Ausreden - Florian Klenk - E-Book

Ausreden E-Book

Florian Klenk

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Beschreibung

»Wir alle haben, sensationsgeil, wie wir sind, die Augen nicht von dieser Frau und ihren gleichzeitig raffinierten wie ungeheuerlichen Morden lassen können, aber die Augen sind zu schwach. Es muss jemand kommen, der uns von den Augen aufs Hirn umstellt und das in den Schraubstock dieses Buches spannt, bis wir ihm nicht mehr auskommen können.« Elfriede Jelinek Elfriede Blauensteiner, bekannt als »schwarze Witwe«, wurde Anfang 1996 verhaftet und später wegen mehrfachen Mordes an Pflegefällen und Partnern verurteilt. Hier spricht sie in einer dokumentarischen Selbstaufzeichnung. Was man hier liest, ist kein Roman, kein Krimi, sondern ein aufgeschriebenes Leben. Hier wird ausgesagt. Aus Protokollen, Gutachten, Auskünften entsteht ein Monolog, der uns zwingt, unsere Vorstellungen von Schuld, Gerechtigkeit und Empathie neu zu justieren. Natürlich geht es darin um Schuld, aber nicht im juristischen Sinn. Ja, diese Frau hat Menschen ermordet. Aber wer mit sieben Jahren weiß, dass die eigene Mutter den Tod des Kindes mehr ersehnt als seine Gesundung, der entwickelt keinen Sinn für Moral. Es gibt Bücher, die lassen sich nicht weglegen. Nicht, weil sie unterhaltsam sind, sondern gerade, weil sie kaum erträglich sind. »Ausreden« ist ein solches Buch.

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Seitenzahl: 71

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Ausreden« von Florian Klenk

Über das Buch

Elfriede Blauensteiner, bekannt als »schwarze Witwe«, wurde Anfang 1996 verhaftet und später wegen mehrfachen Mordes an Pflegefällen und Partnern verurteilt. Hier spricht sie in einer dokumentarischen Selbstaufzeichnung. Was man hier liest, ist kein Roman, kein Krimi, sondern ein aufgeschriebenes Leben.Hier wird ausgesagt. Aus Protokollen, Gutachten, Auskünften entsteht ein Monolog, der uns zwingt, unsere Vorstellungen von Schuld, Gerechtigkeit und Empathie neu zu justieren. Natürlich geht es darin um Schuld, aber nicht im juristischen Sinn. Ja, diese Frau hat Menschen ermordet. Aber wer mit sieben Jahren weiß, dass die eigene Mutter den Tod des Kindes mehr ersehnt als seine Gesundung, der entwickelt keinen Sinn für Moral.Es gibt Bücher, die lassen sich nicht weglegen. Nicht, weil sie unterhaltsam sind, sondern gerade, weil sie kaum erträglich sind. »Ausreden« ist ein solches Buch.

Florian Klenk

Ausreden

Elfriede Blauensteiner — Ein Bekenntnis

Paul Zsolnay Verlag

Übersicht

Cover

Über das Buch

Titel

Fußnoten

Über Florian Klenk

Impressum

Inhalt

Ausreden

Eins

: Rudolf

Zwei

: Hermine

Drei

: Alfred

Vier

: Franziska

Fünf

: Friedrich

Sechs

: Elfriede

Nachrede

Blauensteiners Welt

Dank

Ausreden

Der folgende Monolog basiert im Wesentlichen auf den protokollierten Aussagen der Mörderin Elfriede Blauensteiner, die sie während einer forensischen Untersuchung durch die Gerichtspsychologin Sigrun Roßmanith gemacht hat.

Diese Gespräche wurden im März 2001 in der Justizanstalt Wien-Josefstadt von Roßmanith aufgezeichnet und anschließend verschriftlicht.

Die Bekenntnisse Blauensteiners wurden vom Autor gekürzt, redigiert und verdichtet. Die historischen Details wurden mit den Hinterbliebenen von Elfriede Blauensteiner abgestimmt, sofern dies noch möglich war.

F. K.

Eins

Rudolf

Ich habe ihn im Spital

mitpflegen müssen.

Zu wenig Personal.

Nach drei Tagen

wollten sie ihn sterben lassen.

Ich sag:

»Sie sind Arzt,

aber nicht Gott!«

Er war Epileptiker.

Auf der Straße

ist er zusammengebrochen.

Lungenabteilung.

Drei Wochen.

Zysten in der Lunge.

Die Flüssigkeit

frisst die Lunge auf.

So hat man es mir gesagt.

Ich habe ihm nichts Verkehrtes gegeben.

Es war — mit ihm —

kein schönes Leben.

Es war

keine glückliche Zeit.

Das Kinderl weg.

Ich, alleine.

Verhungert

und armselig

sah er aus.

Seine Zähne:

so braune Stifterl.

Mitleid kann

zu Liebe führen.

Ich wollte ihn aufpäppeln.

Er war ein falscher Hund.

Er schlug mich.

Wenn ich einkaufen war

oder bei meinem »Sorgenmutterl«,

durfte er es nicht wissen.

Seine Mutter

hat ihn aufgehetzt.

Immer war was.

Einmal

hat er es ganz arg getrieben.

Ich habe

furchtbar ausgeschaut.

Ich habe

furchtbar ausgeschaut.

Nein!

Ich habe ihn nicht ruhiggestellt.

Das habe ich nie gestanden.

Er hat sich die Pulverl

selbst eingeteilt.

Und selber genommen.

Er wurde

schwächer.

Ich musste

alle Handgriffe machen.

Ich rege mich so auf,

wenn ich daran denke.

Er konnte

nicht selbst

in die Badewanne.

Da habe ich mir gedacht:

Jetzt musst du zu Hause bleiben.

Damit er nicht stirbt

oder krank wird.

Oder was.

Der Rudi

hat ja nichts gegessen.

Er hat geraucht.

Sechzig Stück täglich.

Bier: sieben oder acht Flaschen.

Er war nie betrunken.

Dann habe ich mir gedacht:

Ich gebe ihm

zwei Euglucon.

Damit er

Hunger bekommt.

Nur deswegen.

Sonst gar nichts.

Es war schon am Abend.

Ich sitze bei ihm.

Er sagt:

»Ich hab Hunger.«

In der Küche —

alles parat.

Eine Salatschüssel

voller Grießkoch.

Mit Butter.

Eidotter.

Schokolade.

Viel Butter hinein.

Eier hinein.

Eidotter.

Schokolade.

Grieß.

Und schön lange

kochen lassen.

Damit der Grieß schön aufquillt.

Nicht nur:

reinschütten,

umrühren,

fertig.

Das muss schon gut gemacht sein.

Dann alles hinein.

In eine große Salatschüssel.

Umrühren.

Zum Bett.

Ich bringe ihm die Schüssel.

Er hat sie zusammengegessen.

Ich habe mich so gefreut.

Er ist aufs Klo.

Ich hab ihn gehalten.

Er wäre

von der Muschel gefallen.

Ihn ausgewischt.

Alles gemacht.

Hände gewaschen.

Und dann:

»Ich hab noch einen Hunger.

Ich bin verfressen«, hat er gesagt.

Das höre ich heute noch.

Ich habe mich so gefreut.

Ich könnte weinen.

Weil er endlich etwas gegessen hat.

Einen Kaiserschmarrn.

Noch ein Grießkoch.

Und Preiselbeeren.

Bei jedem Löffel sagt er:

»Es ist gut. Es ist gut.

Gut.«

Der Hunger hat ihn aufgeweckt.

Endlich

hat der Mann gegessen!

Ich hab

alles gehabt.

Ich hab

alles hergerichtet.

Nur beißen darf er nicht lang müssen.

Schnell schlucken!

Dann hat er einen Bauch gehabt.

Natürlich.

Es war ja viel.

Dann hat er sich niedergelegt.

Dann hat er geschlafen.

Gut geschlafen.

Er hätte in der Früh Dienst gehabt.

Das habe ich alles gewusst.

Ich schiebe das Fauteuil

zum Bett.

Setz mich hin.

Nehme ein Buch.

Warte.

Ich hab gewusst:

Er stirbt nicht.

Ich bin ja da.

Er ist nicht gestorben —

an Unterzuckerung.

Er ist auch nicht

aufgewacht.

Ich habe

in der Arbeit angerufen:

»Der Rudi

hat eine Allergie,

er wird morgen

nicht kommen können.«

Er wacht auf.

Zu Mittag.

Er fragt:

»Habe ich heute nicht Dienst gehabt?«

Er springt

aus dem Bett.

Er rennt

zum Telefon.

»Du hast eine Allergie!« —

nur damit du es weißt.

Er ruft an.

Geht in die Arbeit.

Ich gebe ihm

noch ein Euglucon.

Ich wollte doch nur,

dass er

zu Hause bleibt.

Dass er endlich einsieht:

Ich kann

nicht mehr.

Damit er eine schöne Zeit hat.

Damit er noch leben kann.

Er war ja jung.

Ich wollte, dass er isst.

Dann —

dieser furchtbare Fall.

Ich geh ins Vorzimmer.

Ich putze.

Er kommt.

Wieso

hab ich ihn nicht

im Spiegel gesehen?

Er schlägt

von hinten zu.

Sonst

hätt ich mich

wehren können.

Ich liege

auf dem Boden.

Er schreit:

»Du alte Kanaille!

Dir werde ich geben!

Schulden machen!«

Ich konnte

nicht um Hilfe

schreien.

Er hatte Kraft

in diesen

Riesenhänden.

Er hat nur

diesen Bademantel an.

Keine Unterhose.

Ich lieg am Boden.

Heb die Beine.

Und habe da

hingetreten.

Dann ist er

zu sich gekommen.

Oder auch nicht.

Es war

furchtbar.

Was ich

alles für ihn

getan habe!

Ich bin

enttäuscht.

Wenn ein Mensch

brav ist —

und macht

so etwas —,

dann ist es

die Krankheit.

Er ist

Epileptiker.

Er kriegt

keinen Sauerstoff

zum Hirn

durch die

kranke Lunge.

Mein Auge

wird wieder.

Das war das erste

und das letzte Mal.

Es hat eine Weile wehgetan.

Es hat noch gedauert.

Dann ist er gestorben.

Am 10. August 1992.

Ich

hätt ihn nicht geheiratet.

Betrogen

hat er mich nicht.

Ich hab ihm

eine schöne

Trauerfeier machen lassen.

Ich hab

alles gemacht,

was gegangen ist.

Den Partezettel

selbst formuliert.

Einen Spruch.

Ich wollte nicht

so ein Sprücherl,

das zu jedem passt.

Zu jedem Menschen

passt ein eigener Spruch.

Wie er gelebt hat.

Was er geliebt hat.

Das hab ich geschrieben:

»Wenn die Kraft zu Ende geht,

ist Erlösung Gnade.«

Ich bin

sehr christlich.

Das geht

unter die Haut.

Gott

hat ihn erlöst.

Nicht der Arzt.

So ist es.

Ich habe ihn

verbrennen lassen.

Zwei

Hermine

Mein Vater ist gestorben,

da war ich zwei.

Wegen dem Herz.

Er soll denselben Herzmuskel gehabt haben wie ich.

1933

gab es noch keinen Schrittmacher.

Ich hatte sechs Geschwister.

Es war nie ein gutes Verhältnis zu den Geschwistern.

Es war nie ein gutes Verhältnis zur Mutter.

Ein Tritt auf den Boden —

und weg mit uns.

Wenn die Mutter einen auf den Boden tritt,

dann können Sie sich vorstellen,

wie der Stiefvater war.

Als ich mit der Schule angefangen habe,

ist der Krieg gekommen.

Zuerst sagte man »Grüß Gott«.

Ein halbes Jahr später »Heil Hitler«.

Alle hatten Angst vorm Hitler.

Doch der Stiefvater —

der war sofort was.

Vorher war er

ein Niemand.

Gar nichts.

Aber dann

haben alle Angst gehabt.

Vor dem Hitler.

Und vor dem Stiefvater.

Dann sind noch vier Geschwister gekommen.

Aber denen ist es nicht besser gegangen.

Das Essen war wenig.

Es ist der Krieg gewesen.

Ich hatte kein Muttergefühl.

Sie war keine Mutter.

Sie verdient nicht,

dass man »Mutter« sagt.

Ich hatte schöne,

pechschwarze

Haare.

Viele Haare. Zöpfe.

Ich komme eines Tages von der Schule heim —

mit Tintenflecken auf den Zöpfen.

Wir hatten noch Tintenfasseln.

Die hinter mir

hat mir die Zöpfe

voll Tinte gemacht.

Die Mutter nimmt die Schere.

Sie nimmt die Schere

und schneidet mir die Zöpfe ab.

Ich war siebeneinhalb.

Ich komme in die Schule,

und alle schreien:

»Der wurden die Haare abgeschnitten!

Der wurden die Haare abgeschnitten!«

Am Montag war Gewandtag.

Da haben wir frisches Gewand bekommen.

Eh alles geschenkt — vom Taufpaten und so.

Die Mutter hat’s versteckt.

Im Zimmer versteckt.

Und wir mussten mit Fetzen gehen.

Ich musste zur Schule

und ich hatte nichts anzuziehen.

Ich sag:

»Ich hab nichts zum Anziehen!«

Sie reißt die Wäschebank auf,