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Sigmund Freud hat sich schon 1913 Gedanken darüber gemacht, welche Wissenschaften ein besonderes Interesse an der Psychoanalyse haben könnten. Er nannte in diesem Zusammenhang Psychologie (vor allem Entwicklungspsychologie), Sprachwissenschaften, Philosophie, Biologie, Kulturgeschichte, Kunstwissenschaften, Soziologie und Pädagogik. Dass die Psychoanalyse umgekehrt vom Wissen anderer Wissenschaften profitiert, war ihm zwar bewusst, schließlich hatte er selbst fundierte Kenntnisse in diesen Gebieten, er ging diesen Bezügen aber nicht ausdrücklich nach, sondern beließ es bei der Hoffnung auf »reiche Verknüpfungen«. In welchem Ausmaß die Psychoanalyse heute von zahlreichen Wissenschaften herangezogen wird, um sich selbst, ihre Erkenntnisinteressen, ihre Forschungsgegenstände und ihre Wirkungen zu verstehen, belegt ein Fülle von Publikationen. Im Laufe der Zeit hat auch die Psychoanalyse erkannt, dass sie auf das Wissen anderer Wissenschaften angewiesen ist, um hinsichtlich ihrer zentralen Aufgaben Heilung und Kulturkritik nicht zu veralten und um ihr Gewicht im Rahmen des Wissenschaftssystems zu verstärken. Der Band macht anhand von je zwei Beiträgen aus der Psychoanalyse einerseits und Medizin, Philosophie, Theologie, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Literatur- und Sprachwissenschaften andererseits die gegenseitige Bereicherung sichtbar.
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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Helmwart Hierdeis (Hg.)
Austauschprozesse: Psychoanalyse und andere Humanwissenschaften
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99748-3
Umschlagabbildung: © Irmgard Hierdeis, Austausch (Tuschezeichnung)
© 2016, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim
Inhalt
Helmwart Hierdeis
Einführung
Psychologie
Inge Seiffge-Krenke
Psychoanalyse und Psychologie: Heilen und Forschen im Austausch?
Franziska Scherer
Die Wiederentdeckung des ganzen Menschen: Einflüsse der Psychoanalyse auf die Verhaltenstherapie
Philosophie
Andreas Hamburger
Psychoanalyse und Philosophie
Peter Heintel
Freud und die Philosophie
Soziologie
Angelika Ebrecht-Laermann
Die Gesellschaft im Einzelnen – Vom möglichen Interesse der Soziologie für die Psychoanalyse
Johann August Schülein
Zur Kooperation von Soziologie und Psychoanalyse
Pädagogik
Margret Dörr
Psychoanalytiker als Zaungäste – Vom Nutzen der Pädagogik für die Psychoanalyse
Achim Würker
Der Pädagoge als psychoanalytisch aufgeklärter Sisyphos – Vom Nutzen der Psychoanalyse für die Pädagogik
Dichtung und Literaturwissenschaft
Günther Bittner
Dichtung – die überaus harte Nuss
Über Schwierigkeiten der Psychoanalyse, sich zur Literatur zu positionieren
Carl Pietzcker
Psychoanalyse − ein Gewinn für die Literaturwissenschaft
Linguistik
Michael B. Buchholz
Psychoanalyse, Sozialwissenschaft und Linguistik
Überwindung von Individualismus und Aufmerksamkeit für eine »andere Empirie«
Uli Reich
Psychoanalyse und Linguistik: Chancen einer gefährlichen Liebschaft
Ein Programm, kein Forschungsüberblick
Theologie
Claudia Eliass und Beate West-Leuer
Sinne, die zur Seele führen
Der Mund im psychoanalytisch-theologischen Dialog
Wolfgang Wiedemann
Szenen einer Ehe: Theologie und Psychoanalyse
Epilog
Peter Schneider
Psychoanalyse et al.
Ein epistemologischer Essay über Wege und Irrwege des wissenschaftlichen Austauschs, Ödipus und das Problem der Enthistorisierung des psychoanalytischen Wissens
Die Autorinnen und Autoren
Helmwart Hierdeis
Einführung
Wer Psychoanalyse betreibt, übt seinen Beruf auf der Grundlage eines nichtanalytischen Fachstudiums aus, ergänzt durch eine Ausbildung, die psychoanalytische Theorie und klinische Praxis verbindet. In Deutschland und in der Schweiz bilden in der Regel Medizin bzw. Psychologie die Basis. Früher war der Zugang offener; in Österreich ist er es heute noch. Zur psychoanalytischen Profession gehört demnach so oder so die Integration unterschiedlicher wissenschaftlicher Informationen und Paradigmen, geordnet und getragen von einem psychoanalytischen Erkenntnisinteresse, das sich auf den einzelnen Fall richtet und das stets auf der Suche nach gesichertem Wissen ist, um ihn besser zu verstehen. Weil uns in den Patientinnen und Patienten unbekannte Subjekte mit ihrer Welt und deren Bezügen zur Welt insgesamt begegnen, kann dieses Wissen nicht umfassend genug sein und schon deshalb nicht allein aus dem psychoanalytischen Fundus stammen. Die Kunst der psychoanalytischen Ausbildung besteht darin, ein professionelles Selbstverständnis wachsen zu lassen, das zwar in der Psychoanalyse wurzelt, jedoch nicht im Sinne bestimmter Ausbildungsinstitutionen und Schulen »normopathisch« ist (vgl. Cremerius, 1987, S. 1075). Und zur professionellen Selbstreflexion gehört es, sich eine kritische Einstellung gegenüber den erworbenen Kenntnissen zu bewahren und damit für neues Wissen offen zu bleiben. Das wird aus unterschiedlichen Quellen stammen: aus der psychoanalytischen Forschung, aus den jeweiligen Herkunftswissenschaften, aus anderen, vielleicht sogar wissenschaftstheoretisch entfernten Disziplinen und – eine solche Entwicklung bahnt sich seit geraumer Zeit an – aus Ergebnissen interdisziplinärer Forschung unter Einschluss der Psychoanalyse.
Im Rahmen der persönlichen Professionalität und auch im Austausch innerhalb klinischer Teams scheint das Verhältnis unterschiedlicher und unterschiedlich generierter Wissensbereiche unproblematisch zu sein. Die theoretischen Gegensätze treten deutlicher hervor, wenn es um folgende Fragen geht:
–Darf die Psychoanalyse mit ihrer Behauptung des dynamischen Unbewussten, ihrer Vorstellung von der Entwicklung des Ichs und der Forderung nach Selbstreflexion sich in das Selbstverständnis anderer Wissenschaften einmischen?
–Wie ist mit ihrer Behauptung, Wissenschaft zu sein, umzugehen?
–Sind ihre anthropologischen und kulturtheoretischen Annahmen ernst zu nehmen?
Diese Fragen verschärfen sich noch einmal, wenn die Disziplinen nicht nur im unverbindlichen Gedankenaustausch aufeinandertreffen (da kann man sich notfalls auch ignorieren), sondern auf institutionellem Terrain (Universität, Gesundheitswesen). Das ist vor allem dann der Fall, wenn es um die Verteilung von Ressourcen geht oder die Psychoanalyse nicht nur ein anderes Denken nahelegt, sondern, wie zum Beispiel in Psychiatrie, Pädagogik und Sozialer Arbeit, eine Änderung der Praxis.
Der Blick der Psychoanalyse auf andere Wissenschaften und die damit verbundene Suche nach einem angemessenen Verhältnis zu ihnen ist so alt wie die Psychoanalyse selbst. Sigmund Freud war als Neurologe, Psychologe, Biologe, evolutionstheoretisch orientierter Anthropologe, Kulturhistoriker und Sprachforscher gleichsam die wandelnde Integration unterschiedlicher Paradigmen und Wissensbereiche. Er wusste das auch. An ihm lässt sich beobachten, dass er auf der einen Seite einigen geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen nahezubringen versuchte, in welcher Weise sie von der Psychoanalyse profitieren könnten (Freud,1 1913j, S. 369 ff.), während er auf der anderen Seite seine Bereitschaft zeigte, sich zu korrigieren, wenn er in seinem Konzept Widersprüche und voreilige Schlüsse oder bei anderen, auch bei Gegnern, einleuchtende Argumente entdeckte (vgl. Leuzinger-Bohleber, 2011, S. 29 ff. unter Hinweis auf Makari, 2008). Allerdings bestand er – manchmal durchaus misstrauisch, abweisend, wenn nicht gar feindselig – darauf, den Kernbestand »seiner« Psychoanalyse und damit ihre Identität zu bewahren. Dazu gehörte neben einem Kanon von Begriffen und Theorien, die er unter anderem in »›Psychoanalyse‹ und ›Libidotheorie‹« (1923a, S. 209 ff.) in lexikalischer Kürze dargestellt hat, auch die Behauptung des »Junktim[s] zwischen Heilen und Forschen« (1927a, S. 293 f.), also des speziellen empirischen Charakters der Psychoanalyse. Er umschrieb ihn so: »Die Psychoanalyse ist kein System wie die philosophischen, das von einigen scharf definierten Grundbegriffen ausgeht, mit diesen das Weltganze zu erfassen versucht, und dann, einmal fertig gemacht, keinen Raum mehr hat für neue Funde und bessere Einsichten. Sie haftet vielmehr an den Tatsachen ihres Arbeitsgebietes, sucht die nächsten Probleme der Beobachtung zu lösen, tastet sich an der Erfahrung weiter, ist immer unfertig, immer bereit, ihre Lehren zurechtzurücken oder abzuändern. Sie verträgt es so gut wie die Physik oder die Chemie, daß ihre obersten Begriffe unklar, ihre Voraussetzungen vorläufige sind, und erwartet eine schärfere Bestimmung derselben von zukünftiger Arbeit« (1923a, S. 229). Mit dieser Festlegung, die Induktion mit dem Zwang zu ständiger sprachlicher Klärung verbindet, hielt er sich den Zugang zu geistes- und naturwissenschaftlichen Methodologien offen. Gleichzeitig verankerte er in der Psychoanalyse durch die Implantierung eines unabschließbaren Präzisierungsprozesses das Prinzip der Historizität, und zwar stärker als manche seiner Nachfolger, die in ihr eher eine Art Glaubenslehre oder Dogmatik sehen wollten.
Der Weg zur heutigen Positionierung der Psychoanalyse im Pluralismus der Wissenschaften (vgl. Münch, Munz u. Springer, 2010; Kutter, 1997, S. 7 ff.), zum Dialog (vgl. Giampieri-Deutsch, 2002, 2004; Böker, 2010) oder zur interdisziplinären wie internationalen Kooperation mit anderen Disziplinen (vgl. Leuzinger-Bohleber u. Haubl, 2011) war damit zwar grundsätzlich eröffnet, aber er steckte voller Hindernisse. Freud selbst musste zu seinem Leidwesen die Widerstände aus Universität, Ärzteschaft und Glaubensgemeinschaften erfahren (1925d, 1925e; vgl. Ferenczi, 1910, S. 48 ff.), nicht anders etliche seiner Schüler wie etwa Siegfried Bernfeld (Tenorth, 1992, S. 23 ff.). Johannes Cremerius (1981) zeichnet die »Rezeptions-verweigerung« der akademischen Wissenschaften vor 1940 am Beispiel von Soziologie, Psychologie und Theologie nach, Michael Wininger (2011) die zwischen Totschweigen, Ablehnung und Eklektizismus schwankende Einstellung der universitären Pädagogik zur Psychoanalyse in Deutschland in etwa dem gleichen Zeitraum. Die Verdienste des 1960 von Alexander Mitscherlich ins Leben gerufenen Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts um das wissenschaftliche Ansehen der Psychoanalyse in den vergangenen 55 Jahren sind unumstritten (vgl. Plänkers, 2011, S. 81 ff.). Dennoch kann selbst das im Austausch mit der »Frankfurter Schule« (Adorno, Horkheimer, Habermas) gewachsene gesellschaftliche Renommee der Psychoanalyse, das Einsickern psychoanalytischer Begriffe in die gehobene Alltagssprache, der vielfältige Einfluss auf Theater, Dichtung, Kulturrezeption, darstellende Kunst, Feuilleton und Wissenschaft und nicht zuletzt die Eingemeindung von psychoanalytischen Begriffen und Theoriepartikeln in andere Therapierichtungen (vgl. Buchholz, 2010, S. 181) nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Psychoanalyse an der Universität auch heute noch auf Abwehr und Verhinderungstaktiken stößt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sie auf die Ausbildung für medizinische, pädagogische und andere soziale Berufe Einfluss nehmen möchte (vgl. Bittner, 2009, S. 124 ff.). Das schrittweise Hinausdrängen der Psychoanalyse aus der Universitätspsychologie, oft unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Schwerpunktverlagerungen (beliebt ist die Installation des Faches »Empirische Bildungsforschung«), ist nur das auffälligste Beispiel dafür.
In diesen Versuchen offenbart sich neben der an anderer Stelle bereits offengelegten Blindheit der Psychologie gegenüber ihrer Herkunft aus der Phänomenologie (vgl. Kaiser-el-Safti, 2015, S. 3 ff.; Hierdeis, 2015, S. 70 ff.) eine weitere Facette des Vergessens. Denn einige der unbestritten wichtigsten theoretischen Bausteine der Psychologie stammen, wie Patricia Giampieri-Deutsch resümiert, aus der Psychoanalyse:
»Erstens die Annahme, dass stabile Persönlichkeitsaspekte sich in der Kindheit auszubilden beginnen und dass Kindheitserfahrungen eine bedeutsame Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung einnehmen. Zweitens die Annahme, dass Selbst- und Objektvorstellungen sowie Vorstellungen von Beziehungen ausschlaggebend für die Interaktionen mit anderen Menschen sind. Drittens die Annahme, dass mentale, affektive und motivationale Vorgänge simultan und parallel arbeiten, so dass Subjekte miteinander in Konflikt stehende Gefühle gegenüber derselben Person oder Situation entwickeln können und dass daraus Kompromissbildungen außerhalb des Bewusstseins resultieren können. Viertens die Annahme, dass die Persönlichkeitsentwicklung nicht nur das Lernen der Regulierung von libidinösen und aggressiven Wünschen und Affekten beinhaltet, sondern auch die Entwicklung von einem unreifen abhängigen Zustand zu einem reifen interdependenten Zustand. Fünftens die Annahme, dass der Großteil des mentalen Lebens unbewusst stattfindet« (2004, S. 19; im Anschluss an Westen, 1999; vgl. Geulen, 1980, S. 36).
Die sich anbahnende »Ausbürgerung« aus der Universität bedroht die Psychoanalyse zwar nicht in ihrer Existenz, erschwert aber die Auseinandersetzung mit den Nachbardisziplinen, verringert die Chancen gemeinsamer Forschung und blockiert die beiderseitige Horizonterweiterung – ganz abgesehen davon, dass den anderen Wissenschaften der Blick auf ihre unbewussten Erkenntnis- und Verwertungsinteressen erspart bleibt, wenn sie sich die Psychoanalyse institutionell vom Leibe halten (vgl. Green, 2004, S. 33 ff.).
Zugegebenermaßen hat die Psychoanalyse den anderen Wissenschaften die Zusammenarbeit nie leicht gemacht. Insbesondere die Psychologie, als deren Teil sich die Psychoanalyse verstand, war im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts einerseits mit dem eigenen Paradigmenwechsel, mit dem Bemühen um Präzisierung ihrer Terminologie und um die Generalisierbarkeit ihrer Forschungsergebnisse zu sehr beschäftigt, als dass sie sich mit neuen, ihr zu offen erscheinenden Begriffen und einer strikten Subjektorientierung hätte ernsthaft befassen wollen. Später stellte sie nur allzu gerne fest, dass etliche Annahmen der Psychoanalyse mit dem inzwischen zum Standard erhobenen methodischen Instrumentarium der Psychologie nicht zu bestätigen waren – was sich dann, mit Auswirkungen bis heute, in den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit an die Adresse der Psychoanalyse ummünzen ließ (vgl. Perrez, 1972; Grawe, Donati u. Bernauer, 1994; Selg, 2002). Andererseits ist festzustellen, dass die Psychoanalyse die Ausdehnung der Forschungsinteressen in der Psychologie auf kognitive Persönlichkeitsmerkmale, auf die Bedeutung von Institutionen und Organisationen für die menschliche Entwicklung und auf Altersstufen jenseits von Kindheit und Jugend lange Zeit ignoriert hat, so dass auch hier eine gewisse Entfremdung eingetreten ist (Geulen, 1980, S. 36 f.).
Es gab und gibt Anzeichen für Veränderungen. Michael Hampe erkennt hinter ihnen die Absage an ein von ihm als »fundamentalistisch« etikettiertes, »einheitswissenschaftliches Programm« zugunsten der Anerkennung von »partikularer Wahrheit« (2004, S. 18). Für die neue Offenheit steht auf Seiten der Psychoanalyse neben Johannes Cremerius Peter Kutter. Er kann 1997 auf eine seit den 1980er Jahren wachsende Anzahl von Arbeiten aus Medizin, Psychologie, Literatur- und Rechtswissenschaft verweisen, in denen seine Disziplin zur Erkenntnisgewinnung herangezogen wird (S. 15 ff.). Unter dem Titel »Die produktive Wirkung der Psychoanalyse auf benachbarte Wissenschaften« lässt er Vertreterinnen und Vertreter der Medizin, Pädagogik, Soziologie, Literaturwissenschaft, Kunst, Theologie und Rechtswissenschaften zu Wort kommen (S. 19 ff.) und demonstriert am Beispiel Sprachwissenschaft und Philosophie die »Wirkungen anderer Wissenschaften auf die Psychoanalyse«. Mit seinem Namen sind auch die ersten Brückenschläge zu anderen Therapierichtungen (Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie) verbunden (S. 9). Aufgrund seiner Erfahrungen am Sigmund-Freud-Institut und an der Universität Frankfurt bindet er das Gelingen eines »kreative[n] Dialog[s]« an drei Voraussetzungen: »1. die Anerkennung der Position des anderen, 2. eine eigene minimale Sicherheit und 3. die Fähigkeit, sich über die Grenzen der eigenen Fachsprache verständlich ausdrücken zu können« (S. 9). Heute würde Kutter sie wohl um mindestens zwei weitere Voraussetzungen ergänzen: um das Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Position und um das Bewusstsein von der Gefährdung der Humanwissenschaften durch gesellschaftliche Verwertungsinteressen. Gerade sie macht aus der Kooperation ad libitum eine Kooperation aus Notwendigkeit.
Steht Kutter Ende der 1990er Jahre mit seiner Forderung, den möglichen gegenseitigen Nutzen von Psychoanalyse und einigen Humanwissenschaften in Augenschein zu nehmen, noch relativ isoliert da, so verdichten sich nach der Jahrtausendwende die Initiativen. Dass sie in Gang kommen, liegt unter anderem am Druck der Neurowissenschaften auf die Psychoanalyse, ihre Konzepte von Psychodynamik zu überprüfen. Neben der sich diesbezüglich anbahnenden Kooperation der Psychoanalyse mit ihnen entfalten sich Diskurse mit allen Human- und Sozialwissenschaften. Sie werden von einer intensiven Selbstaufklärung der Psychoanalyse als Wissenschaft begleitet – als ginge es darum, das Plädoyer von Wolfgang Mertens (2004) umzusetzen, »den Umgang mit den Manifestationen unbewusster Prozesse nicht allein dem neurowissenschaftlich-industriellen Komplex zu überlassen, sondern sich der Bewusstmachung und den ›Individuationsaufgaben‹ zu stellen« (S. 9) und alle diejenigen »methodischen Bemühungen« zu bündeln, »die etwas vom Menschen, seiner Psychologie, seiner Biologie, seinen kulturellen Produktionen und den Rückwirkungen derselben auf ihn verstehen wollen« (S. 15; vgl. Giampieri-Deutsch, 2002, 2004; Münch, Munz u. Springer, 2010; Leuzinger-Bohleber, Deserno u. Hau, 2004; Leuzinger-Bohleber u. Haubl, 2011; Böker, 2010).
Die Beiträge dieses Buches greifen noch einmal die Frage Kutters auf, was sich Psychoanalyse und andere Wissenschaften zu sagen haben. Wie bei ihm geht es um eine Auswahl von Geistes- und Sozialwissenschaften, weil deren Aufnahmebereitschaft für psychoanalytisches Denken und ihr Anregungspotenzial für die Psychoanalyse in den Diskussionen der letzten Jahre an den Rand gerückt sind. Im Unterschied zu Kutters Systematik und zu thematischen Gruppierungen in den bisher erschienenen Publikationen zur Interdisziplinarität sind die Beiträge nach einem Vice-versa-Prinzip geordnet: In sieben Paarungen steht jedem psychoanalytischen Blick auf ein Fach der Blick eben dieses Faches auf die Psychoanalyse gegenüber. Den Abschluss bilden Überlegungen zur Frage, wie die Psychoanalyse der Beliebigkeit entkommen und sich lebendig erhalten kann, ohne ihre Identität zu verlieren.
Die nachfolgenden Kurzfassungen bieten einen Überblick über die Paarungen im Einzelnen.
Psychologie
Nach Inge Seiffge-Krenke ist eine spürbare Freud-Rezeption durch die Psychologie erst seit den 1960er Jahren zu beobachten. Dabei habe es noch zu Freuds Lebzeiten ein unverkrampftes Verhältnis zwischen den beiden Disziplinen, besonders bei der Erforschung der frühen Kindheit gegeben (Karl und Charlotte Bühler, Hildegard Hetzer, René Spitz – Anna Freud, Melanie Klein). Aktuell sind Säuglingsforschung, Bindungsforschung und Neuropsychologie wichtige Kooperationsgebiete. Erfolgreich war in den letzten Jahren die gemeinsame Arbeit am Manual »Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik«. Ein auffälliges Desinteresse bestehe bei der Psychoanalyse (bedingt durch ihre traditionelle Fixierung auf die ödipale Situation) an der Erforschung von Partnerschaftsbeziehungen und anderen Entwicklungsstufen. Dagegen öffne sie sich zunehmend der psychologischen Empirie.
Franziska Scherer beobachtet in ihrem klinischen Arbeitsfeld, dass beim fachlichen Austausch im Team Therapeuten verschiedener Richtungen wie selbstverständlich Begriffe der jeweils anderen verwenden, und fragt nach der Legitimation einer solchen Pragmatik. Sowohl in der Verhaltenstherapie als auch in der Psychoanalyse trifft sie auf die Sorge um die eigene Identität. Letztere hat allerdings nicht nur mit dem gegenseitigen Verhältnis zu tun, sondern ist auch eine Folge innerdisziplinärer Auffächerungen. In ihrer eigenen Therapierichtung entdeckt die Autorin eine auffällige Einwanderung psychoanalytischer Themen und Begriffe (Therapeutische Beziehung, Übertragung/Gegenübertragung, Traumarbeit, Unbewusstes). Die Öffnung der Verhaltenstherapie für psychoanalytische Konzepte verweist für sie auf ein Bedürfnis nach Ganzheitlichkeit. Einer weitergehenden Integration stünden jedoch vor allem unterschiedliche Menschenbilder und Wissenschaftsverständnisse entgegen.
Philosophie
Für Andreas Hamburger gilt – nach langen Systemkonstruktionen und -dekonstruktionen – als »psychoanalytisch« nicht mehr die Unterwerfung unter Regeln, sondern die sinnproduzierende Begegnung. Die Entwicklung dorthin möchte er anhand von zehn Anfragen eines Psychoanalytikers an die Philosophie verdeutlichen. Sie führen zunächst entlang der Entfaltung des psychoanalytischen Diskurses von der Triebmechanik über die Ichpsychologie und Objektbeziehungspsychologie zur interpersonalen Psychoanalyse und nehmen dann philosophische Entwürfe aus der neukantianischen Erkenntnistheorie, der Wissenschaftstheorie, Geschichtsphilosophie, Hermeneutik, Philosophie des Geistes und des Dekonstruktivismus in Augenschein. Hamburgers Schlussfolgerung: Die gescheiterten ontologischen Spekulationen und wissenschaftstheoretischen Schlachten haben ein geschärftes Methodenbewusstsein bei den Psychoanalytikern erbracht. Umgekehrt scheint die geschulte psychoanalytische Wahrnehmung auch einigen Philosophen willkommen zu sein. Denn als spezialisierte Phänomenologie kann sie Schichten des Erlebens zutage fördern, die auch einer Philosophie des Geistes Anregungen bieten.
Peter Heintel macht sich die Kritik Sigmund Freuds an der Lebensferne der Philosophie seiner Zeit zu eigen und überträgt sie auf die Gegenwart: Sie habe ihre aufklärerische Kraft verloren, versinke in Resignation, kreise in sich selbst, suche die Nähe der als erfolgreich geltenden Wissenschaften, biedere sich bei den Vertretern der »instrumentellen Vernunft« an, verweigere sich der Selbstaufklärung und den innerwissenschaftlichen Diskursen ebenso wie der öffentlichen Aufklärung. In der Psychoanalyse sieht er ein Prinzip am Werk, das schon bei Sokrates zu beobachten gewesen sei: die Mithilfe an der Aufklärung/Heilung des Subjekts. Auf das laufe das Freud’sche Junktim von Forschen und Heilen hinaus. In dieser Hinsicht habe die Philosophie einen erheblichen Nachholbedarf.
Soziologie
Für Angelika Ebrecht-Laermann richtet sich das Erkenntnisinteresse der Psychoanalyse auf die Dynamiken und Strukturen der »inneren Welt« der Subjekte, das der Soziologie auf die gesellschaftliche Konstitution von Subjektivität, ihre Strukturen und Gesetzmäßigkeiten. Daraus ergeben sich entscheidende Unterschiede hinsichtlich Methodologie und Methodik. Für die Psychoanalyse beginnt die Forschung von jeher in der analytischen Beziehung und in den Fallbesprechungen der Analytiker. Sie ist subjektorientiert und, da sprachgebunden, heterogen, rekursiv, kreisförmig, gelegentlich auch unbestimmt, widersprüchlich und unsicher. Die Soziologie dagegen bleibt als evidenzbasierte (nomothetische) Wissenschaft einem linearen Denken verpflichtet. Die bisherige gegenseitige Bezugnahme schätzt die Autorin als skeptisch-eklektisch ein. Die Chancen einer ernsthaften Auseinandersetzung sieht sie darin, dass die Soziologie ihr Subjektverständnis modifiziert und die unbewusste Dynamik gesellschaftlicher Prozesse ernst nimmt, während die Psychoanalyse lernen könnte, ihr Konzept von Selbstreflexion um die »äußeren Objekte« der Gesellschaft zu erweitern und ihre eigenen institutionellen Verwerfungen zu durchleuchten.
Nach Johann August Schülein haben Versuche, psychoanalytische Erkenntnisse für soziologische Analysen zu nutzen, eine lange Geschichte. Bereits Freud hat in seinen kulturtheoretischen Schriften zahlreiche Überlegungen zur Entstehung und Entwicklung, zur Funktionsweise und zum Risikopotenzial von Gesellschaften vorgelegt. Sie wurden vor allem von »linksfreudianischen« Autoren aufgegriffen, kritisiert und weiterentwickelt. Trotz ihrer Kreativität und ihrer aufklärenden Leistung leiden viele dieser Versuche an methodischen Schwächen. Außerdem fehlt ihnen ein hinreichend differenziertes Konzept der Beziehung von sozialer und psychischer Realität. Schülein untersucht zunächst, welche psychoanalytischen Beiträge für eine soziologische Theorie des Subjekts relevant sind. In einem weiteren Schritt diskutiert er, wie sich der Austausch zwischen psychischer und sozialer Realität als wechselseitige Abhängigkeit, als funktionale und dysfunktionale Provokation und als erzwungener Import auf beiden Seiten darstellt. Schließlich zeigt er, wie der Prozess der Interferenz auf den unterschiedlichen Ebenen und Dimensionen von Gesellschaften verschieden aggregiert und konfiguriert wird und wie sich daraus eine differenzierte Matrix von Austauschmodi ergibt.
Pädagogik
Hinsichtlich ihres Verständnisses einer pluralen Psychoanalyse beruft sich Margret Dörr auf das dynamische Unbewusste, ohne das Freud’sche Triebkonzept zu ignorieren. Pädagogik gilt ihr als Einheit von Bildung, Aufklärung, menschlicher Teilhabe und politischem Handeln. Im gemeinsamen Fokus des Erkenntnisinteresses von Psychoanalyse und Pädagogik sieht sie das durch seine Lebensumstände (gesellschaftliche Verhältnisse) bedrohte, verletzte und leidende Subjekt. Während die Klinik der Psychoanalyse ihren Blick einseitig auf die innere Objektwelt der Analysandinnen und Analysanden richtet, hat die Analyse psychoanalytischpädagogischen Handelns zwar gleichfalls die Beziehung im Auge, sieht in der Tradition Siegfried Bernfelds aber die Art und Weise der Interaktion wesentlich durch den sozialen Ort mitbestimmt, in dem ihre Akteure leben bzw. zurechtkommen müssen. Wird die Pädagogik durch das psychoanalytische Verstehen bereichert, so kann die Psychoanalyse vom gesellschaftskritischen Bewusstsein der Pädagogik und von deren Verankerung im sozialen Ort – beispielsweise bei der Entwicklung einer »aufsuchenden Psychoanalyse« – profitieren.
In fünf Schritten begibt sich Achim Würker auf die Suche nach dem Ertrag der Psychoanalyse für die Pädagogik. Er fragt
1.nach dem von der Psychoanalyse behaupteten pädagogisch relevanten Potenzial,
2.nach der unterstellten Horizonterweiterung der Pädagogik,
3.nach dem mittelbaren Nutzen der Psychoanalyse für die pädagogische Praxis,
4.nach den Hemmnissen innerhalb der Pädagogik gegen einen psychoanalytischen Erkenntnisgewinn und schließlich
5.nach praktischen Möglichkeiten der Einflussnahme.
Würkers Gedankengang prägen zwei Charakteristika: Er bringt seine eigenen Erfahrungen ins Spiel, und er gibt sich als jemand zu erkennen, für den das »szenische Verstehen« das überzeugendste Konzept darstellt, um die pädagogische Praxis zu begreifen und zu verändern. Wer seinen Impuls umsetzen will, wird die gleiche Erfahrung machen wie der Autor selbst (eine Erfahrung, von der auch Siegfried Bernfeld spricht): Es ist die des Sisyphos, der in Kauf nehmen muss, dass er nicht Herr der Verhältnisse ist.
Dichtung und Literaturwissenschaft
Ausgehend von der schwankenden Einstellung Freuds zum Verhältnis Psychoanalyse – Dichtung fragt Günther Bittner,
1.ob die Psychoanalyse der Dichtung so viel an Terrain wegnimmt, dass Letztere um ihr Überleben fürchten muss,
2.ob die Psychoanalyse sich der Dichtung gegenüber so ausbeuterisch verhält, dass sie auf Seiten der Dichter zwangsläufig Abwehrreflexe hervorruft, und
3.ob die Lösung des Konkurrenzverhältnisses nicht darin liegen könne, Psychoanalyse und Literatur als zwei unterschiedliche Diskurse anzusehen, die sich gegenseitig nichts nehmen, wohl aber zur beiderseitigen Bereicherung beitragen.
Bittner zeigt auf, dass die Dichtung der Moderne zweifellos viel Psychoanalytisches in sich aufgenommen hat (Hermann Hesse, Thomas Mann) und dass umgekehrt die Dichtung als »Seelengeschichte erster Hand« die psychoanalytische »Seelengeschichte« immer wieder aufs Neue erdet. Die literarische Gattung der Nonsensliteratur (Robert Gernhardt) scheint der Psychoanalyse bisher entgangen zu sein, obwohl sie über Freuds Theorie des Witzes leicht Zugang hätte finden können.
Produktion und Rezeption von Literatur sind, so Carl Pietzcker, an unbewusste Prozesse gebunden. Wenn sie dies beachtet, kann Literaturwissenschaft ihren Gegenständen eher gerecht werden. Wie der literarische Prozess von den Voraussetzungen des Schreibens über den Autor, den Text, das Lesen und schließlich das Interpretieren aus psychoanalytischer Perspektive zu denken ist, entfaltet Pietzcker in einer systematisierenden Skizze, deren Anwendung er an den Dramen Schillers demonstriert. Er geht vom literarischen Text aus, in dessen literarischen Zeichen bewusste wie unbewusste Prozesse von Wunsch und Abwehr zu einem Stillstand gekommen sind. Dieser Stillstand erweist sich in der Gestalt zulassender Abwehr als Form. Der Autor des literarischen Textes hat diese Prozesse aus vorausgehenden gesellschaftlichen und aus eigenen Prozessen gestaltet. Der Leser setzt die als Text stillgestellten Prozesse unter den Bedingungen seines Bewusstseins wieder in Gang und schafft sich auf diese Weise seinen eigenen Text. Der psychoanalytische Interpret schließlich erkundet mit Hilfe der Gegenübertragungsanalyse das den literarischen Zeichen mitgegebene Unbewusste.
Linguistik
Michael B. Buchholz beginnt mit einer biographischen Skizze, die ihn auf die Spur gesetzt hat, zu beobachten, wie in der Psychoanalyse der ausschließliche Individualismus mit einer zentralen, in die biographische Tiefe orientierten »vertikalen« Perspektive zugunsten einer »horizontalen« Perspektive der menschlichen Verbundenheit umgewandelt wurde – auch im Behandlungszimmer. Damit ging eine erstaunliche andere Entwicklung einher, nämlich die, dass die »andere Empirie« – die weder Fragebogen- noch skalenbasiert ist – kaum Beachtung fand; Freud hob immer das analytische Gespräch als Basis jeder psychoanalytischen Theoretisierung hervor. Das ist für Buchholz wiederum biographisch bedeutsam, weil daran sein Doktorvater Hermann Argelander immer festgehalten und auf Freuds mehrfache Rede von »Konversation« hingewiesen hatte. Buchholz nimmt sich zwei im Abstand von zwanzig Jahren erschienene Kongress-Bände zur Orientierung, um die Entwicklung dieser beiden Momente – vom Individualismus zur Kooperation, von abstrakter Datenerhebung zu »anderer Empirie« – zu beschreiben. Ein wichtiger Schritt war die Beobachtung, dass das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft nicht mehr in traditionellen Alternativen von »Anpassung oder Protest« gedacht werden kann, weil komplexe historische Prozesse die Verselbständigung der »Interaktionssysteme« generiert haben. Interaktionssysteme – Blicke und Gesten, Rhythmen des Sprechens und Prosodie, Sprecherwechsel und Balancen des Wissens – können mit neuartigen methodischen Mitteln in vielen Details erkenntnisbereichernd beschrieben werden. Hier kann sich die Analyse der Psyche mit der von Konversationen auf produktive Weise verbinden. Aussichten auf die Zukunft einer solchen Verbindung – etwa in einem erweiterten Modell des Unbewussten – führt Buchholz aus. Der Psychoanalyse werden daraus Möglichkeiten erwachsen, in ihrer Theorie an aufregende Entwicklungen in anderen Feldern anzuschließen.
Die Affinität Freuds zur Sprachwissenschaft greift Uli Reich auf, um die empirische Linguistik nach ihrem Nutzen für die Psychoanalyse – und umgekehrt – zu befragen. Während Freud noch von einer intrinsischen Bedeutung der Wörter ausging, führte der »Linguistic Turn« in der Philosophie zum heutigen Paradigma der Alterität (von dem auch die Psychoanalyse erfasst worden ist): Bedeutungen werden in der Kommunikation erst hergestellt. Die technischen Möglichkeiten zur akustischen Analyse von Gesprächen haben vernehmbar gemacht, wie Sprecher ihre Äußerungen in der Zeit strukturieren, welche Rolle Intonation, Lautstärke, Tongebung und Stimmqualität spielen und wie die Prosodie (als Trägerin von Emotionen) unter Einbeziehung von Gestik und Mimik die Absichten von Sprechern verrät. Reich macht deutlich, dass im Gespräch mehr sinnstiftende Instanzen wirken als die Bedeutungen der Wörter und ihre Kombination. Damit die einzelnen Instanzen funktionieren können, sind sie aber auf eine Infrastruktur gemeinsamer Absichten und auf gemeinsame kulturelle Fertigkeiten angewiesen. Am besten verstanden dürfte dabei bisher die Intonation sein, die, wie der Verfasser unter Hinweis auf die phonologische Analyse eines therapeutischen Gesprächs zeigt, mehr über das innere Erleben des Sprechers und sein Selbstgefühl aussagen kann als der gesprochene Wortlaut. Um die konversationelle Bedeutung anderer Aspekte der Prosodie erkennen zu können, ist aber weitere empirische Forschungsarbeit erforderlich.
Theologie
Claudia Eliass (Theologie) und Beate West-Leuer (Psychoanalyse) berichten von der Erprobung des Dialogs zwischen beiden Disziplinen und Denkformen im Rahmen eines gemeinsamen Seminars. Das Thema »Mund« bot ihnen zum einen die Möglichkeit, biblische Texte (Das Hohe Lied; Heilung eines Taubstummen) und künstlerische Darstellungen (Niki de Saint Phalle) theologisch und psychoanalytisch zu interpretieren. Zusammen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern war es ihnen zum anderen möglich, den Mund als Ort von Lust und Ekel, Aufnahme und Ausstoßung, Sprache und Sprachlosigkeit zu erkennen und Heilung sowohl unter der theologischen als auch der psychoanalytischen Perspektive zu reflektieren und auf diese Weise ursprünglich getrennte Symbolsysteme zusammenzuführen.
Wolfgang Wiedemann sieht das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Religion von beiden Seiten her belastet: durch Freuds Klassifikation der Religion als »Illusion«, die durch den (wissenschaftlichen) Logos ersetzt werden sollte, und durch die Aversion der Theologie gegen ein Menschenbild, in dem die Sexualität dominiert. Für den Verfasser spielt einerseits die den Primat der Triebtheorie bestreitende Objektbeziehungstheorie eine Vermittlerrolle, andererseits entdeckt er in Wilfred Bions Denkfigur des »O« den Ausdruck einer sublimen Religion, in der Glaube und Vernunft – in gemeinsamer Anerkennung des logisch nicht Erfassbaren – interagieren können. Die Frustration angesichts des beiderseitigen Ungenügens lässt sich für Wiedemann im Humor überwinden. Beispiele dafür entdeckt er in der Bibel wie im Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und dem Schweizer Pfarrer Oskar Pfister.
Epilog
Peter Schneider wirft einen skeptisch-ironischen Blick auf die Bemühungen der Psychoanalyse, ihre Identität zu beschreiben und zu bewahren. Für ihn hat sich ihre Theorie schon früh von der Institution entfernt. Ohne die Folgen abzusehen, wurde sie multidisziplinär, multilokal und multikulturell, was an ihrer Fähigkeit lag und liegt, Gegenstände aus anderen Kontexten als ihre eigenen zu formieren. Bisher aber hat sie die Historizität ihrer Begriffe und ihrer epistemischen Gegenstände nicht ausreichend verstanden.
Ich danke an dieser Stelle allen Autorinnen und Autoren herzlich für ihre Mitwirkung.
Literatur
Bittner, G. (2009). Psychoanalyse an der Universität? – oder: Aschenputtel versus »dogmatische Form« (Freud). In W. Datler, K Steinhardt, J. Gstach, B. Ahrbeck (Hrsg.), Der pädagogische Fall und das Unbewusste. Psychoanalytische Pädagogik in kasuistischen Berichten. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 17 (S. 124–137). Gießen: Psychosozial.
Böker, H. (Hrsg.) (2010). Psychoanalyse im Dialog mit den Nachbarwissenschaften. Gießen: Psychosozial.
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1Die Freud-Zitationen in diesem Buch erfolgen nach der Freud-Bibliographie mit Werkkonkordanz von Ingeborg Meyer-Palmedo und Gerhard Fichtner, 1999, Frankfurt a. M.: Fischer.
Psychologie
Inge Seiffge-Krenke
Psychoanalyse und Psychologie: Heilen und Forschen im Austausch?
In diesem Beitrag geht es um die Austauschprozesse zwischen Psychoanalyse und empirischer Psychologie. Beide waren lange »feindliche Schwestern« (Seiffge-Krenke, 2009). Obwohl sie sich in zeitlicher und räumlicher Nähe zueinander entwickelt haben – das gilt besonders für die Entwicklungspsychologie und die psychoanalytische Entwicklungslehre –, haben sie zunächst kaum Bezug aufeinander genommen. Das hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten aber deutlich geändert. Es ist zu einem intensiveren Austausch gekommen, wobei deutlich zu erkennen ist, dass die Psychoanalyse sich mehr für Ideen und Konzepte aus der Psychologie geöffnet hat als die Psychologie für die Psychoanalyse. Allerdings ist das, was die Psychoanalyse rezipiert hat, dadurch geprägt, dass empirische Belege für Thesen und Annahmen der Psychoanalyse gesucht und inkorporiert wurden. Im Folgenden möchte ich an einigen Beispielen erläutern, welche Ergebnisse aus der Psychologie von der Psychoanalyse aufgenommen wurden – und auch, welche nicht. Ich beginne mit einem historischen Rückblick.
Historische Berührungspunkte und jüngste Entwicklung
In den Jahren von 1923 bis 1938 machte das Ehepaar Bühler und Hildegard Hetzer das Wiener Psychologische Institut zu einem Mittelpunkt internationaler kinder- und jugendpsychologischer Forschung. Dabei wurden sowohl Kinder und Jugendliche aus normalen Entwicklungskontexten als auch solche, die unter belastenden Bedingungen und in Armut aufwuchsen, untersucht. Herausragend war ein methodisch einzigartiges Projekt, die 24-Stunden-Dauerbeobachtung von sechzig Säuglingen. Bedeutsam war auch die Entwicklung eines Kleinkindertests, der den Entwicklungsstand von Kindern im Alter von einem Monat bis zu sechs Jahren erfasste. Er mündete später in moderne Entwicklungstests für Babys bis hin zur Erfassung psychopathologischer Symptome (»Zero to Three«). Damals wurden durch René Spitz (1965/1981) auch schon die ersten Beobachtungen zum Hospitalismus angestellt. Er arbeitete mit dem Bühler-Hetzer Entwicklungstest und stellte gravierende Einbrüche im Entwicklungsquotienten fest. Wir würden seinen Ansatz heute als Bindungsforschung verstehen.
In diesem Zeitabschnitt entwickelte sich auch die kinderanalytische Behandlung durch Anna Freud. Sie schrieb 1927 die »Einführung in die Technik der Kinderanalyse«. Außerdem erschienen in den Jahren 1920 bis 1926 Melanie Kleins Schriften zur Behandlungstechnik in der Kinderpsychoanalyse. Durch Maria Montessori, die psychoanalytischen Entwicklungstheorien gegenüber aufgeschlossen war, August Aichhorn und Siegfried Bernfeld wurde Wien damals ein Zentrum der psychoanalytischen Pädagogik.
Trotz der offenkundigen räumlich-zeitlichen Nähe und eines starken Praxisbezugs gab es nur wenige Berührungspunkte zwischen der entwicklungspsychologischen und kinderanalytischen Schule. Für die Entwicklungspsychologie waren die Arbeiten von Freuds Schülern, die sich mit kleinen Kindern beschäftigten, nicht von Bedeutung. Freud selber wurde mit einer beträchtlichen zeitlichen Verzögerung etwa seit den 1960er Jahren von Entwicklungspsychologen rezipiert. Der stimulierende Einfluss seiner Theorien und Annahmen war enorm. Es fällt allerdings auf, dass andere wichtige Theoretiker der psychoanalytischen Entwicklungstheorie wie Winnicott und Mahler erst Jahrzehnte später von der Psychologie zur Kenntnis genommen wurden. Winnicotts Arbeiten wurden dann für die Säuglingsforschung in der Psychologie relevant, während Mahlers Ideen vor allem für die Forschung zur Individuation im Jugendalter rezipiert und empirisch untersucht wurden.
Die Psychologie tat sich insgesamt schwerer mit den Austauschprozessen. Oft wurden analytische Konzepte nur in anglisierter Form »verdaubar«, so bei der Copingforschung, die in ihren ersten Operationalisierungen die klassischen Abwehrmechanismen von Anna Freud enthielt. Relativ rasch wurde allerdings Freuds These von den traumatischen Folgen früher Belastungen aufgegriffen. Die Rezeption führte bis heute zu einer umfangreichen Forschung zu Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung (Egle, Joraschky, Lampe, Seiffge-Krenke u. Cierpka, 2015). Auch gibt es seit den 1980er Jahren verstärkt Forschungen zum Missbrauch von Kindern und dadurch zahlreiche Belege für die (später widerrufene) These Freuds, dass Missbrauch unmittelbar zu psychischen Störungen führt. Freud hatte seine ursprüngliche Verführungstheorie verworfen (Krüll, 1979) und in den folgenden Jahren die Auffassung vertreten, dass es weniger die realen traumatischen Ereignisse seien, sondern Phantasien und Konstruktionen, die zu neurotischen Störungen führen. Die folgende Forschung bestätigte allerdings den massiven Einfluss realer Traumata.
Auch in der Psychoanalyse hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich etwas geändert: Die Forschung zum kompetenten Säugling (z. B. Dornes, 1993) wurde zur Kenntnis genommen. Dasselbe gilt für die Ergebnisse der Bindungsforschung (Strauß, Buchheim u. Kächele, 2002). Auch die neuropsychologischen Forschungen, die Gehirnveränderungen nach traumatischen Ereignissen belegten, wurden aufgenommen. Das führte zu Forschungsprojekten, in denen man zum Beispiel die neuronalen Veränderungen durch Psychotherapie bei Depressiven nachzuweisen versuchte (Wiswede et al., 2014). Auch die Psychotherapieforschung in der psychoanalytischen und tiefenpsychologisch fundierten Therapie hat sich, angeregt durch Studien aus der Verhaltenstherapie, weiterentwickelt (Leichsenring, 2004), wenngleich sie bislang noch keinesfalls den Umfang der VT-Studien erreicht hat. Hinzu kommt, dass psychoanalytische Konstrukte schwieriger zu operationalisieren sind und die Behandlungen länger dauern. Das macht Wirksamkeitsprüfungen sehr viel schwieriger.
Im Folgenden gehe ich auf drei Bereiche des Austauschs etwas genauer ein: auf die Veränderung in der Diagnostik (mit der OPD), auf die Einflüsse der Bindungsforschung und auf die relative Ignoranz der Psychoanalyse gegenüber der Forschung zu Liebesbeziehungen.
Eine lange Zusammenarbeit: Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-E-2 und OPD-KJ-2)
Im seit 25 Jahren bestehenden Arbeitskreis für eine Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) arbeiten empirische Forscher, Psychiater, Psychotherapeuten, Psychosomatiker und Entwicklungspsychologen zusammen, die sowohl empirisch forschen als auch ein gemeinsames analytisches Grundverständnis teilen. Insofern sind hier optimale Bedingungen für Austauschprozesse gegeben. Seither wurden sowohl für die Diagnostik von Erwachsenen (Arbeitskreis OPD-E, 2006) als auch für die Diagnostik von Kindern und Jugendlichen (Arbeitskreis OPD-KJ-2, 2013) Manuale entwickelt und erprobt. Es geht um die Operationalisierung von vier psychodynamischen Achsen (Struktur, Beziehung, Konflikte, Behandlungsvoraussetzungen), die als Ergänzung zu herkömmlichen Diagnosesystemen eingesetzt werden und wertvolle Hilfen für die Therapieplanung und Evaluation geben. Die OPD-E erlaubt auf den vier Achsen eine gut operationalisierbare Einschätzung verschiedener, für die Diagnose und Indikation wichtiger Dimensionen, wie typischer Konflikte, dysfunktionaler Beziehungsmuster sowie struktureller, motivationaler und behandlungstechnischer Voraussetzungen des Patienten. Die Validität wurde an 17 Stichproben mit mehr als 2.000 Patienten überprüft; insbesondere die Strukturachse erwies sich als sehr valide (Döring et al., 2014). Die OPD wird auch in der Prozess- und Outcome-Forschung eingesetzt. Das Manual ist inzwischen in zehn Fremdsprachen übersetzt.
Ausgehend vom Instrument der OPD für Erwachsene wurden für die OPD-KJ weitreichende Modifikationen für das Kindes- und Jugendalter vorgenommen, da entwicklungsbezogene strukturelle Voraussetzungen, die Abhängigkeit vom Entwicklungskontext, zugleich aber auch der Einbezug von Erziehungspersonen in Diagnostik und Therapie (der im Antragsverfahren für ambulante Therapie von Kindern und Jugendlichen Standard ist) berücksichtigt werden mussten. Dies wurde einerseits durch die Implementierung von Altersstufen, andererseits durch den Einbezug von Lebensbereichen (wie Familie, Schule) und die diagnostischen Vorgaben für Kinder und ihre Eltern umgesetzt. Die Auswertung der Informationen aus Interviews mit Eltern und Kind bzw. Jugendlichen, Spielbeobachtung, Anamnese und szenischem Verstehen erlaubt auf den genannten vier Achsen eine gut operationalisierbare Einschätzung wichtiger struktureller und motivationaler Voraussetzungen des Patienten und seiner Familie und damit eine differenzierte Konfliktdiagnostik.
Das Manual (Arbeitskreis OPD-KJ-2, 2013) hat inzwischen eine weite Verbreitung in der Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie gefunden. Die OPD-KJ-2 gibt aber auch Hilfen für die klinische Anwendung, etwa zur Beurteilung der Krankheitswertigkeit einer Symptomatik, der Ressourcen eines Patienten und seiner Familie, der Entscheidung zwischen konfliktbezogener und strukturbezogener therapeutischer Arbeit und der Beeinträchtigung der strukturellen Voraussetzungen des Patienten durch schwerwiegende Belastungen und Traumata (Seiffge-Krenke et al., 2014). Insbesondere Konflikt- und Strukturachse sind bei der Indikation und Therapieplanung hilfreich, wobei sich diagnosespezifische Strukturdefizite bei verschiedenen ambulanten Patientengruppen nachweisen lassen, die Konsequenzen für die psychotherapeutische Behandlung und die Elternarbeit haben (Seiffge-Krenke, 2013). Dass analytische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen tatsächlich zu signifikanten Veränderungen in allen Achsen führt, wurde ebenfalls belegt (Weitkamp, Claaßen, Wiegand-Grefe u. Romer, 2014).
Eine geglückter Austausch: Bindungstheorie und Bindungsforschung
Bindungstheorie und Bindungsforschung stellen eine geglückte Synthese von analytischer Konzeption und empirischer psychologischer Forschung dar. Die theoretische Konzeption wurde von Bowlby, einem ehemaligen Schüler Melanie Kleins, bereits 1957 zum ersten Mal der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft vorgestellt. Zahlreiche Publikationen folgten (siehe z. B. 1988). Die Zusammenarbeit zwischen Bowlby und Mary Ainsworth, einer amerikanischen Entwicklungspsychologin, die später den Fremde-Situations-Test zur experimentellen Erfassung der Bindungssicherheit bei kleinen Kindern entwickelte, datiert ebenfalls aus den späten 1950er bzw. den 1960er Jahren. Ab 1970 finden sich in der Psychologie bereits zahlreiche empirische Veröffentlichungen zum Bindungsverhalten von Kindern. Dieser Ansatz wurde in den 1980er Jahren durch die Entwicklung des Adult-Attachment-Interviews für Erwachsene durch Mary Main ergänzt. Es folgten intensive Forschungen an Kindern und Erwachsenen, an normalen und klinisch auffälligen Populationen und, insbesondere in den letzten zehn Jahren, an Heim- und Adoptivkindern (z. B. Lyons-Ruth, Dutra, Schuder u. Bianchi, 2006), die die dramatischen Auswirkungen früher Mutterentbehrung verdeutlichten, aber auch die Chance, die sich nach einer Adoption für manche Kinder eröffneten.
Das Gros der Bindungsforschung fand also in der Psychologie statt und ist inzwischen über vierzig Jahre alt. Die Psychoanalyse beschäftigte sich erst etwa seit der Jahrtausendwende mit Ergebnissen der Bindungsforschung, dann setzte allerdings ein regelrechter Bindungsboom ein, der bis heute unvermindert anhält und auf Kongressen und in Publikationen großen Raum einnimmt. In der Psychologie dagegen hat die Bindungsthematik – trotz unvermindert anhaltender Forschung und zahlreichen interessanten Ergebnissen – ihren Zenit bereits überschritten. Auf Kongressen ist das Bindungsthema inzwischen eher seltener zu finden.
Die anhaltende Konjunktur des Themas »Bindung« in der Psychoanalyse passte natürlich in die veränderte klinische Zugangsweise, die sich nach einer dominanten Konzeption Freuds stärker den Objektbeziehungstheoretikern und Selbstpsychologen wie Winnicott, Fairbairn und Bion zugewandt hatte und in dem mütterliche Qualitäten (»holdig function«, »containen«) als therapeutische Konzepte die freudianischen Konzepte der Übertragung und Gegenübertragung, des Widerstands und der Deutung abgelöst hatten. Die klassischen Behandlungskonzepte sind, auch bedingt durch den Krankheitswandel, etwas zurückgetreten und haben neuen Behandlungsansätzen Platz gemacht. Man war übrigens davon ausgegangen, dass man durch die Erfassung der Bindungsmuster (etwa im AAI) das »Unbewußte überraschen« könnte, was allerdings, schaut man sich das hochstrukturierte Interview mit seinen 26 Fragen an, eher unwahrscheinlich ist (Seiffge-Krenke, 2005).
Die Überschätzung des Bindungskonstruktes in der Psychoanalyse für die Erklärung von Psychopathologie bzw. den therapeutischen Prozess hängt unter anderem damit zusammen, dass zu wenig bedacht wurde, wie sehr die Bindungsbeziehung eine spezielle Form der Beziehung ist, die aktiviert wird, wenn das Individuum sich in einer neuen, unvertrauten, beängstigenden Situation befindet, einer Situation, in der es in der Regel den sicheren Hafen, die schutzgebenden und supportiven Eltern aufsucht. Kinder sind mit zunehmendem Alter besser in der Lage, mit bedrohlichen Situationen fertig zu werden. Das Bindungsverhalten wird seltener aktiviert, und Peer-Einflüsse werden zunehmend wesentlicher, auch im Bindungskontext (Margolese, Markiewitz u. Doyle, 2005). Für Jugendliche und Erwachsene ist des Weiteren zu bedenken, dass Beziehungen noch viele andere Aspekte enthalten als nur den Bindungsaspekt.
Während die Forschung zum Zusammenhang zwischen Bindungsstil und psychischen Störungen bei Babys und Kleinkindern noch relativ umfangreich ist, sind Studien zu dieser Fragestellung bei älteren Kindern und Jugendlichen deutlich seltener und wurden von der Psychoanalyse kaum zur Kenntnis genommen (Seiffge-Krenke u. Ziegenhain, 2009). Der Transfer von Attachmentfunktionen auf Freunde und Partner ist auch im Erwachsenenalter nachweisbar (Cassidy u. Shaver, 2008), wobei es insbesondere zu Korrekturen unsicherer Bindungsmuster durch zufriedenstellende Partnerschaften kommen kann (»earned security«).
Von großer Bedeutung für die Psychoanalyse war, dass als Ergebnis der frühen Bindungsbeziehungen zu den Eltern innere Arbeitsmodelle von sich und anderen entstehen, die handlungsleitend für die weiteren Interaktionen in den Folgejahren werden. Allerdings blieb man sehr auf die frühe Mutter-Kind-Beziehung beschränkt. Des Weiteren wurde der Aspekt der Exploration, der von Bowlby als unmittelbar zur Bindung gehörend beschrieben wurde, bis heute in der Psychoanalyse weitgehend vernachlässigt. Die Psychologie hat dagegen schon lange nachgewiesen, dass die Fähigkeit zur Emotionsregulierung, zur Neugier, zu Spiel und Kreativität bei unsicher gebundenen Kindern und Jugendlichen stark beeinträchtigt ist und diese Defizite langfristig erhalten bleiben, wenn keine Interventionen erfolgen. Unsicher Gebundene zeigen über die Jahre hinweg auch nur wenig Veränderung in ihrer Fähigkeit zur Bewältigung stressreicher Beziehungssituationen, während sicher Gebundene einen Gewinn von 75 Prozent über sieben Jahre hinweg aufweisen (Seiffge-Krenke u. Beyers, 2005).
Die Bindungstheorie geht prinzipiell von lang dauernden Auswirkungen früherer Bindungsmuster auf die weitere Entwicklung, auch im Sinne einer kontinuierlichen Schädigung etwa durch unsichere oder hochunsichere Arbeitsmodelle, aus. Das hat die psychologische Forschung auch bestätigt. Während eine sichere Bindung zu den Eltern vor der Entwicklung von psychischen Störungen schützt, belegen viele Studien, dass unsichere Bindungsmuster das Risiko für verschiedene Störungsbilder erhöhen. Entsprechend fand man bei vielen Untersuchungen von klinischen Inanspruchnahme-Populationen nur geringe Raten von sicheren Bindungsstilen (10 Prozent), dagegen viele unsicher-vermeidende und unsicher-verwickelte Bindungsstile und eine hohe Anzahl von Klassifikationen nach ungelöstem Trauma (Bakermanns-Kranenburg u. van IJzendoorn, 2009).
Die Zuordnung von Krankheitsbildern zu einem spezifischen unsicheren Bindungsstil ist dagegen nicht immer eindeutig (Strauß, Buchheim u. Kächele, 2002). So etwa kann der Bindungsstil allein weder das höhere Auftreten von Depressionswerten bei weiblichen Jugendlichen im Vergleich zu männlichen Jugendlichen noch den starken Anstieg der Depressionswerte von Jugendlichen im Vergleich zu Kindern erklären, denn der Bindungsstil ist weitgehend alters- und geschlechtsunabhängig. Jungen wie Mädchen und Jüngere wie Ältere haben eine ähnliche Verteilung von sicheren zu unsicheren Bindungsstilen.
Relativ eindeutig sind dagegen die Ergebnisse bezüglich des Bindungsstils »ungelöstes Trauma«. In der Meta-Analyse von Bakermans-Kranenburg und van IJzendoorn (2009) fand man, dass der Bindungsstil »ungelöstes Trauma« besonders häufig bei Patienten mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) und Dissoziationen auftrat. Der Zusammenhang von desorganisierten Bindungsstilen in der Kindheit mit Dissoziationen im Erwachsenenalter kann als gesichert gelten – insbesondere dann, wenn schwere traumatische Erfahrungen vorliegen (Lyons-Ruth, Dutra, Schuder u. Bianchi, 2006).
Für Peter Fonagy, den Nachfolger von Anna Freud am Anna Freud Center in London, ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung die Störung schlechthin, die auf der Grundlage eines desorganisierten Bindungsmusters mit fehlender Mentalisierung entstanden ist (Fonagy, Gergely, Jurist u. Target, 2004). Die Beziehungstraumata scheinen bei diesen Patienten nicht verarbeitet zu sein. Entsprechend fehlt eine handlungsfähige Selbstrepräsentanz, sind Affektwahrnehmung und Kontrolle stark beeinträchtigt. An ihre Stelle treten primitive Repräsentationsmechanismen. Dies führt unter anderem dazu, dass Gedanken und Gefühle ausagiert werden und auch der eigene Körper häufig Angriffen ausgesetzt wird. Kinder von Müttern mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen tragen ein hohes Risiko, eine unsichere Bindung zu entwickeln, und zwar zumeist eine unsicherambivalente (preoccupied), und ein gewisses Risiko, selbst an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder an internalisierenden und externalisierenden Störungen zu erkranken (Stepp, Whalen, Pilkonis, Hipwell u. Levine, 2011). Des Weiteren fand man eine hochunsichere Bindung bei Kindern und Jugendlichen mit depressiv erkrankten Müttern, mit alkoholkranken Müttern, mit drogenabhängigen Müttern oder bei Kindern, deren Eltern frühe und unverarbeitete Verluste erlitten hatten. So nimmt es nicht Wunder, dass eine Rate von 82 Prozent desorientierten Bindungsstilen bei vernachlässigten oder misshandelten Kindern und Jugendlichen bzw. bei Pflegekindern und Heimkindern festgestellt wurde (Perez, Di Gallo, Schmeck u. Schmid, 2011).
Verschiedene Studien haben sich mit den Einflüssen elterlicher Psychopathologie auf die Bindungsentwicklung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Eltern, die Angst auslösen, statt Schutz und Sicherheit zu geben, sind häufig selbst traumatisiert und haben hochunsichere Bindungsstile entwickelt. Allerdings haben die elterlichen Bindungsrepräsentationen zwar einen erheblichen, aber keinen erschöpfenden Erklärungswert für die kindliche Bindungsqualität. Man spricht von einem »transmission gap« (Cassidy u. Shaver, 2008).
Die Psychoanalyse hat das Bindungskonstrukt wie erwähnt zwar spät, aber heftig angenommen und wurde vor allem auf die Versuche aufmerksam, Krankheitsbildern Bindungsmuster zuzuordnen. Diese waren jedoch wie gesagt nicht immer eindeutig und eher in Bezug auf die hochunsicheren Bindungsmuster wie »desorganisierte Bindung« oder »ungelöstes Trauma« erfolgreich. Im Diagnosesystem des IDC-11 werden zwei Subtypen von reaktiven Bindungsstörungen beschrieben, der sozial gehemmte und der enthemmte Typus, die auch klinisch unmittelbar relevant sind. In der Folge entwickelten sich insbesondere empirisch begründete Versuche, die Veränderung der unsicheren Bindungsmuster von Patienten durch analytische Psychotherapie nachzuweisen (z. B. Steffini et al., 2012).
Von sehr großer Bedeutung, sowohl konzeptionell als auch klinisch, war dann die Entwicklung neuer Therapieformen, um Patienten mit Bindungsstörungen, insbesondere aber solche mit schweren Persönlichkeitsstörungen, bei denen auch Bindungsdefizite bestanden, zu behandeln. Herausragend und von großem Einfluss sind hier die Arbeiten von Peter Fonagy zur mentalisierungsbasierten Psychotherapie (Fonagy et al., 2004). Dieses Konzept und seine klinische Anwendung stellen einen Brückenschlag zwischen Psychologie und Psychoanalyse dar, denn die mentalisierungsbasierte Psychotherapie wird als Ansatz nicht nur von Psychoanalytikern, sondern auch von Verhaltenstherapeuten genutzt.
Das geringe Interesse der Psychoanalyse an der Erforschung von Partnerschaftsbeziehungen
Viele Studien in der Psychologie bestätigen gravierende Veränderungen, die mit dem Eintritt in Partnerschaften und dem Bestehen von Partnerschaften verbunden sind. Zu den positiven Veränderungen zählt der Erwerb von Bindungssicherheit durch eine Partnerschaft – wenn sie durch die Eltern nicht vermittelt werden konnte. Zu den negativen Folgen von Partnerschaften zählen Gesundheitsprobleme und psychische Probleme, unter denen besonders Frauen und Mädchen zu leiden haben und die auch oft Anlass für den Beginn einer Psychotherapie sind. Gerade zu den krisenhaften und problematischen Aspekten wie Trennungen, Konflikte oder Partnergewalt existiert eine umfangreiche Forschung, die für die Psychoanalyse relevant wäre (Seiffge-Krenke u. Schneider, 2012). Partnerschaften sind wichtige Orte der Identitätsentwicklung und des Lernens (Seiffge-Krenke, 2012). So lässt sich empirisch nachweisen (vgl. Neyer u. Lehnart, 2007), dass die Identitätsentwicklung von partnerlosen Menschen tendenziell eher stagniert, während Menschen in Partnerschaften sich deutlicher weiterentwickeln. Die Psychologie hat die große Bedeutung der geglückten Bewältigung von Konflikten innerhalb von Partnerschaften belegt. Dies zeigt sich bereits in Jugendlichenpartnerschaften, wo die kompetente Bewältigung von Partnerschaftskonflikten zu einer besseren Qualität und einer größeren Stabilität der Beziehungen beiträgt und deutlich weniger Partnergewalt vorherrscht (Burk u. Seiffge-Krenke, 2015). Aber auch bei jungen Erwachsenen und älteren Paaren (von Sydow, 2008) sind Auseinandersetzungen wichtig, um eine gute Balance zwischen eigenen und gemeinsamen Interessen zu finden. Konflikte entstehen überhaupt erst, wenn die Beziehung länger andauert. In den sehr kurzlebigen Partnerschaften von Jugendlichen werden diese eher vermieden (Seiffge-Krenke u. Shulman, 2012). Auch sehr alte Paare vermeiden Konflikte eher und betonen die positiven Aspekte in der Partnerschaft (Riehl-Emde, 2016).
Diese Befunde sind auch aus psychoanalytischer Sicht interessant, deuten sie doch an, dass die von Freud beschriebene Integration von Libido und Aggression wichtig ist und dass durchaus Abwehrmechanismen wie Verleugnung oder Vermeidung am Werk sind, wenn Konflikte nicht wahrgenommen oder bagatellisiert werden.
Die Psychoanalyse hat nur wenige theoretische Ausführungen zur romantischen Entwicklung gemacht. Sie war, unter Freud (1905d), ganz auf den Ödipuskomplex im Vorschulalter konzentriert und widmete anderen Entwicklungsstadien wie der Latenz oder der Adoleszenz wenig Aufmerksamkeit. Daran haben auch die Weiterentwicklungen durch die Selbstpsychologie oder die Objektbeziehungstheorie nichts geändert; sie blieben ganz auf die frühe Mutter-Kind-Beziehung konzentriert. Freud hat die Adoleszenz im Wesentlichen als eine Neuauflage des früheren Ödipuskomplexes angesehen. Die Entidealisierung der Eltern, der Abzug von Besetzungsenergien von den Eltern und die Wahl eines neuen, nichtinzestuösen Liebesobjektes sind nach Freud (1905d) die Mittel zur endgültigen Lösung des Ödipus-Komplexes. Blos (1973/2001) hat später diese Idee aufgegriffen und von einer »zweiten Chance« zur Lösung des Ödipuskomplexes gesprochen. Diese Ideen haben Laufer und Laufer (1984) erweitert: Sie heben vor allem auf die Bedeutung der Integration der physisch reifen Genitalien in das Körperbild ab, von dem alle weitere Entwicklung abhänge. Wenn sie nicht gelinge, komme es zu einem »developmental breakdown«, wenn sie dagegen gelinge, könne die Entwicklung zur Partnerfindung weiter voranschreiten.
Wir sehen zusammengenommen, dass in den psychoanalytischen Theorien Körper, Sexualität, Triebe und Eltern sehr prominent sind und krisenhafte Verläufe – natürlich auch dadurch bedingt, dass Psychoanalytiker Patienten sehen, die in der Regel Beeinträchtigungen in ihren nahen Beziehungen aufweisen – vorkommen. Demgegenüber beschäftigt sich die Entwicklungspsychologie eher mit klinisch unauffälligen Populationen. Aber ihr erging es ähnlich: Erst vor gut 15 Jahren begann eine systematische Erforschung von romantischen Beziehungen im Jugendalter. Bereits zehn Jahre später lag eine Fülle von Studien vor (Collins, Welsh u. Furman, 2009).
Eine der wichtigsten Feststellungen läuft darauf hinaus, dass romantische Beziehungen im Jugendalter keineswegs banal sind, auch wenn Erwachsene sie belächeln mögen. Zwar lassen sich diese frühen Entwicklungen nicht mit der Qualität erwachsener Partnerbeziehungen vergleichen, dennoch bilden sie eine wichtige Vorstufe, in der entscheidende Lernprozesse stattfinden und Erfahrungen gemacht werden, die später von Bedeutung sind. Gerade der in diesen frühen Jahren häufige Partnerwechsel ist bedeutsam, lernen die Jugendlichen doch mit jedem neuen Partner ein Stück mehr über Partnerschaften und sich selbst. Trennungen, neue Partnerschaften und erneute Trennungen sind Teile eines wichtigen Entwicklungsprozesses, der von großer Bedeutung für die Entwicklung einer reifen Partnerschaftsqualität ist. In meiner Längsschnittstudie (Seiffge-Krenke, 2003) wurden Jugendliche im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal befragt und bis zum Alter von dreißig Jahren begleitet und untersucht. Der Anteil derer, die mit ihrem ersten romantischen Partner zusammengeblieben waren, lag bei nur 4 Prozent. Dabei handelt es sich um eine hoch auffällige Gruppe. Partnerwechsel ist also normativ und als eine Chance für den Lernprozess hin zu einer reifen Partnerbeziehung zu begreifen.
Abschließende Bemerkungen: Forschen und Heilen im Austausch
Der bisherigen Darstellung kann entnommen werden, dass die Integration von Psychologie und Psychoanalyse unterschiedlich gut geglückt ist. Besonders gut scheint sie in Bezug auf diagnostische Fragen am Beispiel der OPD gelungen zu sein, wie an der regen Zusammenarbeit und Implementation seit zwei Dekaden zu sehen ist, wo empirische Forschung und Umsetzung in der Praxis Hand in Hand gehen. Sehr gut angenommen wurden, wenn auch etwa zwanzig Jahre nach ihrem Boom in der Psychologie, die Ergebnisse der Bindungsforschung. Das hat auch zu analytischer Forschung und zu klinischen Weiterentwicklungen wie therapiebezogenen Interventionen im Sinne der mentalisierungsbasierten Therapie geführt. Auch die Säuglingsforschung wurde aufgenommen und hat Eingang in die Ausbildungsprogramme gefunden, wo Säuglingsbeobachtungen Standard sind. Die Missbrauchsforschung wurde zur Kenntnis genommen und hat zur Diskussion und Entwicklung diskrepanter Ansätze (Imaginative Verfahren vs. Bearbeiten des Traumas) geführt.
Andere Forschungsbereiche aus der Psychologie, die die Beziehungsentwicklung betreffen, insbesondere die Partnerbeziehungen, sind eher stiefmütterlich behandelt worden. Hier besteht noch Nachholbedarf, denn die Erkenntnisse, die ich an einigen Beispielen illustriert habe, wären auch für die analytische Praxis nutzbar. Generell ist auffällig, dass entwicklungspsychologische Erkenntnisse bevorzugt aus der frühen Kindheit zur Kenntnis genommen werden. Ergebnisse über spätere Entwicklungsphasen finden dagegen kaum Beachtung, wenn man von wenigen Ideen über die Adoleszenzforschung einmal absieht. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass die psychoanalytische Entwicklungspsychologie sich bis heute auf die frühen Phasen konzentriert. Da aber de facto die meisten Analytiker Kinder im Grundschulalter, Jugendliche und Erwachsene in verschiedenen Lebensstadien bis zum hohen Alter therapieren, wäre es einerseits dringend zu wünschen, dass sich hier eine größere Öffnung und mehr Neugier auf das, was die Psychologie zu bieten hat, entwickeln würde.
Andererseits ist mir durchaus nicht entgangen, dass die Psychoanalyse Adoleszenz, Erwachsenenalter, Liebe und insbesondere in den letzten Jahren, ausgelöst durch die Arbeiten von Radebold, das Alter entdeckt hat. Arbeiten zu diesen Themenschwerpunkten werden publiziert, wenngleich stark fallorientiert; aber das ist ja auch ein potenzieller Vorzug der Psychoanalyse. Die Ideen aus dieser Fallarbeit haben aber keinen Nachhall in der Psychologie gefunden; ebenso wenig werden von Letzterer empirische Ergebnisse der Psychoanalyse zu altersbezogenen Veränderungen in Beziehungen (die als Rahmendaten zur Einschätzung einer potenziellen Krankheitswertigkeit dienen könnten) herangezogen. Hier wäre eine engere Verzahnung wünschenswert.
Ich habe diesen Rückblick auf die Austauschprozesse auch im Hinblick auf Freuds 1927 formuliertes Junktim »Heilen und Forschen« vorgenommen (siehe 1927a). Es ist bekannt, dass die Psychoanalyse am Beginn eine andere Definition von Forschung hatte als die empirische Psychologie (Lackinger, 2012). Gemäß diesem Rückblick hat sich eine, wie ich finde, beeindruckende, in einigen Bereichen aber unterschiedlich enge Kooperation von empirischer Forschung und klinischem Vorgehen entwickelt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass dafür auch die Strukturen geschaffen und fest institutionalisiert wurden: In der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) gibt es seit etwa 1985 (Beginn der Präsidentschaft von Robert Wallerstein) Interesse an einer psychoanalytischen Forschung, die einerseits mit klassischen quantitativen Methoden der Psychologie arbeitet, andererseits die Auswertung von Narrativa bei eher kleineren Stichproben fördert. Seither sind auf jedem IPA-Kongress Panels fest installiert, auf denen Forschungsarbeiten vorgestellt werden.
Joseph Sandler, der nächste IPA-Präsident, begründete dann 1991 die Tradition einer jährlichen IPA-Forschungskonferenz, die jetzt schon seit mehreren Jahren regelmäßig in Frankfurt stattfindet. Kurze Zeit danach wurde das IPA-Forschungskomitee mit dem Vorsitz von Peter Fonagy ins Leben gerufen. Es hat also eine starke Hinwendung zur Forschung in der Psychoanalyse mit insgesamt sehr breitem Methodeninventar stattgefunden, wenn auch, wie verdeutlicht, relativ eng an der Theorienbildung mit Fokus auf die frühe Kindheit und an der Wirksamkeit von Behandlungen orientiert.
Ich möchte mit einem Zitat von Freud schließen: »Ich sagte Ihnen, die Psychoanalyse begann als eine Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das, was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen, und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen den verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt. Als Therapie ist sie eine unter vielen, freilich eine prima inter pares. Wenn sie nicht ihren therapeutischen Wert hätte, wäre sie nicht an Kranken gefunden und über mehr als 30 Jahre entwickelt worden« (1933a, S. 169).
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