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Jede zivilisierte Gesellschaft braucht Regeln und Gesetze, um die Menschenrechte und die Menschenwürde zu garantieren. Der mündige und zivilisierte Bürger hat sie zu respektieren und einzuhalten, um zur Sicherheit der Gesellschaft beizutragen. Es braucht also Vernunft und Einsicht und bestimmte Verhaltensweisen, die schon in der Antike mit dem Begriff ´Tugend´ bezeichnet wurden. In der Gegenwart läßt sich indes feststellen, daß Tugenden augenscheinlich in Vergessenheit geraten sind, während Rücksichtslosigkeit, Egoismus und ein maßloser Individualismus überhand gewinnen. Bedenken werden laut, daß die Gesellschaft verroht, verwahrlost und dass ein lebenswertes Miteinander nicht mehr erkennbar ist. Die vorliegende Abhandlung ist dieser Thematik gewidmet und versucht mit zwei unterschiedlichen, aber demselben Ziel verpflichteten philosophischen Begründungen (der platonischen und der aristotelischen Ethik) nachzuweisen, dass es zeitübergreifende Tugenden gibt, ohne die eine Gesellschaft nicht existieren kann. Dementsprechend sollte die fundamentale Bedeutung der Tugenden wieder als Sinn und Wert für den Einzelnen und die Gesellschaft in Erinnerung gerufen werden.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Denn wenn man die Eine Klugheit besitzt, wird man zugleich alle Tugenden besitzen… Dennoch ist die Klugheit nicht der Weisheit und dem besseren Seelenteil überlegen…
Aristoteles, Nikomachische Ethik
Vorwort
Einleitung
Erster Teil DIE ETHIK DER ERKENNTNIS
I. Die aristotelische Analyse des menschlichen Wesens
II. Vernunft und die ´denkende Seele´
III. Tugend als Leistung von Seele und Vernunft
IV. Ethische und verstandesmäßige Tugend
V. Die aristotelische Ethik im philosophischen Diskurs
VI. Das Gute als Ziel der aristotelischen Strebensethik
Menschenwürde – Empathie – Moralität – Vernunft – Individuum – Erkenntnis – Tugend – Besonnenheit – Gelassenheit – Seele – Verstand – Sinn – Wert – Streben – Pflicht – Glückseligkeit – Weisheit – Klugheit – Menschenrechte – Verantwortung – Pflicht – Erfahrung – Aufklärung – Disziplin – Maß – Freiheit – Freundschaft
Zweiter Teil DIE ETHIK DER ONTOLOGISCHEN ERFAHRUNG
I. Grundgedanken der platonischen Seinsthematik
II. Die philosophische Erfahrung des Seins
III. Die Bedeutung der ontologischen Erfahrung für das Leben
IV. Die Innerlichkeit und die Bedeutung der Zeit
V. Die ethischen Implikate der These vom Sein
VI. Die Seinsgemeinschaft
Sein – Erfahrung – Einsicht – Gegenwart – Geist – Metaphysik – Sinn – Gemeinsamkeit – Humanität – Innerlichkeit – Bewußtsein – Seele – Sinnlichkeit – Vernunft – Besonnenheit – Wahrheit – Staunen – Zeit – Sozialität – Einsamkeit – Natur – Masse – Vereinsamung – Demokratie – Subjektivismus – Metanoesis – Entsagung – Askese
Dritter Teil TUGENDEN IM WANDEL DER ZEIT
I. Die Welt in der Krise
II. O.F. Bollnows Analyse des Menschen und der Welt
III. Die subjektive Befindlichkeit
IV. Die Grundbefindlichkeiten und ihr Einfluß auf die Sittlichkeit
V. Die Tugenden als Grundwerte des Lebens
Zeitgeist – Gewalt – Terrorismus – Menschlichkeit – Umdenken – Anthropologie – Psychologie – Tugend – Gewöhnung – Weltsicht – Affekte – Stimmung – Bewußtsein – Seele – Wesen – Sittlichkeit – Glück – Zeit – Selbstbeherrschung – Maßhalten – Empathie – Ideal – Wert – Selbstbewußtsein – Künstliche Intelligenz – Verantwortung – Freiheit – Begegnung – Kunst – Musik – Empfindung
Vierter Teil ERFAHRUNG UND TUGENDBILDUNG
I. Bildung und Persönlichkeitsentfaltung
II. Persönlichkeit und Tugend
III. Erfahrung und Tugendbildung
Leistung – Verantwortung – Herzensbildung – Vorbild – Wert – Individualität – Äußerlichkeit – Ausbildung – Wissen – Herzensbildung – Technik – Verhalten – Psyche – Gewöhnung Innenwelt – Grenzen – Macht – Medien – menschliche Natur – Wille – kulturelle Erziehung – Kunst – Erweckung – Realität – Interessen – Geist – Begegnung – Dialog – Führen – Wachsenlassen – Verstehen – Existenz
Fünfter Teil DIE WIEDERENTDECKUNG DER TUGENDEN
I. Aspekte der geistigen Entfaltung
II. Die Aufgabe der philosophischen Pädagogik
III. Vom philosophischen Leben
Sozialität – Humanität – Geist – Freiheit – Kultur – Materielles – Empathie – Wert – Zeit – Wahrnehmung – Lebensweise – Glück – Ruhe – Maßhalten – Besonnenheit – Erziehung – Menschwerdung – Vernunft – Lebensziele – Intuition – Stille – Existenz – Sinnlichkeit – Erkenntnis – Außenwelt – Miteinander – Sein – Sprache – Denken – Schweigen – Besonderes
Ausblick
Bibliographie
Es mag irritieren, dass in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, ein philosophisches Buch mit einer wenig hoffnungs vollen Thematik und einem geradezu deprimierenden Titel erscheint. Wäre es nicht sinnvoller, über das Schöne und Angenehme unserer Welt, über die Vorteile unseres scheinbar sicheren Lebens zu schreiben und die Augen zu verschließen vor allem, was uns – wie wir gern glauben – nicht tangiert? Doch betrifft es uns tatsächlich nicht, das Geschehen in fernen Ländern, die wir gern einmal im Urlaub besuchen, auch dort unseren eigenen Lebensstil pflegen und völlig unberührt wieder heimkehren?
Dass auch in den „zivilisierten“ Ländern etwas massiv aus den Fugen geraten ist, wird offensichtlich nur ungern gesehen oder aber verdrängt, doch es veränderte sich nicht nur das Leben, das gesellschaftliche Miteinander auch hier. Diese sichtbare Veränderung, die im rüden Umgang der Menschen miteinander, in Aggressivität und kommunikativer Unfähigkeit erkennbar wird, hat ebenfalls einen nicht zu unter schätzenden Einfluß auf das politische Agieren und das Weltgeschehen insgesamt. Es geht dementsprechend in unseren Überlegungen um eine kulturkritische Sicht auf die menschlichen Verhaltensweisen unserer Zeit im Rekurs auf die Ethik früherer Denker und die Zeitlosigkeit ihrer Erkenntnisse, die wieder in Erinnerung gerufen werden sollen.
Mein Dank für sorgfältiges Korrekturlesen und das Layout dieser Abhandlung gilt meiner Tochter, Dr. Rajele Jain.
Elenor Jain
Unter dem Begriff ´Tugend` (griech.: areté, lat.: virtus) versteht man im allgemeinen eine spezifische Haltung des Menschen, der in seinem Leben das Gute und Sinnvolle anstrebt, i.e. das ´Gutsein´ zu verkörpern sucht, wie schon die alten Griechen areté verstanden.1 Dabei gilt es, die Frage zu reflektieren, ob und zu welchen Handlungen die Moral in jeder Gesellschaft verpflichtet oder welche Lebensweise leitend zu sein hat, eine Frage, die einen weiteren Aspekt betrifft, der sich auf die Charaktereigenschaften des Individuums bezieht. Ferner geht es in diesem Zusammenhang darum zu klären, ob ´Gutsein´als absolutes moralisches Prinzip zu verstehen ist oder ob es auch dem eigenen Vorteil dient (dem Glück wie im antiken Griechenland, das gelegentlich eine eudaimonistische Tugend vertritt).
Doch die Tugend hat einen ambivalenten Charakter, wie sich erst bei genauerem Hinsehen zeigt. Einerseits ist sie sehr wohl der Weg zu einem moralischen Leben, andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass der Tugendhafte von Kräften übervorteilt wird, die dadurch ihre eigenen Interessen (bes. Machtinteressen) durchzusetzen gedenken. Auch könnte der Verdacht aufkommen, dass eine sogenannte Erziehung zur Tugend autoritären Zielen dient, wie dies in Diktaturen und dogmatischen Einstellungen, in gewissem Maße auch in Religionen, deutlich wird. Die Interpretation der Tugenden ist nicht nur kulturabhängig, sie ändert sich auch mit der Zeit, sodass sie grundsätzlich nicht mit einem festen Begriff zu fassen ist. Und dennoch ist die auf Menschlichkeit gegründete Tugend eine unabdingbare Lebenshaltung in jeder zivilisierten Gesellschaft, um deren humane Entwicklung zu stärken und weiterzuentwickeln, denn der wirklich Tu gendhafte besitzt einen starken Charakter und ist fähig, sich Ein schüchterungen und Ungerechtigkeiten zu widersetzen, wie die philosophische Ethik zu belegen weiß.
Des weiteren aber stellt sich im Rahmen unserer Betrachtung der Tugend die Frage, wie der Mensch überhaupt zu tugendhaftem Leben befähigt wird. Ist es in seinem Wesen angelegt (wie nach Melanchthon als Habitus, der die Neigung zur Vernunft verursacht) oder bedarf es äußerer Einwirkungen, z.B. der Erziehung, durch Vorbilder oder durch eigene, auch negative Erfahrungen. Ferner muß gefragt werden, ob Tugend interkulturellen Maßstäben gerecht wird oder ob kulturelle Bedingungen Art und Weise des Begriffs der Tugend maßgeblich beeinflussen und damit auch konträre Vorstellungen erlauben wie John Locke dies sieht. Und auch die Zeit wird mit ihren umfassenden Veränderungen in geistiger, zivilisatorischer, technischer Hinsicht usw. zu einer Vielzahl von Umbrüchen beitragen und ehemals selbstverständliche, soziale Verhaltensweisen als obsolet erscheinen lassen. So hat der Philosoph und Pädagoge O.F. Bollnow in seiner Schrift mit Recht auf den „Wandel der Tugenden“2 hingewiesen, um zu zeigen, dass sich nicht nur Wertvorstellungen verändern, sondern mit ihnen auch das gesamte Weltbild und das menschliche Leben.
All dies sind Themen, die uns im folgenden beschäftigen werden, und zwar auch, um unsere Gegenwart vielleicht besser verstehen und bewältigen zu können, die inzwischen viele Menschen zu Orientie rungslosigkeit und Unverständnis der modernen Gesellschaft führt.3 Es geht mithin um die Relevanz der Ethik für unsere Gegenwart unter Berücksichtigung einiger für unsere Zielsetzung wichtiger Aspekte.
Unsere moderne Welt hat sich dem Fortschritt verschrieben, allerdings einem Fortschritt, der primär der Technik, der Wirtschaft und den jenigen Errungenschaften zugewandt ist, durch die das Leben angenehmer und komfortabler gemacht wird, um den sich stets steigernden Ansprüchen scheinbar gerecht werden zu können. Dabei geht es um Äußerlichkeiten, Statussymbole und nicht zuletzt um die Befriedigung einer grundsätzlich kaum einzuschränkenden Gier und einen Individualismus, der keine Grenzen zu kennen scheint, jede Autorität mißachtet und Regeln und Gesetze als Einschränkung der subjektiven Freiheit begreift. Dass diese Entwicklung sich als Gefahr für den Fortbestand der Demokratie erweist, ist kaum zu bestreiten.
Dies alles läßt einen Fortschrittsgedanken inbezug auf die menschliche Entwicklung offensichtlich nicht mehr zu, und so ist es nicht ver wunderlich, dass die Gesellschaft sich in einer Krise befindet, in der das ´Allgemeinmenschliche` keinen Raum mehr findet. Wie kann man mithin noch von Tugenden sprechen? Wie ihre Bedeutung und ihren Wert verteidigen? Um ein wenig Licht in diese Thematik zu bringen, beginnen wir im ersten Kapitel mit einem Einblick in die erste um fassende Ethik im europäischen Raum: die Nikomachische Ethik des Aristoteles, nicht zuletzt, um zu sehen, ob in ihr auch allgemeingültige und zeitübergreifende Prinzipien enthalten sind. Eine weitere Betrachtung ist im zweiten Kapitel dem Platoniker Karl Albert gewidmet, dessen grundlegende Schrift „Die Ontologische Erfahrung“ zwar nicht als Ethik konzipiert ist, aber aufgrund ihrer Seinsthematik und Ziel setzung essentielle Elemente der Ethik aufscheinen läßt. Das dritte Kapitel befaßt sich mit Wesen und Wandel der Tugenden, während das vierte Kapitel zu Erziehungstheorien Stellung nimmt. Kulturkritische Überlegungen mit der Frage nach der abnehmenden Akzeptanz moralischer Grundsätze bestimmen das letzte Kapitel, das zugleich versucht, die Unverzichtbarkeit der Tugenden in jeder zivilisierten Gesellschaft darzustellen, wenn Zivilisation und Kultur statt Anarchie herrschen sollen. Dabei gehen wir von einem Tugendbegriff aus, der auf Vernunft und Menschlichkeit im aristotelischen Sinne und zugleich auf das Gemeinsame im platonischen Sinne (das umfassende Sein, in dem das Seiende enthalten ist) zurückgreift. Beide haben zwar dasselbe Ziel – die Erkenntnis – aber ihre Begründung und ihr Weg dorthin unterscheidet sie voneinander.
1 Mit dieser Deutung ist im griechischen Verständnis indes noch nicht grundsätzlich eine moralische Eigenschaft verbunden wie in Platons 1. Buch der Politeia zu lesen ist, vielmehr wird auch die Beschaffenheit eines Gegenstandes als gut bezeichnet. Aristoteles hingegen vertritt in seiner Nikomachischen Ethik bereits einen Stand punkt, der areté durchaus mit Moralität verbindet, und besonders Kant versteht Tugend als Form der Moralität und Sittlichkeit, wie weiter unten noch erörtert wird.
2 O.F. Bollnow: Wesen und Wandel der Tugenden. Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1958.
3 Sicherlich spielt dabei auch die Tatsache eine Rolle, dass Religiosität ihre Bedeutung im Leben vieler Menschen verloren hat, aus der sie Sicherheit schöpften, während sie durch die Komplexität des modernen Lebens überfordert werden.
Der Mensch kann allein nicht existieren, und die Menschheitsge schichte zeigt, dass Menschen immer schon in Familienverbänden, Gruppen oder auch grösseren Gemeinschaften gelebt haben, um ihr Überleben zu sichern und sich verteidigen zu können. Schon früh stellten sie auch fest, dass ein Gemeinschaftsleben ohne Regeln und Strukturen zum Scheitern verurteilt ist. Jedes Mitglied mußte folglich Anordnungen befolgen und sich zugleich in vielerlei Hinsicht unterordnen und auf Freiheiten verzichten, die dem Gesamt Schaden zufügen könnten.
Diese Regeln waren zunächst nur zwecksetzend, sodass man von moralischen Zielsetzungen noch nicht grundsätzlich sprechen kann, denn es ging anfangs kaum um Empathie, Menschenwürde oder Humanität, sondern einzig um den Erhalt der Gruppe. Es brauchte also noch viel Zeit, bis die geistig-kulturelle Entwicklung der Menschen soweit fortgeschritten war, dass sie über das Zweckmäßige und bloß Lebens erhaltende hinaus moralische Gedanken in Erwägung ziehen konnten.
Im europäischen Raum hat Aristoteles (384/3322/1), Schüler Platons und der sokratischen Philosophie verbunden, der als Begründer der wissenschaftlichen Philosophie gilt4, die erste umfassende, aus drei Büchern bestehende Ethik verfaßt, die eine wissenschaftliche (phäno menologische) und philosophische Analyse des im Alltag zu beobachtenden ethischen Verhaltens bietet: Die Ethica megala, die Ethica Nikomacheia und die Ethica eudemeia, die sich einander ergänzen und das Ziel des menschlichen Lebens bestimmen: das reine Erkennen und die Vernunft als nur dem Menschen gegebene Fähigkeiten. Zwar ist zu bedenken, dass die aristotelische Ethik natürlich auf dem Hintergrund der damaligen politischen und sozio kulturellen Bedingungen zu verstehen ist, dass viele ihrer Ausführungen jedoch allgemeingültige und zeitübergreifende Bedeutung beanspruchen können. Darüberhinaus gewinnt man zudem Einblick in ein Denken, das die Moralität als unabdingbare Voraus setzung des menschlichen Charakters und auch als Fundament für einen funktionierenden und gerechten Staat darstellt, denn für Aristoteles – wie schon für Sokrates – ist das Denken und mit diesem die Vernunft des Menschen das eigentlich Menschliche, weil sie ihn befähigt, tugendhaft, d.h. maßvoll zu leben. Die aristotelische Ethik basiert auf einer phänomenologischen Bestandsaufnahme und Analyse menschlicher Verhaltensweisen, aus denen der Philosoph seine ethische Theorie entwickelte. Aristoteles setzte voraus, dass alles zum Guten strebt, wie es eingangs im ersten Buch der aus zehn Büchern bestehen den Nikomachischen Ethik heißt.: „Jede Kunst und jede Lehre, ebenso jede Handlung und jeder Entschluß scheint irgendein Gut zu erstreben. Darum hat man mit Recht das Gute als dasjenige bezeichnet, wonach alles strebt.“5
Genau gesehen, ist die aristotelische Ethik eine Ethik der Erkenntnis (ein Streben nach dem wahrhaft Guten), deren Ziele sich von dem allgemeinen Streben der Menschen fundamental unterscheiden: nicht das Handeln in der Welt und das Streben nach materiellen Gütern oder Macht sind mithin Sinn des Daseins, denn sie sind ambivalent und ohne Dauer. Und diese Vorstellung geht auch in seine Tugendethik ein, die dementsprechend den Weg zu Glück und Zufriedenheit beschreibt, einem wirklichen, dem Menschen entsprechenden gelungenen Leben. Diese Sichtweise unterscheidet radikal zwischen einer zu negierenden Äußerlichkeit und der Innerlichkeit, auf die sie den Menschen fixiert, wie dies auch die ´ontologische Ethik´ vertritt, auf die wir später noch eingehen werden.
Zwei Aspekte beschäftigen Aristoteles inbezug auf moralisches Verhalten in besonderem Maße: die Vernunft und die Seele des Menschen, deren besondere Bedeutung auch für sein Menschenbild bestimmend ist. Das belegt, dass Aristoteles die Ethik nicht als theoretische Disziplin oder reine Theorie versteht, sondern vielmehr als praktisches Wissen über den Menschen und für den Menschen. Die Seele bezeichnet Aristoteles als Fundament, Charakteristikum und Wesen des menschlichen Seins, wie er in seiner Schrift „perí psychés“ (Über die Seele) ausführt.6 Die Seele beeinflußt das Denken und Handeln des Menschen und sogar sein Glück.
Auf einige auch heute noch relevante Gedanken gilt es kurz einzugehen, vor allem dann, wenn sie das Allgemeinmenschliche betreffen und trotz ihrer zeitübergreifenden Bedeutung verloren gegangen zu sein scheinen wie beispielsweise viele Tugenden, die unabdingbar für ein zivilisiertes Miteinander sind. Denn ohne Tugenden ist keine Gesellschaft existenzfähig, wie die wachsende Gewaltbereitschaft, Kriege und Gewissenlosigkeit, Intoleranz usw. seit Beginn der Menschheitsgeschichte zeigen. Ist es allein die Erziehung, der Verzicht auf Regeln und Einschränkungen oder auch die Tatsache, dass Vorbilder an Überzeugungskraft verlieren und Respekt und Achtung vor dem Anderen und seiner Menschenwürde als Einschränkung der eigenen Freiheit verstanden werden? Oder liegt die Ursache gar in der Konstitution des Menschen, der offensichtlich nicht das Gute erstrebt, sondern vielmehr seinen eigenen Vorteil, verbunden mit Machtgier? Vermutlich spielen alle Aspekte eine gewisse Rolle, was ein Umdenken zwingend erfordern würde, denn offensichtlich sind viele Tugenden und mit ihnen grundlegende Werte nicht vergänglich. Alle diese Aspekte spielen eine wichtige Rolle in der aristotelischen Ethik, die aufgrund ihrer kritischen Analyse des menschlichen Wesens nach Lösungen sucht und den Menschen zum Nachdenken anregen will.
4 Aristoteles hat sich in seinem sechs Schriften umfassenden „Organon“ intensiv mit der Logik befaßt, die er Analytik nennt, um logische Grundgesetze von Begriff, Urteil und Schluß, von Definition und Beweis darzulegen. Eine weitere Grundlage seines philosophischen Denkens ist die Metaphysik, die „erste Philosophie“, die neben Mathematik, Physik und Psychologie und weiteren Bereichen des geistigen Lebens seine Auffassung von Philosophie bestimmt.
5 Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Übers. und herausgegeben von Olaf Gigon. München 1972.; hier Nikomachische Ethik I, 1091 a1, im folgenden mit dem Sigel NE bezeichnet. Die Interpretation der Einleitung von Olaf Gigon bildet die Grundlage unserer Ausführungen.
6 Aristoteles: Über die Seele. München 1968. Vgl. auch Jain, E.: Verlust der Seele. Norderstedt 2015.
Für Aristoteles sind die Vernunft (phrónesis) und die „denkende Seele“, (der Verstand, nous), als Fundament moralischen Verhaltens Schlüsselworte für die Entstehung und Begründung aller Tugenden.7 Aber auch andere große Philosophen, besonders Kant oder auch Fichte berufen sich auf sie.8 Dabei geht es immer auch um das eigene, unabhängige Denken, um Einsichten in universelle Zusammenhänge und ein Abwägen von Alternativen, um Sinn und Werte, die es zu verteidigen gilt. Es geht um die reine Erkenntnis, die Ziel des menschlichen Daseins ist und nicht das irdische Dasein als das Wesentliche sucht, sondern das Bleibende und philosophisch und ethisch Wertvolle, dem Leidenschaften, Habgier oder Machtgier fremd sind.9
Dementsprechend denkt Aristoteles vor allem über das Streben nach Erkenntnis, über die Freundschaft, das Schöne und Gute, die Gerechtigkeit und eine seiner Vorstellung entsprechenden Erziehung nach. Diese soll lehren, dass die Tätigkeit der Seele darin besteht, nach Erkenntnis zu streben, deren Ziel das „Gute und Beste“ und zugleich „Glückseligkeit“ (eudaimonia) ist, wie Aristoteles zu Beginn des 1. Buches der Nikomachischen Ethik erklärt. Im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung erreichen die Menschen die Glückseligkeit (ein geglücktes Leben) nicht durch äußere Güter wie Reichtum, Macht, Ehre oder Lust, sondern nur durch das Streben nach dem wahren, dem wirklichen Leben, das der Weise als sein Lebensziel betrachtet.
Aristoteles spricht in diesem Zusammenhang von drei Lebensformen, die den Menschen zur Wahl stehen: die erste ist die der Lust und des Genusses, die zweite richtet sich auf Ruhm und Ehre und die dritte schließlich nennt der Philosoph die „betrachtende“, die von Vernunft und der „denkenden Seele“ geprägt ist.10 Während die ersten beiden Lebensformen ein Dasein im absoluten Hier und Jetzt der Vergänglichkeit des Augenblicks und Bedeutungslosigkeit beschreiben, ist die dritte Lebensform Ausdruck einer „erfüllten Zeit“, insofern sie über das Sukzessive der Gegenwart hinausgeht und das Dauerhafte enthält, wie Rüdiger Safranski im Rekurs auf Platon ausführt.11 Das Dauerhafte ist dann – wenn wir Aristoteles folgen – das Sinnhafte und Wertvolle eines Lebens und des Strebens nach Erkenntnis.
Der Begriff der Vernunft wird vielfach in Abgrenzung zur rein sinnlichen Wahrnehmung als Bezeichnung für die Erkenntnisfähigkeit des Menschen verstanden. Für Aristoteles hingegen spielt auch die Wahrnehmung in diesem Zusammenhang eine durchaus große Rolle, denn das menschliche Denken vollzieht sich nicht ohne den wahr nehmenden Seelenteil, der Dinge erfaßt und Vorstellungen liefert, die das Denken befähigen, Erkenntnisse zu verarbeiten und Urteile zu fällen, also das Gute und Wahre vom Wertlosen unterscheiden zu können: „Darum ist eine Willensentscheidung weder ohne Vernunft und Denken noch ohne ethisches Verhalten möglich. Denn ein rechtes Verhalten und das Gegenteil davon existiert nicht ohne Denken und Charakter…So ist denn die Willensentscheidung entweder strebende Vernunft oder vernünftiges Streben, und das entsprechende Prinzip ist der Mensch“.12 Die Willensentscheidung basiert mithin auf der Wahrheitserkenntnis der von Tugend geleiteten Vernunft und der tätigen Seele (dem denkenden Teil): „Die Mittel, mit denen die Seele bejahend oder verneinend die Wahrheit trifft, seien fünf an der Zahl: Kunst, Wissenschaft, Klugheit, Weisheit, Geist“. Bemerkenswert an den von Aristoteles genannten Kategorien ist, dass alle die Intellektualität und das Geistige des Menschen betreffen, nicht aber Äußerlichkeiten wie Macht, Reichtum oder Genuß.
Die praktische Vernunfttätigkeit des Menschen gilt als Tätigkeit der Seele und besondere menschliche Leistung, die die Voraussetzung für ein gelungenes, ein wahres Leben in Glückseligkeit (eudaimonia) bildet, wie es im ersten Buch der Nikomachischen Ethik heißt, wenn Aristoteles die Frage nach der besonderen Leistung des Menschen und seiner Vernunft stellt: „…es bleibt also das Leben in der Betätigung des ver nunftbegabten Teiles übrig. Dieser findet sich vor teils als ein der Vernunft gehorchender, teils als ein die Vernunft besitzender und ausübender. Da auch dies wiederum in doppeltem Sinne zu verstehen ist, so muß man da an das wirklich tätige Leben denken; denn dieses dürfte doch das eigentlichere sein.“13
Es ist eine besondere, eine „eigentümliche Leistung“ des Menschen, die folglich in der Tätigkeit der Seele besteht, „die sich nach der Vernunft oder doch nicht ohne die Vernunft vollzieht“, und die zugleich ein „bestimmtes Leben“ erfordert, das von „vernunftgemäßen Handlungen“ gekennzeichnet ist. Daraus folgt, dass sich die Tätigkeit der Seele als das „Gute für den Menschen“ erweist.14
Wenn Aristoteles hier von einem „bestimmten Leben“ spricht, so bezieht er dies auf die ´dritte Lebensform´, d.h. auf diejenige, für die der Mensch sich eigenverantwortlich entschieden hat und auf ein Leben in Lust oder getrieben von Machtgier verzichtet, um nach Erkenntnis zu streben. Den Menschen, die die anderen Lebensformen und die damit verbundenen Lebensziele gewählt haben, spricht er zunächst sowohl die Fähigkeit zur Tugend ab als auch ein ´vollkommenes Leben´ und Glückseligkeit. Das ´eigentliche´ Leben ist folglich ein bewußtes Leben, das von der Vernunft bestimmt, Wert und Sinn des Daseins erfaßt und dementsprechend verläuft. Es wird ein Leben sein, das sich funda mental von anderen Lebensformen abhebt, selbstbestimmt ist und die Bedeutung des allumfassenden Seins und des in ihm wirkenden Sei enden als Gesamtzusammenhang und ethische Konsequenz erfaßt, wie weiter unten noch ausführlicher erläutert wird.
Doch Aristoteles erkennt sehr wohl, dass nicht alle Menschen die Fähigkeit besitzen, der Stimme ihrer Seele zu folgen und so äußert er sich an anderer Stelle des ersten Buches nun auch zu einem weiteren Teil der Seele, der die Gründe für das ethische Versagen der ersten beiden Lebensformen benennt. So heißt es, dass der eine Teil der Seele „vernunftbegabt“ sein, der andere jedoch „vernunftlos“, denn die „Tugend dieses Seelenteils ist eine ganz allgemeine und nicht eigentümlich menschliche“, weil sie eine Phase der „Untätigkeit Seele“ darstellt und „ihrer Natur nach mit der menschlichen Tugend nichts zu schaffen hat“.15 Wenn wir diese Aussagen einmal aus psychologischem Blickwinkel betrachten, so wird klar, dass Aristoteles die menschlichen Triebe und Schwächen zu verstehen und zu erklären beabsichtigt, die ständig ihren Widersacher in der Vernunft finden. Folglich verweist er auch darauf hin, dass die Vernunft und der vernünftige Teil der Seele ständig „mit Recht und zum Besten“ ermahnt, obwohl „es auch in der Seele etwas Vernunftwidriges gibt, das der Vernunft entgegengesetzt ist und ihr widerstrebt“.16 Doch im „beherrschten Menschen gehorcht es (das Vernunftwidrige, E.J.) ja der Vernunft. Und vielleicht noch folgsamer ist es beim Maßvollen und Tapferen. Dort stimmt nämlich alles mit der Vernunft überein“, denn sie sind fähig, ihre Affekte zu kontrollieren und mit Besonnenheit moralisch zu handeln.17
7 Eine präzise Übersetzung der Begriffe und ihrer Implikate scheint aufgrund ihrer Veränderung seit der Antike unmöglich, sodass hier versucht wird, der aristotelischen Verwendung möglichst nahe zu kommen. Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 11, SP 748-863, hrsg. J. Ritter/K. Gründer/Gabriel, G., Darmstadt 2001.
8 Für Kant ist der Verstand das Vermögen, Begriffe, Urteile und Regeln zu bilden. Es ist die geistige Tätigkeit zum Erkennen der Welt, die der Vernunft aus ihrer Analyse das Material liefert. Vgl. auch Klemme, H.F.: Die Selbsterhaltung der Vernunft. Kant und die Modernität des Denkens. Frankfurt/M. 2023; Willaschek, M.: „Kant“. Die Revolution des Denkens. München 2023.
9 Wenn Aristoteles z.B. von erforderlicher Leidenschaft oder Zorn spricht (bes. im 4. und 10. Buch), so muß man im Deutschen sinngemäß von ´innerem Drang` sprechen, beispielsweise als Impetus zur Fertigstellung einer wichtigen Aufgabe. So verstanden, besitzen diese Affekte sogar ethischen Charakter. Die Stoiker haben diese Deutung indes kompromißlos abgelehnt.
10 NE I, 1095 b30.
11 Safranski, R.: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. München 2015, S. 226f.
12 NE VI, 1139 a33-b18.
13 NE I, 1097 b29.
14 Ebd.
15 Ebd. 1102 a10; 1102 b7.
16 NE, .1107 b7.
17 Ebd.
Nachdem wichtigste Aspekte der aristotelischen Auffassung zu Ver nunft und Seele in gebotener Kürze erläutert wurden, werden wir im folgenden auf die Tugend eingehen, die erst aus dem Zusammenwirken von Vernunft und ´denkender Seele´ möglich wird. Was versteht Aristoteles aber unter dem Tugendbegriff und kann man ihn im Blick auf eine allgemeinmenschliche und zeitübergreifende Bedeutung noch heute vertreten? Eine weitere, nicht unbedeutende Frage ist auch, wie die neuzeitliche Definition des Individuums mit seinen Ansprüchen an Freiheit und Selbstverwirklichung sich zu Tugenden verhält, die ja nicht gesetzlich verordnet werden können, sondern vom Einzelnen aus Überzeugung verwirklicht werden sollten.
Eine Zweiteilung wie hinsichtlich der Vernunft nimmt der Philosoph auch für die Tugend an, die inbezug auf ihre Bedeutung als menschliche Leistung bzw. Leistung der Seele unterschiedliche Ursachen und Hintergründe hat und auch unterschiedlich bewertet wird: „Denn die einen Tugenden nennen wir verstandesmäßige, die anderen ethische: verstandesmäßige sind etwa die Weisheit, Auffassungsgabe und Klugheit, ethische die Großzügigkeit und Besonnenheit.“18 Beide Weisen der Tugend beschreiben letztlich Charaktereigenschaften mit jeweils andersgearteten Qualitäten und Zielrichtungen im praktischen Leben.
Im zweiten Buch der Nikomachischen Ethik präzisiert Aristoteles diese zwei Weisen der Tugend und erklärt auch, wie der Mensch tugendhaft werden kann: „Die Tugend ist also von doppelter Art, verstandesmäßig und ethisch. Die verstandesmäßige Tugend entsteht und wächst zum größeren Teil durch Belehrung; darum bedarf sie der Erfahrung und der Zeit. Die ethische dagegen ergibt sich aus der Gewohnheit…“.19 Unter der Voraussetzung, dass der Mensch nicht von Natur aus über Tugenden verfügt, wird der äußere Einfluß durch Vorbilder oder eine erzieherische Maßnahme in Erwägung gezogen, um den Weg zur Tugend zu öffnen, und auf diese Weise durch Gewohnheit und Einsicht eine dauerhafte innere moralische Haltung zu erzeugen, die aber der Tradition und den Vorstellungen der Gesellschaft entspricht.
Diese Schlußfolgerung ist unter bestimmten Bedingungen aus heutiger Sicht jedoch nicht unproblematisch. Bedenkt man nämlich, dass keineswegs in allen Staatsformen dieselbe Ansicht zu den Inhalten und Werten der Tugend herrscht, so kann z.B. in einem fundamentalistischen Land die Ausführung von Terror und Gewalt gegenüber Andersdenkenden, wie wir dies gegenwärtig
