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Niemals hätte Emilia gedacht, dass sie nach der Schule studieren würde. Sie hatte sich ihr Leben bereits in ihrem Heimatdorf ausgemalt: Ruhig und bescheiden. Irgendwo inmitten von Schafherden und Maisfeldern. Doch das Leben hat andere Dinge für sie geplant. Sie erhält nicht nur eine Zusage von der berühmten Dayford-Universität, sondern sie steht auch plötzlich vor Entscheidungen, die sie bislang nie treffen musste. Luca, der viel zu sehr von sich überzeugte Mitschüler, hat ein Auge auf Emilia geworfen, doch sie selbst versucht sich Chris, dem süßen Barkeeper anzunähern. Chaos ist vorprogrammiert und schon bald weiß Emilia nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Alles kommt auf eine Frage an: Wer kann am Ende ihr Herz für sich gewinnen?
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Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2025
ISBN: 9783989425071
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Text: Lisa Koscielniak Lektorat:SabineKoscielniak
Umschlaggestaltung:MatthiasAntretter Bilder: Cover: 2428315975; ©Farosofa, Druck: CUSTOM PRINTING
WałMiedzeszyński217
04-987Warschau,Polen
Lisa Koscielniak
„I’dclimbeverymountain And swim every oceanJust to be with you
And fix what I’ve broken Oh‘causeIneedyoutosee Thatyouarethereason…”
»YouAreTheReason« Calum Scott
Schwer breitete sich der Morgen vor meinem Fenster aus. Dunkele Wolken bedeckten ohne Ausnahme jedenTeil des sonst so blauen Himmels. Nicht ein Strahl der Sonne, die schonlängstaufgegangenseinmüsste,drangdurchdiedich- te, undurchdringbare Mauer aus Wasserdampf.
Das war nicht nur deprimierend, sondern auch sehr, sehr ermüdend.IchzogmeineDeckebisüberbeideOhren, schloss die Augen und kuschelte mich tiefer in die weichen Laken. Mit solchem Wetter konnte ich nichts anfangen. Es war einer dieser Tage, an denen ich einfach gerne im Bett bleibenwürde.Einerdieser Tage,diezumNichtstunein- luden.Daskonnteichmirjedochnichtleisten.Nichtheute. Wenn ich noch länger auf mich warten ließ, würde mein Zimmer gleich voller Leute sein. Dessen war ich mir sicher unddazuwussteichnoch,dassichdasaufjedenFallver-
meiden musste.
Obwohl ich schon längst einen Entschluss gefasst hatte, blieb ich noch ein wenig liegen und verlor mich in meinen wirren Gedanken. Schließlich öffnete ich die Augen, schlug die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Ich war bereit für den Tag. Endlich. Hoffentlich war er auch bereit für mich.
Ich beeilte mich mit meiner Morgenroutine, verließ mein Zimmer und steuerte das Erdgeschoss an. Aus der Küche waren bereits aufgeregte Stimmen zu hören. Wildes Ge- tuschel und Gekicher.
Ich wappnete mich innerlich auf das, was mich gleich höchstwahrscheinlich erwartete und öffnete dann die Tür.
„Da ist sie ja!“, rief mein Vater. „Wir dachten schon, wir müssten dich holen kommen“, ergänzte meine Mutter la- chend, nahm meine Hand und zog mich in den Raum.
Der Esstisch war reich gedeckt und der Raum war mit Girlanden geschmückt. Um meinen Stammplatz herum waren ein paar Geschenke verteilt und ein Brief lag auf meinemTeller. Er war bereits geöffnet. Natürlich. Was war schon Privatsphäre, wenn es um die Zukunft der eigenen Tochter ging?
Dieser Brief war der wichtigste, den ich je erhalten soll-te. Er sollte entscheiden, wohin es mich in Zukunft ver- schlagen würde und er kam genau an meinem Geburtstag an. Man könnte jetzt meinen, dass das gut war, aber lei-der kam er zu spät. Viel zu spät. Die meisten, nein, wenn ich ehrlich war, hatten eigentlich bereits alle meine Schul- freunde Antworten ihrer Wunschunis erhalten. Ich wartete als Einzige noch auf meinen Brief.
Das war auch meine eigene Schuld. Ich hatte mich über- reden lassen, mich für ein Stipendium an dieser unglaub- lich bekannten und renommierten Uni zu bewerben. Ich wusste,dasseseinFehlerwar.Natürlich.Warumsolltendie mich nehmen? Was zeichnete mich schon aus?
Ich grübelte kurz darüber nach. Nichts. An mir war wirk- lichnichtsBesonderes.IchentsprachdemDurchschnittund nichtmehr.Washatteichmirnurdabeigedacht?„Wolltihr mir gleich sagen, was drinsteht? Dann haben wir es wenigs- tens hinter uns“, murmelte ich missmutig.
Meine Laune war im Keller und das, obwohl noch gar nichts schlimmes passiert war. Ich hatte mir eigentlich zu keinemZeitpunktgroßeChancenausgemalt,abertrotzdem hatte sich irgendwie Hoffnung in mein Herz geschlichen. Verdammt. Dieser Brief jagte mir einen Schauer über den Rücken und ich konnte bereits die Enttäuschung fühlen,die sich für ihren großen Auftritt bereit machte.
„Ichweißnicht,wasdumeinst“,meineMutterhatteeine
- eindeutig geheuchelte - Unschuldsmine aufgesetzt. „Wit- zig“, grummelte ich schlecht gelaunt und schleppte michzu meinem Platz. Vielleicht hätte ich doch im Bett bleiben sollen. Der Tag hatte schon so demotivierend begonnen. Das war sicherlich ein schlechtes Omen. Moment. Schlech- tes Omen? Wer war ich? Eine Wahrsagerin? Als ob ich mir was aus solchem Kram machte. EinTag wird verlaufen, wie er eben verlaufen will.
ObichdasnunamEndegutfand,odernicht.
Diese Erkenntnisse verbesserten meine Stimmung leider auch nicht. Mein Blick heftete sich an alles, was er finden konnte, außer an den Brief. Oh man.
Ich war mir durchaus bewusst, dass die Aufmerksamkeit meiner Familie ganz allein auf mir lag. Sie waren über- raschend geduldig, obwohl ich so gedankenverloren warund noch keine Anstalten gemacht hatte, den Brief auchnur anzusehen, der da, leider ähnlich geduldig, vor mir auf dem Teller lag.
Ich komme ja sowieso nicht drum herum. Ich sollte es endlichhintermichbringen.MeinZögernmachteallesnur noch schlimmer.
Miteinemlauten,möglichsttheatralischklingendenSeufzer nahmichdenBriefundholtedenInhaltausdemUmschlag. Es war nur eine Seite.
Sicherlich ein schlechtes Zeichen. Schon wieder. Gut, Konzentration.DasPapierwarungewöhnlichdickundedel. AufdemBriefumschlagfandensich,genausowieaufseinem Inhalt, sanfte, geschwungene, goldene Linien wieder.
Warum hatte ich mich noch gleich an dieser Uni be- worben? Sogar, wenn sie jemandem absagten, machten sie das mit Stil. Der Text wurde eindeutig handschriftlich ver- fasst.MitschwarzerTinteundohnejedenMakel.Nichtswar verschmiertundesgabnichteinenFleckaufdemPapier.Ich blinzelte. Schindete ich hier etwa Zeit?
Der Brief wird doch sowieso in den Müll wandern, wenn ichihngelesenhabe.SoschöndieseAbsageauchseinmoch- te, ich würde sie sicherlich nicht aufbewahren. So weit kam esnoch.Waswarheutenurlosmitmir?Miteinemleichten KopfschüttelnfokussierteichmichwiederaufdenBriefund dieses Mal auch auf seinen Inhalt.
IHRE BEWERBUNG AN DER DAYFORD UNI-VERSITÄT
SehrgeehrteMissBlair,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie an der DayfordUniversitätaufgenommenwurden.Sieerhaltendas beantragte Stipendium.
Sie bringen genau die Qualitäten mit, die wir an unserer Universitätbrauchenundzuschätzenwissenundheißen Sie als neue Studentin herzlich willkommen. Ihre ge- wünschtenFächerkonntenalleberücksichtigtwerden.
Der Unterricht beginnt mit dem Anbruch vom März. Sie könnenjedochgernefrüheranreisen.
DaIhrWohnortweitvonderUniversitätentferntist,
wurdeIhnenfürdieZeitIhresStudiumskostenlosein ZimmerimStudentenwohnheimreserviert.
Falls Sie hierzu noch Fragen haben, melden Sie sich gerneunterderuntenaufgeführtenTelefonnummer.Allesweite- rewirddannvorOrtmitIhnenbesprochen.
IchwünscheIhneneinerfolgreichesStudiumundhoffe, Siebaldauchpersönlichbegrüßenzudürfen.
MitfreundlichenGrüßen
Prof.Dr.Spears
SchulleiterderDayford Universität
IchlasdenBriefdreiMal,umsicherzugehen,dassich mich nicht verlesen hatte. Der Schulleiter schrieb die Zu- sagen persönlich? Wie ungewöhnlich. Und was für Quali- tätenmeinteer?Halt.WarumdachteichübersolcheDinge nach? Das war eine Zusage. Ich hatte eine Zusage erhalten. FüreinederbestenUnis,dieesgab.Ungläubighobichden Blick von dem Brief und sah in die vor Freude strahlenden Gesichter meiner Familie. „Herzlichen Glückwunsch!“, rie- fen sie gleichzeitig und warfen Konfetti in die Luft. Meine Gedanken waren wie eingefroren. Die Erkenntnis war noch nicht richtig bei mir angekommen. Es erschien mir so un- möglich,dassicheseinfachnichtglaubenkonnte.Ichhätte niegedacht,dassichtatsächlichangenommenwerdenwürde.
„Es ist schon fast März, du musst dich beeilen und an- fangenzupacken.WirhabenheutefrühbereitsbeiderUni- versität angerufen und die Bahntickets für dich gekauft. Du wirst morgen dort erwartet“, erklärte mein Vater. Jetzt erst machteesklickbeimir.MeineGedankenwarenwiederklar.
„Was?!“,ichklangaggressiveralsichesbeabsichtigthatte.
„Warum denn so schnell?“, fragte ich hastig in etwas milde- remTonhinterher.„Dumusstdichabjetztvollkommenauf dein Studium konzentrieren.
KeineZeitfürAblenkungen.Jeschnellerdudortbist,desto schnellerkannstdudicheingewöhnenundvolldurchstarten.
Wirglaubenandich!“,sagtemeineMutterundnicktemir aufmunternd zu.
MeinBlickwechselteungläubigzwischenihrundmeinem Vaterhinundher.DaswarfastwieeinRausschmiss.„Ichhabe doch noch gar nicht offiziell zugesagt.
DieUniversitätistechtweitvonhierentfernt,ichhättenie gedacht,dassichangenommenwerdeundüberhaupt…“,fing ich an, stockte dann aber.
„Schätzchen.DasisteineeinmaligeChance.Dumusstsie ergreifen.
Wirwusstenschonimmer,dassduzuGrößeremgeborenwur- dest“, sagte meine Mutter und legte ihre Hand auf meinen Arm.
„Wirkennendichundgeradedeshalbisteswichtig,dassdu dichschnellaufdenWegandieseUniversitätmachst.
SonstmachstduamEndenocheinenRückzieher“,bestätigte auch mein Vater und ergänzte dann noch: „Du igelst dich schonvielzulangehierein.EswirdZeit,dassdurausindie großeWeltkommstundausdemSchattentrittst.“
Ichwusstenicht,wohinichschauensollteundkämpftemit denTränen.Eigentlichwollteichnichtvonhierweg.Niehätte ichgedacht,dassdashiertatsächlichpassierenwürde.Doches gabkeinZurückmehr.Hätteichdasallesverhindernwollen, hätteichmichgarnichterstzurBewerbungüberredenlassen sollen.EswarschonseitMonatenzuspät.Ichhatteesnurver- drängt.Hatteesverdrängt,weilichmiteinerAbsagegerechnet hatte.Gewusst,hatteichesvonAnfangan.Inmirtobteein Zwiespalt. Es kämpften zwei Meinungen um dieVorherrschaft. Dabeiwarjedochlängstklar,wervonihnenalsSiegerhervor- gehenwürde.DafürhattenmeineElternschongesorgt.Das änderte jedoch rein gar nichts an meinem inneren Gefühls- chaos.VielleichtmachteesdasGanzesogarnochschlimmer.
MeinGeburtstagwurdedurchdiesenBriefnochschlimmer, als ich zuerst vermutet hatte. Ich hatte die Zeichen wohl dochallerichtiggedeutet.Vielleichtsollteichstattzustudie- ren doch lieber Wahrsagerin werden. Talent dazu hatte ich anscheinend.
IchverbrachtedenrestlichenTagdamit,meinenKofferzu packenundmirNotizenfürdieRoutezumachen,dieichzur Uni nehmen musste. Da mein Heimatdorf sehr abgelegen war,warnichtnureinUmstiegzwischenBahnliniengeplant und die Reise würde mehrere Stunden dauern. Es war ein langerWeg.Dagegenhatteichauchnichtseinzuwenden.Es war mir ganz recht und gab mir Zeit zum Nachdenken.
Schlimmer war der Abschied, der mir nun bevorstand. DavorhatteichmichschondieganzeZeitgefürchtet.Denn genaudaswarauchderGrundfürmeinZögern.Dereigent- licheGrundfürmeinenZweispalt.DerAbschiedvonmeiner Familie.
SchonalleinderGedankedaranverunsichertemichundtrieb mir erneut Tränen in die Augen. Es kostete mich all meine Kraft, die aufkommende Traurigkeit zu unterdrücken und mich mit einem Lächeln von allen zu verabschieden. Sie machteneskurz.Daswussteichzuschätzen.Eshalfallerdings nicht wirklich.
KaumhatteichIhnendenRückenzugedrehtunddieBahn betreten,kullertendieerstenTränen,dienunnichtmehrauf- zuhaltenwaren,inwarmenFlüssenmeineWangenherunter. Ich suchte mir einen freien Sitzplatz und kramte schniefend nach meinen Kopfhörern. Das Schlimmste hatte ich hinter mir,dochmeinHerzschmerztesosehr,wienochniezuvor. Hoffentlich war diese Universität das wert.
DieBahnsetztesichmiteinemRuckinBewegungundes ging los. Irgendwann während der Fahrt versiegten dieTrä- nenundichbetrachtetenurnochlustlosdievorbeiziehenden Bäume.BegleitetvonsanfterKlaviermusikdrifteteichwieder in meine Gedankenwelt.
WieeinRoboterwechselteichdieBahnenundfühltemich leer und allein. Draußen war es bereits stockdunkel und normalerweisehätteichjetztinmeinemwarmenBettgelegen. Noch an meinem Geburtstag losfahren zu müssen und da- durchdieganzeNachtunterwegszusein,wärewirklichnicht nötig gewesen. Was für ein furchtbarer Tag. Die Fahrt zog sichsehrstarkindieLänge.Irgendwannwurdemirselbstdas Musikhörenzulangweiligundichwechseltdazu,einBuchzu lesen.AußerdemhatteichAngst,dassicheinschlief,wennich nicht bald etwas anderes machte.
AlsichendlichbeimeinemletztenUmstiegangekommen war,waresimmernochziemlichdunkel,aberderneueMor- gennahtebereits.Jetztgingesmirdochwiedereinwenigzu schnell.IchvertieftemichwiederinmeinBuchundversuchte wederdaranzudenken,wasvormirlag,nochdaranzuden- ken, was ich zurückgelassen hatte.
DannkamichanmeinemZielortan.Unsicherstiegichaus und orientierte mich kurz am Bahnsteig. Immerhin hatte ich einen schönen Ausblick auf den Sonnenaufgang, wäh- rendichzuFußlosmarschierteunddenWegzurUniversität suchte. Sehr viel mehr Positives konnte ich allerdings noch nicht erkennen.
DieSchulewarerstaunlicheinfachzufinden.Daslagnicht nur an der guten Ausschilderung, sondern vor allem daran, dasssieriesigwar.AufdemSchulgeländebefandensichver- schiedeneGebäudeundzwischendurchgabesimmerwieder parkähnliche Flächen. Es war schwieriger, das Hauptgebäude zufinden,alszumUniversitätsgeländeselbstzugelangen.Auf- fälligwarendieganzenKirschblütenbäume,diemiraufmei- nemWegbegegneten.SiesäumtenvorallemdenWegesrand, waren aber auch immer mal wieder zwischen den anderen Bäumenweiterwegzusehen.VoreinemdergrößtenGebäude machte ich Halt.
Dasmüssteeseigentlichsein.
Zögerlich ging ich auf die große Flügeltür zu und zog am Türgriff.
Espassiertenichts.WardieSchulenochnichtoffen?Sofrüh war ich doch gar nicht dran, oder?
Eine Welle voll von Zweifeln und Unsicherheit überrollte mich. Wieviel Uhr war es überhaupt gerade? Ich begann in meinerTasche nach meinem Handy zu kramen. „Sag bloß, esistnochabgeschlossen“,hörteichdaeinemännlicheStim- mehintermirsagen.Jemandginganmirvorbeiunddrückte dieTürauf.Ichwiederhole:Drückte.Ichwäreamliebstenim Boden versunken. „Also…ich…“, begann ich zu versuchen, dieSituationzuerklären.„Willstdujetztreinkommen,oder nicht? Ich halte die Tür nicht aus Spaß auf“, unterbrach er mich.IchhörtemitderStammeleiaufundbeeiltemich,mich selbst und meinen Koffer in das Gebäude zu bringen.
„Danke“, murmelte ich und hörte bereits die Tür hintermir ins Schloss fallen. Die Situation wurde mir immer un- angenehmer. Er beugte sich zu mir herunter und flüsterte dannamüsiert:„DasnächsteMaleinfachdrückenundnicht ziehen.“
Erhatteesgesehen.Warjaklar.SolchpeinlicheDingepas- siertenimmernurimBeiseinvonjemandanderem.Ichräus- pertemichundwippteaufmeinenFüßenhinundher:„Ich werdeesmirmerken.“Errichtetesichwiederauf:„Duwillst bestimmtzumSekretariat,umdichanzumelden,richtig?“
„Genau“,antworteteichschnellundwarüberdenThemen- wechsel sehr dankbar.
„Ichbringdichhin“,nochwährenderdassagte,setzte er sich in Bewegung. Er wartete meine Antwort gar nichtab. Für einen kurzen Moment sah ich ihm perplex hinter- her.Dannbeeilteichmich,ihmhinterherzukommen.Seine Beine waren deutlich länger als meine, wodurch ich schon fast joggen musste, während er normal voranging.
Dannblieberplötzlichstehenunddrehtesichzumirum. IchstoppteabruptinmeinerBewegung,kollidiertedadurch mit meinem Koffer und kämpfte kurz mit meinem Gleich- gewicht.
Als ich mich wieder gefangen hatte, sah ich zu ihm. Er hattegeduldiggewartetundgrinstemichan.Ichmussteecht lächerlichaussehen.EinrechtdürftigerersterEindruck.„Ich habemichnochgarnichtvorgestellt.IchbinLuca“,sagteer schließlich.
„Ich bin Emilia. Schön dich kennenzulernen“, erwiderte ich ein wenig außer Atem.
„DieFreudeistganzmeinerseits“,meinteernurmiteinem interessierten Blitzen in den Augen, drehte sich wieder um und ging weiter. Ich folgte ihm nachdenklich.
Wererwohlwar?SeineAusstrahlungwarselbstsicherund in gewisser Weise autoritär.
Außerdem war er durchaus attraktiv. Mit seinen schwarzen LockenundseinergroßenStatur,warerentwederbereitsbe- liebt oder würde es sehr schnell werden. Ich vermutete, dass er sich dessen auch mehr als bewusst war. In seinen blauen Augen hatten sich mit Sicherheit schon viele Mädchen ver- loren.
Dassichausgerechnetdirektsojemandembegegnenmuss- te. DiesemTyp Mensch, von dem ich mich lieber fernhielt, weilernurÄrgerbrachte.Vielleichtirrteichmichauch,aber allesanihmschrienursodieWorteMädchenschwarm,An- geberundvielleichtauchPlayboy.Naja,bisjetztwarerganz nett zu mir. Auch, wenn er mich sicherlich innerlich bereits auslachte.
Ich sollte ihn nicht direkt abstempeln. Erstmal abwarten. Später konnte ich mir immer noch ein genaueres Bild ma- chen. Würde man mich nach meinem ersten Eindruck be- urteilen, hätte ich wohl auch nicht viele Chancen.
Den restlichen Weg zum Sekretariat wechselten wir kein weiteres Wort. „Hier ist es. Ich würde mich dann an dieser Stelle von dir verabschieden, aber wir laufen uns bestimmt nochmal wieder über den Weg“, sagte er schließlich, griff nach meiner Hand, hauchte einen Kuss auf meinen Hand- rücken und ging dann einfach.
DasGanzegingsoschnell,dassichnurwieamBodenfest- gefroren dastand und kein bisschen reagierte. Ich realisierte dasGescheheneerst,alserschonaußerSichtweitewar.Was für ein merkwürdiger Kerl. Gedankenverloren wischte ich mirdenHandrückenanmeinerKleidungabundbetratdas Sekretariat.
Dort musste ich ein paar Dokumente unterschreiben, be- kamallemöglichenUnterlagen,dieichunbedingtundunter allemUmständenaufmerksamlesensollteundmeinenZim- mer- und Spint Schlüssel. Der übliche Kram eben.
ZumeinemGlückhattedieFrauimSekretariat,diesichmir als Frau Hahne vorstellte, etwas Zeit und zeigte mir noch den Weg zum Studentenwohnheim.
Verlaufen war auf diesem riesigen Gelände auf jeden Fall vorprogrammiert.
BisichdieWegehiereinigermaßenimKopfhatte,würde ich wohl früher aufstehen müssen, um auf eventuelle Um- wege vorbereitet zu sein.
Den Weg zu meinem Zimmer im Studentenwohnheim fand ich dank Frau Hahne zumindest schon mal recht schnell.Erleichtertstolperteich,nachdemichmeinenKoffer zwei Stockwerke nach oben geschleppt hatte, in mein Zim- mer. Endlich angekommen.
DieTürfielhintermirinsSchlossundichlehntemichfür einen Moment dagegen, um wieder zu Atem zukommen.
WasfüreinTagesbeginn.Ichatmetenocheinmaltiefdurch und begann dann, mich häuslich einzurichten.
Am Studentenwohnheim konnte man deutlich sehen, dass essichhierumeinederbesserenUniversitätenhandelte.Ich hatteimHauptraumeingroßesBett,einpaarSchränkeund einengeräumigenSchreibtischzurVerfügung.Eslagensogar ein paar gesponserte Schreibunterlagen von der Schule in einem Rollcontainer beim Schreibtisch.
Oh, und eines der besten Dinge: Ich hatte mein eigenes, kleinesBad.AlswäredasnochnichtGlückgenug,hatteich außerdemtatsächlichauchnocheinenschmalenBalkon.Da lohnte sich ein Zimmer hier oben richtig.
Ich hatte die Schlepperei und die ganzen Strapazen der Reise schnell vergessen und bewunderte stattdessen mein neuesReich.DaswarmehrLuxusalszuhause.BeidemGe- danken stockte ich kurz. Zuhause. Schnell schüttelte ich meinen Kopf und widmete mich wieder meinem Koffer. Es gabnichtübermäßigvielauszupackenundsowarichschon baldfertig,saßaufmeinemBettundsahausdemFenster.
MeinMagenknurrte.
Frau Hahne hatte erzählt, dass es auf dem Unigelände eine Cafeteria und ein Café gab. In letzterem konnte man wohlaucherschwinglicheKleinigkeitenzumFrühstückund Abendessen bekommen, wenn man nicht in der Stadt essen wollte. Folglich würde dieser Ort höchstwahrscheinlich zu einemmeinerLieblingsortewerden.EinkurzerWeg,uman allesheranzukommen,wasichbrauchte:EinenheißenCap- puccino und ab und zu ein Stück Kuchen.
Auf dem Weg zum Wohnheim hatte ich bereits das ent- sprechende Hinweisschild gesehen. Schnell schnappte ich mir meinen Rucksack und machte mich auf den Weg. Ich konnte die ganzen Schreiben von der Schule ja in Ruhe bei einem solchen Cappuccino lesen. Vielleicht war ich dann motivierter.
Obwohl inzwischen schon der Mittag angebrochen war, waraufdemCampusnochnichtwirklichviellos.Diemeis- ten reisten wahrscheinlich erst später an oder wohnten hier in der Nähe. Durch die vielen Schilder, die am Wegrand verteilt waren, fand ich das Café schneller als gedacht und saßkurzdaraufaneinemderTischeimAußenbereichinder Sonne. Pflichtbewusst holte ich die ganzen Unterlagen aus dem Rucksack und begann die Inhalte zu studieren.
Ich vertiefte mich in meine Lektüre, schlürfte zwischen- durch immer wieder an meinem Cappuccino und bestellte mir noch zwei Sandwiches. Es war alles genau wie erwartet. Hausregeln,dieeinzuhaltenwarenundÄhnliches.DasInte- ressantestewarennochEmpfehlungenfürAktivitäteninder Stadt und damit verbundene Studentenrabatte. Dank mei- nemStipendiumbliebenmirdieStudienkostenerspart,aber wenn ich mir trotzdem mal was leisten wollte, musste ich mir wohl oder übel einen Nebenjob suchen. Es war an der Zeit für sich selbst zu sorgen und nicht mehr von anderen abhängig zu sein.
Für den Anfang hatte ich noch ein wenig Erspartes, auf das ich zurückgreifen konnte. Dadurch blieb mir zum Glück noch ein wenig Zeit, um einen passenden Nebenjob nach derUnizufinden.LautderBroschüreinmeinenUnterlagen, gab es diverse Geschäfte in der Stadt. Vor allem eine kleine Bar fiel mir ins Auge. Sie war in der Nähe vom Unigelände und bot sogar Livemusik an. Vielleicht wurde da noch eine Aushilfe gesucht. Sicherheitshalber notierte ich mir die Ad- resseimHandyundnahmmirvor,morgeneinenAbstecher indieStadtzumachen.NochfingderUnterrichtnicht an. Eine bessere Möglichkeit bekam ich wahrscheinlich so schnell nicht mehr. Wer weiß, vielleicht hatte ich ja Glück.
IchsaßnochbiszumSonnenuntergangindemCafé.Dann
schlenderteichmiteinembelegtenBrötchenalsAbendessen im Rucksack zurück ins Studentenwohnheim. Ein starker Windzug ließ die Blätter der Kirschblütenbäume erzittern, nahm sie teilweise mit sich und ließ sie umhertanzen.
WasfüreinunglaublicherAnblick.
InspiriertzückteichmeinHandyundmachteeinpaarBil- der.
Unter anderem auch ein Selfie, das ich an meine Familie schickte und das mein sicheres Ankommen an der Uni be- stätigte.ZufriedenbetrachteteichdanachdierestlichenBil- der.
„Sag bloß, bei dir in der Heimat gibt es keine Kirsch- blütenbäume“, sagte da jemand nah an meinem Ohr. Er- schrockenzuckteichzurückundhättebeinahemeinHandy fallen lassen. Luca hatte sich mir, ohne dass ich es gemerkt hatte, genähert, sich über meine Schulter gebeugt und bei der Bildersichtung zugesehen.
Wie konnte mir das nicht auffallen? Ich sollte aufhören mich so in Gedanken zu vertiefen. „So besonders sind die nun wirklich nicht“, ergänzte er noch, während ich ihn immer noch sprachlos anstarrte.
Ichmerkte,dassichsolangsammalreagierensollte.
„Meinstdu?Ichfinde,siehabenetwasBesonderesansich. Läuten eine neue Zeit ein. Mit ihnen kommen Sonne und Wärme. Die Aussicht auf einen Lichtblick nach dem dunk- lenWinter.Ganzzartundkurzweilig,dochmiteinemnach- haltigen und starken Eindruck. Was könnte diese Zeit des Aufbruchsbesserbeschreiben.Denkstdunicht?“,ichlächel- te und neigte meinen Kopf bei der letzten Frage leicht zur Seite.
Ein neuer Windstoß kam auf und wirbelte die Kirsch- blütenzwischenunsauf.Wildstobensiedurcheinander,be- vor sie wieder zu Boden glitten, als wäre nichts gewesen.
„Vielleicht hast du recht. Kirschblüten bekommen jetzt eine ganz neue Bedeutung“, murmelte er, drehte sich dann umundgingeinfach.Verwirrtsahichihmhinterher.Ober wirklich verstanden hatte, was ich ihm gerade erzählt hatte? ZögerndsetzteichmeinenWegfort,grübelteabernocheine Weile weiter. Ich machte am heutigenTag nicht mehr viel. Es blieb bei einem kleinen Videoanruf bei meiner Familie und dem Schauen von einem Film, bei dem ich schließlich einschlief.
ZumGlückwachteichamnächstenTagauchohneWecker recht zeitig auf. So blieb mir genug Zeit, um meine Neben- job Suche in die Tat umzusetzen. Schon kurze Zeit später verließ ich das Unigelände und erkundete die Straßen vor mir. Es war eine ziemlich schöne Stadt. Das war mir schon gestern auf dem Weg vom Bahnhof zur Uni aufgefallen.
VoralleminderInnenstadtgabesvielzusehenundauch zahlreiche kleine Läden, von denen ich zuvor noch nie ge- hört hatte.
Das könnte allerdings auch daran liegen, dass ich bis-lang eigentlich nur mein Heimatdorf und die Nachbarstadt kannteunddiehatteesmalgeradesoverdient,alsStadtbe- zeichnet zu werden.
Belassenwiresbei:Ichwarmächtig beeindruckt.
Die kleine Bar, die mir gestern in der Broschüre auf- gefallenwar,fandichineinerderNebenstraßen.Sietrugden klangvollen Namen: ‚The Bar’s End‘. Ich musste ein wenig schmunzeln, als ich das Schild sah. Das war doch vielver- sprechend.
Zu meinem Glück, war die Tür bereits offen, obwohl Sonntag war. Eine leise Klingel läutete, als ich eintrat. Der typischeBargeruchschlugmirentgegen.Drinnenwaresge- räumiger, als ich erwartet hatte. Es war alles sehr modern eingerichtet und durch die großen Fenster ungewöhnlich lichtdurchflutet.HierkonntemansichaufjedenFalllänger aufhalten. Neben vielen Sitzgelegenheiten gab es noch eine kleine Bühne und den Barbereich.
Ich steuerte auf den hinter der Bar arbeitenden Mann zu, kam jedoch nicht bis zu ihm, da vorher eine Frau auf mich zugeschossen kam und mich abfing. Ich hatte sie zuvor gar nicht bemerkt.
„Sind Sie wegen unserer Stellenanzeige hier? Die Unter- stützung an der Bar?“, fragte sie aufgeregt. Ich Glückspilz. Sie suchten tatsächlich jemanden. Ich nickte: „Ja, ich be- ginne dieses Jahr mein Studium an der Dayford und woll-te nebenher gerne über einen Nebenjob ein wenig Geld dazuverdienen“, erklärte ich und hoffte inständig, dass die Arbeitszeiten mit den Unizeiten vereinbar waren.
Ihre Augen blitzten erfreut auf: „Die Dayford? Dann bist duschonfastüberqualifiziert.Daspasstabergut.Dukannst in der Abendschicht unterstützen. Dir bleibt dadurch vor- her genug Zeit für deinen Unterricht und fürs Lernen und danach kannst du noch genug Schlaf bekommen, um für den nächsten Tag wieder fit zu sein. Arbeit an jedem zwei- ten Samstag musst du auch mit einplanen. Sonntags ist normalerweisegeschlossen,außeresisteinbesonderesEvent, so wie der kleine Liveauftritt heute.
Daskündigeichdannaberrechtzeitigan.“„Klingtgut“,be- stätigteich.„Perfekt,nadannherzlichwillkommenbeiuns.
IchbinElise,mirgehörtdieseBar“,siereichtemirerfreut die Hand.
„Vielen Dank. Ich heiße Emilia“, sagte ich und schüttelte ihre Hand.
SiereichtemireinFormular,indasichmeinepersönlichen Dateneintrug.„DuwirstmitChrisdadrübengemeinsamdie Abendschichtübernehmen.HeuteisteinTagzurProbeund wenndudichgutschlägst,kannstduschonamAbenddeinen Arbeitsvertrag unterschreiben. Falls du Fragen hast, einfach fragen.IchbinhintenimBüro“,sienahmdasFormularund verschwand dann so schnell, wie sie gekommen war.
Daswarüberraschendeinfachgewesen.
SiehattenichtmalnachmeinenQualifikationenodersoge- fragt.
NachdenklichließichmeinenBlickdurchdenRaumschwei- fen. Ich wollte einen guten Eindruck hinterlassen, aber ich hatte keine Ahnung, was ich zu tun hatte.
Etwas verloren stand ich für einen Moment in der Mitte desRaumes,gabmirdanneinenRuckundgingzurBar.
„Hi,ichbinEmilia“,stellteichmichetwasunsichervor.„Ich bin Chris“, sagte der Mann, holte eine Servierschürze mit demBarLogohinterdemTresenhervorundreichtesiemir. Er musste ungefähr in meinem Alter sein. „Hast du schon irgendwelcheErfahrungenimKellnern?“,fragteer,während ichmirdieServierschürzeumlegte.„Nichtwirklich.Ichhabe einpaarMalindenFerienineinemRestaurantausgeholfen, daswaresaberauchschonmitmeinerErfahrung.“,antwor- teteich.„WillstduvielleichteinenkleinenBarCrashkurs?“, fragte er weiter. „Gern“, dankbar lächelte ich ihn an.
Er kritisierte mich nicht dafür, dass ich mich trotz dürfti- ger Erfahrungen beworben hatte und bot mir sogar Unter- stützung an.
SovielFreundlichkeithatteichnichtimGeringstenerwartet. Dasrechneteichihmhochanundnahmmirvor,meinBes- tes zu geben. Die erwähnte Erfahrung als Aushilfskellnerin im Restaurant war schon länger her. Eine Auffrischung der wichtigsten Grundlagen kam mir sehr gelegen.
Er überlegte kurz und begann dann damit, mir die wich- tigstenDingeüberdieArbeitineinerBarbeizubringen.Auf- merksamfolgteichseinenWortenundversuchtemiralleszu merken.
Auch meine Aufgaben wurden nun klar.Während er sich hauptsächlich als Barkeeper um die Getränke kümmerte, würdeichdenGegenpartübernehmenunddieBestellungen zu den Gästen bringen. Das sollte ich hinbekommen. Chris und auch Elise waren so freundlich.
Einen besseren Job und vor allem ein besseres Arbeitsklima würde ich so schnell wahrscheinlich nicht wieder finden.Es stand also fest: Ich würde mich voll reinhängen, mir den Job hier verdienen und die beiden so gut ich konnte unter- stützen.
WährendichChrishinterderBarunterstützteundzwischen denTischen entlang flitzte, um alles sauber zu machen, ver- gingdieZeitwieimFlug.ImHintergrundliefdieganzeZeit überleiseMusik,diedieAtmosphäreeinwenigauflockerte. AlsdieBanddannankam,wurdedieMusikaberaus- gestellt, damit die Instrumente gestimmt werden konnten. Chris redete von sich aus nicht sehr viel und ich selbst war nochetwasangespanntundwusstenichtgenau,wieichein
Gesprächmit ihmbeginnen konnte.
DeshalbvertieftenwirunseinfachinunsereArbeit.Schon bald wurde es ernst, die Bar öffnete offiziell und die ersten Gästeerschienen.MitBlogundStiftbewaffnet,arbeiteteich die Tische ab und gab die Bestellungen an Chris weiter. Es funktionierteallesganzgut.WirwareneineffizientesTeam. Ich bedauerte es, mich nicht mehr mit ihm austauschen zu können.AmAnfangwarichzueingeschüchtertgewesenund jetztfehltemirdurchdieBewirtungderGästedieZeit.Viel- leicht klappte es das nächste Mal.
Zumindest falls er ein privates Gespräch zuließ. Er schien mir recht verschlossen zu sein.
AlsesZeitfürdenSchichtwechselwar,kamEliseausihrem Büro und winkte grinsend mit meinem Arbeitsvertrag. Ich hatte es geschafft. Die Verdienstquelle neben dem Studium war gesichert. Ich würde folglich nicht verhungern, be- ziehungsweise auf meine Eltern angewiesen sein.
Der erste Schritt war getan. Bis zur ersten Gehaltszahlung sollten meine Ersparnisse noch reichen. Das hatte alles er- staunlich gut funktioniert. Sehr gut. Glücklich machte ich michaufdenWegzurückzurUniundfieldannwieeinStein in mein Bett. Man hätte nicht mal von drei runter zählen können, so schnell war ich eingeschlafen.
AmnächstenTagwurdeichdurchdieSonnegeweckt.Blin- zelnd tastete ich auf dem Nachttisch nach meinem Handy. Es war schon recht spät. Morgen würde bereits die Auftakt- veranstaltungzumStudienbeginnstattfinden.Ichsollteden heutigenTagnochmalnutzen,bevoresdannrichtiglosging. Gesagt, getan. Nach einem kleinen Orientierungsspazier- gangaufdemUnigeländegingichnochmalindieStadt,um mich in einer Apotheke mit ein paar grundsätzlichen Not- fallmedikamentenundimSupermarktmiteinpaarInstant- Nudeln,WasserflaschenundeinemkleinenWasserkocherzu versorgen.Mankonntejaniewissen,wannmandasallesmal brauchte.
AlsallesinmeinemZimmerverstautwar,kontrollierteich
nochmal meinen Rucksackinhalt und bereitete die letzten Kleinigkeitenvor,damitichmorgenfrühnichtmehrsoviel zu tun hatte. Nach drei Kontrollblicken, ob ich auch wirk- lich an alles gedacht hatte, entschied ich, dass alles gut vor- bereitet war.
Ich merkte, wie die Nervosität in mir anstieg. Der erste Tagwardochimmeramschlimmsten.Vorallem,wennman niemanden kannte.
Meine Gedanken schweiften kurz zu den Begegnungen mit Lucaab.Ihnkannteich,aberichwarmirnichtsicher,obich das vertiefen wollte. Ich wurde aus seinem Verhalten nicht so richtig schlau. Unruhig atmete ich aus. Ich musste mich schnell ablenken, sonst würde ich mich vollständig in mei- nen Sorgen verlieren. Bis zu meiner Schicht in der Bar dau- erte es noch etwas, also beschloss ich, mich nochmal in das Café zu setzen.
Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass bereits sehr viel mehraufdemUnigeländeloswar.Diemeistenreistenwohl heutean.IchwolltemichgeradeanmeinenTischvomletz- tenMalsetzen,alsichetwasabseitseinanderesMädchensit- zensah.SiewarganzalleinundstarrtebesorgtihrenEspresso an.Daskönnteauchichsein.Sympathiefürsiebreitetesich in mir aus und ich entschied mich, sie anzusprechen.
Siebemerktemich erst,alsich nebenihr stand:
„Hey,kannichmichzudirsetzen?“,fragteichvorsichtig.
„Klar“, antwortete sie überrascht und deutete auf den Stuhl neben sich.
Dankbar nahm ich Platz: „Ich bin übrigens Emilia und wieheißtdu?“„IchbinKiara“,neugierigmustertesiemich.
„Schöndichkennenzulernen.
FängstduauchdiesesJahrdasStudiumhieran?“,fragteich weiter.„DasistauchdeinerstesJahr?!“,siestrahltemichan. DasersteEiszwischenunswargebrochen.Erleichtert meinteich:„Genau.Ichkennehierdeshalbleidernochnie- manden.Wie sieht es bei dir aus?“ „Ich kenne zwar ein paar Leutehier,aberauchnichtmehralsdas.Ichwürdediejenigen tatsächlichauchnurungernnäherkennenlernen“,überlegte sie und verzog leicht ihr Gesicht. Ich konnte nur vermuten, warumsiekeineguteMeinungvondenerwähntenPersonen hatteundfragteauchnichtnach,umihrnichtzunahzu
treten.
„Wollen wir uns dann vielleicht anfreunden?“, die Frage sprudelte einfach ganz direkt aus mir heraus. „Wirklich?Du möchtest mit mirbefreundet sein?“, sie klangzweifelnd.
„Aber ja. Ich glaube, das passt ganz gut. Ich wollte dich damit jetzt aber nicht überrumpeln, du musst auch nicht heute antworten“, erwiderte ich schnell. Ob sie in der Ver- gangenheit schlechte Erfahrungen gemacht hatte und des- halb so vorsichtig war? Es war nur so ein Gefühl, aber inmirfestigtesichderWunsch,ihrzurSeitezustehenundsie näher kennenzulernen.
„Nein, nein. Du überrumpelst mich nicht. Ich bin es nur nicht gewohnt, dass jemand mit mir befreundet sein will. Ich würde mich sehr darüber freuen“, sie schenkte mir ein vorsichtigesLächeln.„Wieschön.Wollenwirdannvielleicht morgen zusammen zu der Auftaktveranstaltung gehen?“, fragte ich. „Liebend gern“, sie nickte eifrig. Wir tauschten unsere Handynummer aus und unterhielten uns dann noch bis ich schließlich zur Bar musste.
Dadurch,dassichmichgutinihreSituationhineinfühlen konnte, da wir beide Einzelkämpfer waren, verstanden wir uns von der ersten Sekunde an sehr gut. Wir hatten eine übereinstimmende Einstellung zu vielen Dingen und har- monierten miteinander. Kiara wurde auch immer lockerer undoffenermirgegenüber.DerGrundsteinfürdieFreund- schaftzwischenunswargelegt.EswaraufjedenFalldierich- tigeEntscheidunggewesen,sieanzusprechen.Wirwarenauf einer Wellenlänge.
Der morgigeTag wirkte nun gar nicht mehr so furchtein- flößend.Ichwarnichtmehrallein.VielemeinerSorgenver- pufftendadurchundVorfreudebegannsichanihrerstattin mir auszubreiten.
„Du siehst glücklich aus“, sagte Chris und riss mich aus meinen Gedanken.
„Ich habe mich heute mit einem Mädchen angefreundet, das im gleichen Studiengang ist wie ich“, erklärte ich. „Ver- stehe“, meinte er. Ich überlegte, wie ich das Gespräch fort- führen konnte, aber dann kamen schon die nächsten Gäste und es ergaben sich keine weiteren Gesprächsmöglichkeiten mehr.
So verging auch dieser Tag, ohne dass ich länger mit Chris sprechen konnte. Zurück im Studentenwohnheim an- gekommen,starrteichnocheineWeilegedankenverlorenan die Decke über meinem Bett und glitt dann in einen un- ruhigen Schlaf.
Der Wecker klingelte am nächsten Morgen viel zu früh. Ich brauchte mehrere Ladungen kaltenWassers, bis ich we- nigstens einigermaßen wach war. Als ich draußen vor dem Wohnheim auf Kiara traf, die bereits auf mich wartete, sah sie auch nicht viel wacher aus. „Hast du auch so schlecht geschlafen?“, murmelte sie. Ich nickte gähnend: „Und wie.“ Gemeinsam setzten wir unserenWeg fort und steuerten das Hauptgebäude an. Dort angekommen, führten uns auf- gestellte Schilder in einen großen Vorlesungssaal.
WirsuchtenunseinenSitzplatzinderMitteundbeobachteten dann, wie stetig mehr und mehr Studierende den Raum be- traten.Wieimmer,suchtesichdieMehrheitPlätzeimhinte- renBereichundnurdiewenigstensteuertendirektdieersten Reihenan.„DahabenwirnochGlückgehabt.Wärenwirspä- tergekommen,hättenwirunsziemlichweitnachvornesetzen müssen“, flüsterte ich Kiara zu. „Hmm“, sie nickte geistes- abwesend.
Ihr Blick ging in eine ganz andere Richtung. Ich lehnte michvorundversuchteihreBlickrichtungnachzuverfolgen. SiestarrtedreiStudentinneneinpaarReihenschräghinteruns an,dieauffälligkurzeRöckeundsehrvielMake-uptrugen.
„Wersinddie?“,fragteichundrissKiaradadurchausihrem Gedankengang.Sieblinzelte:„AlteSchulkameradinnen.Wir sind… nicht wirklich gut miteinander ausgekommen… ich hatte eigentlich gehofft, dass sie auf eine andere Universität gehen.“
IchverengtemeineAugen:„Habendiedichgeärgert?“Sie miedmeinenBlick,dochihrGesichtsausdrucksprachBände. Wutstieginmirhoch.„MachdirkeineSorgen.Wenn die dich wieder ärgern wollen, kommst du zu mir. Ich lasse das nicht zu, das verspreche ich. Wir stehen das zusammen durch“,ichdrückteaufmunterndihreSchulter.„Wirklich?“, ihreAugenwarenvorÜberraschungganzgroß.„Abernatür-
lich.WirsinddochjetztFreunde,oderetwanicht?
Du hast meine Unterstützung, egal was passiert“, antwortete ich.
Ichmerkte,dasssichTräneninihrenAugensammelten.
„Danke“,flüstertesieundsuchteinihrerTaschenacheinem Taschentuch.Ichwusstenichtsorecht,wieichreagierensoll- te.Fürmichwaresvollkommenselbstverständlich,ihrmeine Unterstützung anzubieten, aber eine solche Erfahrung hatte siewohlnochnichtgemacht.Dasärgertemichnochmehr.
InzwischenwarderVorlesungssaalgutgefülltundeinälterer HerrbetratdasPodium.AugenblicklichkehrteRuheein.Der MannstelltesichalsSchuldirektorProf.Dr.Spearsvorund begrüßteunsanderSchule.Nacheinerüberraschendmoti- vierenden Rede von ihm, gab es noch eine Rede von einem Schulsprecher aus einem der höheren Jahrgänge und dann wurden wir in den Unterricht entlassen.
Leider stimmten die Fächer von mir und Kiara nicht so richtigüberein.EsgabeinpaarHauptfächer,diewohljeder belegenmussteunddiehierimgroßenVorlesungssaalstatt- fandenundeinpaarWahlfächer,diedanninverschiedenen, kleinerenKlassenräumengelehrtwurden.Inletzterenunter- schiedenwirunskomplett.Daswarzwarschade,wirkonnten esjetztaberauchnichtmehrändern.Ichwarschonfroh,dass wirwenigstensdieHauptfächergemeinsambesuchenkonn- ten. Da die Hauptfächer in der Regel vormittags waren und dieWahlfächererstnachderMittagspausestattfanden,konn- ten wir so immerhin auch zusammen zur Cafeteria.
Daswarbereitsmehralsichzuhoffengewagthatte.
Nachdem die Auftaktveranstaltung beendet war, konnten wir im Hörsaal sitzen bleiben, da direkt nach einer kleinen PausederUnterrichtbeginnensollte.IchnutztedieZeit,wäh- renddersichderProfessorvornevorbereitete,ummicherneut umzusehen. Viele der Studierenden trugen teure Marken- klamotten. Einige von den männlichen Studierenden liefen sogarinAnzugklamottenherum.Ichkammireinwenigfehl am Platz vor.
DerAnblickriefmirwiederinErinnerung,anwasfüreiner Schuleichhierwar.OhnedasStipendiumhätteichmirdas Studium an der Dayford niemals leisten können. Die meis- tenderStudierendensahensoaus,alskämensieausreichen Unternehmerfamilien.SiemachtenwenigHehlausihrem gutenStand.Ichwarwirklichfroh,Kiaragetroffenzuhaben.
EsgabhierwahrscheinlichnichtsehrvieleStudierende,die so offen waren wie sie.
EinSeitenblickzuihrverrietmir,dassihrgeradeähnliche Gedanken durch den Kopf gingen.
Ichstupstesiean.
IhrbesorgtesGesichtziertejetztwenigstenseinkleinesLä- cheln.
Sienicktemirzu.Wortewarennichtnötig.
Die ersten Unterrichtsstunden waren recht langweilig. Es wurde noch viel Organisatorisches geklärt, der Professor stellte sichsamtbeeindruckendlangemLebenslaufvor,ließdieLehr- bücherverteilenundwirschafftengeradesonocheinenklei- nenEinstieginsThema.DannwarauchschonMittagspause. Bevor wir uns auf den Weg in die Cafeteria machten, such- tenwirnochunserenjeweiligenSpint,umdieBücherloszu- werden. Zu unserem Glück befanden sie sich nah beieinander. DanachfolgtenwireinfachdemStromanStudierenden.
Inder Cafeteriaangekommen, staunteich nicht schlecht.
Vor mir breitete sich ein riesiger Raum aus, der vollgestopft mitMenschenwar,aberdennochbotsichfürjedeneinSitz- platz. Das Essen war umsonst und man konnte unter drei Gerichten oder einem Salat wählen. Es gab sogar ein Ge- tränk und Nachtisch dazu. Da ich anderes Mensaessen ge- wohnt war, kam ich aus dem Staunen kaum noch heraus. Kiara war darüber sehr amüsiert. Sie kannte diese Art der Verpflegung bereits und führte mich fachmännisch durch den ganzen Prozess hindurch. Ich hörte, wie sich jemand hinter uns über das Essen beschwerte. Schwer zu glauben. Das hier war eindeutig der Himmel auf Erden.
DieMenschenmassenummichherumstresstenmichund
ich war mehr als erleichtert, als wir endlich einen Sitzplatz gefundenhattenunddenStromhungrigerStudierenderver- ließen.Ichatmetesoauffälligaus,alsichmichhinsetzte,dass Kiarazulachenbegann.„Dubistwirklichunglaublich!“,rief siegrinsend.„Findestdudasnicht…etwasüberwältigend?“, fragte ich und spießte missmutig eine Nudel auf. „Man ge- wöhnt sich dran“, antwortete sie.
DieMittagspausewarlanggenug,dasswirnachdemEssen noch ein wenig sitzen bleiben und uns unterhalten konn- ten. Das stellte sich allerdings als Fehler heraus. Aber wer hätte das vorher ahnen können? Eigentlich saßen wir allein an unserem Tisch, bis sich auf einmal jemand schwungvoll neben mich setzte. Fragend blickte ich zur Seite und sah di- rekt in Lucas Gesicht. Er war in Begleitung von zwei weite- ren Studenten, die hinter ihm standen und auf mich einen ziemlich schnöseligen Eindruck machten.
Daskönnteaberauchdaranliegen,dasssiesoselbstsicher auf mich herabsahen. „Was wird das hier?“, ich hatte eine böse Vorahnung.
„Seht ihr? Es ist genauso, wie ich es euch erzählt habe“, sagte Luca und ignorierte meine Frage. „Das ist die Kleine? IchhättemirmehrunterdeinenErzählungenvorgestellt.
DieistdochnichtsBesonderes“,sagteeinerseinerBegleiter.
„Genau.Aberdaserklärtimmerhin,warumsiedieTürnicht aufbekommenhat.Jederweißdoch,dassmaneineTürauf- drückt und nicht aufzieht“, ergänzte der zweite und beugte sich provokant nach vorne.
Nasuper.ErhatteseinenFreundenvonderpeinlichenBe- gegnung erzählt. Natürlich. Ihm eine Chance zu geben und als nett einzuschätzen war wohl doch zu voreilig gewesen. Ich zog eine Augenbraue hoch.Wie sollte ich reagieren? Ich wollte mich nicht vor allen anderen mit ihm streiten. Da blieb mir wohl nur noch eine Möglichkeit: Rückzug.
Ich drehte mich zu Kiara, die die Situation aufmerksam beobachtet hatte: „Du hattest gesagt, dass du noch etwas holen musst, bevor der Unterricht wieder losgeht, richtig?“ Sieverstand:„Ja,genau.Wennwirjetztlosgehen,solltenwir das noch rechtzeitig schaffen.“ Wir standen auf und Kiara schnappte sich die Tablette, die wir aufeinander gestapelt hatten. Luca erhob sich ebenfalls aus seinem Stuhl: „Viel- leicht sollte ich dich begleiten. Falls du jemanden zum Tür öffnenbrauchst.“JetzthatteermichfastausderReservege- lockt. Ich zwang mich dazu, ruhig zu bleiben und drehte michnocheinletztesMalzuihmum.Erstandunangenehm nah bei mir, machte aber zum Glück keine Anstalten mir noch näher zu kommen.
„KeinInteresse“,sagteichruhig,aberbestimmtundent-
fernte mich schnell von ihm, damit er nicht noch auf den Gedanken kam, Widerworte einzulegen. Mein Herz raste. Die Aktion kam einer Flucht gleich. Meine Worte waren das Einzige gewesen, das an mir noch ruhig geblieben war. IchheftetemichanKiara,diedieTabletteineinenSchrank schob und dann verließen wir die Cafeteria zur anderen Seite, um nicht erneut an Luca vorbei zu müssen. Immer wiederdrehteichmichum.Sieschienenunsnichtzufolgen, aber richtig sicher war ich mir auch nicht.
Kiara bemerkte meine Unsicherheit. Sie deutete auf die Mädchentoiletteundginghinein.NacheinemletztenBlick über die Schulter folgte ich ihr.
DasGlückwarerneutaufunsererSeite:
Wirwarenallein.Erleichtertatmeteichaufundlehn- te mich gegen eines der Waschbecken. „Willst du darüber reden?“,KiarawuschsichdieHändeundsahmichneugierig an.
„Undwieichdaswill“,antworteteichunderzählteihrvon meinen vorherigen beiden Begegnungen mit Luca. „So ist dasalso“,flüstertesie,nachdemichmitErzählenfertigwar.
„Meinstdu,daswareineeinmaligeSache?“,hoffnungsvoll sahichsiean.„Ichwürdegernejasagen,aberichbefürchte, dass es alles andere als einmalig war.
Du hast wohl sein Interesse geweckt“, nachdenklich gingsie auf und ab. „Er ging früher auch auf meine Schule. Es wird dich sicherlich nicht wundern, dass er der beliebteste JungederganzenSchulewar.VondenanderenSchülernbe- wundertundvondenSchülerinnengeliebt.Soweitichweiß, leitetseinVaterirgendeinenriesigenKonzernundauchseine Mutter hat einen hohen Rang in der Arbeitswelt. Die sind super reich. Leute wie wir hätten ihn normalerweise kein bisschen interessiert. Er spielt in einer ganz anderen Liga“, sie rollte vielsagend mit den Augen.
„Aberwarumdannich?HatermichjetztalsseinBauern- opfer auserkoren?“, unsicher strich ich über meine Ober- arme. „Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Was genau es mit seinen Handlungen auf sich hat, wird sich sicherlich nochzeigen“,überlegtesie.„Alsoistabwartenangesagt?“,ich warf ihr einen gequälten Blick zu. „Es sieht so aus. Jemand wie er, macht nichts ohne einen guten Grund“, erklärte sie und zuckte mit den Schultern. Ich konnte ihr ansehen, dass es da noch mehr gab, hakte aber nicht weiter nach.
Sie hatte sicherlich ihre Gründe den Rest zu verschweigen und ich vertraute ihrer Einschätzung.
„Na super. Ich hatte mir viele Horrorszenarien für mei- nen ersten Tag ausgemalt, aber das hier war definitiv nicht dabei“,seufzteich.„Solangeeresnichtübertreibt,solltenwir mitihmundseinenBegleiternklarkommen.Lassenwiruns dadurch den Tag nicht vermiesen! Na komm schon, Kopf hoch“, versuchte sie mich aufzumuntern, griff nach meiner Hand und zog mich aus dem Raum. „Ich wollte übrigens heute Abend bei dir in der Bar vorbei schauen. Was hältst dudavon?“,wechseltesiedanndasThemaalswirwiederauf demFlurwarenundunsereKlassenräumeansteuerten.„Ich würdemichsehrdarüberfreuen“,siehatteestatsächlichge- schafft, mich ein wenig zu beruhigen. Zumindest für den Moment.
UnsereKlassenräumelagennebeneinander.Ichwartetenoch, bisKiaraimGewühlihrerKlassenkameradenverschwunden war und ging dann in den Nebenraum. Nach einem freien Platz suchend, blickte ich mich um. Dabei blieb mein Herz füreinenMomentstehen,alsichLucaineinerderhinteren Ecken sitzen sah. Verdammt. In seiner Nähe wollte ich auf gar keinen Fall sitzen. Schnell sah ich mich weiter um und entdeckte noch einen freien Platz an der entgegengesetzten Seite. Ohne groß weiter darüber nachzudenken, setzte ich mich in Bewegung und ließ mich auf den Stuhl fallen. Da- nach versuchte ich möglichst unauffällig die Luft auszu- atmen, die ich, ohne es zu merken, angehalten hatte.
ImAugenwinkelbemerkteich,dassmichjemandneben
mir ansah. Neugierig drehte ich mich zu meinem Sitznach- barnumundfandmichAugeinAugemitChriswieder.
„Hey! Ich wusste gar nicht, dass du auch auf die Dayford gehst“, rief ich überrascht. „Das hatte ich auch noch nicht erwähnt“, erwiderte er und musterte mich.
„Duwirkst…rechtangespannt“,ergänzteerdannnoch.
Er war erstaunlich gut darin, mich zu lesen, während ich ihnnursehrschwerlesenkonnte.Ichzögerte.Sollteichihm wirklich von meinen Problemen mit Luca erzählen? Sein Blickschwenkteaufetwashintermir.Plötzlichumspielteein LächelnseineLippen:„Verstehe.“Dabeihatteichdochnoch kein Wort gesagt.
Fragend drehte ich mich um und folgte seinem Blick. Luca starrtezuunsherüberundhatteeinenmehralsmerkwürdigen Blick aufgesetzt. Mit einem mulmigen Gefühl drehte ich michwiederzuChris.IchhattenochgarkeineMöglichkeit gehabt,ihnlängerausdieserNähezubetrachten.InderBar warerimmerrechtlegergekleidet.Jetzthatteerjedochdeut- lichmehrWertaufseineKleidunggelegt.Wennichesnicht gewusst hätte, hätte ich niemals vermutet, dass er abends in einer Bar arbeitete. Seine haselnussbraunen, wuscheligen Haare glänzten in der Sonne, die durch das Fenster neben uns fiel und er strahlte die pure Ruhe aus. Er war das kom- plette Gegenteil von Luca.
UnsereProfessorinbetratdenRaumundichblicktewieder
nach vorn. Der Ablauf der ersten Stunde war ähnlich wieinderVorlesung.DereinzigeUnterschiedwar,dasswiruns selbstebenfallsvorstellenmussten.Wielästig.DieganzeAk- tion nahm so viel Zeit in Anspruch, dass wir bis zur ersten, kleinen Pause nicht einmal mit dem richtigen Unterricht anfangen konnten. Wir hatten eine Viertelstunde bevor es weiterging.ChrisstupstemichmitseinemStiftanundschob einBlattPapierinmeineRichtung.ErhatteeinTic-Tac-Toe Felddaraufgemalt.Ichschmunzelte,schnapptemirmeinen Stiftundbeugtemichzuihmherüber,ummeinKreuzneben seinen Kreis zu setzen.
DiePausereichtefüreinpaarRunden.Insgesamtgewann er sieben Mal und ich fünf Mal. Damit konnte ich leben.
Als die Professorin wiederkam, faltete er den Zettel schnell zusammenundließihninseinerTascheverschwinden.Der restlicheUnterrichtwardazuvergleichsweiseunspektakulär. Als die Pausenklingel ertönte und das Ende des heutigen Schultagesverkündete,hörteichChrisMagenknurren.
„HastdudasMittagessenausgelassen?“,flüsterteichihmzu. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn in der Cafeteria gesehen zu haben. „Ich hatte keinen Hunger“, murmelte er.
