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Damian Drake nennt sein neues Buch AUSRADIERT, eine wahre Geschichte, die mein Leben schrieb. Und wie auch schon bei Amoklauf Tagebuch oder Im Rausch der Love Parade öffnet der junge Autor aus Neuseeland eine Schachtel, in der er all jene Ereignisse aus seinem Leben sammelt, um sie früher oder später zwischen zwei Buchdeckel zu packen. AUSRADIERT hat Damian Drake bereits mit 13 Jahren geschrieben, allerdings erst jetzt zur Veröffentlichung freigegeben. Und in dem autobiographischen Roman schockt der Autor erneut seine Leser mit der nackten Wahrheit um seine Person. Denn seine Kindheit und Jugend war alles andere als schön verlaufen! Doch der neue Roman hat auch magische und phantastische Elemente, die AUSRADIERT zu einem ganz besonderen Buch machen. In dieser Geschichte entdeckt der Junge sein Talent, dass er sich eine eigene Welt erschaffen kann, in der er die Drähte zieht. Er malt eine triste Landschaft, in die allmählich Farbe kommt, nicht zuletzt, als er dort auf Lars trifft, einen Jungen, der von seinen Eltern nackt am Wegesrand ausgesetzt wurde ... Und mit der Zeit nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die eine ganz besondere Wendung im Leben aller Beteiligten aufzeigt. Denn was passiert, wenn aus Hass Liebe wird oder aus Liebe Hass? Dann steuert der Junge auf ein Schicksal zu, das er sich so in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte ...
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Damian Drake
Damian Drake
Ausradiert
Wenn Hass zu Liebe wird
Alle Texte, Textteile, Grafiken, Layouts sowie alle sonstigen schöpferischen Teile dieses Werks sind unter anderem urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren, die Digitalisierung, die Farbverfremdung, sowie das Herunterladen z. B. in den Arbeitsspeicher, das Smoothing, die Komprimierung in ein anderes Format und Ähnliches stellen unter anderem eine urheberrechtlich relevante Vervielfältigung dar. Verstöße gegen den urheberrechtlichen Schutz sowie jegliche Bearbeitung der hier erwähnten schöpferischen Elemente sind nur mit ausdrücklicher vorheriger Zustimmung des Verlags und des Autors zulässig. Zuwiderhandlungen werden unter anderem strafrechtlich verfolgt!
Copyright © 2014 the boox publishers, New Zealand
1. Ausgabe
Die deutsche Originalausgabe erschien im Juni 2014
im mysteria Verlag /www.mysteria-Verlag.de
© 2014 mysteria Verlag
Publishing Rights © 2014 Damian Drake
Buchcover, E-Book-Erstellung & Korrektorat:www.AutorenServices.de
Übersetzung aus dem Neuseeländischen sowie Lektorat: Marlon Baker
Das Paperback ist bei CreateSpace Independent Publishing Platform
mit der ISBN-13: 978-1497525283 erschienen.
Alle Rechte vorbehalten.
Viele, die mich kennen, würden mit Gewissheit behaupten, dass ich ein sehr glückliches und zufriedenes Kind gewesen war, dass sich da hinter den dunkelbraunen Augen und dem stets lachend dreinblickenden Gesicht verbirgt. Das dem aber nicht so war, wird meine hier niedergeschriebene Geschichte verdeutlichen. Denn ich bin keineswegs das glückliche Kind gewesen, für das mich alle halten! Ich muss nicht einmal weit zurückgehen, um die Anfänge dieser Geschichte aufs Papier zu bringen. Viel zu schmerzvoll waren oder sind die Erinnerungen daran, als mich mein Vater mal wieder grundlos, jedenfalls für meine Begriffe, verprügelte und mir dabei die Nase brach.
Das geschah vor wenigen Wochen, kurz nachdem ich 13 Jahre alt wurde. Doch das war nur einer der wenigen Höhepunkte der Eskalationen zwischen mir und meinem Vater, die wohl schon vor Jahren ihren Anfang genommen hatten. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass es mal eine Zeit gegeben hatte, in der ich nicht geschlagen oder gar misshandelt wurde. Oft fragte ich mich, an was es nur liegen könnte, dass ich derart in Ungnade gefallen war bei meinem Vater und warum meine Mutter als Zaungast lediglich Zuschauerin blieb, die aber nie eingegriffen hätte, wenn es wieder und immer wieder zu Übergriffen kam.
Dabei war ich kein Einzelkind, auch wenn ich mich sehr oft so fühlte. Ich hatte noch zwei Schwestern: Sabrina war zwei Jahre jünger als ich und das Nesthäkchen Jessica war sieben Jahre jünger.Die kleine Prinzessin,wie sie mein Vater immer nannte. Schon früh hatte ich bemerkt, dass er meine beiden Schwestern irgendwie anders behandelte, sie gar bevorzugte. Sie hatten förmlich Narrenfreiheit. Und nicht selten wurde ich für deren Fehler (mit) zur Verantwortung herangezogen. Ich hatte nie erlebt, dass mein Vater auch nur einmal seine Hand gegen sie erhob. Ganz im Gegenteil. Sie bekamen stets die Aufmerksamkeit und Geborgenheit, nach der ich mich so sehr sehnte. Und was ich auch anstellte, von diesen elementaren Dingen etwas abzubekommen, scheiterte ich immer an der väterlichen Gewalt, die mir entgegengebracht wurde.
Längst waren die Gewaltausbrüche meines Vaters nicht das Einzige, vor denen ich mich fürchtete. Denn mein Vater hatte noch eine andere Methode, mich zu quälen oder zu demütigen. Wann immer es eine Kleinigkeit zu bestrafen gab, verdonnerte er mich oft zu tage- oder wochenlangem Hausarrest, in denen ich nicht einmal mein Zimmer verlassen durfte.
Ich fühlte mich in diesen Zeiten wie ein Gefangener, wie ein Verstoßener. Schlimmer noch, denn einem Gefangenen stand zumindest eine Freistunde im Hof zu, von der ich nur träumen konnte. Wenn er mich wenigstens für Dinge bestraft hätte, die einen Sinn machten, dann hätte ich diese Strafen zähneknirschend hingenommen. Aber oft waren es völlig belanglose Dinge, die in keinem Verhältnis zu den Strafen standen.
Nur um mal ein Beispiel hier anzuführen, damit ihr euch vorstellen könnt, was ich damit meine: Er hat mir doch tatsächlich mal eine Woche lang Hausarrest erteilt, nur weil ich die Decke im elterlichen Schlafzimmer unordentlich machte und das auch nur, weil ich wütend geworden war, dass er mir meine Stifte weggenommen hatte. Solche belanglosen Beispiele könnte ich hier zu hunderten aufzählen und damit unzählige Seiten füllen, die stets in einem Hausarrest endeten.
Doch das möchte ich nicht. Vielmehr möchte ich euch erzählen, was ich während meiner Isolation auf meinem Zimmer erlebte und was für ein Schauspiel aufgeführt wurde, wenn wir mal Besuch bekamen, ich aber noch immer einen Hausarrest absitzen musste. Weil aber Besuch von meinen Großeltern eher zur Ausnahme gehörte, will ich euch zuerst berichten, wie ich trotz der Entfremdung zu meiner Familie nie den Mut verlor, dass alles irgendwann besser werden würde.
Zu meinem 13. Geburtstag hatte ich von meinen Großeltern eine riesige Packung mit 48 Buntstiften und einen dicken Malblock geschenkt bekommen, den ich allerdings monatelang nicht angesehen hatte. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, mich an meinen Möbeln austoben.
Während dieser Zeit waren zwei Bettrahmen unter mir zerbrochen, die natürlich wieder neue Strafen nach sich zogen. Statt mir aber endlich mal zuzuhören, hielt man mich lieber unter Verschluss!
Die Stofftiere aus meiner Kindheit mussten oft Folterungen über sich ergehen lassen, da ich mich an denen für meine Situation zu rächen versuchte. Irgendjemand musste doch meinen stetig anwachsenden Frust auffangen. Und da kamen hilflose Stofftiere, wie der dicke Bär, doch gerade recht. Nicht selten flogen ihre Gliedmaße in alle Himmelsrichtungen, bis alle zerstört in einer Truhe unter meinem Schreibtisch ihr letztes Grab fanden. Erst kurz vor Weihnachten, als es kaum noch ein heiles Spielzeug in meinem Zimmer gab, besann ich mich auf die Buntstifte und den Malblock.
Wie jeder andere Junge in meinem Alter war auch ich beladen mit tonnenweise Wünschen und Hoffnungen, die mir vor dem Weihnachtsfest durch den Kopf gingen.
Darin unterschied ich mich nicht von meinen Klassenkollegen, die alle ein oder zwei Jahre jünger waren, weil ich bereits die zweite Ehrenrunde drehte. Meine Wünsche unterschieden sich jedoch von denen von gewöhnlichen Jungen meines Alters. Denn welcher Dreizehnjährige würde ganz weit oben auf seinem Wunschzettel Dinge aufführen, wie das er gerne einen Freund hätte, oder einfach mal nur eine Woche erleben wollte, in der es keine Bestrafungen oder Schläge gab. Dabei wusste ich schon seit Langem, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Dieser Illusion war ich bereits im zarten Alter von sechs Jahren beraubt worden, als mein Vater den von mir geschriebenen Wunschzettel vor meinen Augen zerriss und ihn in der Toilette herunterspülte.
Alles, was er damals dazu meinte, war, dass ich besser erwachsen werden und der bitteren Realität ins Auge blicken sollte. Und das sagte er zu einem Sechsjährigen, der doch noch voller Hoffnungen und Fantasien war. Trotz dieser Tatsache schrieb ich jedes Jahr aufs Neue einen Wunschzettel, den ich allerdings nicht mehr meinen Eltern gab, sondern in einer kleinen Schachtel unter dem Bett aufbewahrte. Einzig meinen Großeltern äußerte ich noch meine Wünsche, wobei diese damit nicht selten überfordert waren.
Woher sollten sie auch wissen, warum ich mich derart stark nach einem Freund sehnte? Sie gingen davon aus, dass ich in der Schule jede Menge Freunde hatte – aber was war mit meinem Zuhause? In der Tat, die Schule war für mich die einzige Möglichkeit, noch Kind zu sein. Jede Pause und auch die kurze Zeit davor und danach gehörten zu den wenigen Augenblicken in meinem Leben, in denen ich mit sogenannten Schulkameraden spielen konnte.
Daher fürchtete ich mich stets vor den Wochenenden aber allem voran den Ferien. Jeder andere Junge fieberte den Schulferien oder einem langen Wochenende entgegen. Sie konnten es kaum noch erwarten, sich in neue Abenteuer zu stürzen. Aber wenn ich mal danach gefragt wurde, ob oder wie viele Freunde ich hatte, dann musste ich nicht lange nachdenken, da es nur einen einzigen Jungen gab, der trotz, dass wir uns in der Schule sahen, so etwas wie ein Freund für mich war.
Es war der gleichaltrige Dennis, der nur wenige hundert Meter von mir entfernt wohnte. Und obwohl dies keine allzu große Distanz war, so bedeutete diese für mich eine unüberwindbare Entfernung. Dennis lebte im Hier und Jetzt. Er konnte so gut wie alles tun, wonach ihm der Sinn stand. Einzig an unserer Haustür scheiterte er zuweilen, wenn er mich besuchen wollte.
Wann immer er den Mut aufbrachte und an unsere Tür klingelte, wurde ihm unmissverständlich klargemacht, dass ich entweder nicht da war oder nicht raus durfte, weil ich Hausarrest hatte. Das sprach sich schnell unter den Kindern in meiner Nachbarschaft herum, und so riskierte erst keiner mehr, bei mir zu klingeln. Denn wenn mein Vater die Tür öffnete, so drohte er selbst diesen fremden Kindern körperliche Gewalt an. Aus dieser Angst heraus mieden es alle anderen aus der Nachbarschaft, sich mit mir anzufreunden. Sie machten regelrecht einen großen Bogen um mich, wenn ich denn mal vor die Tür durfte.
Das diesjährige Weihnachten sollte aber vieles in meinem Leben ändern. Ich konnte jedenfalls meine Mutter davon überzeugen, dass ein Hund doch eine tolle Anschaffung wäre.
Doch bis zu Weihnachten war es noch ein langer Weg.
Als ich mal wieder einen ausführlichen Wunschzettel zu Papier gebracht hatte und diesen in der kleinen Schatulle versteckte, in der die gesamten weiteren Wunschzettel zu Weihnachten oder meinem Geburtstag im März sich anhäuften, kramte ich den Malblock hervor. Eigentlich wollte ich auf dem Block ein Bild für die Schule malen, da die Lehrerin von uns wissen wollte, wie wir uns das diesjährige Weihnachten vorstellten. Aber nachdem ich auch noch den vierten Versuch in den Mülleimer unter den Schreibtisch getreten hatte, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, was sich in diesem Jahr an diesem Fest und auch an meiner beschissenen Situation verändern sollte, saß ich fast den ganzen weiteren Nachmittag vor einem leeren Blatt Papier. Niemandem störte dies. Niemand fragte, ob ich vielleicht Hilfe bräuchte.
Meine Tür blieb zu. So wie schon unzählige Stunden, Tage und Wochen zuvor. Nur zum Abendessen durfte ich gelegentlich in die Küche hinuntergehen, um mit meiner Mutter und meinen Schwestern gemeinsam zu essen. Das war aber nur möglich, wenn mein Vater wieder Überstunden machen musste. Denn war er pünktlich zuhause, so war es keineswegs selten, dass mir meine Mutter einen Teller aufs Zimmer brachte, und dabei den Teller vom Vortag mit nach unten nahm. Wann immer meine Mutter ins Zimmer kam, lächelte sie, als wäre es die normalste Sache der Welt, seinen Sohn wie einen Aussätzigen, ja wie einen Fremdkörper zu behandeln, den man lediglich am Leben erhalten musste.
Aber waren die belegten Brötchen und ein Glas Milch wirklich alles, was mich am Leben erhielt? Sie verlor jedenfalls nur selten ein Wort darüber. Noch viel seltener kam es zu einem flüchtigen oder oberflächlichen Gespräch, dessen einziger Inhalt es war, über meine schulischen Leistungen zu sprechen. Da gab es kein Wort darüber, ob ich vielleicht noch gerne etwas mit ihnen spielen wollte. Denn ich spielte für mein Leben gern Gesellschaftsspiele, die sich zu allem Überfluss auch noch in meinem Zimmer in den Regalen stapelten.
Viele davon sogar noch in ihrer Originalverpackung.
Und als wäre das nicht schon Strafe genug, sie täglich in meinem Zimmer zu haben, mit der Gewissheit, dass sie niemand mit mir spielte, so war es nicht selten, dass eine meiner Schwestern in mein Zimmer hinaufgeschickt wurde, um von dort eines der Spiele zu holen. Das war blanke Ironie!
Die Spiele gehörten mir zwar, spielen durfte ich sie aber nicht, da es mir an einen Mitspieler fehlte. Es gab nur wenige Spiele, die ich mit mir selbst spielen konnte. Nicht selten breitete ich ein Brettspiel auf der Matratze meines Bettes aus und schlüpfte einfach auch in die Rolle meines Gegenübers. Da lag es quasi auf der Hand, mich zu betrügen und zu belügen, sodass ich als Gewinner hervorging. Doch diese verzweifelten Versuche, mich in den Nachmittagsstunden ein wenig abzulenken oder zu zerstreuen, waren eher selten.
Als der Malblock so vor mir lag, und ich stundenlang nicht wusste, was ich malen sollte, fing ich an, mit einem Bleistift darauf herumzukritzeln. Fast schon beiläufig entstanden so ein paar Hügel sowie ein langer schmaler Pfad, der sich am Horizont verlor. Ich wollte diese Skizze schon aus dem Block reißen, als meine Mutter an die Tür pochte und mich aufforderte, endlich ins Bett zu gehen.
Ich ließ das Bild jedoch auf meinem Schreibtisch liegen und genoss einen der wenigen körperlichen Berührungen, die mir nicht wehtaten. Wann immer mich meine Mutter zudeckte oder zärtlich auf die Stirn küsste, waren alle Tränen und Schmerzen vergessen. Und ich sog diese kurzen Augenblicke wie ein Lebenselixier in mich auf. Hätte es diese kurzweiligen Momente nicht gegeben, wäre ich mit Sicherheit unter meiner Last zerbrochen, ein Kind dieser schrecklichen Familie zu sein.
Doch es waren gerade diese wenigen Tage vor Weihnachten, die stets einen Silberstreif am Horizont entlang zauberten, wenn mich meine Mutter in den Arm nahm und liebevoll an sich drückte. Oft verharrte sie für eine Weile auf der Bettkante, ehe sie das Licht löschte und mir eine erholsame Nacht wünschte. Dabei fragte ich mich sehr oft, was sie eigentlich damit meinte. Sollte ich mich von dem anstrengenden und kräftezehrenden Tag erholen, oder nur von den Spuren meines geschundenen Körpers, der nicht selten mit Blessuren und blauen Flecken übersät war.
Das konnte selbst meiner Mutter nicht verborgen bleiben, dass es Stellen an meinem Körper gab, die nicht mehr aufhören wollten zu bluten. Diese schmerzten nicht nur an den Tagen, sondern verfolgten mich auch während der Nacht. Mit jeder Bewegung oder Drehung, mit jedem Strecken, zuckte mein geschwächter Körper zusammen. Wenn es mal wieder überhandnahm, dass man die Flecken schon am Halsansatz sah, wurde ich kurzerhand vom Schulsport und anderen schulischen Aktivitäten freigestellt.
Obwohl ich glaube, dass es keinem Lehrer verborgen blieb, was bei uns zuhause vor sich ging. So blind konnte doch niemand sein. Die Lehrer hatten bestimmt nur Angst vor meinem Vater und keiner wollte es daher wagen, sich ihm entgegenzustellen. Wer wollte auch schon ein blaues Auge riskieren, nur weil er sich um die Belange eines Jungen scherte? Ich kenne keinen!
Noch immer lag der Malblock auf dem Schreibtisch, als ich einschlief. Durch die Ritzen des Rollladens fielen vereinzelte Lichtstrahlen in mein Zimmer. Sie zauberten einen Sternenhimmel gegen die Wand und auf die Zimmerdecke und ein einzelner Lichtstrahl schien auf meine Zeichnung.
Wie ein Vollmond schimmerte dieser über den Hügel, den ich wenige Stunden zuvor gezeichnet hatte. Und ehe ich mich versah, befand ich mich plötzlich auf dem schmalen Pfad. Ich hätte diesen Pfad in zwei Richtungen folgen können. Doch ich entschied mich dazu, den Pfad in Richtung des hell leuchtenden Mondes zu folgen. Außer den dünnen Linien am Wegesrand und der immer wieder wechselnden Horizontlinie gab es nichts weiter zu sehen. Aber dennoch folgte ich diesem Weg. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, zu laufen und wurde immer schneller.
Fast rannte ich sogar und bemerkte, wie der Mond stetig wuchs und mir den Weg wies. Hatte ich einen Hügel erklommen und hinter mir gelassen, da erschien auch schon der nächste am Horizont, den es zu erreichen galt. Der Weg schien unendlich zu sein, bis ich eine Gestalt am Wegesrand erblickte, deren Schatten vom Mond auf den nahegelegenen Hügel projiziert wurde.
Je näher ich kam, umso mehr sah ich, dass die Gestalt menschliche Züge hatte. Dort am Wegesrand saß ein zierlicher Körper, der seine Beine an sich zog und das Gesicht unter seinen verschränkten Armen verbarg. Als ich vor ihm stand, lunzte dieser kurz auf aber wagte nicht, sich zu bewegen.
Erst als ich mich vor ihm hinkniete und seine Arme berührte, hob er seinen Kopf und blickte mich mit seinen großen, fragenden Augen an. Das Gefühl, was mich dabei überkam, war das gleiche, als wenn ich in einen Spiegel schaute. Sollte ich etwa einen Seelenverwandten getroffen haben? Hier draußen in diesem Nichts aus weißen Feldern und leblosen Hügeln?
Die Landschaft erinnerte mich an schneebedeckte Weiten, in denen nichts weiter zu sehen war, als der lange Pfad mit meinen hinterlassenen Fußspuren und die mächtigen Hügel, die den Horizont säumten. Der Mond leuchtete grell und durchbrach das Dunkel, soweit meine Augen sehen konnten. Leise sprach ich den Jungen am Wegesrand an:
››Hallo, mein Name ist Manuel, und wie heißt du?‹‹
››Sie nennen mich Lars‹‹, antwortete der Junge und löste seine Knie von den umschlungenen Armen. Er war splitternackt und für sein Alter von hagerer Statur. Nur mühsam richtete er sich auf, um mir die Hand zu reichen, die ich dankend annahm.
››Sie?‹‹, fragte ich nach. ››Du bist also nicht allein?‹‹
››Sie haben mich hier ausgesetzt‹‹, sagte Lars und eine dicke Träne perlte über sein Gesicht, die er zugleich mit der rechten Handfläche über die Wange strich. ››Ganz allein haben sie mich hier zurückgelassen, ohne Kleider und ohne eine Zuflucht für die Nacht.‹‹
Spontan wollte ich Lars helfen. Am liebsten hätte ich ihm ein Hemd von mir gegeben. Doch als ich mich selbst betrachtete, musste ich feststellen, dass ich nur mit einer Boxershorts bekleidet war – genauso wie ich mich schlafengelegt hatte.
››Aber wo sind denn die anderen?‹‹
››Siehst du das flackernde Licht hinter dem Horizont?‹‹, erklärte Lars und deutete mit seinem Zeigefinger in die entsprechende Richtung. ››Die anderen sind dort.‹‹
››Wieso gehst du dann nicht einfach zu ihnen?‹‹, wollte ich wissen und rätselte darüber, wer diese anderen waren. Bestimmt gab es noch weitere Personen, denen sich Lars anschließen konnte.
››Die sind gefährlich‹‹, antwortete Lars. ››Die wollen mir Böses.‹‹
››Kann ich dir irgendwie helfen? Wir könnten doch gemeinsam zu ihnen gehen.‹‹
››Das versuche ich schon seit vielen Tagen‹‹, meinte Lars und setzte sich wieder hin, da sein Körper zu zittern begann. ››Ich folge diesem Flackern schon seit unzähligen Tagen. Doch je näher ich ihnen komme, umso mehr scheinen sie sich von mir zu entfernen. Egal wie schnell ich auch renne, sie sind mir immer um eine Horizontlänge voraus.‹‹
››Sind deine Eltern auch dort … Bei den anderen?‹‹
››Ich denke schon. Jedenfalls sind sie mit den anderen losgezogen, als sie mich hier ausgesetzt haben. Ich bin ganz allein, Manuel. Das macht mir Angst.‹‹
››Jetzt bin ich ja bei dir‹‹, meinte ich und setzte mich ganz dicht an Lars heran, sodass er sich an mir wärmen konnte.
››Aber auch du wirst wieder gehen, so wie alle anderen vor dir‹‹, sagte Lars und rieb sich die Arme und Beine warm. ››Spätestens wenn der Mond erlischt, wirst auch du wieder von mir gehen.‹‹
››Gab es denn schon andere, die deinen Weg kreuzten?‹‹
››Unzählige! Aber keiner von ihnen machte sich erst die Mühe, mich anzusprechen. Die übersehen mich einfach, oder wollen nicht mit mir sprechen.‹‹
››Das kenne ich nur allzu gut‹‹, meinte ich und legte meinen Arm um Lars Schultern. ››In meiner Welt gibt es auch viele, die mich meiden und nicht mit mir reden wollen. Auch meine Familie ist gemein zu mir, wo sie nur kann …‹‹
Und am liebsten hätte ich Lars noch mehr von mir und meiner Situation erzählen wollen. Doch der Mond verschwand jählings hinter dem flackernden Horizont und ich spürte eine kalte Hand auf meinem Schulterblatt.
Es war mein Vater, der mich mahnend daran erinnerte, dass ich aufzustehen hatte. Schon in eineinhalb Stunden sollte mich der Schulbus holen kommen. Meine Güte: eineinhalb Stunden verlorener Zeit, und so viele verlorene Träume.
Noch immer müde und aus dem Schlaf und meiner Traumwelt gerissen, kroch ich aus dem Bett. Doch es war schon zu einer Gewohnheit geworden, dass mich Vater viel zu früh wach machte, nur um dann mit mir zu streiten. Er war der Meinung, dass auch ich um Punkt 6:00 Uhr aufstehen musste, wenn er sich für die Arbeit zurechtmachte. Dabei war es ihm scheißegal, ob ich noch schlief oder in meiner Traumwelt versunken war.
Das Erste, was ich stets von ihm zu hören bekam, war nicht etwa ein ››Guten Morgen‹‹, sondern es waren Vorwürfe, warum ich so war, wie ich bin! Ständig konfrontierte er mich damit, dass ich doch endlich erwachsen werden sollte. Ich sollte ein Mann werden und das besser heute als morgen. Dabei war ich noch nicht einmal 14 und hatte gar kein Interesse daran, meine kindliche Welt schon jetzt aufzugeben. Für mich war es kein lohnenswertes Ziel, meinem Vater nachzueifern. Würde ich einst so werden wie er, würde ich es vorziehen, mich lieber umzubringen!
Was für ein Vorbild saß mir da gegenüber, als ich mit ihm zum Frühstück am Küchentisch saß? Mit jedem seiner gesprochenen Worte blieben mir die trockenen Toastbrotscheiben im Halse stecken. Ich wagte zumeist kein Gegenwort, da diese ohnehin zwecklos waren. Mein Vater war derart von sich selbst überzeugt, dass er sein Handeln nie infrage stellte. Für ihn zählt nur, dass er einen nach ihm geratenen Sohn vorweisen konnte. Ein Produkt, das ihm gelungen war und somit gerne vorzeigte.
Allzu gern posaunte er damit, wie ähnlich ich ihm doch war. Dabei erwähnte er mit keinem Wort, dass ich gerne malte oder mit großer Vorliebe jedes Buch verschlang, dass ich meine Hände bekam. Ich flüchtete regelrecht in die Welten der dicken Wälzer, die mich mein eigenes Schicksal wenigstens für einige Stunden vergessen ließen. Doch meine Vorlieben blieben besser unausgesprochen.
Viel interessanter war es, den Betrachtern meine Muskeln und die strammen Waden mit väterlichem Stolz zu präsentieren. Wie gut ich doch in Schuss war und wie schnell ich mich entwickelte. Fast zu schnell für meinen Geschmack.
Denn die Pubertät hinterließ bereits erste sichtbare Spuren, und nicht nur auf meinem Körper. Wie eine Trophäe der aufkommenden Männlichkeit war einst das Bettlaken mit meinem ersten Samenerguss herumgezeigt und tagelang aufbewahrt worden. Ohne Rücksicht auf meine Scham wurde ich aus meiner kindlichen Welt gerissen. Das oberste Gebot seitdem lautete:
Werde endlich erwachsen!
Werde endlich ein Mann! Ein richtiger Mann!
Das beschäftigte meinen Vater seit dem verhängnisvollen Tag, an dem ich gerade einmal knapp elf Jahre alt war. Von diesem Zeitpunkt an wünschte ich mir, ich hätte nie einen Samenerguss gehabt, hätte nie herausgefunden, dass mein Penis, außer zum Pinkeln, noch für andere Dinge gut war. Aber ich konnte diesem befriedigenden Gefühl nicht länger widerstehen und gab mich beinahe täglich meinen Gelüsten hin. Ich achtete aber darauf, dass ich keine weiteren Spuren mehr hinterließ, die ein Indiz für meine drohende Männlichkeit waren und den Finder in Entzücken versetzten, weil ich doch das Tor zum Erwachsenwerden durchbrochen hatte.
Nach der morgendlichen Standpauke ging mein Vater seinen Geschäften nach. Wobei er sein Glück darin versuchte, als selbstständiger Hausmeister und Gelegenheitsarbeiter zu bestehen. Diesem Ideal sollte ich also nacheifern – es war mein fremdbestimmtes, vorausgeplantes Ziel. Dabei kamen wir gerade eben so über die Runden, obwohl mein Vater zu mehr fähig wäre.
Das bewies er einst mit der Entwicklung eines besonderen Bodenbelags für Außenbereiche. Oder sollte ich besser sagen, ihm was als Erster gelungen, verfügbare Substanzen so anzurühren, dass ein besseres Ergebnis zu erzielen war. Darauf war er seither mächtig stolz. Ähnlich stolz, wie auf seinen einzigen Sohn, dessen erster Samenerguss das Gesprächsthema für Tage war. Egal ob in Kneipen, unter Kollegen oder in unserer Familie: Über beides wurde gleichermaßen offen und freizügig gesprochen.
Meine Empfindungen standen dabei weit zurück und nicht selten wäre ich am liebsten im Erdboden versunken, wegen beider Sachen … Doch statt seine Rezeptur für den Bodenbelag gewinnbringend zu veräußern, klammerte er sich an die Hoffnung, einen riesigen Reibach damit machen zu können, eines Tages …
Darauf wartete er noch heute!
Keine Ahnung, wie er mich sah. Ob als Sohn, einen weiteren Mitesser oder als gewinnbringende Investitionen. Das kann ich bis heute nicht beantworten. Aber so liegen noch unzählige Fragen vor mir unbeantwortet auf einem Trümmerfeld aus kindlichen Fantasien und Wünschen, die jeden Jungen erfüllen – und das ganz besonders in der Vorweihnachtszeit.
Endlich verließ er das Haus und ließ mich ungeschlagen am Küchentisch sitzen. Weder meine Mutter noch meine Schwestern waren von der lauten Diskussion über Sinn und Zweck des Lebens wach geworden. Es war gerade einmal kurz vor 7:00 Uhr. In einer halben Stunde musste ich mich sowieso auf den Schulweg machen. Jetzt war es also zu spät, um sich wieder schlafenzulegen, zu früh jedoch, um laut zu werden. Ich verzog mich auf mein Zimmer, zog den Rollladen hoch und öffnete das Fenster. Ein kalter Luftzug erfasste mich und ich fror am ganzen Körper.
Da erinnerte ich mich plötzlich an meinen Traum und setzte mich an den Schreibtisch. Dort lag nach wie vor der Malblock aufgeschlagen mit der Zeichnung von gestern Nachmittag. Eigentlich war heute der Abgabetermin für das Bild in der Schule. Somit wollte ich die verbliebende Zeit nutzen, um noch ein Bild zu malen. Ich entfernte das sinnlose Blatt Papier mit den tristen Hügeln und dem schmalen Pfad darauf aus dem Block und wollte es bereits in den Händen zerknüllen und in den Papierkorb werfen. Da sah ich plötzlich den zierlichen Jungen wieder, der mit erhobener Hand am Wegesrand stand. Es sah so aus, als wollte er mir zuwinken.
Noch gut konnte ich mich daran erinnern, wie er darüber klagte, dass er nichts am Leibe trug und auch keine Behausung hatte. Somit machte ich mich gleich ans Werk und malte dem Jungen eine kleine Hütte mit dem Bleistift. Danach waren seine Kleider dran. Ich gab ihm eine knielange Hose, einen wärmenden Pullover und zudem noch Schuhe. So gut es mir gelang, veränderte ich die Umstände des Jungen, in denen er sich befand. Gleich neben der kleinen Hütte gab es ein wärmendes Lagerfeuer für die Nacht mit ausreichend Holz für die nächsten Tage.
Ich hätte am liebsten noch weiter an dem Bild arbeiten wollen, doch die Zeit verflog derart schnell, dass ich mich beeilen musste, um noch den Bus zu erwischen.
In der zweiten Schulstunde stand Kunst auf dem Plan, und alle holten ihre farbenfrohen Werke aus den Schulranzen.
Ich hatte meines nicht dabei. Viel wichtiger war mir das Wohlergehen von Lars gewesen. Doch Frau Walter, unsere Kunstlehrerin, hätte es bestimmt nicht verstanden, wenn ich ihr jetzt von meinem Traum und dem Jungen aus der letzten Nacht erzählt hätte. Klassenkollegen hätten womöglich auch nur ein spöttisches Lächeln für mich übriggehabt. So schwieg ich darüber und offenbarte Frau Walter stattdessen, dass ich kein Bild über das anstehende Weihnachtsfest gemalt hatte. Auf ihre Frage, warum ich denn keines gemalt hätte, obwohl sie doch wusste, dass Malen eines meiner Lieblingsbeschäftigungen war – und das nicht nur im Kunstunterricht –, zuckte ich mit den Schultern.
Ich wusste mir in dieser Situation keinen besseren Rat, als sie treudoof anzublicken und zu hoffen, dass sie nochmals Gnade mit mir hatte. Denn es war schon das zweite Bild in Folge, das ich nicht rechtzeitig abgegeben hatte. Frau Walter trat an meinen Tisch heran, klopfte mir auf die Schultern und meinte anschließend: ››Weil es in einer Woche Weihnachtsferien gibt, will ich dir das noch einmal nachsehen. Du kannst dann in den Ferien ein Bild malen mit dem Thema, was du in deinen Ferien erlebt hast. Solltest du dieses Bild aber wieder nicht abgeben, so muss ich dir leider eine 6 geben.‹‹
››Ich werde Ihnen ein wunderschönes Bild malen‹‹, sagte ich leise und schaute währenddessen verlegen auf meine Tischplatte. ››Ich habe da schon eine Idee, die Ihnen bestimmt gefallen wird.‹‹ Dass ich allerdings keinen blassen Schimmer hatte, was ich ihr nach den Ferien präsentieren wollte, behielt ich besser für mich.
In meinem Zimmer gab es eine Mappe mit Bildern und Zeichnungen, die ich in den letzten Wochen und Monaten gemalt hatte. Vielleicht wäre eines dieser Bilder geeignet, dass ich nur noch fertigstellen müsste. Denn Bilder, auf denen ich tolle Sachen erlebte, malte ich zuhauf; auch wenn diese niemals so geschehen waren. Sie waren vielmehr ein Sammelsurium meiner größten Wünsche und Hoffnungen – gemalt aus reinster Verzweiflung!
Das meine Familie in den Urlaub fuhr, war schon lange her, jedenfalls der, bei dem sich mich auch mitgenommen hatten. Vor fast vier Jahren waren wir das letzte Mal gemeinsam in den Urlaub gefahren. An die Ostsee, um genau zu sein. Im darauffolgenden Urlaub hatten sie mich einfach bei Oma abgeladen, weil sie mich nicht dabeihaben wollten. Das war dann auch der Zeitpunkt gewesen, als ich damit begann, so viele Bilder zu malen.
Und längst nicht alle Bilder waren für fremde Augen bestimmt.
Es gab immer häufiger auch Bilder, die in einem blutigen Gemetzel endeten, um es mal vorsichtig zu umschreiben. Auf die unterschiedlichsten Arten rächte ich mich so bei meinem Vater für das, was er mir tagtäglich antat. Oft nur mit einem roten Stift dahin geschmiert, hackte ich ihm seine Hände und Füße ab, oder stopfte ihn in den Gartenhäcksler hinter dem Haus.
Was passiert wäre, wenn er diese Bilder je gesehen hätte, wollte ich gar nicht wissen. Deshalb hielt ich diese auch versteckt in meiner Mappe. Das wäre der letzte Ort, an dem mein Vater nachsehen würde. Schließlich konnte er mit meinen Neigungen und Vorlieben so rein gar nichts anfangen. Wenn es um Fußball oder sonstige Männerthemen ging, ja da war er immer Feuer und Flamme. Aber meine Hobbys, meine Verlangen, die interessierten ihn einfach nicht. Die waren ihm sogar ein Dorn im Auge.
Viel lieber hätte er mich auf dem Fußballplatz Tore schießen sehen, statt dass ich mich für andere Dinge interessierte. Dinge, die ihm größtenteils sogar peinlich waren. Behandelte er mich deshalb so gering schätzend? Wie sollte ich das aber herausfinden, wenn wir nie darüber sprachen?
Schon im Ansatz erstickte er alle Fragen, die ich zu diesen Themen hatte. Ein richtiges Gespräch von Mann zu Mann war gar nicht erst möglich, obwohl ich mich so sehr nach einem Vater-Sohn-Gespräch gesehnt hätte – auch heute noch!
Die letzten beiden Schulstunden fielen aus. Was für ein Glückstag! Somit hatte ich noch genügend Zeit, nach der Schule durch die Innenstadt zu schlendern. Schon vor Wochen waren die Straßen in buntes Licht getaucht worden und überall gab es mächtig viel zu sehen. An den gigantischen Schaufenstern drückte ich mir regelrecht die Nase platt. Und erst die vielen Düfte, die von den Marktständen in meine Nase strömten. Da gab es Anisplätzchen zu probieren und auch Lebkuchen und gebrannte Mandeln.
Dennis, der mit mir durch die Straßen zog, spendierte mir einen kandidierten Apfel. Denn ich war mal wieder pleite. Doch auch ohne Geld konnten wir uns bestens in der Stadt amüsieren. Wer weiß, wann ich mal wieder ein Taschengeld bekommen sollte? In diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr. Und dabei wollte ich meiner Familie doch noch Geschenke kaufen, ja selbst für meinen Vater hatte ich etwas im Auge, was ich ihm schenken wollte. Ich konnte nicht einmal sagen, ob ich ihn nur deshalb beschenken wollte, weil es Weihnachten war und es somit einfach dazugehörte – irgendwie – oder weil ich ihm damit zeigen wollte, dass noch ein Rest Liebe in mir vorhanden war.
Mein Vater war mir jedenfalls nicht gleichgültig. Nicht zu dieser Zeit. Doch bis zum Fest war es ja noch eine Weile hin. Irgendwie ließ sich für Geschenke immer Geld auftreiben. Darin war ich schon geübt. Ich ließ mir aber nicht die Laune verderben und genoss die kurze, freie Zeit, die wir hatten.
Pünktlich um 13:00 Uhr nahm ich dann die Straßenbahn nach Hause, niemand sollte davon erfahren, wie gut es mir in den letzten beiden Stunden ergangen war. Nicht einmal meiner Schwester Sabrina erzählte ich davon, die fragend am Küchentisch hockte und Kartoffeln schälte.
Als ich meine Schuhe vor dem Haus deponierte und die Jacke an die Garderobe gehängt hatte, eilte ich sofort in mein Zimmer, da ich sehen wollte, was aus Lars in der Zwischenzeit geworden war. Das Bild lag auf dem Bett, da meine Mutter wohl im Zimmer aufgeräumt haben musste. Zuerst konnte ich Lars gar nicht entdecken. Doch dann bemerkte ich, dass aus der kleinen Hütte eine dünne Rauchsäule aufstieg. Ein gutes Zeichen war das für mich.
Lars konnte also mit dem Holz etwas anfangen. Auf dem Heimweg hatte ich noch zahlreiche Ideen entwickelt, die ich in das Bild einfließen lassen wollte. Ich wartete nur noch darauf, dass meine Mutter mit dem Staubsaugen fertig wurde. Danach setzte ich mich gleich an den Schreibtisch, spitzte den Bleistift und legte zudem noch Radierer und Lineal bereit.
Ich wollte um jeden Preis, dass es Lars an nichts fehlte, und daher zäunte ich zuerst die kleine Hütte ein. Nur ein schmales Gatter ließ sich noch öffnen. Ich probierte mich auch daran, eine Kuh zu zeichnen. Doch diese wollte mir irgendwie nicht gelingen. Immer und immer wieder radierte ich an ihrem Euter und den Hörnern herum, bis sie für meine Begriffe eine fleißige Milchkuh war. Tiere waren jedoch nicht meine Stärke und so beließ ich es bei dieser einen Kuh.
Stattdessen zeichnete ich noch einen Apfelbaum mit vielen reifen Früchten daran. Somit konnte Lars von nun an Milch trinken und Äpfel essen. Der Apfelbaum hatte genügend Äste, um an ihm hochzuklettern. Und damit Lars die Kuh auch melken konnte, band ich sie mit einem Seil am Zaun fest. Gleich neben der Hütte stellte ich einen Eimer und einen Schemel für ihn bereit …
Es klopfte an meine Zimmertür, doch ich reagierte kaum, als meine Mutter mir – wie sollte es auch anders sein – das Abendessen aufs Zimmer brachte. Schützend umschloss ich das Bild mit den Armen und senkte den Kopf. Dadurch war es Mutter unmöglich, das Bild zu sehen. Aber sie fragte auch gar nicht erst, was ich da tat und verließ mein Zimmer kurz darauf wieder, ohne mit mir gesprochen zu haben.
Da ich noch Hausaufgaben erledigen musste, legte ich das Bild in die Mappe zu den anderen Bildern. Ich durfte nicht noch einmal ohne Hausaufgaben erscheinen, sonst würde es einen blauen Brief vom Rektor gegeben und meine Schulnoten standen in vielen Fächern auf der Kippe. Wenn ich auch noch dieses Zeugnis verhaute, würde mich mein Vater sicher ins Heim stecken. Das hatte er jedenfalls öfters schon angedroht. Obwohl ich ihm in dieser Angelegenheit kaum mehr ernst nahm. Viel zu oft hatte er bereits damit gedroht und nichts weiter geschah. Es war nur viel Schall und Rauch um Nichts. Meine Mutter hätte mich sowieso niemals ins Heim gegeben. Ich glaubte fest daran, dass sie auf meiner Seite stand.
Unmittelbar nach den Hausaufgaben hatte ich mich ins Bett gelegt, da ich noch ein paar Seiten lesen wollte. Lars war bestens umsorgt und auch ich hatte den zähen Kartoffelbrei, den Spinat und das Spiegelei verdrückt. Derart gestärkt sollte ich sicherlich noch zehn Buchseiten schaffen. Ich war gerade dabei, dieSchatzinselzu lesen. Und ich wollte nicht eher Schlafengehen, bis der Sturm auf dem Meer vorübergezogen war. Aber es dauerte keine sieben Seiten, da fielen mir die Augen zu und ich betrat erneut meine eigene, zauberhafte Traumwelt, in der ich schon gestern Nacht gewesen war.
Sekundenspäter stand ich wieder auf dem langen, schmalen Pfad. Doch diesmal wies mir kein Vollmond den Weg, in welche Richtung ich zu laufen hatte, um Lars zu besuchen. Ich hätte wohl daran denken sollen, das Rollo herunterzulassen und das Bild auf den Schreibtisch zu legen, sodass wieder ein Licht auf die Hügel fiel. Stattdessen konnte ich kaum die eigene Hand vor Augen erkennen. Welche Richtung musste ich nun einschlagen?
Welcher war der richtige Weg?
Ich schloss die Augen und lauschte auf jeden noch so kleinsten Laut. Ein sehr leises Knistern war zu hören, dass nur von Lars Lagerfeuer stammen konnte. Ich rannte daraufhin los und folgte dem schwachen Duft von brennendem Holz. Ein gutes Zeichen. Lars saß bestimmt schon an einem Feuer und wärmte sich. Ganz nebenbei ließ er sich wahrscheinlich die Äpfel schmecken, sowie die frische Milch.
Nach dem zweiten Hügel sah ich erneut eine Rauchsäule aufsteigen und ein Licht flackerte und wies mir dadurch die Richtung. Ohne das Feuer wäre ich garantiert vom Weg abgekommen. Denn außer diesem schwachen Licht am Horizont gab es keine andere Lichtquelle. Halt! Das war nicht ganz korrekt.
Als ich mich der kleinen Hütte näherte, sah ich den blutrot geschwängerten Himmel, und mit ihm den Horizont, der sich wie eine Lampionschnur in der Ferne entlangzog. Das bereitete mir Angst und ich rannte so schnell ich nur konnte auf die kleine Hütte zu.
Vor der Hütte saß Lars, der sich am Feuer die Hände wärmte. Er sprang sofort auf, als er mich sah und begrüßte mich mit leiser Stimme: ››Hallo, Manuel! Schön, dass du wieder gekommen bist.‹‹
››Aber warum flüstertest du?‹‹, wollte ich wissen und reichte ihm die Hand.
››Schau doch nur, dort am Horizont‹‹, meinte Lars besorgt, ››das rote Licht dort macht mir Angst. Wo ist bloß der Mond geblieben, der gestern Nacht noch so kräftig geschienen hat?‹‹
››Ich habe nicht daran gedacht‹‹, antwortete ich und setzte mich ans Lagerfeuer. Diese Nacht war viel kühler, als die gestrige.
››Du hast nicht daran gedacht? Was soll das bedeuten?‹‹ Verwundert über meine Äußerung, schaute mich Lars neugierig an.
››Bist du etwa dafür verantwortlich, dass der Mond bei mir scheint? Dass ich nicht lache!‹‹
››Naja, ich glaube schon, dass ich dafür verantwortlich bin. Was meinst du denn, vorher die Kuh und der Apfelbaum gekommen sind?‹‹
››Du bist mir ja einer. Der Apfelbaum ist heute Morgen aus dem Boden gewachsen‹‹, erklärte Lars und kicherte, weil er sich wohl über meine Schilderungen lustig machte. ››Die Kuh stand heute Morgen auch da.‹‹
››Ja und der Schuppen und deine Kleider‹‹, meinte ich, ››woher sind diese so plötzlich gekommen? Solche Dinge fallen nicht einfach von selbst vom Himmel.‹‹
››Hier aber schon‹‹, erwiderte Lars und gab mir einen Apfel zu essen. ››Hier ist alles ein bisschen anders. Hier geschehen Dinge – einfach so, aus heiterem Himmel, wenn du so willst. Warum solltest du also für all diese Dinge verantwortlich sein?‹‹
Als ich in den Apfel biss, verzog es mir das Gesicht. Dieser Apfel schmeckte derart grauenvoll, dass ich das abgebissene Stück gleich wieder ausspuckte. Es landete im Feuer – doch warte!
Irgendetwas war hier falsch. Weder der Apfel noch das Feuer hatten eine rote Farbe. Anfangs schob ich es darauf zurück, dass es hier so dunkel war. Doch dann fiel mir ein, dass ich bisher das Bild nur mit einem Bleistift gemalt hatte. Außer ein paar Schattierungen und den weißen Hügeln gab es keinerlei Farben in diesem Bild. Aber weshalb leuchtete dann der Horizont in diesem bedrohlichen Rot?
››Schmeckt dir der Apfel nicht?‹‹, fragte Lars und biss nun selbst in einen Apfel.
››Der war ganz schön sauer‹‹, meinte ich und blickte hinüber zum Apfelbaum. Auch dieser war ohne jegliche Farbe. Bei der Kuh war es wohl etwas anderes, denn ich hatte eine schwarz-weiß gefleckte Kuh gemalt, bei der Farben unnötig waren. Mich interessierte jedoch, wie ihre Milch schmeckte und deshalb fragte ich Lars, ob er die Kuh schon gemolken hätte.
Aber Lars teilte mir mit, dass das gar nicht so einfach sei. Wann immer er einen Liter im Eimer zusammenhatte, stieß die Kuh den Eimer um und warf ihn mit einem Tritt vom Schemel.
››Wir sollten die Kuh gemeinsam melken‹‹, meinte ich, aber Lars erwiderte, dass Kühe in der Nacht nicht dazu bereit wären, Milch zu geben. Wenn überhaupt, so sollten wir es am Tage ausprobieren.
››Vielleicht kann ich dir beweisen, dass ich für all diese Sachen hier verantwortlich bin‹‹, sagte ich und hatte schon Ideen, was ich unbedingt verändern wollte. ››Was würdest du dir am meisten wünschen? Brauchst du noch ein paar dringende Sachen?‹‹
Lars überlegte kurz und forderte dann auch gleich eine ganze Menge von mir: ››Also gut! Wenn mein Schicksal wirklich in deinen Händen liegt, dann würde ich gerne mehr Tiere haben wollen. Ein Pferd wäre toll. Denn dann könnte ich die Umgebung besser erkunden. Auch ein paar Hühner wären großartig, so hätte ich Eier zum Frühstück.‹‹
››Ausgerechnet Tiere‹‹, murmelte ich. ››Tiere sind nicht gerade meine Stärke. Dafür kann ich aber gut Häuser zeichnen, mit allen möglichen Raffinessen. Und weitere Obstbäume sind kein Problem.‹‹
››Aber du hast doch auch diese Kuh erschaffen, oder nicht? Jedenfalls behauptest du das‹‹, sagte Lars und verdrückte bereits den zweiten Apfel.
››An der habe ich auch ziemlich lang gearbeitet‹‹, erklärte ich und deutete auf die krummen Hörner der Kuh. ››Immer wieder habe ich an ihr Dinge verändern müssen, bis sie so aussah wie jetzt.‹‹
››Wenn du mir ein Pferd erschaffen kannst, dann will ich dir glauben‹‹, sagte Lars und setzte seine Wunschliste weiter fort:
››Ein Brunnen neben dem Haus wäre sinnvoll sowie ein kleiner Garten, in dem ich reichlich Gemüse und Kräuter anbauen könnte. Auf Dauer sind Äpfel nicht gerade befriedigend. Außerdem wäre es schön, wenn du mich auch mal tagsüber besuchen kommst. Denn mir ist es ganz schön langweilig. Es gibt kaum etwas Sinnvolles zu tun.‹‹
››Die meisten deiner Wünsche lassen sich ziemlich schnell erfüllen‹‹, verkündete ich stolz und hoffte darauf, dass mir alles gut gelingen würde. ››Den Brunnen und den Garten kannst du schon morgen früh haben. Und außerdem werde ich dich noch mit etwas ganz Besonderem überraschen.‹‹
››Na, da bin ich sehr gespannt drauf‹‹, hallte Lars Stimme mir entgegen und die Bilder verschwommen.
Trotz das heute keine Schule war, riss mich Vater erneut aus meiner Traumwelt. Es war Samstag und somit stand ein Wochenende bevor. Erstmals hatte ich jedoch keine Angst mehr vor diesen beiden endlos scheinenden Tagen, schließlich hatte ich viel zu tun. Doch vorerst musste ich meinem Vater Gesellschaft am Küchentisch leisten. Dabei verlor er kaum ein Wort. Danach sollte ich ihm helfen, das Auto mit Geräten zu beladen, da er einem Kunden den Gehweg säubern musste. Manchmal war ich an den Wochenenden sogar dazu verdonnert worden, ihm dabei als billiger Arbeitssklave zur Hand zu gehen. Doch ich konnte ihn mit einer vorgegaukelten Hustattacke davon überzeugen, dass ich kränkelte.
››Dann geh wieder ins Bett und penn dich gesund‹‹, fauchte er mir entgegen, als er den Wagen startete und die Fahrertür zuwarf. Für ein paar Sekunden blickte ich noch seinem Kombi hinterher, bis ich kalte Füße bekam und zurück ins Haus lief.
Meine Mutter und auch Sabrina und Jessica würden heute nicht vor 9:00 Uhr aufstehen. So ging ich wieder auf mein Zimmer und wollte noch eine Runde schlafen. Doch so sehr ich mich auch bemühte, wieder einzuschlafen, es klappte einfach nicht, und ich lag wach im Bett und überlegte. Zum Lesen hatte ich keine Lust, obwohl ich dieSchatzinselmit jeder weiteren Seite immer spannender fand.
Aber dieses Abenteuer lief mir ja nicht davon. Es war nur ein Buch, das sich nie ändern würde, oder etwa doch? Egal, wie oft ich es auch las, nie würde etwas anderes zwischen den beiden Buchdeckeln stehen –
Noch immer war es dunkel in meinem Zimmer. Daher schaltete ich die Schreibtischlampe an und holte das Bild aus der Mappe hervor. Es lag auf einem Stapel von ungefähr dreißig weiteren Bildern. Darunter waren auch jene Bilder, die ich niemals jemandem zeigen wollte. Das waren meine sogenanntenWutbilder, die immer dann entstanden, wenn meine Wut in mir derart hochkochte, dass ich entsetzliche Bilder malte, statt meinen Frust in die Tat umzusetzen.
Eigens für diese Bilder verwendete ich ausschließlich einen roten Stift, der immer griffbereit auf dem Schreibtisch lag. Gleich daneben lag die Schachtel mit den neuen Buntstiften und dem Spitzer, dem Radierer und Lineal. Der Malblock lehnte an der Wand gleich dahinter. Ich hatte ihn aufgestellt, weil mir das Motiv darauf so gut gefiel: Es war eine Burg mit Rittern und davor fauchte ein gewaltiger Drache und bedrohte die edlen Herren.
Ich wollte mich in den Weihnachtsferien daran versuchen, den Drachen abzumalen. Denn ich mochte Drachen, wie sie Männer zu Tode erschreckten und ihnen natürlich haushoch überlegen waren. Doch zuerst wollte ich mich um Lars kümmern, der mir eine große Wunschliste aufgetragen hatte.
Ob er wohl wusste, dass Weihnachten bevorstand?
Jedenfalls wollte ich Lars zu Weihnachten mit einem besonderen Geschenk überraschen. Er sollte nicht leer ausgehen müssen – an diesem heiligen Tag! Ich legte das Bild auf die Schreibtischplatte und fragte mich, was wohl geschähe, wenn ich das Bild mit weiteren Blättern vergrößerte. Somit könnte ich wesentlich mehr Details in das Leben dieses Jungen bringen. Ich wollte nicht, dass sein Leben auf diese wenigen Quadratzentimeter begrenzt war. Denn es erweckte den Anschein, als dass Lars wohl niemals über den Horizont hinausgehen konnte, ganz egal, wie sehr er sich auch bemühte.
Um zu sehen, welche Auswirkungen das auf Lars Welt hatte, klebte ich zuerst ein weiteres Blatt Papier rechts neben die Hütte. Dort sollte eine Streuobstwiese entstehen, mit den saftigsten Früchten, die man sich nur vorstellen konnte. So müsste Lars nicht dauernd Äpfel essen. Außer diesem Experiment wollte ich zudem wissen, in wie weit Farben sein Leben veränderten.
Ob damit die Äpfel besser schmecken würden?
Nur vorsichtig wollte ich mich an die Veränderungen heranwagen. Denn eines war mir klar: Ich war für sein Leben verantwortlich! Egal ob mir das nun passte oder nicht! Ohne meine Fürsorge würde er immer noch ein nackter kleiner Junge am Wegesrand sein, der völlig allein auf der Suche nach seinem Glück war. Ich trug also eine riesige Verantwortung auf meinen Schultern. Dessen bewusst, beachtete ich stets, dass mein Bild auf dem zweiten Papier zum ersten passte. Ich setzte die Horizontlinie in gleicher Weise auf dem zweiten Blatt fort. Wieder mit einigen Hügeln und einem weiteren Pfad, der bis an seine Streuobstwiese reichte.
Zuerst entstanden Birnen-, Pfirsich- und Orangenbäume. Weil ich aber nicht wusste, welches Klima seine Welt tagsüber hatte, ließ ich Bananenstauden oder Kokosnusspalmen vorerst weg. An den Kokosnüssen wäre er bestimmt verzweifelt. Denn diese waren selbst für mich nur mit größter List zu öffnen. Ich wollte auch, dass alles zusammenpasste. Das Bild sollte nicht in einem Wirrwarr enden. Und so hatte ich auch kein Schlaraffenland mit Honigflüssen und Milchtümpeln entstehen lassen, obwohl dies sicher möglich gewesen wäre.
Ach ja! Lars wollte unbedingt einen Brunnen haben. So zeichnete ich ihm einen Brunnen nur wenige Schritte von der Hütte entfernt. Die Hütte hatte ich so belassen, weil er mit ihr zufrieden war. Jedenfalls wünschte er sich keine größere. Lediglich einen Unterstand zeichnete ich ihm, sodass er hier sein gesammeltes Obst und die Hühner aufbewahren konnte. Auf die Hühner war ich mächtig stolz. Diese waren mir dann doch recht leicht von der Hand gegangen. Nur mit seinem Pferd war das nicht so einfach.
An diesem zeichnete ich fast eine ganze halbe Stunde herum und gab es schließlich auf, sodass das Pferd eher wie ein Maultier aussah. Doch jetzt wollte ich auf alle Fälle noch Farben in das Bild bringen. Zuvor hatte ich es ja nur mit einem Bleistift gemalt.
Angefangen hatte ich mit dem Pferd. Es sah zwar mehr wie ein Esel aus, doch durch die braune Farbe könnte ich Lars sicherlich davon überzeugen, dass es ein Pferd war. Als ich gerade mit den Hufen zu tun hatte, konnte ich plötzlich Lars auf dem Bild entdecken, der auf einem Birnbaum saß und mir zuwinkte.
Dann kann er mich also doch sehen, während ich an diesem Bild – seiner Welt – arbeite?Oder etwa nicht?
Das wollte ich ihm beim nächsten Besuch fragen, der auch gar nicht mehr lange auf sich warten ließ, denn sobald ich seine Wünsche fertiggestellt hatte, versuchte ich erneut, wieder einzuschlafen. Ich legte mich zurück ins Bett, obschon es kurz nach 9:00 Uhr war, den Rollladen ließ sich jedoch oben, da ich Lars Welt unbedingt bei Tageslicht sehen wollte.
Das Bild lag nach wie vor auf dem Schreibtisch und bekam jede Menge Sonnenlicht. Um nicht wieder nur in einer Unterhose vor Lars dazustehen, zog ich mir noch rasch eine Hose und einen Pullover über. Schuhe brauchte ich jedoch keine, denn die Wiese auf dem Bild war weder steinig noch dornig. Ich hatte sehen können, dass selbst Lars mit bloßen Füßen unterwegs war.
Um besser einschlafen zu können, legte ich mir ein Handtuch auf die Augen. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, und ich konnte erste Bilder erkennen. Schemenhaft tauchte die Streuobstwiese vor mir auf, als ich den langen Pfad entlanglief. Ich war ja so froh, dass ich Farben in das Bild gebracht hatte. Die Hügel und die Bäume strahlten in so wunderbaren Farben, dass ich mich gar nicht daran sattsehen konnte. Eilig rannte ich auf die kleine Hütte zu. Die Hühner gackerten und pickten im grünen Gras nach fetten Würmern. Und als dann noch das Pferd schnaubte, statt ein lautes ››I-A‹‹ zu brüllen, war ich selbst mit diesem Geschöpf zufrieden.
Zwar war es etwas klein geraten, aber als Vorlage diente mir nun einmal ein Island Pony und nicht etwaBlack Beauty. Dieses Buch hatte ich leider verliehen. Lars hatte es wohl noch gar nicht entdeckt und so rannte ich zu den Obstbäumen hinüber. Plötzlich stolperte ich und fiel mit einem ordentlichen Schwung zu Boden. Im Gras war eine hohe Narbe zu sehen. Diese musste wohl entstanden sein, als ich die beiden Bilder zusammenklebte. Damit hatte ich nun die Gewissheit, dass ich das Bild ohne Weiteres erweitern konnte. Allerdings musste ich mir etwas einfallen lassen, wie ich die Blätter am besten miteinander verbinden konnte, ohne das gleich gefährliche Stolperfallen entstanden.
Doch darüber wollte ich mir in meiner Welt den Kopf zerbrechen und nicht hier in dieser. Es war noch relativ früh am Morgen. So wollte ich die Zeit nutzen, um mit Lars herumzutoben. Der hatte mir bestimmt vieles zu berichten. Ich stand auf und rief laut nach ihm. Aus einiger Entfernung schallte seine Stimme zu mir herüber und ich suchte ihn zwischen den kräftigen Baumstämmen. Ein idealer Ort, um Verstecken zu spielen.
Unter einem Apfelbaum stehend, fiel mir geradewegs ein Apfel auf den Kopf und ich blickte hinauf zu dem dicht behangenen Ästen. Dort saß Lars und stopfte sich Obst in die Hosentaschen.
››Nur gut, dass ich an die gedacht habe.‹‹
Der Apfel, der auf mein Kopf gefallen war, hinterließ eine kleine Beule und so wurde mir bewusst, dass selbst hier mein Schmerzempfinden nicht außer Kraft gesetzt war. Eigentlich hätte mir das schon bei der Grasnarbe auffallen müssen, über die ich gestolpert war. Aber ich war viel zu überrascht davon, was ein wenig Farbe in diesem Bild ausmachen konnte. Alles hatte inzwischen seine Farbe erhalten – außer Lars!
Der hatte sich während des Ausmalens in den Obstbäumen versteckt.Na warte, Lars! Du kommst das nächste mal dran,dachte ich, als er in seinen Schwarzweißschattierungen vor mir stand.
Lars war ziemlich aufgewühlt und erzählte mir, wie er die Erweiterung meines Bildes am eigenen Leib erlebt hatte. Während wir zurück zur Hütte liefen, kam er gar nicht mehr zum Atmen, derart überschlugen sich seine Erzählungen: ››Du hättest heute Morgen dabei sein sollen, als ich vor lauter Krach aus meinem Bett fiel. Es war fast schon Morgen, als plötzlich ein gewaltiges Erdbeben den Boden erschütterte und all diese Bäume aus dem hohen Gras geschossen kamen. Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie sie wuchsen und wie die Früchte immer reifer wurden. Und dann geschah etwas ganz Merkwürdiges. Sie wechselten ihre Farbe. Seitdem schmecken sie auch ganz anders. Hier, probier doch mal einen Apfel.‹‹ Lars kramte in seiner Hosentasche und gab mir einen wunderschönen roten Apfel, in den ich auch gleich genüsslich hineinbiss.
Sein Geschmack war mit dem Apfel von gestern nicht zu vergleichen. Dieser neue Apfel schmeckte unglaublich süß und gut.
››Daraus lässt sich bestimmt exzellenter Apfelsaft machen‹‹, meinte ich und ließ Lars voranlaufen. Er sollte unbedingt das Pferd als Erster sehen, dass inzwischen auf der Wiese hinter der Hütte graste.
››Woher kommst du denn?‹‹, fragte Lars das Pferd und streichelte ihm über das Fell.
››Na, was glaubst du wohl?‹‹, meinte ich und deutete an, dass ich es für ihn gezeichnet hätte. Ich erklärte ihm, wie schwierig es war, die Mähne zu zeichnen und wie ich darum bemüht war, dass das Pferd vier gleichlange Beine hatte. Und wenn ihm die Farbe nicht gefiel, so könnte ich diese noch ändern.
››Nein, die Farbe ist gut so‹‹, erwiderte Lars und begutachtete die Hufe des Pferdes. ››Es ist allerdings recht klein.‹‹
››Das ist ja auch ein Island Pony‹‹, meinte ich zugleich. ››Die sind zwar klein, aber sehr robust und widerstandsfähig.‹‹
››Aber wenn du für all das hier verantwortlich bist, so wie du sagst, dann verstehe ich nicht, warum ich von meinen Eltern getrennt wurde‹‹, meinte Lars und schüttelte die mitgebrachten Äpfel aus seinen Hosentaschen.
››Darauf kann ich dir leider keine plausible Antwort geben‹‹, erwiderte ich und gab dem Pferd einen Apfel zu essen. ››Jedenfalls noch nicht. Als ich damit begann, dieses Bild zu malen, bist du von ganz allein hier aufgetaucht. Ich malte die Hügel und den schmalen Pfad und dann warst du plötzlich da …‹‹
››Dann bist du also doch nicht für alles verantwortlich, was in meiner Welt geschieht oder existiert‹‹, sagte Lars und streichelte dem Pferd über das Fell. ››Das beruhigt mich ein wenig. Denn ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass du vielleicht mit dem Verschwinden meiner Eltern zu tun haben könntest.‹‹
››Warum sollte ich das? Ganz im Gegenteil! Ich würde alles für dich tun, damit du sie wieder findest. Allerdings weiß ich nicht, was ich tun kann. Seit wann bist du …‹‹ Weiter kam ich nicht, da mich Lars unterbrach.
Er setzte sich auf den Rücken des Pferdes und sagte: ››Los, lass uns zum Horizont reiten und nachsehen, was sich dahinter verbirgt.‹‹ Lars reichte mir seine Hand, sodass es mir leichter fiel, auch auf das Pferd zu steigen.
Es war das erste Mal, dass ich überhaupt auf einem Pferd saß. Und so war ich froh darüber, dass Lars wusste, wie man mit einem Pferd umging, und welche Laute und Pfiffe man verwenden musste, dass ein Pferd überhaupt auf einen hörte.
Ich hielt mich an seiner Hüfte fest. Erst zögerlich und sanft, doch je schneller das Pferd wurde, umso fester packte ich zu und schließlich hielt ich mich mit beiden Händen anLars Bauch fest.
Eng an seinem Rücken gelehnt, ritten wir über die endlos scheinenden Weiten. Eines war jedoch sehr merkwürdig. Zwar entfernten wir uns von der kleinen Hütte und ließen auch die Obstbäume weit hinter uns, doch der Horizont schien keinen Meter auf uns zuzukommen.
Die Horizontlinie war zwar zum Greifen nahe, doch wie sehr wir uns auch bemühten, den Hügel konnten wir nicht überqueren. Nach einer Weile brachte Lars das Pferd zum Stehen und hüpfte in die hohe Wiese. Nachdenklich schaute er zurück auf seine Hütte, die nur noch Stecknadelkopf groß in weiter Ferne zu sehen war. Erschöpft ließ ich mich in das Gras fallen und schaute in den tiefblauen Himmel.
››Kannst du mich eigentlich sehen, wenn ich an meinem Bild – an deiner Welt – arbeite und Veränderungen vornehme? Heute Morgen habe ich erst so einiges hinzugemalt‹‹, fragte ich Lars und legte mich zu ihm in das hohe Gras. ››Als ich die Äpfel ausmalte, standst du auf einmal auf einem Baum, und mir schien, als würdest du mir zuzwinkern.‹‹
››Nein! Ich kann dich weder hören noch sehen‹‹, antwortete Lars, der auf einem Grashalm herumkaute. ››Doch immer, wenn sich etwas in meiner Welt verändert, kommt ein mächtiger Wind auf und die Erde bebt ganz fürchterlich. Da sind Kräfte am Werk, die unbeschreiblich sind. So wie heute Morgen, als ich den vielen Bäumen beim Wachsen zusehen konnte. Das war ein gewaltiges Schauspiel, als die Erde aufbrach und die Stämme rasant nach oben schossen. So schnell habe ich noch nie etwas wachsen sehen.
Ich will ja glauben, dass du dahinter steckst, auch wenn du da sehr viel von mir verlangst. Das letzte Mal, als ich jemandem vertraute, wurde ich bitter enttäuscht. Ich erwachte in dieser sonderbaren Welt. Völlig allein und nackt …‹‹
››Und du hast keine Ahnung, woher du gekommen bist?‹‹, fiel ich Lars ins Wort, der daraufhin die Stirn in Falten legte.
››Wie kommst du denn in diese Welt? Was machst du, um zu mir zu kommen? Gestern bist du plötzlich am Lagerfeuer verschwunden. Du hast dich einfach vor mir in Luft aufgelöst. Das machte mir sehr große Angst‹‹, erzählte Lars recht bildreich und schaute mich mit großen und fragenden Augen an.
››Ich betrete deine Welt, wenn ich schlafe, wenn ich zu träumen beginne‹‹, versuchte ich zu erklären. ››Obwohl es mir nach wie vor wie ein schöner Traum vorkommt, so sind doch alle Erlebnisse hier in deiner Welt so real, als würden sie tatsächlich geschehen.‹‹
››Aber das ist doch auch logisch‹‹, meinte Lars, ››für mich ist das kein Traum hier. Für mich ist das die Realität.‹‹
››Was träumst du denn so?‹‹, wollte ich von Lars wissen. Denn wenn Lars in meinen Träumen entstand, ließ er mich vielleicht in seinen entstehen. Auch er war allein. Er hatte keine Freunde und brauchte offensichtlich dringend Hilfe. Was lag da näher, als von etwas zu träumen, was man dringend benötigte!
››Ich kann dir gar nicht sagen, von was mir träumt, wenn ich schlafe‹‹, sagte Lars und versuchte sich angestrengt an seinen letzten Traum zu erinnern. ››Ich kann mich an meine Träume meist nie erinnern.‹‹
››Wenn ich aufwache, kann ich mich allerdings an fast jedes Detail erinnern‹‹, erwiderte ich und fragte mich selbst, warum das so war. ››Verzeih mir bitte, dass ich gestern so plötzlich aus deiner Welt verschwunden bin. Aber mein Vater hatte mich geweckt und aus meinem Traum gerissen. Wenn ich also wieder einmal vor dir verschwinde, so wache ich in diesem Augenblick in meiner Welt auf. Davor musst du dich nicht fürchten.‹‹
››Du hast einen Vater?‹‹
››Nicht nur einen Vater‹‹, antwortete ich und ein unschönes Gefühl machte sich in meinem Kopf breit. ››Ich lebe mit meiner Familie zusammen. Mit meinen Eltern und meinen beiden Schwestern. Doch meine Welt ist mit deiner nicht zu vergleichen. Sie ist komplett anders.‹‹
››Bis vor wenigen Tagen lebte ich auch noch mit meinen Eltern zusammen. Wir bewirtschafteten einen kleinen Hof mit vielen Tieren und zahlreichen Feldern. Doch ich habe keine Geschwister, so wie du. Wie ist das, wenn man Geschwister hat? Teilt man sich dann auch die Arbeit? Ich musste jeden Tag schon sehr früh aufstehen, um meinem Vater auf den Feldern oder mit den Tieren zu helfen. Das war ganz schön anstrengend. Wir schufteten von morgens früh bis abends spät. Aber trotz allem reichte es kaum, um über den nächsten Winter zu kommen.‹‹
››Dann seid ihr also Bauern? Doch ich dachte immer, dass gerade die Bauern genügend zu essen hätten. Sitzen sie doch direkt an der Quelle‹‹, sagte ich und wunderte mich darüber, weshalb Lars für sein Alter so schmächtig war. Seine Arme und Beine hatten kaum Muskelmasse vorzuweisen und sahen wie dünne Stelzen aus. ››Geschwister zu haben, ist nicht immer von Vorteil. Meine Schwestern machen mir mein Leben nicht gerade einfacher, um es mal grob zu umschreiben.‹‹
››Bei uns würde das anders aussehen‹‹, schilderte Lars und schaute dabei auf seine Hütte, die in der Ferne lag. ››Zwar hätten wir ein weiteres Maul zu stopfen, so wie mein Vater zu sagen pflegt, aber mit einer weiteren Arbeitskraft könnten wir auch bessere Erträge erzielen. Mit nur drei Personen war das kaum zu schaffen. Meine Mutter war oft krank und unser Pächter forderte pünktlich seinen Zoll. Jeden Letzten im Monat kam er zu uns und forderte seinen Zehnten ein. War ihm der nicht genug, so nahm er oft auch noch ein Stück Vieh mit. Dabei war es ihm gleichgültig, ob wir mit den Resten auskamen oder nicht.‹‹
Lars Worte verstummten jäh und er versteckte seinen Kopf zwischen den Knien, weil er nicht wollte, dass ich ihn weinen sah. Ich malte mir aus, wie schrecklich die Umstände für ihn und seine Eltern gewesen sein mussten. In welch schwieriger Zeit er aufgewachsen war. Jedenfalls war ich der Meinung, dass er nicht aus meiner Zeit stammen konnte. In seiner Welt musste es wohl so ähnlich zugehen, wie bei uns vor etwa hundert Jahren oder gar noch früher.
Zärtlich legte ich meine Hand auf seine Schultern und tröstete ihn. Mit rot unterlaufenen Augen erhob sich Lars und hielt sich die rechte Hand über die Augenbrauen, da die Sonne in unsere Richtung strahlte. Dann rieb er sich die Tränen aus den Augen und lief wortlos hinüber zum Pferd.
