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"Virginia - Reise nach Beirut" fußt auf Hans Werner Geerdts Beirutreise Anfang der 1960er Jahre. Drei Personen werden hier zufällig miteinander konfrontiert, der Antiquitätenhändler Pedro Juan Juan, die Antiquitätenhändlerin Virginia sowie der Maler Elmar. In kriminalistischer Manier entwirft Geerdts hier in seinem Gesellschaftsroman eine Verwicklungsgroteske, die die Geschlechter und deren Rollenklischees seziert sowie ein vielschichtiger Aufruf zu Toleranz und Meinungsfreiheit ist.
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Hans Werner Geerdts (1925-2013) hier: 1960
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
ANMERKUNGEN
Die Passagiere der Lydia waren an Deck gekommen. Früher als an Tagen auf offener See, um sich das Schauspiel eines Sonnenaufgangs an einer malerischen Küste nicht entgehen zu lassen. Malerisch, weil das eintönige Blau des Himmels sie Tag für Tag empfing und der Blick über die Wasserfläche bis zum Horizont sie ermüdete. Das Schiff nähert sich der Reede Beiruts.
– Sieh, dort ist der Leuchtturm!
– Kannst du Menara erkennen? Die Promenade mit der englischen Botschaft.
– Das ist die amerikanische Universität!
– Dort die Taubengrotte!
Einheimische und Bekannte überschlugen sich, die Entdeckungen preiszugeben. Sie konnten ihrer Erregung über das Wiedererkennen kaum Herr werden. Die Ausrufe waren Zeichen der Begeisterung. Neuankömmlinge enthielten sich der Stimme und nahmen das Bild, dass ihnen die Küste mit den Ballungen von Häusern bot, schweigend zur Kenntnis. Was sollten die sagen, die Schiffseinfahrten in Venedig, Rio oder Sydney erlebt hatten, deren Landkulisse mehr bot, als einen weiß zusammengewürfelten Haufen von Häuserkuben, lediglich von einer Gebirgslinie im Hintergrund begleitet?
Pedro Juan Juan kannte Beirut von früheren Besuchen. Auf Geschäftsreisen hatte er die Levanteküste gestreift. Der Eindruck, den sie hinterließ, war nachhaltig: Er fühlte sich in dem Land, dem biblischen, in dem Milch und Honig flossen, wohl. Beirut war ihm eine Fundgrube, die seinen Wünschen entgegenkam. Er suchte römische Bronzen, auch phönizische und hethitische, ohne sich festzulegen auf zeitlich und räumlich starr umrissene Gebiete. Wenn er Stücke kaufte, hielten sie seinem unbestechlichen, unfehlbaren, durch Wissen vertieften Urteil stand. Sollte ein außergewöhnlich schönes Stück selbst von zweifelhafter Herkunft durch seine Hände gehen, zögerte er nicht, es zu erwerben.
So viel war sicher: Er hatte die Drehscheibe von Ost und West, wie er Beirut nannte, immer zufrieden verlassen, was seine Geschäfte, als auch sein Privatleben betraf. Warum sollte ihm dieser Aufenthalt weniger Zufriedenheit bringen? Er war bereit, in die offene Feldschlacht einzutreten, wie er unter Freunden, den wenigen, gerne äußerte. Er meinte, dass er für alle Überraschungen, die ihn beträfen, aufgeschlossen sei, die er abwäge und sondiere.
Pedro Juan Juan, unter diesem Namen kannten ihn alle, mit denen er ein Wort wechselte, lief nur bei offiziellen Stellen, amtlichen Behörden, wie Botschaften oder Konsulaten, unter dem Namen, der im Pass eingetragen war: Hans Peter Hansen. Er war in der Erscheinung ein typischer Nordländer. Das machte die Namensnennung für viele unbegreiflich: Große Statur, blondes gescheiteltes Haar, leicht durchblutete Wangen unter klaren, blauen Augen, blassbraune Hautfarbe mit einem Hauch von Rot. Jeder, der ihn sah, vermutet einen Jens oder Niels in der Hülle aus Fleisch und Blut.
Der Widerspruch des Namens mit dem Bild seines Trägers gab zu unterschiedlichen Anteilnahmen Anlass: Die einen, die den Namen hörten, beteuerten ihre Überraschung freudig, andre, die seinen Namen auf der Visitenkarte lasen, die er gern nach japanischer Sitte verteilte, waren bemüht, ihre Bedenken ja, ihre Enttäuschung zu verbergen. Beiden war die Neugierde gemein, den Ursprung dieser Diskrepanz, der rätselhaften Namensgebung, zu ergründen. Darauf ließ sich Pedro Juan Juan nur in notwendigen Fällen ein. Was brachten die langen Erklärungen und ausgiebige Erläuterungen andres, als gegenseitiges Verstehen, einer Annäherung, auf die er in den meisten Fällen der Begegnung keinen Wert legte.
Bei längeren Bekanntschaften, wenn sie schon zustande kamen, zeigte sich auch, dass sein Aussehen nicht mit dem Alter übereinstimmte. Die Züge seines Gesichts und häufig auch die Bewegungen seiner Arme waren jungenhaft. Wenn er lachte, gab ihm jeder der Zuhörer nicht mehr als 30. Nach dem Erzählen, gewürzt mit reicher Lebenserfahrung, musste man annehmen, dass er ein buntes Leben hinter sich hatte.
Laut Pass war er 35 Jahre alt. Verwirrendes Sein-als-ob-Spiel. Über Herkunft und Alter ließ er jeden im Zweifel, auch die Geschäftsleute, mit denen er verbindlichen Kontakt pflegte. Von den flüchtigen Bekanntschaften, die er suchte oder nicht suchte, ganz zu schweigen. Die kindliche, wenn nicht kindische Spielerei verleitete ihn dazu, eine Undurchsichtigkeit, etwas Schleierhaftes, dass so vielen Vermutungen Raum ließ, um sich zu dulden, wenn nicht sogar zu schaffen. Dennoch war er, ob er wollte oder nicht, eigenes Opfer seiner Neugierde, wenn es sein musste.
Ihm bereitete es sinnliches Vergnügen, unter dem spanischen Namen aufzutreten. Spanisch war der eingetragenen Name seiner Firma und diese Firma war er allein, keine Gesellschaft, schon gar nicht eine mit beschränkter Haftung. Er allein: Pedro Juan Juan war die Firma und die Firma war er. Der Name war legitim und es gehörte nur Unverfrorenheit und Kaltblütigkeit dazu, sich über alle Skrupel hinwegzusetzen, um Beanstandungen und gehässige Bemerkung, die seinen Namen betrafen, vom Tisch zu fegen. Der Name bürgt für Qualität, war die lässigste und freundlichste Formulierung, die er vorbrachte, wenn er in guter Laune war. Schneidende, bissige Kälte zeigt er denen, die ihm boshaft erschienen. Durch Pedro Juan Juan haben sich öffentliche Sammlungen in der Welt vergrößert, Museen Lücken aufgefüllt und Liebhaber von Altertümern ihre Säle, Räume mit außergewöhnlichen Schätzen geschmückt.
Jedes Staunen in den Gesichtern, dass auf die Namensnennung folgte, registriert er mit genüsslichem Lächeln, so dass dem Gesprächspartner Worte der Kontaktaufnahme fehlten. Die leichte Beklemmung war ihm, dem Feinschmecker, mehr wert, als das beste Hummuspüree, dass ihm wie Honig durch die Kehle rann. Dieses, wenn auch nicht offensichtliche Streben nach Bewunderung durch andre, war nichts als Eitelkeit, die ihn aufblähte, seinem Geltungsbedürfnis schmeichelte. Die Gelegenheit bot sich oft und die Leute, die ihm das erste Mal gegenüberstanden, urteilten unbewusst: Er sei ein Fatzke, ein eingebildeter, arroganter Philister. Ein Schlitzohr. Er würde sich nicht unterstehen, ohne Krawatte zum Dinner zu erscheinen. Oder einen Anzug anzuziehen, hell oder dunkel, wenn er nicht auf Millimeter seinen Arm- und Beinlängen, dem Brustumfang und der Schulterbreite angemessen wäre. In Badehose auf dem Sonnendeck zu liegen, setzte voraus, dass der schützende Bademantel rechts und links von ihm herabhing, das unverzichtbare Relikt musste seinen Körper, sobald er aufstand, bedecken. Er zeigte sich nicht halbnackt unter Menschen. Ein feiner Herr mit durchtrainierten Körper. Jetzt, angesichts der Stadt, wusste er nicht, ob er sich mehr über den Sonnenaufgang oder das Wiedersehen freuen sollte. Wiedersehen mit wem? Hatte er Geschäftsfreunde hier, Bekannte? Wo steckten Sie? Er ließ die Frage auf sich beruhen, was er immer tat, auch dann, wenn Antworten und Entschlüsse sofort zu äußern waren. Er hielt auch die Frage nach der Umgebung keiner Antwort für würdig, weil er sie für unbedeutend hielt. Obwohl nicht der geringste Anlass vorlag, über seine Tätigkeit Auskünfte zu verweigern, denn er war weder Spion oder Opiumhändler – auch wenn er manchmal heimlich wünschte, Rauschgift- oder Waffenhändler zu sein –, schnitt er das Thema: Beruf. Über dieses Eindringen in die Privatsphäre, als solche fasste er schon Andeutungen auf, die seinen Beruf betrafen, und glitt darüber hinweg:
– Ich habe viel zu tun in Beirut. Oder: An der Küste werde ich Ferien machen und, wenn der Zufall es will, einige Altertümer kaufen.
Natürlich ahnte er, dass Auskünfte über seine Tätigkeit, fremden Mäulern zum Fraß, Vermutungen über Einkünfte, Geschäftslagen und über Verbindungen zulassen. Offiziellen Stellen nannte er Kaufmann als Beruf, wenn die Angabe schon sein musste. Damit waren alle Fragen, die seinen persönlichen Bereich betrafen, erschöpfend beantwortet.
Er sprach Spanisch so gut wie Französisch, und Deutsch besser als Englisch. Wer ihn in einer Sprache hörte, glaubte die Muttersprache zu vernehmen. Während der Reise konnte er seine Sprachbegabung anbringen, denn internationales Publikum reiste mit der Lydia von den italienischen und griechischen Häfen, auch alexandrinischen nach Beirut. Doch keine der flüchtigen Bekanntschaften, die er schloss, die zum Wortwechsel führten, werden die Ankunft des Schiffes in Beirut überdauern.
– Gute Zeit, schönen Aufenthalt, werden die letzten Worte sein, die er von der Gangway zurückrufen würde.
Dass Pedro Juan Juan auf Französisch um eine englische Zeitung bat oder auf Englisch um eine französische, obwohl unter den Snobs in Beirut gang und gäbe, wie ein Kenner zu berichten wusste, dazu verstieg er sich nicht.
– Lernen Sie Arabisch, riet der Ägypter, der ein alter Fuchs zu sein schien, nach allem, was er erzählte, dann werden Sie die Fähigkeiten der Libanesen schätzen und ihre Absichten leichter erkennen.
– Ich werde mein Bestes tun, bekannte Juan.
Nach tagelangem Seereisen mögen Sie noch beruhigend und mit unterhaltsamen Abwechslungen bereichert worden sein, an Land zu kommen, ist für jedermann, der mit beiden Beinen auf festem Boden zu stehen gewohnt ist, verheißungsvoll.
– Was hat die Stadt zu bieten? Was wird sie uns zeigen?
Das gilt für alle Häfen der Welt. Hafenstädte wirken auf Ankömmlinge wie eine Befreiung aus engen Grenzen, die ein Schiff nun einmal hat, mag es noch so groß sein. Mit Hafen verbunden sind Vorstellung von Ex- und Importgeschäften, Betriebsamkeit zwischen den Lagerschuppen, Schiffen, Schuten und Kränen, Banken … .
Hafen hatte den Geruch nach Zuhälterei, Mord, Verbrechen, Matrosen, schweren Jungen, die außerhalb des Spießbürgertums keine Gewissensbisse kennen.1
Ob in Beirut mehr als in Antwerpen, in Marseille oder in Genua, muss, wenn überhaupt, jeder selbst entscheiden. Wer ständig rechtens lebt, die Welt des Unrechts nur vom Hörensagen kennt, keinen Sinn für Unregelmäßigkeiten hat, verschließt sich oder gibt sich, kompensierend und in Bezug auf Beirut, in Gedanken den Gefälligkeiten des Strandlebens hin, das an der Sonnenküste wohl verbreitet ist. Pedro Juan Juan dachte nicht an das Strandleben, das er müßig genießen konnte und war weit entfernt, den Schmutz, wie er die Rechtlosigkeit bezeichnete, auch nur in Gedanken aufzunehmen.
Er sah, nüchtern, die Masse der Häuser auf der Landzunge liegen, die auf der Nordseite schnurgerade im rechten Winkel zum Nord-Süd-Verlauf der Küste ins Meer ragt. An der westlichen Spitze liegt der Leuchtturm Menara. Dahinter beginnt im Bogen nach Osten die Sandküste, die dann nach Süden schwingt und im Dunst verschwindet.
Vom Hafen zur Steilküste und vom Strand zum Platz im Herzen der Stadt liegen die großen, belebten Straßen, die Arterien der Stadt. Sie führen aus dem Häusergewirr der Altstadt in die verschiedenen Viertel, die von Banken oder Hotels oder Wohnblocks unverkennbar geprägt sind. Die weißen, hohen Häuserkuben rufen den von See Ankommenden ein Herzlich willkommen! zu, und von den höchsten Fensterreihen der Hotels, die turmhaft die geraden Dachlinien der Wohnhäuser überragen, verkünden Sterne und Namen in leuchtenden Lettern strahlend die Klasse und den Luxus, den sie zu bieten haben. Juan wird das reservierte Hotelzimmer beziehen, sich aber sobald Gelegenheit dazu ist, nach einer komfortablen Wohnung umschauen.
– Ich möchte den Bediensteten weder ausgeliefert noch von Ihnen umsorgt sein.
Soll er dem Zufall oder, wovon er überzeugt ist, seinem Glück überlassen, wo diese Unterkunft zu finden ist?
– Wir werden sehen, antwortete er sich selbst.
– Wie aus grundlosen Tiefen steigt die Erinnerung an den Platz der Freiheit, Place des Canons …, er bricht den Gedanken scharf ab. Denn er will nicht in den Dunstkreis von Laster, sondern in die klare Aussicht auf Entdeckungen, was die Altertümer betrifft, eintreten. In allen Ecken um den Platz der Kanonen lauerten zweifelhafte Versprechungen. Juan wird allen Versuchung standhaft widerstehen.
– Place des Canons …? Als Herz der Stadt, wo Alt- und Neustadt zusammentreffen, verdient der Platz eine Übersetzung, dachte Juan, um sich abzulenken.
Die Einwohner sprachen vom Platz der Freiheit oder Platz der Märtyrer. Des canons, Plural, Kanonen! Feuerwaffen, Geschütze? Kanon: Regel, Maßstab, Richtschnur, … Sammlung der als inspiriert und maßgeblich geltenden biblischen Bücher, unveränderlicher Teil der Messe, Verzeichnis der Heiligen der katholischen Kirche, … kirchlicher Rechtssatz, … fugenartig komponiertes Lied für mehrere Stimmen, … ideales Maßverhältnis der Teile zueinander und zum Ganzen, … . Kanonen: Geräte zum Abschießen schwerer Geschosse, Lauf der Dinge, Lauf der Gewehre. Röhren, Feldgeschütze, Schnellfeuerkanonen … . Nichts wollte übereinstimmen. Juan kapitulierte.
Er warf den Blick auf die massive Bergkette, die als erhabene Kulisse hinter dem weißen Kubenhaufen der Häuser aufragte. Der Anblick stimmte ihn gelassen, mit der Vorstellung von blühenden Hainen und Gärten, spielender, grasender Lämmer auf saftigen Wiesen verbunden, sogar heiter. Ein Passagier sagte, dass er die Stadt liebe, wie man einen lebendigen Körper liebt, dass er sie hasse mit aller Leidenschaft.
Die Sonne war mittlerweile gestiegen, keiner konnte mit bloßem Auge in die Lichtquelle schauen. Pedro Juan Juan pflegte Naturerscheinung als das Selbstverständlichste der Welt anzusehen. Keine Frage des Wunders oder Rätsels verdiente der Vorgang der Erdrotation. Wunder und Rätsel waren Gegebenheiten, die er hinnahm, wie sein morgendliches Frühstück, das zu seinem Tagesablauf gehörte, wie Kiemen zum Fisch. Ist das Berühren der Erde durch die Strahlen eine Macht, eine unmittelbare, erkennbare Macht – sonst sprach er von Sonne –, was bei den Zuschauern an der Reling so viel Bewunderung hervorrief? Strahlen berühren die Erde, sie streicheln sie, die Oberfläche, die Haut.
– Bleiben wir nüchtern, redete Pedro Juan Juan sich ein, das Abtasten der Strahlen ist nichts als eine mit der Erdumdrehung erklärbarer Vorgang. Die Grenzen zwischen Hell und Dunkel, dem Licht und Schatten, verschieben sich auf der Kugel. Das ist alles. Durchaus erklärbar. Soll ich da an Wunder glauben?
– Wunderbar dieser Anblick!
– Herrlich!
– Ist die Lage der Stadt nicht reizvoll?
– Ach, ich bin begeistert!
Schwärmer und Rechner steigerten ihr Entzücken. Und wer da sagte:
– Stören Sie in den Gassen die schlafenden Schatten nicht, wurde als Dichter erkannt.
Juan ließ die Ausrufe an seinem Ohr abgleiten, ohne Regung zu zeigen.
– Ob die Sonne besonders zartes Licht an Beiruts Küste ausstrahlte, fragt er sich und fühlte sich einem Kollektivdenken erlegen.
Da musste er hören, dass die Sonne überall mit gleicher Kraft Sonne ist, dass aber die Luftdichte, die zu dieser Stunde und an diesem Ort herrschte, das Licht zu dem machte, was es war. Juan maß der Naturerscheinung keine Beachtung mehr zu, wie sicherlich auch die Einwohner der Stadt dem gewöhnlichen Ablauf von Tag und Nacht keinerlei Beachtung mehr schenken. Warum auch? Ihnen ist der Ruf ihrer Stadt gleichgültig. Es sei denn, er wird im Zusammenhang mit Geld genannt. Für sie zählt das phönizische Erbe, das von den Bestrebungen nach Gewinn, Verdienst, Aufstieg geprägt ist. Wenn der Erfolg eintritt, alle Mittel sind heilig, lassen sie sich in Lobsprüchen aus, sonst schweigen sie. Die Stadt ist über alle Maßen anspruchsvoll, was Schönheit, Müßiggang und Laster betrifft. Sie ist wie eine Qualle, die im Wellenreigen schwingt, anmutig und verführerisch, deren glasglitschige Masse, wenn man sie berührt, ekelhaft wirkt und die gefährlich – wenn nicht tödlich – für jene ist, die die Feuerfänge berühren oder sich gar darin verstricken.
Der Fahrer eines Chevrolets hupte, als Virginia von Bernburg die Rue George Picot überqueren wollte. Ihm kam es darauf an, die Aufmerksamkeit der jungen Dame auf sich zu lenken, denn er erkannte mit dem Blick eines Kenners, die Ausländerin: Blondes, natürliches Haar, das ein frisches Gesicht, leicht rosa angehaucht, umrahmt. Er schrie aus dem Taxi:
– Menara! Menara! und täuschte den Versuch vor, von innen die Wagentür zu öffnen, als er vor ihr hielt.
Jeder Fremde, durch den plötzlichen Anruf erschrocken, weiß im Augenblick nicht, zumal er mit den Gepflogenheiten des Landes, die ihm chaotisch vorkommen, nicht vertraut ist, ob Menara ein Achtungsruf, die Aufforderung zum Einsteigen oder die Anrufung einer Heiligen ist. Mit Vergnügen bedienen sich die Chauffeure dieser Gebärde, die anfangs mancher als Höflichkeit deutet, später jedoch, wenn man begriffen hat, dass die Sammeltaxen in den ausgerufenen Stadtteil fahren, als lästige Aufdringlichkeit empfindet.
Virginia brauchte sich nicht betroffen zu fühlen, sie kam aus Menara, dort wohnte sie. Daher schenkte sie den Zurufen keine Beachtung. Wer sie beobachtete, musste erkennen, dass sie sich durch ihr Verhalten als eine Alteingesessene auswies, die über solche Tricks erhaben war, auf die nur Neulinge und Neuankömmlinge in der Stadt hereinfallen. Sie dachte:
