Avessia - Lisa Koscielniak - E-Book

Avessia E-Book

Lisa Koscielniak

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Beschreibung

Treffpunkt ist zur Neujahrswende am Pass bei der alten Eiche südlich der Schule: Nilona, Schlossherrin in Avessia und Königin der Träume, hat es auf Jason abgesehen - laut Prophezeiung ist der Junge der Schlüssel zur absoluten Macht. Kurzerhand entführt sie ihn aus dem Hinterhalt. Jasons Schwester Alison begibt sich mit ihren Freunden auf eine abenteuerliche Reise durch magische Welten zu der gefährlichen Traumweberin, um sie zu stoppen und ihren Bruder zurückzuholen. Haben die jugendlichen Helden eine Chance, oder ist Nilona wirklich unbesiegbar? Das Schicksal von Jason und ganz Avessia hängt nun von den Freunden ab...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 524

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Impressum 2

Danksagung 3

Prolog 4

Alles normal? 7

Verdacht 14

Neue Erkenntnisse 23

Maßnahmen 30

Nilonas Spielchen 36

Lenni 45

Alison 46

Benni 48

Luke 49

Jason 51

Alison 52

Jason 54

Ein erster Plan 56

Alison 56

Vorbereitung 65

Jason 74

Alison 78

Im Krankenhaus 87

Aufbruch 94

Jason 94

Alison 96

Bei den Elfen 109

Ein blumiges Hindernis 117

Luke 124

Alison 125

Nilonas Plan 128

Luke 132

Getrennt 136

Alison 136

Benni 146

Eine Stadt in der Wüste 150

Alison 150

Eine interessante Schifffahrt 160

Nilonas Plan, die Fortsetzung 167

Jason 167

Gestrandet 176

Alison 176

Luke 178

Alison 180

Eine Insel voller Geheimnisse 185

Luke 185

Lenni 200

Das Rätsel des Amuletts 211

Alison 211

Training der etwas anderen Art 224

Jason 224

Das Reich der Licht- und Schattenkinder 248

Alison 248

Regeln und Schikane 263

Luke 273

Erkundungstour 278

Alison 278

Aufstieg zum Ausbilder 287

Jason 287

Goldene und silberne Fäden 296

Eine Stadt mit vielen Tücken 308

Alison 308

Stollentrolle 319

Luke 319

Bücherjagd im Schloss 329

Lenni 329

Benni 336

Alison 340

Der weiße Mann 342

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2020 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-248-5

ISBN e-book: 978-3-99107-249-2

Lektorat: Dr. Annette Debold

Umschlagfotos: Igor Zubkov,

Unholyvault, Niborobin,

Pixattitude | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Danksagung

Jetzt ist schon mein zweites Buch veröffentlich, ich kann es kaum glauben! Ich möchte an dieser Stelle vor allem meiner Mutter danken, die sich immer die Zeit nimmt, meine Bücher Probe zu lesen und mir mehr als hilfreiches Feedback gibt. Ohne dich wäre Avessia nicht halb so gut geworden! Du bist einfach die Beste!

Ich möchte auch dem Novum Verlag danken, welcher mich erneut wundervoll unterstützt hat und es mir ermöglicht hat, ein weiteres Buch zu veröffentlichen. Vielen Dank für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung!

Besonders geholfen hat mir auch meine Freundin Julia, die mich immer wieder angefeuert und motiviert hat. Ohne dich wäre das Buch bestimmt nicht so schnell fertig geworden. Deine lieben Worte haben mir immer Kraft gegeben! Das gilt auch für Milla, Steffie, Heyka und meine allerliebste Mona. Danke für eure Unterstützung und lieben Worte, wenn ich mal wieder demotiviert und pessimistisch war. Eure Worte bedeuten mir sehr viel.

Zuletzt hat mich natürlich auch der Rest meiner Familie immer wieder unterstützt. Ich danke euch, dass ihr immer für mich da seid. Ohne euch wäre ich vielleicht nie so weit gekommen. Ihr seid einfach unglaublich!

Und jetzt fangt endlich an das Buch zu lesen! Worauf wartet ihr noch? Lasst euch von mir auf ein neues Abenteuer von Alison und ihren Freunden entführen und taucht ein in die magische Welt von Avessia… viel Spaß!

Prolog

In einer nicht ganz so weit entfernten Zukunft:

Ängstlich rannte ich in purer Finsternis. Es war, als würde ich mich durch eine eiskalte, zähe, schwarze Suppe kämpfen, und schon nach kurzer Zeit war ich völlig erschöpft. Es war, als würde ich kein Stück nach vorne kommen, obwohl ich doch gefühlt schon eine Ewigkeit unterwegs war. Meine Beine knickten ein und ich fiel auf die Knie. Tränen rannen mir die Wangen herunter, und ich fing an zu schluchzen. Das war ein Albtraum! Wie sollte ich nur jemals den Ausgang aus dieser Dunkelheit finden? Moment mal, was hatte ich da gerade gedacht? Ein Albtraum? Natürlich, das musste es sein! Nilona hatte mich manipuliert. Ich hatte doch noch ihre Präsenz gespürt! Auf einmal wusste ich wieder, warum ich eigentlich von zu Hause aufgebrochen war. Oh nein! Ich musste schnellstmöglich zu Jason! Leider hatte ich jedoch keine Ahnung, wie ich das machen sollte. Das war ein Problem.

Suchend sah ich mich um, aber es war immer noch so dunkel wie vor meinem Geistesblitz. Vielleicht hatte mich Nilona irgendwie zum Träumen gebracht, als ich ihre Präsenz gespürt hatte. Ob es wohl funktioniert, wenn ich mich mal kräftig kneife? Es wäre zumindest eine Möglichkeit. Ich kniff mir kräftig in meinen Oberarm, bis mir wieder die Tränen kamen, jedoch schien es überhaupt nichts an meiner Situation zu ändern. Wahrscheinlich war es auch kein Traum. Das konnte doch gar nicht sein. Angestrengt dachte ich nach. Ob meine Magie hier wohl auch funktionierte? Einen Versuch war es jedenfalls wert. Ich schloss die Augen und legte eine Hand auf den Boden. Schon spürte ich, wie die Magie in mir pulsierte, und ich genoss das Gefühl von Stärke, das mich durchflutete. Dann versuchte ich, die Dunkelheit durch eine Lichtexplosion zu verdrängen. Als ich meine Augen vorsichtig wieder öffnete, erblickte ich eine weite Wüste. Auf einmal war es auch gar nicht mehr kalt, sondern eher beunruhigend warm. War ja klar, dass Nilona es mir nicht einfach machen würde. Immerhin konnte ich jetzt etwas sehen. Mühsam rappelte ich mich auf und begann der Sonne entgegenzugehen, die gemeinsam mit der Wüste aufgetaucht war. Irgendwo würde ich bestimmt eine Tür oder ein Loch finden, dass mich aus diesem Albtraum führte.

Schon nach kurzer Zeit bereute ich es, die Dunkelheit vertrieben zu haben. Es wurde immer heißer. Ich hatte bereits meinen Pulli ausgezogen und hatte nur noch ein Top und eine hochgekrempelte Hose an. Den Pulli hatte ich um meinen Kopf gewickelt, um einen Sonnenstich zu vermeiden. Ich musste ziemlich lächerlich aussehen, aber das war mir egal. Ein Sonnenstich fehlte mir jetzt noch! Meine Magie sagte mir, dass irgendwo in der Nähe eine Oase sein sollte, jedoch fand ich sie einfach nicht. Ob es wohl auch Halluzinationen für die Magieanwendung gab? Konnte ich mich in dieser Wüste nicht mehr auf meinen Instinkt verlassen? Wenn ja, dann hatte ich ein sehr großes Problem.

Ich hatte das Gefühl, dass meine Haut komplett durchgegart war, und war in ein Humpeln übergegangen, da meine Beine langsam schlappmachten. Wenn das so weiterging, würde ich wohl verdursten oder einfach wegen Kraftlosigkeit umkippen. Ich war schon fast davor aufzugeben, als ich in der Ferne etwas entdeckte. War das etwa eine Palme? Wenn ja, dann war dort bestimmt auch eine Oase! So schnell ich konnte, rannte ich auf die Palmen zu – okay eigentlich stolperte ich mehr, ich gebe es ja zu –, die sich wirklich als reale Oase entpuppten. Dort angekommen blieb ich jedoch wie eingefroren stehen. Mein geschockter Blick war auf einen Jungen gerichtet, der mit zerrissenem Pullover von der Sonne gebraten wurde und wie halbtot auf dem Boden lag. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass es Lenni war, dann sprintete ich entsetzt auf ihn zu. „Lenni!“, schrie ich aufgeregt. Ängstlich gab ich ihm leichte Backpfeifen und kontrollierte seinen Atem. Er schien noch zu leben, jedoch war seine Haut von Brandblasen übersät. Mit meinen letzten Kraftreserven zog ich ihn so nah an die Oase ran, wie ich konnte, schöpfte dann mit meinen Händen Wasser und flößte es ihm vorsichtig ein.

Zu meiner Erleichterung schien es seine Wirkung zu zeigen, und er schlug hustend seine Augen auf. Glücklich strahlte ich ihn an und half ihm sich aufzusetzen. Dann musterte er mich. „Alison?“ Ich nickte eifrig. „Wie siehst du denn aus?“, krächzte er, runzelte die Stirn und musterte meinen Pulloverturban. „Gefährliche Situationen erfordern spezielle Maßnahmen. Das ist besser als ein Sonnenstich, den du mit Sicherheit bekommen hast.“ Ich stützte ihn, während er vorsichtig noch etwas trank, und als er fertig war, trank auch ich endlich etwas. Es fühlte sich einfach wundervoll an! Ich spürte, wie das Wasser durch meinen Körper floss, und fühlte mich gleich ein bisschen besser. „Wo sind wir hier eigentlich?“, fragte Lenni mit rauer Stimme, und ich antwortete: „Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich glaube, dass Nilona hiermit zu tun hat. Ich dachte eigentlich, sie hätte mich in meinen Träumen eingesperrt, aber da du jetzt auch hier bist, denke ich, dass es noch mit etwas anderem zu tun hat, doch ich kann mich nicht mehr erinnern, was passiert ist, bevor ich hier aufgewacht bin. Ich weiß nur noch, dass wir Jason gesucht haben, und dann war da Nilona, und ab da reißt es ab …“ „Bei mir ist es ähnlich“, überlegte Lenni, „fest steht zumindest, dass uns ganz schnell etwas einfallen muss. Hier können wir nicht lange überleben.“ Da stimmte ich ihm voll und ganz zu. Jedoch hatte ich auch keine Ahnung, wie wir hier rauskommen sollten.

Alles normal?

Einen Monat zuvor:

Der kalte Wind ließ meine Ohren zu Eiszapfen gefrieren. Zum Glück verhinderte Moonlights Körperwärme, dass ich wie ein Stein von seinem Rücken fiel. Die letzten Tage war ich oft mit den anderen ausgeritten. Es brachte mich auf andere Gedanken und vertrieb die Langeweile. Wir hatten bereits das komplette Dorf und seine Umgebung erkundet. Dabei hatten wir eine kleine Höhle entdeckt und einen schmalen Pfad im angrenzenden Wald, der allerdings nur ins Leere führte. An jedem einzelnen Tag unserer freien Zeit schienen wir neue Dinge zu entdecken. Es gab kaum eine Minute, in der ich allein war. Manche könnten dies als lästig betrachten, aber ich persönlich genoss es. Ich hatte mich lange genug schonen müssen.

Als ich nach dem Kampf in den Katakomben aufgewacht war und kurze Zeit später mit den anderen ausgeritten war, hatte ich gemerkt, dass ich noch nicht wieder ganz auf dem Damm war. Es hatte mehrere Tage gedauert, bis ich mich komplett erholt hatte. In dieser Zeit war Lenni kaum von meiner Seite gewichen. Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln. Zum Glück hatten wir Ferien, und ich konnte in Ruhe wieder zu Kräften kommen. „Alison, was ist denn los? Du wirkst so abwesend?“, fragte Maja, die mich eingeholt hatte, neugierig. „Ach, ich habe nur … ach, ist ja auch egal, wir sollten uns langsam auf den Rückweg machen. Die Sonne geht bald unter, und die anderen werden bestimmt schon auf uns warten.“ Ich sah in Majas Augen, dass sie sich mit dieser Antwort auf die Dauer nicht zufriedengeben würde, deshalb drehte ich schnellstmöglich um und preschte nach vorne. So hatte sie keine Möglichkeit, weiter nachzufragen. „Hey, was soll denn das, warte doch!“ Aber selbst sie konnte Moonlight nicht so leicht einholen, wenn er erst mal Betriebsgeschwindigkeit erreicht hatte.

Als wir endlich in unserem Stall angekommen waren, waren unsere Wangen knallrot und unsere Haare zerzaust. Kaum erblickten wir die Sturmfrisur der jeweils anderen, mussten wir losprusten. Maja und ich waren in den letzten Tagen sehr gute Freundinnen geworden. Natürlich haben die vergangenen Ereignisse uns alle zusammengeschweißt, aber zwischen uns bestand eine besondere Verbindung. Sie war für mich wie eine Schwester geworden, und ich wusste, dass sie es ähnlich empfand. Gemeinsam brachen wir kurz darauf auf zu Lenni, da wir bei ihm eine Überraschungsparty für Luke geplant hatten, der heute Geburtstag hatte. Schnell holten wir noch unser Geschenk und zogen uns etwas anderes an, das nicht so sehr nach Pferd roch. Kurz vor Lennis Haus trennten sich unsere Wege, da ich die Aufgabe bekommen hatte, Luke abzuholen und ihn hierherzu lotsen. Als ich an seinem Haus ankam, wartete er bereits draußen und winkte mir freudig zu, als er mich entdeckte. Nachdem wir uns auf den Weg gemacht hatten, führte ich ihn auf ein paar Schleichwegen direkt in Lennis Garten. Er warf mir zwar ab und zu ein paar misstrauische Seitenblicke zu, aber er schien noch nicht zu ahnen, wo ich mit ihm hinwollte. Vielleicht wunderte er sich auch nur, dass ich ihm noch nicht gratuliert hatte. Perfekte Voraussetzungen für unsere Überraschung!

Als wir an unserem Ziel ankamen, war erst mal niemand zu sehen, und ich tat so, als würde ich überhaupt nicht wissen, wo die anderen waren. Die ließen dann auch nicht lange auf sich warten, sprangen aus den Büschen, sangen Happy Birthday und ließen Konfetti fliegen. Es war eine gelungene Überraschung. Die Torte, die Jason und ich in mühevoller Kleinarbeit gebacken hatten, war schon nach kurzer Zeit aufgegessen, und obwohl wir alle noch total satt waren, machte Benni sich bereits daran, die Kohlen für den Grill heiß zu machen. Um die Zeit bis zum nächsten Essen zu überbrücken, spielten wir ein paar Spiele. Luke wünschte sich Kanaster, sein neues Lieblingskartenspiel, welches er natürlich auch gewann. Ich hatte ihn im Verdacht, heimlich geübt zu haben. Danach spielten wir Tabu. Wir Mädchen und Luke gegen Jason, Lenni und Benni am Grill. Es wurde spannender, als ich gedacht hatte. Am Ende stand es knapp für die anderen, und Maja war als Letztes dran. Unter höchster Konzentration errieten wir eine Karte nach der anderen, und das, obwohl die anderen die ganze Zeit versuchten, uns abzulenken. Somit schafften wir es noch knapp, den Sieg zu erringen. Allerdings blieb uns die Freude darüber nicht lange. Die anderen forderten eine Revanche, und diese nahmen wir natürlich auch an.

Diesmal war die Disziplin Magisches Dart. Ein recht großes Spielfeld wurde dafür in den Himmel projiziert, und man musste mit magischen Pfeilen möglichst die Mitte treffen oder wenigstens das Spielfeld. Das hört sich jetzt vielleicht einfach an, aber das war es ganz und gar nicht. Ich verfehlte zu meinem Leidwesen nicht nur einmal das Spielfeld. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Wind meine Pfeile jedes Mal wegpustete. Die anderen schienen damit nicht so ein großes Problem zu haben und lachten mich aus. „Im Bogenschießen kann dir keiner das Wasser reichen, und im Dart bist du grottenschlecht!“, meinte Maja und kriegte sich kaum ein vor Lachen. Ich warf ihr einen bösen Blick zu und schmollte. „Das ist überhaupt nicht vergleichbar!“ Selbst Jason konnte sich sein Lächeln nicht verkneifen und strich mir zur Entschuldigung mitleidig über die Haare. Das machte mich nur noch ehrgeiziger. Einen Pfeil nach dem anderen werfend arbeitete ich mich immer näher ans Spielfeldinnere. Am Ende war ich zwar trotzdem die Letzte, aber dafür hatte ich wenigstens mehr als null Punkte erzielt. Ein voller Erfolg also! Natürlich sah mein Team, das durch mich verloren hatte, das Ganze ein wenig anders. Das Spiel hatte uns stärker zum Schwitzen gebracht, als wir gedacht hätten, aber zum Glück war in diesem Moment die erste Bratwurst fertig. Schnell versammelten wir uns am Gartentisch, und die zweite Essensrunde begann.

Noch genudelter als vorher beschlossen wir einen Verdauungsspaziergang zu machen. Von Lennis Garten aus konnte man gleich in den Wald und von dort einen der vielen Schleichwege nehmen, die einen manchmal an sehr überraschende Orte führen konnten. Bei mir machte sich schon nach wenigen Minuten Suppenkoma breit, und sowohl meine Lust auf den Spaziergang als auch meine Konzentration ließen nach. Das hatte zur Folge, dass ich, wie zu erwarten, über eine der zahlreichen Wurzeln stolperte. Ich hatte es nur Lenni zu verdanken, dass ich nicht komplett hingeflogen war, denn er fing mich im letzten Moment auf. „Alles okay?“, fragte er grinsend, und ich versuchte zuversichtlich auszusehen „Ja, mir geht es gut. Habe nur die Wurzel übersehen.“ Ich sah ihm an, dass er mir nicht glaubte, aber ich würde den anderen doch nicht ihren Spaziergang versauen, nur weil ich zu vollgefuttert war. Damit Lenni nicht noch weiter nachfragte, gab ich ihm einen Kuss auf die Wange, schnappte mir seine Hand und schloss mit ihm im Schlepptau dann schnell zu den anderen auf. Zum Glück verloren auch die anderen schnell die Lust, und so gingen wir wieder zurück. In Lennis Garten angekommen schoben wir alle Bänke und Stühle zusammen um ein Lagerfeuer herum, holten Decken und Kissen und einen großen Holznachschub.

Während die anderen es sich schon gemütlich machten, gingen Jason und ich noch ins Haus, um die Bowle zu holen, die Jason im Kühlschrank platziert hatte. Da er Angst hatte, dass ich die Bowle verschütte, musste ich die Gläser tragen, die wir mit Limetten verziert hatten. Als ob das jetzt viel ungefährlicher war! Auf meine Anmerkung, dass die Gläser auch zerspringen könnten, wenn ich sie fallen lassen würde, sagte er aber nichts. Kaum waren alle Gläser verteilt, stießen wir gemeinsam auf Luke an. Die Sonne verschwand langsam, und eine kühle Brise frischte auf. Die ersten Glühwürmchen zogen ihre Kreise, und jetzt kam auch Thomas, wie soll es anders sein, mit noch mehr Essen. Unter unserem Jubel brachte er lange Stöcke, Marshmallows und kleine Snacks mit. Er konnte leider nicht früher kommen, da er noch seinen Eltern hatte helfen müssen. Natürlich hatten wir ihm ein bisschen was vom gegrillten Essen übrig gelassen, was er auch dankend annahm und schnell noch per Magie erwärmte. „Könnte man nicht auch komplett auf einen Grill verzichten? Ich meine, wenn man doch mit Magie alles aufheizen kann?“, fragte ich, und Benni antwortete sogleich: „Nein, es schmeckt ganz anders, wenn man das Fleisch mit Magie brät. Das kann ich nicht empfehlen. Die klassischen Methoden sind da deutlich besser.“ Ich nickte und versank mit meinem Blick wieder voll und ganz im Feuer.

Wir saßen noch lange beieinander und plauderten. Erst als sich bei allen eine bleierne Müdigkeit breitmachte, lösten wir uns langsam auf. Bevor wir uns jedoch auf den Weg machten, vereinbarten wir noch ein Treffen für morgen. Kaum waren wir bei uns angekommen, fiel ich wie ein Stein ins Bett. Ich schaffte es nicht einmal mehr, mir meinen Schlafanzug anzuziehen. Meine Träume waren wild und verwirrend, doch einmal hatte ich ein klares Bild vor Augen, das mir einen Schock versetzte:

Ich stand auf einem nebligen Feld. Es war eine so dichte Suppe, dass ich kaum etwas sehen konnte. Es herrschte eine bedrückende Kälte, und ich fröstelte. Immer wenn Wind aufkam, fühlte es sich so an, als würden eisige Hände nach mir greifen. Eine Zeit lang stand ich einfach auf der Stelle und versuchte nicht so sehr zu zittern. Dann setzte ich mich in Bewegung und steuerte einen schwarzen Fleck in der Ferne an. Er entpuppte sich als eine Art Scheune. In der Hoffnung, dass es drinnen etwas wärmer und windgeschützter wäre, öffnete ich vorsichtig die knarrenden Türen und trat ein.

Als das erste Licht auf den Boden der Scheune fiel, blieb mein Herz für einen Moment stehen. Ich hatte Angst umzukippen und stolperte deshalb schnell zu dem Körper, der dort an der Wand lag. Es gab keinen Zweifel. Jason lag da vor mir, und er schien nicht mehr zu atmen. Meine Beine knickten ein, und ich merkte, wie Tränen meine Wangen herunterliefen und kalte Spuren hinterließen. Warum träumte ich denn so was? Oje, was, wenn das gar kein Traum war? Ängstlich strich ich Jason über die Wange und prüfte dann seinen Herzschlag. Tatsächlich konnte ich ihn nicht spüren. Auch der Gedanke daran, dass das alles wahrscheinlich nur ein Traum war, konnte mich nicht beruhigen. Es war einfach zu real. Dann spürte ich eine weitere Präsenz in meiner Nähe. Erschrocken wirbelte ich herum und blickte in das Gesicht einer Frau. Sie war hochgewachsen, hatte ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, schmale Lippen und eisige Augen. Ihr enganliegendes schwarzes Kleid betonte jede ihrer Kurven und damit auch jeden Knochen.

Sie strahlte eine unglaubliche Macht aus, die mich entfernt an Esthor erinnerte, nur, dass sie mir eine wahre Todesangst einflößte, welche ich bei Esthor nicht verspürt hatte. Eine eisige Gänsehaut lief meinen Rücken herunter, als sie lächelte und ihre blitzweißen Zähne entblößte, die durch den schwarzen Lippenstift noch stärker hervorgehoben wurden. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen, doch mein Körper und meine Stimme schienen eingefroren zu sein. „Wenn ich mich vorstellen darf …“ Sie verbeugte sich leicht. „Ich bin Nilona, die Traumweberin. Falls du dich fragst, warum ich hier bin: Ich will deinen Bruder.“ Die letzten Worte hatten alle Freundlichkeit verloren, und ich schreckte zurück, als sie sich mir bedrohlich näherte „Alison, Süße, du kannst mir doch helfen, nicht wahr?“, ihre Stimme schnurrte, aber ihre Augen waren eindringlich und eisig. „Wenn du ihn mir nicht bis zur Neujahrswende bringst, werde ich härtere Maßnahmen ergreifen. Das willst du doch nicht, oder? Versuche bloß nicht mich zum Narren zu halten. Ich merke das sofort. Die Strafe für deinen Ungehorsam würde dir nicht gefallen. Oder möchtest du immer und immer wieder seinen Tod miterleben?“ Ich war mittlerweile bis zur Wand zurückgewichen und starrte sie nur verständnislos an. „Ich dachte, du wärst so ein kluges Mädchen? Dafür scheinst du aber recht schwer von Begriff zu sein.“ Ich starrte sie immer noch wortlos an, dann brachte ich endlich die Frage heraus, die mir auf dem Herzen lag. „Warum?“ Sie schien amüsiert, beugte sich noch mehr zu mir herunter und nahm eine meiner Haarsträhnen in ihre Hand. „Nun liegt das nicht auf der Hand? Hast du gedacht, mit Esthor wäre das Böse für immer besiegt? Er war doch nur die Vorhut. Er war der Test. Natürlich wusste er das nicht, das hätte sein Ego verletzt, und ich brauchte doch seine Unterstützung. Also, Alison, zurück zum eigentlichen Thema: Ich will dein Brüderchen, mehr brauchst du momentan nicht zu wissen. Bring ihn mir zur Neujahrwende zum Pass am alten Baum, südlich von eurer geliebten Schule. Sei ein liebes Mädchen und versuch keine Tricks, die wirst du nämlich bereuen. Wir sehen uns …!“ Mit diesen Worten verschwand sie in einer Rauchwolke und ließ mich atemlos zurück. Mit ihr verschwand auch die Kälte, und die Umgebung änderte sich. Erleichtert, dass ihre Präsenz verschwunden war, schloss ich die Augen und fiel sogleich in Tiefschlaf.

Als ich aufwachte, brauchte ich ein paar Minuten, um zu verstehen, was ich da geträumt hatte. Dann sprang ich aus dem Bett, rannte zu Jason, der bereits aufrecht in seinem Bett saß, und umarmte ihn fest. Das Bild von seinem toten Körper wollte nicht aus meinem Kopf verschwinden. Dabei bekam ich einen Heulkrampf und hörte erst auf, als er mich vorsichtig von sich löste und mir besorgt in die Augen sah. „Alison, was ist los?“ Ich riss mich zusammen und erzählte ihm von meinem beunruhigenden Traum.

Verdacht

Jason strich mir beruhigend über den Rücken. „Das war nur ein Albtraum. Ich bin sicher, es steckt nicht mehr dahinter. Es ist völlig klar, dass dich die vergangenen Ereignisse und Ängste noch in deinen Träumen verfolgen. Du musst das Ganze eben noch verarbeiten. Mach dir bitte nicht so viele Gedanken.“

Ich glaubte ihm nicht. Ich hatte so ein ungutes Gefühl, und ich war mir ganz sicher, dass diese Traumweberin real war und nicht nur ein Gespinst in meinem Kopf. Viel zu gerne hätte ich Jason geglaubt und einfach alles vergessen, aber ich konnte nicht. Es ging hier eben auch um ihn. Aber wie konnte ich ihn davon überzeugen, etwas zu unternehmen? Ihn von der drohenden Gefahr zu überzeugen, schien in diesem Moment sehr schwierig. Ich würde ihm wohl erst mal vorspielen, dass ich ihm glaubte. Ich konnte immerhin auch allein nachforschen, ob es diese Nilona wirklich gab. Ich nahm etwas Abstand zu Jason und nickte. Er schien zufrieden zu sein, schenkte mir noch ein aufmunterndes Lächeln und ging dann nach unten, um Frühstück zu machen. Ich kehrte zurück in mein Zimmer, schrieb jedes Detail meines Traums auf, zog mich an und ging dann ebenfalls hinunter.

„Du, Jason, auf was für einer Geschäftsreise sind meine Zieheltern noch mal? Sie waren vom einen auf den anderen Tag weg, sodass ich sie gar nicht danach fragen konnte“, fragte ich am Tisch. „Sie sind gemeinsam ins Ausland gereist, um dort einen großen Vertrag abzuschließen. Als der Anruf vom Chef kam, sind sie ganz eilig aufgebrochen. Sie sollen wohl auch in beratender Funktion mitkommen. Es schien sehr wichtig zu sein. Sie sagen, dass ihre Firma momentan boomt und dieser Vertrag sehr wichtig für die Zukunft sein wird. Du hast zu diesem Zeitpunkt noch geschlafen, und da du dich erholen solltest, haben sie dich nicht aufgeweckt. Aber sie kommen bestimmt bald wieder. Und wir zwei kommen doch auch ganz gut allein zurecht, oder nicht? Sturmfrei ist doch auch mal ganz nett!“, antwortete Jason, und ich nickte ihm nachdenklich zu. Vielleicht war das ja geplant. Es vereinfachte die Sache für Nilona ziemlich, dass ich die Einzige war, die momentan mit Jason im Haus war. Ob sie wohl diese Geschäftsreise arrangiert hatte? Das wäre natürlich wirklich sehr praktisch für sie. Allerdings würde es keinen Sinn machen, wenn ich ihn ausliefern sollte. Dann bräuchte sie sich nicht persönlich darum zu kümmern. Oder rechnete sie vielleicht mit meinem Widerstand? Aber dann wären meine Zieheltern vielleicht in Gefahr gewesen. Nein, ich überdramatisierte das Ganze bestimmt nur. Es steckte nicht mehr dahinter, und sie würden bald wohlauf zurückkommen und einen unterschriebenen Vertrag mitbringen. Ich wollte mich beruhigen, aber es funktionierte irgendwie nicht. Ich schien jetzt hinter jedem Ereignis eine Kette von weiteren Ereignissen zu sehen. Vielleicht drehte ich auch durch?

Schon kurz nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg zur Dorfbibliothek. Dort angekommen, suchte ich nach Büchern über Träume. Die Bibliothek war für ein Dorf sehr groß, und es gab reichlich Auswahl. Schon nach kurzer Zeit fand ich die richtige Reihe und klapperte die Namen ab. Ich entschied mich für die Titel „Traumdeutung“, „Träume und die Verbindung zur Magie“, „Traumgötter“ und „Traumtipps“. Mit diesem Bücherstapel in den Händen wankte ich zu einem der Sessel und begann sie zu studieren. Dabei erfuhr ich viel über bestimmte Zeichen in Träumen, die bestimmte Dinge bedeuteten. Auch schrieb ich mir den Namen der Autorin von „Träume und ihre Verbindung zur Magie“ heraus, da sie in unserem Dorf zu wohnen schien. Vielleicht konnte ich ihr persönlich noch ein paar Fragen stellen. Des Weiteren las ich Geschichten über einen Gott Namens Somnium, der früher wohl unter den Menschen gelebt hatte und ihnen Träume geschenkt hat. Auch ein Stammbaum mit seinen sterblichen Nachfahren war abgezeichnet. Vorsorglich kopierte ich diesen und noch ein paar andere Seiten aus dem Buch. Auch erfuhr ich, dass Träume durchaus mit Magie beeinflusst werden konnten, aber dies wohl eine sehr schwierige und seltene Magieform war.

Ich beschloss mir die Bücher „Träume und ihre Verbindung zur Magie“ und „Traumtipps“ auszuleihen und zu Hause weiterzulesen. Das hatte vor allem den Grund, dass sich die Verabredung mit den anderen langsam näherte und ich nicht zu spät kommen wollte. Deshalb beeilte ich mich, meine Leihbücher in mein Zimmer zu bringen und mich dann mit Jason wieder auf den Weg zum Treffpunkt zu machen. Auf seine Frage, wo ich gewesen wäre, antwortete ich ausweichend: „Ach, so hier und da. Ich habe mir ein paar interessante Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen.“ „Ach so.“ Er schien sich mit meiner Antwort zufriedenzugeben. Perfekt! Es war tatsächlich auch nicht so ungewöhnlich, dass ich mir Bücher aus der Bibliothek auslieh.

Treffpunkt war bei der Erzgrube im Wald. Thomas hatte dort etwas entdeckt, das er uns zeigen wollte. Heute fühlte sich die Umgebung des Waldes irgendwie bedrängend an. Ich schien eine rechte Hypersensibilität entwickelt zu haben. Vielleicht war es auch nur Verfolgungswahn. In meinem Kopf klingelten leise Alarmglöckchen, und ich sah hinter jedem Baum sich bewegende, schwarze Schatten. Beunruhigt griff ich nach Jasons Hand und verschnellerte meine Schritte. Ich wollte so schnell wie möglich an der Grube ankommen und die anderen überreden umzukehren und lieber etwas im Dorf zu unternehmen. Mein ungutes Gefühl verstärkte sich immer mehr, und ich fühlte regelrecht, wie meine Magie kribbelnd durch meine Adern rauschte. Ich war hoch konzentriert und hellwach. Als wir endlich an der Grube ankamen, warteten die anderen schon auf uns. Sie hatten sich um ein schwarzes Loch versammelt, das in die Tiefe führte. „Endlich seid ihr da!“, rief Lenni, „seht mal, was Thomas entdeckt hat!“ Mit einem mulmigen Gefühl beugte ich mich leicht über das Loch und blickte in bodenlose Finsternis. „Ich dachte, die Erzgrube wäre vor Jahren geschlossen worden …“, murmelte Jason, und Thomas sagte: „Ja, das stimmt, aber ich denke, der alte Eingang ist durch ein kleines Erdbeben oder so wieder geöffnet worden. Vielleicht wurden auch die Arbeiten wiederaufgenommen.“ Wir alle blickten mit gemischten Gefühlen in die Grube. Sie übte eine seltsame Anziehung auf uns aus, und es war, als würde man immer näher herangezogen werden. So als würde etwas dort drinnen nach uns rufen. Als Thomas Anstalten machte, sich in die Höhle hinabzulassen, hielt ich ihn auf.

„Vergiss es! Das ist viel zu gefährlich, niemand von uns geht da rein. Ich habe kein gutes Gefühl dabei! Es könnte alles einstürzen, außerdem wissen wir nicht, ob etwas dort unten lauert. Ich verbiete dir, dort hinunterzugehen!“ Überrascht sah Thomas mich an. Auch die anderen schien meine verängstige Ansprache überrascht zu haben. „Du bist doch sonst nicht so, Alison. Sonst erkunden wir doch auch immer alles. Was soll an der kleinen Höhle denn gefährlich sein?“, fragte Thomas, während seine Augen abenteuerlustig blitzten, und ich erwiderte: „Es ist einfach ein Gefühl, verstehst du? Diese Grube strahlt eine ganz komische Kälte und Anziehungskraft aus. Ich glaube, dort unten ist etwas. Und ich glaube, es ist gefährlich!“ „Aber wenn zwei draußen warten und der Rest gemeinsam reingeht, müsste es doch gehen, oder nicht?“, beharrte Thomas. Jetzt schaltete sich Lenni ein. „Ich denke, Alison hat recht. An der Grube ist was faul. Ich habe da auch ein ganz mulmiges Gefühl. Es ist zu gefährlich, einfach so hineinzugehen. Wir konnten uns bis jetzt immer auf Alisons Gefühl verlassen, und ich denke, auch diesmal wird es stimmen. Wir sollten das den Behörden melden. Die können das dann untersuchen. Komm schon, Thomas, weg vom Eingang!“ Miesepetrig entfernte sich Thomas von dem dunklen Loch. Dann gab es plötzlich ein Rumpeln im Boden. Wir erstarrten. Da, schon wieder. Keiner wagte es, sich zu bewegen. „Erdbeben!“, rief Luke, und gleichzeitig mit seinem Ausruf brach die Erde unter uns ein, und wir fielen in die Tiefe.

Als ich meine Augen öffnete, war alles schwarz. Ich war unter Steinen begraben, die sich schmerzhaft in meine Haut bohrten. Ganz dumpf hörte ich eine Stimme, die nach mir rief, und machte mit magischem Licht auf mich aufmerksam. Es flackerte zwar etwas, da ich mich nicht richtig darauf konzentrieren konnte, aber um zu zeigen, wo ich war, müsste es reichen. Schon kurze Zeit später merkte ich, wie die Last der Steine auf meinem Körper endlich weniger wurde, und schließlich sah ich in Jasons und Lennis besorgte Gesichter. Ich atmete tief ein und rappelte mich dann mit ihrer Hilfe hoch.

Alle hatten sich ein paar Prellungen, blaue Flecken und Blutergüsse zugezogen, aber ansonsten war zum Glück nichts passiert. Ausgerechnet Thomas, der am dringendsten die Grube erkunden wollte, war nicht hineingestürzt. Er stand am weitesten von dem Loch entfernt. Aber immerhin konnte er so bestimmt Hilfe holen. Vorsichtig erkundeten wir unsere Umgebung. Steine hatten den Ausgang verschüttet, und nur ein kleiner Lichtstrahl drang zu uns durch. Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf. Ob das wohl ein wirkliches Erdbeben war? Oder war es vielleicht magischen Ursprungs? Da riss mich Benni aus meinen Gedanken. „Hier zweigt ein Gang ab!“ Schnell versammelten wir uns bei Benni und sahen in den dunklen Gang hinein. In ihm schien es noch kälter zu sein. Wieder krabbelte Gänsehaut meinen Rücken runter, und vorsichtig ließ ich eine Lichtkugel in den Gang schweben.

Warum passierte das eigentlich immer uns? Wir schienen richtige Magneten für Unglücke zu sein. Ganz langsam drangen wir in den Tunnel vor. Bis jetzt war noch nichts weiter passiert. Es war einfach ein leerer, dunkler Tunnel. In einiger Entfernung vor uns gab es einen Knick, und dahinter befand sich eine weitere kleine Höhle. Allerdings war diese nicht leer. Ein Körper lag in der Mitte, umrundet von grau leuchtenden, scharfen Kristallen. Als wir uns näherten, erkannten wir die Frau, die dort lag. Es war unsere Direktorin. Sie musste schon seit ihrem Verschwinden hier liegen, als Esthor die Macht an unserer Schule übernahm.

Ich wollte schon zu ihr gehen, aber Luke hielt mich auf. „Du musst vorsichtig sein. Siehst du nicht diese grauen Kristalle? Das sind magische Kristalle, und ihr Vorkommen ist äußerst selten. Sie können Magie abschirmen. Keine Magie kommt durch, weder von außen noch von innen. Man nennt sie Pariemiten. Das kommt ursprünglich aus dem Lateinischen von Paries. Das heißt so viel wie Wand. Und das ist es auch. Du kannst diesen Kristallkreis nicht einfach durchbrechen. Das müssen wir irgendwie anders hinbekommen.“ Ich musterte ihn. „Vielen Dank, du laufendes Lexikon. Wie wir diese Barriere jetzt umgehen, ohne die Direktorin oder uns in Gefahr zu bringen, weißt du nicht zufällig auch?“ Er verzog sein Gesicht. „Zu meinem Leidwesen nicht. Aber uns fällt schon etwas ein. Außerdem müsste auch bald Hilfe kommen, und dann können sich die Profis um das Problem kümmern.“ Ich betrachtete die Direktorin. „Meinst du … sie ist tot?“ Luke betrachtete sie ebenfalls. „Das glaube ich nicht. Ich denke eher, dass sie per Magie in einen Tiefschlaf versetzt wurde. Aber das kann ich so nicht genau sagen. Die Barriere müsste weg sein, um Genaueres sagen zu können.“ Ich nickte und umkreiste den Kristallkreis. Es gibt immer einen Weg. Es musste wenigstens eine Möglichkeit geben, den Kreis aufzuheben. Esthor hatte sicherlich noch mehr mit der Direktorin vor. Das hier war doch kein Versteck für die Ewigkeit. Es war kein Grab, es war eben eher ein Versteck.

Aus reiner Intuition heraus bückte ich mich und warf einen Blick unter die Kristalle. Die meisten schlossen direkt an den Boden an, aber zwischen zweien gab es ein kleines Loch, das gerade mal groß genug für einen schmalen Arm war. Hinter diesem Loch schien etwas Schwarzes zu sein, doch ich konnte es nicht genau erkennen. „Leute, schaut mal hier! Ein Loch, und irgendwas ist dahinter. Vielleicht eine Vorrichtung, um den Kreis zu öffnen?“ Die anderen versammelten sich um mich und betrachteten das Loch. „Das könnte funktionieren. Aber wer weiß, was für Vorsichtsmaßnamen Esthor getroffen hat. Vielleicht ist es auch eine Falle …“, meinte Benni. „Einen Versuch wäre es wert, oder? Unsere Direktorin hätte sicherlich das Gleiche für uns gemacht“, meinte Jason, und wir nickten ihm zu.

„Nun, dann würde ich sagen, Maja versucht es. Sie hat die schmalsten Arme und kommt wahrscheinlich weiter als wir“, sagte Jason, und alle sahen Maja an, die das Ganze nicht so spitze fand. „Wenn du nicht möchtest, könnte ich auch …“, begann ich, doch Maja unterbrach mich: „Den Spaß überlasse ich dir doch nicht allein!“Sie lachte ein wenig unecht, und schon lag sie vor dem Loch und streckte vorsichtig ihren Arm hindurch. Vor Spannung wagte ich es nicht zu atmen. Immer näher kam sie dem schwarzen Objekt. Es lief alles wie am Schnürchen, als die Erde anfing zu beben und Maja vor Schreck den Arm zurückzog und dabei den Kristall berührte. Sie schrie auf, und es begann zu rauchen und verbrannt zu riechen. Als wir ihren Arm betrachteten, sahen wir Brandblasen an den Stellen, an denen sie den Kristall berührt hatte. Wieder bebte der Boden. Dann hörten wir in der Ferne so etwas wie ein Schaben. Jemand schien uns freizuschaufeln. Ich warf Jason einen Blick zu, der sich bereits auf den Weg zu unseren Helfern machte, um sie zu unterrichten. Ich betrachtete währenddessen das Loch, wollte schon hingehen, als Maja mich zurückhielt. „Nein, Alison! Das ist zu gefährlich, und du hast viel mehr Magie in dir als ich. Wer weiß, welche Auswirkungen das Zeug auf dich hat. Wir brauchen dich gesund, falls wieder etwas passiert. Lass das die Profis machen. Die paar Minuten wird die Direktorin auch noch aushalten.“ Ich warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf das Loch, nickte dann aber und wandte mich wieder Majas Arm zu.

Sanft hielt ich ihn etwas in die Höhe und legte meine Hand darüber. Dann erschien das warm leuchtende Licht der Heilungsmagie. Als ich meine Hand jedoch wieder von ihrem Arm wegnahm, war die Wunde immer noch da. „Eine Wunde, die von so einem Kristall verursacht wird, kann man nicht mit Magie heilen. Deshalb solltet ihr auch vorsichtig sein!“, meinte Luke, und ich warf ihm einen genervten Blick zu. „Hättest du das nicht früher sagen können?“ „Nein, meine Hypothese hat sich erst jetzt bestätigt. Da es diese Kristalle nur sehr selten gibt, konnten noch nicht so viele Versuche gemacht werden.“

Ich seufzte und überließ Maja dann den Sanitätern vom Krankenhaus, die bereits zu uns gekommen waren. Luke wusste wirklich erstaunlich viel. Vielleicht konnte ich mit ihm über meinen Traum sprechen. Ich wollte mich schon an ihn wenden, da sprach mich einer der Männer von dem Krankenhaus an. Maja wurde indessen von einem anderen nach draußen begleitet. Er stellte sich als Bob vor und versicherte mir, dass alles gut werden würde. Netter Versuch! Dann erklärte er mir, dass er und seine Kollegen sich um die magischen Vorfälle im Dorf kümmerten. Er war sehr nett, aber auch bestimmt. So bestand er darauf, dass wir diese Höhle umgehend verlassen sollten, damit er und seine Kollegen alles Weitere regeln könnten. Ich wäre sehr gerne dabei gewesen, aber es war wohl besser, diesen Ort endlich zu verlassen. Es könnte auch noch ein weiteres Erdbeben geben. Dieser Gedanke ließ mich gleich viel schneller aus dem Ausgang klettern. Thomas erwartete uns draußen bereits. Er hatte ganz rote Wangen und schien sich ziemliche Sorgen gemacht zu haben. „Das ist alles meine Schuld. Es tut mir so leid …“ Er schien richtig geknickt zu sein. Zumindest sagten seine Stimme und seine Körperhaltung das. Seine Augen waren seltsam kühl. Vielleicht lag das aber auch nur am Schock. Ich ging auf ihn zu und nahm ihn in den Arm. „Das ist nicht deine Schuld. Damit hätte doch keiner rechnen können. Du konntest genauso wenig etwas dafür wie wir.“ Er drückte mich ebenfalls, aber nur ganz leicht. „Danke, Alison.“

Neue Erkenntnisse

Nachdem sich Bob noch mal versichert hatte, dass es allen gut ging, durften wir nach Hause gehen. Alle waren recht schweigsam. Unauffällig setzte ich mich neben Luke und bedeutete ihm, sich etwas zurückfallen zu lassen. Er verstand, und so gingen wir ein wenig hinter den anderen. Er wartete geduldig, bis ich bereit war, ihm zu erzählen, was mich bedrückte. Ich versuchte, ihm meinen Traum so genau wie möglich zu erzählen und ihn davon zu überzeugen, dass es wirklich real war. Als ich fertig war, schwieg er eine Weile nachdenklich. „Deshalb warst du heute so nervös. Man hat gemerkt, dass dich etwas bedrückt. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es so etwas ist. Und du bist dir sicher, dass es kein Albtraum war?“, fragte er schließlich, und ich meinte überzeugt: „Ich bin mir hundertprozentig sicher. Und ich denke auch, dass es eine Verbindung zwischen diesem Traum und den heutigen Ereignissen gibt. Da stimmt etwas nicht. Ich weiß nicht, was diese Nilona genau mit Jason vorhat, aber es ist bestimmt nichts Gutes!“

Er wirkte bedrückt. „Wenn du dir so sicher bist, werde ich auch mal Nachforschungen betreiben. Wir sollten für den Fall der Fälle vorbereitet sein. Was ist mit Jason, hast du es ihm schon erzählt?“ Ich sah ihn vielsagend an. „Natürlich habe ich es ihm erzählt, aber … er glaubt mir nicht. Er denkt, es sei nur ein Albtraum und ich solle mir keine Sorgen machen.“ Luke nickte, und wir schwiegen betreten. Wenigstens glaubte mir einer. „Was ist mit den anderen? Sollen wir es ihnen auch erzählen?“, fragte ich. „Nein, nicht solange wir uns nicht sicher sind. Es würde sie nur verunsichern.“ Ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir alle in großer Gefahr waren. Es war noch nicht zu Ende.

Angekommen im Dorf trennten sich unsere Wege, und jeder beschloss fürs Erste alles zu verdauen. Ich verkrümelte mich in meinem Zimmer und studierte die Bücher weiter, die ich unter meinem Bett versteckt hatte. Tatsächlich gab es wohl Schatten- und Lichtkinder, die sich auf Träume spezialisiert hatten. Einige besser und einige schlechter. Es war wohl möglich, mithilfe der Magie in die Köpfe von Schlafenden einzudringen und deren Träume zu manipulieren oder sogar im Schlaf bestimmte Befehle einzuprogrammieren. Es schien eine ziemlich mächtige Waffe zu sein. Zumindest, wenn man sie richtig beherrschte. Bei falscher Anwendung konnte es nämlich zu psychischen Störungen kommen. Man könnte in den Träumen des Opfers hängenbleiben oder in gewisser Weise abhängig von den Träumen anderer Menschen werden. Traumklauer wurden diese Wesen genannt. Wesen deshalb, weil sie zwar ehemalige Licht- oder Schattenkinder sind, sich aber ihr Äußeres durch die Aufnahme von fremden Träumen verändert hat.

Ihre Haut wird fahl, und sie bekommen lange Finger, mit denen sie in die Köpfe ihrer Opfer eindringen und ihre Träume stehlen. Ich verzog das Gesicht. So sah Nilona aber nicht aus. Sie war ganz bestimmt kein Traumklauer. Sie hatte sich selbst ja auch Traumweberin genannt. Um Träume manipulieren zu können, musste man seine Schatten- oder Lichtkräfte abgeben. Man war dann kein richtiges Schatten- oder Lichtkind mehr. Auch können wohl nur Schatten- oder Lichtkinder die Traummagie erlernen, da sie für ihre Kinder zu stark ist. Also musste Nilona einmal ein Schatten- oder Lichtkind gewesen sein. Wenigstens ein wenig. Mir fiel etwas auf einer der Seiten auf. Mit Bleistift war dort NDXEE geschrieben worden. Was sollte das denn heißen? Ich überlegte. So machten die Buchstaben keinen Sinn. Vielleicht hatte jemand sie gemixt? Das X störte mich. Was sollte das denn da? Ohne das X würde das Wort perfekt Ende ergeben. Ich könnte ja mal nachsehen. Probieren schadet nicht! Als ich zum Ende des Buches kam, sah ich, dass genau die letzten zwei Seiten zusammenklebten. So kaum zu sehen, aber da ich nach etwas Besonderem Ausschau gehalten hatte, fiel es mir auf. Ich strich über die Seiten und konnte schwören, dass sich etwas dazwischen befand. Vielleicht markierte das X hier wie bei einer Schatzkarte einen Schatz? Dann hätte es gar nichts mit dem Wort an sich zu tun und würde nur auf einen Gegenstand oder so hinweisen. Zeit nachzusehen!

Vorsichtig löste ich die Seiten voneinander. Es ging recht einfach, und ich schaffte es, ohne dass eine der Seiten einen Riss bekam. Ein zusammengefalteter Zettel, der anscheinend zwischen den Seiten steckte, fiel in meinen Schoß. Ich legte das Buch zur Seite und schnappte mir den Zettel. Er war schon vergilbt und schien aus Pergament zu sein. Interessiert entfaltete ich ihn. Es befand sich eine Art Gedicht darauf:

Sie webt dich ein mit straffen Fäden,

sie lässt dich niemals wieder los.

Die Traumweberin ist die Königin der Träume,

halt dich von ihr fern, rette dich auf das letzte Floß!

Sie ist nicht weit entfernt von absoluter Macht,

es fehlt ihr noch eine Komponente.

Ein Junge, der geboren werden wird im Schatten seiner Schwester,

ein Junge, der besonders ist,

ein Junge, der der Schlüssel ist.

Versteckt ihn vor der Königin,

sonst ist unser freies Land dahin!

Beunruhigt las ich mir das Gedicht nochmals durch. Kein Zweifel! Der besondere Junge musste mein Bruder sein, und die Königin war unter Garantie Nilona. Das bedeutete, dass mein Gefühl richtig war. Sie war gefährlich und zwar noch mehr als ich gedacht hatte. Wenn man diesem Gedicht trauen durfte, und das würde ich tun, da es sehr alt war – alten Pergamenten kann man fast immer Glauben schenken –, dann waren wir alle in größter Gefahr! Nur schade, dass nicht darauf stand, was für eine Macht Jason hatte oder wie man Nilona von der Weltherrschaft abhalten konnte. Ich strich über den Rand des Pergaments. Es schien fast so, als würde ein Teilstück fehlen. Natürlich! Die wichtigsten Sachen fehlten ja immer! Ich wusste nicht, ob ich mich über meinen Fund freuen oder gleich in Tränen der Verzweiflung ausbrechen sollte! Wenn sie wirklich so übermächtig war, dann hatten wir ein echtes Problem, und bis zur Neujahrswende war es nicht mehr weit. Viel zu wenig Zeit, um sich auf einen Kampf vorzubereiten! Hektisch kramte ich unser Haustelefon heraus und rief Luke an. Spätestens jetzt sollten wir unsere Freunde einweihen.

„Das hört sich vielversprechend an. Wenn man diesem Schriftstück Glauben schenken darf, haben wir es mit einer starken Gegnerin zu tun. Trotzdem würde ich sagen, dass wir den anderen erst morgen davon berichten und sie nicht jetzt schon durch unseren Anruf völlig verrückt machen. Am besten, wir schlafen erst mal darüber, und morgen haben wir vielleicht schon die ersten Ideen, okay?“, sagte Luke am Telefon, und ich ließ mich überreden. Gerade als ich aufgelegt hatte, klopfte es an meiner Tür. „Alison, komm mal bitte in das Wohnzimmer. So schnell du kannst, ja?“, rief Jason durch die noch geschlossene Tür. Ich beeilte mich, die Bücher unter das Bett und den Zettel in meine Hosentasche zu schieben und rannte dann die Treppe hinunter in das Wohnzimmer.

Dort angekommen erwartete mich nicht nur Jason, sondern auch noch eine Art Rauchgeist. Eine menschliche Gestalt, die nur aus Rauch geformt zu sein schien, und sie kam mir bekannt vor. „Das ist eine Art Kommunikationsmagie. So kann Jack sich mit uns unterhalten, auch wenn er gerade in Revalons Schloss ist. Es ist wie eine Art Projektion seiner selbst. Es scheint wichtig zu sein …“, meinte Jason zur Erklärung, und als wir uns dann beide dem Rauchgeist Jack zuwandten, begann er zu sprechen.

Seine Stimme hörte sich genauso an wie früher, und es versetzte mir einen kleinen Stich. „Ich habe Revalon gebeten, mit euch sprechen zu können. Er selbst hält die Magie aufrecht, während ich mit euch sprechen kann. Es ist etwas passiert. Eine Magiequelle ist in Avessia aufgetaucht, die es eigentlich nicht mehr geben sollte. Uralte Magie, die sehr gefährlich sein kann. Irgendwo in eurer Nähe wurde Traummagie angewendet …“ An dieser Stelle warf ich Jason einen vielsagenden Blick zu. „Ihr solltet euch in Acht nehmen. Falls jemand in eurer Nähe oder gar ihr selbst davon betroffen seid, kann es brenzlig werden. Man kann sich fast gar nicht gegen diese Magie wehren. Da es eine sehr starke Magie ist, können wir die meisten Schatten- und Lichtkinder ausschließen. Jedoch bringt uns das zu einer Antwort, die eigentlich gar nicht sein kann.“ „Nilona!“, rief ich, und Jack machte große Augen. „Sehr richtig! Allerdings ist sie schon vor Jahren verschwunden. Wir hielten sie für tot. Dass du ihren Namen kennst, ist kein gutes Zeichen. Revalon meint, dass mit ihr nicht zu spaßen ist und dass ihr euch in Acht nehmen solltet. Es existierte vor Jahrtausenden einmal eine Prophezeiung. Wir haben da so einen Verdacht, aber der ist noch nicht bestätigt. Falls sich bei euch etwas tut, solltet ihr das sofort an uns weiterleiten. Wir haben hier noch bessere Forschungsmöglichkeiten als ihr.“ Sein Blick fiel auf mich. „Da du ihren Namen kennst, stellt sich mir die Frage, ob schon etwas passiert ist?“, fragte er dann, und ich antwortete: „Kann man so sagen. Nilona ist mir im Traum erschienen und hat von mir verlangt, dass ich ihr Jason ausliefern soll. Zur Neujahrswende an der alten Eiche südlich unserer Schule.“

Jack schien besorgt. „Noch etwas?“, fragte er nach kurzem Schweigen. Da ich gerade so in Schwung war, erzählte ich auch noch von meinem Verdacht bei dem Grubeneinsturz. Nur meine neusten Informationen ließ ich weg. Eine innere Stimme sagte mir, dass es noch nicht gut war, jetzt damit rauszuplatzen. „Wir sind uns dabei aber noch nicht sicher!“, meinte Jason, nachdem ich geendet hatte. „Wenn das so ist, werden Revalon und ich nochmals alle Bücher wälzen, damit wir euch, wenn möglich, helfen können. Irgendwo muss sich doch ein Hinweis verstecken, der euch dabei helfen kann. Bis zur Neujahrswende sind es ja zum Glück noch ein paar Tage. Die werden wir nutzen müssen! Ich schlage vor, wir setzen uns noch mal mit dem Thema auseinander und ihr setzt euch noch mal zusammen, um einen Plan oder so etwas auszuarbeiten …“ Jason unterbrach ihn etwas ungehalten: „Warum messen alle dieser Frau so viel Aufmerksamkeit bei? Es ist doch noch nichts bewiesen? Es könnte auch ein ganz normaler Albtraum gewesen sein. Was könnte sie schon von mir wollen?“ Er seufzte und strich sich gestresst durch seine Haare. „Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es gibt alte Berichte von ihr, die beschreiben, wie gefährlich sie ist. Ich werde sie euch mal zukommen lassen, vielleicht können sie euch helfen. Ich werde schnellstmöglich nochmals Kontakt zu euch aufnehmen. Bis dahin, passt auf euch auf!“ Damit nickte er uns nochmals zu, und dann löste sich der Rauchgeist auf. Das Abendessen verlief recht schweigsam. Ich hatte das Gefühl, dass Jason sich irgendwie missverstanden fühlte, aber ich wusste nicht, wie ich ihm helfen sollte. Deshalb beschloss ich, ihm seine Ruhe zu lassen.

Jacks Ausführungen hatten mich nur noch mehr beunruhigt. Ich war mir sicher, dass mehr hinter dieser Sache steckte. Nilona schien die Sache sehr ernst zu sein, und ich glaubte auch, dass sie uns noch mehr unter Druck setzen würde. Noch hatte sie nur mit mir gesprochen, aber bestimmt würde das nicht mehr lange so bleiben. Als ich in meinem Bett lag, traute ich mich gar nicht einzuschlafen. Ich hatte Angst! Angst, wieder diese Kälte zu spüren. Doch natürlich konnte ich der Müdigkeit nicht lange widerstehen und glitt in einen unruhigen Schlaf.

Maßnahmen

Am Anfang stand ich auf einer weiten Wiese. Eine laue Brise wehte und brachte blumigen Duft mit. Dieser Duft gefiel mir. Es war so friedlich und ruhig. „Alison, du ziehst das Böse aber wirklich an …“, meinte da eine Stimme hinter mir, und als ich mich umdrehte, sah ich in die Augen von Lithyja. „Was machst du denn hier?“, fragte ich glücklich, doch meine Freude verließ mich, als ihr Gesicht ernste Züge annahm. „Nilona hat ein Auge auf euch geworfen. Du solltest ganz besonders auf Jason aufpassen. Nilona ist ein anderer Gegner als Esthor. Er ist nichts gegen sie. Sie zerstört dich von innen heraus und stört sich nicht an irgendwelchen Verlusten. Sie hat bis jetzt immer ihre Ziele erreicht, und ich bin sicher, dass sie auch diesmal nicht vorhat zu verlieren! Zudem kämpfen für sie keine dunklen Männer. Ihre Schergen sind weitaus stärker. Das geht von ganz normalen Traumklauern bis hin zu Traumkobolden, Albträumern und vielen mehr. Ihr solltet euch auf jeden Fall mit den Traumwesen auseinandersetzen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ihr mindestens einem von ihnen begegnen werdet. Du solltest auch wissen, dass sie gerne mit ihren Opfern spielt. Nimm dich bitte in Acht!“ Ihre Augen blickten mich so ängstlich an, dass ich sie am liebsten tröstend in den Arm genommen hätte.

„Du scheint ja ziemlich viel über sie zu wissen. Kennst du sie?“, fragte ich dann, und sie lächelte schmerzhaft. „Ja, ich kenne sie! Wir sind gemeinsam in Avessia unterwegs gewesen. Damals wusste ich noch nicht, dass ihre Freundlichkeit nur gespielt war. Sie hatte damals ein Artefakt gefunden, dass einem der Dörfer gehörte, denen wir geholfen haben. Nun, sie hat es behalten, und seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Sie hat ein Talent, Leute um ihren Finger zu wickeln. Ich habe damals aus meiner Naivität gelernt, und ich möchte nicht, dass du denselben Fehler machst wie ich.“ Ich nickte, dann fiel mein Blick auf den immer dunkler werdenden Himmel. Auch Lithyja schien es bemerkt zu haben. „Sie kommt!“, rief sie und sah mich eindringlich an. „Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe! Pass auf deinen Bruder auf! Und tu unwissend ihr gegenüber. Viel Glück!“ Damit löste sie sich in ein helles Licht auf, und als dieses Licht verschwand, verschwand alles Licht, und ich stand im Dunkeln. Es schien ihr Spaß zu machen, mich im Dunkeln stehen zu lassen.

„Alison!“ Die Stimme schien von überallher zu kommen. „Du hast noch keine Anstalten gemacht, meinen Befehlen zu gehorchen! Du hast nicht mehr viel Zeit. Ich habe das Gefühl, dass du mich nicht ganz ernst nimmst. Brauchst du etwa eine weitere Motivation? Eine Demonstration dessen, was passiert, wenn du nicht auf mich hörst?“ Ihre Stimme näherte sich.

„Wie wäre es, wenn einer deiner Freunde aus dem Fenster fällt? Oder, wenn einer deiner Freunde ins Koma fällt? Würde dich das anspornen?“ Ihre Stimme war nun ganz dicht an meinem Ohr. „Es würde mich nicht anspornen, es würde mich nur wütend machen!“, entgegnete ich. „Aber es wäre doch langweilig, wenn nichts passieren würde, oder nicht? Du kannst dich auch von mir überraschen lassen! Mit jedem Tag, der zu langsam oder unzufriedenstellend verstreicht, werde ich eine Maßnahme ergreifen! Und du wirst bis zum nächsten Morgen nicht wissen, wen es trifft, wie findest du das?“ Sie lachte schrill, und ich biss mir auf die Lippen. „Also, wenn du meine ehrliche Meinung wissen willst, dann kann ich nur sagen, dass ich davon nicht begeistert bin. Noch ist die Neujahrswende nicht gekommen. Du könntest mir wenigstens bis dahin Zeit geben.“ Sie wartete kurz, dann schnurrte sie dicht an meinem Ohr: „Nein, das wäre doch nicht spaßig! Du schaffst das schon. Gehorche einfach, und vielleicht lasse ich mich noch erweichen.

Bevor ich gehe, möchte ich aber noch anmerken, dass der Weg zum alten Baum nicht gerade kurz ist. Es könnten einige Gefahren auf dem Weg lauern. Ihr solltet also nicht zu spät losgehen, sonst könnt ihr die Frist vielleicht nicht einhalten, und meine Maßnahmen, die darauf folgen würden, würden dir gar nicht gefallen!“ Sie wollte sich gerade von mir entfernen, da wirbelte ich zu ihr herum und hielt sie zurück. „Kann es sein, dass das alles für dich nur ein großes Spiel ist?“ Ich sah, wie sie boshaft grinste, meine Hand von ihrem Arm löste und sich dann zu mir herunterbeugte. „Was ist in dieser Welt kein Spiel? Spielt nicht jeder sein eigenes Spiel? Ihr solltet euch glücklich schätzen, dass ich euch in mein Spiel mit einbinde. Das ist eine große Ehre. Wir sehen uns!“ Bevor ich reagieren konnte, war sie schon verschwunden und ließ mich auf der Wiese zurück, die dort, wo sie gestanden hatte, verdorrt war. Ganz langsam kamen das Licht und die Wärme zurück, und ich atmete tief durch. Ich war immer noch ganz angespannt. Was würde mich am nächsten Morgen erwarten?

Als ich aufwachte, machte ich mich so schnell wie möglich fertig, um zu kontrollieren, was für Maßnahmen Nilona wohl ergriffen hatte. Da ich Jason schon in der Küche werkeln hörte, rannte ich gleich weiter zu Lenni. Als er mir nach kurzem Sturmklingeln verschlafen öffnete, nickte ich ihm erleichtert zu und rannte weiter. Er konnte nur noch der Staubwolke nachstaunen, die ich hinterließ. Auch bei Luke und Benni war alles in Ordnung. Maja und Thomas wohnten etwas weiter außerhalb, und ich brauchte etwas länger, ihre Häuser zu erreichen, vor allem, weil mir langsam die Puste ausging.

Dort angekommen sah ich bereits eine große Menschentraube vor dem Haus von Maja stehen. Schnell quetschte ich mich durch die Menge und erkannte Thomas, der Maja gerade aus dem Haus trug. Bei ihrem Anblick zog ich erschrocken die Luft ein. Ihre Haut hatte eine dunkellila Farbe angenommen, und kleine, rote Pusteln übersäten ihre Haut. Sie hatte ihre Augen stark verdreht, und ihr Mund war schmerzverzerrt. Was hatte Nilona ihr angetan? Ob das irgendeine Krankheit war? Aber wie hatte sie sie auf Maja übertragen, etwa im Traum? Ich warf Thomas einen verzweifelten Blick zu.

Schon kurze Zeit später kam der Krankenwagen, und Thomas fuhr gleich mit. Er versprach mir noch anzurufen, wenn er mehr wusste, und dann war er auch schon weg. Somit machte auch ich mich wieder auf den Weg zurück nach Hause. Thomas würde bestimmt noch eine ganze Weile bei Maja bleiben, je nachdem wann ihre eventuelle Krankheit geheilt werden konnte. Das bedeutete, dass Nilona zwei meiner Freunde, zumindest für eine Weile, ausgeschaltet hatte. Auf meinem Weg zurück sammelte ich gleich Benni, Luke und Lenni mit ein, um ihnen von den neuen Ereignissen zu erzählen. Als wir uns alle im Wohnzimmer versammelt hatten, begann ich alles zu erklären, und Luke stand mir bei Fragen zur Seite.

Die anderen waren noch etwas geflasht, als wir alles erklärt hatten. „Das bedeutet also, dass wir ein Problem haben …“, stellte Lenni treffend fest, und ich nickte zerknirscht. Jason war in der Zwischenzeit ziemlich blass geworden. „Was machen wir denn jetzt?“, fragte Benni und sah unsicher in die Runde. „Also bis Neujahrswende haben wir noch genau fünf Tage, und wir müssen auch noch genug Zeit für den Weg einplanen. Ich würde sagen, wir benötigen zwei Tage für den Weg und können dann die restlichen drei noch zum Planen nutzen. Wie wir die Zeit nutzen sollen, weiß ich auch nicht, da wir Nilona auf keinen Fall provozieren sollten. Sie würde dann nur weitere Maßnahmen einleiten, und je weniger wir sind, desto leichter wird es für sie. Fest steht zumindest, dass das Ganze für sie zwar ein Spiel ist, aber es ist für sie auch ein Spiel, dass sie unter allen Umständen gewinnen muss“, versuchte ich anzufangen. „Wir können eigentlich kaum etwas unternehmen. Ich meine, sie hat ja schon jetzt gemerkt, dass du Nachforschungen betrieben hast. Was macht sie dann erst, wenn sie merkt, dass du ganz und gar nicht vorhast, deinen Bruder auszuliefern?“, fragte Lenni. „Stimmt, aber irgendetwas müssen wir doch machen!“, rief ich resigniert. „Natürlich, aber bis jetzt ist sie auch nur dir im Traum erschienen. Vielleicht merkt sie es nicht, wenn jemand anders etwas plant, und dann …“ Lenni verstummte, und unsere Blicke richteten sich auf das Fenster.

Man konnte sehen, wie sich der Himmel verdunkelte. Leises Donnergrollen aus der Ferne wurde immer lauter. „Ein Sturm zieht auf …“, meinte Luke, „wie wäre es, wenn wir heute alle hier übernachten? Falls mit dem Sturm eine neue Gefahr kommt, sind wir zusammen stärker. Wir sollten auch Thomas warnen, falls er als Ziel gewählt wird!“ „Das übernehme ich!“, rief ich und rannte gleich zum Haustelefon, während die anderen noch schnell alles Nötige von zu Hause holten, bevor der Sturm uns erreichte. Thomas reagierte sehr wütend auf die Neuigkeiten und machte mir eine Menge Vorwürfe. Als er schließlich auflegte, war mit schlecht vor Schuldgefühlen. Er hatte ja recht! Vielleicht hätte ich Majas Krankheit verhindern können, und wenn sie nun nie wieder aufwachen würde, dann … ich wollte gar nicht darüber nachdenken.

Tatsächlich hatten wir uns gerade alle wieder im Wohnzimmer versammelt und Matratzen ausgelegt, als es anfing zu regnen. Mit dem Regen kam eine unheilvolle Kälte. Jason fachte ein Feuer im Ofen an, und ich schaltete überall im Haus die Lampen an, da es mich irgendwie beruhigte. Dann half ich Lenni eine Riesenportion Nudeln zu kochen. Leider nahm das mehr Zeit in Anspruch, als ich gedacht hatte, da Lenni mich die ganze Zeit neckte und versuchte mich zu kitzeln. Dadurch hatte er es aber immerhin geschafft, meine Stimmung zu bessern. Während bei uns eine fröhliche Stimmung herrschte, herrschte bei den anderen im Wohnzimmer eher eine unruhige Stimmung. Das Auge des Sturms musste genau über uns sein, und überall schlugen Blitze ein. Dicke Hagelkörner fielen vom Himmel und klatschten laut auf den Boden. Als der Donner noch lauter wurde, verstummte mein Lachen, und wir alle sahen ängstlich nach oben. Die Lampen fingen an zu flimmern, und ich fühlte mich wie in einem Horrorfilm. In der Nähe des Fensters sah ich einen Schatten, der um das Haus zu huschen schien, und dann rumpelte etwas im Schornstein. „Rauchbombe!“, rief Benni noch, aber es war schon zu spät. Durch die Ritzen der Ofentür verbreitete sich der Rauch in rasender Geschwindigkeit. Ich fing an zu husten und hatte das Gefühl, dass ich keine Luft mehr bekam. Dann stürzte ich in die altbekannte Schwärze.

Nilonas Spielchen

Als ich aufwachte, fand ich mich auf einer weiten Lichtung wieder. Die anderen lagen ebenfalls in meiner Nähe und rappelten sich langsam auf. „Ich weiß, was das war!“, rief Luke. „Da du dir solche Sorgen gemacht hast, Alison, habe ich mich über Methoden für und gegen Träume informiert. So gibt es Räucherstäbchen, die einen von bösen Geistern abhalten, und es gibt Rauchstäbchen, die einen in einen Traum zwingen können. Es gibt diese Stäbchen anscheinend auch als Rauchbombe. Ich vermute, dass Nilona jemanden beauftragt hat, der uns diese Bombe unterjubeln sollte. Sie hat im Traum mehr Macht und kann das Risiko einer realen Begegnung wahrscheinlich nicht eingehen.“ „Wie klug du doch bist!“, schnurrte eine Stimme, die mir nur allzu bekannt war. „Nilona, es ist noch zu früh für deine Maßnahmen!“, rief ich verzweifelt, doch sie lachte nur, und ihre körperlose Stimme hallte auf der Lichtung wider. „Alison, du bist so naiv wie deine Mutter! Wer hat denn behauptet, dass ich nur von der Nacht auf den nächsten Morgen handle? Ihr könnt eure Rebellion vor mir nicht verstecken! Hört auf, euch zu überlegen, wie ihr mich besiegen könnt, und befolgt einfach meine Befehle! Ist doch viel einfacher. Nun, ich werde meinen Spaß mit euch haben!“ Damit war ihre Präsenz wieder verschwunden, aber dafür knackte es im Unterholz um uns herum gefährlich. „Das sind bestimmt ihre Schergen!“, rief Luke, und wir ließen daraufhin schnell unsere Waffen mithilfe der Magie erscheinen. Es war wirklich praktisch, dass wir sie durch die Magie immer unsichtbar dabeihaben konnten. Wir würden ihr schon zeigen, dass wir stärker waren, als sie dachte.