Ausgewählte Themen der Hochschulentwicklung -  - E-Book

Ausgewählte Themen der Hochschulentwicklung E-Book

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Beschreibung

Da der ursprüngliche Call zum Themenheft 14/1 nur wenig Resonanz erzielte, versammelt die Ausgabe eine Reihe von "freien" Beiträgen, also wissenschaftlichen Beiträgen außerhalb der in den Calls genannten Schwerpunktthemen, die laufend eingereicht werden (können) und unterschiedliche Aspekte und Themen aus der Hochschulentwicklung behandeln. In der vorliegenden Ausgabe sind das: Befragungen an Hochschulen, Evaluation hochschuldidaktischer Weiterbildungsangebote, Handlungsorientierungen in der Curriculaentwicklung, Undergraduate Research sowie die Förderung von Gründungsaktivitäten an Schweizer Fachhochschulen.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Vorwort

Hochschulen im Befragungsdilemma – Gedankenexperimente und organisationale Lösungen

Kalle Hauss, Markus Seyfried

Einflüsse auf den Erfolg hochschuldidaktischer Weiterbildungsangebote. Eine Reanalyse von relevanten Evaluationsdaten

Jessica Schütz-Pitan, Jan Hense

Handlungsorientierungen von Hochschullehrenden im Umgang mit der Entwicklung lernergebnisbasierter Curricula

Bernd Gössling, Benjamin E. Luf

Forms of Research within Strategies for Implementing Undergraduate Research

Harald A. Mieg

Fachhochschulen als Start-Up-Schmieden? Voraussetzungen der Gründungsförderung in der Schweiz

Pietro Morandi, Brigitte Liebig, Richard Bläse

Vorwort

Als wissenschaftliches Publikationsorgan des Vereins Forum Neue Medien in der Lehre Austria kommt der Zeitschrift für Hochschulentwicklung besondere Bedeutung zu. Zum einen, weil sie aktuelle Themen der Hochschulentwicklung in den Bereichen Studien und Lehre aufgreift und somit als deutschsprachige, vor allem aber auch österreichische Plattform zum Austausch für Wissenschafter/innen, Praktiker/innen, Hochschulentwickler/innen und Hochschuldidaktiker/innen dient. Zum anderen, weil die ZFHE als Open-Access-Zeitschrift konzipiert und daher für alle Interessierten als elektronische Publikation frei und kostenlos verfügbar ist.

Es werden ca. 8.700 Artikel pro Monat geladen. Das zeigt die hohe Beliebtheit und Qualität der Zeitschrift sowie auch die große Reichweite im deutschsprachigen Raum. Gleichzeitig hat sich die Zeitschrift mittlerweile einen fixen Platz unter den hundert besten deutschsprachigen Wissenschaftspublikationen laut Google Scholar Metrics gesichert.

Dieser Erfolg ist einerseits dem international besetzten Editorial Board sowie den wechselnden Herausgeberinnen und Herausgebern zu verdanken, die mit viel Engagement dafür sorgen, dass jährlich mindestens vier Ausgaben erscheinen. Andererseits gewährleistet das österreichische Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft durch seine kontinuierliche Förderung das langfristige Bestehen der Zeitschrift. Im Wissen, dass es die Zeitschrift ohne diese finanzielle Unterstützung nicht gäbe, möchten wir uns dafür besonders herzlich bedanken.

Da der ursprüngliche Call zum Themenheft 14/1 nur wenig Resonanz erzielte, versammelt die Ausgabe eine Reihe von „freien“ Beiträgen, also wissenschaftlichen Beiträgen außerhalb der in den Calls genannten Schwerpunktthemen, die laufend eingereicht werden (können) und unterschiedliche Aspekte und Themen aus der Hochschulentwicklung behandeln. In der vorliegenden Ausgabe sind das: Befragungen an Hochschulen, Evaluation hochschuldidaktischer Weiterbildungsangebote, Handlungsorientierungen in der Curriculaentwicklung, Undergraduate Research sowie die Förderung von Gründungsaktivitäten an Schweizer Fachhochschulen.

Seit der Ausgabe 9/3 ist die ZFHE auch in gedruckter Form erhältlich und beispielsweise über Amazon beziehbar. Als Verein Forum Neue Medien in der Lehre Austria freuen wir uns, das Thema „Hochschulentwicklung“ durch diese gelungene Ergänzung zur elektronischen Publikation noch breiter in der wissenschaftlichen Community verankern zu können.

In diesem Sinn wünschen wir Ihnen viel Freude bei der Lektüre der vorliegenden Ausgabe!

Martin Ebner und Hans-Peter Steinbacher

Präsidenten des Vereins Forum Neue Medien in der Lehre Austria

Kalle HAUSS1 (Berlin) & Markus SEYFRIED (Potsdam)

Hochschulen im Befragungsdilemma – Gedankenexperimente und organisationale Lösungen

Zusammenfassung

Hochschulen sind mit einem Dilemma konfrontiert. Einerseits benötigen sie empirische Informationen aus Studierendenbefragungen für die Rechenschaftslegung und die Qualitätsentwicklung. Andererseits mehren sich die Hinweise darauf, dass die Bereitschaft der Studierenden, an Befragungen teilzunehmen, aufgrund der wachsenden Zahl von Kontaktierungen sinkt.

Tatsächlich hat die Zahl der Erhebungen, die Hochschulen an ihren Mitgliedern durchführen, erheblich zugenommen. Für das Hochschulmanagement stellt sich daher die Frage, wie die Befragungen in einer Art und Weise koordiniert werden können, dass die ‚Last‘ durch Befragungen minimiert wird. Wir diskutieren in unserem Beitrag vier mögliche Steuerungsperspektiven: Regulation durch Satzungen, die Schaffung eines Clubgutes, Kontrolle und Sanktionen und die Etablierung von Kooperationsnormen.

Schlüsselwörter

Befragungsmüdigkeit, Kollektivgutproblem, Studierendenbefragungen, Hochschulmanagement

Higher education institutions in a survey dilemma – General thoughts and organisational solutions

Abstract

Higher education institutions (HEIs) are confronted with a dilemma. On the one hand, they need empirical information from student surveys to maintain accountability and enhance quality. On the other hand, scholars have pointed to a growing survey burden placed on students. In fact, the number of student surveys HEIs conduct has increased considerably. Therefore, HEIs are challenged to find a way to coordinate the surveys in a way that minimises the burden on students. In this paper, we discuss four possible modes of governance: the introduction of a formal regulation, club membership, sanctions and the emergence of a social norm of cooperation.

Keywords

survey fatigue, collective action problem, student surveys, university management, university governance

1 Problemstellung

In den letzten Jahren ist die Zahl der Erhebungen, die Hochschulen an ihren Mitgliedern durchführen, weltweit gestiegen. Ein Personenkreis, der häufig mit Befragungen konfrontiert wird, sind Studierende. Studierendenbefragungen werden für verschiedene Zwecke eingesetzt: im Qualitätsmanagement (QM) für die Entwicklung von Studiengängen und Serviceangeboten, in der Hochschuldidaktik für die Überprüfung der Auswirkung bestimmter Lehr-Lernmethoden, bei der Akkreditierung von Studienangeboten, im Zuge externer Evaluationen und Rankings, im Rahmen von Abschlussarbeiten und in der Lehrveranstaltungsevaluation (LVE). Gerade der LVE wird hohe Priorität eingeräumt. So zeigt sich in einer von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) durchgeführten Umfrage, dass der Anteil der Fachbereiche an deutschen Hochschulen, die LVEs durchführen, von 54,2 Prozent im Jahr 2002 auf 75,5 Prozent im Jahr 2007 gestiegen ist. Im Jahr 2010 ermittelte die HRK erstmals ein Absinken dieses Anteils auf 64,9 Prozent, welches als Hinweis für eine zunehmende „Ermüdungserscheinung“ und damit einhergehende Ritualisierung (MICHAELS, 2011) auf Seiten der Lehrenden zu werten sein könnte (HOCHSCHULREKTORENKONFERENZ, 2010, S. 30).

Das Phänomen sinkender Rücklaufquoten in großen Bevölkerungsumfragen beschäftigt die Umfrageforschung bereits seit Langem (ENGEL & SCHMIDT, 2014). Als Treiberin dieser Entwicklung wird unter anderem eine wachsende „Befragungsmüdigkeit“ gesehen (COUPER & GROVES, 1996; DILLMAN, 2007; PORTER, WHITCOMB & WEITZER, 2004; STANTON & ROGELBERG, 2008). Darunter wird das Absinken der Motivation zur Teilnahme an Befragungen verstanden.

Es steht daher zu befürchten, dass im Zuge steigender Befragungstätigkeit an Hochschulen eine vergleichbare Entwicklung auch bei Studierendenbefragungen zu erwarten ist. Mittlerweile verdichten sich die empirischen Hinweise darauf, dass die Bereitschaft von Studierenden, an Befragungen teilzunehmen, gesunken ist (DEY, 1997; PORTER, 2004; PORTER & WHITCOMB, 2005; PORTER et al., 2004; RAMM, 2014; TSCHEPIKOW, 2012). SAX et al. (2003, S. 432) beschreiben die Situation aus Perspektive der Studierenden folgendermaßen: „Students on many campuses feel increasingly ‘bombarded’ with questionnaires, whether paper or Internet based. […] undergraduates simply may be less willing to commit themselves to a voluntary activity such as completing a survey.” Studienbefragungen erweisen sich in diesem Kontext jedoch nur als eine Befragungsart. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl an empirischen Erhebungen (Lehrforschungsprojekte, Drittmittelforschungsprojekte etc.), die zur „Überforschung“ oder „Überbefragung“ von Studierenden beitragen können.

Vor dem Hintergrund der großen Nachfrage nach empirischen Informationen ist eine weitere Zunahme der Zahl der Studierendenbefragungen und anderer Befragungsarten zu erwarten. Droht die Bereitschaft der Studierenden infolge der „Last“ durch häufige Umfragen zu sinken? Wir möchten in unserem Beitrag mögliche Folgen von „Befragungsmüdigkeit“ skizzieren und Lösungsmöglichkeiten für das Hochschulmanagement aufzeigen. Unter Hochschulmanagement werden im vorliegenden Kontext sowohl Leitungsaufgaben auf unterschiedlichen Ebenen der akademischen Selbstverwaltung als auch Routineaufgaben der Verwaltung verstanden (BLÜMEL, KLOKE & KRÜCKEN, 2011, S. 108). Die Herausforderung, vor dem das Hochschulmanagement steht, konzipieren wir dabei als ein zu lösendes Kollektivgutproblem.

Zunächst gehen wir im zweiten Kapitel auf Ursachen und Konsequenzen häufigen Befragens ein. Im dritten Kapitel skizzieren wir den theoretischen Überbau unserer Überlegungen. In Kapitel 4 präsentieren wir anschließend vier verschiedene Lösungsansätze für das Hochschulmanagement, die als Gedankenexperimente zu lesen sind. Wir schließen mit einem Fazit, in dem wir unsere Überlegungen zusammenfassen und Desiderate aufzeigen.

2 Ursachen und Konsequenzen von Befragungsmüdigkeit unter Studierenden

Zwei Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass Bedeutung und Zahl der Studierendenbefragungen erheblich gestiegen sind. Die erste geht auf Reformen im öffentlichen Sektor zurück und die zweite auf technologische Fortschritte im Bereich der Online-Befragungen. Im Zuge der Durchsetzung von Verwaltungsreformen haben sich seit den 1980er Jahren an zahlreichen europäischen Hochschulen neue Steuerungsinstrumente (New Public Management) durchgesetzt (DE BOER & ENDERS, 2017; KRÜCKEN & MEIER, 2006).

Mit dieser Entwicklung war auch eine verstärkte Nachfrage nach empirischen Informationen zu verschiedenen Leistungsbereichen der Hochschule verbunden. Im Zuge der Reformen sind Hochschulen mehr und mehr als Organisationen begriffen worden, die in der Verantwortung stehen, an sie herangetragene Umwelterwartungen zu erfüllen und Rechenschaft über ihre Arbeitsergebnisse abzulegen. Für den Bereich Studium und Lehre hat sich die Strategie durchgesetzt, Qualitätsaspekte auf der Grundlage von Studierendenurteilen zu messen. Die Erhebung studentischer Qualitätsurteile beruht heute auf einem Verständnis von QM, das zunehmend empirische Evidenz einbezieht, ohne jedoch einen genuin wissenschaftlichen Anspruch zu erheben (ANSMANN & SEYFRIED, 2018).

Gleichsam parallel zu diesen Entwicklungen haben sich im Zuge der Digitalisierung neue Methoden der Erhebung und Verarbeitung immer größerer Mengen von Daten über das Internet etabliert. Bereits vor über zehn Jahren wurde geschätzt, dass rund ein Drittel aller weltweit durchgeführten Befragungen über das Internet administriert werden (DEUTSKENS, DE JONG, DE RUYTER & WETZELS, 2006, S. 119).

Beide Entwicklungen – die Durchsetzung neuer Steuerungsinstrumente an Hochschulen und die steigende Popularität von Online-Befragungen – trugen in den vergangenen Jahren mit dazu bei, dass Studierende heute zu den am häufigsten befragten Bevölkerungsgruppen gehören (SAX et al., 2003). Aus der Hochschulforschung und dem Hochschulmanagement sind seither diffuse, aber ernstgemeinte Befürchtungen im Hinblick auf die Konsequenzen derartiger Belastungen durch Befragungen zu vernehmen (RAMM, 2014; TSCHEPIKOW, 2012).

Befunde aus der Methodenforschung zeigen, dass Befragte verschiedene Aspekte eines Fragebogens sowie das Vorgehen bei der Einladung als Störung wahrnehmen können. So ist etwa bekannt, dass die Zahl der Kontaktversuche als Belastung empfunden werden kann. Unter den Schlagworten survey fatigue (Befragungsmüdigkeit), survey burden (Befragungslast) und respondent burden (Belastung der Teilnehmenden) werden die Entstehungshintergründe und Konsequenzen dieser Formen von Belastung international und disziplinübergreifend seit vielen Jahren diskutiert (BRADBURN, 1978; CRAWFORD, COUPER & LAMIAS, 2001; DILLMAN, 2007; GOYDER, 1986; GROVES, CIALDINI & COUPER, 1992). Als mögliche Treiberinnen werden zahlreiche direkte und indirekte Einflussgrößen vorgeschlagen, darunter die Länge des Fragebogens, die Komplexität einzelner Fragen, das Thema der Befragung und die Zahl zurückliegender Kontaktversuche (GROVES et al., 1992; GROVES, SINGER & CORNING, 2000; MCCARTHY, BECKLER & QUALEY, 2006).

Bislang existiert kaum empirisches Wissen über den Einfluss häufiger Kontaktversuche auf die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme an einer Studierendenbefragung. ADAMS & UMBACH (2012) betrachten die Entwicklung der Rücklaufquoten in LVEs in Abhängigkeit der Zahl durchgeführter Evaluationen. Die Autoren zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme mit steigender Zahl der Anfragen zunächst zunimmt und bei Überschreiten eines Schwellenwertes abnimmt. PORTER, WHITCOMB & WEITZER (2004) weisen nach, dass Einladungen zu LVEs, die in kurzen Zeitabständen erfolgen, sinkende Rücklaufquoten zur Folge haben. Die Autoren finden jedoch keine Hinweise dafür, dass Evaluationen, die im zurückliegenden Semester durchgeführt wurden, einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Rücklaufquote haben. Insgesamt bleiben die Erkenntnisse zu den Konsequenzen derartiger Belastungen auf Basis der empirischen Befunde daher eher diffus.

3 Die Koordination von Studierendenbefragungen als Kollektivgutproblem

An vielen U.S.-amerikanischen Universitäten wird kooperatives Verhalten von Studierenden in Umfragen als eine schützenswerte Ressource betrachtet (PORTER, 2005). Wir argumentieren, dass die potenziellen Risiken von Befragungsmüdigkeit minimiert werden können, wenn es gelingt, diese Ressource langfristig zu konservieren. Eine Möglichkeit sehen wir darin, zu einer Praxis überzugehen, bei der Akteurinnen/Akteure, die Befragungen auf verschiedenen Ebenen der Hochschule durchführen, ihr Handeln koordinieren (ANSMANN, BRASE & SEYFRIED, 2014). Dieser koordinierte Zustand ist jedoch eine kollektive Aktivität, von deren Umsetzung zwar alle profitieren würden, deren Erstellung aber gleichzeitig mit Kosten – in Form von Zeit und Ressourcen – verbunden ist. Zudem darf nicht vergessen werden, dass Koordination lediglich einen möglichen Lösungsansatz darstellt. Das Befragungsdilemma kann aber auch durch andere Ansätze, wie beispielsweise durch den konsequenten Rückgriff auf Sekundärdaten abgemildert werden (WILKESMANN, 2017).

Für unseren Analyserahmen gehen wir von zwei Grundannahmen aus. Erstens betrachten wir eine Situation, in der kooperationsfördernde Normen und zwischenmenschliches Vertrauen nicht a priori vorausgesetzt werden können. Wir gehen ferner von der Prämisse aus, dass Akteurinnen/Akteure, die Befragungen durchführen, primär daran interessiert sind, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, d. h. bei der Befragung und der Nutzung der Ergebnisse „egoistisch“ vorgehen. Andere, die zu einem späteren Zeitpunkt Befragungen an derselben Grundgesamtheit durchführen, müssen mit niedrigeren Rücklaufquoten rechnen. Im Zentrum steht daher die Frage, wie es den Akteurinnen/Akteuren gelingen kann, ihre Befragungsaktivitäten trotz egoistischer Selbstversorgungsinteressen zu koordinieren.

Um die spezifischen Herausforderungen dieser Situation zu analysieren, betrachten wir die Koordination der Befragungen als ein zu lösendes Kollektivgutproblem. Das zu erstellende Gut definieren wir als einen Zustand, der dadurch gekennzeichnet ist, dass alle befragenden Akteurinnen/Akteure ihre Aktivitäten so aufeinander abstimmen, dass die „Befragungslast“ insgesamt minimiert bzw. gleichmäßig verteilt wird.

Die Herstellung kollektiver Güter wird in der erklärenden Soziologie als komplexes Problem diskutiert. Die Krux besteht nach OLSON (2002 [1965]) bekanntermaßen darin, dass Akteurinnen/Akteure zwar das Interesse teilen, ein kollektives Gut zu erstellen, aber gleichzeitig nicht motiviert sind, in die Herstellung des Gutes zu investieren. In der klassischen Spieltheorie wird das darin zum Ausdruck kommende Kollektivgutproblem als Anwendungsfall des bekannten Gefangenen-Dilemmas diskutiert: Obwohl alle Akteurinnen/Akteure durch Kooperieren ein besseres Ergebnis erzielen könnten, ist „Nicht-Kooperation“ für den Einzelnen die beste Strategie (KREPS, 1990; TADELIS, 2013).

Doch wie gut stehen die Chancen, dass Lehrende, Forschende, Studierende und QM-Beschäftigte ihre Befragungen freiwillig aufeinander abstimmen? Begreift man die Hochschule als Organisation, in der herkömmliche Managementpraktiken aus der Organisationslehre kaum eine Rolle spielen, dann stehen die Chancen dafür eher schlecht. In klassischen Ansätzen der Organisationssoziologie sind Hochschulen im Hinblick auf ihre Steuerungsmöglichkeiten als loosly coupled systems (WEICK, 1976), organized anarchies (COHEN, MARCH & OLSEN, 1972) oder professional bureaucracies (MINTZBERG, 1979) beschrieben worden. In dieser Hinsicht ähneln sie pluralistischen Organisationen mit diffusen Machtstrukturen (DENIS, LANGLEY & ROULEAU, 2007). Die Ansätze betonen das Fehlen einer engen Verbindung zwischen einzelnen Organisationsteilen und heben die vergleichsweise stark ausgeprägte Autonomie ihrer Mitglieder als spezifisches Merkmal hervor (CLARK, 1983).

Diese klassische Perspektive auf die Organisationsmerkmale der Hochschule wird seit einigen Jahren relativiert. Neuere Ansätze gehen davon aus, dass sich im Zuge der internationalen Reformen des öffentlichen Sektors Universitäten in Richtung complete organizations entwickeln werden (BRUNSSON & SAHLIN-ANDERSSON, 2000). Kennzeichnend für diese „vollständigen“ Organisationen ist nach BRUNSSON und SAHLIN-ANDERSSON eine für die gesamte Organisation geltende Identität (Autonomie, kollektive Ressourcen, Abgrenzung zur Umwelt, Selbstwahrnehmung als Organisation), eine Stärkung von Hierarchien (Koordination und Kontrolle, internem Management) und eine am Leistungsprinzip orientierte Rationalität (eindeutige Ziele, Messung und Zurechnung von Leistung) (HÜTHER & KRÜCKEN, 2016, S. 192 ff.). Selbst wenn man davon ausgehen kann, dass mittlerweile die meisten europäischen Hochschulen Merkmale vollständiger Organisationen aufweisen, so bleibt die Herstellung wichtiger kollektiver Güter für das Hochschulmanagement eine zentrale Herausforderung.

4 Steuerungsperspektiven des Hochschulmanagements

In der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Ökonomie sind verschiedene Lösungen zur Überwindung des Kollektivgutproblems vorgeschlagen worden (KOLLOCK, 1998; TANG, 1991; WADE, 1987). Wir greifen im Folgenden auf einige klassische Lösungsvorschläge zurück und diskutieren ihr praktisches Potential vor dem Hintergrund zentraler und dezentraler Steuerungsmöglichkeiten des Hochschulmanagements. Im Mittelpunkt stehen vier Lösungsvorschläge: (1) Regelung durch Satzung, (2) Schaffung eines Clubgutes, (3) Kontrolle und Sanktionen und (4) Kooperationsnormen.

4.1 Regulation durch Satzung

Eine Möglichkeit, Studierendenbefragungen hochschulweit zu koordinieren, besteht darin, eine Satzung zu implementieren, die diese Koordination vorschreibt. Eine solche „Umfrage-Satzung“ zielt darauf ab, alle geplanten Befragungsvorhaben zwischen den Instanzen abzustimmen. Vorbilder sind die an vielen Hochschulen bereits etablierten Evaluationssatzungen oder -ordnungen (ANSMANN, BRASE & SEYFRIED, 2014).