Azzurro - Kurt Lanthaler - E-Book
Beschreibung

"Übrigens, Kollege: Die Wetten stehen 6:2 für Krieg. Und für die Nacht erwartet man noch Großes von Albanien. Auch wenn die Welt nichts davon hat, weil keines der Handys nach draußen durchkommt."

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Kurt Lanthaler

Azzurro

Ein Tschonnie-Tschenett-RomanMit einem Glossar im Anhang

 

 

Der vorliegende Text folgt der Ausgabe von 1995

 

Dank an W. K. für ausdauernd seemännischen Beistand

 

Die Arbeit an dem Roman wurde unterstützt durch ein Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste, Berlin

Was ist schon Schwimmen? Keine Kunst. Ertrinken!(An A.T., aus Ouranopoli)

Inhalt

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Glossar

Motti

Zum Autor

1

Uarda lu mari comu si sta confia,sta rriva la burrascka

Die Uranus lief bei schwerer See und Windstärke zehn aus Nordwest einen Westkurs auf Grönland, als ich über Bord ging.

Eben hatte ich noch das Fanggeschirr festgezurrt. Wir wären es sonst innerhalb der nächsten Minuten losgeworden. Ich war froh, gleich wieder unter Deck gehen zu können, als mich ein Brecher von den Füßen holte.

Ich fiel, und im Fallen schrie ich um Hilfe. Zum ersten Mal in meinem Leben und deshalb so laut wie nie zuvor und in der Hoffnung, daß von dem Glück, das einem fürs Leben zugeteilt ist, noch ein möglichst großer Rest geblieben war.

Als ich auf das Wasser schlug und die schwarze See sich über mir schloß, war es urplötzlich still um mich herum. Kein pfeifender Wind mehr, keine tosenden Brecher, kein Ächzen von Metall und kein Stampfen der Maschine. Stille. Dann ein leises Rauschen in meinem Kopf. Wenn, dachte ich, wenn da keiner ist, sobald du auftauchst, wenn da kein Rettungsring ist, keine Leine, wenn keiner dich bemerkt hat, wenn niemand dich vermißt, dann sei froh, daß du niemals richtig schwimmen konntest. Und halt dich an die alte Seemannsregel: Lieber sofort absaufen und runtergehen wie ein Stein, als Stunden später jämmerlich erfrieren.

Aber ganz konnte ich das Leben doch nicht lassen. Also ließ ich mich mit emporreißen, schoß aus dem Wasser, holte hustend Luft und öffnete die Augen. Ich sah den Wasserberg vor mir, und mir kamen andere Berge in den Sinn, Jahre, daß ich sie nicht mehr gesehen hatte, glaubte dann einen roten Fleck entdeckt zu haben, irgendwo. Rot, das mußte Rettung sein. Eine Schwimmweste, ein Rettungsreifen. Aber der zweite Blick, der dritte, vierte, konnte kein Rot mehr finden, links nicht, vorneaus nicht, nirgendwo. Schwarz das Wasser, grau die Luft. Ich hatte mich geirrt. Und schluckte wieder Wasser. Da stieg die Uranus vor mir auf und rollte über. Und als ich schreien wollte, hörte ich den Schrei.

Es war nicht meiner. Ich redete mir ein: Das ist nicht deiner, das warst du nicht, nicht du. Da ist wer andrer. Nur war da keiner. Da war nur ich. Und Wasser. Und das Meer. Mehr nicht. Und wieder lag ich in dem tiefen Tal und ringsherum nur Wellen, hohe See. Ich nahm ein Maulvoll Wasser. Und …, dachte ich, adieu.

2

Die Brasse in Salz,kalt bis ins Zahnfleisch hinein,im Fischladen dort.(Matsuo Bashô)

Schütteln. Jeder Zentimeter, jeder Muskel, jeder Knochen bewegt sich, zerrt, reißt, rüttelt am Körper, jeder in eine andere Richtung. Und stößt an eine Grenze, ist wie festgehalten. Schüttelt sich wieder. Ein schwarzes, kaltes Loch. Frieren. Und heiß. Wasser. Ich ertrinke an heißem Wasser.

»Los, nimm schon.«

Schmerzen.

»Komm, mach hinne.«

Wieder Schmerzen. Kalt. Schütteln. Licht. Rechts oben, Licht.

Und dann sah ich in dem Licht einen grauen Umriß. Etwas, das sich bewegte. Und mir eine Ohrfeige gab. Wieder. Licht jetzt auch links oben. Ich hatte meine Augen geöffnet. Sehr viel mehr als verschwommene Flecken konnte ich aber nicht sehen.

»Wird auch langsam Zeit.«

Mir lief wieder heißes Wasser übers Gesicht. Ich schnappte nach Luft.

»Los, trink den Scheißtee, ich muß auf Wache.«

Die Stimme war mir fremd.

Als ich das nächste Mal zu mir kam, war es stockfinster um mich herum. Ich versuchte, mich zu orientieren, zu verstehen, wo ich war. Es gelang mir nicht. Außerdem hatte ich einen verzweifelten Durst, der Hals schmerzte, die Zunge klebte vertrocknet im Mund, und bei jedem Atemzug zog mir ein Stich durch die Brust. Ich zitterte am ganzen Körper vor Kälte, Schweiß rann mir in die Augen. Ich konnte meine Arme nicht bewegen, mich nicht aufrichten. Es war, als ob mich irgendwer zurückhielt. Ich versuchte es noch einmal, schaffte ein paar Zentimeter, hörte meinen rasselnden Atem, spürte das Pochen in meinem Kopf und ein Gewicht, das mir auf die Brust drückte. Mit letzter Kraft stemmte ich mich dagegen, aber mehr als ein paar Zentimeter Spielraum waren da nicht. Ich gab es auf und ließ mich, vor Schmerz stöhnend und völlig entkräftet, zurückfallen. Und fiel in nassen Gestank, ohne mich daraus befreien zu können.

Ich versuchte zu begreifen, woher ich den Geruch kannte, konnte mich aber zuerst nicht erinnern. Dann, als mir ein Würgen hochkam, verstand ich. Ich lag in Erbrochenem.

Noch etwas fiel mir auf. Ich bewegte mich, auch wenn ich mich nicht rührte. Und ich hörte ein Hämmern, das nicht das Hämmern in meinem Kopf war. Ein Pfeifen, das nicht aus meinen Ohren kam. Ein Surren, dessen Ton plötzlich anstieg, höher und lauter wurde, um dann schlagartig wieder in seinen monotonen Ausgang zurückzufallen. Und dann war mir, als ob ich zwei Worte gehört hätte. Zwei Worte, die mir nichts sagten. Aber bekannt vorkamen.

»Hiev up.«

Ich konnte mir auf das alles, so sehr ich mich auch anstrengte und darüber nachdachte, keinen Reim machen. Vielleicht muß es so sein, dachte ich und blieb still liegen. Vielleicht ist das immer so.

Ich wurde von einem Geräusch wach.

Es war immer noch völlig dunkel, nur kurz war etwas graues Licht in einem Spalt sichtbar geworden. Durch das Hämmern und Surren und Pfeifen hörte ich rechts von mir etwas, ohne zu wissen, was es war. Dann ein Quietschen über mir.

»Ha…«

Das mußte meine Stimme gewesen sein. Ich wußte zwar nicht, wie sie sich anhörte, aber ich hatte sie gespürt.

»Hall…«

Dann kam mir ein Husten hoch, die Schmerzen in meiner Brust wurden unerträglich, ich wollte mit den Händen danach greifen, aber sie lagen wie festgebunden links und rechts an meinem Körper, der sich schüttelte.

Als ich endlich wieder bei Atem war, flach schnaufend, um den Schmerzen zu entgehen, versuchte ich es noch einmal.

»Hallo …«

So also hörte ich mich an. Ich erkannte mich nicht wieder.

»He.«

Ich hatte, über mir, wieder etwas gehört, ein Geräusch, das ich nicht identifizieren konnte. Ich wollte endlich wissen, was los war.

»Ist da jemand?« sagte ich, und für das letzte Wort hatte ich den Rest meiner Atemluft hergeben müssen, was zur Folge hatte, daß mich wieder ein Husten anfiel. Ich würde mir also in Zukunft jedes Wort genau überlegen müssen. Es tat zu weh.

Ich erhielt keine Antwort. Hörte auch nichts mehr, weder rechts von mir noch über mir. Nur das Hämmern und Surren und Pfeifen.

Müde legte ich meinen Kopf zur Seite. Und fuhr sofort wieder hoch. Das Erbrochene.

Später dann, wieviel später wußte ich nicht zu sagen, entdeckte ich ein neues Geräusch. Anders als alle anderen. Gleichmäßig erst, lauter werdend, dann wieder leise, setzte es manchmal für Augenblicke aus, begann von neuem, fehlte dann so lange, daß ich die Hoffnung, ich würde irgendwann verstehen, um was es sich dabei handelte, schon aufgegeben hatte, als es urplötzlich und laut von neuem einsetzte, um langsam wieder leiser zu werden.

Schließlich begriff ich. Irgendwo in meinem Kopf hatte sich ein Gedanke geformt, vorsichtig, und war langsam nach vorne gewandert, mit zaghaften Schritten, zaudernd war er nach vorne gekommen und hatte da gesagt: »Schnarchen.«

Es stimmte. Über mir mußte etwas liegen, das schnarchte.

Gut, Gedanke, dachte ich, denk weiter: Was kann das sein?

Der Gedanke machte sich wieder auf den Weg, ich spürte, wie er auf und ab schritt, hin und her, ich fühlte, wie er meinen Kopf weh tat, aber ich erlaubte es ihm.

»Mach weiter«, sagte ich zu ihm, zu tun gab es sonst nichts, also konnte mein Gedanke ja erst einmal das Rätsel lösen.

»Also«, sagte der Gedanke, und ich war überrascht, daß er sprach, ohne nach vorne gekommen zu sein, eigentlich war das unhöflich, man schaut ihm doch ins Gesicht, wenn man mit einem Menschen …

»Richtig«, sagte der Gedanke, »ein Mensch schnarcht. Meistens Männer. Es wird ein Mann sein.«

»Gut, Gedanke«, sagte ich, »und jetzt setz dich bitte wieder hin, es tut doch ziemlich weh.«

Ich schloß die Augen.

»Auf, Mann, gleich drei Glasen.«

Die Stimme kannte ich. Ich öffnete die Augen. Und schloß sie sofort wieder. Viel zu hell.

»Stell dich nicht tot, Jung, es wird nicht besser.«

Wieso mußte er so schreien?

Langsam, Millimeter um Millimeter, öffnete ich die Augen. Rechts neben und über mir stand ein großer, breiter Kerl und hielt eine Flasche in der Hand.

»Hier«, sagte er, »such es dir aus, wie du wieder auf die Beine kommen willst. Schnaps aus der Bordapotheke, oder Penicillin.«

Ich versuchte mich aufzurichten. Ging nicht. Etwas hielt mich fest. Immer noch.

»Ich schick dir gleich den anderen Itaker«, sagte der Mann, »der soll dich losmachen. Bist uns in deinem Delirium dreimal aus der Koje gefallen, haben wir dich festgezurrt. War bei der hochgehenden See sowieso das beste. Also, der Itaker macht die Kotze weg. Und du kommst am besten heute noch auf die Füße. An Deck gibt’s jede Menge zu tun, wir stehen mitten im Kabeljau, der Alte ist ganz scharf darauf, die Brecher kommen über, als ob sie sich den Fisch wieder holen möchten. Und hör zu, meen Jung: Kotz nicht wieder alles voll wie auf Landgang, ja? Verstanden, alte Leiche? Ich muß mich hier nämlich irgendwann noch für’n halbes Stündchen aufs Ohr hauen.«

Er legte die Flasche und das Penicillin neben mich. Dann ging er. Am offenen Schott drehte er sich noch einmal um.

»Weißt du, wie du heißt?«

Darüber hatte ich auch schon nachgedacht.

»Nein«, sagte ich.

»Johann? Hans? Jonny?« sagte er und grinste.

Was gibt es da zu grinsen, dachte ich und schüttelte verneinend den Kopf.

»Wie wär’s mit Tschonnie Tschenett?«

»Sagt mir nichts.« Sagte mir wirklich nichts. Obwohl …

»Willst du wissen, wo du bist?«

Ich versuchte zu nicken. Es fiel mir schwer, weil mein ganzer Körper wieder einmal in Bewegung war.

»Die Uranus«, sagte er.

»Was ist das?«

Er sah mich einen Augenblick lang erstaunt an. »Was das ist?«

Dann schüttelte er lachend den Kopf. Blinzelte mich kurz an, als ob er mir nicht traute. Schaute sich um.

»Das«, sagte er und hieb mit seiner großen Pranke auf das Schott ein, »das ist unser Fischdampfer. Liegt zur Zeit auf der Dohrn-Bank, hundert Seemeilen östlich Grönland. Und ziemlich gut im Fisch.«

»Aha«, sagte ich, aber da war der große, breite Mann schon verschwunden.

Unmöglich. Unmöglich, daß ich so einen komischen Namen hatte.

Ich lag ungeduldig da und wartete. Mein Bett bewegte sich, ich konnte es immer noch nicht. Hoffentlich kommt der Itaker bald, dachte ich, was auch immer das ist.

Ich wachte auf, als jemand an meiner Schulter rüttelte. Vor mir stand ein Mann, deutlich kleiner als der Große. Schmal, dünn, einen wilden schwarzen Schnauzbart im Gesicht. Er sagte nichts und sah mich nicht an, als er die Gurte löste, die über meiner Decke festgezurrt waren.

»Danke«, sagte ich.

Als ich mich aufrichten wollte, wurde mir schwarz vor den Augen.

»Trinka!«

Der kleine Mann hatte meinen Oberkörper hochgezogen, ohne daß ich es bemerkt hatte. Er hielt mir eine Tasse hin. Ich lehnte mich an die Wand und nahm mit zittrigen Händen die Tasse. Die Hälfte verschüttete ich. Der kleine Mann griff mit spitzen Fingern nach meinem vollgekotzten Kopfkissen und warf es in Richtung Schott. Dann reichte er mir ein nasses Tuch. Ich schaute zuerst auf das Tuch, dann auf ihn. Es dauerte, bis ich verstand. Dann reinigte ich mich, so gut es ging. Und stellte dabei erstaunt fest, wie heiß meine Stirn war und wie wohltuend ein kühles Tuch darauf.

Der kleine Mann hatte mir zugeschaut, aus kleinen, dunklen, böse dreinschauenden Augen. Er schien etwas gegen mich zu haben. Ich konnte es ihm nicht verdenken, bei meinem Zustand. Ich hob die Tasse an die Nase und roch, konnte aber nichts erkennen, außer daß die Flüssigkeit, die drin war, leicht dampfte und hin und her schwappte.

Wird schon guttun, dachte ich und trank die Tasse in einem Zug aus. Der kleine Mann stand immer noch vor mir und sah mir bei jeder meiner Bewegungen zu.

»Danke«, sagte ich.

Er antwortete nicht, aber einen Augenblick lang hatte ich geglaubt, etwas in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Etwas, das mir keine Freude machte. Dann warf er mir eine Decke hin und zeigte auf das Bettlaken.

»Pulisci«, sagte er, nahm eine Jacke von dem Haken neben dem Schott und ging.

Ich saß da, den nassen Lappen in der einen, die Bettdecke in der anderen Hand, zitterte am ganzen Körper und fragte mich, wo ich das Wort schon einmal gehört hatte. Itaker sagte mir nichts, Uranus auch nicht, aber pulisci. Das kennst du, dachte ich, eigentlich kennst du das. Dann legte ich die Decke zur Seite und wischte das Kopfende meines Lakens sauber. So sauber wie möglich. Pulisco, dachte ich, io pulisco, tu pulisci, lui pulisce. Natürlich. Das hieß saubermachen, putzen. Pulizia – Sauberkeit – fiel mir ein, und dann Polizia. Erschöpft setzte ich mich wieder hin, versuchte, Luft zu bekommen, rettete mich gerade noch an einem Hustenanfall vorbei.

»Und Polizia ist Polizei«, sagte ich und lauschte erstaunt meinen Worten hinterher.

Plötzlich hatte ich einen Teil meiner Erinnerung wieder, plötzlich waren da zwei Sprachen in meinem Kopf, die eine und die andere, gleichzeitig, nebeneinander her.

Du hast zwei Sprachen im Kopf und weißt nicht, wie du heißt, dachte ich. Was sagt dir das? Nichts, erst einmal. Ich brauchte noch Zeit, beschloß ich.

Also breitete ich die Decke über das nasse Laken, griff mir Penicillin und Schnaps und legte mich hin.

»Schon genommen?« sagte der große Mann.

Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Ich war wieder eingeschlafen, mit der Flasche in der Hand.

»Dann aber dalli.«

»Was soll ich?« sagte ich.

»Das Penicillin runterschlucken. Oder den Schnaps. Oder beides. Ist mir egal.«

Er warf sich in die Koje an der Wand gegenüber. Eineinhalb Armlängen entfernt.

»Nicht egal ist mir, daß wir da oben jetzt die Arbeit von euch zwei mitmachen dürfen, verstanden? Also stell dich so schnell wie’s geht wieder aufrecht hin. Und bis wir einlaufen, wirst du für euch beide ranmüssen. Für dich und für den Schwarzen, den du auf dem Gewissen hast. Alles klar?«

»Nein«, sagte ich.

Ich hatte kein Wort verstanden.

»Soll mir auch recht sein«, sagte er und drehte sich zur Wand. »Du wirst es schon noch früh genug begreifen.«

»Aber ich …«

»Schnauze«, sagte er. »Muß in drei Stunden wieder an Deck sein. Also halts Maul.«

Ich sah stumm auf seinen breiten Rücken und dachte nach. Da drehte er sich noch einmal um.

»Und damit das auch klar ist: Die hier ist mein«, er zeigte auf die Koje, auf der er lag, und dann auf die Koje über ihm, »und die vom Schwarzen, jetzt, wo er sie nicht mehr braucht, auch.«

Dann grinste er mich an, schneuzte in seinen Hemdärmel, drehte sich zur Wand und rollte sich ein.

Ich richtete mich auf, versuchte, das Stöhnen zu unterdrücken, als das Stechen in meiner Brust wieder begann, nahm zwei der Tabletten und spülte sie mit einem Schluck aus der Flasche hinunter.

Schweißgebadet wurde ich wach. Ich richtete mich langsam auf, suchte nach meinen Medikamenten und schluckte je eine Einheit.

Ich war auf einem Schiff, soviel hatte ich inzwischen verstanden und soviel wußte ich noch von meinen letzten Ratespielen her. Mein Zustand war nicht gerade der beste, das spürte ich. Man war nicht sonderlich freundlich zu mir, auch das hatte ich mitbekommen. Und man wollte von mir, daß ich bald wieder auf die Füße käme. Das wollte ich auch. Allein schon, um mich umsehen zu können, um endlich durchzublicken. Das einzige, was ich zur Zeit dafür tun konnte, war, fleißig meine Medizin zu nehmen. Also nahm ich noch eine Pille und noch einen Schluck. Rum, sagte etwas in mir.

Kabeljau, dachte ich, das könnte ein Fisch sein. Nur, was tat ich auf einem Fischdampfer?

Dann ging das Schott auf, und der kleine Schwarze stand in der Kammer, schüttelte etwas Eis aus seinem Schnauzer und trocknete sich mit einem Tuch die tropfend nassen Haare.

Gut, dachte ich, hier kommt die Antwort auf alle deine Fragen.

»Wenn ich jetzt noch wüßte, wie du heißt«, sagte ich, und meine Stimme war mit jedem Wort fester geworden, »dann könnt ich mich bedanken.«

Der kleine Schwarze hörte schlagartig mit dem Schrubben auf.

»Bedanke?« sagte er und sah mich mit einem dermaßen bösen Blick an, daß ich mich fragte, wieso ich überhaupt etwas gesagt hatte.

Dann siegte meine Neugier. »Ja«, sagte ich. »Ich glaube, du hast mir geholfen.«

»No«, sagte er.

»Sicher?«

»A te? Mai, assassino!«

Mörder! Er hatte es herausgeschrien. Riß sich jetzt die Jacke vom Leib, kam wutentbrannt auf mich zu, hielt kurz inne und stieg dann in die Koje über mir.

»Non parlarmi mai più. Se no ti ammazzo subito.«

Der Reihe nach, dachte ich. Ich hatte verstanden, was er gesagt hatte, ich mußte es nur noch aneinanderfügen. Helfen, dir? hatte er gesagt, und dann: Sprich mich nie mehr an. Sonst bring ich dich sofort um.

Das war eine etwas heikle Situation: Einerseits wollte ich nicht umgebracht werden, ich hatte, woher auch immer, den Eindruck, gerade überlebt zu haben. Andererseits würde mich mein ganzes Grübeln nicht weiterbringen, wenn mir nicht jemand weiterhalf. Und dieser Jemand lag in der Koje über mir. Aber er wollte mich töten, wenn ich ihn noch einmal ansprach. Wobei mich eines beruhigte: Wenn ich ihn richtig verstanden hatte, wollte er mir früher oder später sowieso an den Hals. Subito, gleich also, nur unter der Voraussetzung, daß ich ihn noch einmal anquatschte. Wieso also nicht gleich. Mir ging es zur Zeit eh nicht besonders gut, da würde mir das Sterben weniger ausmachen.

»Senti«, sagte ich und hörte mir verwundert zu, hörte erstaunt auf diese anders klingenden Worte, »senti«, sagte ich und ließ mich nicht drausbringen, jetzt wollte ich es wissen, das mit den Worten und das mit dem Sterben, »perchè mi vuoi ammazzare?« War immerhin gutes Recht auf allen christlichen Weltmeeren: zu wissen, wieso man zu hängen hat.

Keine Antwort.

»So einfach geht das nicht«, sagte ich.

Plötzlich war da wieder diese andere Sprache. Und immer noch keine Antwort von oben.

»Allora, dai, dimmelo.« Ich wollte es wissen.

Mit einem katzengleichen Satz sprang er aus seiner Koje, sah mich funkelnden Auges an, zuckte mit der rechten Hand mehrmals nach vorne, hielt sie dann aber doch zurück.

»Che vuoi sapere?« Was ich wissen wollte?

Wie er hieß. »Come ti chiami, nient’ altro. Tanto per iniziare.«

»Girolamo.«

Er hatte zweimal Atem holen müssen, um seinen Namen herauszudrücken.

»Girolamo, bene«, sagte ich, »e io sono …« Und jetzt kam mir mein Name wieder nicht in den Sinn.

»Scènet«, sagte er.

»Tschenètt …« Gut, wenn es so sein sollte. »Bene, che altro sai di me?«

Diese eine, unschuldige Frage dachte ich mir noch erlauben zu können. Was er von mir wußte, wollte ich wissen.

»Che sei un assassino. E che sei già morto. Lo giuro sulla tomba di mia madre.«

Jetzt wurde es schwierig. Er hatte behauptet, von mir zu wissen, daß ich so gut wie tot sei. Und er hatte es geschworen, auf das Grab seiner Mutter.

Ich ließ mich auf die Matratze fallen. Mein Körper tat mir weh, ich hatte eben erfahren, wie ich hieß, und vor mir stand einer, der mich auf jeden Fall umbringen wollte. Weil er in mir einen Mörder sah. Das war zuviel.

»Ma stai tranquillo, finchè soffri di polmonite non ti farò niente«, sagte Girolamo da, mitten in meine Verzweiflung hinein, »anzi, ti curerò. Voglio uccidere un uomo che si regge in piedi.«

Ich übersetzte mir das, was er gesagt hatte, langsam, Wort für Wort. Er sah mich derweil ungerührt an.

Keine Angst, hatte er, wenn ich ihn richtig verstanden hatte, gesagt, keine Angst, solange du noch an der Lungenentzündung leidest, werde ich dir nichts tun. Das war nett von ihm. Noch netter war, daß er dann gesagt hatte, er werde mich gesund pflegen. Weil er nur einen Mann töten will, der auf seinen Beinen stehen kann.

Ich versuchte es. Schmiß die Decke beiseite, drückte mich mühsam aus der Koje hoch, hielt die Luft an und griff nach dem Rohr zu meiner Rechten, klemmte mich daran fest und zog mich, Millimeter für Millimeter und heftig keuchend, daran hoch. Schließlich stand ich. Nicht freiwillig, nicht aufrecht und freihändig auch nicht. Aber ich stand.

»Sono quà«, sagte ich. Hier bin ich.

3

Du kannst nicht allesim Abgrund deiner Augen verbergen.(Rexhep Qosja)

Ich zog mir langsam meine Strümpfe, die Hose, den Pullover an. In der Zwischenzeit hatte ich gelernt. Wußte, wo mein Spind stand. Wußte, daß es auf Deck naß und eiskalt war. Wußte, weshalb ich hier war.

Gestatten: Tschonnie Tschenett, bürgerlich Johann, 1952, also vor fünfundzwanzig Jahren geboren, vor neun Jahren den Carabinieri, den Bleichen Bergen und der Lehre eines Sargkranzschleifenbeschrifters entflohen, geflüchtet aus Hamburg, weil mich ein Wiener dort nicht besonders mochte, ich aber seine Gnädigste umsomehr, 1970 in die Seefahrt gegangen, die christliche, auf Frachter und Fänger zwischen Tunis und Reykjavík, zur Zeit Leichtmatrose auf dem Fischdampfer Uranus, einem Seitenfänger auf der Dohrn-Bank, einem der ergiebigsten Fanggebiete unter Grönland, die schlimmsten Brecher überstanden, in der Hoffnung, die Laderäume vollzubekommen mit dem Kabeljau, der uns zu leidlich reichen Männern macht, auch wenn wir traurig sind.

Soviel hatte ich inzwischen verstanden. Auch, daß ich bei schwerster See über Bord gegangen war und, wider Erwarten und menschliche Erfahrung, überlebt hatte.

Jetzt mußte ich nur noch zusehen, daß ich es auch noch lebend an Land schaffte. Aber da gab es wenig Anlaß zur Hoffnung.

Als mich der Alte, unser Kapitän, in der Kammer besucht hatte, zwei Tage zuvor, war er knapp angebunden gewesen. Aber freundlich. Tschenett, hatte er gesagt, ich denke, morgen können wir dich an Deck holen. Drei Tage Koje müssen reichen, auch bei einer Lungenentzündung. Nimmste einfach das Penicillin weiter, davon hamwer noch reichlich. Sind kein Sanatorium hier, brauchen jeden Arm, endlich läuft uns der Fisch ins Netz, der muß weg und das Netz wieder raus. Ich hatte genickt. Und da stört das jetzt doppelt, hatte der Käpt’n gesagt, daß wir ’n Mann weniger an Bord ham, seit eurem Streit. Ich hatte ihn gespannt angesehen. Streit? Geht mich nichts an, was ihr miteinander habt, solang die Arbeit getan wird, hatte der Alte gesagt, hab ich immer so gehalten. Du und dieser andere Itaker werdet also für drei arbeiten. Dann bleiben wir Freunde. Und sobald wir an Land gehen, übergeb ich dich den Behörden. Sollen die dann sehen, ob es Mord oder Totschlag war. Ich will’s nicht wissen. Ich will nur, daß der Zossen bis über die Speigatten voll mit Kabeljau liegt, wenn wir anlanden. Hatte der Alte gesagt und mir noch einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gegeben. Wird schon, Jung, hatte er gesagt, und dann war er gegangen.

Tschenett, der Alte hat recht, sagte ich mir, als ich in das Ölzeug stieg, das wird schon. Du bist zwar noch etwas wackelig auf den Beinen, die Uranus stampft und rollt und du hörst die Schraube aus dem Wasser kommen, was mindestens Windstärke neun bedeutet, und das heißt, der Job da oben ist lebensgefährlich, und sie wollen, daß du für zwei arbeitest; und falls du das überlebst und den Schwur auf das Grab der Mutter Girolamos auch noch, werden sie dich der Polizei übergeben, als Mörder. Das wird schon.

Girolamo hatte seit vorgestern kein Wort mehr gesagt, mich nicht einmal angeblickt. Wie er sich jetzt in der engen Kammer neben mir mit seinem Ölzeug abkämpfte, fragte ich mich, wann er mich für kräftig genug halten würde, um mich töten zu können. Und wie er das anstellen wollte. Immerhin war er eineinhalb Kopf kleiner als ich und ziemlich schmal gebaut. Aber er war zäh. Und der stumme Zorn in seinen Augen war nicht weniger geworden.

Ich wußte inzwischen, wer der Tote war. Ein stiller Mann, der in der Koje über dem Großen gelegen hatte. Der immer mit Girolamo zusammengewesen war. Einer, dem wie mir und Girolamo und den drei Portugiesen die Drecksarbeit an Bord zugefallen war. Der sie klaglos getan hatte. Einer, der nie jemanden auch nur schief angesehen hatte. Ich hatte ihn getötet. Sagte man. Ich hatte keinen Grund, es nicht zu glauben. Solange ich es nicht besser wußte.

Girolamo und ich wollten gerade die Kammer verlassen, als der Große plötzlich im Schott stand.

»Platz da«, schnauzte er uns an, »und macht hinne, ihr Affen.«

Girolamo trat zwei Schritte zurück, um den Großen in die Kammer zu lassen.

»Sieh zu, daß du an Deck kommst«, schrie der Große und hatte Girolamo schon am Kragen, drosch mit seinen Riesenfäusten auf ihn ein, »wirst dich doch nicht unter Deck verkrümeln wollen, du Scheißitaker, Spaghettischwanz, afrikanischer.«

Ich ging dazwischen, warf mich dem Großen in die Arme, bevor er Girolamo totprügelte. Die Folge war, daß ich einen Schwinger in den Magen bekam und ächzend und luftleer zu Boden ging.

»Raus hier«, schrie der Große und schubste Girolamo von sich weg. »Und nimm den anderen Itaker auch mit. Der eine ein Messerstecher und der andere ein Totschläger! Ersaufen hätte man dich lassen sollen, Tschenett. Scheißpack. Landratten, verdammiche.«

Was mich am meisten schmerzte war, daß er mich Landratte genannt hatte. Und mein Magen natürlich, als ich mich bewegen wollte.

Girolamo half mir auf die Beine, und wir kämpften uns, einander stützend, den Aufgang an Deck hoch.

Das Netz war auszubringen. Bei einem Seegang wie dem, der zur Zeit herrschte, war das eine Arbeit, bei der sich jeder hundertprozentig auf den anderen verlassen können mußte, bei der jeder Handgriff zu sitzen hatte und jeder Tritt. Der kalte Wind fegte uns die Gischt ins Gesicht, das Deck war vereist, die Kurrleinen und die Winden mußten am Laufen gehalten werden, und der Alte hatte nicht vor, aus dem Wind zu drehen.

»Wir bleiben auf Kurs, Leute, da kann die Hölle sich auftun. Ich kann ihn riechen, den Kabeljau, da vornaus ist er. Und ich werd ihn mir holen. Also geht ran, daß die Spanten krachen.«

Es war eigentlich unmöglich, das ablaufende Netz klar zu halten. Aber es gelang. Wir hatten es ausgebracht. An Ruhe oder auch nur Atemholen war trotzdem nicht zu denken. Der letzte Hol war ergiebig gewesen und mußte so schnell wie möglich verarbeitet und auf Eis gebracht werden. Schnell genug, um für den nächsten Hol Platz zu schaffen. Wenn der Käpt’n den Kabeljau roch, dann war da auch einer. Und nicht zu wenig. Was ein volles Netz bedeutete.

»Schmeißt euch auf ihn, Leute, in zwei Stunden will ich keine Schuppe von dem Scheißfisch mehr sehen auf Deck!« schrie der Große.

Er war unser Sklaventreiber. Und, wie es zur Gewohnheit geworden war in den letzten zwei Wochen, antworteten wir alle im Chor.

»Ja, Großer, jawoll!«

Zuerst hatten wir uns einen Spaß daraus gemacht. Bis uns der Netzmacher, der schon mehrere Reisen auf der Uranus mitgemacht hatte, warnte. »Der versteht keinen Spaß. Wenn es ihm gefällt, wird er es jede gottverdammte Wache und jeden lieben neuen Tag hören wollen.«

Es hatte ihm gefallen, dem Großen.

Ich beeilte mich, an den Fisch zu kommen. Da rutschte ich auf den vereisten Planken aus, verlor das Gleichgewicht und konnte mich gerade noch an einem Tampen festhalten. Beinahe wäre ich über Bord gegangen. Kam mir irgendwie bekannt vor.

»Nix da, Totschläger«, schrie der Große, »bis wir einlaufen, wirst du hier noch gebraucht. Versuch ja nicht, dich zu verdünnisieren.«

Und dann standen wir bis zu den Hüften in Kabeljau und Blut und machten uns mit unseren Messern über den Fisch her. Acht Mann und ein Meer von Fischen. Achtzig Korb waren es gewesen, hatte der Große geschätzt. Und der mußte es wissen. Er war unser Bestmann. Achtzig Korb, rechnete ich, sind vier Tonnen, sind tausend Fische.

Der Alte saß schon wieder auf seinem Jagdsitz auf der Brücke. Er schien nicht genug zu bekommen von dem Fisch. Der Große war mal hier, mal dort, tauchte plötzlich aus dem Nichts auf, schrie, trieb uns an, verfluchte uns und unsere Kindeskinder und verschwand wieder. Wir arbeiteten fieberhaft, verwünschten den Fisch und verneigten uns vor ihm. Seinetwegen waren wir hier, seinetwegen waren wir ausgelaufen, um ihn drehte sich alles. Unsere Gedanken, unsere Hoffnungen, unsere Alpträume. Er konnte uns reich machen und er konnte uns töten. Wobei das mit dem Reichmachen so eine Sache war: Es gab da eine ganz bestimmte Reihenfolge. Von seiner Heuer wird der Seemann nicht fett. Der Fisch bringt das Geld, je mehr, um so mehr. Dem Reeder brachte er knapp über 90 Prozent vom Erlös, dem Alten zweieinhalb, den zwei Steuerleuten knapp einen, dem Funker acht Zehntel, dem Koch sieben Zehntel Prozentpunkte, dem Bestmann, unserem Großen, munkelte man, knappe neun Zehntel, und uns einfachen Seeleuten einen Drittel Prozentpunkt. Dazu das Fischmehl und das Trangeld. Verglichen damit war die reine Heuer ein Trinkgeld. Falls man den Fisch fand. Und der Alte auf der Uranus, hatte man mir gesagt, als ich an Bord gekommen war, fand den Fisch immer. Umso mehr hatte ich mich gewundert, daß wir in den drei Wochen, die wir jetzt schon auf See waren, unsere Laderäume noch nicht gefüllt bekommen hatten.

Aber ich hatte andere Sorgen, zur Zeit. Mir tat jede Faser meines Körpers weh, mein Kopf dröhnte, und ich bekam kaum Luft. Meine Lungen schmerzten. Girolamo, zwei Portugiesen und ich standen steuerbords und sortierten und schlachteten den Fisch. Langsam hatte ich mich in die ewiggleichen Handgriffe hineingearbeitet, griff, schnitt, schlitzte, warf, ein ums andere Mal. Und dann begann sich ein Gedanke breitzumachen, wieder einmal. Ich beobachtete ihn eine Zeitlang und wartete ab. Dann ließ ich mich überreden.

»Girolamo, senti«, rief ich zum Italiener neben mir, »wie hat er geheißen?«

Girolamo antwortete nicht.

»Wieso hab ich Streit mit ihm gehabt, me lo puoi dire?« sagte ich, »kannst du mir das sagen?«

»Ick nich wisse«, sagte er, ohne aufzusehen.

Aber ich mußte es wissen. »Wie hat er geheißen?«

Girolamo antwortete nicht. Arbeitete weiter, tat einen Handgriff nach dem anderen, mechanisch, immergleich. Stach sein Messer in den Fisch und sah mich dann einen Augenblick lang an.

»Non ti ricordi nemmeno il nome dell’uomo che hai ammazzato?«

Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich konnte mich an den Namen des Mannes, den ich getötet hatte, nicht erinnern.

»Si chiamava Hoxha. Vaso Hoxha.«

Jetzt, wo ich den Namen Hodscha gehört hatte, klang etwas mit, irgendwo in meinem Hirn.

»Hoxha …«, sagte ich. »Waren wir befreundet?«

Keine Antwort. Girolamo hatte sich längst schon wieder über den Kabeljau gebeugt.

»Eravamo amici? Waren wir Freunde?«

Girolamo drehte sich zu mir, das blutige und verschuppte Messer in der erhobenen rechten Hand. »Si«, sagte er, »lo eravate.« Dann schaute er mir in die Augen und ließ meinen Blick nicht mehr los. »Sei un infame«, sagte er.

Ein niederträchtiger, verruchter Mörder war ich also, in seinen Augen, die in meinen lagen. Wenn ich mit Vaso befreundet gewesen war und wenn ich ihn getötet hatte, hatte Girolamo recht.

»Wenn du ihn abstechen willst, wart noch ein paar Tage, Itaker, capito? Dann helf ich dir und hinterher mach ich dich fertig!«

Der Große stand hinter uns und brüllte so laut, daß er die Dieselmaschine und das Gekreische der Winden übertönte.

»Das wird mir sogar ziemlich großen Spaß machen. Und jetzt köpf den Kabeljau, oder ich vergeß mich, Kanak!«

Girolamo ließ das Messer sinken, stand noch einen Augenblick lang reglos da, mich immer noch fixierend. Dann drehte er sich weg.

»Wird’s bald, Tschenett, ran an die fetten Vögel!«

Ich griff mir einen Fisch.

»Ja, Großer, jawoll«, sagte ich.

»Komm mir nicht frech, Tschenett«, sagte der Große und stand ein paar Zentimeter hinter meinem Ohr, »ich weiß, was gelaufen ist. Ihr beide habt ihn umgebracht, zusammen. Und soll ich dir was sagen? Ist mir scheißegal, wenn zwei Itaker einen dritten ins Messer laufen lassen. Ist mir sogar recht. Ihr zwei könnt euch auch noch gegenseitig an die Gurgel. Aber nicht hier. Nicht jetzt. Und wieso, Tschenett?«

»Weil der Kabeljau zu gut steht«, sagte ich.

»Richtig«, sagte der Große, »und so lange tun wir mit unseren Messern nur eines … Was?«

»Kabeljau wegarbeiten!« sagten gleichzeitig acht Männer und lachten.

Ich lachte mit. Mehr hatte ich mit dem Messer auch nicht vor. Solange er mir nicht an die Kehle wollte, der Große.

Und dann köpfte ich den nächsten Kabeljau.

Meine Unterarme spürte ich längst schon nicht mehr, die Füße genausowenig, mein Gesicht war blutverschmiert, Schweiß lief mir in den Kragen. Aber ich fühlte mich mit jedem Handgriff, den ich tat, wohler.

Langsam fand ich ins Leben zurück, langsam erinnerte ich mich wieder daran, was mit einem Kabeljau zu tun war, bevor man ihn ins Eis legen konnte. Messer ansetzen. Leber raus, auf einen Haufen. Gammel raus, anderer Haufen. Nach backbord werfen, wo der Fisch von zwei Portugiesen gespült und gesäubert wurde. Dann ging er über die Rutschen nach unten und wurde schichtweise in Eis gepackt. So lange, bis die Laderäume voll waren.

Jede Minute, die verging, bewies mir, daß ich schon einmal gelebt hatte, daß ich meine Arbeit beherrschte, daß ich wußte, wie man sich bei schwerer See hinzustellen hat, merkte, daß ich mich zurechtgefunden hatte in der Welt. Es gab also Hoffnung.

Je mehr ich wieder in die Arbeit zurückfand, um so größeren Respekt bekam ich vor ihr. Es war keine einfache Sache, seinen Job zu tun und gleichzeitig unversehrt über die Runden zu kommen.

Der Winter war die beste Fangzeit, also fuhren die Fischdampfer direkt in die Stürme hinein. In Stürme, um die alle anderen, wenn sie konnten, einen weiten Bogen machten. In Stürme, in denen nur noch beten half. Und Seeleute, die wußten, was sie taten.

Der Fischdampfer stampfte durch die Wogen, schlingerte und rollte. Zwischendurch kam ein Brecher über und stürzte auf das Fangdeck. Wir hielten uns fest, wo wir gerade konnten. Eine Hand dem Mann, eine Hand dem Fisch hieß die alte Regel. Das Fangdeck war in Hockenfächer aus eisernen Stützen und Brettern unterteilt, damit die Brecher nicht den Fisch wegspülen konnten. Der Seemann aber mußte selbst für sich sorgen. War der Brecher überstanden, konnte man sich auf dem schwankenden Deck bei der Arbeit im Fisch immer noch in Arm oder Bein stechen. Oder man geriet an die Kurrleinen, die übers Fangdeck liefen, an ihrem Ende die zentnerschweren Bomber und das Netz, das auf Grund abgelassen wurde. Mehr als einmal war eine der Kurrleinen, dieser kinderarmdicken Trossen aus Stahldraht, gerissen, war übers Deck gepeitscht und hatte einen Seemann umgebracht. Es genügte aber auch schon, wenn man mitten im Schlachten eine falsche Bewegung machte, an einer der Kurrleinen hängenblieb und mitgerissen wurde. Hatte man das alles überlebt und noch eine Hand und ein Auge übrig gehabt für den Fisch, der zu verarbeiten war, konnte einem nur mehr der Rotbarsch gefährlich werden.

Er war mein Lieblingsfisch. Ging uns manchmal zusammen mit dem Kabeljau ins Netz. Lebte tief unten am dunklen Meeresgrund, mit großen Augen und stacheligen, giftigen Rückenflossen. Wenn wir ihn mit unseren Netzen nach oben holten, zerriß es ihn von innen heraus. An das Gewicht des Wassers angepaßt, das in 600 oder 800 Meter Tiefe auf ihm lag, quollen ihm an Deck die Augen aus den Höhlen, und die Schwimmblase wurde nach außen gedrückt. Wer sich vom Rotbarsch stechen ließ, dem schwoll die Hand zur Pranke. Wieso sollte es uns besser gehen als ihm.

Es gab Bratkartoffeln. Berge von Bratkartoffeln und Kasseler. Zu sechst saßen wir an der Back in der Mannschaftsmesse, Ellbogen an Ellbogen, und schaufelten das Futter ins uns hinein, das uns über den Rest des Tages und durch die halbe Nacht bringen sollte. Langsam kehrte etwas Wärme in meine Knochen zurück.

Keiner sagte ein Wort. Girolamo hing so tief über seinem Teller, daß man sein Gesicht nicht sehen konnte. Die anderen vier, Bert, Hans, Olli und Hein, schwiegen, aßen, kauten und warfen mir zwischen einer und der anderen Gabel einen abwartenden Blick zu. Ich werde nichts sagen, Jungs, dachte ich, nicht, solange ich nichts weiß.

Hein, der Älteste an der Back, hatte seinen Teller leergegessen, schlug zweimal mit der Gabel dagegen und hielt ihn hoch. Während der Kochsmaat ihm den Nachschlag aufs Teller schaufelte, ließ Hein mich nicht aus den Augen.

»Mach bloß einen Bogen um uns«, sagte er dann und machte sich wieder über die Bratkartoffeln her.

Da wußte ich wieder, wie ich an Bord der Uranus gekommen war.

Ich war in das Büro der Deutschen See AG gegangen, um mich auf einen Frachter anheuern zu lassen. Zwei Monate Nichtstun lagen hinter mir, die letzten Wochen war es eng geworden mit meinen finanziellen Reserven, seit drei Tagen war ich endgültig pleite. Einerseits. Andererseits hatte ich genug von Fisch und Wind und Eis und rauher See, meine letzte Fahrt hatte mir gereicht, mir war nach ein paar ruhigen Wochen in südlicheren Gewässern. Also bot sich ein Frachter an.

Vor mir war ein stämmiger Norddeutscher an der Reihe, der ganz offensichtlich nicht zufrieden war mit dem, was ihm angeboten wurde.

»Nö« sagte er, »da bleib ich lieber an Land. Ich will einen Heckfänger, so’n alter Seitenfänger kann mir gestohlen bleiben mit seinem Gerackere. Und auf die Uranus geh ich sowieso nicht noch einmal. Begriffen?«

War schon richtig. Seit die Heckfänger in Betrieb gegangen waren, war die Arbeit für die Seeleute etwas einfacher geworden. Die Motorwinde holte den Steert über die Heckaufschleppe an Deck, man stand bei der Arbeit nicht mehr mitten im Sturm, sondern in den Arbeitsräumen unter dem Fangdeck. Aber noch gab es Seitenfänger, und noch wurden Seeleute dafür gesucht.

Der Stämmige griff sich seine Papiere und ging. »Jungs, macht bloß einen Bogen um die Uranus«, sagte er im Hinausgehen.

Und hatte mich gemeint und die zwei, die stumm hinter mir standen. Ich kramte meine Papiere und mein Seefahrtsbuch heraus und stellte mich an den Tresen.

»Ich suche einen Frachter für Afrika«, sagte ich, »kann ruhig morgen schon gehen.«

»Morgen hab ich was«, sagte der Mann hinter dem Tresen, »geht aber nicht nach Afrika.«

»Wohin dann?«

»Grönland. Eismeer.«

»Kein Fänger«, sagte ich, »Frachter.«

»Hab ich nicht«, sagte der Büromensch und war mir schon unsympathisch geworden, »entweder morgen, oder in zwei Wochen.«

Zwei Wochen hielt ich finanziell nicht mehr durch. In vier Reedereien war ich schon gewesen, langsam wurde es eng.

»Also …?« sagte der Büromensch, »… auch gut. Der nächste.« Und scheuchte mich mit einem kleinen Wink der rechten Hand von seinem Tresen weg.

»Ich überleg’s mir«, sagte ich.

»Dann überlegen Se mal ’n paar Schritt weiter hinten«, sagte er, »und überlegen Se nich zu lange, sons ist der Dampfer auch wech.«

Ich nahm meine Papiere und machte den beiden hinter mir Platz.

Es sprach alles dagegen. Es war kein Frachter. Das Eismeer. Und der Stämmige. Macht bloß einen Bogen um die Uranus, hatte er gesagt.

An Bord gab es eine Koje für mich, ich würde nicht verhungern, und Geld war auch zu verdienen. Das sprach dafür.

Ich hatte meinen Kampf noch nicht ausgefochten, als sich der Büromensch wieder meldete.

»He, du da«, rief er, und nach dem zweiten Mal hatte ich verstanden, wer gemeint war. »Nu komm schon, du hast mir doch eben einen italienischen Paß gezeigt, oder? Die Kollegas hier haben Probleme.«

Ich drehte mich um.

»Drei Wochen, 600 Mark Heuer, 0,35 Prozent auf Fisch und Tran und Mehl«, sagte der Büromensch, »sag ihnen das.«

»Tre settimane«, sagte ich, »seicento marchi più il zerovirgolatrentacinque per cento sul pesce, l’olio e la farina di pesce.«

»Tu ci vai?« sagte der Kleinere, Schmächtigere von beiden.

Gute Frage.

»Ci sto pensando«, sagte ich, und, mit einem Blick auf den Büromensch, »ich bin noch am Überlegen.«

Der Schmächtige besprach sich mit seinem Freund, einem Dunklen mit einem beeindruckenden Schnauzbart. Allerdings verstand ich nur Teile dessen, was er sagte. Der Rest war eine Sprache, die ich noch nie gehört hatte, die südlich klang und manchmal italienisch, aber mir trotzdem unverständlich war.

»Ich mache euch einen Vorschlag«, sagte der Büromensch, »geht doch alle drei zusammen auf die Uranus, drei Stück genau brauch ich noch. Ich kann den Dampfer abhaken und ihr bleibt zusammen.«

Der Schnauzbärtige sah mich an, dann den Schmächtigen. Dann drehte er sich zum Büromenschen. »Isse gutte«, sagte er.

Der Büromensch griff sich, noch ehe ich reagieren konnte, meine Papiere, ließ sich die der beiden anderen geben und lächelte glücklich. Wird schon so sein müssen, dachte ich. Wenigstens mußte ich mich nicht mehr entscheiden.

»Von mir aus«, sagte ich.

Der Schmächtige hielt mir die Hand hin. »Mi chiamo Girolamo«, sagte er.

»E io Vaso«, sagte der andere.

»Vaso?«

War ein eigenartiger Name für einen Italiener, ließ sich nur mit Vase übersetzen.

»È un nome arbëresh«, sagte er.

Während der Büromensch mit unseren Papieren werkelte und seine ausfüllte, erfuhr ich mehr. Vaso stammte aus einem kleinen Dorf in Apulien, das seit Jahrhunderten von Albanern bewohnt wird. Arbëresh ist ihre Sprache, ein altertümliches, mit Italienisch gemischtes Albanisch. Und Girolamo kam aus einer Stadt bei Brindisi mit Namen Ostuni.

»La città bianca«, sagte er, »die Weiße Stadt. Bellissima.«

Die beiden waren vor einem guten halben Jahr aus Süditalien nach Norddeutschland gekommen. Auf den Schiffen hier war bei gleich harter Arbeit mehr Geld zu verdienen als zu Hause.

»E tu?« sagte Girolamo.

»Bolzano«, sagte ich, »vengo da Bolzano. Aus den Bergen.«

Das überraschte die beiden dann doch, in mehrfacher Hinsicht. Wie ein Bergler es zum Seemann bringen konnte, und daß dieses Bolzano, von dem sie nur wegen der Terroristen und Bombenanschläge gehört hatten, ihnen einen Italiener nach Hamburg geschickt haben sollte.

»Sei italiano?« sagte Girolamo.

Das war allerdings die Frage, die ich am liebsten hörte. Was ich denn nun sei. Italiener. Oder Deutscher. Oder was. Normalerweise antwortete ich: Rätoromane. Himmel, was sollte man auf diese Nationenfrage antworten? Welches Glaubensbekenntnis zu welchem Staat sollte man ablegen, wenn man in drei Sprachen aufgewachsen war, ohne das für eine Strafe Gottes und die verwerfliche Spätfolge ungezügelter Promiskuität zu halten? Aber vor die Wahl gestellt, ob ich Deutscher sei oder Italiener, war die Antwort klar.

»Italiano«, sagte ich, »tifoso azzurro.«