Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Hans Werner Geerdts (1925-2013), genannt GEE, wäre am 25. Januar 2025 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass wurde nun sein letzter noch unveröffentlicher Roman mit dem Arbeitstitel »Babylon in Marrakech« für die Veröffentlichung überarbeitet. Dieser nun am Ende einer Reihe von GEE-Texten stehende Roman ist sicherlich sein sperrigster, wohl auch ambivalentestes Text und er ist ein Wagnis, sich dem Ort der eigenen inneren Wahrheit zu nähern.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
1 Ich schwöre
2 Brief von Abdelillah
3 Die Leute hier sind menschlicher
4 Ein Jüngling wird im Auto mitgenommen
5 Abdallah
6 Ali
7 Wenn von Entführung gesprochen wird
8 Vor dem hohen Gericht in Marrakech
9 Brahim – Erbe I
10 Brahim erzählt: Sami will sein Haus verkaufen
11 Brahim und der Hadj gehen zum Funduk
12 Die Arbeiter
13 Goldsuche Mouloukskour Tamslotte
14 Brahim – Erbe II
15 Hauskauf in Marrakech
16 Verkäufer
17 Ich ging meinen üblichen Weg
18 Der Weg ins Schwimmbad
19 Auf dem Weg zum öffentlichen Schwimmbad
20 Die Frau
21 Trauergäste hinter dem Sarg
22 Amazzal
23 Wie doch das Wort mächtig ist
24 Marrakech, den 7. Juni 1988
25 Brahim kommt zu Mittag
26 Ibrahim zog mich beiseite
27 Brahim hatte ich beauftragt
28 Treppenesel
29 Der Reigen der Höhenkämme
30 Brahim kam gestern Abend!
31 Bakschir schickte mir Ibrahim ins Haus
32 Die Hochzeit
33 Spaziergang
34 Rachid
35 Das typische Beispiel eines Ekels
36 – Guten Tag, mein Herr!
37 21. August 1991
38 Im Café Glacier
39 Djemaa el Fna
40 Ich hatte Besuch
41 8. Dezember 1979
42 Ich kann das Gefühl nicht loswerden
43 Auf der Fahrt nach Yokohama
Hans Werner Geerdts (1925-2013) hier: November 1984
… am 23.1.1985 legte ich auf dem Fadenkreuz 28° 25 Minuten 30 Sekunden Nord 07° 59 Minuten 15 Sekunden West einen Stein und brachte damit das ganze System ins Wanken.
Das Netz der Welt schwankt.
Keine Filmkamera, keine Radioreportagen berichten von diesem Akt, auch keine Zeugen, die anwesend waren. Ich trage das Ereignis seit Jahren mit mir herum.
… an seine Freundin in Elmshorn:
Ich hoffe, mein Leben sei Lächeln und Tränen.
Tränen, die mein Herz reinigen, um das Dunkel und die Geheimnisse des Leidens zu kennen.
Und Lächeln, das ein Teil meiner Freude ist, um zu bestehen. Ich habe nur ein kleines Herz, das ich aus dem Schatten der Brust herausholen möchte, um es auf der Hand zu prüfen. Aber ich habe Angst. Angst vor deinen Pfeilen, die mein Herz durchstoßen könnten. Bislang gehörte das Herz mir, aber seit zwei Jahren, seitdem ich dich traf, ist es in deiner Hand und dein Sklave. Ich bitte dich, befreie es. Löse dein Schweigen, es ist schon zu lange her, dass wir uns nicht geschrieben haben.
Glaube mir, ich habe versucht, dich zu vergessen, unter dem Vorwand, Du seist weit weg. Es gelingt nicht. Ich fühle mich schwach, weil deine Liebe mir im Kopf herumschwirrt. Ich kann sie nicht aus den Adern lassen. Ich habe mir gesagt, bevor die Liebe wächst, muss ich mein Dasein erproben. Ich muss bestehen können. Deshalb habe ich viel studiert. Ich bin inzwischen Professor der Physik und Chemie geworden, danach werde ich weiter studieren, um Professor oder Ingenieur zu werden.
Danach bleibt Zeit für die Liebe. Ich kann mir denken, dass du während der langen schwierigen Zeit Freunde gehabt hast, nur ich bin allein geblieben mit meinen Büchern.
Und immer, wenn ich unter meiner Einsamkeit leide, betrachte ich dein Bild, das ich ständig bei mir trage und ich träume von dem Augenblick, in dem wir zusammen waren. Du hinterlässt Spuren in meiner Erinnerung. Ich werde dich niemals vergessen. Obwohl ich weiß, dass du mich niemals lieben kannst. Daher bitte ich dich, lass uns Freunde bleiben, selbst wenn ein arabisches Sprichwort sagt, man kann keine Freunde haben ohne Feinde zu haben. Ich wünsche sehr, dass deine Augen mich nicht verraten haben, doch wenn meine Bestimmung ist, den Mond zu lieben, muss ich zufrieden sein. Doch habe ich ein Herz, wenn auch nur ein kleines. Bitte schreib mir.
Dein unglücklicher Abdelillah.
7.2.19982
Clauswerner:
Man darf die Leute, die Marokkaner, nicht berichtigen. Dann stößt man leicht auf Widerstand und weckt Hassgefühle. Und wird in Ruhe gelassen, wenn man den Marokkanern freundlich begegnet.
Ich wurde während des Golfkrieges nicht in Ruhe gelassen. Also muss ich annehmen, dass ich die Leute maßregele und berichtige, … was natürlich lächerlich ist und von einem Außenstehenden, der nur mit halbem Ohr die Medina erkennt, nicht beurteilt werden kann.
Claus gibt sich der Illusion hin, die Fundamentalisten würden uns Ungläubige, uns Heiden, gerne im Land sehen! Da ist gar keine Maßregelung von unserer Seite, der Ausländerseite, nötig, um gehasst zu werden. Es genügt schon, Profiteure des Landes, der Sonne, der Freundlichkeit der Bewohner zu sein.
Die Fundamentalisten, erst recht wenn sie in Massen auftreten oder wenn sie nur in Massen auftreten, wollen uns Heiden aus dem Land haben, ohne darüber nachzudenken, wie sehr wir dem Land Nutzen bringen. Ob nun berechtigt oder nicht: Wir sind der Stein des Anstoßes hier, erst recht, wenn sich auch noch zeigt, dass wir schwul sind.
Ingrid sagt: Ich handle nur nach meinem Ermessen und folge nur meinen Wünschen ohne Rücksicht auf die anderen, weil ich sie am Kaffeetisch sitzen ließ, allein zurückließ.
Ich hatte einfach keine Lust mehr, die guten und bösen Bemerkungen zu hören, die über die Passanten gemacht wurden. Ingrid verhält sich nicht anders als ich, sie lebt ihre Leidenschaft, vom Kaffeehausstuhl die Leute zu beobachten, was ganz und gar ihr-gemäß ist. Sie verbrämt ihr Handeln und ihre Worte mit der guten Geste, mit einem tröstenden Wort, als sei das eine Hilfestellung für die anderen. Wohltätigkeit spielen die Pfaffen auch. Ihr Handeln erinnert mich an das Gehabe der Pfaffen, durch ein tröstendes Wort, Einfluss auf den anderen zu gewinnen. Wohltätigkeit, wohltätig sein, weil es dem Charakter entspricht. Ingrid kam nicht umhin, der Frau, die Mützen strickt, ein Wort zu sagen … Da ist sie einfach in der Tradition des Abendlandes gebunden, darin eingezwungen. Gewiss ist Austausch gefragt. Wenn sie den den Mund hält, wird auch nichts verändert.
Die Bemerkungen haben Berechtigung, weil durch sie das Leben verändert wird.
Sie sind in Beziehung zueinander viel individueller. Am häufigsten sieht man Leute, die freundlich zueinander sind. Die, die sich hassen, zeigen das nicht auf offener Straße. Hasskämpfe werden dort ausgeführt, wo sie vorkommen können. Beschimpfungen im Haus, das nicht für Touristen sichtbar, das nicht allen Leuten zugänglich ist.
Folgendes trug sich in unmittelbarer Nähe zu: Vor mir im Derb geht eine alte Frau mit Tasche in der Hand und anscheinend auch mit dem Portmonee. Ein Junge zwischen ihr und mir, der sich noch umdrehte, um zu sehen, wer hinter ihm geht, entreißt der alten Frau das Portmonee und flieht. Ich halte, als Sperre, den Arm zwischen ihn und der Mauer, aber den schlug er blitzschnell zurück und rannte davon. In diesem Augenblick erkannte auch die Frau, was ihr gestohlen worden war. Sie schmiss die Tasche hin und versuchte, dem Jungen nachzurennen, schreiend, sie sei bestohlen worden: Haltet den Dieb. Ich weiß nicht, ob einer der Bazaristen den Ruf gehört, den Jungen angehalten hat und gehe weiter.
Wie ist nun meine Haltung zu diesem Vorfall?
Ich kenne keine dieser Personen. Weder die alte Frau noch den Jungen, weiß von ihrer Beziehung – ob überhaupt – nichts. Der Junge stiehlt das Geld. Für wen braucht er das Geld? Für sich, für seine Eltern, die nichts zu beißen haben, weil weder der Mann noch die Mutter Arbeit finden? Will er endlich zu Geld kommen, um sich einen Tag im Schwimmbad zu leisten, um ins Kino zu gehen, um sich Brot zu kaufen oder was weiß ich? Ist die alte Frau seine Mutter? Wohl kaum, denn er würde sie im Hause, spätestens am Abend wiedertreffen – oder auch später. War die Frau einkaufen gegangen? Wollte sie das Essen für die Familie bereiten, hungrigen Kindern die Mäuler stopfen? Oder war sie eine Bettlerin, die vor den Türen um Gaben bittet?
Die Beziehung der beiden bleibt unklar.
Und meine Beziehung zu den beiden?
Ich sagte, die Beziehungen hier in Marokko sind menschlicher. Man begrüßt sich auf offener Straße freundlich, herzlich. Auf offener Straße wird auch Schaden zugefügt, wie ich eben erlebt habe.
Gute Beziehungen, schlechte Beziehungen.
Beides sind menschliche Beziehungen.
Es mag sein, wenn ich einen Menschen liebe, verzeihe ich ihm alle Fehler; mag ich einen Menschen nicht, folgt: Ich schreibe ihm jede Schuld zu. Die Beziehungen sind von den Umständen bestimmt. Sie können sich ändern. Eine Beziehung ist keinem Treueschwur unterworfen.
Aus welcher Situation heraus auch immer der Junge stiehlt, er zeigt ein menschliches Verhalten.
Er machte Autostop. Der Fremde, der neben ihm sitzt, kann sich der Reize des Jungen nicht erwehren. Er fasst den Knaben an und küsst ihn.3 Beide waren sich einig, die nächsten Schritte der Annäherung zu tun, am liebsten ohne Kleidung.
Der Fremde fuhr in eine Gegend, in der er sich vor neugierigen Blicken etwaiger Passanten sicher fühlte. Übrigens auf Weisung des Jungen, der sich gut in der Gegend auskannte. Gerade als die fremde Hand den wichtigsten Teil der Liebe freilegte, leuchtete eine Taschenlampe in den Wagen. Das Spiel, gesetzlich verboten, war entdeckt. In flagranti.
Der Polizist fordert die beiden höflich auf, aus dem Wagen auszusteigen – wird der Polizist ihnen den Prozess machen oder lässt er sich mit einer guten Summe bestechen? Der kleine Ausflug kann teuer zu stehen kommen, wenn nicht sogar Ausweisung nach sich ziehen. Der Fremde und der Junge stehen vor dem Polizisten, es ist dunkel, keiner erkennt den andern. Als das Licht der Taschenlampe zur Identifizierung auf die Gesichter gerichtet ist, erkennt der Polizist seinen Sohn. Welch eine Situation!
Was sagt der Polizist, als er seinen Sohn erkennt?
– Da bin ich beruhigt, da ist der Fremde wenigstens in guten Händen und fügt auf Arabisch hinzu: Lass dich wenigstens gut bezahlen!
Die beiden stiegen ins Auto, fuhren an eine andere Stelle und trieben es. Der Junge sagte, dieses Verhalten müsse wenigstens gut honoriert werden.
Der Fremde tat’s.
Ich werde ihn, wenn ich ihn auf der Straße treffe, ins Gesicht schlagen, ihn zum nächsten Polizisten schleppen.
– Dieb, du hast meine Uhr gestohlen!
Was mich betrübt, ist weniger der Verlust der Uhr als vielmehr, dass ich zu keinem hier im Lande Vertrauen haben kann. Er verriet den Diebstahl durch kein Zeichen, keine Regung. Fest steht nur, die Uhr ist weg. Unauffindbar. Als er ging, trank er noch ein Glas Wasser, wie er es immer tut, wenn er geht. Als sei nichts geschehen. Vielleicht war ja auch wirklich nichts geschehen? Ich traf ihn nicht auf der Straße, konnte ihn auch der Polizei nicht übergeben.
Am nächsten Morgen, wie üblich, klopfte er an die Tür, trat ein, wie jeden Morgen, nachdem er freundlich gegrüßt hatte. Ich ließ ihn eintreten. Anstatt ihm ins Gesicht zu schlagen, sagte ich ihm:
– Ich bin sehr traurig.
Er sah mich an, als ob meine Traurigkeit im Gesicht zu finden sei. Er zeigte keine Rührung, keine Regung. Traurig sein, kannte er überhaupt das Wort? Es war zumindest vieldeutig. Er hatte sicherlich das Wort schon gehört, hatte es nur nicht in Verbindung mit meinem Gesicht gebracht. Er mag, wenn überhaupt, gedacht haben: Wie kann einer, der Geld genug hatte, um jeden Tag eine Mahlzeit einzunehmen, traurig sein?
– Ich bin traurig, weil du meine Uhr gestohlen hast, sagte ich ihm auf den Kopf zu.
Er sah mich an; er verstand nicht. Stehlen war ein Wort, das er sicherlich noch nie in seinem Leben gehört hatte, geschweige denn, dass er wusste, was das ist. Er begriff nichts, setzte sich auf den Hocker und starrte vor sich hin. Ob er etwas zu verbergen hatte, ob er über seinen Diebstahl nachdachte? Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vor sich ging. Aber so viel schien klar zu sein: Stehlen, eine Uhr stehlen, kommt ihm nicht in den Sinn.
Ist das das Gesicht eines Diebes?
Nein!
Die Llah Rabia, die eigentlich die Vertrauensperson im Haus sein sollte, der ich Vollmacht über Tisch und Tücher gab, sie war die Diebin.
Ali kam und freute sich darüber, mich angetroffen zu haben.
– Schlechtes Zeichen, dachte ich, da kommt was auf mich zu.
Er fährt ein Motorrad. Er hat Arbeit – welche weiß ich nicht, ich frage auch nicht danach. Er ist glücklich, das allein zählt. Er hat alles, was er braucht, so hat es den Anschein.
Nur Geld braucht er.
– Du verdienst, Ali!
– Ich verdiene, aber ich muss das Motorrad meines Vaters bezahlen.
– Dein Vater soll sein Motorrad selber bezahlen.
– Er hat kein Geld.
– Verdient er nichts?
– Nicht so viel, um das Motorrad bezahlen zu können.
Das Geschwafel um die Bezahlung des Motorrads geht hin und her mit Argumenten und Gegenargumenten. Alles lächerliche Aussagen.
Schließlich, um einen Punkt unter die verlorenen Worte zu setzen, sage ich drastisch:
– Du kannst machen, was du willst, ich gebe keinen Heller für das Motorrad, das dein Vater nicht bezahlen kann.
Ali riss seine Jacke auf, sein Hemd und zeigte mir die nackte Brust:
– Mein Herz zerspringt noch vor Sorgen in meinem Leib.
– Das Herz zerspringt nicht so leicht wie du denkst. Dein Vater ist für dich verantwortlich, nicht ich. Sage deinem Vater, er soll Geld schicken.
