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Über die Herkunft der Katholiken in der DDR, über die Auswirkungen dieser Herkunft und ihres praktizierten Christseins auf ihre Berufswahl und daraus folgende Stellung in der Gesellschaft gibt es begründete Vermutungen. Untersuchungen der Struktur einer katholischen Pfarrgemeinde unter den damaligen Bedingungen sind dagegen selten. In St. Antonius Babelsberg kommt hinzu, dass nach der Wiedervereinigung Deutschlands ein starker Zuzug von Menschen aus dem ehemaligen Westberlin und den alten Bundesländern zu verzeichnen war und ist. Auch die Pfarrei St. Antonius hat hierdurch viele Gläubige gewonnen. Mit der Verdopplung der Gläubigenzahl hat sich aber auch die soziologisch greifbare Struktur stark verändert. Aus dem Kreis der Pfarrjugend kam daher die Anregung, in einem von Jugendlichen getragenen Projekt die in der Erinnerung älterer Gemeindeglieder, den Beständen des Pfarrarchivs und auf den Friedhöfen noch sichtbare Zusammensetzung der Pfarrei in der Zeit der DDR zu erfassen...
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Seitenzahl: 77
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Vorwort
Projektidee und –ziele
Ausgangslage
Zielsetzung
Methode und Datenbasis
Probleme mit der Datenbasis und Ersatzlösungen
Erlebnisbericht eines Teilnehmers
Projektverlauf
Katholiken im Weltanschauungsstaat DDR
Bischöfe zum Selbstverständnis der Katholiken
Grundlinien der Religions- und Kirchenpolitik von SED und Staat DDR
Habt Mut und sagt Euer „Nein“! - Erfahrungen mit der Jugendweihe in St. Antonius 1953 bis 1968
Beispiele kirchlichen Engagements in der DDR
Walter Hagemann, ein zeitgeschichtlicher Sonderfall
Bestattungskultur und Menschenwürde - Ein Blick auf die christlich-katholische Tradition und ihr Echo in der Praxis der Pfarrei St. Antonius Babelsberg
Bestattung und Grabpflege: ein Werk der Barmherzigkeit
Bestattungstrends im Wandel der Zeit
Begräbniskultur in Babelsberg
Verlust an Begräbniskultur
Auswertung der erhobenen Daten
Herkunft der Babelsberger Katholiken
Eintrag im Totenregister
Grabsymbolik als Glaubenszeugnis
Berufstätigkeit Babelsberger Katholiken in der DDR
Projektteam und Zeitzeugen
Das Projekt „Babelsberger Katholiken in der DDR“ der Katholischen Pfarrgemeinde St. Antonius Potsdam-Babelsberg wurde im Rahmen des Jugendprogramms „Zeitensprünge“ von der Stiftung Demokratische Jugend und dem Land Brandenburg gefördert. Wir bedanken uns für die fachliche Unterstützung bei der Beratungsstelle für lokale Jugendgeschichtsarbeit „Zeitwerk “ des Landesjugendring Brandenburg e.V.
Die Wurzeln der katholischen Pfarrei St. Antonius Potsdam-Babelsberg reichen bis ins letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhundert zurück. Damals sollte die Seelsorge für die Katholiken in Neuendorf und Nowawes neu geordnet werden. Das Pfarrhaus mit einer ersten Kapelle wurde 1906 in Gebrauch genommen, die heutige Kirche 1934 konsekriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Pfarrei einen Wechsel von Zu- und Abnahme der Gläubigen. Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten siedelten sich im Pfarrgebiet an, ein größerer Teil dieser Gläubigen wich dem zunehmenden ideologischen und wirtschaftlichen Druck der sozialistischen Machthaber und zog in den Westen (der für Babelsberg schon an der nordöstlichen Pfarrgrenze begann) weiter.
Katholiken, die in der ab 1961 durch Mauer und Stacheldraht eingeschlossenen DDR blieben, mussten ihren Glauben mit mehr oder weniger Kompromissen leben, den ideologischen Vorgaben des „Arbeiter- und Bauernstaates“ widerstehen oder sich anpassen, nicht zuletzt unter Aufgabe einer intensiveren kirchlichen Praxis. Über die Herkunft der Katholiken in der DDR, über die Auswirkungen dieser Herkunft und ihres praktizierten Christseins auf ihre Berufswahl und daraus folgende Stellung in der Gesellschaft gibt es begründete Vermutungen. Untersuchungen der Struktur einer katholischen Pfarrgemeinde unter den damaligen Bedingungen sind dagegen selten. In St. Antonius Babelsberg kommt hinzu, dass nach der Wiedervereinigung Deutschlands ein starker Zuzug von Menschen aus dem ehemaligen Westberlin und den alten Bundesländern zu verzeichnen war und ist. Auch die Pfarrei St. Antonius hat hierdurch viele Gläubige gewonnen. Mit der Verdopplung der Gläubigenzahl hat sich aber auch die soziologisch greifbare Struktur stark verändert.
Aus dem Kreis der Pfarrjugend kam daher die Anregung, in einem von Jugendlichen getragenen Projekt die in der Erinnerung älterer Gemeindeglieder, den Beständen des Pfarrarchivs und auf den Friedhöfen noch sichtbare Zusammensetzung der Pfarrei in der Zeit der DDR zu erfassen, die Daten zu sichern und den heutigen Angehörigen der Pfarrei, aber auch anderen Interessierten zur Verfügung zu stellen. Die Förderung des Projekts im Rahmen des Programms „Zeitensprünge“ ermöglichte die Dokumentation in der vorliegenden Form. Ein besonderer Dank gilt aber den Jugendlichen der Pfarrei, die sich am Projekt beteiligt, die Zeitzeugen befragt und die Grabstätten früherer Gemeindeglieder aufgesucht haben, Gläubigen der Pfarrei, die sich als Zeitzeugen zur Verfügung gestellt haben und Pfarrer Matthias Patzelt für die Unterstützung, insbesondere bei der Nutzung und Auswertung von Kirchenbüchern und Archivbeständen.
Thomas Marin
Potsdam-Babelsberg, Dezember 2013
Den Anstoß zum Projekt gab eine Begegnung im Rahmen der jährlichen Gräbersegnungen in der Pfarrei St. Antonius im November 2012. Wie in jedem Jahr versammelten sich Gläubige in den Tagen nach dem Gedenktag Allerseelen (2. November) auf den Friedhöfen, um der Verstorbenen der eigenen Familie und der Pfarrgemeinde zu gedenken, sie im Gebet Gott zu empfehlen und diesen geistlich verstandenen Dienst auch für Tote zu leisten, die keine Angehörigen und möglicherweise auch kein sichtbares Grab mehr haben. Nach einer gottesdienstlichen Statio im Freien wird traditionell von Grab zu Grab gezogen. Auch im Jahr 2012 wurden so die Gräber gesegnet. Dabei war festzustellen, dass eine große Zahl Gräbern Verstorbener erhalten war, die aus den 1960er und 1970er Jahren stammten. Für den Liturgen und die Ministranten waren Gespräche von Teilnehmern wahrnehmbar, in denen Erinnerungen an einzelne Personen thematisiert wurden. Am Ende der Gräbersegnung merkte ein jugendlicher Ministrant an, man müsse eigentlich mit älteren Gemeindegliedern die Friedhöfe begehen, um derartige Erinnerungen, die auch Pfarreigeschichte widerspiegeln, zu sichern. Wenige Wochen nach der Gräbersegnung erreichte die Ausschreibung des Programms „Zeitensprünge“ die Pfarrei. Die Anregung des Jugendlichen wurde zum Jugendgeschichtsprojekt.
Die Pfarrei St. Antonius Potsdam-Babelsberg als die kleinere der beiden katholischen Pfarreien in Potsdam erstreckt sich über die Anteile der Stadt, die nordöstlich der Nuthe liegen. Hinzu kommt der Stahnsdorfer Ortsteil Güterfelde.Während der DDR-Zeit war das Pfarrgebiet durch eine Mischung aus Eigenheimbebauung und klein-bis mittelstädtischer Struktur geprägt, im Bereich Güterfelde und Drewitz teilweise dörflich. Plattenbausiedlungen in Drewitz und vor allem im Wohngebiet „Am Stern“ brachten Zuzüge. Gewerbe und Industrie war neben einer Reihe kleinerer Betrieben im Gebiet um die Karl-Liebknecht-Straße vor allem südlich der Großbeerenstra-ße (damals Ernst-Thälmann-Straße) angesiedelt, zwischen Großbeeren- und Stahnsdorfer Straße befanden sich die DEFA-Studios (heute Filmpark Babelsberg). Repräsentative Villen im Gebiet um den Griebnitzsee lagen im Grenzgebiet zu Westberlin und waren nicht frei zugänglich.
Nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands wurde Babelsberg zu einem attraktiven Zuzugsgebiet, bedingt durch die natur- wie großstadtnahe Lage, eine überschaubare Siedlungsdichte und einen zunehmend sanierten Altbaubestand. Für die katholische Pfarrgemeinde brachte diese Zeit ein starkes Wachstum. Neuzugezogene ergänzten die Gemeinde, während sich die Abwanderung Alteingesessener in Grenzen hielt. Mit der Durchmischung von Alt- und Neubabelsbergern veränderte sich die Zusammensetzung der Pfarrei.
Als Jugendgeschichtsprojekt stand zunächst die Beschäftigung junger Gemeindeglieder mit der Situation katholischer Christen im atheistisch geprägten Staat DDR im Allgemeinen und mit der entsprechenden Lage der Katholiken in Babelsberg im Besonderen im Vordergrund. Hierzu wurde die Begegnung mit Zeitzeugen aus der Pfarrei zum hauptsächlichen Erfahrungsfeld, wobei weniger das Erzählen aus der eigenen Biographie als die Erinnerung an verstorbene Gemeindeglieder angefragt wurde.
Die soziologische Struktur der Gemeinde in der DDR nach Herkunft und Berufstätigkeit sollte durch die Erfassung von Gemeindegliedern anhand der erhaltenen Gräber dokumentiert werden. In der Befragung der Zeitzeugen sollten die jugendlichen Projektteilnehmer Informationen zu den Einzelpersonen, wie Lebensdaten und Grabsteingestaltung, Herkunft, Beruf und kirchliches Engagement, erfassen sowie ggf. Konfliktlinien in der Auseinandersetzung mit dem Staat sichtbar machen.
Für die Jugendlichen sollte der Blick auf eine nicht selbst erlebte, für sie bereits lange zurückliegende und von den Bedingungen für persönliches christliches und kirchliches Leben her kaum vorstellbare Epoche erschlossen und im Gespräch eine Brücke zwischen den Generationen geschlagen werden.
Darüberhinaus sollte die Mitarbeit der Jugendlichen bei der Sicherung und Auswertung der Daten einen Beitrag zur religionssoziologischen Erforschung christlichen Lebens in der DDR leisten, der durch diese Form der Dokumentation an anderer Stelle nutzbar gemacht werden soll.
Von der Projektidee her war die Methode der Oral History für die Arbeit der Jugendlichen maßgeblich. In mehreren Gruppen wurden die drei bedeutendsten Friedhöfe im Pfarrgebiet mit jeweils anderen Zeitzeugen begangen, die im Vorfeld anhand der Totenregister als bevorzugt von Pfarrangehörigen genutzt festgestellt wurden. Wurde ein Grab von den Zeitzeugen als das eines Gemeindeglieds identifiziert, wurden in einem Erfassungsbogen die auf dem Grabstein erkennbaren Daten festgehalten und darüber hinausgehende Erinnerungen der Zeitzeugen notiert. Die Grabsteine wurden zusätzlich fotographisch dokumentiert.
Der Erfassungsbogen wurde in der Vorbereitungsphase im Austausch mit einem Teil der jugendlichen Teilnehmer erstellt und für jede Gruppe in ausreichender Zahl kopiert. Erfasst werden sollte die Herkunft der in der DDR-Zeit in Babelsberg lebenden Katholiken nach Geburtsregionen, die berufliche Tätigkeit, das kirchliche Engagement sowie die Gestaltung der Grabsteine mit religiöser Symbolik. Berufliche Tätigkeiten wurden in Kategorien eingeteilt, ebenso wurde das kirchliche Engagement neben der detaillierten Beschreibung auf einer Skala von 1 bis 10 eingeschätzt, wobei 10 für außerordentlichen Einsatz, 6 für regelmäßigen Besuch der Sonntagsmesse und 1 für nicht praktizierende Katholiken vergeben wurde. Die Einschätzung in dieser Kategorie oblag den interviewenden Jugendlichen. Besonders in der Kategorie 1 ist mit größeren Ungenauigkeiten zu rechnen, zumal weil hier auch die Kenntnis der Zeitzeugen oft oberflächlich war. Um konkurrierende Aussagen verschiedener Zeitzeugen gewichten zu können, wurde vorgesehen, die Beziehung des Zeitzeugen zum Verstorbenen auf einer Skala von 1 bis 10 einzuschätzen. Dies ist in der praktischen Durchführung angesichts der Vielzahl zu erfassender Informationen nur in geringem Umfang gelungen.
Die erwartungsgemäß lückenhaften Erinnerungen der Zeitzeugen zu Herkunft und Berufstätigkeit sollten anhand der Totenregister der Pfarrei überprüft und ergänzt werden.
Zum kirchlichen Engagement und dem Verhältnis zum sozialistischen Staat sollten im Einzelfall Hinterbliebene befragt werden, auf die die Zeitzeugen hinwiesen.
Im Verlauf des Projekts zeigten sich eine Reihe von Problemen bezüglich der in der Projektplanung vorgesehenen materiellen Datenbasis:
