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Die Autorin greift in ihrer Schrift ein seit der Antike in der Philosophie immer wieder diskutiertes Thema auf, welches mit dem Begriff der „Seele“ ein wesentliches Moment des menschlichen Seins beschreibt. In der neueren Zeit hat dieses Thema Einzug gehalten in die Psychologie, Soziologie und besonders auch in die Neurologie. Immer geht es darum, das Wesen des Menschen, sein Denken und Handeln mit weiteren Begründungsversuchen zu verstehen. In unserer Gegenwart werden die sogenannten zivilisierten Gesellschaften allerdings mit Fakten konfrontiert, die erhebliche Zweifel an der Wirkkraft einer Institution wie der Seele aufkommen lassen, der nicht nur Moralität, sondern sogar die ganze Persönlichkeitsentwicklung des Menschen attestiert wurde. Wie kann es also sein, daß Menschen ihr eigentliches Wesen und ihre seelische Entfaltung völlig negieren und Inhumanität ohne Skrupel in die Tat umsetzen? Wo liegen die Probleme einer solchen Entwicklung und gibt es überhaupt einen Weg zurück? Die Autorin versucht in einer gesellschaftskritischen Analyse sowohl die fatale kulturelle Situation unserer Zeit als auch die Bedeutung des Seelischen darzustellen und Anregungen zum Nachdenken auch der eigenen Lebenssituation zu bieten.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2015
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In memoriam
Karl Albert
EINLEITUNG
Erster TeilÜBER DIE SEELE
I. Peri Psychés - Was die Seele wirklich istLebenssinn - Bewußtsein - Vernunft - Menschenbild - geglücktes Leben - Streben - Staunen - Tugend - Spiritualität
II. Die ethische Dimension des SeelenbegriffsSubjektivität - Neurowissenschaften - Materialität
III. Zur aktuellen Diskussion des SeelenbegriffsMetapher - Wirklichkeit - Tod - Unsterblichkeit
Zweiter TeilDER VERLUST DER SEELE
I. Die Diktatur der AlgorithmenDigitale Welt - Wert - Persönlichkeitssphäre - digitale Revolution - künstliche Intelligenz - Big Data - Demokratie - Freiheit
II. Verlockungen des „mainstream“Humanismus - Macht - Erfahrung - digitale Würde - Zeitgeist - Massengesellschaft - Äußerlichkeit - Kulturkritik - Religion - Erziehung
III. Muße – ein verlorener Wert?Innerlichkeit - Stille - Umkehr - Dauer - Abgeschiedenheit
Dritter TeilDIMENSIONEN DER SEELISCHEN ENTFALTUNG
I. Die Entfaltung der Seele als Fundament menschlichen SeinsMenschenbildung - Rationalisierung - Sozialisierung - Innerlichkeit - Geistigkeit - Kunst
II. Zeitlosigkeit als Element des Kunstwerks und der Erfahrung des BetrachtersLebensphilosophie - Form - digitale Ästhetik - Fiktion
III. Bin ich noch Mensch – und wenn ja, welcher?Spiritualität - Sittlichkeit - Wert - Vorbild - Renaissance - Humanismus - Moralphilosophie
BIBLIOGRAPHIE
Seit Jahrtausenden befaßt sich das philosophische Denken – und mit durchaus divergierenden Erkenntnissen - mit dem Phänomen der Seele.1 Einer der einflußreichsten Philosophen, der sich vielfach mit diesem Thema beschäftigt hat, war Platon, in dessen Höhlengleichnis der Politeia von einem Aufstieg (anábasis) in das Reich der Erkenntnis mit dem Ziel der Umlenkung der Seele (periagogé) die Rede ist.2 Und im Phaidón legt Platon seine Überlegungen zur Unsterblichkeit der Seele dar, welche von der Idee des Lebens bestimmt ist. In seiner vermutlich zwischen 335 bis 323 v. Chr. entstandenen systematischen Schrift Peri psychés3 handelt Aristoteles in kritischer Auseinandersetzung mit früheren Auffassungen4 über das Lebensprinzip im allgemeinen und die menschliche Seele im besonderen, welche er sowohl als bewegende Kraft als auch als Fundament menschlicher Existenz bezeichnet. Immer geht es um die Entfaltung des Menschen zu einer höheren, geistigen Existenz, zu einer höheren Lebensqualität, wie u.a. später auch Nietzsche vielfach hervorhebt. Das Streben nach einem „Mehr“ als dem bloßen, unreflektierten Dasein bestimmt mithin die Suche nach einer Instanz, die zwar immateriell und auch imaginär ist, jedoch wesentlichen Anteil an der Eigenart menschlichen Seins und Lebens besitzt.
Mit der Frage nach der Existenz und der Bedeutung der Seele ist folglich immer auch die Frage nach dem Wesen des Menschen gestellt und zugleich die Frage nach seiner Orientierung in der Lebenswelt. Heute hat diese Frage augenscheinlich an Bedeutung verloren, nehmen doch andere, und offensichtlich dem Menschen wichtigere Themen in der Gesellschaft mehr Raum ein. Es sind vorrangig Themen der Alltagswelt, die die Diskussion in Politik und Kultur bestimmen, wobei der Blick auf das Fundament des menschlichen Wesens, seiner wahren Existenz, an Gewicht verliert. Doch diese Fixierung auf die „Außenwelt“ hat sowohl eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Verhalten des Menschen zu sich selbst (sein Selbstverständnis) als auch auf sein Weltverständnis (sein Verständnis des Anderen, zur Natur und zu allem ihn Umgebenden). Die Seele aber ist Spiegel der Innenwelt des Menschen, wie Karl Albert aus platonischer Sicht häufig betont hat5, und diese Innenwelt verlangt nach Entfaltung - hin zu einem bewußten, verantwortungsvollen und mit Sinn erfüllten Leben.
Wie wichtig eine neuerliche Beschäftigung mit dem augenscheinlich bedeutenden Seelenbegriff ist, wird sich im zweiten Teil zeigen, wenn wir versuchen, die gegenwärtige geistig-kulturelle Situation zu schildern, die zwar allgemein auf Irritationen zu treffen scheint, ohne aber überzeugende Lösungswege hervorzubringen. Auch hierfür gilt es Gründe zu benennen, die zumindest ansatzweise das wirkliche Problem skizzieren und eine Besinnung auf eine andere als die bloße Alltagswelt und ihre Belange in den Blick rücken, in der der Mensch seine wahre Existenz suchen und möglicherweise auch finden kann. Diese andere Welt ist eine geistige Welt, die sich deutlich von derjenigen unserer Massenkultur unterscheidet, eine Welt, die man als elitär und utopisch bezeichnen könnte, doch sie steht einem jeden Menschen offen, der bereit ist, in sie einzudringen und in ihr seine Individualität zu erfahren und zu entfalten.
Mit diesem Weg in eine „höhere“ Welt ist nun auch eine Veränderung des Bewußtseins und der Haltung zur Welt in toto verbunden, was sich nicht zuletzt im Verhältnis zu Werten und Lebenseinstellungen (moralischen, soziokulturellen usw.) offenbart.
Man wird sich mit Recht fragen, wie solche, zunächst nur angedeutete Überlegungen in einer Welt der Globalisierung, der Gewinnmaximierung, einer „Spaßgesellschaft“, ja, in einer Welt der Oberflächlichkeit, der Beliebigkeit, auch der Verantwortungslosigkeit und des ungezügelten Egoismus überhaupt Gehör finden oder gar Wirkung zeigen könnten. Haben nicht alle Denker seit der Antike immer wieder versucht, dem Menschen Orientierung zu geben und ihm über das Funktionale hinaus den Sinn des Lebens nahezubringen? Sie haben Kriege, Mord und Folter, Ungerechtigkeiten und Verwahrlosung der Seele nicht verhindern können, aber sie haben immer wieder versucht, ihren Einfluß geltend zu machen, um der Menschheit den wahren Sinn des Lebens vor Augen zu führen.
Im ersten Teil soll nun nach einer Definition des Seelenbegriffs der Versuch unternommen werden, die These vom Verlust der Seele zunächst im Blick auf Aristoteles´ Auffassung zu Begriff und Bedeutung der Seele zu erläutern und im Rekurs auf einschlägige philosophische Aussagen eine neuerliche Besinnung auf die Bedeutung des Seelischen anzuregen.6 Eine exemplarische Erörterung des aktuellen Seelenbegriffs soll ferner zeigen, daß die Vielfalt der gegenwärtigen Ansätze bemüht ist, die Herausforderungen der Gegenwart aufzugreifen und zumindest theoretisch Lösungen anzubieten. Daß in diesem Zusammenhang nicht nur Bereiche der Ethik, der Kunst und Religion, aber auch der neurologischen Forschung einbezogen werden müssen, liegt auf der Hand, insofern mit dem Begriff der Seele ein weites, und verschiedenartige Disziplinen interessierendes Spektrum menschlichen Bewußtseins umfaßt ist, denn sie ist der Ort, welcher Denken, Fühlen und Handeln maßgeblich bestimmt.
Das zweite Kapitel befaßt sich mit der Situation unserer Lebenswelt, deren Problematik zwar in der einschlägigen Literatur durchaus präsent ist, aber in der Realität keinerlei Veränderungen erzielt hat. Hier geht es nicht nur um die Einflüsse von Technik und Wirtschaft auf das Verhalten des Menschen und seine Lebensbedingungen, sondern auch um das Selbstverständnis des Menschen in der digitalen Welt mit ihren Verlockungen und Verführungsstrategien. Haben wir es bereits mit dem „Untergang des Abendlandes“ zu tun, einer zivilisatorischen Dekadenz also, wie Oswald Spengler bereits 1918 kritisch bemerkte? Und fordert nicht Hans Jonas mit Recht in seinem vielbeachteten Werk „Das Prinzip Verantwortung“ (1979) eine Ethik, die den „endgültig entfesselten Prometheus“ in seine Grenzen weist, damit nicht die „Verheißung der modernen Technik in Drohung“ umschlägt?7 Nicht nur die Verführbarkeit und geistige Anspruchslosigkeit des Menschen verhindern trotz mahnender Worte eine Abkehr von dem Weg in die Orientierungslosigkeit, sondern auch das Versagen derjenigen, die ihren politischen, pädagogischen und ökonomischen Einfluß nicht geltend machen, indem sie zugunsten von Profit und Nutzen auf Werte und Vorbildfunktionen verzichten. Weitreichende Folgen hat diese Tendenz in Bezug auf den Mikrokosmos der persönlichen Lebensführung sowie auf das Miteinander der Nationen, Kulturen, Religionen usw.
Der letzte Teil schließlich ist voraussichtlich nur ein weiterer Versuch im Anschluß an die Bemühungen philosophischer, psychologischer und soziologischer Unternehmen, erneut zum Nachdenken über die Seele und das Wesen des Menschen anzuregen. Denn unsere These, daß die Seele etwas für den Menschen Bedeutendes und Sinnstiftendes ist, welches sein Selbst- und Weltverständnis maßgeblich bestimmt, ist in unserer technokratischen Welt nicht mehr hinreichend verankert. Es mag ein kühner Versuch sein, denn auch sein Rekurs auf metaphysische Traditionen entspricht so gar nicht dem zeitgenössischen Diskurs.
1 Vgl. Hist. Wörterbuch der Phil. (HWPh), Hg. von J. Ritter/K. Gründer, Bd. 9, S. 2-89.
2 515E, 517B, 519D. Vgl. auch den „Seelenmythos“ im Phaidros, in welchem die Seele Erkenntnis sucht. Vgl. hierzu auch K. Albert: Griechische Religion und Platonische Philosophie. Hamburg 1980. S. 50ff.; 53ff.
3 Lat. De anima; dt. Über die Seele. ED Padua 1472.
4 U.a. mit Demokrit, Anaxagoras, Heraklit, Thales, Alkmaion.
5 Vgl. u.a. E. Jain/St. Grätzel (Hg.): Leben für die Philosophie – Leben in der Philosophie. Karl Albert im Gespräch. München 2006, S. 66f.
6 Ich beziehe mich dabei gelegentlich auf meine Besprechungen von 2008 und 2012 im Philosophischen Literaturanzeiger, Frankfurt/M.
7 H. Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 3. Aufl. Frankfurt 1982, S. 7.
Die Frage, was den Menschen kennzeichnet, was ihn unterscheidet von anderen Lebewesen, ist vermutlich der Ausgangspunkt der Reflexion über den Ort, in welchem jene Besonderheit gründet, die Denken, Fühlen und Handeln bestimmt. Dieser Ort – nennen wir ihn Bewußtsein, Seele, möglicherweise auch Herz oder Gehirn – ist zunächst in Bezug auf die Seele und das Bewußtsein undefinierbar. Herz und Gehirn hingegen sind materiell vorhanden, und ihre Funktionen sind grundsätzlich bekannt und kalkulierbar. Wie aber steht es mit der Seele? Ist ihre Annahme lediglich eine Spekulation oder Fiktion oder vielleicht doch eine Metapher für ungewisse geistige Abläufe, für das ganz Individuelle eines jeden Menschen?
Vor diesem Hintergrund ist es unerläßlich, einmal auf den Stagiriten zurückzugreifen, dessen Gedanken über die Seele Aufschluß geben können über diesen immateriellen Ort, der das menschliche Sein so maßgeblich zu beeinflussen scheint.
Aristoteles, der 384 v. Chr. in Stagira (Chalkidike) geborene griechische Philosoph, gehört mit Sokrates und Platon zu den bedeutendsten Denkern der Antike. Obwohl von der sokratischen und platonischen Philosophie zunächst beeinflußt, entwickelte er bereits früh seinen eigenen philosophischen Standpunkt. Allgemein wird er als der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Philosophie bezeichnet, hat er sich doch intensiv mit der Logik (die er Analytik nennt) seines sechs Schriften umfassenden „Organon“ beschäftigt, um logische Grundgesetze von Begriff, Urteil, Schluß, von Definition, Beweis sowie methodischen Problemen niederzulegen.
In unserem Zusammenhang interessiert vor allem die Auffassung des Aristoteles zur Ethik, die im Blick auf seine Ausführungen zum Wesen des Menschen (bzw. seine „Seelenlehre) eine besondere Prägnanz und Tiefe erhält. So liefert seine Schrift De anima nicht nur zeitübergreifende und wertvolle Erkenntnisse in psychologischer, sondern auch – obwohl nur marginal - in philosophischer und pädagogischer Hinsicht, insofern sie gerade in jenen Bereichen Geltung beanspruchen dürfte, die in der heutigen Zeit beachtliche Probleme aufweisen (vgl. hierzu den zweiten Teil).
Im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon konzediert man Aristoteles einen „nüchternen Wirklichkeitssinn“ und die „schärfste Ausprägung des griechischen Intellektualismus“, welche ihn dazu angeregt haben müssen, die Realität empirisch zu untersuchen.8 Sehr eindrucksvoll kommt dieser Unterschied der beiden Philosophen Platon und Aristoteles in dem Fresko Raphaels mit dem Titel ´Die Schule von Athen´ (1510-11) zum Ausdruck, auf dem Platon mit der Hand gen Himmel weist, während Aristoteles zur Erde zeigt und bezeichnenderweise ein Buch mit der Aufschrift „ETICA“ in der Hand hält. Er wendet sich der Wirklichkeit, dem Menschen und seinen Belangen zu, will die Hintergründe menschlichen Denkens und Handelns ergründen und nicht zuletzt auch Wege zu einem gelingenden und sinnvollen Leben aufzeigen. Platons Blick hingegen richtet sich auf das allumfassende Sein als Quelle höherer Inspiration, welches seinen Philosophiebegriff und sein Denken fundamental bestimmt.9
Welche ungeheure Bedeutung die aristotelische Grundlegung einer wissenschaftlichen Fundierung philosophischer Überlegungen für das abendländische Denken besitzt, zeigt sich jedoch nicht nur im Bereich der Philosophie, sondern auch in allen anderen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich dem geistigen und dem naturwissenschaftlichtechnologischen Fortschritt widmen. Die stringente aristotelische Durchdringung wissenschaftlicher Prinzipien könnte man daher als Spezifikum und Impuls und als das Typische des abendländischen Denkens bezeichnen.
Eine weitere Grundlage des philosophischen Denkens ist für Aristoteles ferner die Metaphysik, die er in vielen seiner Schriften mit der Logik verbindet (etwa in der Kategorienlehre). In seiner Unterteilung der Philosophie nach inhaltlichen Problemen nimmt denn auch die Metaphysik (als „erste Philosophie“ und zugleich als theoretische) eine besondere Stellung ein (einschließlich im übrigen der Mathematik, Physik und Psychologie). Der theoretischen Philosophie folgen die praktische (Ethik, Politik, Ökonomik) und schließlich die poietische (Technik, Ästhetik und Rhetorik).
Bemerkenswert an dem breiten Spektrum der aristotelischen Philosophie ist nicht zuletzt seine Beschäftigung mit dem Menschen und seinen Eigenschaften, z.B. der Seele, dem Bewußtsein, der Vernunft usw., deren Erkenntnisse die gesamte kulturelle Entwicklung des Abendlandes bis in die Gegenwart hinein beeinflussen.
Um die Aktualität des aristotelischen Denkens vor allem im Blick auf sein Menschenbild in den Blick zu rücken, konzentrieren sich die folgenden Überlegungen vor allem auf die Ethik, die ja in der Gegenwart aufgrund der brisanten Weltlage wieder ins Zentrum des philosophischen Diskurses gerückt ist. Folgende Fragen beschäftigen uns daher in Bezug auf die aristotelische Ethik besonders:
Welches Menschenbild bestimmt die aristotelische Ethik im Blick auf die Definition der Seele?
Welche Forderungen stellt Aristoteles an den Menschen?
Welche Elemente dieser beiden Aspekte sind zeitübergreifend von Bedeutung.
1
Schon vor der Nikomachischen Ethik hat Aristoteles die Ethica Eudemica verfaßt, in der er sich mit Fragen eines geglückten Lebens beschäftigt und für dieses Voraussetzungen formuliert. So nennt er zunächst die philosophische Einsicht (phrónesis), sodann das ethische Handeln (areté) und schließlich die Lust (hedoné), wobei eine jede Haltung jeweils auf entsprechende Lebensformen bezogen ist: auf die philosophische, die politische und die auf den Genuß gerichtete.
Walter Bröcker fragt in seinem Buch über Aristoteles, was dieser wohl unter Philosophie verstehe und meint, daß Philosophie nach Aristoteles zunächst durch die Liebe zur „tiefsten Einsicht“ bestimmt sei und daß sie sich damit zugleich als Prinzip des eigentlichen „Menschsein-Wollens“ auszeichne.10 Das Streben (órexis) des Menschen nach Einsicht sei seinem Wesen gemäß, wobei indes auch die Erfahrung neben dem theoretischen Wissen um einen Sachverhalt eine große Rolle spiele. Das „Mehr“ an Erkenntnis ist mithin nicht nur ein quantitativer Zugewinn, sondern vielmehr ein Zugewinn an Tiefe der Erkenntnis, die auf Weisheit hinzielt und den Menschen in seinem Wesen entsprechend formt.11 Worauf es also für den Menschen ankommt, ist das erstrebenswerte Gute, das „menschlich“ Gute, welches für Aristoteles Leitgedanke der Ethik überhaupt ist und in seiner Nikomachischen Ethik zum zentralen Prinzip wird.
Die Nikomachische Ethik, die vermutlich zwischen 335 und 323 v.Chr. entstanden ist, bietet nun dezidiert und erstmalig in der Geschichte der Philosophie eine philosophische Analyse des praktischen Lebens in der Polis, wobei sie zugleich eine klare Aussage über ein bestimmtes (natürlich zeitgemäßes) Menschenbild vermittelt. Insofern nach Aristoteles jeder Bürger ein Höchstmaß an Glückseligkeit anstrebt, ist einem jeden zur Verwirklichung dieses Zieles daran gelegen, tugendhaft zu handeln. Die Absicht, das „Gute“ (agathon) zu erstreben, begründet Aristoteles folgendermaßen:
„Jede Kunst und jede Lehre, desgleichen jede Handlung und jeder Entschluß, scheint ein Gut zu erstreben, weshalb man das Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles strebt.“12
Obwohl Aristoteles das Erreichen des Guten als wesentliches und eigentliches Lebensziel des Menschen bezeichnet, wendet er doch kritisch ein, daß die tiefste Einsicht kein apriorischer und kein fester Besitz des Menschen ist. Vielmehr überantwortet er dem Menschen selbst die Aufgabe, mit eigener Kraft und Willen zur Einsicht und mithin zum Guten zu gelangen. Und so spricht er vom immerwährenden Streben und von der dem Menschen innewohnenden Liebe zur Einsicht, welche aus dem Staunen entspringen, wie er in seiner Metaphysik (983a) betont.13 Das Staunen fordert den Menschen heraus, entzieht seinem Blick das Alltägliche und Übliche, läßt dagegen den Menschen sich intensiv auf das Andere und Besondere einlassen und verändert ihn schließlich aufgrund des erschauten Ungewöhnlichen. So weckt das Staunen – wie Walter Bröcker ausführt – in der Philosophie „die Liebe zu einem Mehr an Einsicht und den Willen bis zum ´Am Meisten´, zur tiefsten Einsicht vorzudringen. Das Staunen stört den Menschen aus seiner Ruhe auf.“14
Aristoteles´ Interesse an dem „Inneren“ des Menschen zeigt sich insbesondere in seinen Ausführungen über die Seele, die er als Sitz des Bewußtseins, des Verhaltens und auch des grundsätzlichen Strebens nach einem geglückten Leben zu verstehen scheint. Weil das erstrebenswerte Gute (und mit ihm die „Glückseligkeit“) nun aber rein subjektiv und mithin unterschiedlich verstanden werden kann (NE 1095a, 17-20), nimmt Aristoteles eine sehr bedeutsame Eingrenzung des Guten vor.15 Nicht das Zweckhafte (Nützliche) und insbesondere dem alltäglichen Leben Dienende bezeichnet er als das wahrhaft Gute, sondern einen „letzten Zweck“ („to aristón“ als bestes und oberstes Gutes), welchen der Mensch um dieses Zweckes selbst willen erstrebt. Die moralische Frage lautet folglich: Welches ist der Zweck, auf den es letztlich wirklich ankommt? Lust, Ehre und Reichtum sind nach Aristoteles nicht Ziel des Strebens nach dem Guten (NE 1095a, 1096a). Vielmehr geht es ihm um das wahre, sich entfaltende Wesen des Menschen als Ziel allen Strebens. Ziel und Zweck ist also das „Menschsein“ als Vollendetes, welches „Glückseligkeit“ (eudaimonia) verspricht (NE 1097b), ein mit dem „Emporstreben“ des Menschen bei Nietzsche durchaus vergleichbarer Gedanke.
Dieses Ziel zu erreichen, obliegt nach Aristoteles allein dem einzelnen Menschen. Sein Handeln und Denken als Tätigkeit der Seele führt gemäß der eigenen Tugend zum Erreichen dieses Zieles. Allerdings betont Aristoteles dabei, daß eine Handlung nur dann ethisch wertvoll sei, wenn sie auf Freiwilligkeit und auf einer verantwortungsbewußten Entscheidung beruht. Diese aus heutiger Sicht sehr modernen Gedanken in Bezug auf sein Menschenbild und zur Bedeutung der Individualität legt Aristoteles insbesondere im dritten Buch der Nikomachischen Ethik folgendermaßen dar:
„Unfreiheit scheint alles zu sein, was aus Zwang und Unwissenheit geschieht. Erzwungen oder gewaltsam ist dasjenige, dessen Prinzip außen liegt, und wo der Handelnde oder der Gewalt Leidende nichts dazutut…“ (NE 1110a).
Der freiwillig Handelnde hingegen steht in der Verantwortung für sein Handeln, muß es rechtfertigen und kann sich niemals auf äußere Umstände (Zwänge, die Vernunft einschränkende Regeln usw.) berufen. Freiheit des Denkens und Handelns sind neben der Forderung nach Selbstverantwortung mithin die grundlegenden Momente des von Aristoteles vertretenen Menschenbildes.
Mit dem Bezug auf den Menschen und die alles bestimmende Kraft seiner Seele versteht Aristoteles den Menschen als frei entscheidendes Wesen, welches sowohl im Staatsgebilde als auch im persönlichen Bereich bewußt zu handeln in der Lage ist und nach dem Guten strebt. Indem er zu realisierende Normen und Werte auf die konkrete Wirklichkeit bezieht, entwickelt er zugleich seine Vorstellungen eines gelingenden Lebens.
Indem er die Seele als herausragenden Forschungsgegenstand der Wissenschaft bezeichnet, insofern ihre Kenntnis zum Verstehen des gesamten Seins („am meisten zum Blick in die Natur“) beizutragen in der Lage sei, rückt Aristoteles erstmals in der Philosophie die Bedeutung der menschlichen Existenz (der Seele) ins Zentrum philosophischer Überlegungen. Denn die Seele sei gewissermaßen der Grund (arché) der Lebewesen (402a). Der Schwierigkeiten einer Beschreibung und Definition seines Gegenstandes ist sich Aristoteles durchaus bewußt, wie er im folgenden zu bedenken gibt. Erkenntnisleitend sind nun für den Philosophen eine Reihe von Kriterien, von denen hier die wichtigsten benannt werden: Bestimmung der Gattung der Seele, ihr Sein (tí estí), ihr spezifisches „Etwas“ (tóde ti), ihre Wesenheit (ousía) sowie Qualität und Quantität. Darüber hinaus fragt Aristoteles, ob die Seele zum „Möglichen“ (en dynámei ónta) gehört oder eher „eine Art Erfüllung“ (entelécheia) sei.
Von besonderer Bedeutung ist in unserem Zusammenhang nun aber die Untersuchung der Leistungen (érga) der Seele, auf die wir im folgenden etwas genauer eingehen wollen. Zu diesen Leistungen zählt Aristoteles z.B. das Denken (noeîn), den denkenden Geist (noûs) und das Wahrnehmen (aisthánesthai) oder das Wahrnehmungsvermögen (aisthétikón), auch das Gefühl. Vor allem diese Aspekte lassen auf das allgemeine Selbst- bzw. Weltverhalten schließen, welches uns im Rahmen dieser Erörterung zu beschäftigen hat. Zuvor jedoch zu der von Aristoteles vorgenommenen allgemeinen Bestimmung der Seele, die sich im zweiten Buch seiner Schrift befindet.
Nach Aristoteles ist die Seele 1. „die vorläufige Erfüllung (entelécheia próté) des natürlichen Körpers“ und 2. als Wesenheit das „eigentliche Sein“ und Lebensprinzip (412b). Was ist unter diesen Definitionen zu verstehen? Im folgenden gibt Aristoteles einige klärende Hinweise. Zunächst lesen wir, daß Körper und Seele eine untrennbare Einheit bilden, denn: „so sind die Seele und der Körper zusammen das Lebewesen“ (413a). Die Seele ist das „eigentliche Sein“ (412b), denn sie ist das, „dank dem wir zuerst leben, wahrnehmen und überlegen“ (414a). Sie ist mithin die besondere Kraft, sie ist „Erfüllung“ des Körpers, ein „Etwas am Körper, und deswegen ist sie in einem Körper und zwar in einem so und so beschaffenen Körper“ (ebd.). Aristoteles konkretisiert diesen Gedanken mit den folgenden Worten: „… die Seele (ist) eine Art Erfüllung und der Begriff von dem ( ), was die Möglichkeit hat, so und so zu sein…“ (ebd.). Die Seelenkräfte sind mithin wohl bei einigen Lebewesen prinzipiell vorhanden, gleichwohl sind sie in unterschiedlicher Weise ausgeprägt (bei Pflanzen und Tieren jedoch nur teilweise).
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Nach den vorangegangenen Überlegungen zur Bedeutung und Funktion der Seele, welche nicht zuletzt auch das Menschenbild des Aristoteles charakterisieren, wenden wir uns nun der Frage zu, welche moralischen Ansprüche an den Menschen in der aristotelischen Ethik gestellt werden. Das Erreichen des Guten als höchstes Ziel menschlichen Daseins und menschlicher Entfaltung basiert auf den Tugenden,
