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Angst vor den Anderen: Warum sich Gesellschaften weltweit abschotten
»Build that wall«: Keinen anderen Sprechchor stimmen Anhänger von US-Präsident Trump so leidenschaftlich an wie diesen. Und nicht nur in den USA wird der Ruf nach dichten Grenzen immer lauter. Nicht einmal 30 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin entstehen weltweit neue Mauern, Hochsicherheitszäune und Grenzwälle.
Die Weltreporter sind die Mauern, die Länder trennen, entlang gereist. Sie haben Baustellen besucht und mit ehemaligen Nachbarn gesprochen, die jetzt in verschiedenen Welten leben. Auf der ganzen Welt haben sie Architekten, Unternehmer und Politiker getroffen, Grenzschützer, Schleuser und Flüchtlinge, Verlierer und Profiteure. Es zeigt sich, dass Mauern in Beton gegossene Furcht sind und zugleich Ungleichheit zementieren: Reiche schützen sich vor Armen, Gewinner vor Verlierern, Regierende vor den Regierten. Dabei lenkt der neue Mauerboom davon ab, dass die wahren Probleme der Menschheit keine Grenzen kennen: Weder Klimawandel noch Terrorismus, Hunger oder Seuchen machen vor Mauern halt.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2018
Über das Buch:
»Build that wall«: Keinen anderen Sprechchor stimmen Anhänger von US-Präsident Trump so leidenschaftlich an wie diesen. Und nicht nur in den USA wird der Ruf nach dichten Grenzen immer lauter. Nicht einmal 30 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin entstehen weltweit neue Mauern, Hochsicherheitszäune und Grenzwälle. Die Weltreporter sind die Mauern, die Länder trennen, entlanggereist. Sie haben Baustellen besucht und mit ehemaligen Nachbarn gesprochen, die jetzt in verschiedenen Welten leben. Auf der ganzen Welt haben sie Architekten, Unternehmer und Politiker getroffen, Grenzschützer, Schleuser und Flüchtlinge, Verlierer und Profiteure. Es zeigt sich, dass Mauern in Beton gegossene Furcht sind und zugleich Ungleichheit zementieren: Reiche schützen sich vor Armen, Gewinner vor Verlierern, Regierende vor den Regierten. Dabei lenkt der neue Mauerboom davon ab, dass die wahren Probleme der Menschheit keine Grenzen kennen: Weder Klimawandel noch Terrorismus, Hunger oder Seuchen machen vor Mauern halt.
Über den Autor:
MARC ENGELHARDT, Jahrgang 1971, arbeitet seit 15 Jahren als freier Auslandskorrespondent, zunächst aus Nairobi und inzwischen aus Genf. Er berichtet u.a. für den Deutschlandfunk, ARD Hörfunk und Fernsehen sowie die Nachrichtenagentur epd. Er ist Mitglied des Korrespondentennetzwerks Weltreporter und war fünf Jahre lang dessen Vorsitzender.
DIE WELTREPORTER sind das größte Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten, die aus mehr als 160 Ländern berichten. Die 50 Korrespondenten sitzen überall auf der Welt von Athen bis Washington, D. C.
Zuletzt sind von Marc Engelhardt und den Weltreportern erschienen »Völlig utopisch. 17 Beispiele einer besseren Welt« (2014) und »Die Flüchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert« (2016).
Willkommen in der Ära der Mauern
Marc Engelhardt
USA / Mexiko
Zwischen Stahlbeton und Stacheldraht
Mexiko / Guatemala
Mexikos andere Mauer
Kanada / USA
Grenzstreifen im Bücherschrank
Eingemauert: Ein Lied von Stärke und Verfall
Christiane Kühl
Korea
So nah und doch so fern
Israel / Gaza
Ein Zaun – zwei Welten
Kenia / Somalia
Ein Zaun öffnet eine Grenze
Eingezäunt: Festung Europa
Reiner Wandler
Tunesien und Libanon / EU
Europas exportierte Grenzen
Slowakei / Ukraine
Europas unsichtbare Grenzmauer
Serbien / EU
Kalte Mauer
Ausgeschlossen: Arm und Reich
Hilja Müller
Brasilien
Eingeschlossene Gesellschaft 136
Schweiz
Mauern für das Ende der Welt
Niederlande
Klimamauern
Verschlüsselt: Virtuelle Mauern
Christiane Kühl
Türkei
Wer widerspricht, wird eingemauert
Armenien / Aserbaidschan
Die Eingeschlossenen von Karabach
Ukraine / Russland
»Krym nasch« – »Die Krim ist unser«
Entschlossen: Kunst der Grenzen, Grenzen der Kunst 203
Clemens Bomsdorf
Australien
Ein Zaun kann eine Brücke sein
Nordirland
Die Friedensmauern von Belfast 218
Russland
Mauern der Mächtigen
Eingerissen: Tunnel, Flucht- und Auswege
Birgit Kaspar
BRD / DDR
Im Panzerwagen durch die Mauer
Moldau / Transnistrien
Mit dem Stadtbus über die Front
Neuseeland
Zäune des Widerstands
Grenzenlos
Marc Engelhardt
Mauern, Zäune und Barrieren entlang zwischenstaatlicher und sonstiger Grenzen
Autorinnen und Autoren
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»Build that wall«: Keinen Sprechchor stimmen Anhänger von Donald Trump leidenschaftlicher an als diesen. Das Thema ist ein Dauerbrenner. »Und wenn wir unsere Regierung dafür schließen müssen, wir werden diese Mauer bauen«, versprach Trump jubelnden Anhängern in Phoenix, Arizona und warnte: »Wer sich uns in den Weg stellen will, der setzt die Sicherheit des ganzen Landes aufs Spiel.«
Drei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer gewinnen Politiker auf der ganzen Welt Wahlen mit der Ankündigung, ihr Land einzumauern. »Die Verteidigung unserer Grenzen mit einem Zaun, der Menschen draußen hält, ist eine pure Notwendigkeit«, erklärt etwa Ungarns Premier Viktor Orbán. »Es gibt keine humane Alternative, wenn wir uns selbst schützen wollen.« Israels Premier Netanjahu verteidigt die Befestigung an der Grenze zu Ägypten mit der Gefahr, die von afrikanischen Migranten ausgehe: »Terroranschläge auf dem Sinai wären schlimm, aber eine Flut afrikanischer Einwanderer wäre das Schlimmste.« Und Recep Tayyip Erdoğan, dem starken Mann in der Türkei, reicht die endgültig mehr als 900 Kilometer lange Mauer entlang der syrischen Grenze zum Schutz seines Landes noch nicht aus: »Wir werden das Gleiche entlang der irakischen Grenze tun und an den geeigneten Stellen entlang der iranischen Grenze.«
Wir leben in einer Ära der Mauern. Zusammengenommen sind sie 41.000 Kilometer lang, aneinandergereiht würden sie einmal um die ganze Erde reichen. 60 neue Grenzzäune, – mauern und – absperrungen wurden seit 1990 errichtet, geplant oder sind derzeit im Bau. Im Kalten Krieg waren es gerade einmal 19, von denen noch zehn erhalten sind. Die Mauern von heute stehen auf beinahe allen Kontinenten: Je knapp ein Drittel in Asien und Europa, jede Fünfte im mittleren Osten, die restlichen in Amerika. Elisabeth Vallet, die als Direktorin des Geopolitischen Observatoriums an der Universität Québec den Bau der neuen Mauern seit Jahren dokumentiert, spricht von einer »Abschottung der Welt«. Waren die Mauern im Kalten Krieg vor allem nach innen gerichtet, um die Bevölkerung einzuschließen, sollen die neuen Grenzanlagen das Gegenteil bewirken: Wer unerwünscht ist, wird ausgeschlossen. Nur wenige, vor Jahrzehnten errichtete Mauern sollen Konflikte einfrieren wie in Korea, der Westsahara oder in Kaschmir. Dagegen wurde der Bau von gut einem Viertel der Mauern Vallets Forschungen zufolge mit dem Ziel begründet, Terroristen aufzuhalten; ein paar weniger mit der erklärten Absicht, Drogenhandel und Schmuggel zu bekämpfen. Die meisten Mauern aber, 57 Prozent, wurden mit dem ausdrücklichen Ziel gebaut, Migranten auszuschließen. Das gilt vor allem für die mehr als 35 Mauern, die seit 2011 Kilometer um Kilometer Grenze dicht machen sollen. Es sind Mauern wie die von Trump, Orbán und Netanjahu.
Dabei wissen auch sie, dass Mauern noch nie Menschen dauerhaft aufgehalten haben. Schon Limes, Hadrianswall oder die Große Mauer wurden irgendwann gestürmt. Vorher suchten die Menschen erfolgreich Umwege, um die Grenzbefestigungen zu umgehen. Selbst die Grenze zwischen DDR und BRD, die aus Zäunen, Mauern und dem dazwischenliegenden Todesstreifen mit Wachtürmen, Minen und Selbstschussanlagen bestand, hielt die wirklich Verzweifelten nicht auf. Das Gleiche gilt heute an den sieben Meter hohen Zäunen um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, den tödlichen Grenzanlagen Nordkoreas oder der martialischen Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland. Viel effektiver wären Experten zufolge moderne Methoden der Grenzüberwachung: Drohnen, Sensoren, Satelliteneinsätze. Selbst die könnten allerdings wohl nur verlangsamen, was die Weltreporter in ihrem letzten Buch als »Flüchtlingsrevolution«1 beschrieben haben: Die unaufhaltsame Wanderung derjenigen, die sich wegen eskalierender Kriege, Konflikte, Menschenrechtsverletzungen, Armut und Ungleichheit gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen und über alle Mauern hinweg in eine bessere Zukunft zu fliehen.
Doch Mauern enttäuschen nicht nur die in sie gesetzten Erwartungen, sie sind zudem unglaublich teuer: Der US-Rechnungshof hat 2009 berechnet, dass der Bau einer Mauer zwischen Mexiko und den USA schon in Kalifornien mehr als vier Millionen Euro pro Kilometer kosten würde, in Texas stiege der Preis – wegen der Unzugänglichkeit mancher Grenzregionen – auf bis zu 14 Millionen Euro pro Kilometer. In den restlichen Bundesstaaten läge der Preis dazwischen. 3.144 Kilometer Grenze kosten also auf jeden Fall Milliarden, die Schätzungen liegen zwischen knapp sieben und 22,5 Milliarden Euro. Dazu kommen die Kosten, die für die Instandhaltung veranschlagt werden: 5,6 Milliarden Euro für einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Darin nicht enthalten sind die Kosten für Grenztruppen, Haftanstalten, Gerichtsverfahren oder Grenzeinheiten der amerikanischen Homeland Security.
Wo Milliarden ausgegeben werden, werden natürlich auch Milliarden verdient. Auf die erste Ausschreibung für Trumps Mauer sollen sich mehr als 700 Unternehmen beworben haben. Alleine der Börsenkurs des Betonriesen US Concrete legte in den ersten vier Monaten von Trumps Präsidentschaft um 38 Prozent zu. Gleichermaßen profitieren könnte der mexikanische Zementkonzern Cemex, der als größter Lieferant nicht nur von Zement, sondern auch von Sand und Kies in Amerika gilt – Rohstoffen, die weltweit rar werden. Man sei gerne bereit, für Trump einen Kostenvoranschlag zu erstellen, kündigte Cemex-Chef Rogelio Zambrano ungerührt an. Business kennt auch an Mauern keine Grenzen. Angeblich stammt jede zehnte Bewerbung auf die Mauer-Ausschreibung aus Mexiko, trotz Boykott-Aufrufen der mexikanischen Regierung. Natürlich wären auch deutsche Unternehmen gern an Trumps Mauerbau beteiligt, auch wenn sie das nicht unbedingt an die große Glocke hängen. Von HeidelbergCement hieß es zunächst, man sei »gut positioniert«, um für den Mauerbau in Texas und Arizona Zement aus lokaler Herstellung zu liefern. Erst nach einem Proteststurm zog das Unternehmen sein Interesse zurück. Andere Baufirmen sind nicht so sensibel, wie etwa der französisch-schweizerische Konzern Lafarge-Holcim. Auch von einem öffentlichkeitswirksamen Protest der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die den Sand für die Pariser Stadtstrände künftig anderswo bezieht, ließ sich der größte Baustoffhersteller der Welt nicht beeindrucken.
Was sich für die Industrie lohnt, ist für die Bauherren – Staaten und ihre Bevölkerung, die Steuerzahler – ein Verlustgeschäft mit bestenfalls ungewissem Nutzen. Trotzdem boomt der Mauerbau, und die Bevölkerung, die nicht nur Steuern zahlt, sondern auch wählt, honoriert jede Ankündigung eines neuen Mauerbaus, oftmals mit satten Mehrheiten. Warum? Weil die neuen Mauern vor allem eines sind: Pompöse Inszenierungen, die mit dramatischer, medialer Unterstützung den Eindruck vermitteln, dass der Staat sein Territorium schützt. Politik ist immer auch Theater, schrieb schon der große Machtpolitiker der frühen Neuzeit, Niccolò Machiavelli. Wer Mauern baut – und das tut meist eine Seite im Alleingang –, profiliert sich als starker Mann. In unserer unübersichtlichen, sich ständig verändernden Welt in Bewegung schaffen Mauern zudem die Illusion eines Schutzwalls, der alle Bewegung zum Stillstand bringt. Ihr Symbolgehalt ist daher zentrales Argument für ihren Bau, wie es die Geografin Anne-Laure Amilhat Szary von der Universität Grenoble ausdrückt.
Das gilt umso mehr, je unbeständiger die Welt wirkt. Für die Politologin Wendy Brown von der Universität Berkeley ist der Mauerboom deshalb eng verknüpft mit dem Niedergang staatlicher Souveränität, der in den vergangenen Jahrzehnten mit der Abgabe von Kompetenzen an supranationale Einrichtungen wie die EU, vor allem aber mit der grenzenlosen Macht globaler Konzerne verbunden gewesen ist. Die Wut der Wähler über wirtschaftliche Ungleichheit und schwindende Sozialleistungen des Staates in einer wirtschaftlich liberalisierten Welt bricht sich an den Mauern. Die betonieren zugleich die Verhältnisse, indem sie Vertrauen in der Finanzwelt schaffen, weil sie Stabilität vorspiegeln. Das ist wesentlich, denn das in Ratings ausgedrückte Marktvertrauen entscheidet inzwischen viel mehr als tatsächliche Profit- oder Wachstumsraten darüber, ob Unternehmen in einem Land investieren oder Staaten günstige Kredite erhalten. Solange Mauern die Kreditwürdigkeit eines Landes erhöhen, werden neue gebaut oder zumindest angekündigt werden, unabhängig von ihrer tatsächlichen Wirksamkeit. Und auch die leitet sich nicht zuletzt aus der medialen Inszenierung ab. Je bedrohlicher und unüberwindlicher eine Mauer erscheint, desto abschreckender ist ihre Wirkung.
Trotz all des Scheins wäre es falsch, Mauern als reine Show abzutun. Ihr Bau hat reale Folgen: Sie stoppen Flüchtlinge zwar nicht, aber steuern sie. Fluchtwege werden kanalisiert, dorthin, wo am wenigsten Widerstand zu erwarten ist. Garantiert wird das meist durch Schleusergruppen, die sich einen Wettlauf mit Grenzschutz und Polizei liefern. Die Verlierer sind die Ausgeschlossenen, die sich Kriminellen ausliefern und deren Unternehmung dadurch immer riskanter wird. Doch Mauern schaden auch denen »drinnen«. Grenzregionen sind in den meisten Fällen dünn besiedelt. Dass die dortige, ohnehin oft schon abgehängte Bevölkerung durch die durch Beton manifestierte Illegalisierung des Grenzverkehrs direkte Nachteile erleidet, zeigt sich in den USA ebenso wie im Norden Kenias oder im Süden Tunesiens. Die jubelnden Unterstützer des Mauerbaus leben dagegen meistens weit entfernt und kennen die Grenze nur aus dem Fernsehen.
Macht hat ihre Basis im Raum, konstatiert der Philosoph Michel Foucault. Mauern begrenzen den Raum und schaffen so Machträume – entlang von Landesgrenzen ebenso wie in abgezäunten Reichenvierteln oder hinter den Firewalls im Internet. Doch Mauern können manchmal auch verbinden, wie das Beispiel Australien zeigt; sie können Mahnmale sein wie in Berlin oder Neuseeland und zu Symbolen einer freien Weltgemeinschaft avancieren, wenn sie eingerissen werden. Am 12. Juni 1987 rief der damalige US-Präsident Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor nicht »Build that wall«, sondern »Tear down this wall« – Reißt diese Mauer nieder.
Von den Verlierern und Gewinnern des neuen Mauerbooms handeln die Reportagen in diesem Buch. Die Weltreporter sind überall auf dem Globus losgezogen, entlang Mauern, Zäunen, Schutzwällen und Absperrungen aller Art. Als Berichterstatter wollten wir vor Ort erfahren, welche Folgen der weltweite Mauerboom hat. Wir haben mit Grenzschützern und Schleusern gesprochen, mit Flüchtlingen, Unternehmern und Politikern. Wir haben Menschen vor und hinter den Mauern besucht, haben Baustellen inspiziert und sind im Schatten von schwer bewachten Grenzzäunen gereist, auf Umwegen und auf Abwegen. Entstanden ist die globale Panorama-Aufnahme einer von Mauern geprägten Welt.
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Ich muss im Schritttempo fahren. Der Weg von San Diego zur Grenze ist holprig. Schlaglöcher zeugen von heftigen Pazifikfluten im Winter, die Sand und Schlamm ins Landesinnere treiben und die schmale Straße im Sturm unbefahrbar machen. Eine Weile fahre ich parallel zur Grenze. Links von mir, in etwa 500 Meter Entfernung, windet sich ein Stahlzaun durch die hüglige Landschaft. Alle paar Minuten komme ich an weißen Kleinlastern der US-Grenzpolizei vorbei, die am Straßenrand parken. Schilder warnen vor Klapperschlangen.
Ich erreiche den Pazifik. Vor mir liegt ein scheinbar endloser Traumstrand: Imperial Beach. Ich schaue nach Norden, in Richtung San Diego: heller Sand, sanfte Dünen. Türkise Wellen mit weißen Schaumkronen, die sich unter dem hellblauen Himmel brechen. Pelikane schweben in Formation über das Wasser. Doch sobald ich mich umdrehe, ist die Idylle vergessen. In Richtung Süden, nach Mexiko hin, beginnt nur wenige Meter entfernt eine militarisierte Zone. Riesige Schilder untersagen das Weitergehen: »Sperrzone! Unbefugter Zutritt verboten. Eigentum der US-Regierung. Nur für autorisiertes Personal.« Der Zaun, den ich auf meiner Fahrt gesehen habe, endet in den Dünen. Von Nahem sieht er aus wie die Absperrung rund um ein Hochsicherheitsgefängnis. Grenzpolizisten patrouillieren davor in Kleinlastern und Geländewagen, zu Fuß und zu Pferd auf einem schmalen Asphaltweg. Nun sehe ich auch einen zweiten, dunkleren Zaun, etwa zwanzig Meter hinter dem ersten. Er besteht aus eng nebeneinanderstehenden, verrosteten Stahlstelen und führt mitten hinein ins Meer. Wellen brechen sich daran. Möwen segeln mühelos darüber hinweg.
Ich stehe am Rand des Kontinents und am äußersten Ende der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Eine Mauer im Sinne einer Wand aus Stein oder Beton gibt es hier nicht. Noch nicht. US-Präsident Donald Trump hat Pläne, das zu ändern. »Ich werde eine große, große Mauer an der Südgrenze bauen und Mexiko dafür bezahlen lassen. Lasst euch das gesagt sein«, versprach er schon im Juni 2015. Es war seine erste Bewerbungsrede als Präsidentschaftskandidat. Seitdem hat er die Forderung ungezählte Male wiederholt.
Entlang der Betonbarrieren gehe ich zu einem Tor, das zum Bereich zwischen beiden Zäunen führt. Ich fühle mich beobachtet. Die Grenzpolizei öffnet den Durchgang nur am Wochenende, samstags und sonntags, Punkt zehn Uhr morgens. Vier Stunden später wird er wieder geschlossen. Es fühlt sich an, als würde ich ein Gefängnis betreten. Auch Optik und Atmosphäre erinnern mich an ein Gefängnis. Abgesehen von ein paar Flecken vertrocknetem Gras wächst hier, im Niemandsland zwischen Stahlbeton und Stacheldraht, gar nichts.
Warum sollte man freiwillig durch dieses Tor gehen? Warum den Weg über die Buckelpiste auf sich nehmen, die im Beton aufgestaute Hitze ertragen, die ständigen Blicke der schwer bewaffneten Wachleute? Das machen nur diejenigen, die keine andere Möglichkeit haben, Verwandte und Freunde von der anderen Seite der Grenze, aus Mexiko, zu treffen. Kameras überwachen zwar jede Bewegung, doch niemand fragt nach Ausweis oder Abschiebungsbefehl. Wer durch dieses Tor geht, ist vermutlich illegal in die USA eingewandert, hat bis jetzt keine Aufenthaltsgenehmigung. Er kann das Land nicht verlassen, weil die Gefahr zu groß ist, bei der Rückkehr geschnappt und abgeschoben zu werden.
Mir fällt ein Mann im karierten Flanellhemd auf, Mitte 50, blassblaue Baseballkappe, graues Haar und Schnauzer. Die breiten Schultern leicht gebückt, steht er etwa zwei Meter entfernt vor dem Zaun und schaut sehnsüchtig nach Mexiko. Die verrosteten Stahlstelen sind so dicht nebeneinander in den Boden gerammt, dass gerade mal ein Kinderarm dazwischenpasst. Die Hüften des Mannes lehnen leicht an einem Stahlseil. Näher heran darf er nicht. Dann erkenne ich, wohin der Mann so sehnsüchtig schaut. Frauen und Kinder drücken von Mexiko aus ihre Gesichter durch die Stelen, lächeln und winken, während aus ihrem tragbaren CD-Spieler ein mexikanisches Liebeslied scheppert. Hinter ihnen machen andere Familien Picknick im Schatten von Palmen. Ein Leuchtturm strahlt weiß vom Hügel. Jogger zirkeln um japanische Besuchergruppen und einen Streifenwagen, in dem gelangweilt zwei Polizisten sitzen.
»Das ist meine Familie. Meine Frau, meine Kinder, deren Ehemänner und meine Enkel«, erklärt der Mann im Flanellhemd stolz. »Ich habe sie seit 17 Jahren nicht mehr gesehen, die Männer und Enkel noch nie. Ein Baby ist gerade erst zur Welt gekommen.« Der Mann heißt Ramón. Vor 20 Jahren ist er aus Michoacán, einem Bundesstaat im Süden Mexikos, in die USA gekommen. Mit dem Lied, das von der anderen Seite herüberschallt, habe er als junger Mann seine Frau umworben. »Ich bin froh, sie zu sehen. Ich bin ein bisschen traurig. Und ein bisschen froh.« Traurig ist Ramón, weil er seine Frau nur sehen und nicht umarmen kann. Das ist aus Sicherheitsgründen verboten. Körperlicher Kontakt könnte missbraucht werden, um Drogen oder Geld zu schmuggeln, behauptet die Grenzpolizei.
Ramón kam in die USA, um Geld zu verdienen. Sein Einkommen in Mexiko reichte nicht für ein Dach über dem Kopf, für Schule, Schuhe, Kleidung für die Kinder. Mit seinen Jobs in Kalifornien konnte er all das auf einmal bezahlen. Zuerst, erzählt er, war es leicht, die Grenze zu überqueren, und er besuchte die Familie regelmäßig. Dann wurden die Kontrollen schärfer, die Reise zu gefährlich und Schleuser zu teuer. Vor elf Jahren habe er eine US-Aufenthaltsgenehmigung beantragt, erzählt Ramón. Bis jetzt sei sein Fall nicht bearbeitet.
Der Grenzpolizist erlaubt mir, was Ramón verboten ist: direkt an die Stelen zu gehen, um mit der Familie zu sprechen. Für fünf Minuten, mehr nicht. Ich steige über die Stahlschnur. »Wie geht es euch?«, frage ich und eine Tochter fängt sofort an zu weinen. »Unsere Tränen sprechen für sich«, sagt Pricilla. Drei Stunden seien sie, ihr Mann und die Kinder mit dem Flugzeug geflogen, um den Vater zu treffen. Sie mussten lange planen, um das zu organisieren, und ewig sparen, um sich die Reise leisten zu können. Hunderte Tage haben sie bis zum Wiedersehen gezählt. »Es sind zu viele Jahre vergangen, seit wir uns gesehen haben«, klagt Mutter Ana Ina. Sie hatte gehofft, ihrem Mann näher sein zu können, hatte mexikanische Spezialitäten gekocht, die sie durch den Zaun mit ihm teilen wollte. »Unsere Gefühle sind sehr widersprüchlich«, sagt sie, und dass sie nicht verstehe, warum Staaten Familien trennen wollen. »Schau doch«, fordert sie mich auf, schlägt mit der Hand gegen den rostigen Stahl und zeigt dann zu ihrem Mann. »Wir sind uns so nah! Es ist, als würde ein Stück Schokolade vor dir liegen und du darfst es nicht essen.« Ana Ina ist vor drei Jahren nach Tijuana gezogen, die mexikanische Grenzstadt zu San Diego. Sie hatte gehofft, ihren Mann von dort aus besuchen zu können. Ihr Visumsantrag wurde abgelehnt. Erst vor Kurzem haben sie von diesem Grenzstreifen erfahren, an dem sie sich sehen und miteinander sprechen können. Er heißt Friendship Park.
Am 9. August 1971 weihte ihn die damalige First Lady Pat Nixon, Ehefrau des republikanischen Präsidenten Richard Nixon, als Border Field State Park ein. Er sollte eine Begegnungsstätte für Menschen aus den USA und Mexiko sein und sah damals völlig anders aus. Nur ein hüfthoher Maschendraht markierte die Grenze, ein Draht, wie er in Deutschland zur Abgrenzung von Kuhweiden genutzt wird. Mexikaner schüttelten die Hände der First Lady. Die, so schrieb die Los Angeles Times damals, forderte ihre Sicherheitskräfte auf, den Draht zu zerschneiden. Sie umarmte Kinder aus dem Nachbarland. »Ich hoffe, dass es hier bald gar keinen Zaun mehr gibt«, zitiert das Blatt Pat Nixon.
Das Gegenteil ist passiert. Heute scheint die Grenze so undurchdringlich wie nie zuvor, und Trump will sie noch dichter machen. Doch eine Bürgerrechtsorganisation fordert, das Gelände zu seiner ursprünglichen Aufgabe zurückzuführen. »Wir wollen einen wahrhaftig binationalen Park, der Bürger beider Länder vereint, wo sie gemeinsam essen, spielen und einander kennen lernen können«, erklärt Pfarrer John Fanestil. Er hält jeden Sonntag einen grenzübergreifenden Gottesdienst am Zaun und ist darüber hinaus Sprecher der »Friends of Friendship Park«. Die haben die Initiative für den Abbau der Militärzone zugunsten des Freizeitparks gestartet. »Es ist der perfekte Zeitpunkt, darüber zu sprechen«, sagt Fanestil. »Es wird über so viel Geld für die Grenze diskutiert, über bis zu 70 Milliarden Dollar – warum nicht einen Teil davon in Völkerverständigung investieren?«
Die Entwicklung vom Maschendrahtzaun zur militarisierten Zone an der amerikanisch-mexikanischen Grenze begann in den 1990er Jahren. US-Präsident Bill Clinton versprach, mit der Operation Gatekeeper die illegale Einwanderung unter Kontrolle zu bekommen. Der Demokrat ließ zwischen San Diego und Tijuana mehr als 20 Kilometer Zaun erneuern. Der bestand damals aus rostigen und durchlöcherten Paneelen, die dem US-Militär im Vietnamkrieg als temporäre Landebahnen gedient hatten. Ersetzt wurden sie durch blitzenden Stahl. Clinton ließ außerdem neue Zäune entlang der Grenze bauen, viele Meilen lang. Und er verdoppelte den Etat der Grenzpolizei.
Die Maßnahmen schreckten Einwanderer nicht vom Überqueren der Grenze ab. Sie fanden neue Wege weiter im Inland, in unübersichtlichem und schwieriger zu überwachendem Wüstenterrain und den Bergen. Und immer mehr Menschen starben auf der Flucht. Die US-Grenzpolizei hat zwischen 1998 und 2016 fast 7.000 Menschen registriert, die beim Versuch starben, die Grenze zu überqueren. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Toten weit höher ein.
Doch Clintons Nachfolger, Präsident George W. Bush, reichte das noch nicht. 2006 unterschrieb er den Secure Fence Act, der hunderte Kilometer neuer Zäune, zusätzliche Checkpoints, Sensoren, Kameras, Satelliten und Drohnen versprach. Und das nötige Geld dafür. Die Republikaner im Kongress versprachen damals, im Gegenzug einer umfassenden Reform der Einwanderungspolitik zuzustimmen und für Millionen Immigranten einen Weg zur Einbürgerung zu finden. Das ist nie passiert. Und die Zahl der Einwanderer ist trotz der verschärften Kontrollen nicht spürbar gesunken.
Im Oktober 2009 – genehmigt unter Präsident George W. Bush, ausgeführt unter Präsident Barack Obama – begann der vorläufig letzte Ausbau der Grenze am Pazifik. Der Bund ließ zusätzliche Stelen im Sand errichten, montierte in der Höhe weitere Stahlplatten und errichtete den zweiten Stahlzaun mit dem Niemandsland dazwischen. Außerdem noch mehr Kameras, noch mehr Sensoren, noch mehr Personal. Die US-Regierung vereinbarte eine Zusammenarbeit mit der mexikanischen Regierung, um Flüchtlinge aus Mittelamerika schon an Mexikos Südgrenze zu stoppen, gut 4.000 Kilometer entfernt. Dort sind die Kontrollen auch mit Hilfe von US-Technologie und finanzieller Unterstützung Washingtons deutlich verschärft worden.
Unter Donald Trump soll jetzt eine physische Mauer errichtet werden, südlich von San Diego und entlang der restlichen amerikanisch-mexikanischen Grenze: 3.144 Kilometer und 658 Meter vom Pazifik bis zum Atlantischen Ozean. Die Grenzbehörde hat festgelegt, wie sie aussehen soll: zehn Meter hoch. Aus Beton und Stahl. Weder mit Leitern noch mit Bergsteigerausrüstung überwindbar. Unzerstörbar. Selbst eine halbstündige Attacke mit einem Vorschlaghammer, Wagenheber, Pickel oder batteriebetriebenem Werkzeug soll ihr nichts anhaben. Immun gegen Säure und Flammenwerfer. Bis zu zwei Meter unter den Boden verstärkt, damit es unmöglich ist, Tunnel zu bauen. Außerdem soll die Mauer »schön« werden, verlangt der US-Präsident. Seit Oktober 2017 stehen acht Prototypen vor den Hügeln von Otay Mesa, gebaut von privaten Bauunternehmen, und werden auf Widerstandskraft und Attraktivität getestet.
Als ich um eine Tour zu den Prototypen bitte, antwortet mir die US-Grenzpolizei, derzeit gebe es keine Möglichkeit für Journalisten, die Modelle anzuschauen. Doch Jill Marie Holslin, Mitglied der »Friends of Friendship Park«, lädt mich einfach ein, die Mauersegmente von der mexikanischen Seite aus zu sehen. Die Künstlerin wohnt in Tijuana und dokumentiert die Grenze seit Jahren fotografisch.
Der Grenzübergang von San Ysidro zwischen San Diego und Tijuana ist der größte der USA. Jeden Tag werden hier 50.000 Fahrzeuge und 25.000 Fußgänger auf dem Weg nach Norden kontrolliert. Auf mehr als zehn Fahrspuren kommen die Autos zu den Wachhäuschen gefahren. Während sie sich im Schritttempo bewegen, halten Grenzbeamte Spiegel unter die Karossen. Auto und Passagiere werden automatisch fotografiert, die Papiere genauestens geprüft. Straßenhändler nutzen die langen Wartezeiten der Grenzgänger, bieten zwischen Abgasen und Autos alles Mögliche an: fettiges Gebäck, Eis und Drinks, Ponchos, Sombreros und Heiligenstatuen in allen Größen.
Nach Mexiko komme ich schnell. Die Straße wird etwas enger, doch niemand fragt mich nach Papieren oder dem Grund der Einreise. Ich steige um in Jill Holslins staubbedeckten Geländewagen. Wieder führt nur ein holpriger Weg mit vielen Schlaglöchern zum Ziel. Tijuana ist für die meisten Einwanderer, die aus den USA abgeschoben werden, die erste Station auf dem Weg zurück. Viele bleiben hier – weil sie dort, wo sie herkommen, keine Zukunft für sich sehen, und versuchen, so schnell wie möglich in die USA zurückzukehren. Vor ein paar Jahren führte das zu einer riesigen Job-, Haus- und Gesundheitskrise in der Stadt. Präsident Barack Obama ließ zwischen 2009 und 2015 insgesamt über 2,5 Millionen Immigranten abschieben, mehr als irgendein Präsident vor ihm. Tausende landeten auf den Straßen Tijuanas. Sie schliefen in ausgetrockneten Flussbetten, auf Bürgersteigen und unter Brücken. Viele wurden alkohol- oder drogenabhängig. Die Polizei griff 2016 mit Razzien und Verhaftungen durch. »Die Menschen wurden einfach ins Gefängnis gesteckt oder aufs Land geschickt«, erzählt Jill Holslin. »Dann verschwanden sie aus den Schlagzeilen. Ich weiß nicht, was mit ihnen passiert ist.«
Wir fahren durch ein Industriegebiet, vorbei an Fabriken und Schrottplätzen. Dazwischen: bunt bemalte Baracken und Imbissbuden. Frauen, die Einkaufstaschen tragen, und Kinder, die auf der unbefestigten Straße Fußball spielen, zeigen mir, dass auch in dieser Gegend Leute leben. Wir halten zwischen Autowracks, Müllbergen und übereinandergestapelten Lkw-Reifen. Hunde schlafen in der Abendsonne, Hühner picken im staubigen Dreck. Wir sind angekommen.
Zwei Meter hohe rostige Stahlplatten aus dem Vietnamkrieg markieren die Grenze. »Hier klettern regelmäßig Flüchtlinge über den Zaun.« Holslin zeigt auf Schuhabdrücke und in den Rost geritzte Namen. Ich klettere auf eine niedrige Böschung aus Müll und Erde. Dann sehe ich sie: acht Prototypen, etwa 30 Meter entfernt auf der anderen Seite, von der weichen Abendsonne beschienen. Jeder einzelne ist drei Meter breit und zehn Meter hoch. Die Berliner Mauer würde zierlich aussehen neben ihnen. Die meisten Mauerstücke sind aus Beton, manche aus einer Zement-Metall-Mischung. Einer fällt auf zwischen den grauen und hellbraunen Prototypen, wegen seines blauen Stahlüberzugs. Auf einem anderen Stück Mauer glänzt ein Stacheldrahtaufbau. Ich könnte hier ganz einfach über den Zaun springen, um mir diese ersten Manifestationen von Präsident Trumps Traumgebilden genau anzuschauen. Doch ich entscheide mich anders und wende mich an die Künstlerin, die die Grenze schon so lange beobachtet. Warum, frage ich sie, wird ein paar Kilometer westlich am Pazifik so scharf kontrolliert, während es hier ein Kinderspiel ist, in die USA zu kommen? »Die Menschen, die hier über die Grenze klettern, wollen aufgegriffen werden und Asyl beantragen«, erklärt Jill Holslin. Sie zeigt auf zwei Kleinlaster der Grenzpolizei, auf Flutlichter und Kameras an Stahlmasten neben den Prototypen. Die, die nicht erwischt werden wollen, versuchen ihr Glück in der Wüste oder am Rio Grande.
Die Mauer, die Trump bauen will, soll dagegen alle Flüchtlinge abschrecken – die, die unbemerkt in die USA kommen wollen, genauso wie Asylsuchende. Nicht nur hier, sondern an der gesamten Grenze. »Es ist reines politisches Theater«, urteilt Holslin. »Keine Mauer ist undurchlässig. Wenn Trump sie zehn Meter hoch bauen lässt, bauen Flüchtlinge eine elf Meter lange Leiter.«
Um zu demonstrieren, wie erfolglos Trumps Projekt sein wird, initiierte sie im November 2017 mit politischen Aktivisten der Gruppe »Overpass Light Brigade« eine künstlerische Intervention. »Wir haben in der Abenddämmerung hier geparkt«, erzählt sie und zeigt auf einen plattgewalzten Dreckhaufen. »Ich bin auf mein Autodach geklettert, habe meine Kamera aufs Stativ gebaut und die Linse auf die Prototypen gerichtet.« Die Aktivisten installierten neben ihr auf einem Mini-Laster einen Projektor und einen Theaterscheinwerfer. »Ein Wagen der Grenzpolizei stand da drüben.« Sie zeigt auf eines der Flutlichter. »Sie haben uns und das Licht gesehen, sich aber nicht gerührt. Ein Polizist hatte sein Auto direkt an der Mauer geparkt, ein zweites stand nicht weit entfernt. Keiner hat sich auch nur bewegt.«
Kaum war es dunkel, da wurden die acht Prototypen eine Stunde lang zur Projektionsfläche. Holslin und ihre Kollaborateure projizierten Botschaften auf den Beton wie »Llegale!« – das ist Spanisch und heißt übersetzt so viel wie »Kommt rein! Auf geht’s!«, und »Flüchtlinge willkommen«, »Niemand ist illegal«. Sie projizierten auch Bilder an die Wände: die Freiheitsstatue zum Beispiel und eine Leiter als Symbol dafür, wie einfache Technologie das Milliardenprojekt überwinden wird.
Auf der mexikanischen Seite der Grenze blieben Nachbarn kurz neugierig stehen und schauten sich das Spektakel nur ein paar Minuten an. »Die Menschen hier haben sich an die Mauer gewöhnt und daran, dass sie sowieso nichts an den Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten ändern können«, erklärt mir Jill Holslin das Desinteresse.
Bilder und Videos der Aktion verbreiteten sich dank Holslin und ihrer Kollaborateure schnell über die sozialen Medien. Die Künstler fühlten sich wie Narren, die dem König einen Spiegel vorhalten. Mit einfachsten Mitteln stellten sie die bombastische Rhetorik von Donald Trump bloß. »Diese Prototypen sind Symbol für seine Übertreibungen, seine Lügen und sein aufgeblasenes Machtgefühl. Es ist lächerlich. Wir wollten zeigen: diese Mauer ist weder undurchlässig noch unantastbar. Im Gegenteil: Es wird sehr leicht sein, diese Mauer zu überwinden.«
Ich fahre mit ihr zum Pazifik und erlebe nun hautnah die entspannte Strandatmosphäre auf der mexikanischen Seite der Grenze. Restaurants werben mit Meeresfrüchten, Margaritas und Meeresblick. Vor dem Leuchtturm posiert ein Hochzeitspaar für den Fotografen. Eine Familie feiert im Garten daneben. Mariachi-Musiker hoffen auf Trinkgelder der Touristen. »Diese Atmosphäre wollen wir auf beiden Seiten der Grenze«, erklärt Jill Holslin ihren Plan für einen binationalen Park. Vorbild ist unter anderem der Peace Arch Park an der Grenze zwischen British Columbia in Kanada und dem US-Bundesstaat Washington. Zugang und Kontrollen sind dort in Zusammenarbeit beider Nationen unkompliziert geregelt. Die »Friends of Friendship Park« arbeiten mit renommierten Architekten zusammen, erste Pläne gibt es schon. Sie wissen, dass deren Realisierung im derzeitigen politischen Klima unwahrscheinlich ist. Ist der Park deshalb völlig utopisch? »Natürlich nicht«, sagt Holslin und hält inne. »Und wenn schon – wir müssen diese Utopien bewahren und reale politische Bedingungen für ihre Verwirklichung schaffen.« Sie sieht die Pläne für eine »schöne große Mauer« als das letzte Aufbäumen einer aussterbenden Art von Nationalisten, die sich den Veränderungen der Globalisierung entgegenstemmt. Die Vision des binationalen Parks sei dagegen ein Symbol für die Zukunft, die sie auch fotografisch dokumentieren möchte. »Wenn wir diese Visionen aufgeben, dann haben der Totalitarismus und Kräfte wie Trump schon gewonnen, die ohne Rücksicht auf die wahren Werte unserer Nation ihre eigenen Gesetze schreiben.«
Auf der anderen Seite der Grenze, in den USA, hat Ramón unterdessen seinen Standort gewechselt. Vom Grenzabschnitt mit den Stahlstelen, durch die Frau und Kinder ihre Gesichter drücken mussten, ist er zu einem anderen Abschnitt gegangen, wo auch er direkt bis an den Zaun kommt. Dort sorgt ein anderes Hindernis dafür, dass sich die Familie nicht wirklich nahe kommen kann. Ein dickes Stahlnetz wurde 2009 auf ganzer Höhe über den Zaun montiert, so dass er seine Familie nun zwar besser hören, aber kaum noch sehen kann. Leise spricht Ramón mit seiner Frau Ana Ina. Sie hebt ihre Hand zum Gitter. Zwei ihrer Fingerspitzen finden einen Weg durch den Stahl. Ramón streichelt mit seiner Hand darüber. Dann berührt er sie mit seinen Fingerspitzen. Sie schweigen. Tränen füllen seine Augen. Ana Ina flüstert ein paar Worte. Die beiden rühren sich nicht und ich lasse sie allein.
Später sehe ich, wie Ramón zum Ende der Stahlpfosten im Pazifik schaut, zu den Möwen und Pelikanen, die scheinbar schwerelos über die Grenze gleiten. Er will wiederkommen und sagt, der Tag habe ihm viel gegeben. »Vor allem die Hoffnung, dass sich etwas ändert. Die an der Macht müssen doch eines Tages verstehen, wie wichtig es ist, dass Familien zusammen sein können.«
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Alberto Jesús Vargas hätte es wissen müssen. Gerade hier, auf den einsamen versteckten Pfaden, weitab von den Dörfern und Straßen, warten die Wegelagerer besonders häufig auf ihre Opfer. Zwischen dem vertrockneten Gestrüpp, den ausladenden Bäumen der Mango-Plantagen und den unzugänglichen Ufern des Rio Ostuta sind Fremde wie er den einheimischen Verbrecherbanden hilflos ausgesetzt. Dennoch hat er diesen Weg gewählt. Wie aus dem Nichts kamen drei Männer auf Vargas und seinen Mitreisenden zu. Einer trug eine Pistole, die anderen waren mit Macheten bewaffnet. Es dauerte nicht lange, und die Kriminellen hatten den beiden so gut wie alles abgenommen: die zweite Hose, ein paar T-Shirts, den Rucksack und die letzten mexikanischen Pesos.
»Sie schlagen und beleidigen dich. Du weißt nie, ob sie dich töten oder am Leben lassen«, berichtet der Honduraner, wenn er sich an diesen Tag im Dezember 2017 erinnert. Der 33-Jährige mit dem kräftigen Körper und dem freundlichen Blick macht nicht den Eindruck, dass er sich schnell unterkriegen lässt. Doch der Schock sitzt tief. »In solchen Momenten stellst du dir immer die Frage: Vorwärts oder zurück?« Aber ein Zurück gibt es nicht. Für keinen der Migrantinnen und Migranten, die jetzt mit ihm im Speisesaal der Herberge »Brüder auf dem Weg« in der südmexikanischen Kleinstadt Ixtepec zu Abend essen. Von ihnen erntet er zustimmendes Nicken. Sie wissen genau, wovon er redet. Sie alle sind ohne die nötigen Papiere unterwegs und reisen illegal durch Mexiko.
Ja, er hätte wissen müssen, dass es gefährlich ist, diese einsame Strecke nahe der Pazifikküste zu Fuß zu gehen. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass Vargas sich auf den Weg in die USA macht. Aber was hätte er tun sollen? Zunächst lief alles nach Plan: Von den Grenzern unentdeckt konnte er den Rio Suchiate überqueren, jenen Fluss, der Guatemala von Mexiko trennt. Trotz der Kameras, trotz der Grenzbeamten, die mittlerweile ständig patrouillieren. Von dort aus ging er zu der Stelle, wo der Güterzug losfährt, den alle »la bestia« nennen. Die Bestie sollte ihn in den Norden bringen, quer durch Mexiko, etwa 2.500 Kilometer weit, bis an die Grenze zu den USA. Doch schon am nächsten Bahnhof hatte die Fahrt des Honduraners ein Ende. Keine Stunde, nachdem er sich auf das Dach eines Waggons gesetzt hatte, erschienen Beamte der Migrationspolizei. »Wir mussten flüchten, sonst hätten sie uns festgenommen und abgeschoben«, erklärt er. Also blieb ihm nichts anderes, als jenen Weg einzuschlagen, der ihn sein Hab und Gut gekostet hat.
Vargas hat nach dem Überfall Schutz in der Herberge gesucht. Wer es bis hierher geschafft hat, kann glücklich sein. Nicht nur, weil das Projekt des Pfarrers Alejandro Solalinde den illegal Reisenden kostenlos Unterkunft, Essen und Duschen bietet. Sondern auch, weil Ixtepec bereits ein gutes Stück jenseits der Mauer liegt, mit der mexikanische Behörden im Auftrag der US-Regierung verhindern wollen, dass die Wanderarbeiter aus Mittelamerika bis an die US-Grenze gelangen. Einer Mauer, die aus scharfen Kontrollen, hochtechnologischem Gerät und einer intensiven Datenerfassung besteht. So jedenfalls sehen es Solalinde und die Frauen und Männer, die in der Herberge arbeiten. »Mexiko macht die Drecksarbeit für die USA«, urteilt Jessica Cardenas.
Die Mittdreißigerin, Brille, dunkles mittellanges Haar, spricht energisch, wenn es um den Umgang ihrer Regierung mit den »Brüdern auf dem Weg« geht. Sie sitzt in einem weißen Zelt und tippt die persönlichen Daten eines Migranten in die Tasten ihres Computers. Vier Schreibtische, viele Aktenordner, ein kaputter Drucker und ein paar Plastikstühle stehen hier auf wenigen Quadratmetern, ein Ventilator vertreibt die drückende Hitze. Seit im Herbst 2017 zwei schwere Erdbeben Ixtepec und viele andere Städte und Dörfer im Isthmus von Tehuantepec heimgesucht haben, müssen die Mitarbeiter an allen Ecken und Enden improvisieren. Ein ehemaliges Wohnhaus für freiwillige Helfer aus aller Welt dient derzeit nur noch als Lager für Kleiderspenden, tiefe Risse durchziehen die Wände. Ein Gebäude, in dem einst die Verwaltung untergebracht war, darf nicht mehr betreten werden. Zu hoch ist das Risiko, dass es einstürzen könnte. Cardenas und ihre Kollegen sind also auf das Zelt angewiesen, das das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR ihnen zur Verfügung gestellt hat.
Dennoch nehmen sie täglich neue Menschen auf, die auf ihrer Reise in die USA ein paar Tage, Wochen oder gar Monate Unterschlupf suchen. Etwa 100 sind es derzeit, und fast alle Ankommenden haben zuvor ähnliche Erfahrungen gemacht wie Alberto Jesús Vargas. »90 Prozent wurden überfallen, verprügelt oder vergewaltigt«, erklärt Jessica Cardenas. Verbrecher aus der Region, Banden der organisierten Kriminalität und auch Migrationsbeamte verübten solche Angriffe. Schon immer sei der Weg in den Norden gefährlich gewesen, betont sie, aber in den letzten Jahren sei die Zahl der Gewaltopfer deutlich gestiegen. Und auch die der Festnahmen. Sie verweist auf Angaben des mexikanischen Innenministeriums. Demnach sind in den vergangenen Jahren über 80 Prozent mehr Migrantinnen und Migranten dingfest gemacht worden als in den Jahren zuvor: 2014 waren es noch 97.245, in den beiden Folgejahren 174.159 bzw. 179.644. Die Konsequenz: 2016 schob Mexiko 23.000 Menschen mehr ab als die Vereinigten Staaten selbst.
Dafür macht die Herbergsmitarbeiterin ein Projekt verantwortlich, das der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto im Jahr 2014 in Zusammenarbeit mit US-Behörden ins Leben gerufen hat: das »Programa Frontera Sur« – »Programm Südgrenze«. Cardenas spricht von einer unsichtbaren Mauer, die damit geschaffen worden sei. Einer Mauer, die tausende Kilometer vor der Grenze in die USA schon jetzt das Ziel erreicht, das sich US-Präsident Donald Trump von seiner Mauer erhofft: weniger Menschen, die den von ihnen erträumten »American Dream« leben können. Der Wall ziehe sich von der guatemaltekischen Grenze hunderte Kilometer nach Mexiko hinein bis in den Isthmus von Tehuantepec, erklärt Cardenas. Diese nur etwa 230 Kilometer breite Landenge zwischen Atlantik und Pazifik ist für die meist aus El Salvador, Guatemala, Honduras oder Nicaragua kommenden Migranten ein Nadelöhr. Und folglich ein idealer Ort, um die Glückssuchenden abzufangen und wieder in ihre Heimatländer abzuschieben.
Deshalb haben die Migrationsbehörden in dieser von Armut geprägten Region im Süden Mexikos ihre Netze ausgeworfen und ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen die unerwünschten Reisenden umgesetzt. Von Washington gelieferte Hubschrauber überfliegen den Rio Suchiate, von US-Experten ausgebildete Grenzbeamte und zahlreiche Kameras sollen verhindern, dass Migranten ohne gültige Papiere über den Grenzfluss einreisen. In den großen Abschiebezentren helfen Beamte der U.S. Customs and Border Protection sowie der US-amerikanischen Zoll- und Einwanderungsbehörde ihren mexikanischen Kollegen beim Austausch von Informationen. Allein ein Projekt, das sicherstellen soll, dass die US-Behörden die biometrischen Daten erhalten, finanziert die US-Regierung mit 88 Millionen US-Dollar. Die 2,2 Milliarden Dollar, die der nördliche Nachbar insgesamt in diesen vorgelagerten Grenzschutz investiert, fließen im Rahmen der 2007 ins Leben gerufenen »Mérida-Initiative« von Washington nach Mexiko Stadt. Die Initiative, aus der auch das »Programa Frontera Sur« entstanden ist, hat offiziell das Ziel, den Drogenhandel zu bekämpfen.
Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Herberge machen vor allem die vielen, oftmals brutalen Kontrollen Sorgen, mit denen die Behörden die Reisenden stoppen wollen. Cardenas’ Kollege Daniel Ojalvo Cordero scrollt wie wild die Ordner auf seinem Bildschirm hoch und runter. Tausende von Fotos hat der Spanier aufgenommen, seit er vor fünf Jahren hier angefangen hat zu arbeiten. »Jetzt habe ich es«, sagt er. Während er mit dem Stuhl zur Musik wippt, die im Hintergrund im Radio läuft, zeigt er auf ein Bild, das er vor vier Jahren aufgenommen hat. Unzählige Menschen, die Schulter an Schulter auf dem Dach eines Eisenbahnwaggons sitzen, sind darauf zu sehen. Hunderte von Migrantinnen und Migranten seien damals auf einem Zug gereist, sagt Ojalvo Cordero.
Doch damit sei jetzt es vorbei. »Die ständigen Kontrollen haben die Menschen dazu gezwungen, gefährlichere Wege zu nehmen«, erklärt er und spricht von brutalen Einsätzen mit elektrischen Schlagstöcken. Selbst Macheten hätten die Beamten eingesetzt. Dass die Bahngesellschaft inzwischen zusätzlich private Sicherheitsdienste in den Zügen patrouillieren lässt, mache die Fahrt noch schwieriger. Viele Reisende seien wie Alberto Jesús Vargas gezwungen, sich in kleinen Gruppen auf einsamen Pfaden durchzuschlagen, und seien dadurch angreifbarer und verletzlicher. »Jahrelang haben wir dafür gearbeitet, dass die Migranten in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden«, sagt er. »Wenn das Programm Frontera Sur etwas erreicht hat, dann, dass sie jetzt wieder unsichtbar sind.«
Von der Bestie ist in diesen Tagen wenig zu sehen. Nur einmal, am frühen Morgen, macht der Güterzug Halt in Ixtepec. Es dämmert gerade, als sich »la bestia« mit einem schrillen Pfeifen ankündigt. Kurz darauf erscheint sie hinter dem Maschendrahtzaun, der die Herberge von den Gleisen trennt. Doch während die Reisenden früher in diesem Moment aufsprangen, ihren kleinen Rucksack schulterten und zum Bahnhof liefen, bleibt es inzwischen ruhig. Keiner der zahlreichen Migranten, die wegen der stickigen Luft und den vielen Moskitos im Schlafraum lieber auf dem Weg zum Tor im Freien schlafen, macht sich auf. Viele werden erst durch das Schnauben der Lokomotive wach. Auch auf den Waggons, die sich als schwarze Silhouetten vor der aufgehenden Sonne abzeichnen, sind keine Menschen mehr zu sehen. Der Tag bei den »Brüdern auf dem Weg« beginnt ohne das kurzlebige Kommen und Gehen, das die Herberge lange Zeit geprägt hat. Die meisten gelangen heute zu Fuß in die Unterkunft.
Auch für Alberto Jesús Vargas gab es früher kein anderes Verkehrsmittel als den Zug. »Alle, die ohne Papiere gereist sind, sind auf die berühmte Bestie gestiegen«, sagt er. Schließlich habe die Fahrt mit dem Güterzug nichts gekostet und man habe auf diese Weise die zahlreichen Kontrollen auf den Fernstraßen umgangen. »Klar«, räumt er ein, »die Kriminellen haben ihren Wegzoll gefordert.« Zunehmend seien organisierte Banden auf die Bahn gestiegen, hätten Frauen vergewaltigt und äußerst gewaltsam Geld eingefordert. »Alle paar hundert Kilometer mussten wir zahlen, um nicht von den Verbrechern verprügelt oder gar getötet zu werden.« All das hat dazu geführt, dass die Reisenden den Güterzug »die Bestie« nennen. Immer wieder diskutierten sie damals in der Herberge über die gefährlichen Stellen auf der Strecke. Bis heute zeigt eine mittlerweile halb zerrissene riesige Mexiko-Karte an der Außenwand des Speisesaales die Route der Eisenbahn.
Mitarbeiterin Jessica Cardenas will die Zeiten der Bestie nicht romantisieren. »Viele Leute sind gestorben, andere wurden schwer verletzt, verloren Arme oder Beine, weil sie unter die Räder des Zuges gekommen sind«, sagt sie. Trotzdem sei die Situation heute, nach der Umsetzung des Programms Südgrenze, mit der von damals nicht zu vergleichen. Ähnlich sieht man es bei der Nationalen Kommission für Menschenrechte, der CNDH. Die staatliche Behörde hat ihr Büro des Bundesstaats Oaxaca in Ixtepec, weil sich dort mit der Herberge der wichtigste Sammelpunkt für Migrantinnen und Migranten in der Region befindet. Auch die CNDH musste umziehen, weil ihr an den Gleisen gelegenes Gebäude nach dem Erdbeben einsturzgefährdet ist. Nur wenige Straßen von der Herberge entfernt empfangen deren Mitarbeiter ihren Besuch inzwischen in einem Zelt.
»Wir haben in den letzten Jahren eine deutliche Verschärfung der Maßnahmen zur Eindämmung der Migration erlebt«, bestätigt CNDH-Sprecher Dr. Edgar Corzo Sosa. Da seit 2014 neben den Migrationsbeamten auch föderale und bundesstaatliche Polizisten sowie die Gemeindepolizei gegen die illegal reisenden Wanderarbeiter eingesetzt würden, erhöhe sich die Gefahr der Korruption. Auf der Suche nach neuen Routen ließen sich die Menschen zudem auf immer größere Risiken ein: Manche versuchten, auf Booten in die USA zu gelangen, andere reisten in den geschlossenen Koffern von Lastwagen. Viele stürben durch schwere Unfälle.
»Schauen Sie, dort oben ist jüngst ein Lkw mit mehreren Personen abgestürzt.« Martin Demetro Rojas bremst kurz und zeigt auf eine Serpentinenstraße, die sich einige Kilometer entfernt den Berg hinaufschlängelt. Wir befinden uns auf dem Weg Richtung Süden, den Migranten entgegen. Der graumelierte Mittfünfziger ist gewissermaßen der »good cop« der Migrationsbehörde. Er und seine Kollegen von den »Grupos Beta« sollen den Reisenden Tipps geben und sie mit dem Nötigsten versorgen. Das knallige Orange, mit dem Rojas’ Geländewagen gestrichen ist, soll Vertrauen schaffen, soll sagen: »Wir sind eigentlich nicht von der ›Migra‹, wir wollen dir nur helfen.«
Mehrmals die Woche fährt er die verschiedenen Routen ab, auf denen sich die Wanderarbeiter bewegen. Vorbei an endlosen Windrädern, steuert er seinen Wagen durch die trockene Landschaft des mexikanischen Südens und passiert dabei zahlreiche Kontrollstellen der Migrationspolizisten. Rojas grüßt freundlich. Man kennt sich. Er kennt auch jeden der neuralgischen Orte, an denen sich die Reisenden sammeln. Heute geht es zu den Bahngleisen in der Kleinstadt Reforma de Pineda. Hier hat auch Alberto Jesús Vargas seine kurze Reise mit der Bestie begonnen. Obwohl ein Zug angekündigt ist, sitzt niemand an der Brücke, die über den Rio Ostuta führt. Doch nicht weit entfernt verstecken sich zwei junge Guatemalteken, die überfallen worden sind. Die drei Frauen, mit denen sie unterwegs sind, waschen am Fluss Wäsche. Mehr als das, was sie am Leib tragen, ist auch ihnen nicht geblieben. Wenn Rojas mit den Reisenden wie mit alten Kumpels redet, ihnen eine Tüte mit Wasser, Keksen sowie Obst überreicht und Hinweise für die Weiterfahrt gibt, will man ihm seine Gutmütigkeit gerne glauben. Nie würde er einen Namen weitergeben oder jemanden bei der »Migra« verpfeifen, betont der Mann, der aus der 600 Kilometer entfernten Stadt Puebla hierhergezogen ist, um diesen Job zu machen. Zur Schulung sei er fünf Wochen in der US-Grenzstadt San Diego gewesen, erzählt er und lacht. Auch die orangen Fahrzeuge der »Grupos Beta« seien von den »Gringos«. Die Großzügigkeit komme nicht von ungefähr. »Wir helfen ihnen ja auch, wenn sie Leute abschieben«, sagt er. »Wir kümmern uns darum, dass sie in ihre Heimatländer kommen, wenn sie keine Papiere haben.«
Zurück in Ixtepec. Die »Grupos Beta«? Vorsicht, meint Alberto Jesús Vargas. Er traut den Helfern nicht über den Weg, widerspricht Demetros Version der Wahrheit. »Die melden immer wieder der Migrationspolizei, wo sie Leute gesehen haben.« Der Honduraner hat die Nacht in der kleinen, offenen Kapelle verbracht, in der Pfarrer Solalinde seine Predigten hält. Ab nachmittags sitzen hier immer ein paar der Gäste vor dem Fernseher, der gleich neben dem großen Holzkreuz hängt. Die Zeit totschlagen – für viele ist das zum Alltag geworden, seit die Reise immer schwieriger wird. Auch Alberto Jesús Vargas wartet. Denn nach dem Überfall will er sich nicht einfach auf den Weg nach Norden machen. Das mexikanische Gesetz sieht für Fälle wie ihn eine besondere Regelung vor: Wer in Mexiko gewaltsam angegriffen wurde, hat das Recht auf ein »humanitäres Visum«. Damit können die Migranten legal durchs Land reisen. Vorausgesetzt, sie erstatten Anzeige. Viele, die nicht in der Herberge Rast machen, wissen nichts davon. Aber Vargas hat das Visum beantragt, und auch sein Landsmann Oscar Albarenga Quintanillo überlegt, das zu tun. Das sagt er jedenfalls, als die beiden sich in der Kapelle unterhalten. Niemand gibt hier zu viel von sich preis.
Ob das Visum tatsächlich ausgestellt wird, ist ungewiss. Das stellt sich frühestens nach drei Monaten heraus. Und dann wartet 2.500 Kilometer weiter nördlich die nächste Hürde: die Grenze zu den USA. Aber in einem sind sich Albarenga und Alberto Jesús Vargas einig: In ihre Heimat Honduras werden sie nicht freiwillig zurückkehren. »Dort gibt es keine Arbeit und die Gewalt nimmt immer mehr zu«, sagt Albarenga. Und Mexiko? Nein, hier zu bleiben mache keinen Sinn, betonen die beiden. Es gebe zu wenig Jobs und der Verdienst sei viel zu gering, um die Familie zuhause zu ernähren.
