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Die "Ausgewählten Werke von Washington Irving" umfassen eine Sammlung von Erzählungen und Essays, die den Leser in die facettenreiche Welt des frühen amerikanischen Literaturgenius entführen. Der literarische Stil Irvings, geprägt von einem feinsinnigen Humor und einer poetischen Prosa, spiegelt die romantischen Strömungen des 19. Jahrhunderts wider. Von den berühmten Geschichten über den Schlafwandler Rip Van Winkle bis hin zu den schaurigen Erzählungen über die legendären Entwicklung der amerikanischen Identität bietet das Buch einen tiefen Einblick in die kulturellen und gesellschaftlichen Strömungen seiner Zeit, während es gleichzeitig das Erbe der amerikanischen Folklore würdigt. Washington Irving, geboren 1783 in New York, gilt als einer der ersten amerikanischen Schriftsteller, der internationale Anerkennung erlangte. Seine Reisen durch Europa und seine Begegnungen mit europäischen Kulturen, verbunden mit seinem Interesse an der amerikanischen Geschichte, inspirierten seine kreativen Werke. Irving war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Diplomat und Historiker, was in seinen Erzählern eine tiefere historische Perspektive ermöglicht und den Leser anregt, über die Entwicklung der amerikanischen Kultur nachzudenken. Die "Ausgewählten Werke von Washington Irving" sind für jeden Leser eine wahre Bereicherung. Sie bieten nicht nur Unterhaltung, sondern auch eine tiefgründige Reflexion über das amerikanische Dasein und die menschliche Natur. Die zeitlosen Themen und der raffinierte Stil machen diese Sammlung zu einem unverzichtbaren Bestandteil jeder Bibliothek, und sie lädt dazu ein, die Anfänge der amerikanischen Literatur neu zu entdecken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Sammlung vereint eine sorgfältige Auswahl aus dem Schaffen Washington Irvings und verfolgt das Ziel, Bandbreite und Kontinuität seines Werks sichtbar zu machen. Sie ist keine vollständige Werkausgabe, sondern ein Panorama zentraler Texte: humoristische Stadtchronik, Skizzen und Erzählungen, Reisebilder, Sagenzyklen, historiographische Darstellungen und Briefe. Unter dem Dach der Ausgewählten Werke werden sowohl frühe, spielerisch experimentelle Stücke als auch reifere, erzählerisch weit gespannte Arbeiten präsentiert. Die Zusammenstellung will Orientierung bieten, ohne den Charakter der Einzelwerke zu glätten, und lädt ein, Irvings Entwicklung, Motive und Tonlagen in ihrer Vielfalt und inneren Verbindung zu verfolgen.
Washington Irving gilt als eine prägende Stimme der frühen amerikanischen Literatur, deren Resonanz von Beginn an transatlantisch war. Seine Texte entstehen im Spannungsfeld zwischen Neuengland- und New-York-Erfahrungen, längeren Aufenthalten in England und intensiven Arbeitsjahren in Spanien. In dieser doppelten Verortung entfaltet sich ein Werk, das Heimatnähe und Weltblick verbindet. Irving bevorzugt die modulare Form – Skizze, Erzählung, Brief, historisch-legendäre Episode – und pflegt eine Prosa, die Beobachtung, Anekdote und Reflexion verbindet. Die vorliegende Auswahl macht dieses Profil sichtbar und zeigt, wie souverän er Ton und Gattung wechselt, ohne die erkennbare Handschrift zu verlieren.
Die enthaltenen Genres reichen von der burlesken Scheinhistorie bis zur Reise- und Gesellschaftsskizze, von der Kurzgeschichte bis zur historischen Erzählung. Die humoristische Stadtgeschichte von New York, unter der Maske des Diedrich Knickerbocker, kontrastiert mit dem weit gespannten Skizzenbuch des Gottfried Crayon. Die ländlichen Szenen von Bracebridge Hall bilden einen Zyklus britischer Charakterbilder. Mit den Erzählungen von der Eroberung Spaniens und den Sagen von der Alhambra betritt Irving das Feld der geschichtlichen und legendären Darstellung. Hinzu kommt eine biographisch-historische Abhandlung über den Propheten des Islam sowie frühe, periodisch publizierte Briefe, die seine ironische Beobachtungsgabe bereits erkennen lassen.
Die Kurzprosa bildet einen Kern von Irvings Rang. In den amerikanischen Dorf- und Landschaftsbildern stehen Alltagsleben, Überlieferung und die Kraft des Erzählens nebeneinander. Berühmt wurden insbesondere Geschichten wie jene vom verschlafenen Dorfbewohner in den Bergen oder die düstere Sage aus einem abgelegenen Tal; sie verbinden Folklore, milde Satire und stimmungsvolle Beschreibungen. Daneben zeigen Stücke wie das Gespenster- und Reisespektrum aus dem Skizzenbuch, die Gespensterstoffe und heiteren Anekdoten aus New Yorks Umgebung, wie elastisch Irving Stoff und Milieu behandelt. Die Spannung entspringt weniger dramatischer Wendung als der Haltung des Erzählers und dem präzisen Aufbau von Atmosphäre.
Irving ist ein Meister der Skizze: kurze, anschauliche Prosastücke, die Sitten, Orte und Menschen in charakteristischen Zügen festhalten. Reise und Ortserkundung liefern Anlässe: von der Seefahrt über die Westminster-Abtei bis nach Stratford am Avon. In England widmet er sich Landhaus, Dorfkirche, Gasthof und Jagd; die berühmt gewordenen Weihnachtsstücke entfalten Brauchtum, Gemeinschaft und festliche Tafel in ruhigen, detailreichen Bildern. Solche Texte sind weniger Bericht als kultiviertes Sehen: sie vermitteln Stimmung und soziale Choreographie. Auch Essays über Literatur, Schriftsteller und nationale Charakterbilder zeigen dieses Verfahren – Beobachtung wird zu Form, Einzelfall zur exemplarischen Szene.
Humor und Satire prägen das Frühwerk und kehren in vielen Skizzen wieder. Die burleske Stadtgeschichte spielt virtuos mit Gelehrtensprache, Fußnotenwitz und der Pose des pedantischen Chronisten. In den Londoner und New-Yorker Stücken erscheinen Wirtshäuser, Märkte, Vereinsstuben und Amtszimmer als Bühnen der Komik. Figuren wie der dickliche Gentleman, der hagestolze Eigenbrötler oder der überaus eifrige Geschäftsmann werden nicht bloß verspottet, sondern mit wohltuender Milde gezeichnet. Irvings Humor ist selten beißend; er lebt von Kontrast, Understatement und dem leisen Auseinanderfallen von Anspruch und Wirklichkeit. So entsteht ein Ton, der zugleich entlarvt und versöhnt.
Die spanischen Zyklen erweitern Irvings Horizont in Raum und Zeit. In den Erzählungen von der Eroberung Spaniens werden Herrscher, Feldzüge und politische Umbrüche in erzählerisch verdichteten Episoden sichtbar. Die Sagen von der Alhambra verbinden topographische Genauigkeit und historische Reminiszenz mit legendären Stoffen: Höfe, Türme und Gärten werden zu Resonanzräumen von Geschichten über Dynastien, Gelehrte, Prinzessinnen, Pilger und Veteranen. Irving verwebt Recherchen, Ortsbegehungen und mündliche Überlieferung zu einem erzählerischen Ganzen, das weder trockene Chronik noch bloße Mär ist. Dabei wahrt er Distanz und Faszination gleichermaßen und macht die vielschichtige Kulturgeschichte des Ortes anschaulich.
Mit der biographisch-historischen Darstellung über den Propheten des Islam zeigt Irving sein Interesse für Weltgeschichte jenseits des atlantischen Raums. Das Werk erzählt Lebensweg und Umfeld in der Tonlage einer erzählenden Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und bemüht sich um Übersichtlichkeit, Quellenbezug und narrative Klarheit. Es steht in einem Spannungsfeld aus religiöser Thematik, politischer Geschichte und Kulturkontakt. Wer diese Schrift heute liest, begegnet einer zeitgebundenen Perspektive, zugleich aber auch dem Bemühen, Ereignisse und Gestalten in einen verständlichen Zusammenhang zu bringen. In der Sammlung ergänzt sie die literarischen Skizzen durch einen bewusst sachorientierten Zugang.
Thematisch kreisen Irvings Texte um Erinnerung, Überlieferung und die Zeit: das Nebeneinander von Altem und Neuem, Dorf und Stadt, Gewohnheit und Wandel. Gemeinschaftliche Rituale, insbesondere im Jahreslauf, werden als soziale Klammern erfahrbar. Folklore und Aberglauben treten nicht gegen Vernunft an, sondern bilden einen Resonanzraum, in dem menschliche Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen sichtbar werden. Reise und Aufenthalt eröffnen Perspektivwechsel und balancieren Fernblick und Nähe. Auch Darstellungen indigener Charaktere und kolonialer Vergangenheit zeigen, wie stark Beobachtung und Deutung der Zeit gebunden sind – und wie sorgfältig Irving versucht, Vielfalt erzählerisch zu ordnen.
Stilistisch kennzeichnen Irving Eleganz, anschauliche Bildlichkeit und maßvolle Ironie. Er komponiert Szenen, in denen Ruhepunkte und Bewegungsmomente einander abwechseln; Dialoge tragen selten die Hauptlast, vielmehr die Haltung eines kultivierten Erzählers. Wiederkehrende Sprecherfiguren – Diedrich Knickerbocker, Geoffrey beziehungsweise Gottfried Crayon, Jonathan Oldstyle – sorgen für Rahmung, Ton und Blick. Irving bevorzugt klare Satzführung, rhythmische Perioden und eine Lexik, die Beobachtetes ohne Hast ausleuchtet. Moralische Urteile bleiben meist implizit; wichtiger ist die Erzeugung einer Stimmung, in der Lesende ihre eigenen Schlüsse ziehen. So verbindet sich Lesefreude mit einem leisen, nachhaltigen Nachklang.
Als Ensemble zeigt diese Auswahl, warum Irving fortwirkt: Er hat der Kurzgeschichte und der Skizze im anglophonen Raum prägende Gestalt gegeben und zugleich transatlantische Literaturerfahrung vermittelt. Seine Figuren und Schauplätze sind zu kulturellen Referenzpunkten geworden, weil sie das Alltägliche poetisch überhöhen, ohne es von der Welt zu lösen. Die Weihnachtsbilder trugen dazu bei, festliche Bräuche literarisch zu profilieren. Die spanischen Stoffe öffnen historische Tiefenschichten und erweitern das geographische Imaginäre. Vor allem aber überzeugt die Balance aus Heiterkeit, Melancholie und Anschaulichkeit – eine Mischung, die das Vergangene präsent und das Fremde nah macht.
Die Sammlung lässt sich in Bögen oder frei lesen: als Weg vom städtischen Witz der frühen Chronik über die englischen Skizzen und Erzählungen bis zu den spanischen Zyklen und der historischen Biographie. Ebenso möglich ist die thematische Lektüre nach Motivgruppen wie Reise, Fest, Dorfleben, Stadtbild, Legende. Die deutschen Titel spiegeln eine lange Übersetzungstradition und machen Irvings internationale Präsenz greifbar. Wer sich auf die Texte einlässt, findet keine Rätselpoetik, sondern kunstvolle Zugänglichkeit. Diese Einleitung skizziert Ton, Themen und Umfang; die eigentliche Entdeckung geschieht im Detail der Prosasätze, in denen Beobachtung, Erinnerung und Erfindung ineinandergreifen.
Washington Irving (1783–1859) gilt als einer der ersten US-amerikanischen Schriftsteller mit anhaltendem internationalen Renommee. Er prägte die literarische Kultur der frühen Republik und verband britische Essaytradition, romantische Sensibilität und amerikanische Stoffe zu einer eigenständigen Stimme. Berühmt wurde er besonders durch Erzählungen, die regionale Mythen und Alltagsbeobachtungen kunstvoll überblendeten, sowie durch historische Prosa und Reiseliteratur. Mit seinem vielseitigen Werk trug er maßgeblich dazu bei, die Kurzprosa als respektierte Gattung in den Vereinigten Staaten zu etablieren und eine transatlantische Leserschaft für amerikanische Literatur zu gewinnen. Zeitlich steht er zwischen früher Romantik und aufkommendem Realismus und vermittelte häufig zwischen beiden Sphären.
Aufgewachsen in New York City, erhielt Irving eine solide Schulbildung und wandte sich früh der Lektüre von Essayisten wie Addison und Steele sowie von Laurence Sterne und Oliver Goldsmith zu. Parallel dazu absolvierte er eine juristische Ausbildung und wurde in den frühen 1800er-Jahren zur Anwaltschaft zugelassen, praktizierte jedoch nur begrenzt. Literarisch trat er zunächst mit satirischen Stadtbildern und Feuilletons auf, darunter die 'Jonathan Oldstyle'-Briefe. Gemeinsam mit Freunden publizierte er die Zeitschrift 'Salmagundi', die New Yorker Sitten humorvoll glossierte. Mit der fingierten Chronik 'A History of New York' unter dem Pseudonym Diedrich Knickerbocker machte er sich um 1809 einen Namen.
Eine längere Europareise ab den 1810er-Jahren, verbunden mit kaufmännischen Aufgaben in England, endete mit dem Zusammenbruch des Familienunternehmens und markierte Irvings endgültige Hinwendung zum Schreiben. In Großbritannien fand er Resonanz bei Lesern und Kollegen; ein prägendes, gut bezeugtes Mentorat entstand in seinem Austausch mit Sir Walter Scott, der ihn zur Erzählprosa ermutigte. Das Ergebnis war der Band 'The Sketch Book of Geoffrey Crayon, Gent.' (1819–1820), der Skizzen, Reiseeindrücke und Erzählungen vereinte. Darin enthaltene Stücke wie 'Rip Van Winkle' und 'The Legend of Sleepy Hollow' verschafften ihm transatlantischen Erfolg und etablierten Motive, die bis heute nachwirken.
In den 1820er-Jahren erweiterte Irving sein Spektrum mit 'Bracebridge Hall' und 'Tales of a Traveller', die die Formen der Skizze und Novelle weiter ausloteten. Mitte bis späte 1820er-Jahre arbeitete er in Spanien, zunächst am diplomatischen Umfeld orientiert, zugleich intensiv in Archiven. Dort entstanden die vielgelesenen historischen Werke 'Life and Voyages of Christopher Columbus', 'A Chronicle of the Conquest of Granada' und 'Voyages and Discoveries of the Companions of Columbus'. Kurz darauf veröffentlichte er 'The Alhambra', ein Sammelband aus Beobachtungen, Legenden und Reisebildern, der die Faszination für die maurische Architektur und die kulturelle Überlagerung der iberischen Geschichte literarisch verarbeitete.
Zwischen späten 1820er- und frühen 1830er-Jahren diente Irving als Sekretär der US-Gesandtschaft in London und kehrte anschließend in die Vereinigten Staaten zurück. Mitte der 1830er-Jahre erwarb er in der Hudson-Region sein Haus 'Sunnyside', das zu einem Lebensmittelpunkt wurde. Er wandte sich nun auch nordamerikanischen Stoffen zu, etwa in 'Astoria' und 'The Adventures of Captain Bonneville', die Handels- und Entdeckungszüge im Westen schildern. In den 1840er-Jahren folgten biografische und kulturhistorische Arbeiten, darunter eine Goldsmith-Biografie sowie die zweiteilige Darstellung zu Mahomet und seinen Nachfolgern. 1842–1846 amtierte Irving als US-Gesandter in Spanien und pflegte weiter seine schriftstellerische Produktion.
Irving war ein Meister des Tonfalls: höflich-ironisch, häufig pastoral grundiert, doch mit feiner Satire und Sinn für kulturelle Übergänge. Wiederkehrend sind Motive der historischen Erinnerung, des regionalen Kolorits und der Reibung zwischen Altem und Neuem. Seine Pseudonyme – Diedrich Knickerbocker und Geoffrey Crayon – wurden zu literarischen Masken, mit denen er Perspektiven variierte und zugleich Bilder von 'altniederländischem' New York prägte; der Begriff 'Knickerbocker' fand dadurch weite Verbreitung. Beeinflusst von britischen Essayisten und Romantikern, suchte er zugleich eine eigenständige amerikanische Stimme. Er äußerte sich wiederholt zur gesellschaftlichen Anerkennung des Schriftstellerberufs und zur fairen Vergütung geistiger Arbeit.
In seinen späten Jahren arbeitete Irving an der mehrbändigen 'Life of George Washington', die in den 1850er-Jahren erschien und sein Ansehen als Biograf festigte. Er starb 1859 in seinem Haus bei Tarrytown; sein Grab befindet sich in Sleepy Hollow, einer Gegend, die sein Werk mitgeprägt hat. Sein Vermächtnis liegt in der Etablierung einer lesernahen, weltoffenen amerikanischen Prosa und in Figuren und Stoffen, die in Schule, Popkultur und Theater weiterleben. Während spätere Generationen andere ästhetische Maßstäbe setzten, bleibt Irving als Pionier einer transatlantischen Literaturöffentlichkeit und als stilbildender Erzähler der kurzen Form dauerhaft präsent.
Washington Irving (1783–1859), geboren in New York kurz nach dem Friedensschluss von Paris 1783, wuchs in einer Stadt auf, die sich von einer kolonialen Hafenstadt zur Hauptstadt der jungen Republik wandelte. Die niederländische Vergangenheit des Hudson-Tals, die Revolutionszeit und die frühe föderale Kultur prägten sein Gefühl für Geschichte und Satire. In den 1790er und 1800er Jahren formten Theater, Lesegesellschaften und Kaffeehäuser an der Broad Street und in der Park Row eine urbane Öffentlichkeit, in der der junge Jurist und Flaneur seinen Ton fand. Irvings spätere Pseudonyme und Rahmenerzählungen wurzeln in dieser Mischkultur aus Handelsgeist, Einwanderung und lokaler Erinnerung.
Zwischen 1802 und 1803 veröffentlichte Irving unter dem Pseudonym Jonathan Oldstyle Briefe im New York Morning Chronicle, redigiert von seinem Bruder Peter Irving. 1807–1808 folgte das satirische Magazin Salmagundi, gemeinsam mit James Kirke Paulding und William Irving, das New Yorker Mode, Politik und Theaterszenen karikierte. Diese frühen Experimente in urbaner Satire schufen die Grundlage für Irvings spätere Spielformen: den fingierten Chronisten, den wandelnden Beobachter, den antiquarischen Kommentator. Sie spiegeln eine Presselandschaft wider, in der sich amerikanische Autorschaft gegen britische Vorbilder profilierte, zugleich aber auf importierte literarische Formen angewiesen blieb.
Die Handelsblockaden und Nachwirkungen des Krieges von 1812 (1812–1815) erschütterten den New Yorker Buch- und Importhandel, in dem Irvings Familie tätig war. Nach dem Zusammenbruch der Firma 1815 reiste Irving nach England, offiziell zur Abwicklung der Geschäfte, tatsächlich aber an die Schwelle einer professionellen Schriftstellerkarriere. Der Übergang von einem Kaufmannssohn zum Autor vollzog sich im Umfeld der Londoner Salons, Leihbibliotheken und Verlage. Er gewann Zutritt zu einem transatlantischen Netzwerk, das künftige Veröffentlichungen zugleich für den amerikanischen und britischen Markt konzipierte und so Reichweite, aber auch Abhängigkeiten sichtbar machte.
Im London der 1810er Jahre griff Irving auf die Tradition der moralischen und geselligen Essays von Joseph Addison und Richard Steele sowie auf Oliver Goldsmith zurück. Aus dieser Schule entstand das Format des Skizzenbuchs, das Reisebeobachtung, Anekdote und Kurzgeschichte verbindet. 1819–1820 erschienen die Serienhefte seines Sketch Book in New York bei C. S. Van Winkle und 1820 in London bei John Murray, dem Verleger von Byron und Scott. Da es noch kein internationales Urheberrecht gab, orchestrierte Irving parallele Ausgaben, um Piraterie zu begrenzen und die Autorenschaft als Beruf zu etablieren.
Bereits 1809 hatte Irving mit einer scheingelehrten Stadtchronik in der Maske des Diedrich Knickerbocker die niederländischen Ursprünge New Yorks verspottet und zugleich kanonisiert. Diese Neigung zur humorvollen Pseudogeschichte verband sich später mit der Nutzung mündlicher Erzählstoffe aus dem Hudson-Tal. In einer jungen Nation ohne lange literarische Tradition boten lokale Sagen, niederländische Ortsnamen und Kirchenregister Material für eine amerikanische Mythopoetik. Figuren, die über Generationen schlummern oder in entlegenen Tälern spuken, füllten die Lücke zwischen Kolonialvergangenheit und moderner Stadtkultur und schufen eine symbolische Geografie für New York und Neuengland.
Die Mode des Picturesque und die englische Landhauskultur lieferten Irving die Bühne für meditative Skizzen über Kirchen, Gasthöfe, Kutschen, Jagden und Bibliotheken. Besuche in Westminster Abbey, in Eastcheap und in Stratford-upon-Avon verbanden antiquarische Neugier mit sanfter Ironie. Seine Beschreibungen ländlicher Weihnachtsbräuche, zuerst 1819–1820 publiziert und später im Umfeld von Bracebridge Hall erweitert, trugen zur viktorianischen Wiederbelebung des Festes bei. Charles Dickens, den Irving 1842 in New York traf, veröffentlichte 1843 A Christmas Carol; zeitgenössische Leser erkannten den verwandten Geist zwischen Irvings Landweihnachten und Dickens’ städtischer Moralgeschichte.
Ein Schlüsselereignis seiner europäischen Jahre war die Begegnung mit Sir Walter Scott 1817 in Abbotsford. Scott, der Reenactor vergangener Zeiten und Erfinder des historischen Romans im modernen Sinn, ermutigte Irving zur Erprobung historischer und volkstümlicher Stoffe. Die britische Romantik, mit ihrer Wertschätzung für Ruinen, Sittenkunde und Balladen, bot ihm ein ästhetisches Vokabular. Zugleich erwarb er als erster amerikanischer Belletrist breite Anerkennung auf dem britischen Markt. Diese transatlantische Validierung stabilisierte seine Position zu Hause und half, amerikanische Prosa aus der reinen Nützlichkeitsliteratur in den Bereich des Kunstvollen zu überführen.
1826 folgte Irving der Einladung des US-Gesandten Alexander Hill Everett nach Madrid, um mit dem Historiker Martín Fernández de Navarrete an spanischen Entdeckungsquellen zu arbeiten. Reisen nach Sevilla und Granada erschlossen ihm Archive, Chroniken und die maurische Baukunst. Aus dieser Forschung gingen zwischen 1828 und 1832 mehrere spanische Projekte hervor, darunter eine Chronik der Eroberung Granadas und die legendengesättigten Erzählungen der Alhambra, an denen er nach einem Aufenthalt in der Palastanlage 1829 arbeitete. Der Blick auf Spanien verband Gelehrsamkeit mit romantischer Imagination und öffnete US-Literatur zu mediterranen Themen.
Die spanischen Stoffe greifen historische Kipppunkte auf: den Untergang des Emirats Granada 1492, die Figur des letzten Nasridenherrschers Boabdil und die Übergangsrituale zwischen Islam und Christentum. Irving las sowohl christliche als auch arabische Quellen in Übersetzung und rahmte Erzählungen mit fiktiven Chronisten, um Stimmenvielfalt und Ironie zu erzeugen. Seine Legenden über Türme, Höfe und Gärten der Alhambra stehen im Kontext des europäischen Mittelalter-Booms von Chateaubriand bis Scott. Zugleich reflektieren sie die Ambivalenz eines Amerikanners, der im hispanischen Süden eine alternative, orientalisch gefärbte Vergangenheit Europas entdeckt.
Irving blieb nicht nur literarisch, sondern auch diplomatisch ein Mittler. 1829–1832 diente er als Sekretär der US-Gesandtschaft in London; 1842–1846 kehrte er als amerikanischer Minister nach Madrid zurück. Seine Beobachtungen englischer Sitten und nationaler Charaktere, bisweilen mit der Figur John Bull gebündelt, reflektieren die Normalisierung der anglo-amerikanischen Beziehungen nach 1815. Die höfischen und bürokratischen Kreise, die Londoner Clubs und die spanischen Ministerien gaben ihm Einblick in politische Riten, die in seinen Skizzen als soziale Choreografien sichtbar werden, vom Landadel bis zur städtischen Geschäftswelt.
In mehreren Essays und Erzählungen verarbeitete Irving frühneuzeitliche Konflikte zwischen englischen Kolonisten und indigenen Völkern Neuenglands, darunter die Kriege um Metacom, von Engländern King Philip genannt, in den Jahren 1675–1676. Diese Texte entstanden, während in den Vereinigten Staaten der Indian Removal Act 1830 debattiert und umgesetzt wurde. Irvings Ton ist mitleidend und elegisch, aber von den Stereotypen seiner Epoche nicht frei. Die Spannung zwischen Bewunderung für Tapferkeit und der Projektion des Untergangsmythos kennzeichnet die amerikanische Imagination des Westens ebenso wie ihre moralischen Blindstellen.
Ein wiederkehrendes Feld sind Aberglauben, Träume und das Unheimliche. Kirchhöfe, stille Dorfkirchen, verwitterte Landhäuser, Spukhöfe und Gasthofküchen bilden Bühnen, auf denen Volksglauben und Aufklärung gegeneinander ausgespielt werden. Der Ton ist oft heiter-schaurig statt düster, beeinflusst von gotischen Erzählungen und deutscher Romantik, wie sie in den 1810er Jahren in England kursierten. Solche Erzählungen verkehren das Alltägliche ins Fantastische, lassen Lokalgeschichte in Legende übergehen und befragen zugleich das Vertrauen der Moderne auf Nützlichkeit, Uhrzeit und Postkutsche. Das Übernatürliche wirkt als Speicher kultureller Erinnerung.
Die 1820er waren auch ein Labor für moderne Autorschaft. Londoner Leihbibliotheken verlangten nach Serienstoffen; Verleger wie John Murray strukturierten transnationale Kampagnen; Magazine wirkten als Erstveröffentlichungsorgane. Irving schrieb über das Bücherhandwerk und die Versuchung des Exzerpierens, weil er selbst in einer Welt ohne internationalen Urheberrechtsschutz arbeitete; erst 1891 brachte der Chace Act den USA ein Abkommen mit Großbritannien. Umso bemerkenswerter ist Irvings Erfolg, als er Honorare in beiden Märkten aushandelte, Vorabdrucke koordinierte und mit Pseudonymen sowie Paratexten die Autorfigur als Marke formte.
Charakteristisch ist die Maskerade der Erzähler. Diedrich Knickerbocker, Geoffrey Crayon und der erfundene Mönchschronist strukturieren Zugänge zu Stoffen, kommentieren Quellen, streiten sich mit Herausgebern und tragen scheinbar gelehrte Fußnoten zusammen. Diese Rahmungen parodieren antiquarische Gelehrsamkeit und reflektieren zugleich die historische Unsicherheit einer jungen Nation. Indem Fakten, Gerüchte und Sage miteinander verkeilt werden, zeigt Irving, wie Geschichten entstehen: aus Archiven, Gasthausgesprächen, Kirchspielen, Reisejournalen. Die literarische Ethnografie des Alltags macht aus Nebensächlichkeiten kulturelle Indikatoren und verwandelt Räume in Erinnerungslandschaften.
Mit der Biografie des arabischen Propheten, veröffentlicht 1849, wandte sich Irving einer Debatte zu, die die europäische Gelehrtenwelt seit dem 18. Jahrhundert beschäftigte. Er nutzte westliche Darstellungen wie Edward Gibbons Geschichte des Verfalls und die Übersetzung des Korans durch George Sale sowie spanische Arabistik, um eine gemäßigte, literarisch lesbare Lebensbeschreibung zu konzipieren. Das Projekt steht im Kontext eines romantischen Orientalismus, der zwischen Bewunderung für islamische Kulturleistungen und konfessioneller Polemik pendelte. Irvings Ansatz suchte Verständigung, ohne die erzählerische Freiheit seines historischen Stils aufzugeben.
Nach der Rückkehr 1832 etablierte sich Irving wieder am Hudson. 1835 erwarb er Sunnyside bei Tarrytown, ein neugotisch überformtes Haus, das er bis zu seinem Tod 1859 bewohnte. Die Region, ihre holländischen Kirchen, Mühlen und Flusslandschaften bildeten weiterhin das Repertoire seiner Skizzen. Er stand mit jüngeren Autoren und Künstlern in Verbindung; die Stimmigkeit seiner Naturbilder korrespondiert mit der zeitgleichen Malerei der Hudson River School um Thomas Cole. In Sunnyside verschmolzen Privatleben, Historikerarbeit und populäre Erzählkunst zu einer repräsentativen amerikanischen Autorenexistenz.
Schon in den 1820er und 1830er Jahren kursierten Übersetzungen in Deutschland; der Erzähler Geoffrey Crayon erschien deutsch als Gottfried Crayon, und die New-Yorker Stadtchronik sowie die englischen und spanischen Skizzen fanden ein Publikum in Leipzig, Berlin und Wien. Irvings Werk vermittelt zwischen Kontinenten und Epochen: Es verbindet koloniales Erbe und nationale Selbstfindung der USA mit britischer Essaykultur und iberischer Geschichtsschreibung. Indem es Satire, Reisebild, Legende und Biografie zusammenführt, eröffnet es einen transatlantischen Raum der Imagination, dessen Figuren und Schauplätze bis heute in kollektiver Erinnerung präsent geblieben sind.
Eine parodistische Chronik des fiktiven Gelehrten Diedrich Knickerbocker über die niederländische Kolonie Neu-Amsterdam, die gelehrte Pedanterie, Lokalpolitik und Nationalmythen satirisch beleuchtet. Mit skurrilen Gouverneuren und mock-historischen Exkursen karikiert Irving die Geschichtsschreibung ebenso wie koloniale Eitelkeiten.
Eine Sammlung von Reise- und Gesellschaftsskizzen, literarischen Essays und Erzählungen über Englands Landleben, Weihnachtsbräuche, Literatur und amerikanische Stoffe; enthalten sind u. a. Rip van Winkle und Die Legende von Sleepy Hollow. Zentrale Motive sind Wandel, Erinnerung und Folklore, erzählt in locker verbundenen transatlantischen Vignetten.
Locker verknüpfte Episoden rund um ein englisches Landgut, in denen der Erzähler ‚Geoffrey Crayon‘ Familienporträts, Romanzen, Dorfsitten und kauzige Typen zeichnet. Humor, milde Gesellschaftssatire und antiquarische Interessen (z. B. Maitagsbräuche, Falknerei, Aberglaube) formen ein nostalgisches Bild ländlicher Lebensweise.
Legendär ausgeschmückte Historien über den Untergang des westgotischen Reiches und den Beginn der maurischen Herrschaft, mit Gestalten wie König Roderich und Graf Julian. Chronik und Sage werden verwoben, um Motive von Verrat, Schicksal und kulturellem Umbruch zu verdichten.
Reiseskizzen und Märchen aus der Alhambra, die Architektur, Alltagsbeobachtungen und maurische Legenden zu einer atmosphärischen Sammlung verbinden. Zwischen humorvollen Begegnungen und romantischen Spuk- und Schatzgeschichten entsteht ein vielschichtiges Bild des Erbes von Granada.
Eine erzählende Biografie, die Ursprung, frühe Mission und politisch-religiösen Aufstieg des Islam nach damals verfügbaren westlichen Quellen zusammenfasst. Der Fokus liegt auf Lebensstationen, prägenden Konflikten und Kontexten, die die Entwicklung der neuen Glaubensgemeinschaft strukturieren.
Frühe Zeitungssatiren in Briefform, die Mode, Theater, städtische Sitten und gesellschaftliche Manieren im New York der 1800er-Jahre ironisch kommentieren. Die Texte zeigen den jungen Irving als scharfen Beobachter mit leichtem, pointiertem Ton.
(Auszug eines Briefes an den Verleger.)
Ihre Frage über die passendste Bearbeitung der humoristischen Geschichte von New-York, die jetzt zum ersten Male vor das deutsche Publikum tritt, kann ich nach Durchlesung nur dahin beantworten, daß sie sich allerdings für Ihre Gesammtausgabe besonders eignet. Ich finde sie, bis auf einige Gedehntheiten, trefflich, echt humoristisch, und noch frischer als die späteren niederländischen Skizzen desselben Verfassers, deren Wiederholung oder Variirung der beste Beweis für uns ist, daß die ersten Versuche darin (eben diese Geschichte von New-York) ausgezeichnete Aufnahme fanden. Statt der 5 oder 6 Bändchen, welche das Volumen des Originals angibt, könnten wir uns jedoch füglich mit 3 bis 4 begnügen, weil doch Manches etwas fremd und zu gedehnt für unser deutsches Publikum ist, und gedrängter werden die satyrischen Scenen auf jeden Fall mehr Effekt machen. Ich finde kein Blatt in diesem Werke, wo nicht ein guter Witz, komischer Gedanke, treffender Einfall vorkäme; wie sehr der trockne, unschuldige Ton der Erzählungen Irving’s fesselt, ist bekannt, und so macht es früheren Unternehmern gleich wenig Ehre, daß sie die Bearbeitung, weil das Werk etwas zu ausführlich ist, ganz unterlassen, als Anderen, daß sie Schriften wie die Nordamerikaner von Cooper zu so hohem Preis und in der ganzen Breite dem Publikum übergeben haben.
Ich zeichne für einen prüfenden Kenner einige Stellen im Verlaufe des Buches, die besonders witzig und charakteristisch sind, und den Ton der chronikartigen Erzählungsweise genau angeben. Diese Art der Auffassung ist in ihrer Art einzig und höchst originell, weil sie in fortlaufenden Karrikaturbildern höchst ähnlich und treu schildert, wie überhaupt echte Karrikaturen seyn müssen, eine Auffassung, die wir aber im historischen Felde, in dieser ernsthaften Verbindung der Geschichte und Poesie, nicht kennen. Wenn Shakspeare in anderer Form die hohe Poesie der Geschichte bewunderungswürdig getroffen hat, so eignet unserem Humoristen das Verdienst, die niedere Poesie der Geschichte, oder die poetische Niederländerei, in gegenwärtiger Heldenhistorie, welche mit mannichfaltigen skurrilen Bildern und Einfällen glücklich ausgestattet ist, auf eigenthümliche Weise begründet und in dieser neuen Gattung sogleich ein Muster aufgestellt zu haben.
Der Anfang mit Erschaffung der Welt, worin Irving die Chronikenschreiber parodirt, verbirgt Resultate gelehrter Forschungen, geistreiche Ansichten und schöne Lichtblicke unter der Schalksmaske. Diese an sich ernsten Präludien haben viel mit Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte gemein und schließen sich trefflich an Irving’s Columbus an, indem sie Andeutungen zur Urgeschichte Amerika’s enthalten.
Wenn ich mich recht erinnere, so war es im Herbst 1808, daß ein Fremder in’s Independent-Colnmbian-Hotel in der Mulberry-Straße kam, dessen Gastwirth ich bin, und ein Logis begehrte: ein kleiner, grämlich aussehender alter Herr in einem abgeschabten schwarzen Rock, olivenfarbenen sammtnen Beinkleidern und einem kleinen aufgekrempten Hut. Seine wenigen grauen Haare waren glatt nach hinten gestrichen und sein Bart stand in Stoppeln von circa 48 Stunden. Der einzige Staat, den er an sich hatte, waren ein Paar viereckige silberne Schuhschnallen, und sein ganzes Gepäck bestand aus einem Felleisen, das er unter’m Arm trug. Sein Aeußeres hatte etwas Außergewöhnliches, und meine Frau, welche einen geübten Blick hat, erklärte ihn auf der Stelle für einen bedeutenden Landschulmeister.
Da wir nicht viel Platz in unserm Gasthof haben, wußte ich nicht recht, wohin mit ihm. Aber meine Frau, welcher er besonders zu gefallen schien, gab ihm sogleich unser Familienzimmer, mit unsern Silhouetten von berühmten Meistern geschmückt und mit schöner Aussicht auf die Straße, gerade dem Spital gegenüber.
Die ganze Zeit, wo er bei uns wohnte, fanden wir einen gutmüthigen alten Mann an ihm, der aber ein wenig wunderlich war. Er blieb ganze Tage auf seinem Zimmer, und wenn in seiner Nähe eins von den Kindern schrie oder lärmte, so sprang er plötzlich mit einer Hand voll Papiere heraus, und sprach von «Confusion in seinen Ideen,» woraus meine Frau schloß, daß es bei ihm im Oberstübchen nicht richtig sey. Hierauf ließ denn Manches schließen. Denn in seinem Zimmer lag alles von Papieren und Büchern durcheinander, die Niemand anrühren durfte. Einmal wurde in seiner Abwesenheit das Zimmer rein gemacht; wie schimpfte er da, sagte, alles sey aus seiner Ordnung und nun nicht mehr aus dem Labyrinth zu kommen. Und doch hatte er zuvor oft stundenlang nach Papieren gesucht, die er gut aufgehoben zu haben versicherte. Meine Frau konnte nicht umhin, ihn zu fragen, was er mit so vielem Zeug denn anfange. Seine Antwort: «daß er die Unsterblichkeit suche,»bestätigte sie noch mehr in ihrer Vermuthung über den Gemüthszustand des alten Mannes.
Er war ein recht eifriges Männchen; wenn er nicht auf dem Zimmer saß, lief er den ganzen Tag in der Stadt nach Neuigkeiten herum und bekümmerte sich viel um die Wahlen. Zu Hause aber schimpfte er auf beide Partheien, die der Nation noch die Röcke vom H–n reißen würden. Unter den Nachbarn galt er als ein Orakel; besonders am Nachmittage, wo sie sich um ihn sammelten, wenn er auf der Bank am Thor sein Pfeifchen rauchte; und gewiß würde er alle auf seine Seite gebracht haben, wenn sie nur jemals hätten klar kriegen können, was er eigentlich meinte.
Meine Frau verlor endlich, weil gar keine Zahlung erfolgte, die Geduld, und gab ihm zu verstehen, daß es Zeit wäre, «daß gewisse Leute von gewissen Leuten Geld zu sehen bekämen.» Der alte Herr antwortete sehr stolz, sie solle sich keine Ungelegenheiten machen, er habe da drinnen (auf den Mantelsack deutend) einen Schatz, der ihr ganzes Haus aufwiege. Da er nie etwas anderes zur Antwort gab, auch bedeutende Männer zu Verwandten hatte, so wollte sie ihn am Ende frei bei sich hausen lassen, wenn er nur ihren Kindern dafür Unterricht im Buchstabiren geben wollte, vielleicht auch noch den Nachbarskindern dazu; aber das nahm der alte Herr gewaltig übel und sie durfte nicht wagen, diese Saite je wieder zu berühren.
Ungefähr zwei Monate darauf ging er eines Morgens mit einem Bündelchen in der Hand aus – und ließ nichts weiter von sich hören. Alle Nachforschungen waren vergebens, eben so verschiedene Anzeigen in den Zeitungen.
Nun glaubte meine Frau, daß wir nicht länger säumen dürften, uns seiner Habe zu bemächtigen. Im Beiseyn seines Freundes, des Stadtbibliothekars, schritten wir zur Eröffnung seines Mantelsacks. Aber es fand sich darin nichts als Stücke von alten zerrissenen Hosen und ein dicker Stoß beschriebenes Papier. Dieses letztere wollte der Bibliothekar für den Schatz gehalten haben, da es eine treffliche und gewissenhaft treue Geschichte von New-York sey, welche herauszugeben er uns sehr anrieth, da wir damit unsere Rechnung zehnfach bezahlt bekämen. Ein sehr gelehrter Schulmeister, der Lehrer unserer Kinder, hat sich an diese Arbeit gemacht und viele schätzbare Anmerkungen beigefügt.
Dieß sind also die Gründe, warum ich das Buch gedruckt habe, ohne die Einwilligung des Verfassers abzuwarten, und ich erkläre hiermit, daß, wenn er je zurückkommen sollte, (woran ich jedoch leider zweifeln muß), ich wie ein ehrlicher Mann mit ihm abrechnen werde.
Eines hochzuverehrenden Publikums unterthäniger DienerSeth Handaside.
Independent-Columbian-Hotel, New-York.
Das Vorstehende wurde der ersten Ausgabe dieses Werkes vorangedruckt. Bald nach dem Erscheinen desselben erhielt Herr Handaside einen Brief von Knickerbocker, aus einem kleinen holländischen Dorf am Hudson datirt, wo er sich aufhielt, um einigen alten Ueberlieferungen nachzuspüren. Da dieß eines jener glücklichen Dörfer war, die noch keine Zeitungen kennen, so durfte man sich nicht wundern, daß er erst spät und durch bloßen Zufall von jener Verfügung über seinen Nachlaß etwas erfuhr.
Er äußerte seinen Schmerz über das allzufrühe Erscheinen, welches verschiedene Verbesserungen und Nachträge vereitelt habe.
Bei einer weiteren Reise hatte er die guten alten holländischen Sitten, die er geschildert, sehr verändert gefunden. In Albani erndtete er zwar großes Lob, aber man wies ihm dort einige grobe Irrthümer nach, besonders den von dem Klumpen Zucker, der zu gemeinschaftlichem Gebrauch über den Theetischen von Albany hänge, eine Sitte, die seit mehreren Jahren abgeschafft worden, und dergleichen mehr, wie auch Fehler hinsichtlich der Genealogieen, welche in diesem republikanischen Lande viele Unruhe machen.
Der Gouverneur drückte ihm zu verschiedenen Malen die Hand und obgleich er von einem anderen politischen Bekenntniß war, ging er doch so weit, daß er eines Tages nach Tisch an seiner Tafel erklärte, Knickerbocker sey ein recht wohlmeinender alter Mann, und kein Narr. Diesem nach hätte er vielleicht unter andern Umständen zu einer Notar-oder Friedensrichterstelle gelangen können! – Einige gingen noch weiter und schätzten ihn sogar so hoch, wie seine Verwandte bei’m Congreß.
Da er die Aufgabe seines Lebens mit der Publication seiner Geschichte als beschlossen ansah, hätte er sich nun noch auf zwei Dinge, auf’s Politisiren oder auf’s Trinken legen können, aber er that keins von beiden, da er für so etwas zu gute moralische Grundsätze hatte.
Zwar versuchte er noch, an einer zweiten Auflage zu arbeiten, um seinem Ruhm Dauer, seinem Werk authentisches Ansehn – die Seele der Geschichte – zu verschaffen. Allein der Lichtblick der Composition war verglommen, er war unsicher und zweifelnd im Aendern und Verbessern geworden, und brachte nichts mehr zu Stande.
Endlich kehrte er nach seiner Vaterstadt New-York zurück und erlebte hier die ganze Glückseligkeit eines berühmten Mannes. Man trug ihm die Fertigung aller möglichen Anzeigen, Petitionen, Billets &c. an, und obgleich er nie etwas mit den öffentlichen Blättern zu schaffen hatte, so wollte man ihn doch überall, in unzähligen Versuchen und beißenden Ausfällen von den verschiedenartigsten Richtungen, lediglich «an seinem Styl» erkennen.
Außerdem contrahirte er eine große Schuld auf der Briefpost, durch die vielen unfrankirten Schreiben, die er von Schriftstellern und Druckherrn um Unterschrift erhielt; wohlthätige Gesellschaften, die sich an ihn wandten, wurden gern von ihm bedacht, da er diese Einladungen als so viele Complimente ansah. Eine Menge Ehren wurden ihm angethan. Er konnte nicht mehr unbemerkt über die Straße gehen, und oft liefen ihm die Jungen nach, wenn er mit Stock und dreieckigem Hut durch die Gassen zog, und schrieen: «da geht der Dietrich.» – welches dem alten Herrn nicht wenig gefiel, da er in diesen Begrüßungen den Schall des Nachruhms vernahm.
Die größte Ehre widerfuhr ihm durch eine überaus lobende Anerkennung in dem kritischen Blatt: Portfolio; und diese Gerechtigkeit übermannte ihn so sehr, daß er zwei Tage krank danieder lag. Kurz, man muß bekennen, daß keinem Schriftsteller je so hoher Lohn zu Theil ward, oder so im Voraus die Unsterblichkeit zu genießen gegeben wurde.
Die Stuyvesants räumten ihm, wegen der ruhmwürdigen Verewigung ihres großen Verwandten einen ländlichen Aufenthalt auf einem Familiengute ein. Er wohnte dort sehr freundlich an den Gestaden eines der Salzsümpfe jenseits Corlears-Haken, an einer Stelle, die zwar öfteren Ueberschwemmungen ausgesetzt war und im Sommer von Moskito’s wimmelte, aber sonst recht angenehm war, und viel Salzgras, wie auch Farrenkräuter hervorbrachte.
Hier erkrankte denn der gute alte Mann sehr bedenklich an einem Fieber von den benachbarten Salzsümpfen. Als er sein Ende herannahen sah, ordnete er seine weltlichen Angelegenheiten und vermachte seine geistige Hinterlassenschaft der historischen Gesellschaft in New-York, seine werthvollsten Bücher der Stadtbibliothek und sein Felleisen dem Hrn. Handaside. Er vergab allen seinen Feinden, d. h. allen, die etwas Schlimmes gegen ihn im Schilde führten, denn von sich selbst bekannte er, daß er in Frieden mit der ganzen Welt von dannen fahre; nach Anbefehlung einiger Botschaften und Grüße an verschiedene Verwandte und dicke Freunde unter den holländischen Bürgern, verschied er in den Armen seines treuen Gefährten, des Bibliothekars.
Seine sterblichen Ueberreste wurden nach seinem Willen auf dem St. Markus-Kirchhof, neben den Gebeinen seines Lieblingshelden, Peter Stuyvesant, begraben, und es heißt, die historische Gesellschaft wolle ihm auf dem Rasen ein hölzernes Denkmal errichten lassen.
«Um das Andenken vergangener Dinge der Vergessenheit zu entreißen und vielen großen und wunderbaren Thaten unserer holländischen Vorfahren den gerechten Tribut des Nachruhms zu verschaffen, stellt Dietrich Knickerbocker, aus New-York gebürtig, diesen historischen Versuch an’s Licht.» Wie Herodotus, der große Vater der Geschichte, dessen Worte ich so eben auf mich angewandt, handle ich von längst vergangenen Dingen, über welche das Zwielicht der Ungewißheit bereits seine Schatten geworfen hat und auf welche die Nacht der Vergessenheit bereits unerbittlich herabzusteigen im Begriff war. Mit großer Besorgniß sah ich schon lange die Geschichte dieser ehrwürdigen alten Stadt dem Erfassen unserer Hände entrinnen, auf den Lippen des redseligen Alters erzittern und tagtäglich ein Stück nach dem andern in’s Grab sinken. Wie kurze Zeit noch, dachte ich, und jene ehrwürdigen holländischen Bürger, wankende Denkmäler der guten alten Zeiten, werden zu ihren Vätern versammelt seyn; ihre Kinder, von verführerischen Vergnügungen oder unbedeutenden Beschäftigungen in Anspruch genommen, werden es versäumen, mit den Erinnerungen der Vergangenheit zu geizen, und die Nachwelt wird sich vergebens nach Memoiren aus den Tagen der Patriarchen umsehen. Der Ursprung unserer Stadt liegt dann in ewiger Vergessenheit begraben und selbst die Namen und Thaten eines Wouter Van Twiller, eines Wilhelmus Kieft und Peter Stuyvesants, erscheinen gleich denen des Romulus und Remus, Karls des Großen, König Arthurs, Rinaldo’s und Gottfrieds von Bouillon, in Dunkel und Erdichtung gehüllt.
Fest entschlossen, diese drohende Gefahr, so viel ich vermochte, abzuwenden, sammelte ich unermüdlich alle Fragmente aus der Kindheit unserer Geschichte, und wo diese nicht ausreichten, versuchte ich, wie mein ehrwürdiges Vorbild, Herodotus, die Kette der Geschichte durch wohlbeglaubigte Traditionen zu ergänzen – es ist das Resultat eines in Einsamkeit hingebrachten mühevollen Lebens! Viele gelehrte Bücher wurden, wiewohl vergebens befragt. Ein Manuscript bei der Familie Stuyvesant gab mir viele schätzbare Beiträge; andere würdige holländische Bürger, auch alte Damen, die nicht genannt seyn wollen, endlich die berühmte historische Gesellschaft von New-York haben in gleicher Beziehung Anspruch auf meinen Dank.
Meine Art der Geschichtschreibung ist nicht einem besondern Muster entlehnt. Ich strebte nach der größten Wahrheitsliebe, gleich Xenophon. Wie Sallust habe ich meine Geschichte mit kräftigen Charakteren alter Helden und Edlen erfüllt. In tiefen politischen Gedanken strebte ich Thucydides nach, milderte sie mit der Grazie eines Tacitus, und durchdrang das Ganze mit der Würde, Größe und Pracht eines Livius.
Selten konnte ich, gerade wie Herodot, der Versuchung widerstehen, mich in kühne Excursionen einzulassen – in jene reizende Episoden, die wie Blumenränder und duftende Lauben den bestaubten Weg des Historikers einfassen, und ihn einladen, sich auszuruhen und zu erfrischen von seiner mühevollen Reise.
Gern hätte ich wie Polybius die strenge Einheit der Geschichte beobachtet, aber die unzusammenhängende Beschaffenheit vieler Thatsachen ließ dieß kaum zu. Was diese Regel noch mehr erschwerte, war die Nachweisung vieler Sitten und Einrichtungen dieser besten Stadt in ihrer Entwicklung und Veränderung nach dem Stande der Cultur.
Wahrheit – Wahrheit bis in’s Kleinste war es, wonach ich strebte; und ich darf es mir sagen, daß ich die Geschichte eines großen Punktes der Erde vom Untergang gerettet habe; – so verzeihe denn der Leser die Eitelkeit dem mühevollen Streben, er sehe mich, wie ich die Feder niederlege, mich den Vorgänger so vieler nachfolgenden Geschichtschreiber dieses Landes, in der Vogelperspective schwebend über einer Reihe von 300 Jahren, das Buch unter’m Arm, New-York im Rücken, vorwärts, vorwärts, ein ritterlicher Führer zu Ruhm und Unsterblichkeit!
Solche eitle Bilder drängen sich wohl zuweilen in das Gehirn eines Schriftstellers – erhellen mit himmlischen Lichtern sein einsames Kämmerlein, frischen seine Lebensgeister auf und beleben neu die Lust zu schaffen. Ich habe gern diese Ausrufungen hier mit aufgenommen, wie sie sich rhapsodisch darboten; nicht aus Egoismus, warlich nein, sondern, damit der Leser einen Begriff habe von dem, was ein Autor denkt und fühlt, wenn er schreibt – eine Art der Erfahrung, die selten und seltsam, und eben deßhalb sehr begehrungswürdig ist.
Welches verschiedne scharfsinnige Theorieen und philosophische Speculationen über die Erschaffung und Bevölkerung der Erde enthält, als in genauem Zusammenhang mit der Geschichte von New-York.
Beschreibung der Erde.
Den besten Autoritäten zufolge ist die Erde, worauf wir wohnen, eine ungeheure, dunkle, wiederstrahlende, leblose Masse, die in dem Aethermeere von unbegränztem Raume schwimmt. Sie hat die Gestalt einer Orange, eine Spheroide, sonderbar an zwei entgegenstehenden Stellen abgeplattet, wo die Pole, zwei gedachte Punkte liegen, die sich angenommenermaßen im Mittelpunkt der Kugel begegnen; so bilden sie eine Axe, an welcher sich die ungeheure Orange täglich einmal umdreht. Wie diese Umdrehung Tag und Nacht hervorbringt, so hat die Rotation um den feurigen Sonnenball in einem Jahre die Jahrszeiten zur Folge.
Was die Gestalt der Erde betrifft, so behaupteten einige alte Philosophen, sie sey eine ausgedehnte Ebene, von großen Säulen gestützt; andre, sie ruhe auf dem Kopf einer Schlange oder auf dem Rücken einer ungeheuern Schildkröte – da sie aber weder für einen Ruhepunkt der Säulen oder Schildkröte sorgten, so fiel die ganze Theorie, aus Mangel einer Begründung, auseinander.
Die Braminen versichern, der Himmel ruhe auf der Erde, und Sonne und Mond schwämmen darin wie Fische im Wasser, indem sie sich am Tage von Osten nach Westen bewegten und in der Nacht unterm Saum des Horizontes hinwieder an ihren alten Ort glitten; während die Erde nach den Pauranicas von Indien eine große Ebene ist, von sieben Meeren voll Milch, Nektar und anderen köstlichen Flüssigkeiten eingefaßt, von sieben Bergen gestützt und in dem Mittelpunkt mit einem hohen Bergfelsen von geläutertem Golde geziert; ein großer Drache soll sich zuweilen über den Mond legen und so die Finsternisse hervorbringen.
Neben solchen weisen Meinungen haben wir auch noch die tiefen Conjecturen des Abul-Hassan-Ali in seiner Schrift «die goldnen Wiesen und die Minen der Edelsteine,» wo er die Geschichte der Welt vom Anfang bis zu sich, im 336. Jahr der Hegira, erzählt. Er belehrt uns, die Erde sey ein ungeheurer Vogel, Mekka und Medina der Kopf, Persien und Indien der rechte, das Land Gogs der linke Flügel, und Afrika der übrige Leib; ferner, es habe eine andre Erde vor dieser (die er so zu sagen nur für ein Küchlein von 7000 Jahren hält ) existirt, und sie erneuere sich in verhältnißmäßig ungeheuren Zeiträumen.
Wie die Gelehrten eben so uneinig über die Gestalt der Sonne gewesen, und die einen sie für ein strahlendes Feuerrad, die andern für einen bloßen Spiegel oder eine Kugel von Krystall, oder für eine feurige Eisen-oder Steinmasse, endlich auch den Himmel für ein Steingewölbe mit glimmenden Stückchen gehalten, darüber kann ich schneller hinweggehen, da das Volk von Athen jene Männer durch Verbannung aus ihrer Stadt gründlich widerlegt hat, eine sehr passende Sitte jener Tage, auf unwillkommne Lehren zu antworten. Noch Andere haben die Himmelskörper für Ausdünstungen unserer Erde erklärt, die sich dort oben sammeln und verbrauchen, so ungefähr, wie unsre Laternen auf den Straßen. In alter Zeit soll der Sonne auf diese Art einmal das Oel ausgegangen seyn, welches denn bei dem würdigen alten Weiner Heraclitus große Besorgniß erregte. Zu diesen Theorieen kam nun die Meinung von Herschel, daß die Sonne ein prächtiger bewohnbarer Aufenthalt sey, und ihr Licht von gewissen leuchtenden oder phosphorescirenden Wolken herrühre, die in ihrer durchsichtigen Atmosphäre schwämmen.
Professor van Puddingcoft (Puddingkopf) war ein berühmter Professor in Leyden, gewichtig in seinem Thun, und gewohnt, in der Mitte seiner Untersuchungen sich schlafen zu legen, welches seinen Schülern zu großer Erleichterung gereichte. Im Laufe seiner Vorlesungen nahm er einst eine Flasche mit Wasser und schwang sie in der Länge des Arms um seinen Kopf, dessen rothes Gesicht nicht unpassend die Sonne darstellte, wie die Flasche die Erde, mit Centrifugal-und Centripetalkraft am ausholenden und ziehenden Arm versehen. Wenn erstere Kraft, erklärte er den staunenden Zöglingen, einmal gestört werde, müsse die Erde in die Sonne fallen, sehr verhängnißvoll für jene Planeten, und auch für die Sonne beschädigend. Ein unglücklicher Bursche, einer der unnützen Genies, die in die Welt gesetzt zu seyn scheinen, um solche würdige Puddingköpfe zu ärgern, wollte sich von der Richtigkeit der Angabe überzeugen, und hielt plötzlich den Arm des Professors ein, als grade das Glas im Zenith stand, welches dann mit erstaunlicher Richtigkeit auf das philosophische Haupt des Jugendlehrers herabfiel. Ein hohler Ton und ein heftiger Klatsch folgte auf die Berührung; aber die Theorie war dadurch auf’s Siegreichste bestätigt, denn das unglückliche Glas ging dabei zu Grunde; aber das glühende Gesicht des Professors van Puddingcoft tauchte aus dem Wasser hervor und glühte stärker als je vor Zorn; worauf die Studenten sehr erbaut und bedeutend weiser den Hörsaal verließen.
Seitdem hat sich nun aber die Ansicht von der Sache geändert, und ein wohlmeinender Professor ging darin mit gutem Beispiel voran, daß er sich weislich entschloß, seine Theorie der Erde anzupassen, da sie sich ihr nicht anpassen wollte. Nun hat man sich mit Anstand so aus der Affaire gezogen, daß man die Umdrehung der Erde von der ersten Veranlassung unabhängig erklärt hat, und seit dieser merkwürdigen Aera läßt man die Erde ihren eignen Gang gehen, wie es ihr am bequemsten ist.
Cosmogonie oder Erschaffung der Welt; nebst einer Menge vortrefflicher Theorieen, wornach diese Schöpfung keine so schwere Sache war, wie man gewöhnlich glaubt.
Nachdem ich meine Leser mit der Welt bekannt gemacht, werden sie ohne Zweifel wissen wollen, woher sie kam und wie sie geschaffen wurde. Die Aufklärung dieses Punkts gehört auch ganz in unsere Geschichte, da es mehr als wahrscheinlich ist, daß, wenn die Erde nicht erschaffen worden wäre, auch die berühmte Insel, worauf die Stadt New-York liegt, nicht existirte.
Von der Erschaffung der Welt haben wir tausend widersprechende Berichte, und obgleich in der göttlichen Offenbarung eine ganz genügende Auskunft darüber gegeben wird, so glaubt doch jeder Philosoph es seiner Ehre schuldig zu seyn, uns eine bessere zu ertheilen. Ich will als unpartheiischer Geschichtschreiber diese erbaulichen und belehrenden Theorieen hersetzen.
Einige alte Weltweise glaubten, die Erde und das ganze Universum sey die Gottheit selbst; so Zenophanes und alle Eleatiker, auch Strabo und die peripatetische Schule. Pythagoras schuf das berühmte Zahlensystem der Monaden, Dyaden, Triaden und durch seine heilige Vierzahl erläuterte er die Bildung der Welt, die Geheimnisse der Natur und die Grundsätze der Musik und Moral. Andre Weise hingen an dem System der mathematischen Körper. Wieder andre bildeten die große Theorie der vier Elemente, nebst einem fünften: einem unsichtbaren, belebenden Prinzip.
Nicht zu übergehen ist das große atomistische System des Moschus, noch vor der Belagerung von Troja, welches Demokrit lachlustigen Andenkens auffrischte, Epikur, der König aller Lebemänner, verbesserte, und der phantasiereiche Descartes modernisirte. Ich lasse unerörtert, ob mit diesen Ansichten der Glaube an eine Weltseele verbunden wird, wie der große Plato sie lehrte, dieser ruhige Weltweise, welcher das kalte Wasser seiner Philosophie über die Gemeinschaft der Geschlechter ausgoß und die Lehre von der platonischen Liebe schuf – ein höchst veredelter Umgang, der sich aber besser für die idealen Bewohner seiner erträumten Insel Atlantis, als für das derbe Geschlecht eignet, das, aus rebellischem Fleisch und Blut zusammengesetzt, die von uns gemeinte Insel bewohnt.
Außer diesen Systemen haben wir noch die Theogonie des alten Hesiod, der das Universum im regelmäßigen Gang der Schöpfung entstehen läßt, und die plausible Ansicht Anderer, nach welchen die Erde aus dem großen Ei der Nacht hervorbrach, welches in dem Chaos schwamm und von den Hörnern des himmlischen Ochsen aufgestoßen wurde. Burnet hat in seiner Theorie der Erde dieses Welt-Ei genau beschrieben und es einem Gänse-Ei wunderbar ähnlich befunden.
Weniger bekannt ist die Lehre andrer Philosophen, der Brahminen, in den Blättern ihrer geoffenbarten Schastah, daß der Engel Bistnu, der sich in einen großen Eber verwandelt, in die Tiefe der Gewässer tauchte und die Erde auf seinen Hauern in die Höhe brachte. Von ihm ging dann eine mächtige Schildkröte und eine mächtige Schlange aus, und Bistnu setzte die Schlange grade auf den Rücken der Schildkröte, und auf den Kopf der Schlange die Erde.
Die Neger-Philosophen von Congo versichern, daß die Welt aus den Händen von Engeln hervorgegangen sey; aber ihr eignes Land habe das höchste Wesen selber geschaffen, damit es ganz vorzüglich werde. Große Mühe gab sich Gott mit den Bewohnern und machte sie sehr schwarz und schön, und wie er mit dem ersten Menschen fertig war, gefiel er ihm sehr, und er strich ihm über das Gesicht, woher denn seine Nase und die aller seiner Nachkommen eine platte Gestalt erhielt.
Die Mohawk-Philosophen erzählen uns, daß ein schwangeres Weib vom Himmel gefallen sey, und eine Schildkröte es auf ihren Rücken genommen habe, weil alles mit Wasser bedeckt gewesen, und daß das Weib auf der Schildkröte sitzend mit den Händen im Wasser geplätschert und die Erde heraufgezogen habe, woher es zuletzt kam, daß die Erde höher als das Wasser wurde.
Doch genug von diesen alten und ausländischen Philosophen, deren beklagenswerthe Unwissenheit sie, trotz aller Gelehrsamkeit, nöthigte, in Sprachen zu schreiben, welche nur wenige meiner Leser verstehen; ich will kurz noch ein Paar neuere, elegante Theorieen ihrer Nachfolger aus unseren Zeiten hersetzen.
Der große Büffon hielt unsern Erdkörper für einen ursprünglichen Feuerball, den ein Komet von der Sonne abgestoßen, so wie vom Feuerstein durch den Stahl ein Stückchen als Funken abspringt. Zuerst hätten ihn dicke Dünste eingehüllt, diese sich abgekühlt und allmählig verdichtet und nach ihrer Dichtigkeit Erde, Wasser und Luft gebildet und in solcher allmähligen Bildung die brennende oder verglaste Masse des Mittelpunkts umgeben.
Hutton meint im Gegentheil, daß das Wasser zuerst da gewesen sey, und er schreckt sich mit der Idee, daß die Erde so gelegentlich durch die Gewalt des Regens, der Ströme und Bergwasser hinweggewaschen werde, bis sie sich mit dem Ocean vermenge, d. h. sich ganz in ihm auflöse. Eine erhabene Vorstellung, welche die Geschichte des weichherzigen Dämchens im Alterthum weit übertrifft, die sich in eine Quelle hineinweinte, oder die gute Dame von Narbonne in Frankreich, die wegen der allzugroßen Beweglichkeit ihrer Zunge verurtheilt wurde, 500,039 Zwiebeln zu schälen, und ehe sie noch die Hälfte der schrecklichen Arbeit vollbracht hatte, sich so zu sagen ganz aus den Augen herausgeweint hatte.
Whiston stellt die Hypothese auf, die Erde sey ein chaotischer Komet gewesen, der zum Aufenthalt des Menschen ausersehen und der Sonne beigegeben worden, worauf denn die Confusion dieses Sterns sich in Ordnung aufgelöst habe. Der Philosoph setzt hinzu, die Sündfluth sey von der unhöflichen Begrüßung eines anderen Kometen mit dessen wässerigem Schweif entstanden; ohne Zweifel aus Neid über den gereifteren Zustand des andern; ein trauriger Beweis, daß auch unter den himmlischen Körpern Eifersucht herrscht, und Zwietracht die selige Harmonie der Sphären stört, welche die Poeten so entzückend schildern.
Endlich hat Dr. Darwin, der Liebling der Damen, noch eine ganz andre Ansicht aufgestellt. Dieser gelehrte Thebaner ist auf eine seiner entzündlichen Phantasie ganz würdige Vermuthung gefallen. Das Chaos machte einmal eine starke Explosion wie ein Pulverfaß, und spie in diesem Act die Sonne, diese in ihrem Fluge durch einen ähnlichen Proceß die Erde, und diese eben so den Mond aus, und so gestaltete sich durch eine Verkettung von Explosionen das ganze Sonnensystem und setzte sich sehr regelmäßig in Bewegung.
Doch genug von diesen Systemen. Jedermann wird sie sehr consequent finden und meine ungelehrten Leser werden vielleicht auf den Schluß kommen, daß die Erschaffung der Welt gar kein so schweres Ding war, wie sie anfänglich wohl dachten; und ich zweifle nicht, wenn einer der letztgenannten Philosophen einen manierlichen Kometen habhaft werden und das philosophische Waarenhaus, Chaos genannt, zu seiner Disposition stellen könnte, würde er einen eben so guten Planeten fabriziren, oder einen noch besseren, als der, den wir bewohnen.
Und hier kann ich nicht umhin, die Güte der Vorsehung zu preisen, welche zum Troste verwirrter Philosophen Kometen werden ließ. Durch ihre Hülfe sind mehr plötzliche Entwicklungen und vorübergehende Erscheinungen in der Natur möglich, als in der Pantomime durch das wunderthätige Schwerd Harlequins. Sollte einer unserer modernen Weltweisen in seinen theoretischen Flügen nach den Sternen jemals sich in den Wolken verirren und in Gefahr kommen, in einen Abgrund von Unsinn und Albernheit zu fallen, so darf er nur einen Kometen beim Bart nehmen, sich auf seinen Schweif schwingen und im Triumph davon reiten, wie ein Bezauberer des Hippogryphen, oder wie eine Hexe von Connecticut auf ihrem Besenstiel, «um die Spinnenweben aus dem Himmel zu kehren.»
Es gibt ein altes Sprichwort vom «Bettler zu Pferd,» und ich möchte es bei Leibe nicht auf diese würdigen Philosophen anwenden; aber ich muß bekennen, daß sich einige von diesen Herren, wenn sie eins dieser feurigen Rosse bestiegen haben, so wild darauf herumtummeln, wie weiland Phaeton, als er Phöbus Sonnenwagen zu regieren sich unterstand. Der eine jagt seinen Kometen grade auf die Sonne und bricht mit dem Stoß die Erde von ihr ab; ein anderer ist gemäßigter und macht eine Art Lastthier aus seinem Renner, der der Sonne regelmäßig Nahrung und Reisbündel zutragen muß – ein dritter, von verbrennlicherem Wesen, läßt ihn wie eine Bombe gegen die Erde fliegen und sprengt diese damit wie eine Pulvermühle in die Luft, während ein vierter, mit wenig Schicklichkeitsgefühl gegen diesen Planeten und seine Bewohner, gradezu ankündigt, daß einst sein Komet sich mit dem Schweif gegen die Erde richten und sie unter Wasser setzen werde! –
Aus diesen vielen Systemen mögen nun die einsichtsvollen Leser sich eins herauswählen. Es zeigt sich dabei, daß ein Genie immer die Lustschlösser des andern zerstört. Theorieen sind die mächtigen Seifenblasen, womit sich die erwachsenen Kinder unterhalten, und das ehrliche Volk steht in stummer Bewunderung und beehrt diese gelehrten Grillen mit dem Namen Weisheit! – Gewiß hatte Sokrates recht, wenn er sagte, die Philosophen seyen nur eine nüchternere Art von Verrückten, die sich in nicht zu ergründende Dinge einließen, deren Erforschung, wenn sie möglich wäre, sich nicht der Mühe der Entdeckung verlohnte.
Bis die Gelehrten sich nun vereinigt haben werden, begnüge ich mich wenigstens mit der Erzählung Mosis, und folge darin dem Beispiel unserer verständigen Nachbarn in Connecticut, die bei ihrer ersten Ansiedlung erklärten, daß die Colonie durch die Gesetze Gottes regiert werden sollte, bis sie Zeit hätten, bessere Gesetze zu machen.
Eins aber scheint festzustehen, nämlich daß die Welt wirklich geschaffen worden und daß sie aus Land und Wasser besteht. Ferner erscheint mit Gewißheit, daß sie wunderlich zerstückelt und in Inseln und Festlande getheilt ist, und daß unter ersteren die berühmte Insel von New-York wohl von Jedermann gefunden werden wird, der sie an der rechten Stelle sucht.
Wie der berühmte Seefahrer Noah verschiedne ganz schändliche Namen erhielt, und wie er ein unverzeihliches Versehen darin beging, daß er keine vier Söhne hatte; von der hierdurch entstandenen großen Verwirrung unter den Philosophen, und von der Entdeckung Amerika’s.
Noah, der erste Seefahrer, von dem wir lesen, hatte drei Söhne: Sem, Ham und Japhet. Es gibt Schriftsteller, welche behaupten, dieser Patriarch habe mehrere Söhne gehabt. So macht Berosus ihn zum Vater des Riesengeschlechts der Titanen, Methodius gibt ihm einen Sohn Namens Jonithus oder Jonicus, und andre nennen einen Sohn Namens Thuiskon, von dem die Teutonen, Deutschen kommen, oder mit andern Worten die «dutsch» oder die holländische Nation abstammt.
Die Geschichte des großen Noah ist sehr verwickelt; denn überall, wo dieser Seefahrer hinkam, erhielt er einen andern Namen. Die Chaldäer nennen ihn Xisuthrus, eine kleine Veränderung, welche den Historikern, die in der Etymologie bewandert sind, keine Schwierigkeiten machen wird. Die Egypter verehren ihn als Osiris, die Indier als Menu, die Griechen und Römer vermischen ihn mit Ogyges und die Thebaner mit Deukalion und Saturn. Aber die Chinesen, welche die Welt weit länger kennen, als alle andre Nationen, sagen, Foha sey es gewesen; nach ihnen kam nämlich Noah bis nach China, und zwar zur Zeit des babylonischen Thurmbaues (wahrscheinlich um sich in dem Studium der Sprachen zu befestigen) und der gelehrte Dr. Schackford versichert uns, die Arche habe sich auf einem Gebirg an der chinesischen Gränze niedergelassen.
Wir können die Verkettungen, die durch diese Ansichten für die Historiker entstehen, ihrem eignen Scharfsinn überlassen und uns mit dem Resultate begnügen, daß Noah drei Söhne hatte. Wie mißlich dieses aber für diesen unsern Welttheil war, werden wir sogleich sehen.
Als Noah, der einzige Herr und Erbe der Erde, wie ein guter Vater seine Güter unter seine Kinder theilte, bekam Sem Asien, Ham Afrika und Japhet Europa. Nun aber ist es tausendmal zu beklagen, daß er nur drei Söhne hatte; denn hätte er noch einen vierten gehabt, so würde dieser ohne Zweifel Amerika bekommen haben. So kam es denn – zum Jammer der Historiker und Philosophen – daß unser Welttheil als wildes ödes Land links liegen blieb und davon keine Erwähnung geschah. Diesem unverzeihlichen Schweigen des Patriarchen ist das Unglück zuzuschreiben, daß Amerika erst später als die andern Theile der Erde zur Welt gerechnet wurde.
Zwar haben einige Schriftsteller ihn von diesem Vergehen freigesprochen und behauptet, er habe wirklich Amerika entdeckt. So Marc Lescarbot und der Jesuit Pater Charlevoix, letzterer sogar mit der Behauptung, daß dieses ebenfalls zu Wasser geschehen sey, indem Noah ein ausgezeichneter Seemann gewesen. Aber der Niederländer Hanns de Laet, der als solcher mit der Mannschaft der Arche besser bekannt gewesen seyn muß, erklärt diese Ansicht für höchst lächerlich; man muß in der That die vertraute Bekanntschaft bewundern, in welche die Historiker immer mehr mit den Patriarchen und andern großen Männern des Alterthums kommen, auf diese Art werden wir bald von Noah’s Schiffsbüchern eben so genau unterrichtet seyn, wie von denen Cooks und Robinsons Crusoe.
Da die gelehrten Forscher doch so weit mit ihren schwierigen Untersuchungen gekommen sind, daß das Factum feststeht, daß dieses Land entdeckt worden, so darf ich über diesen Gegenstand kurz seyn.
Ich brauche mich daher nicht dabei aufzuhalten, ob Amerika zuerst durch ein umherschweifendes Schiff der berühmten phönicischen Flotte entdeckt wurde, die nach Herodot Afrika umschiffte, oder von jener carthaginiensischen Expedition, die nach dem Naturforscher Plinius die canarischen Inseln fand, oder ob es durch eine Colonie von Cyrus angebaut wurde, wie nach Aristoteles und Seneca. Auch will ich nicht nachforschen, ob es vielleicht durch die Chinesen bevölkert ward, wie Vossius höchst scharfsinnig behauptet, oder durch die Norweger im Jahr 1002 unter Björn, noch ob durch Behaim, den deutschen Seefahrer, wie Hr. Otto den Savans der gelehrten Stadt Philadelphia zu beweisen gesucht hat.
Auch will ich nicht die neueren Ansprüche der Bewohner von Wallis untersuchen, die sie auf eine Reise des Prinzen Madoc im 11. Jahrhundert gründen, der ohne Zweifel, da er nie zurückgekehrt ist, nach Amerika ging, nach einem ganz einfachen Satz, der so lautet, wenn er nicht dorthin ging, wo soll er anders hingegangen seyn? – eine Frage, welche gewiß höchst sokratisch allen weiteren Streit aufhebt.
Lege ich nun diese und andre befriedigende Vermuthungen ganz bei Seite, so komme ich auf die schlichte historische Thatsache im Munde des Volks, daß Amerika am 12. October 1492 von Christovallo Colon, einem Genueser, entdeckt wurde, dessen Namen man sehr ungeschickt in Columbus verwandelt hat, aus welchem Grund, weiß ich nicht. Ohne mich bei diesem bekannten Factum aufzuhalten, will ich nur beiläufig erwähnen, daß dieses Land eigentlich Colonia nach seinem Namen heißen müßte.
Ehe wir nun zu dem glücklichen Besitz dieses Welttheils kommen, gibt es noch allerhand zu thun: Wälder niederzuhauen, kleines Gehölz zu roden, Sümpfe auszutrocknen und Wilde auszurotten. – In gleicher Weise muß ich auf dem historischen Felde mit Fragen, Zweifeln und Paradoxen kämpfen, bis wir endlich über dieses Land klar sehen.
Wie die Philosophen große Arbeit gehabt, Amerika zu bevölkern, und wie die Eingebornen – zum großen Troste des Autors – durch Zufall erzeugt wurden.
Wie viele Gänseschwingen sind nicht geplündert, wie viele Seen von Dinte nicht ausgeschrieben, wie viele Köpfe von Gelehrten nicht ausgeleert und völlig verwirrt worden, um so viele Millionen Mitgeschöpfe, wie die alten Amerikaner, dem von andern Philosophen über sie verhängten Nichts zu entreißen. Ueber alle Folianten, Quartanten, Octavbände steigen wir hinweg und kommen in der Geschichte bei den nächst competenten Reclamanten, den Nachkommen Abrahams an.
Christoval Colon zog bei der Entdeckung der Goldminen von Hispaniola auf der Stelle und mit einer Schärfe, die einem Philosophen Ehre gemacht haben würde, den Schluß, daß er das alte Ophir Salomo’s gefunden habe; er glaubte sogar die Schmelzöfen der Hebräer in vorhandenen Ueberresten zu erkennen.
