stein vom Herzen. Demütig legte sie eine Visitenkarte vom »Boten« auf die abgegriffene Plastikschale fürs Geld.
»Wo warst du denn so lange?«, fragte Nadine, als Marie einstieg. Sie hatte sich sogar losgeschnallt, als hätte sie in der nächsten Sekunde zu Marie in die Tankstelle kommen wollen.
»Bisschen verplaudert. Können wir?« Sie nickte in Richtung Nadines Gurt, als sei das der einzige Grund, warum sie noch nicht losfuhren. Kurzer Blick auf die Uhr im Armaturenbrett, die wie immer nicht genau ging – zum Termin in Bozen reichte es. Wahrscheinlich. Marie gab Gas, obwohl Nadine noch an ihrem Gurt herumfummelte.
»Vielleicht sollte ich das Ganze sein lassen«, Herbert Gasser klappte den dicken Ordner zu, den er zuvor durchgeackert hatte, nachdem sich sein Steuerberater gemeldet hatte. Der Wirt sah seine Schwester Johanna an. »Die Vinothek frisst immer mehr, alles ist teuer geworden.«
»Aber das gilt doch für alle«, antwortete seine Schwester.
»Die anderen haben aber keine Mieterhöhung von dreißig Prozent.«
»Du musst zum Anwalt. Die können doch nicht so einfach so viel mehr verlangen.« Sie stocherte in ihrem Cappuccino herum. »Das ist ungerecht.«
Was ist schon gerecht, dachte Herbert. »Wenn Investoren ein Haus kaufen, dann wollen die schnell Kohle machen.« Genau das war passiert. Der Hausbesitzer war gestorben. Erst konnten sich dreizehn Erben nicht einigen, dann klopfte plötzlich ein Investor aus Innsbruck an und kaufte das uralte Haus. Er schob den Ordner an den Rand des Tisches im Hinterzimmer der Vinothek. Mit dem Kopf deutete er Richtung Gastraum. »Außerdem arbeite ich mittlerweile mindestens zwölf Stunden am Tag.«
»Warum stellst du nicht mehr Leute ein?«
»Woher soll ich die nehmen? Die beiden Mädels wollen von Jahr zu Jahr mehr Geld.« Er meinte die beiden Daueraushilfen, die schon fast zum Inventar gehörten. »Die anderen Aushilfen bleiben ein oder zwei Monate, dann haben sie genug gespart und wollen die Welt entdecken oder sich um ihre Work-Dingsbumms-Balance kümmern.« Er atmete tief aus. »Oder wie das heißt.«
Johanna nickte und dachte an ihren Job. Sie kümmerte sich täglich um den Haushalt von Tom Bauer, außerdem gab es da noch die beiden Putzstellen. Weil sie sparsam war, reichte ihr das. Bauer zahlte außerdem sehr gut. »Ich könnte hier …«, setzte sie an, aber Herbert unterbrach sie sofort.
»Nichts da. Am Ende arbeitest du mir zuliebe immer mehr hier, aber ich kann dir nicht mehr bezahlen als Tom.«
Nicht mal genauso viel.
»Irgendwie wird sich das Problem schon lösen lassen. Morgen rufe ich doch mal den Anwalt an.« Woher er aber Aushilfen nehmen sollte, das wusste er nicht. So ging es immer mehr Lokalen in Südtirol.
Johanna bewunderte ihren Bruder für diese Einstellung. Egal wie ausweglos eine Situation war, er fand immer einen Ausweg. Freilich, nachdem er erst ein wenig gejammert und gezetert hatte. Sie selbst war auch so, was aber auch einfach war, sie musste sich schließlich nur um sich kümmern und nicht um ein Geschäft mit Verträgen und Angestellten. Während sie die Bahnhofstraße entlangging, fiel ihr wieder ein, dass sie ihrem Bruder von der kranken Hündin Luna hatte erzählen wollen. Immerhin hatte das Tom Bauer arg mitgenommen. Er tat ihr leid, dieser nette Mann. Aber das mit dem nett würde sie so offen nie sagen.
Es hatte gereicht. Marie und Nadine waren auf die Minute pünktlich in Bozen angekommen. Der Verein »Südtirol hilft« und die Kellerei St. Pauls stellten ein neues Spendenprojekt vor. Noch etwa zehn andere Menschen waren schon in dem Konferenzraum im Funkhaus an der Brennerautobahn, als Marie und Nadine möglichst leise eintraten. Marie nickte kurz Heiner Feuer zu, dem Chef von Südtirol 1, der zugleich Präsident des Vereins war. Offenbar hatte er gerade erst die Anwesenden begrüßt. Marie sah sich um. Zwei Reporter des Senders in ihren roten Jacken standen an der Seite, alle anderen Gäste saßen. Sie kannte jeden zumindest vom Sehen. Man kannte sich halt in Südtirol. Neben Marie fuhrwerkte Nadine an ihrer überdimensionalen Handtasche herum. Sie hatte ihr Handy auf den rechten Oberschenkel gelegt und wurschtelte vorsichtig eine kleine Kamera heraus. Dabei versuchte sie, möglichst geräuschlos zu sein. Das gelang ihr auch, bis sich der Riemen der Kamera am Handy verfing und es zu Boden rutschte. Der Aufschlag war nicht zu überhören.
»Hoffentlich nichts kaputt«, fragte Feuer schmunzelnd, worauf sich der halbe Raum zu ihnen umdrehte. Marie schnaubte.
Nadine, jetzt puterrot: »Nein, zum Glück nicht. Ich habe tatsächlich Glück gehabt.«
Marie drehte sich absichtlich auffällig zur anderen Seite und sah kurz zu den Radiokollegen, die miteinander tuschelten. »Was soll das?«, zischte Marie und zeigte auf die Kamera.
»Ich soll zwei, drei Bilder drehen.«
»Bilder drehen?«
»Genau. Für Online und Instagram.«
Das war Marie neu. »Ein Video?«
Sag jetzt bloß nicht »tatsächlich«!
Nadine aber war schon aufgestanden und schwenkte mit der Kamera in der Hand von hinten, wo sie saßen, ein Mal von links nach rechts über die Zuhörer. Dann hielt sie die Kamera in Brusthöhe, immer auf das kleine Podium gerichtet, und ging durch die etwa drei Meter breite Stuhlreihe zur Seite. Anschließend wackelte sie mit der Kamera hin und her und hoch und runter. Der Radiochef vorn beobachtete sie grinsend.
Was treibt die da?
Ein paar Minuten später nahm sie wieder neben Marie Platz.
»Was sollte das Gewackel?«
»Ein Effekt, den wollte ich tatsächlich lange schon ausprobieren«, antwortete sie, ohne auf Maries Blick zu achten.
Die beiden Radioleute sahen weiter zu ihnen herüber und grinsten. Marie war das peinlich.
Ich könnte sie einfach schlagen oder ohne sie heimfahren.
Da bedankte sich der Gastgeber schon bei der versammelten kleinen Runde.
Na toll.
Viel mitbekommen hatte Marie dank der filmenden Nadine nicht, aber die Hauptinfos würde sie bestimmt noch von Heiner Feuer bekommen. Zu ihm pflegte sie schon länger ein herzliches Verhältnis. Der Tag war ja prima verlaufen, ärgerte sie sich.
»Der bekackte Vogel hat mich um sechs geweckt«, schimpfte Marie betont aufgebracht. Sie saß Jakob gegenüber, der seine Monitore etwas auseinandergeschoben hatte, um Marie sehen zu können. »Warum um alles in der Welt hacken Spechte auf Metallantennen ein?« Der Vogel raubte ihr schon seit einiger Zeit den Nerv. Wie geisteskrank hämmerte das kleine Tier morgens immer mal auf die Antenne des Nachbarhauses ein, wahlweise gerne auch auf die blecherne Regenrinne.
»Die verteidigen ihr Revier oder balzen«, erklärte Jakob. Er schob sich seine Nerdbrille zurecht.
»Willst du mich verarschen? Wir haben keine Brutzeit oder Brunftzeit oder wie das bei den Vögeln heißt.« Marie schüttelte den Kopf. »Warum weißt du so was überhaupt? Was stimmt nicht mit dir?«
Jakob zupfte an seinem dünnen Bart. »Tja.«
»Keine Witze über Vögelei«, lachte sie. Sie riss eine Tüte Gummibärchen auf, pickte drei rote heraus und steckte sie in den Mund. Ein weißes warf sie Richtung Jakob, traf aber nur den Rand eines Monitors. Sie kicherte.
»Tatsächlich …«
»Stopp! Nicht dieses Wort!« Sie deutete mit dem Kopf nach links, wo Nadine am Ende des Großraumbüros saß. »Das ist reserviert für Madame Innsbruck.«
»Was hat sie dir eigentlich getan? Ich finde sie nett.«
»Hatte sie gestern den ganzen Tag dabei, bei zwei Terminen mit langen Autofahrten. Boah, ist die mir auf den Zeiger gegangen.« Sie schüttelte den Kopf und tippte auf ihrem Smartphone herum. Keine neue Nachricht von ihrem Innsbrucker Chat-Freund. »Wollen wir am Mittag zusammen was essen?«
»Geht nicht.« Jakob sah zu Nadine.
»Sag jetzt bitte nicht, dass du mit ihr …«
»Ich? Was? Nein! Ich muss nachher zum Optiker. Sehtest.« Dabei lupfte er kurz seine Brille an der rechten Seite, als würde Marie nicht wissen, was man bei einem Optiker macht.
Sie schmunzelte. »Dein Glück.«
Tom war an diesem Tag schon früh aufgewacht. In der Dunkelheit des frischen Tages hatte er mit der schlappen Luna eine kleine Runde gedreht. Er musste eine Entscheidung treffen. Aber eigentlich war ihm klar, dass er Luna lieber jetzt als später von ihrem Leiden erlösen wollte. So vertrat er das auch sich selbst gegenüber. Bei Diskussionen über Sterbehilfe hatte er immer gesagt: »Ich bestimme, wann es mit mir zu Ende geht – keine Ärzte oder Pfleger.« Warum tat er sich bei Luna dann so schwer? War es die Angst von Einsamkeit? Oder der Verlust eines Hundes, der ihn an seine Familie erinnerte? Rational konnte er all das widerlegen, mit Leichtigkeit. Aber in seinem Inneren spürte er eine rastlose Suche nach einer Rettungsleine. Vielleicht gab es ja doch einen Ausweg, einen anderen Tierarzt, einen Spezialisten? Auch bei Menschen gab es immer wieder Fehldiagnosen.
Das alles geisterte seit der Diagnose durch seinen Kopf. So sehr, dass er sich noch nicht mal ausgiebig mit der Rolex befasst hatte. Dabei machte er sich als leidenschaftlicher Sammler immer sofort an die Arbeit: Infos über die Uhr sammeln, die Historie erkunden und sie schließlich demontieren und reinigen. »Waschen, fummeln, föhnen«, hatte das seine Mentorin, eine Uhrmachermeisterin mit Jahrzehnten an Berufserfahrung, immer genannt. Sie war schon lange tot.
Scheiß Krebs.
Bei ihr hatte er einige Wochenenden verbracht, um das Handwerk zu lernen. Für ihn war das Basteln an Uhrwerken so etwas wie eine Zen-Übung in Geduld und Konzentration. Selbst Phasen mit Dauerstress ließen sich so ertragen, wenn sich das Gehirn für einige Stunden mit kleinen Rädchen, Lagersteinen und hauchdünnen Zeigern befasste. Da waren Weltpolitik, Skandale und die Nabelschau in der Redaktion schnell vergessen. Sein Ende im geliebten Beruf eingeleitet hatte der Wechsel auf einen Chefposten bei einem privaten Fernsehsender. Eine kurze Zeit in seiner Karriere, die ihm aber jede Freude genommen hatte. Dafür hatte er jedoch eine üppige Abfindung kassiert. In seinen Augen war es eine Schmerzensgeldzahlung.
Tom gab sich einen Ruck und setzte sich mit der Uhr an seinen Uhrmachertisch, der gleich neben seinem wuchtigen Schreibtisch stand. Mit geübten Handgriffen entfernte er das Armband, öffnete den Gehäuseboden und nahm das Uhrwerk heraus. Vorsichtig entfernte er die Zeiger und das Zifferblatt. Er betrachtete das Uhrwerk; trotz des Alters ließ es sich butterweich aufziehen. Der Rotor für den automatischen Aufzug drehte sich frei. Der Blick auf das Zifferblatt in einem edlen Champagnerfarbton machte ihn stutzig. Oberflächliche Unreinheiten konnte er mit einem feinen Pinsel wegwischen. Sonst zeigten sich aber keinerlei Alterungsspuren. Die Rückseite irritierte ihn noch mehr. Sie war glatt, ohne die üblichen Niet- oder Lötstellen der Stundenmarkierungen. Die waren nur aufgeklebt. Das Zifferblatt war nicht original, da war er sicher – die komplette Uhr für ihn als Sammler wertlos. Zweitausendachthundert Euro in den Sand gesetzt. Was jetzt? Weiterverkaufen mit Verlust? Er nahm sich vor, dem Verkäufer eine E-Mail zu schreiben, wenngleich er sich bei einem Online-Geschäft wenig Hoffnung machte. Gekauft wie gesehen.
Scheißmotto.
In Brixen betrat derweil eine gut gelaunte Marie das Zeitungshaus, einen Altbau im Herzen der Stadt. Pfeifend lief sie die Treppe hoch in den ersten Stock. Dabei nahm sie immer zwei Stufen auf einmal. Der Verlagsassistentin, die ihren Kopf zu Tür herausstreckte, rief sie einen Gruß zu. Der blieb unerwidert.
